Chapter 12 of 17 · 3704 words · ~19 min read

Part 12

Der Nachfolger Oswalds ist ein ruhiger Gelehrter. Kein Feuerkopf, wie ihn wohl Lage brauchen könnte, wenigstens die Jugend, die schon gleich am ersten Sonntag nach seiner Predigt Gesichter aufsteckte, die besagen sollten: »Der Mann tut uns nichts.«

Und seine Frau scheint kränklich zu sein. Immer etwas stöhnend und Klageweibchen. Pastoren und Lehrer sollten gesunde Frauen heiraten, – wer sollte es _nicht_? Aber es steckt ja auch viel Grausamkeit in dem Verlangen. Ich hatte mich darauf gefreut, mit der Pastorin die praktische Leibsorge auszuüben, während dem Pfarrherrn das Seelenheil der Dörfler verbleiben sollte. Damit ist es nun nichts. Zu allererst muß ich immer die Pfarrfrau betreuen, die mir immerhin ein gutes Vertrauen entgegenbringt. – Aber mehr als 365 Krankheiten erlaube ich ihr nicht. Heute hielt sie mich und sich auch mit viel Schreckhaftem auf, bis ich ihr den guten Rat gab, mich zu begleiten und über dem wirklichen Leid und der Not ihrer Pfarrkinder die eigenen Schwierigkeiten zu vergessen. Und nun haben die 3 Wanderstunden, die wir heute von Haus zu Haus unternahmen, hoffentlich Gutes ausgewirkt. – Die Pfarrfrau sah mit großen, erstaunten Augen auf all die Bresthaftigkeit ringsumher, sah auch leuchtende Augen über eingefallenen Wangen und hörte den dankerfüllten Bericht einer Mutter, daß sie nach monatelangem Wachen am Bett ihres kranken Kindes nun wieder ein Stündchen hätte ruhen können, weil es so herrlich vorwärtsginge. – Und sah dann auch den erbärmlichen kleinen Krüppel, um den diese Nächte durchwacht wurden. Das »Nichtsehen« und »Dochglauben« wird allen Menschen so schwer. Auch meiner Pfarrerin von Lage muß man mit Beweisen kommen. –

Die Sonntagmorgen sind mir meine liebsten Stunden. Wenn ich von meinen Samaritergängen zurückkehre, wie Ritter Lage meine Dorfbesuche nannte, dann kann ich nicht sofort in das Gleichgewicht kommen. Ich muß erst mit Bäumen, Sträuchern, Wiesen, Wald und Feldern Zwiesprache halten. Heute suchte ich meine Birke; ich rieb mir die Augen, weil ihr kraftvoller Stamm mir sonst immer schon von weitem leuchtete in seinem scharf umrissenen Schwarzweiß. Dann fand ich sie am Boden liegend. Mein Ausruf mag wohl wie ein Stöhnen geklungen haben, denn der Förster ging von den Holzfällern fort und trat mit der Entschuldigung zu mir heran: »Die Birke hatte den Wurm in sich.« Den Wurm in sich – mein Kleinod, mein prächtigster Baum …

Ich schaute auf den Gefällten nieder und dachte daran, daß hundert Frühlinge ihn in Liebe zum Licht emporgetragen hatten … Ein Wurm schlug ihn zu Boden und nichtige Menschenhand. – Der Förster sah befremdet nach mir hin, als ich antwort- und grußlos weiterschritt. Mir galt der Wald nichts mehr, da der eine Baum fehlte. Wie schwer wird meine Erziehung zum Verzicht sein! Vor wieviel Lücken soll ich noch stehen und tatlos warten, bis sie sich schließen, oder bis sich mein Empfinden vor ihnen verschließt?

Auf diesem ernsten Heimwege begegnete mir die Korb-Sina. Mir war sie wie ein Gruß, wie der winzige Teil eines Glückes, das verschollen war und vergessen sein sollte. Ich hätte sie mit beiden Händen festhalten und an mich ziehen mögen. Um leise eifrig an ihrem Ohr hin zu sprechen: »Wie geht es _ihm_? Wo weilt er? Betreust du ihn? Hängt mein Name noch in seinen Räumen? Spricht er von mir?«

Aber als ich hastig ihren Namen rief, sah sie mich mit bösen Augen an und stieß nur hervor: »Maria ist fort!« Da war ein Klang drin, erschütternder als der Fall der Birke. –

»Was soll das, Sina?« rief ich noch. –

Da war sie schon entwichen. –

Aber meine Füße wollten mich kaum weitertragen. Ich sah ihr lange nach. _Dir_ gibt sie die Schuld, daß das einzige, was diese verachtete Frau besitzt, fern von ihr und der Heimat leben muß …

Wie stark muß ich werden, um auch ungerechte Vorwürfe klaglos zu ertragen. Und wie abgeklärt, gerecht und verzeihend, um über allem zu stehen und – »wohlzutun denen, die dich beleidigen oder verfolgen«.

Still war mein Heimweg, nachdenklich trat ich ins Haus. – Hier fand ich Tante Fernande meiner wartend. Mit heißen roten Bäckchen trippelte sie in ihrem Sonntagsstaatsgewand im langgestreckten Zimmer auf und nieder, ungeduldig zusehend, wie ich die Garderobe ab- und zusammenlegte. Bis Eva kam, um alles in den Schrank zu hängen. Die Krinoline, welche Tante Fernande unter den Kleidern von Muhme Jesuliebe trägt, wippte auf und nieder, und sämtliche Falbeln rund um den weiten Rock schienen in derselben Aufregung wie die Trägerin selbst zu sein. Als ich dann endlich äußerlich geruhig neben ihr saß, packte sie die Nöte ihres alten Herzens aus.

Haus Lage sei ein kaltes Grab, sie aber nicht gewillt, sich in ein solches schon mit siebenzig Lenzen hineinzulegen, da die deutschen Lages doch allesamt 90 Jahre und mehr erreichten. So sie aber dieses Leben in Langeweile weiterführen müsse, würde ihr mattglimmender Docht unweigerlich verlöschen.

Also gewählt drückte sich Tante Fernande aus, denn das Idiom des Altenfrauenhospitals war ihr nie recht geläufig gewesen, und das wenige davon hatte sie schnell in Haus Lage vergessen.

»Ei«, entgegnete ich ihr. »Da ist rasch abzuhelfen. Langeweile soll der widerlichste Gast sein, den man sich denken kann. Gottlob, daß ich ihn in meinem ganzen Leben nicht kennenlernte. Tante Fernande, ich habe keine Kindergärtnerin, seit Maria Oswald fort ist, und die neue Pfarrfrau ist kränklich. Willst du dies Amt übernehmen in deiner frischen Rüstigkeit?«

Das letzte war allerdings etwas stark aufgetragen, aber ihr ganzes Persönchen verjüngte sich unter meinen Worten, und lebhaft erwog sie alle Vorteile dieser neuen Tätigkeit. Zuletzt kam freilich noch ein tiefer Stoßseufzer als Frage, wer ihr den Ohm Matthias ersetzen könne, der zwar ein ungehobelter Patron und Barbar, doch ein Meister im Schachspiel gewesen sei, und dieses entbehre sie ungeheuerlich. So versprach ich ihr denn als Partner den Baron von ter Mählen, und sie lächelte sofort versöhnt.

Dann wurde sie elegisch. »Ich hatte es mir anders gedacht, Nichte Brigitte. An den ersten Besuch von Baron _Clemens_ Lage hatte ich Hoffnungen geknüpft …«

Da geleitete ich sie sacht zur Tür hinaus. Sie ist ja wie ein Kind und wird sich rasch beruhigt haben. Ich aber nicht. Ich kann noch nicht von Möglichkeiten reden hören, welche die Prinzessin Ohnearg und Weißnichts verschlafen hat …

31. Dezember.

Heute ist Silvester. So einsam habe ich es wohl noch nie erlebt. Daheim bei den Eltern pflegten wir aufzubleiben bei Kartenorakel und Bleigießen, und in der Neujahrsnacht wurden dann noch einmal die unvergeßlichen Weihnachtslieder unter der brennenden Thüringer Edeltanne gesungen, bis Licht um Lichtchen knisternd erlosch. – Und dann saß man still plaudernd noch ein Stündchen zusammen, und ich nahm goldene Vater- und Mutterworte in jedes neue Jahr mit hinüber und baute auf ihnen mein Leben weiter auf. Gesegneter Untergrund! Gesegnet Silvester! Heute bin ich allein. Tante Fernande ist zu Pastors gegangen. Sie hat im Spital eine Menge fröhlicher, lebenbejahender Altjahrsabendscherze kennengelernt, sogar Mummenschanz haben die verhutzelten Weiblein getrieben, und ich konnte Tante Fernande nur mit Mühe zurückhalten, als Knecht Ruprecht verkleidet ins Pfarrhaus zu stapfen. Ordentlich alt kam ich mir neben ihr vor, als sie kichernd mit ihrem Laternchen abzog, in ihrem Pompadour Kartenspiele und Scherze bergend, als Überraschung für das biedere, pfarrherrliche Paar.

Die alte Eva habe ich zu Bett geschickt, – mir selbst wollte ich die Novellen von Wilhelm Raabe auf meinen Schreibtisch legen …

* * * * *

Da lag schon etwas anderes …

Ritter Lage schreibt: »Mein heiliges Lichtchen soll am Silvesterabend nicht noch einsamer brennen, als es ohnehin leuchtet. Ich will bei ihm sein. Du! Du!

Leo ter Mählen hat mir erzählt. Hat mir ein Wort von Dir gesagt, wie es eben nur das Licht von Lage in seinem Herzen hegen kann: ›Ich will mein künftiges Leben so formen, als ob ich Ritter Lages Gattin sei und die Ehre seines Namens zu hüten hätte.‹ –

Und nun sage ich Dir, der ich immer tölpelhaft in Dein Leben eingriff, Dich mit bösen Worten kränkte, wo Du die Liebe selbst verkörpertest, und Dich schlug, wenn ich Dich hätte streicheln sollen, daß Du mich nicht so hart strafen darfst, Gitti. –

Nicht freveln darfst Du – nicht einsam bleiben.

Um Deiner selbst willen nicht, Du starkes, schönes, geliebtes Geschöpf. _Das_ soll meine Strafe sein, daß ich Dich inmitten der Deinen sehen muß an der Seite eines kraftvollen Gatten, dem Du gesunde Kinder schenkst …

Gitti, um eines boshaften, siechen Mannes willen, der Deine Liebe hundertfach kränkte und verletzte; und der sie zum Schlusse nicht einmal annimmt aus Deinen reinen Händen … Gitti, – nicht um meinetwillen darfst Du verkümmern in Einsamkeit und Öde von Lage …

Laß Dich herausreißen von einer starken, vornehmen Männlichkeit, verschwende keinen Gedanken mehr an mich.

Wenn mein Leiden größere Fortschritte machen sollte, so will ich mich selbst in Haus Lage vergraben, wenn Du es verlassen hast. Dein Geist, Gitti, bleibt ja doch darinnen und wird sich meinem brennenden Heimweh zugesellen …

Der Enterbte.«

Nach dem Lesen dieses Briefes bin ich zum erstenmal als Herrin aufgetreten. Ich habe die Antwort geschrieben und dann in der Silvesternacht die alte Eva geweckt und habe sie durch den unterirdischen Gang mit dem Briefe zu Ritter Lage geschickt. Bis zur Hälfte des Weges geleitete ich die Müde an meinem Arm, und sie schritt wacher und froher als je zuvor. Weil sie hofft …

Clemens hat ihr selbst meinen Brief abgenommen:

»Ritter Lage, Du hast gar nicht das Recht, mir so zu schreiben. Denn da Du meine Liebe und mein persönliches Ich ablehntest, gehöre ich wieder ganz mir selbst. Über mich selbst aber habe auch nur ich zu entscheiden.

Ich bleibe allein. –

Und die letzte Lage möchte dereinst in Lage sterben. Deshalb weise mich nicht fort aus dem Urväterhaus, auch wenn Du lebenslängliches Wohnrecht darin hast. Ich werde Dir nie im Wege sein. Und Du allein sollst bestimmen, wer unser Erbe dereinst antreten soll. Bis dahin – höre wohl zu, Ritter Lage – verwalte ich dies Erbe, als ob ich Deine Gattin sei und die Ehre Deines Namens zu hüten hätte. – Eine deutsche Lage schenkt Herz und Mund und Leib und Seele _freiwillig_ nur dem, den sie liebt. Dem bleibt auch ihre Treue über das Grab hinaus. Selbst wenn er ihrer nicht wert wäre. So hat es mich mein Vater gelehrt. Du aber bist der Ritter Lage, und ich gab Dir meine Liebe ohne Vorbehalt.

In das Dunkel unserer Tage aber laß uns Sonne tragen.

Deine Brigitte.«

Im Januar.

Wie öde ist dieser Monat. So lastend der Schnee. Und wenn er vertaut, wie tief und zäh dann der Schmutz in der Dorfstraße. Ich muß dann plötzlich an mein liebliches, reinliches, blühendes Erfurt denken, darinnen ich nie einen so dichten, nimmer sich hebenden, nassen Nebel erlebte. Oder sind das nur Stimmungen? Ist alle Verklärungskraft von mir gewichen? Dünkte mich nicht einst auch der Nebel schön? Weil ich durch ihn hindurch in die Waldkapelle schreiten durfte, in der mein Licht glühte? Und lachte ich nicht früher hellauf, wenn ich mit meinen festen Rindsledernen im Schlamm steckenblieb, nur weil es Lager Erde war, die sich an meine Sohlen heftete und mich festhielt im Lager Grund?

Aus der Tiefe schmerzlicher Stunden, des Heimwehs, der Vereinsamung hilft mir jetzt oft Beethoven, der Schutzherr der deutschen Lages. Wenn ich nicht allzuoft an meinen Flügel komme, so liegt es an der großen Arbeitslast, die auf mir ruht, und die Baron von ter Mählen »ungeheuerlich für ein kleines Mädchen« findet. Er ahnt doch wohl nicht so recht, daß diese Arbeit meinen einzigen Gesundbrunnen bildet, in den ich niedertauche, wie in ein Kohlensäurebad. Und dann die Musik, – Beethoven! Die Töne dünken mich Eimerchen, die sich in mich versenken und dann wieder emporsteigen, randvoll gefüllt mit guten Gedanken und Vorsätzen, die sich nun verteilen lassen auf ödes Brachland rings um mich her. Musik ist Religion, sie hebt meine Seele zu Gott. Die Holländer Lages waren nicht ausübend musikalisch, sie sind allezeit nur »musikhungrig« gewesen, wie mir einmal Baron ter Mählen andeutete. Und dies Innerliche ist oft mehr als protzendes Künstlertum.

Mein köstlicher Bechsteinflügel ist recht mein treuer Freund. Er muß mir ja auch alles ersetzen, was sonst in junge Herzen Glück hineinbringt. Und ich kann ihm weit mehr anvertrauen als irgendeinem lebendigen Menschen. Und wenn er es weit hallend ausplaudert bis in den Winterwald hinein oder es flüsternd an das leuchtende Kaminfeuer hinsagt, so tut er mir nicht weh, sondern wohl. – –

Am Siechenheim und Krankenhaus wird bienenfleißig gebaut, soweit es wechselnde Witterung zuläßt. Der junge Baumeister verehrt den Ritter Lage sehr und hat diese Verehrung auf mich übertragen. Er geht ganz in unsern Gedanken und Anregungen auf, und jedesmal, wenn ich den Bau besichtige, finde ich wieder etwas Neues. Etwas noch Schöneres und Zweckmäßigeres, als ich es mir vorgestellt hatte. Das ist ein köstlich Miteinanderarbeiten. Wenn der Frühling kommt, dann wird wohl das Haus fertig stehen, und ich will ihm und zugleich meinem Haus und Dorf einen neuen Namen geben. Das »Lager Huus« soll freilich bestehen bleiben, aber »der graue Alltag …« Könnt’ ich dies Wort verschwinden lassen! Könnt’ ich’s mit hartem Meißel ausmerzen bei den Leuten und in meinem eigenen Innern. Noch bin ich nicht so weit. An jenem Tage freilich, jenem unvergeßlichen, da der Topasenring im Tannenbäumchen hing, da mir Ritter Lage sagte: »Ich habe dich lieb, Gitti …«, da hätte ich jubelnd rufen mögen: »Ist irgendwo auf dieser gesegneten Gotteswelt noch grauer Alltag?« Und hätte Kraft und Willen gehabt, ihn mit meinem Überfluß an Liebe zu durchsonnen. Das ist vorbei. Ein Abglanz jenes Geständnisses aber blieb als stilles Leuchten in mir. Es kann nie wieder ganz dunkel werden in Lage. Aber grau ist es noch ringsumher, und wie soll ich einen leuchtenden Namen finden, wenn er nicht aus Licht und Helle herausgeboren wird? Warten muß ich. In Gehorsam gegen Gott warten.

Mich strebend weiter mühen.

Zünd an, Brigitte, zünd an!

42.

Im Februar.

Wie schrieb ich so treibend fröhlich in den ehrenfesten Folianten hinein, als noch eine treibende Fröhlichkeit in mir selbst schaffte. Jetzt nehme ich immer nur Anläufe, aber es kommt nicht zum sicheren Sprunge über die Hemmungen hinweg. Die lieben Nachbarn, das Pfarrhaus, die Lehrersleutlein, die Heidkamper und Baron Leo sorgen sich um mich. Man sagt mir, daß ich schlecht aussähe, große, bange Augen bekommen hätte und Anlage zur Einsiedelei in mir trüge, der ich um die Welt nicht nachgeben dürfe. Man schlägt mir eine große, zerstreuende Reise vor, und jeder einzelne dieser treuen, besorgten Freunde hat mir einen andern Fahrplan ausgearbeitet. Zerstreuung erhoffen sie für mich! – Und ich brauche Sammlung. Niemals habe ich in Lager Abgeschlossenheit Theater und Konzerte so sehr entbehrt, wie ich in der lauten Stadt die Natur entbehrte. Und jetzt soll ich schon fahnenflüchtig werden? Meinen Vorsätzen? Muhme Jesuliebes Mahnungen? Meinem Dorfe? Meinem Hause? Meinem Lager Wald? Wie wenig kennt ihr doch alle die Gitti. Die Ehre des Namens Lage gebietet, da ich hier bleibe. So sei es. –

Heute, nach so langen Wochen, kam ein guter, treuer Brief des Pastors Konrad Oswald aus Berlin. – Maria kann sich in der Großstadt nicht eingewöhnen, so schreibt er, aber er selbst fühlt sich ganz auf dem rechten Posten. Er muß noch Petrus, der Fischer sein, seine Kirche ist noch vielfach leer, aber auf die Hilfe und Treue der wenigen, die ihm allsonntäglich zuhören, baut er fest. Von der Seelsorge außerhalb der Kirche spricht er überaus fesselnd und rühmt Maria, die eine vorbildliche Pfarrfrau sei und mit den elendesten Kranken und verkommensten »Gesunden« in seinem Sprengel Fühlung habe. Aber alle seine werbenden Berichte über Marias Eigenschaften vermöchten kein Echo im Herzen seiner Mutter zu wecken, die mit verstockter Starrheit an ihrem Eigensinn festhalte. Nicht mit Bitterkeit schreibt er davon, aber tieftraurig. Es muß sehr schmerzen, wenn man in einem nahestehenden Menschen echte Liebe vermutete und erfindet ihn als klingende Schelle und tönendes Erz. –

Ich aber will es noch nicht wahr haben, daß diese feine, alte Frau nur verstockt ist. Wer will ein Mutterherz und seine vielfarbigen Schwingungen ergründen, oder sie gar mit kurzen Worten abtun? Jedenfalls bin ich sehr glücklich, daß Pfarrer Oswald mir endlich geschrieben hat, und daß ich auf diese Weise Bindeglied bleibe. Denn ich hörte von Frau von Heidkamp, daß Oswalds Mutter herzensgut von mir gesprochen habe. – So wird sie mich auch eines Tages wieder in ihre Freundschaft rufen und wird bei mir anfragen, wie es ihrem Sohne gehe. Dann kann ich ihr antworten, daß er die rechte Gattin fand, die seinen Beruf ideal erfaßt und in ihm aufgeht, und daß es töricht von der Mutter sei, sich nicht in seinem Glücke mit zu sonnen.

Grauer Alltag im Mai.

Heute jährt es sich, daß ich ins Lager Huus einzog. Aber ich muß erzählen, was mir geschah, als ich das letztemal den ehrenfesten Folianten aus der Hand legte. –

Es war an einem lenzigen Februartag, da ich zum erstenmal wieder leise singend in den Wald schritt. Ein altes Lied aus Kindertagen fiel mir ein. Und mir wurde frühlingsfroh zu Sinn, und kindhaft war mein Fühlen und nicht ahnend, daß der Abend dieses vorlenzigen Tages ein weher, herbstlicher, ein brutal zerstörender sein sollte.

»Nun fangen die Weiden zu blühen an, Die Vögelein zwitschern schon dann und wann; Und lieget auch noch in Furchen der Schnee, Und täte der Reif auch dem Frühling weh – – Wer weiß, über Nacht … Da kommt er mit Macht! _Nun jauchze, mein Herz!_«

Wirblig war’s mir in Kopf und Herz von den aberhundert Erinnerungen, die durch dieses Lied geweckt wurden. An köstliche, unvergeßliche Stunden, da wir es einst im Thüringer Walde sangen. Ich lehnte mich sinnend an den Stamm einer der Weiden, die den Lager Weiher umstehen. Und die schier rot wie Blut leuchteten von warmer, treibender Vorfrühlingskraft. – Da sagte eine mißtönende Stimme irgendwoher: »_Sie kann singen – – sie kann es schon wieder._« Dann folgte ein schrilles Lachen.

Die Korb-Sina hatte sich schier in die Höhlung der Weide verkrochen, ein Korb mit Baumerde stand neben ihr. Das Weib sah mich böse an, und doch auch abwesenden Blickes, als sei sie sich nicht völlig bewußt, mit wem sie spreche.

Und da ich in ihre gramvollen Züge sah und die Anklage, die in den Augen stand, nicht ertragen konnte, fragte ich eindringlich: »Sina, was habe ich dir getan?«

Die Alte kreischte auf. »Sie fragt! Sie untersteht sich zu fragen! Die reiche Baronin fragt, was sie dem ärmsten Weib im Dorf gestohlen hat.« – –

Nun hätte ich wohl weit fortlaufen mögen, aber Sina hielt mich mit harten, knochigen Fingern fest.

»Laß mein Kleid und meine Hand los,« gebot ich ruhig, »ich setze mich neben dich auf den andern Stamm, wenn du mir Wichtiges zu sagen hast.«

»Wichtiges?« wiederholte sie spöttisch. »Ich glaube wohl. Wichtiges! Je nun, wie man es nimmt! Wichtiger für Sie, gnädige Baronin, als für die verachtete Korb-Sina. Wenn Sie mir nicht meine Maria genommen hätten, behielte ich’s für mich, was ich weiß …«

»Ich habe dir nicht deine Maria genommen«, rief ich ungestüm, aber sie fuhr fort, als hätte ich sie nicht unterbrochen.

»So aber bin ich für Gerechtigkeit. Warum sollen Sie, die Fremde, die eigentlich gar nicht hierher gehört, die Lager Luft riechen, die Lager Milch trinken und das rote Lager Gold besitzen und meine Maria da in der stickigen, wilden Stadt hocken, allein, mit einem Mann, der _dich_ liebt, jawohl _dich_, _dich_!« Und sie schüttelte mich.

Ich riß mich los. Mein Herz schlug laut, aber ich war doch ruhig, oder ich konnte es scheinen. »So wirst du mich nie wieder berühren, Sina!« gebot ich fest. »Das schickt sich nicht für dich und nicht für mich. Und das weißt du wohl. Und nur, weil du Sehnsucht nach deiner Enkelin hast, antworte ich dir. –

Konrad Oswald liebt seine Maria«, fuhr ich fort. »Wer in so warmen Worten sein Weib preist, wie es Marias Gatte tut, der gehört ihr auch …«

Sina machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Ehren muß er sie, aber das andre, das andre … Warum sind Sie hier?« fuhr sie mich an. »Meinen Sie, weil ich die verachtete Korb-Sina bin, ich merke nichts? Ich spüre die Motten nicht, die ums Helle flattern? Bis sie sich verbrannt haben? – Ich hab’ den Herrn Baron Ellers gefunden, _ich_ hab’ ihn zuerst gesehen«, trumpfte sie auf. – Mir war jetzt sehr bang geworden. Sinas Augen sahen nicht aus, als ob die Besitzerin völlig klar sei. – Und es war auch empfindlich kalt auf dem feuchten Weidenstamm. Mich fröstelte. »Ja, und dann ist da der Baron von ter Mählen, ist Mitte 50 und macht noch schöne Augen. Und der Heidkamper. Und der Baumeister! Und der neue Pfarrer! Alles, alles Motten …«

»Sie ist verrückt,« sagte ich mir, »sie sieht entsetzlich aus, und du mußt rasch fort von ihr.« Aber ich blieb doch ruhig sitzen, um sie nicht zu reizen. Und plötzlich bog sie sich zu mir herüber, daß ein widerlicher Atem meine Wange streifte; er kam wie aus einer Gruft. »Ja, und dann ist da noch der Baron Clemens Lage …«

Kerzengerade fuhr ich in die Höhe. »Was unterstehst du dich??!« – »Hab’ ich’s getroffen?« zischte sie frohlockend. »Ahhhh! Aber den, – den bekommen Sie nicht! Der ist gezeichnet. Gott sei Lob und Dank! Den hält sein Schicksal von Ihnen weg und – – –«

»Seine Ehrenhaftigkeit«, sagte ich laut und wußte nicht, warum ich es sagte, und warum ich diesem schrecklichen Weibe Rede und Antwort stand.

»Seine Ehrenhaftigkeit!« kreischte sie toll auflachend. »Ahhh, nennt man das so bei den Vornehmen??? Also aus Ehrenhaftigkeit nahm er Sie nicht am Weihnachtsabend und verdarb Sie? Da Ihnen die Liebe aus den Augen sprang, als ob Sie ein Bauernkind wären, Sie gnädige Baronin?«

Mir war’s, als erstarrte ich in eisiger Kälte körperlich und seelisch vom Kopf an bis zu den Füßen. »Ich weiß nicht, wo du gelauscht haben magst, Sina,« entgegnete ich tonlos, »ich weiß auch nicht, warum du mir all dies Entsetzliche sagst … auch nicht, warum du den Baron Lage so schmähst, der dir nur Gutes getan hat und noch tut …«

Wieder lachte sie schrill. »Ich weiß es«, sagte sie dann böse. »Und ich weiß auch, warum Sie nicht aufstehen und weglaufen. Weil Sie Angst vor der Korb-Sina haben. Die könnte Sie hinterrücks überfallen, weil sie durchaus will, daß Sie alles bis zuletzt anhören. Sie sind jung und gesund, gnädige Baronin, Ihnen macht das bißchen Kälte nichts aus, mir gibt es vielleicht den Rest. Gleichviel, ich muß Ihnen noch eine Geschichte erzählen.«