Chapter 1 of 8 · 3882 words · ~19 min read

Part 1

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1906 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.

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Kurzgefaßte Symbolik der Freimaurerei.

Kurzgefaßte Symbolik der Freimaurerei.

Von

Dr. Otto Henne am Rhyn.

„Wir würden gut tun zu bedenken, daß in unserer Zeit der wachsenden Öffentlichkeit selbst dasjenige, was wir in geschlossener Loge vornehmen, auch der Kenntnis der nicht maurerischen Welt auf die Dauer sich kaum entziehen kann, daß man den größeren Teil unserer Formen, Übungen, Ausdrucksweise +bereits kennt+, daß dieses +kein Unglück+, sondern eine Aufforderung ist, unseren Arbeiten einen desto würdigern Charakter zu erhalten und alles dasjenige aus unseren Logen zu entfernen, was einem einsichtigen und unbefangenen Beobachter zweideutig, zwecklos oder kindisch erscheinen muß.“

Prof. ~Dr.~ +J. J. Hottinger+, erster Großmeister der schweiz. Großloge Alpina (1844-50).

[Illustration]

Berlin

Franz Wunder.

Vorwort.

Dem Wunsche des Verlegers ist dieses kleine Buch entsprungen, das zum ersten Male den Versuch wagt, die Sinnbilder der Freimaurerei systematisch geordnet darzustellen. Zwar ist ihm schon vor mehr als vierzig Jahren das weit ausführlichere „Vergleichende Handbuch der Symbolik der Freimaurerei“ von ~Dr.~ Jos. Schauberg in Zürich (1808-1866), 3 Bände, erschienen in Schaffhausen 1861, vorausgegangen. Mit erstaunlicher Gelehrsamkeit ausgestattet, verliert es sich jedoch in haltlose Phantasien über Zusammenhänge der Freimaurerei mit Mythologien und Mysterien des Altertums und ist nicht geordnet, sondern besteht aus unzusammenhängenden Aufsätzen, behält aber trotzdem einen gewissen Wert.

Der Verfasser vorliegender Arbeit hat sich so selbständig als möglich verhalten und war hierdurch genötigt, sich gegen manche eingewurzelte Vorurteile zu wenden, in der Überzeugung, daß der Freimaurerei mit dem Verlangen einer Weiterentwickelung im Geiste der Zeit besser gedient ist, als mit starrem Festhalten an Eigenheiten, die einem längst verflossenen Zeitalter angehören und für die Gegenwart und Zukunft wertlos geworden sind.

St. +Gallen+, Weihnacht 1906.

Der Verfasser.

Inhaltsverzeichnis.

Seite Einleitung 1

Erster Abschnitt. +Die Grundlagen der Symbolik+ (Stärke) 5

1. +Die Loge+ 5

~a~) Die Örtlichkeit 5

~b~) Die Mitglieder 9

2. +Die Arbeit+ 14

~a~) Die künstlerische Arbeit 14

~b~) Die lehrhafte Arbeit 19

3. +Das Licht+ 25

~a~) Die Vorbereitung des Lichtes 25

~b~) Die Erteilung des Lichtes 30

4. +Die Grade+ 34

~a~) Die alten Grade 34

~b~) Die Hochgrade 39

Zweiter Abschnitt. +Die Bestandteile der Symbolik+ (Schönheit) 44

5. +Die Zeichen+ 44

~a~) Die Erkennungszeichen 44

~b~) Die Not- und Hilfszeichen 47

6. +Die Zieraten+ 52

~a~) Der Loge 52

~b~) Der Brüder 57

7. +Die Werkzeuge+ 62

~a~) Die Hauptwerkzeuge 62

~b~) Die Nebenwerkzeuge 65

8. +Die weiteren Sinnbilder+ 70

~a~) Der Vergangenheit 71

~b~) Der Gegenwart 74

~c~) Der Zukunft 83

Dritter Abschnitt. +Die Höhen der Symbolik+ (Weisheit) 91

9. +Die Meister+ 91

~a~) Die M. der Legende 91

~b~) Die M. der Wirklichkeit 95

10. +Die Gestirne+ 102

~a~) Die Erde 102

~b~) Der Mond 105

~c~) Die Sonne 108

11. +Die Welträtsel+ 113

~a~) Der a. B. d. W. 113

~b~) Der ewige Osten 120

12. +Die Lehrarten+ 127

~a~) Die englischen Lehrarten 127

~b~) Die französischen Hochgradsysteme 131

~c~) Die schwedische Lehrart 138

Nachwort 142

~Der Bilderschmuck (die Symbolik) der Freimaurerei.~

Einleitung.

+Symbole+ oder +Sinnbilder+ sind Merkmale der Zusammengehörigkeit menschlicher Kreise; sie können in Zeichen, Worten, Farben, Bildern, Zahlen oder auch in bestimmten Sätzen und Lehren bestehen. Die erstgenannte Art von Sinnbildern vereinigt unter der Form von Wappen oder ähnlichen Bildern die Mitglieder von Familien, Stämmen, Orten, Ländern u. s. w., unter der von Fahnen die Heere einzelner Staaten zu einem Ganzen. In den Religionen bilden die gemeinsamen Glaubensvorschriften und Kultusgebräuche als Symbole die Bindemittel der sich zu ihnen bekennenden Menschen und bildeten in Zeiten, die eine Gewissensfreiheit noch nicht kannten, sogar Zwangsmittel gegenüber den Bewohnern gewisser Gebiete.

Die Zusammengehörigkeit der +Freimaurer+ kennt irgend welchen Zwang nicht; in unbeschränkter Freiheit eignete sich ihr Bund nach und nach eine nicht leicht zu überblickende große Menge in ihren Kreisen allgemein verständlicher Sinnbilder in Form von Worten, Zeichen, Lehren und Gebräuchen an. Alle diese Symbole haben einen tiefen Sinn, dessen Erfassung und Verständnis das einzige +Geheimnis+ der Freimaurerei bildet. Die Enthüllung dieses Geheimnisses ist nur den im Bunde einheimischen Gemütern möglich, und die Unmöglichkeit es außerhalb desselben zu durchschauen, hat seit der Entstehung des Bundes eine wahre Flut von Spott, Hohn, Mißverständnis, Verleumdung, Haß und Verfolgungssucht gegen die Freimaurerei hervorgerufen.

Mißverständnis ist indessen den freimaurerischen Sinnbildern auch im Bunde selbst nicht erspart geblieben, aber nicht nur ohne allen bösen, sondern durch einen übertriebenen guten Willen. Es hat nämlich gelehrte Brüder gegeben, an denen das 18. und 19. Jahrhundert überreich sind, denen die Sinnbilder des Bundes viel zu einfach waren, die solche vielmehr wegen oberflächlicher Ähnlichkeiten mit solchen oder mit anderen Erscheinungen, die in verschiedenen Völkern und Religionen vorkommen, in eine Verbindung brachten, die bis in die Urzeiten des Menschengeschlechtes hinauf reichte, aber bei nüchterner Betrachtung der geschichtlichen Tatsachen unmöglich aufrecht zu erhalten ist. Wenn zwei oder mehrere menschliche Kreise gewisse Sinnbilder gemein haben oder ähnliche Symbole besitzen, so spricht dies noch lange nicht für ein Fortleben des einen Kreises in einem andern, sondern höchstens für eine Entlehnung von Zeichen, Worten, Lehren und dergleichen. Der verständige Freimaurer wird sich durch solche unhaltbare Phantasiegemälde nicht blenden lassen, sondern unentwegt an der Selbständigkeit des Bundes, wie dieser sich in der Geschichte entwickelt hat, festhalten und sie nach Kräften verteidigen.

Das richtige Verständnis der freimaurerischen Sinnbilder muß jedem Bruder zu allen Tugenden entflammen, die mit der Vernunft vereinbar sind, wie namentlich: Bruderliebe, Freundschaft, Gewissenhaftigkeit, Sittlichkeit, Wohltätigkeit, -- mit Bezug auf besondere Verhältnisse: Gehorsam gegen die Gesetze des Landes und Bundes, Treue gegen den Bund, gegen Familie und Vaterland, Verschwiegenheit über die Angelegenheiten des Bundes, -- mit Bezug auf sein eigenes Ich: Selbsterkenntnis, Selbstbeherrschung und Selbstveredelung. Der wahre Freimaurer wird weder einem blassen und ungesunden Kosmopolitismus, noch einem selbstsüchtigen Individualismus huldigen, sondern die guten Seiten dieser Richtungen in einem gesunden Patriotismus vereinigen, wie denn der Bund selbst der Hauptlehre in den Sinnbildern nach kosmopolitisch, im Festhalten an der Selbständigkeit der heimischen Organisation patriotisch und in der liebevollen Sorge für die Seinigen individualistisch gerichtet ist.

Mit Bezug auf die philosophischen Richtungen der Zeit ist der Bund ganz entschieden einem düsteren Pessimismus abhold, ohne deshalb den Optimismus soweit zu treiben, daß er gegenwärtige Zustände für keiner Verbesserung bedürftig halten würde. Daraus folgt auch, daß sein Grundzug idealistisch und dem Materialismus abgeneigt ist, ohne aber von seinem Idealismus einen wissenschaftlich berechtigten Rationalismus und einen der Wirklichkeit ihr Recht zugestehenden Realismus auszuschließen.

Im Verhältnis zur Religion ist vor allem festzuhalten, daß die Freimaurerei keine Konfession ist und sich keiner solchen unterwirft, wohl aber gegen eine jede der Tugend günstige duldsam und gerecht ist. Gibt es auch in ihrem Schoße zwei Richtungen, eine christliche und eine humanistische, so sind doch beide darin einig, die +Humanität+ hochzuhalten, die eben in der Beobachtung jener Tugenden besteht, welche die maurerischen Sinnbilder lehren.

Daher ist es auch dem Freimaurerbunde gemeinsam, daß er gegen alle Erscheinungen Front macht, die dem Begriffe der Humanität Hohn sprechen; solche sind: der Egoismus, die Intoleranz, die Habsucht, Streitsucht, Genußsucht und jede Art verbrecherischen Treibens. Er verwirft als Bund jede Gewalttätigkeit, sei es im kleinen als Zweikampf oder Attentate oder im großen als Krieg, den er freilich als Verteidigung des Vaterlandes zugeben muß. Daß er die jetzt im Verschwinden begriffene Sklaverei verabscheut, ist selbstverständlich.

Aus dem allem geht hervor, daß der Freimaurerbund kein „Großes Nichts“ (~Grand rien~) ist, wie einst behauptet wurde. Denn stets wird er an seinem Wahlspruche festhalten:

+Weisheit+ leite unsern Bau, +Stärke+ festige ihn, +Schönheit+ ziere ihn.

+Erster Abschnitt.+

Die Grundlagen der Symbolik (Stärke).

1. Die Loge.

Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach, es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach.

+Goethe+ (Mignon).

~a~) Die Örtlichkeit.

Die +Loge+ (althochd. ~loubja~, Laube), Werkstätte oder Bauhütte, auch Logenhaus genannt, der Versammlungsort der Brüder zu feierlichen Handlungen, muß vor allem eine gegen das Eindringen Unberufener gesicherte Lage haben. Außer verschiedenen anderen, zu weniger wichtigen Zwecken dienenden Räumen ist der hauptsächlichste der Logensaal, auch Loge im engeren Sinne oder Tempel genannt. Dieser bildet ein rechtwinkliges längliches Viereck (daher die Figur ▭ für Loge, und [Symbol] für Logen), dessen vier Seiten nach den +Himmelsgegenden+ benannt und womöglich auch nach diesen gerichtet sind. Die Schmalseiten heißen Morgen oder Osten (auch Orient) und Abend oder Westen, die Längsseiten Mittag oder Süden und Mitternacht oder Norden. Im Osten befinden sich auf einer Erhöhung über Stufen die Plätze des Vorsitzenden (des Meisters vom Stuhl) und der übrigen Beamten, mit Ausnahme der beiden Vorsteher oder Aufseher, die ihre Plätze im Westen zu beiden Seiten des Eingangs haben (in einigen Systemen der zweite auf der Südseite), während den übrigen Brüdern die beiden Längsseiten eingeräumt sind. Da, wie diese Benennungen zeigen, die Loge die Welt bedeutet, so will die Redensart: des Maurers +Wind+ blase von Osten nach Westen (ursprünglich ein englischer Seemannsausdruck), zweierlei sagen, einmal: die Gesittung und Bildung der Menschheit schreite vom Morgenlande her nach dem Abendlande, und dann: der Geist der Werkstätte gehe vom Sitz des Meisters vom Stuhl aus in der Richtung nach Westen. Für den allgemein anerkannten Vorrang des +Orients+ vor den übrigen Himmelsgegenden spricht auch der Ausdruck: sich orientieren, d. h. sich nach dem Osten richten, nach dem Aufgange der Sonne, und dies tun denn auch die Freimaurer. Im weiteren Sinne aber hat die ganze Loge eine geistige und sittliche Bedeutung für die Brüder; sie ist, wie Rob. Fischer sagt, ihr Vaterhaus, ihre Schule und ihre Arbeitstätte im höheren Sinne.

Es ist Pflicht der Brüder einer Loge, zu sorgen, daß diese gehörig +gedeckt+ sei. Der Ausdruck kommt, wie die meisten in der Maurersprache, vom Bauen. Ein Bau ist erst dann gegen äußere Einflüsse gesichert, wenn er gut gedeckt ist, ein solides Dach hat. Die Sorge für die Deckung ist (nicht in allen Logen) die Aufgabe eines besonderen Beamten, des +Ziegeldeckers+ oder wachhabenden Bruders, was auch in vielen anderen geheimen oder geschlossenen Gesellschaften der Fall ist oder war. Dieser Bruder ist es auch, der die Eintretenden auf ihr Recht dazu prüft und sie, wenn dieses in Ordnung ist, einläßt. Wo diesem Amt nicht besonders besteht, ist es irgend einem anderen Mitgliede der Loge übertragen.

Ist die Loge nicht gehörig gedeckt, d. h. ist, ohne daß sie deshalb nicht gut gebaut wäre, Gefahr oder wenigstens Besorgnis einer Störung oder Belauschung vorhanden, so sagt man, auch wenn Brüder außerhalb der Loge über Bundesangelegenheiten sprechen und ein Uneingeweihter in der Nähe ist, „+Es regnet+.“ Offenbar ist dies auch wieder eine Anspielung auf ein unsolides Dach, durch das es herein regnet. Weniger ansprechend ist die freilich alte (schon 1737 in einem englischen Ritual vorkommende) Deutung, daß ein ertappter Lauscher unter die Traufe des Hauses gestellt worden sein soll, bis ihm das Wasser bei den Schultern in die Kleider und zu den Schuhen wieder herausgelaufen sei. Schwerlich ist dies wirklich vorgekommen. Bei guter Ordnung ist auch eine solche Maßregel überflüssig.

Die Loge, d. h. der Logensaal, nicht die übrigen Räume des Gebäudes, ist +dunkel+, ehe Licht angezündet wird; denn sie hat keine Fenster, oder sie sind verdeckt. Dies ist ohne Zweifel nur deshalb so eingerichtet, damit das eine geistige Erleuchtung bedeutende Licht auch eine natürliche Überwindung der Dunkelheit bewirken könne. Es ist daher wohl zu weit hergeholt, wenn auch ansprechend, was Schauberg[1] zur Erklärung dieser Tatsache aufführt. Nach ihm rührt sie daher, daß die älteren Körperschaften, von denen er die Freimaurerei ableitet, ihre Versammlungen in dunkeln Räumen oder gar in Höhlen abhielten. Wirklich wurden die Mysterien des aus Persien zur Römerzeit nach dem Abendlande eingeführten Sonnengottes +Mithras+ in Höhlen gefeiert, deren viele mit seinem Bilde, auch in Deutschland, aufgefunden wurden. Denn die diesem Gotte huldigende, auf dem Gegensatze zwischen Licht und Finsternis beruhende, Religion beruhte auf dem Gedanken, daß das Licht in der Finsternis verborgen sei und aus ihr hervorgehend, sie überwinde. Auch der griechische Zeus wurde in einer Höhle auf Kreta geboren, der Lichtgott Apollon war der Sohn der Nachtgöttin Latona oder Leto, und die Sonne selbst taucht aus der Nacht hervor.

Der Kirchenvater Origenes berichtet nach Celsus, daß in den Mysterien der Mithras-Höhlen der Durchgang der Seele durch die damals angenommenen sieben Planetensphären zum reinen Lichte gelehrt worden sei. Von diesem Gedanken ist aber ein weiter Schritt zu den einfachen Gebräuchen der Freimaurerei und zur Dunkelheit der Loge. Auch im alten Ägypten haben ja die Pharaonen und in Indien Brahmanen und Buddhisten Tempel in Felsen ausgehauen, und so gibt es noch vieles, was mit Hilfe einer kühnen und ausschweifenden Phantasie auf die Logenausstattung und Logengebräuche bezogen werden kann, was aber geschichtlich auf schwachen Füßen steht. Auf die innere Ausstattung der Loge werden wir in dem Abschnitte der „Schönheit“ zu sprechen kommen.

Wie das Versammlungshaus, so nennt sich auch der darin sich zusammenfindende Verein +Loge+; als solcher entbehrt er jedoch besonderer Sinnbilder.

b) Die Mitglieder.

Die auf rechtmäßige Weise aufgenommenen Freimaurer nennen sich +Brüder+, weil sie Mitglieder einer wenn auch großen Familie geworden sind. Dieser Gebrauch ist ein alter, ohne daß ihn deshalb die Freimaurer von anderen Vereinigungen entlehnt hätten. Alle engeren Verbände haben gewisse Benennungen für ihre Angehörigen. Die Beamten und Lehrer nennen sich Kollegen, die Studierenden Kommilitonen (die Corpsmitglieder Corpsbrüder), die Offiziere Kameraden, die Sozialdemokraten Genossen und eine ganze Menge von Vereinsmitgliedern ebenfalls Brüder. Die alten Ägypter nannten bei Totenklagen die Verstorbenen Brüder und Schwestern, ebenso die alten Hebräer ihre Glaubensgenossen, so auch die ersten Christen, und die Klosterbewohner nennen sich untereinander ebenso.

Im schriftlichen Verkehr erkennen sich untereinander sonst unbekannte Brüder am Gebrauche von +drei Punkten+ (⸫) als Abkürzung maurerischer Ausdrücke nach dem Anfangsbuchstaben. Sie werden deshalb von ihren römischen Feinden mit wohlfeilem Spott die „Dreipunkte-Brüder“ genannt, als ob damit irgend etwas gesagt wäre, während die Spötter doch +selbst+ mit der +Dreizahl+ einen Kultus treiben. Diese ist eben eine alte, heilige Formel, die sich bei allen Völkern und in allen Zeiten findet. Sie beruht auf den sich von selbst ergebenden Teilen der Zeit (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft), einer jeden Handlung (Anfang, Mitte und Ende), des menschlichen Lebens (Geburt, Leben und Tod), des Raumes (Länge, Breite und Höhe oder Tiefe), des Tages (Morgen, Mittag und Abend), des Sonnenstandes, des Mondumlaufes, und zeigt sich auch in den 3 Grundfarben (rot, gelb, blau), den Mischfarben (orange, grün, violett), den Licht- und Schattenformen (weiß, grau, schwarz) u. s. w. Die ägyptischen Hieroglyphen zeigen als Bezeichnung der Gattung eines Dinges dessen Charakter in dreimaligem Bilde eines Zeichens, das diesen ausdrückt, wie sie auch die Mehrzahl durch drei Zeichen ausdrücken.

Diesem unbewußten Zuge der Menschenseele entsprangen auch die ägyptischen, indischen, griechischen, römischen, keltischen, slawischen und germanischen Dreiheiten von Göttern und die christliche Dreieinigkeit, sowie die dreimalige Bekreuzung der frommen Christen. Einen sehr großen oder sehr heiligen Menschen nannte man früher: dreimal groß oder dreimal heilig (so Hermes Trismegistos). Läßt man jemanden hoch leben, so tut man es dreimal. Die Aufforderung zu einer raschen Handlung wird durch den Ruf: 1, 2, 3 begleitet. Namentlich ist aber dies der Fall bei dem +Maurergruße+. Bei diesem wird die Zahl 3 mit sich selbst vervielfältigt, zu 9, und man schließt seine Briefe an Brüder mit der Formel: in der uns heiligen Zahl (i⸫ d⸫ u⸫ h⸫ Z⸫), d. h. mit 3 × 3. Dieselbe Zahl wird auch bei dem +Händeklatschen+ (das bei Nichtmaurern keine bestimmte Form hat) beobachtet, bisweilen aber auch durch langsamere Wiederholung der Zahl 3 beschlossen (auch kommt vor die Form: 3 × 5 + 3). Es dient sowohl zum Willkomm, als zum Abschied und als Beifallszeichen. Auch das Händeklatschen kommt im Altertum vor, so in Ägypten und Babylonien zur Aufmunterung der Arbeiter, Ruderer, Soldaten u. s. w., auch in gewissen Takten, ebenso im Götterdienste.

Die Anwendung der Zahlen 3 und 9 auf ethische und geistige Ideen zeigen bei Griechen und Römern die 3 Grazien (Anmut), die 3 Parzen (Verhängnis), die 3 Furien (Rache), die 3 Richter der Unterwelt (Vergeltung), die 9 Musen (Wissenschaften und Künste), nach denen die 9 Bücher der Geschichte Herodots benannt sind. In neuerer Zeit sind zu erwähnen die 3 Ideen der Wahrheit, Schönheit und Güte, die der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die 3 Berufsfakultäten der Hochschulen (theologische, juristische und medizinische), zu denen erst später die philosophische kam, die 3 Teile der Philosophie nach Hegels und anderen Systemen, die 3 Studienjahre (bei normaler Laufbahn), die 3 Militärdienstjahre und endlich die 3 (idealen) Jahre der Logenarbeit, die der Lehrling als seine Lebensjahre angibt, der Geselle auf 5 und der Meister auf 7 erhöht. Weitere freimaurerische Dreizahlen werden uns noch mehr begegnen.

Hier muß indessen der Vollständigkeit wegen eine solche Dreizahl näher berührt werden, weil sie in unser System der freimaur. Symbolik nicht eingereiht werden kann, da sie durchaus veraltet ist und ihre Teile nach unserer Anordnung in verschiedene Kapitel fallen. Wir meinen die Zusammenstellung der 3 +großen+ und der 3 +kleinen Lichter+ nach dem altenglischen System, während sie in anderen Systemen anders angeordnet werden. Als die 3 großen Lichter gelten danach: Bibel, Winkelmaß und Zirkel, als die 3 kleinen: die Sonne, der Mond und der Meister vom Stuhl. Jene werden als geistig aufzufassende, diese als sinnlich wahrnehmbare unterschieden, ferner jene als beständig, diese als zeitlich und örtlich beschränkt leuchtende Lichter. Es ist leicht ersichtlich, daß diese Zusammenstellung, wenn auch wohlgemeint, doch willkürlich und unlogisch ist. Logischer Weise mußte an der Stelle der Bibel ein weiteres Werkzeug und an jener des M. v. St. ein weiteres Gestirn stehen.

Diese beiden Dreiheiten sind aber auch entbehrlich, und es wird auf sie wenig Gewicht mehr gelegt. Sie sind daher auch an manchen Orten fallen gelassen und, wenn auch kaum auf glückliche Weise, zu ersetzen gesucht worden. So hat eine Loge ein System von 3 großen, 3 mittleren und 3 kleinen Lichtern aufgestellt. Sie heißen: Gott, Mensch und St. Johannislicht (ein etwas sonderbarer Name für den schöpferischen Geist des Menschen); Religion, Moral und Verdienst; Weisheit, Stärke und Schönheit. Solche Triaden könnten leicht noch mehr gefunden werden; aber was ist damit gewonnen? Weiter bringen sie uns nicht. Bleiben wir bei dem, was tatsächlich vorliegt, -- bei den wirklich und allgemein anerkannten Symbolen der Freimaurerei, und stellen zusammen:

+Lichter+: +Gestirne+: +Ideen+: +Werkzeuge+: Gottheit. Sonne. Weisheit. Hammer. Gewissen. Mond. Stärke. Winkelmaß. Menschheit. Erde. Schönheit. Zirkel.

Die nähere Erklärung wird folgen.

Die Bibel und der Meister werden ihren nicht unwürdigen Platz finden.

[1] Schauberg, Vergleichendes Handbuch der Symbolik der Freimaurerei. Schaffhausen 1861.

2. Die Arbeit.

Nur der verdient sich Freiheit, wie das Leben, der täglich sie erobern muß.

+Goethe+, Faust II.

~a)~ Die künstlerische Arbeit.

Die Freimaurerei ist an sich schon eine Kunst, wenn auch keine solche, deren Äußerungen in Museen aufbewahrt oder der Öffentlichkeit auf Bühnen dargeboten werden könnten, weil sie nicht ohne das Leben in ihren Kreisen zu verstehen sein würden. Sie läßt sich also nicht in das System der schönen Künste einreihen, sondern bildet ein System für sich, das sich aber bescheiden in seine engsten Kreise zurückzieht. Sie hat eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrer größte Feindin, der römischen Kirche, deren Übungen ebenfalls künstlerisch sind, ohne festgelegt werden zu können, aber der Öffentlichkeit hingegeben werden, weil sie eben nicht ohne diese den von ihr angestrebten Einfluß aufrecht erhalten könnte. Diesen Einfluß aber verschmäht die Freimaurerei und findet in sich selbst ihr Genügen.

Die künstlerischen Darbietungen der Freimaurerei, allerdings +nur+ für die Brüder bestimmt, haben durchaus einen nach Verwirklichung der Idee des Schönen strebenden Charakter. Ihr Organ sind die feierlichen Versammlungen der Brüder oder die verschiedenen Gattungen von +Logen+, wie nicht nur die Versammlungsorte und die Brüdervereine, sondern auch deren Versammlungen selbst genannt werden. Sie bewegen sich in reicher Mannigfaltigkeit von den heitersten bis zu den ernstesten Anlässen.

Es ist ungewiß, ob die ersteren, die +Tafellogen+ zum Vorbilde die +Agapen+ oder Liebesmahle der ersten Christen haben. Da ihnen jedoch aller Bezug auf eine bestimmte Glaubensrichtung fehlt, geht ihr Ursprung wohl nicht über die Festmahle unserer Vorgänger, der Steinmetzen und Bauleute zurück. Eher mögen sich bei ihnen durch die dem Bunde beitretenden Gelehrten Anklänge an antike Symposien der bessern Art, bei denen ernste Gespräche nicht fehlten, eingefunden haben. Durch Adelige und Offiziere, die den Logen beitraten, bürgerten sich bei den Tafellogen die zur Freimaurerei nicht passenden, weil deren friedlichem Charakter widerstreitenden kriegerischen Formen und Ausdrücke der Toaste oder Tafelreden ein, von denen, wie zu hoffen ist, sich meist nur noch die Bezeichnung „+Feuer+“ für ein Lebehoch erhalten haben möchte, die mit Bezug auf geistiges Feuer berechtigt erscheint. Die Tafellogen werden nicht in der dunkeln Loge, sondern im hellen Festsaale abgehalten, und es wird stets darauf gesehen, daß bei ihnen strenges Maß eingehalten wird. Immerhin sind sie ein Ausdruck reiner Freude über das zwanglose brüderliche Beisammensein. Anlaß zu ihnen bieten meist die maurerischen Feste, das +Sommerjohannis-+, und wo beide Johannes gefeiert werden, auch das +Winterjohannisfest+, ferner die Jahresfeste der Logengründung, Jubelfeste verdienter Brüder, und namentlich die mit den weiblichen Angehörigen begangenen +Schwesternfeste+, bei denen die Feier der Liebe, Treue und Anmut zu ihrem gerechten Anspruche kommt.

Ernsterer Natur sind die eigentlichen +Arbeitslogen+ im künstlich erleuchteten Logensaale. Sie dienen, außer den Festanlässen, zu denen die Tafellogen den Abschluß bilden, den Aufnahmen, Beförderungen und wichtigeren Logenangelegenheiten. Ihr Hergang hat für empfängliche Gemüter etwas ungemein Fesselndes und Ergreifendes, so am Anfange der Arbeit, der +Hochmittag+ genannt wird, das Anzünden der Lichter durch die Beamten mit kernhaften Sprüchen, und das kirchlichen Formen nicht nachgedachte Gebet des M. v. St. zum A. B. a. W., und am Ende, das +Hochmitternacht+ heißt, die feierliche Entlassung der Brüder mit herzlichen Wünschen und das ernst stimmende Auslöschen der Lichter. Bei Aufnahmen und Beförderungen dagegen ist der +ganze+ Hergang malerisch und dramatisch gestaltet.

Der ernsteste Anlaß, ja ein erschütternder, zu freimaurerischer Arbeit ist aber die +Trauerloge+, die dem Andenken an die hingeschiedenen Brüder gilt. Schauberg vergleicht diese Feierlichkeit nach seiner phantasievollen Art mit dem ägyptischen +Totengerichte+. „Wie hier“, sagt er, „beginnt die Trauerloge mit einer Art Gericht über den Verstorbenen, und erst, nachdem dieser der Ehre einer Trauerloge für würdig erklärt worden, folgt die eigentliche Totenfeier, die in 3 Hauptteile geteilt werden dürfte, nämlich die Trauerrede oder die kurze Schilderung des bürgerlichen und maurerischen Lebens des Dahingeschiedenen, -- das Anzünden der Lampe vor dem symbolischen Sarkophage des Verewigten, und dessen Schmücken mit Blumen durch alle anwesenden Brüder in 3 Zügen und Umgängen, worauf die ganze Feierlichkeit mit der Bildung der Bruderkette und der Erteilung des Bruderkusses schließt.“ In England und Amerika wird außerdem noch die öffentliche Bestattung mit maurerischen Gebräuchen und Abzeichen abgehalten.

Eine Beurteilung des Toten bei der Totenfeier ist etwas völlig Selbstverständliches und auch außerhalb der Loge allgemein üblich, und es braucht daher ihr Ursprung nicht aus Ägypten hergeleitet zu werden, wo übrigens das Totengericht lediglich ein jenseitiges war, unter dem Vorsitze des Gottes Osiris über 42 Totenrichtern (wegen der 42 Todsünden nach ägyptischer Anschauung). Es konnte daher eher das christliche Weltgericht aus dem Totengerichte in Ägypten hergeleitet werden, als die Trauerloge, die ebenso lediglich eine ethische Vertiefung und Veredlung der allgemeinen Trauerfeierlichkeiten ist, wie die Tafelloge eine solche anderer Bankette und die Verhandlungsloge eine solche anderer Vereinssitzungen.

Übrigens werden die Trauerlogen, deren erste bekannte erst 1757 in Hamburg gefeiert wurde, meistens nicht für einzelne Brüder, sondern z. B. jährlich für die im Laufe des Jahres verstorbenen Brüder gemeinsam gefeiert, oder auch, wenn kein solcher Fall vorliegt, am Allerseelentage oder einem andern für die hingeschiedenen Brüder überhaupt. Natürlich ist die Trauerloge schwarz ausgeschlagen. Ein herrliches Muster einer Trauerlogenrede ist die 1813 gehaltene Br. Goethes zum Andenken Br. Wielands.