Part 5
In den Hochgraden gibt es, wie schon die Titel der schottischen Grade und ihr sog. Arbeitsfeld (oben S. 41 ff.) zeigen, eine Menge Erinnerungen an das A. T., so besonders an die Stiftshütte in der Wüste, die aber von der Rolle, die der +Tempel Salomos+ schon in der älteren Freimaurerei spielt, weit überragt wird, wie überhaupt viel auf den König Salomo bezügliches in den Logen vorkommt. So Salomos +Siegel+, als Sinnbild der Verschwiegenheit, nach einer Stelle der seinen Namen tragenden Sprüche, die ermahnt, Mund und Zunge zu bewahren. Salomos +Siegelring+ gilt als ein Zaubermittel, sich die Geister dienstbar zu machen und als ein Sinnbild der Weisheit. Salomos +Thron+ kommt im Konstitutionenbuche Andersons als Stuhl des Großmeisters vor. In demselben Buche wird Salomos +Tempel+ als der Ausgangspunkt der Freimaurerei bezeichnet; denn er habe, sagt die altfreimaurerische Sage, unter seinen Aufsehern und Arbeitern die ersten Logen gestiftet und selbst als Großmeister gewirkt, wie der Baumeister Hiram Abif als zugeordneter Großmeister, was natürlich reine Erdichtung ist. Schon im 17. Jahrhundert wurde die Kirche unter dem Bilde des salomonischen Tempels gedacht, und +Comenius+, der Vorläufer der Freimaurerei, kleidete unter diesem Bilde seine Idee einer allgemein menschlichen (zugleich christlichen) Gesellschaft ein, die jedoch, da es sich um einen israelitischen, von einem Heiden (Hiram aus Tyros) gebauten Tempel handelte, nicht ausschließlich christlich sein konnte, sondern als Vorbild einer konfessionslosen, rein humanen Freimaurerei verstanden sein muß. Die drei Teile des Tempels, der Vorhof, das Innere und das Allerheiligste, konnten als Vorbedeutungen der drei Grade, die länglich viereckige Gestalt des Tempels als Vorbild der Loge gelten, und so gibt es noch viele Analogien, besonders in den Zahlenverhältnissen, so daß es nicht unwahrscheinlich ist, daß die Gründer der ersten Großloge (der von England) den Tempel Salomos als Vorbild für die Loge benutzten.[10]
Der +Räucheraltar+ im Innern des salomonischen Tempels hat ohne Zweifel mit seinen Leuchtern als Vorbild der christlichen +Altäre+ gedient. In der Freimaurerei kommt erst in den Anfängen der sog. schottischen Hochgrade (Mitte des 18. Jahrh.) an Stelle des Tisches des Meisters vom St. (der anfangs ebenfalls nicht vorhanden war) ein +Altar+ vor, der diesen Namen aber erst gegen Ende des 18. Jahrh. allgemein erhielt. Einen gottesdienstlichen Charakter trägt er nicht, wohl aber einen dreiarmigen Leuchter und wo diese gebraucht wird, die Bibel und andere Sinnbilder, und dient zum Gebete und zur Ablegung des Gelübdes. Hier und da breitet sich über ihm ein Baldachin als Sinnbild des Himmels. Hauptsächlich aber bezeichnet er, zu dem 3 Stufen emporführen, den Ort, von dem aus die Loge geleitet wird.
Mit der Bibel und dem Altar bilden die +Säulen+ eine Dreizahl heiliger Dinge in der Loge und kommen selbst wieder in dreierlei Zahl vor.
„+Eine+ einzige Säule zeugt von verschwundener Pracht“,[11] d. h. das Bild einer oben abgebrochenen Säule am Altar der Loge im Lehrlingsgrad des rektifizierten Systems, mit der Inschrift „~Adhuc stat~“ (noch steht sie) versinnbildlichte ursprünglich den Untergang des Templerordens; in der Freimaurerei will sie sagen, daß ein edles menschliches Gebilde, wenn auch zum Teile gebrochen, doch unerschütterlich fortbestehe.
+Zwei+ Säulen stehen auf beiden Seiten des Eingangs zur Loge. Sie haben zu Vorbildern zwei eherne Säulen vor der Vorhalle des salomonischen Tempels; sie waren 18 Ellen hoch und trugen jede ein kupfernes Kapitell von 5 Ellen Höhe mit Schmuck von Lilien und Granatäpfeln. Zur Stütze dienten sie nicht, sondern nur zur Verzierung. Nach 1. Kön. 7,15-21 hießen sie, die zur Rechten +Jachin+ (der Herr wird dich aufrichten) und die zur Linken +Boas+ (in ihm [Gott] ist es stark oder: der Herr wird dich stärken). Dem Wortlaute gemäß ist in der Loge die erste der ein verkleinertes Abbild ihrer Vorbilder bildenden 2 Säulen dem Lehrlings- und die zweite dem Gesellengrade gewidmet. In vielen Lehrarten haben bei ihnen die beiden Aufseher oder Vorsteher ihren Platz. Die beiden Säulen stehen auch, ohne Stützen zu sein, im Dome zu Würzburg. Ob sie auch ein Vorbild der 2 Türme vieler Dome waren, wollen wir dahin gestellt sein lassen.
+Drei+ Säulen oder Pfeiler der Loge, die den Tempel der Humanität stützen, werden die drei Ideen Weisheit, Stärke und Schönheit genannt. „Weisheit entwirft, Stärke führt uns und Schönheit ziert.“ Dargestellt werden sie einmal durch die drei obersten Beamten, den M. v. St. und die beiden A. oder V., und sodann durch die drei Pfeiler, in der Mitte der Loge, die drei Kerzen tragen, durch welche die Loge erleuchtet wird, und den Teppich umstehen, indem sie einen rechten Winkel bilden. Oft wechselt übrigens die Stellung der Pfeiler sowohl als der beiden Ideen der Stärke und Schönheit unter sich; bald nimmt jene den zweiten, diese den dritten Rang ein, den ersten aber immer die Weisheit.
+Dreierlei Säulen+ hatten die alten Griechen, die sich mit den drei freimaurerischen Idealen vergleichen lassen: die dorische mit der Stärke, die ionische mit der Weisheit und die korinthische mit der Schönheit. Auch die neuere Zeit (vom Mittelalter an) weist drei hauptsächliche Kunststile auf: den romanischen, den gotischen und den der Renaissance, die sich wieder in eine Früh-, Hoch- und Spätrenaissance gabelt.
Aus dem N. T. kommt in Hochgraden das +Kreuz+ in verschiedenen Gestalten (Τ, +, ⧧, ×) und kommen die Namen Tabor und Golgatha vor, deren Bedeutung keiner Erklärung bedarf.
Bibel, Altar und Säulen sind also die Sinnbilder der Gegenwart in der Freimaurerei; mit ihnen ist der +Mystizismus+ der Vergangenheit, d. h. deren unsicheres, dunkles Tasten nach den Geheimnissen des Lebens (oder der Aberglaube) zur +Mystik+, d. h. zum bewußten Streben nach ihrer Lösung (oder zur Religion) übergegangen. Weiter, höher hinauf (~Excelsior~) muß die Zukunft führen.
~c~) Sinnbilder der Zukunft.
Aufgabe der Zukunft, deren Beginn wie bereits gesagt, nicht im nächsten Augenblick, sondern in ungeahnten Fernen liegt, muß es sein, aus bisherigen Dunkelheiten zur Klarheit, aus aufgedrängtem Glauben zur +Gewissensfreiheit+ und aus dem mystischen Tasten zu bestimmteren Vorstellungen von +dem+ zu kommen, was uns noch +Mysterium+ ist. Dann wird das, was die Religion bisher erfolglos anstrebte, die geistige +Einheit+ der Menschheit, unter dem Banner der +Humanität+ erfochten werden.
Dieses hehre Ziel hat nach unserer Auffassung zum Sinnbilde den +flammenden Stern+, das höchste und herrlichste, wiewohl bisher noch wenig verstandene Symbol der Freimaurerei. Sein Bild entwickelte sich aus der in der königl. Kunst überall sich wiederholenden Dreizahl. Das gleichseitige +Dreieck+ oder der Triangel, dessen Winkel zwei Rechten gleichkommen, bedeutete in verschiedenen Religionen die Gottheit. Es verbindet alle bereits (S. 10 ff. oben) erwähnten Dreiheiten. Da diese überall zu finden sind, da in der ganzen Natur aus dem männlichen und dem weiblichen Element das dritte, das Erzeugte, die Frucht, das Kind hervorgeht, bedeutet die Drei auch die Welt und damit das Weltbürgertum, dem die Freimaurerei entspricht.
Das Dreieck kann sich als Hexagramm verdoppeln:
[Illustration]
und als Enneagramm verdreifachen:
[Illustration]
Das +Hexagramm+, aus den verlängerten Seiten eines Sechsecks entstanden, ist von größerer Bedeutung. Das aufsteigende (△) Dreieck wird als Bild des Feuers, das absteigende (▽) als solches des Wassers, wagrecht durchschnitten jenes als das der Luft, dieses als das der Erde betrachtet, jenes auch als Bild des Männlichen, dieses als das des Weiblichen u. s. w. Kunstvoller ist das +Pentagramm+ ober Pentalpha, auch der Drudenfuß, das aus den Diagonalen eines oder aus der Verlängerung der Seiten eines Fünfecks, bis sie sich treffen, entsteht. Der zweite Name, Pentalpha, rührt daher, daß die Figur aus fünf Alphas (Buchstaben ~A~) besteht. Bei den Pythagoreern war es ein Gruß- und Erkennungszeichen, wobei fünf Buchstaben ὑγιέε, ~hygiée~, sei gesund) die fünf Ecken zierten. Es wird auch mit Salomos Siegel verknüpft, da der König es auf dem Grundsteine des Tempels angebracht haben soll. In Goethes Faust verhindert es, nach altem Aberglauben, auf die Schwelle gezeichnet, den Eintritt des Bösen, sofern nicht die Spitze nach außen offen ist.
[Illustration]
Nun kann sowohl das Hexa- als das Pentagramm den +flammenden Stern+ vorstellen, wenn ein ~G~ in der Mitte steht und zwischen seinen Spitzen Flammen hervorschießen. Er ist nach dem „Handbuch“ ein Sinnbild „des geistigen und sittlichen Lebens des Menschen, das sich zeigt im Lichte der Erkenntnis, in der Stärke des Willens und in der warmherzigen Bruder- und allgemeinen Menschenliebe.“ Nach dem Ritual +unserer+ Loge ist er ein Sinnbild für das +Ideal+. „Der Mensch, der sich in seinem Herzen ein Ideal gebildet hat, folgt ihm als seinem Leitstern durch das Leben; es ist ihm ein Ausfluß des göttlichen Lichtes der Wahrheit und der Vollkommenheit.“
Der Buchstabe ~G~ wird gewöhnlich auf +Geometrie+ gedeutet, nicht auf das trockene Fach der Meßkunst, sondern auf die Maßhaltung im Leben, wie Schauberg sagt, auf die sittliche Meßkunst und die sittliche Gesundheitslehre.
Der flammende Stern enthält alles, was wir von der Zukunft erhoffen, eine herrlich ausgebildete von allen Schlacken gereinigte Kunst, eine mit edlem Herzen erforschte Wissenschaft, eine uneigennützige, aus reinstem Gewissen hervorgehende Sittlichkeit, die alle guten Handlungen hervorrufen, alle bösen aber verscheuchen muß, und er ist also auch das Sinnbild einer aus diesen drei Tätigkeiten gebildeten höheren Religion.
Mit dem flammenden Stern zusammen wird gern der +Spiegel+ als Sinnbild der Selbsterkenntnis und damit auch der Welterkenntnis in Verbindung gebracht. Nicht der Spiegel, den die Eitelkeit liebt, in dem sich die Selbstsucht gefällt, sondern derjenige, in dem der Mensch seine Fehler erblickt, so daß er ihn befähigt, sie zu beseitigen und in allen Dingen nach Vervollkommnung seines Wesens zu streben. Damit ist viel verbunden, mehr als man gemeiniglich ahnt. Es ist die Verbesserung in allen Hinsichten.
Der Mensch soll sich nicht nur selbst erkennen, sondern auch selbst heilen, sein eigener Seelenarzt sein, die Unmäßigkeit und alles Ungesunde meiden, wie in Kunst und Wissenschaft, so auch im Leben. Frivolität, Obscönität auf der einen, süßliche Sentimentalität und Überzuckerung des Lasters auf der anderen Seite entstellen und verderben die Kunst; Unwahrhaftigkeit auf der einen, Versinken in unnützen Kram, der der Menschheit ewig fremd bleibt, auf der andern Seite, sind der Untergang der Wissenschaft. Gleichgültigkeit gegen Roheit und Gewalttätigkeit, Nachsicht gegen Schlechtigkeiten untergraben die Sittlichkeit ebenso sehr wie eigene schlimme Handlungen. Gesundheit und Reinheit sollen das Leben beherrschen, und daher soll der Freimaurer und jeder Edelmensch sich hüten, ein Übermensch oder ein Untermensch sein zu wollen, sich jenseits von Gut und Böse zu stellen, das Leben als einen Kampf um das Dasein, um das „Recht des Stärkern“ zu betrachten, sich zum Schaden Anderer ausleben zu wollen. Aber nicht nur passiv, auch aktiv soll er auftreten und kämpfen für alles Gute und gegen alles Böse, wie es ihm sein Gewissen eingibt. Dazu ist ja Anlaß genug vorhanden: Kampf mit aller Entschiedenheit gegen den Krieg, gegen den Zweikampf, gegen das Spiel um Geld, gegen den Alkoholteufel, gegen den Mißbrauch des weiblichen Geschlechts durch Prostitution und Mädchenhandel, gegen den Aberglauben, gegen ungesunde und unreine Vornahme jeder Art, dann gegen Unreinlichkeit als Quelle vieler Krankheiten, gegen unziemliches Verhalten mancher Kreise, gegen Mißbräuche in allen Verhältnissen. Solches und viel anderes, was uns zu weit führen würde, zu tun und zu lassen soll das Sinnbild des Spiegels lehren, der nicht nur ein Widerschein des ihn Betrachtenden, sondern ein solcher des ganzen Lebens und Treibens in der Welt sein soll, in dem sich alles spiegelt, was der Besserung bedarf und was der humane Mensch tun und lassen soll.
Als drittes Sinnbild im Bunde mit dem flammenden Stern und dem Spiegel im Lichte der Zukunft betrachten wir das der +Akazie+, des „heiligen Baumes“ der Freimaurerei. Sie stellt nach Schauberg „die ewig sich verjüngende Naturkraft, den nach dem Schlafe oder Tode der Natur stets wiederkehrenden Frühling, das unsterbliche Naturleben und zuletzt die Unsterblichkeit des Menschen dar“. Sie lehrt, wenn wir sie als Vertreterin der Naturkraft auffassen, was übrigens auch von jedem andern schönen Baume gilt, deren manche vielen Völkern heilig waren, den Menschen die Schönheit der Natur schätzen und damit für seine eigene geistige Schönheit besorgt sein. Sie lehrt die Gestirne und damit das unendliche Weltall, die Schönheit der Formen, die die Natur hervorbringt, das Wunderwerk des Menschen und seines Geistes bewundern, und damit auch über die unfaßbare Macht des A. B. d. W. staunend nachdenken. Sie lehrt also auch die Natur genießen, an ihr nicht gleichgültig vorübergehen, sie nicht verachten, vielmehr in den Schönheiten von Wald und Feld, von Blumen und Früchten, von Berg und Tal, von Seen und Meer schwelgen, und sie, wenn es die Anlagen gestatten, besingen, zeichnen und malen, jedenfalls aber preisen und dem Schöpfer dafür danken. Sie lehrt, Sonne, Mond und Sterne lieben, sich auch in deren Verdunkelung schicken und auf ihr Wiedererscheinen hoffen. Sie lehrt ferner die wahre Schönheit überall erkennen, edle Menschen nach ihrem Äußeren ergründen und schätzen, aus dem andern Geschlechte +die+ zu finden, die fähig ist, glücklich zu machen und Liebe mit Treue zu vergelten.
Durch alles was sie, richtig verstanden, oder was, wenn man will, irgend ein anderes Naturgebilde lehrt, wird die Erde zum Garten und der Mensch zum fröhlichen Gärtner, der die Seinigen freudig pflegt, für ihr Bestes sorgt und auch anderen Menschen ein treuer Freund wird.
So tragen fl. St., Sp. und Akazie bei richtigem Verständnis zum Glücke der Menschheit und zu einer besseren Zukunft bei.
Sie entsprechen zugleich den 3 freimaurerischen Idealen, der fl. St. der Weisheit, der Sp. der Stärke und die Akazie der Schönheit, sowie den edelsten Tätigkeiten des Menschen, die aus dessen Wesensseiten hervorgehen, die Wissenschaft aus dem Geiste, die Moral aus der Seele, die Kunst aus der Natur.
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Übersicht der wichtigsten freimaurerischen Sinnbilder siehe folgende Seite.
Übersicht der wichtigsten freimaurerischen Sinnbilder.
Licht | ------------------------------------------- +um+ uns: +in+ uns: +über+ uns: +Menschheit.+ +Gewissen.+ +Gottheit.+ Sinnbild: Zirkel (Men- Winkelmaß Hammer (Macht schenliebe) (Rechttun) zum Guten)
Zeitraum: Vergangenheit Gegenwart Zukunft Mystizismus Mystik Mysterium (Aberglaube) (Religion) (Humanität)
Weisheit Sphingen Bibel Flammender Geist -- Stern Wissenschaft.
Stärke Pyramiden Altar Spiegel Seele -- Moral.
Schönheit Obelisken. Säulen. Akazie. Natur -- Kunst.
Tempel der Menschheit | ------------------------------------------- Entspre- | Vorhof Inneres Allerhei- chend | ligstes Graden | (+Lehrlinge+) (+Gesellen+) (+Meister+) (in ei- | +Erde+ +Mond+ +Sonne+ nem hö- | hern < (Lichtloses, (Beleuchte- (Selbst- Sinne) | beleuchtetes tes und leuchten- und den | Gestirn) leuchten- des Gestirn Gestir- | des Gestirn) nen:[12] |
[7] Wir verweisen bezüglich des nähern Nachweises auf unser „Buch der Mysterien“, 3. Aufl., Leipzig 1890, S. 10-26.
[8] Über diesen handelt des Verf. Buch „Aus Loge und Welt“. Berlin (Franz Wunder) 1905, S. 66-102.
[9] Angeregt in des Verf. Buch „Kulturgeschichtliche Skizzen“. Berlin 1889. S. 239-260.
[10] Für das Nähere siehe Handb. der Freimaurerei, Art. Salomos Tempel und Schauberg, Symbolik II. S. 125 ff.
[11] Des Sängers Fluch von Uhland.
[12] Nähere Erklärung folgt im 10. Kapitel.
Dritter Abschnitt.
~Die Höhen der Symbolik (Weisheit).~
9. Die Meister.
Welch ein Gefühl mußt du, o großer Mann, bei der Verehrung dieser Menge haben!
+Goethe+, Faust I.
~a~) Die Meister der Legende.
Der Name „Meister“ (~master~, ~maître~, ~maestro~) war zu allen Zeiten und bei allen Völkern, seitdem er besteht, ein hoher und geachteter und zierte die größten Gelehrten und Künstler, während das lateinische Wort, aus dem er entstand (~magister~) eine Bezeichnung für untergeordnete Schullehrer blieb. Doch wurde davon stets auch der bescheidene Handwerksmeister unterschieden. In der Freimaurerei kam er erst nach, doch bald nach der Gründung des Bundes (um 1723-25) in Gebrauch. Doch erhielt er auch hier einen höhern Rang durch die Bezeichnung der Vorsitzenden einzelner Logen (Meister vom Stuhl) und der Großlogen (Großmeister in Annahme des obersten Titels der Ritterorden).
Es ist nicht zu verwundern, daß die freimaurerischen Schriftsteller der ersten Zeit des Bundes, die keine Geschichtforscher waren, einem damals noch seit einigen Jahrhunderten beliebten Gebrauche huldigten, Geschlechtern und Gesellschaften einen Ursprung aus grauer Vorzeit anzudichten. Kaiser und Könige erhielten damals künstliche Stammbäume aus dem trojanischen Kriege und anderswoher, sogar mit Bildnissen von Ahnen, die nie gelebt haben, worin man damals durchaus keine Lüge oder Aufschneiderei, sondern lediglich eine angemessene Huldigung erblickte. Da wollten denn die freimaurerischen Schriftsteller nicht zurückbleiben und ernannten aus eigener Machtvollkommenheit um das Jahr 1730 den vor bald 3 Jahrtausenden gestorbenen König +Salomo+ (s. oben S. 79 ff.) zu ihrem ersten Großmeister. So entstand damals, ähnlich wie ein Vierteljahrtausend vorher in der Schweiz die Tellsage, die maurerische +Hiramlegende+. Sie knüpfte sich an den Tempelbau Salomos, von dem man nach der Erzählung der Bibel eine übertriebene Vorstellung hatte, während er sich mit neueren Bauten, wie dem Dom von Köln, der Paulskirche in London und gar der Peterskathedrale in Rom bei weitem nicht vergleichen ließ. Die bekannte Prachtliebe Salomos bot dazu willkommene Handhaben. Welche Quellen zur Schöpfung dieser Mythe gedient haben ist unbekannt.
Die Bibel kennt im ersten Buche der Könige zwei Männer Namens +Hiram+; der eine war König der phönikischen Stadt Tyros (1. Kön. 5, 1 ff.) zur Zeit Davids und Salomos, dem er Holz der Zedern aus dem Libanon zum Baue des Tempels gegen Öl und Weizen überließ, der andere (1. Kön. 7,13 ff.) Sohn eines Tyriers und einer Witwe aus dem Stamme Naphthali, ein Erzarbeiter und als solche Verfertiger der zwei berühmten Säulen (oben S. 81 f.), des großen Wasserbeckens, das bei Luther „gegossenes Meer“ heißt, und anderer eherner Geräte des Tempels. Auf diesen Grundlagen bauten schon die älteren Maurer, vor der Entstehung des Freimaurer-Bundes, ihre Handwerkssagen seit dem 15. Jahrh., indem sie die Namen verwirrten und im 16. Jahrh. glücklich einen gleichnamigen Sohn des Königs Hiram von Tyros herausbrachten, der Oberbaumeister beim Tempelbau gewesen wäre, und nannten ihn Hiram Abif, nach der späteren Bearbeitung der Königsgeschichte, der sog. Chronik, II. Buch, 2. Kap., 11 ff., wo er Huram Abi heißt, Sohn einer Frau aus dem Stamme Dan und außer in Erz, auch in Bearbeitung von Steinen und Holz gewandt ist. Andersons Konstitutionenbuch (1723) legte den Namen fest, und seitdem nannten sich die Freimaurer gern „Söhne der Witwe“. In einem französischen Freimaurer-Werke heißt der Baumeister Adoniram (Adon Hiram) oder Adoram.
Die Legende von Hiram kam 1724 im Meistergrade zur Anwendung, erhielt aber erst 1738, in welchem Jahre dies Anderson erwähnt, durch den Tod Hirams ihren Abschluß. Danach hatte sie nun folgenden Verlauf:
Als oberster Meister des Bundes der Bauleute, nach dem Könige Salomo, erteilte Hiram das geheime Meisterwort nur jenen Gesellen, die sich dieser Ehre würdig erwiesen. Unter den Gesellen befanden sich aber drei, die nach dieser Ehre begierig waren, aber, da sie ihrer nicht teilhaftig wurden, sie sich durch Gewalt zu verschaffen beschlossen. Sie besetzten, als Hiram im Tempel war, die drei Tore im O., S. und W., und einer nach dem andern verlangte von Hiram, als er sich entfernen wollte, das ersehnte Wort. Da dieser sich weigerte, es mitzuteilen, wurde er im O. von dem ersten der Verbrecher mit einem Maßstabe, dann, da er gegen S. floh, vom zweiten mit einem Winkelmaß verwundet und endlich im W. vom dritten mit einem Hammer erschlagen. Die Verbrecher verscharrten den Leichnam heimlich und verbargen sich in einer Felsenhöhle. Der ergrimmte König aber ließ nach ihnen fahnden. Die Späher gelangten endlich an die Höhle, aus der sie Stimmen vernahmen, die klagten, die erste: „o wäre mir der Hals durchschnitten“, die zweite: „o wäre mir das Herz aus der Brust gerissen“, und die dritte: „o wäre mein Leib entzwei gehauen“. Da wurden sie ergriffen, und jedem geschah, wie sein böses Gewissen es gewünscht hatte. Salomo ließ nun auch nach dem Leichnam suchen; endlich entdeckten die Ausgesandten ihn, und von da an wurde das Wort des Entsetzens, das sie beim Anblicke des Opfers seiner Pflichttreue äußerten, an Stelle des seit seinem Tode vergessenen zum neuen Meisterworte angenommen. Auf das Grab Hirams aber und auf das eines verdienstvollen Meisters wird (in einigen Lehrarten) der heilige Baum, die +Akazie+ gepflanzt. (s. oben S. 87 f.).
Welche Rolle diese Sage im III. Grade spielt, wissen die Meister. Sie ist aber je nach System und Ritual verschieden und dürfte noch mehr vereinfacht werden, als sie dies in +unserer+ Loge bereits ist.
Wenn auch der spät vorkommende Name Adoniram unleugbar eine Verbindung des Namens Hiram mit dem hebräischen Adonai (der Herr) oder dem phönikischen Halbgotte (Sonnenheros) +Adonis+ ist, so kann daraus doch nicht eine Ableitung der noch nicht 200 Jahre alten Sage vom Tode Hirams aus der antiken Mythe gefolgert werden, die den Sonnengott auf verschiedene Weise, wie er es ja scheinbar tut, untergehen und wieder auferstehen läßt, wie es Schauberg am Schlusse seines Werkes mit erstaunlicher, aber zu weit hergeholter Gelehrsamkeit tat. Die Hiramsage ist einfach eine in die Vergangenheit zurück versetzte Erklärung des Meisterwortes und der Erkennungszeichen aller 3 Grade und zugleich eine Feier der Pflichttreue und eine Äußerung des Abscheues und der Empörung gegen Verräterei und Untreue. Allerdings wünscht der Freimaurer-Bund selbst dem Verräter keine barbarischen Strafen, sondern überläßt ihn seinem Gewissen.
~b~) Die Meister der Wirklichkeit.
In den Fragestücken 19 bis 21 des Lehrlings-Katechismus wird gesagt, die 3 „kleinen Lichter“ der Freimaurerei seien die 3 Kerzen im Umrisse des länglichen Vierecks im O., W. und S. Sie stellen die Sonne, den Mond und den Meister vom Stuhl vor, und zwar deshalb, weil die Sonne den Tag, der Mond die Nacht und der M. v. St. die Loge regiere. Der altenglische Kat. fügt bei: „oder sollte es tun,“ und gibt damit dem M. v. St. eine Lehre, seine Pflicht zu erfüllen. Im System der Gr. L. L. von Deutschland (in Berlin) wird neben das Regieren noch das „Erleuchten“ gesetzt. Hier haben wir also zwei gegensätzliche Auffassungen, dort ein Mißtrauen in den M. v. St., hier dessen Überhebung, als erleuchte er allein die Loge „durch seinen weisen Rat“. Diese widersprechenden Äußerungen zeigen nach unserer Ansicht, wie ungeschickt die Zusammenstellung zweier Gestirne und eines Menschen ist; so „sinnig“ man sie auf den ersten Blick auch finden mag. Sonne und Mond sind Weltkörper, die so sind, wie sie ihrer Natur nach sein müssen, sie sind den Menschen der Erde gegenüber unabänderlich und könnten eine Änderung nur durch die Allmacht erleiden. Während sie sich sonach aller Kritik entziehen, ist der M. v. St., den ja die Loge wählt, von vornherein der Kritik unterworfen, tritt sein Amt an und wieder ab, während die Gestirne das ihrige in Ewigkeiten fortführen, -- Ewigkeiten wenigstens für unsern Verstand. Sonne und Mond sind keine kleinen Lichter, sondern für unsere Erde geradezu die größten mit Sinnen wahrnehmbaren, denen zwar die idealen Lichter überlegen sind, die aber ohne die wahrnehmbaren nicht da wären, weil die Menschheit ohne sie in Dunkel und Kälte versunken wäre und daher auch keine geistigen Lichter erfassen könnte. Seien wir daher aufrichtig, bekennen wir unsere Unvollkommenheit, setzen wir uns nicht großartigen Erscheinungen der Natur gleich und nennen wir Sonne und Mond schlichtweg Gestirne und den M. v. St. schlichtweg einen Menschen. Einen Menschen zumal, dem es nicht +allein+ zusteht, die Loge zu regieren, oder gar zu erleuchten; dazu sind auch die anderen Brr. da, aus denen er hervorging und in deren Mitte er wieder zurückkehrt. Ohnehin passen die sog. 3 kleinen Lichter nicht in die Bildersprache der Freimaurerei. Diese setzt Bilder, wie z. B. Hammer, Winkelmaß und Zirkel, an die Stelle von Ideen; Sonne und Mond aber werden nicht als Bilder für Ideen, sondern einfach als leuchtende Gestirne behandelt, ebenso der M. v. St. lediglich als einer unserer Brüder, dem wir ein besonderes Vertrauen entgegenbringen.
Demgemäß erscheint es natürlicher, menschlicher und daher auch maurerischer, wenn der M. v. St. sein Vorbild nicht in Sonne und Mond, sondern in großen Männern erblickt, die für ihre Zeit ebenfalls Meister, wenn auch nicht vom Stuhl, doch vom Segen der Menschheit begleitete waren. Als Nacheiferer solcher großen Menschen und Meister ihrer Zeit hat der M. v. St. wahrhaftig einen höheren Beruf als wenn er sich mit Sonne und Mond zusammenstellen läßt.
Führen wir einige dieser Lichter der Menschheit als Beispiele an.