Part 7
Die irdischen „Göttersöhne“ erscheinen völlig menschlich, und so wird auch Jahve, das Haupt der himmlischen Göttersöhne, nach der Schöpfung ganz menschenähnlich, nicht wie ein Gott, sondern wie ein Heilbringer dargestellt, ja noch in dem spät entstandenen Buche Hiob, in dem er wie ein Held und Kämpfer auftritt. Diese Menschlichkeit dauert an; Jahve wandelt im Paradies in der Kühle des Tages, spricht mit Adam, Eva, Kain, Noah, Abraham, Jakob, Moses u. s. w. und verkehrt noch mit König David durch Nathan. Er ist der besondere Gott des Volkes Israel, das ferne davon ist, die Götter anderer Völker nicht für wirklich zu halten, ja sogar sich zeit- und teilweise diesen zuwendet (wie dem Baal und Moloch der Phöniker).
Dies ändert sich aber um das Jahr 760 v. Chr. durch +Amos+, den ersten der zeitlich bestimmbaren Propheten. Seitdem entwickelt sich Jahve vom Gotte eines Volkes zum Gotte der damaligen Welt, d. h. der Erde, vom Eingotte zum Alleingotte. An die Stelle des Namens Jahve tritt der früher als Mehrzahl, jetzt als Einzahl geltende: Elohim. Es ist jetzt ein Plural der Majestät. Elohim ist zwar immer noch ein Gott seines Volkes, aber der einzige Gott, mit Ausschluß aller übrigen, die nur noch Götzen sind.
Mit dem +Christentum+ änderte sich dieses neuerdings. Der sein Volk bevorzugende Gott wird zu einem Gotte der Menschheit, der keinen Unterschied der Völker mehr kennt. Aber -- er ist immer noch ein bloßer Gott der +Erde+, der nun +diese+ vor allen übrigen Weltkörpern bevorzugt, was darin seinen Gipfelpunkt erreicht, daß er ihr seinen Sohn sendet. Denn es wird bei dieser Anschauung angenommen, daß die Menschen der Erde die einzigen denkenden Wesen im Weltall und die übrigen Weltkörper nur um der Erde zu leuchten da seien. Nach den ungeheuern Fortschritten der Astronomie seit Kopernikus ist diese Auffassung unhaltbar geworden. Es gibt Millionen Sonnen mit wahrscheinlich undenkbar vielen Planeten, auf denen organisches Leben, auch mit Steigerung zum Denken, besteht, bestand oder bestehen wird. Solche der Erde allein zuzuschreiben, ist entweder keck oder kindisch, sonst wäre ja die ganze Sternenwelt nur wesenloser Schein!
Seitdem besteht eine unausfüllbare Kluft zwischen den Kirchen, die immer noch an einem Gott der Erde hängen, wie das Dogma von der Dreifaltigkeit drastisch zeigt, deren zweite Person ja nur der Erde angehört, und der aufgeklärten Menschheit, die nach einem Gotte der +Welt+ (im +wahren+ Sinne, nicht im Verstande von Erde) verlangt. Die +Freimaurerei+ steht auf +diesem+ Standpunkte; denn sie nennt Gott den +allmächtigen Baumeister der Welt+ oder auch: +aller Welten+. Sie fragt aber keinen Bruder nach seiner persönlichen Vorstellung von Gott, sondern überläßt dies ihm und seinem Gewissen. Sie verlangt daher auch keinen Glauben an einen +persönlichen+ Gott, sondern läßt auch +dem+ Gerechtigkeit widerfahren, der den Begriff „Person“ für viel zu beschränkt und eng begrenzt hält, um ihn dem +unfaßbaren Geiste+ beizulegen, der das unendliche Weltall in seiner wunderbaren Ordnung erhält und unzweifelhaft über jeder Vorstellung hoch erhaben ist, die sich die kindlichen Menschen der Erde von ihm zu bilden vermögen! --
Es ist ja gar nicht anders möglich! Diejenigen Weltkörper, welche denkende, d. h. menschenartige Wesen hervorzubringen vermögen, tun dies ihrer Natur gemäß, und diese ist notwendig verschiedenartig. Solche menschenartige Wesen sind daher auf den verschiedenen Weltkörpern untereinander eher unähnlich als ähnlich. Gott anthropomorphisch, d. h. mit Eigenschaften, wie sie die Menschen der Erde besitzen, sich vorzustellen, ist gewiß ein Recht frommer, aber dem Weltenbau fremder Seelen; wissenschaftlich ist es nicht. Gott ist ein Geist; eine Gestalt und solche Eigenschaften wie die Menschen kann er nicht haben, weil er keinen Körper hat, wenn nicht das Weltall selbst diesen bildet. Dann ist er aber eben für Menschenverstand unfaßbar, und wir müssen uns bescheiden zu sagen: +Er ist der Geist der Welt+; mehr können wir nicht, wenn wir uns nicht in bodenlose Phantasien verirren wollen!
~b~) Der ewige Osten.
Von +Osten+ kommt das Licht, von Osten erhebt sich die Sonne, uns zu erleuchten und zu wärmen, von Osten kam die Leuchte der Kultur zu uns, von Osten wird die Loge erleuchtet und geleitet. Von Osten kommt +Ostern+, und zu Ostern erwacht die Natur zu neuem Leben und berichtet uns die ehrwürdige Überlieferung die Auferstehung eines der größten Geister, für die Meisten unter uns des größten unter allen, weil des reichsten an Liebe. Weil also von Osten das Licht, das Leben und die Liebe kommen, nennen die Freimaurer auch den unbekannten, rätsel- und geheimnisvollen Ort, wohin +die+ gehen, für die auf der Erde Licht, Leben und Liebe aufgehört haben zu leuchten und zu blühen, -- +den ewigen Osten+. Denn weil alles Leben von ihm kommt und wieder zu ihm zurückkehrt, ist er ewig wie der keinen Anfang und kein Ende kennende Kreis der Ewigkeit, der ewige Kreislauf des Lebens der Welt und des Wirkens Gottes.
Der ewige Kreislauf alles Lebens, der sich offenbart in der ewigen Wiederkehr der Sonne am Morgen und der des Mondes und der Sterne am Abend, des Aufkeimens der Pflanzenwelt im Frühling, der Verwandlung der Insekten aus mühsam kriechenden in lustig fliegende Wesen hat seit den ältesten Zeiten und bei fast allen Völkern die Menschen dahin geleitet, wie für die gesamte Natur, so auch für das Leben jedes Einzelnen eine Auferstehung nach dem Tode zu erwarten. Nicht zu leugnen ist, daß neben diesen Beobachtungen zuerst auch die Selbstliebe des Menschen, später die große, gar zu oft übertriebene Ansicht von der Wichtigkeit seines Ich bestimmend auf sein Verlangen, nach dem Tode fortzuleben, eingewirkt hat, während in edler entwickelten Naturen an die Stelle dieser Stimmungen eine uneigennützige Hoffnung auf ein Wiedersehen mit den vorangegangenen Lieben und ein besseres Dasein der Geister überhaupt nach dem Willen Gottes trat. Träume im Schlafe vom Wiedersehen mit Verstorbenen trugen ebenfalls das ihrige dazu bei. Alle diese Umstände zusammen genommen erklären es, warum sämtliche Religionen ihren Vorstellungen vom Fortleben nach dem Tode, oder, wie es kurz ausgedrückt wird, ihrem +Jenseits+ ein durchaus +sinnliches+ Gepräge geben, als ob es sich von selbst verstände, daß die Seele nach ihrer Trennung vom Körper einen neuen, wenn auch leichtern und zartern Leib erhielte, wodurch? wird niemals erklärt werden, weil es nicht erklärt werden kann.
Der Begriff des „Wiedersehens“ schließt offenbar ein Sehen und das Sehen Augen in sich. Mit einem bloß geistigen Sehen würde sich schwerlich ein Jenseitsgläubiger befriedigt fühlen, abgesehen von der Unklarheit dieses Begriffes. Damit ist auch die Religion nicht zufrieden, indem sie sogar eine „Auferstehung des Fleisches“ lehrt. Wo die Seele zwischen dem Tode und dieser Auferstehung weile, ist ein -- Geheimnis. Es ist auch unklar, von wem bis dahin die Orte des Jenseits bevölkert würden. Die römische Kirche füllt diese Lücke mit dem Fegfeuer aus, ohne zu erklären, wie körperlose Seelen von einem Feuer gebrannt werden können. Diese Bedenken hielten aber den großen, mit riesenhafter Phantasie begabten Dante und andere Jenseitsschilderer nicht ab, schon zu ihren Lebzeiten Hölle, Reinigungsort und Himmel (Paradies) bereits ziemlich angefüllt darzustellen. Manche Völker suchten sich den Zwiespalt zwischen der Trennung von Seele und Körper und sinnlichem Jenseits dadurch zu erklären, daß sie als das Fortlebende den Atem oder Schatten des Menschen betrachteten; manche auch ließen Pflanzen und Tiere nach ihrem Absterben im Jenseits fortleben, andere wieder nahmen im Menschen 2, 3, 4 Seelen an, deren jede eine besondere Bestimmung habe. Nicht selten ist der Glaube an eine zeitweilige Abwesenheit der Seele vom Leibe, eine öfter wiederholte Trennung beider. Dieser Glaube hat als Aberglaube die bizarrsten Auswüchse krankhafter Phantastik erzeugt, wie die Sagen von Doppelgängern, vom „zweiten Gesicht“, Fernwirkungen, Todesverkündigungen, Ekstasen, Verzückungen und anderes. Der Widerspruch, daß ein Leben zwar einen Anfang, aber kein Ende haben, also zugleich endlich und unendlich sein soll, sucht die in Indien besonders lebhaft ausgeschmückte Lehre von der +Seelenwanderung+ zu lösen, nach der die Seele nach dem Tode unbekannt wo weilen und nach geraumer Zeit in einem neuen je nach ihrem Verdiente tierischen oder menschlichen Körper wieder geboren werde und so ohne Anfang und Ende. Nur das seligen Geistern vorbehaltene +Nirvana+ (wörtlich: Auslöschen) befreit davon.
Der Aberglaube an Geistererscheinungen fußt natürlich auf dem Glauben, daß der Abgeschiedene seine Gestalt behalte, der an Spuk darauf, daß ihm auch seine physischen Kräfte gewahrt bleiben, beide darauf, daß die Seele an oder nahe bei ihrem Aufenthalte im Leben verweilen müsse, bis sie erlöst würde.
Der +Ort+ des Jenseits macht die buntesten Phantasien durch. Man kennt Eingangstore zum Totenreiche, so zum griechischen Tartaros, zum römischen Orkus; im deutschen Volksglauben führen verschiedene Stellen durch Sümpfe, Höhlen u. s. w. dahin. Naturvölker fabeln von Abenteuern, die der Tote auf seiner Reise ins Jenseits zu bestehen habe; er muß steile und schlüpfrige Berge, haarschmale Brücken, Abgründe, reißende Ströme, Meere u. s. w. überwinden. Es wird auch erzählt, daß Seher, Häuptlinge u. dergl. dort gewesen und auf die Erde zurückgekommen seien. Das Jenseits liegt je nach dem Volksglauben in hohlen Bergen, unter der Erde, auf entfernten Inseln, über Meeren, natürlich meist im Westen, weil die Sonne dort untergeht, daher auch eine Unterwelt besonders oft angenommen wird. Unser Zeitgenosse, Prof. Bautz in Münster versichert, die Hölle liege unter der Erdoberfläche und die Vulkane seien ihre Schlote. Weit poetischer verlegen Naturvölker ihr Jenseits auf Sonne, Mond oder Gestirne; Wilmershof (1866) suchte das für die Erdbewohner auf der Venus! Der Himmel ist vielfach bevorzugt, natürlich soweit man an ein Himmelsgewölbe glaubt. Manche Völker sind auch mit den Wolken zufrieden. Fischervölker wünschen ein Land mit viel Wasser, Jägervölker ein solches mit viel Wild, Nomaden eines mit herdenreichen Fluren oder Steppen, also einfach eine Fortsetzung des irdischen Lebens.
Allgemein erwartet man im Jenseits eine +Belohnung+ der guten und eine +Bestrafung+ der bösen Taten. Darüber soll das +Weltgericht+ entscheiden, -- eine Übertragung menschlicher Verhältnisse auf das Jenseits; wie aber über diejenigen entschieden werde, die sich nach dem Glauben ihrer Bekannten schon jetzt in Himmel oder Hölle befinden, weiß niemand! Natürlich beruht diese Vorstellung auf der Ansicht, daß die Erde die Welt sei, die Erwartung von Lohn und Strafe aber auf selbstsüchtigen oder mißgünstigen Meinungen, oder etwa auf Gerechtigkeitssinn? Bei wem ist denn etwa dieser unfehlbar?
Im Gegensatze zu diesen mannigfachen Vorstellungen vom Jenseits gab es eines der höher zivilisierten Völker, das +keine Fortdauer+ der Seele nach dem Tode annahm. Es waren dies dieselben +Israeliten+, bei denen der Glaube an Einen, alleinigen Gott seinen Ursprung hatte. Selbst orthodoxe Theologen geben zu, daß im A. T. bis zur Wegführung der Juden nach Babylon sich keine Lehre über eine Fortdauer nach dem Tode finden lasse. Der Grund davon kann kein anderer sein als der, daß sich zu diesem Glauben kein Bedürfnis zeigte. Das Wort +Scheol+, worin man eine Art Jenseits, eine Unterwelt suchte, zeigt in allen Zusammenhängen, daß damit +das Grab+ gemeint ist. Nach der Rückkehr aus Babylonien erst, ohne Zweifel durch Einwirkung der +persisch-zoroastrischen Lehre+, nahmen die Juden eine Vorstellung vom Jenseits und zwar gleich eine recht ausgeschmückte an.
Es läßt sich nachweisen, daß die Lehren vom letzten Gerichte, von der Auferstehung der Leiber, von den Engeln und Teufeln und selbst vom +Messias+ (pers. Sosiosch) von den Persern zu den Juden und von diesen zu den Christen gewandert sind. Seitdem bevölkerten sich der +Himmel+ (Abrahams Schoß genannt) und die +Hölle+ (Gehenna) außer jenen guten und bösen Geistern mit den Seelen der guten und bösen Menschen, welche Vorstellung die Masse des Volkes noch heute beherrscht.[14]
Die Freimaurerei hat sich niemals über Einzelheiten des Unsterblichkeitsglaubens ausgesprochen, sondern die Ansichten über diesen Begriff, der ja an soviel Unklarheit und Widersprüchen leidet, den Brüdern freigegeben. Man kann ebensogut ein wackerer Mensch und treuer Bruder sein, wenn man unter Unsterblichkeit das Andenken bei den lieben Hinterlassenen und den Ruhm bei der Mit- und Nachwelt versteht, wie wenn man an Himmel und Hölle, Engel und Teufel glaubt (doch dürfte der Glaube an die bösen Geister und ihr Reich unter den Brrn. sehr dünn gesät sein, trotz der Freundschaft zu Satan, die uns unsere Feinde lächerlicherweise andichten); denn es bedarf zu dem Verzicht auf ein „ewiges“ Leben einer starken Seele und eines unabhängigen Geistes. Dessenungeachtet ehrt die Freimaurerei den Begriff der Unsterblichkeit hoch und nimmt dies auch von den Brrn. an. Mit der Außenwelt teilt sie daher auch das Sinnbild der Ewigkeit (Gottes und der Welt) in der Gestalt des eine sich in den Schweif beißende Schlange vorstellenden +Ringes+, ohne es bei besonderem Anlasse anzuwenden. In diesem Sinnbilde liegen zugleich Weisheit, Stärke und Schönheit, nämlich Weisheit im Glauben an die Ewigkeit des Allgemeinen, des Wahren, Stärke in dem an die Ewigkeit des Guten und Schönheit in der Form des Ringes selbst, der schönsten, die es gibt. Das Sinnbild ist in der Tat sehr alt und bei allen höher strebenden und tiefer fühlenden Menschen geehrt. Weil es ohne Anfang und Ende ist, liegt darin alles enthalten, was es Wahres, Gutes und Schönes gibt.
Und so schließen wir mit diesem Ringe der Ewigkeit unsere kurz gefaßten Betrachtungen über die Sinnbilder der Freimaurerei, indem wir hoffen, daß unsere Abweichung von einigen bisher geläufigen, aber nach unserer Überzeugung veralteten Anschauungen, als im Interesse der Freimaurerei selbst vorgebracht, mit brüderlicher Nachsicht beurteilt werden möchte.
Es folgt noch, der Vollständigkeit wegen, ohne einzelne Sinnbilder zu berühren, eine kurze Darstellung der verschiedenen freimaurerischen Systeme oder Lehrarten.
[13] +Breysig+, Die Entstehung des Gottesgedankens und der Heilbringer. Berlin 1905. +Gunkel+, Schöpfung und Chaos. Göttingen 1895.
[14] Über diese Gegenstände handelt ausführlicher des Verf. Buch „Das Jenseits“. Leipzig 1881. S. 1 ff. und 80 ff.
12. Die Lehrarten.
Immer höher muß ich steigen, immer weiter muß ich schaun.
+Goethe+, Faust II.
~a~) Die englischen Lehrarten.
Unter Lehrarten oder Systemen versteht man in der Freimaurerei die Art und Weise, wie in einem Lande oder an einem Orte die Freimaurerei gelehrt und durch Sinnbilder dargestellt wird.[15] Da die Freimaurerei (wie in unserer Schrift „~Adhuc stat~“, eingehender in den Geschichten der Freimaurerei gezeigt wird) ihre Heimat in England hat, so ist natürlich die +englische+ Lehrart die älteste.[16] Ihre erste Einrichtung beruht auf dem von dem Prediger ~Dr.~ James +Anderson+ im Jahre 1723 verfaßten Gesetzbuche, „Konstitutionenbuch“ genannt. Es war gerade die Zeit, in welcher die Werkmaurer, die die englische Großloge 1717 gegründet hatten, aus den leitenden Beamtenstellen verschwanden und durch Adelige und Gelehrte ersetzt wurden. Die Londoner Brüder waren jedoch nicht die einzigen im Lande; schon 1725 entstand in +York+ eine eigene Großloge, die beinahe das ganze 18. Jahrhundert hindurch eigene Logen leitete, doch ohne die von London aus gestifteten zu behelligen. In demselben Jahre erscheinen hier die +drei Grade+ zum ersten Male, und im Jahre 1730 trat der erste freimaurerische Katechismus an das Tageslicht. Es wurden bald darauf an der Stelle der bisherigen weißen Gleichförmigkeit in der maurerischen Kleidung für die Großbeamten farbige Unterschiede im Besatze der Schurze und in den Bändern eingeführt. Auch der Einheit des Bundes drohte in der nächsten Zeit eine Gefahr, nicht von der Großloge in York, sondern von einer neuen, die sich 1751 vorzüglich aus Irländern bildete und deren Mitglieder sich ~Ancient Masons~, Alte Maurer, nannten, weil sie die alte echte Freimaurerei herzustellen beabsichtigten. Seitdem nannte man die früher entstandene Großloge die der Neuen Maurer (~Modern Masons~). Die sog. Alten Maurer hatten bis 1756 keinen adeligen Großmeister, wählten sich aber dann ebenfalls einen solchen. Beide Körperschaften lebten indessen im Frieden miteinander. Beide auch führten in den vierziger Jahren eine neue Abweichung vom alten Freimaurertum ein, nämlich den über den ersten 3 Graden stehenden „Royal Arch-Grad“ (Grad des königlichen Gewölbes), den ersten Keim des unseligen Hochgradwesens. Erst in den Jahren 1809 bis 1813 vereinigten sich die beiden Großlogen zu einer einzigen auf der Grundlage der +vier Grade+, mit Ausschluß aller „höheren“ oder der sog. Ritterorden. Dagegen setzte die 1736 gestiftete Großloge von Schottland an die Stelle des Royal Arch die beiden „Markgrade“ (die später in einen verschmolzen), und die von Irland (1731) anerkannte gleich eine ganze Menge von Hochgraden, sogar von Tempelrittergraden, doch ohne ihnen als solchen den Zutritt in die Logen der 3 alten Grade zu gestatten.
Schon früh, jedoch ohne alle diese Zutaten, fand sowohl das alt- als das neuenglische System Eingang in +Deutschland+, und zwar in dreierlei Gestalt: 1. in +Frankfurt+ am Main 1742, wo die dortige englische Gründung (die spätere Loge zur Einigkeit) wacker gegen die damaligen ritterlichen und hochgradigen Verirrungen Stand hielt und sich 1783 zum +Eklektischen Bunde+ entwickelte, der sich erst 1822 von der englischen Großloge trennte und zur selbständigen Großloge wurde. Seit 1844 ist hier die seit 1811 bestandene Ausschließung der Nichtchristen wieder aufgehoben, aber 1846 trennten sich vom Bunde die hessischen Logen und errichteten eine eigene Großloge in +Darmstadt+. 2. In +Berlin+ arbeitete Ignaz Aurelius +Feßler+ (1756-1839), der frühere österreichische Kapuziner, das Ritual der Loge „+Royal York+“ um 1800 in englischer Weise um, wobei an die Stelle höherer Grade ein Innerer Orient mit „Erkenntnisstufen“ höheren moralischen Gehaltes trat. Nach der Erhebung jener Loge zur Großloge verbreitete sich deren Ritual nicht nur über ihr Gebiet, sondern auch über andere Orte Deutschlands; doch fanden mehrfache Abänderungen statt, und an die Spitze der Inneren Oriente trat ein Innerster Orient; 3. In +Hamburg+ wurde 1801 durch Friedrich Ludwig +Schröder+ (1744-1816) das Gebrauchtum der dortigen Großen Loge durch Abschaffung aller Hochgrade verbessert und alles, was über den 3. Grad hinausging, in dem +Engbund+ mit kritisch-historischem Charakter vereinigt. Dieses dem englischen nachgebildete System ist das der Großlogen von Hamburg und Sachsen und auch außerdem mehrfach verbreitet. Der Engbund hat jedoch seine Bedeutung längst eingebüßt, und sein Inhalt gehört der öffentlichen wissenschaftlichen Forschung an.
Im Hergange der Gebräuche unterscheiden sich die beiden englischen Systeme wesentlich nur durch die Stellung der beiden Aufseher (s. oben S. 6). Das neuenglische anerkennt 3 große Grundsätze: Bruderliebe, Hilfe und Treue, als die 3 großen Lichter die sonstigen 3 kleinen, und die sonstigen 3 großen L. bloß als die Logengeräte. Die 3 Umführungen werden nicht als Reisen (da ja Lehrlinge noch nicht reisen), sondern nur als Vorbereitungen zur Aufnahme betrachtet. England kennt weder die Elementarproben, noch Hut und Handschuhe in der Loge, auch die Kette nicht mehr, was alles aber in den deutschen Übernahmen der englischen Systeme gebräuchlich ist. -- Dagegen blieben in England noch andere Sinnbilder, die in Deutschland nicht Aufnahme fanden. Ebenso verhält es sich mit den Royal Arch- und Merkgraden, die übrigens in England unter besonderen Behörden (Kapiteln) stehen. Die englische Lehrart hat gegenüber dem aristokratischen Wesen der Hochgrade einen wesentlich demokratischeren Charakter.
In einzelnen Logen haben sich neuerdings Ableger der englischen Systeme gebildet, so 1865 und 70 in +Freiburg+ im Breisgau durch Gottfr. Aug. +Ficke+ aus Hamburg (1808-1887), der mit dem Polen +Twenlowski+ eine eigenartige religiös-moralische Reform durchführte. In +St. Gallen+ wurde 1868 das bis dahin geltende rektifizierte schottische System in altenglischem Geiste mit einigen neuen Gedanken umgearbeitet, was auch in andern deutsch-schweizerischen Logen Annahme fand. Die Großloge zur Sonne in +Baireuth+ einigte sich 1873 auf das vom Professor +J. K. Bluntschli+ in Heidelberg (1808-1881) verfaßte Gebrauchtum auf englischer Grundlage, diejenigen von Marbach und Findel fanden ebenfalls Beifall. Überall, wo die englische Lehrart in Deutschland Fuß faßte, huldigen die Logen dem humanitären Prinzip ohne religiöse Ausschließlichkeit. In den +drei alten Graden+ ist auch unter der Oberherrschaft der zwei folgenden Systeme das Gebrauchtum der englischen Lehrart im wesentlichen erhalten geblieben.
~b~) Die französischen Hochgradsysteme.
Wenn auch nicht die ersten, wie vorhin gezeigt, so schreiben sich doch die schwersten und schädlichsten Abweichungen der Freimaurerei von ihren alten und echten, einfachen und prunklosen Grundsätzen von ihrer Einführung in +Frankreich+ her. Hier entstanden in Mitte des 18. Jahrhunderts die sog. +Schottengrade+ und +Schottenlogen+. Mit Schottland haben diese nichts zu tun, wie die dortige Großloge wiederholt erklärt hat. Woher also der Name kam, ist nicht sicher nachzuweisen, doch wohl von irgend welchen Verbindungen mit dem in Frankreich flüchtigen Hause Stuart oder von Sagen über alten Bestand der Freimaurerei in Schottland. Viel liegt nicht daran; denn der Inhalt dieser Grade, deren es etwa 50 an der Zahl gab oder noch gibt, bezieht sich auf ganz andere Dinge, so daß der Name willkürlich und unzutreffend erscheint. Es ist nicht hier, sondern in der Geschichte der Freimaurerei der Ort, zu erzählen, wie sich dieses Unwesen in Frankreich und zeitweise als „strikte Observanz“ auch in Deutschland verbreitet hat, in welcher Verbindung es mit Schwärmern und Schwindlern, sowie mit der römischen Kirche und den Jesuiten stand und welche Wahnideen von einer Fortdauer des Tempelritterordens in der Freimaurerei es nährte und pflegte.
Der heute noch bestehende und am weitesten verbreitete Zweig der sog. schottischen Maurerei ist das sog. altschottische oder französisch-schottische System der 33 Grade, deren Namen und angeblichen Inhalt wir oben (S. 41 ff.) aufgezählt haben, -- angeblich sagen wir, weil es doch unwahrscheinlich ist, daß sich ernsthafte Männer mit solch’ unnützen Dingen beschäftigen sollten, unter denen wohl anderes (gewiß harmloses) verborgen steckt.
Die ersten Spuren dieses Systems finden sich in dem sog. Kapitel von +Clermont+, welches am 24. Nov. 1754 der Chevalier de Bonneville in Paris stiftete. Der Name Clermont war bezeichnenderweise von dem Collège Clermont entnommen, einem Jesuiten-Kollegium in Paris, von wo aus die Unternehmungen der Prätendenten Jakob III. und Karl Eduard Stuart unterstützt wurden. Das System Clermont arbeitete mithin im doppelten Interesse der Jesuiten und der Stuarts, und ist die Mutter oder wenn man will Großmutter des „alten und angenommenen schottischen Ritus“. Es enthält sieben Grade, nämlich über dem Meister: 4. schottischer Meister, 5. erwählter Ritter des Adlers, 6. erhabener Ritter oder Templer, 7. höchster erhabener Ritter. Diese Titel waren schon nichts weniger als bescheiden; aber es kam noch stärker. Es bildete sich auf Grundlage des genannten Systems 1757 in Paris ein neues, dessen Bekenner sich nicht geringer benannten, als: Souveräne Maurerfürsten, allgemeine Stellvertreter der k. K., Große Aufseher und Beamte der großen und souveränen ▭ von St. Johannes zu Jerusalem. Neben diesem langen Titel trugen die Oberen des Ordens noch den kürzern, aber erhabenern der „+Kaiser vom Osten und Westen+“. Unter ihnen war der Orden in 25 Grade eingeteilt, welche sieben Klassen bildeten. Diese 25 Grade sind in den jetzigen 33 immer noch vorhanden, und unsere Dreiunddreißiger sind mithin die direkten Nachfolger von Leuten, welche sich selbst in vollem Ernste „Kaiser vom Osten und Westen“ nannten. Im gewöhnlichen Leben würden Menschen von gesundem Verstande Leute, die sich eine Würde beilegen, die sie nicht besitzen, einfach „Narren“ nennen. Diese Titularkaiser vereinigten sich 1772 mit der französischen Großloge; 1780 aber nahmen sie, wieder getrennt, den Titel „Souveräner Rat und erhabene Mutterloge der Vortrefflichen“ an. Von diesem System nun, aber als es noch den Kaisertitel führte, erhielt am 27. Aug. 1761 der Pariser Jude Etienne +Morin+ ein Patent als „Großer Erwählter, vollkommener und alter erhabener Meister, Maurerfürst, Ritter und erhabener Fürst aller Orden der Perfektions-Mrei“ u. s. w., die Würde eines Deputierten Groß-Inspektors in allen Teilen der Neuen Welt, und die Vollmacht, in Amerika die Freimaurerei durch die Mitteilung aller von den „Kaisern“ anerkannten 25 Grade zu verbreiten u. s. w. Morin tat dies, verbreitete das System der Kaiser des Ostens und Westens in San-Domingo, Jamaika und Charleston, und hier war es, wo sich dasselbe um 8 Grade erweiterte und also deren 33 erhielt (angeblich nach den Lebensjahren Jesu, der aber von solchen Prunktiteln nichts wußte). In Frankreich gingen unterdessen die „Kaiser des Ostens und Westens“ und ihre Nachfolger in der Revolution unter wie die übrigen Freimaurer auch; aber im Jahre 1804 kehrte der Graf de Grasse-Tilly mit den französischen Truppen aus San-Domingo nach Paris zurück, versehen mit einer Vollmacht des ~Suprème Conseil~ des schottischen Ritus zu Charleston, laut welcher er in Europa Logen nach diesem Systeme zu errichten das Recht besaß. Noch in demselben Jahre gründete er den noch heute bestehenden ~Suprème Conseil~ des 33. Grades und trat an dessen Spitze als ~Souverain Grand Commandeur~, welche Stellung er bis 1806 bekleidete, wo der Kanzler Cambacerès ihm nachfolgte, welcher zugleich Großmeister des ~Grand Orient~ war, was er bis zum Sturze des Kaiserreichs 1814 blieb. Mit dieser Zeit begannen die Reibungen und Zwistigkeiten der beiden Körperschaften, welche beide die 33 Grade besaßen und jede die allein rechtmäßige sein wollte.