Chapter 4 of 8 · 3898 words · ~19 min read

Part 4

Jünger als der Schurz sind die ebenfalls weißen +Handschuhe+, zum Zeichen, daß die Hände von Schuld rein sein sollen. Außer seinen eigenen erhält der neu Aufgenommene noch ein Paar weiße Frauenhandschuhe, je nach seinem Stande für seine wirkliche oder künftige oder zum Andenken an die hingeschiedene Gattin, womit gezeigt wird, daß die Loge die Ehe hochhält und auch den Schwestern eine gewisse Zugehörigkeit zum Bunde zuerkennt.

Am Sommerjohannisfeste, also in der Zeit der höchsten Blüte des Tageslichtes, einem wahren Lichtfeste, werden den Brüdern frische +Rosen+ ausgeteilt, als Sinnbilder der Jugend, Schönheit, Liebe, Freude und Verschwiegenheit. Diese Bedeutungen hatte die Königin der Blumen schon im Altertum, und schon damals wurde die Zeit des längsten Tages als ein Fest des Sonnengottes gefeiert. Auch der Tag selbst hat seine Bedeutung als derjenige eines Mannes, der einen größeren, den Heiland der Welt, das höchste Licht der Menschheit, verkündet, dessen Geburt, deren Tag unbekannt ist, gerade um ein halbes Jahr früher, an die Stelle derjenigen des Sonnengottes (~natales Solis invicti~ d. h. Geburtstag der unbesiegten Sonne) gesetzt wurde, also in die Zeit, in der die Tage wieder länger werden und eine Zunahme des Lichtes bevorsteht.

Die Rosen waren stets den schönsten Göttinnen geweiht, der ägyptischen Isis, der armenischen Anahita, der griechischen Aphrodite. Diese, den toten Adonis betrauernd, färbt nach der Sage mit ihrem Blute die weiße Rose rot. Adonis selbst, bei den Hebräern Adonai, ist der Herr des Lichtes, den die finstere Zeit tötet und die helle wieder auferweckt. Bei den römischen Festen der Blumengöttin Flora, einer Gestalt der Venus (Aphrodite), trugen die Feiernden Blumen, besonders Rosen. Mit Rosen bekränzte man von der griechischen Zeit bis heute die Gräber, um den Übergang in ein schöneres Leben zu versinnbildlichen und die Friedhöfe (Friedhof ist ein schönes Mißverständnis für Frithof, d. h. eingefriedigter Ort) heißen oft Rosengärten, so auch der Kampfplatz der Nibelungen bei Worms. Maria trat als Rosenbekränzte an die Stelle der abgeschafften Göttinnen.

Als Sinnbild der Verschwiegenheit trugen bei den ägyptischen und griechischen Mysterien (Geheimgötterdiensten) die Neophyten (Neuaufgenommenen) Rosen. Unter einer in einem Kranze aufgehängten Rose (~sub rosa~) vertrauten sich die Römer und alten Deutschen Geheimnisse an. Das Gebet, das an die Geheimnisse der Religion anknüpft und die dabei dienende Perlenkette wurde „Rosenkranz“ genannt.

Ursprünglich war in den Logen das Tragen eines +Degens+ (oder Schwertes) unbekannt und blieb es auch bis jetzt überall, wo Hochgrade nicht aufkamen und das ältere, das englische System bestehen blieb, so in Deutschland (mit Ausnahme des schwedischen Systems) und in Großbritannien, wohl auch in Nordamerika. In diesen Ländern mußten sogar jene Männer, die nach der Sitte des 18. Jahrhunderts einen Degen trugen, diesen außerhalb der Loge lassen, wie auch heute noch die Offiziere. Schauberg beklagt dies und hält fest, daß die Freimaurer als Kämpfer und Ritter des Lichtes das Schwert tragen sollen. Er begründet dies mit dem Beispiele der alten Götter und Heroen, Könige und Fürsten als Verteidiger ihrer Völker und deren Herden und führt aus, daß das Schwert ein Sinnbild des Lichtes sei.

All dies hat nichts mit dem Tragen einer Waffe in der Loge, die ein friedheiliger Ort ist, zu tun. Angriffe auf die Loge sind ausgeschlossen, und zu einer Verteidigung genügte nicht das Schwert, sondern gehörten auch Übung, Taktik und Schießgewehre. Seitdem und überall wo die Freimaurer nicht mehr Ritter spielen, bedürfen sie des Schwertes nicht. Wir sollen mit dem +Geiste+ kämpfen.

7. Die Werkzeuge.

Niemand soll und wird es schauen was einander wir vertraut; denn aus Schweigen und Vertrauen ist der Tempel aufgebaut.

Br. +Goethe+, Logenlieder.

~a~) Die symbolischen Hauptwerkzeuge.

Das hauptsächlichste sinnbildliche Werkzeug ist in der Freimaurerei nach unserer Auffassung der +Hammer+, weil er als Zeichen der Macht, nur den vorsitzenden Meistern zukommt. Er war auch, in den Urzeiten der Menschheit aus Stein geformt, das älteste Werkzeug ja schon von der Natur in der geballten Faust am schwingenden Arme vorgebildet. Er war bei den alten Germanen das Abzeichen ihres ältesten Gottes Thor oder Donar und hatte bei ihm dieselbe Bedeutung wie der Donnerkeil in der Hand des griechischen Obergottes Zeus (bei den Römern Jupiter). Der Hammer spielte im Kriege (als Streithammer) sowohl als im Frieden, wo ihn die nützlichen Handwerker führten, seine Rolle, und Schauberg vergleicht die drei hammerführenden Meister, den Meister vom Stuhl und die beiden Aufseher oder Vorsteher mit den Götterdreiheiten der alten Religionen; dieselben vertreten auch die drei Pfeiler der Freimaurerei: Weisheit, Stärke und Schönheit. Der Hammer ist daher das Sinnbild der Macht, und zwar für uns Freimaurer der Macht, Gutes zu tun und Edles zu vollbringen. Man darf ihn daher auch ein Attribut des höchsten Lichtes, des A. B. d. W. nennen; denn er gehört besonders dem Baumeister. Schon vorchristliche Zeit ahnte in dem Demiurgos den einzigen, den allmächtigen Schöpfer. Äußerst zahlreich sind die Beispiele hammerführender Halbgötter und Heroen, wie der Kabiren, der uralten griechischen Werkmeister. Auch christlichen Heiligen wurde der Hammer in die Hand gegeben und der Papst selbst führt ihn, wenn er bei Eröffnung eines Jubiläums an die goldene Pforte der Peterskirche klopft, in die dann eine Öffnung gebrochen wird. Es ist wahrlich nicht zuviel, wenn wir ihm die Spitze der Dreiheit einräumen, die er mit Winkelmaß und Zirkel bildet.

Wie der Hammer den vorsitzenden, so gehören Winkelmaß und Zirkel zusammen den übrigen Meistern, das Winkelmaß allein den Gesellen und der Zirkel allein den Lehrlingen. Das +Winkelmaß+ ist das Zeichen oder Sinnbild des zweiten der drei höchsten Lichter, des Gewissens, dieses Vermittlers zwischen Gottheit und Menschheit. Im alten Ägypten war es Osiris, der Totenrichter, der es trug. Die Pythagoreer hielten es als das Maß des Raumes, der Zeit und der Zahl hoch. Es soll in der Freimaurerei zunächst den Gesellen lehren, das rechte Maß zu halten und die Meßkunst, d. h. Lebenskunst zu erlernen. Seine rechtwinklige Form lehrt den Maurer, alles rechtwinklig, d. h. redlich und gewissenhaft zu betreiben, überhaupt gewissenhaft zu leben, das richtige Maß zwischen Freiheit und Ordnung zu finden, weder in Zuchtlosigkeit, noch in Untertänigkeit zu verfallen. Die Hellenen fanden zuerst das richtige Maß in Kunst und Leben, und bei den alten Deutschen war die „Maße“ die Richtschnur des Verhaltens. Die beiden Arme des Winkels weisen auf Recht und Pflicht hin, die stets in einem rechten Winkel, d. h. im richtigen Verhältnis stehen sollen; denn das Winkelmaß läßt nichts Ungleichmäßiges zu. Es lehrt daher auch das echt maurerische Verhalten unter den Brrn. und berührt sich hierin mit dem Zirkel.

Der +Zirkel+ beschreibt den Kreis und ist daher das Sinnbild eines Kreises von Menschen im allgemeinen und von Brüdern im besonderen. Er wird deshalb zur feierlichen Aufnahme in den Bund und zur Beförderung in die beiden höheren Grade verwendet. Er ist somit ein Sinnbild für die Menschheit, als drittes höchstes Licht, und zugleich für die Brüderschaft. Der von ihm beschriebene Kreis ist die vollkommenste Figur, da er weder Anfang noch Ende hat und überall vom Mittelpunkte gleich weit entfernt ist, daher er auch die Ewigkeit bedeutet. Der Zirkel ist ferner Sinnbild nicht nur einer Gemeinschaft überhaupt, sondern auch einer möglichst vollkommenen tadellosen Gemeinschaft. Wie die beiden Arme des Winkelmaßes, so müssen auch die beiden Schenkel des Zirkels das Gleichgewicht zwischen Recht und Pflicht bedeuten. Da aber der Kreis geschlossen ist, so zeigt er auch, daß Recht und Pflicht ihre angemessenen Grenzen haben.

Endlich ist der Zirkel auch ein Bild der Ordnung im Weltall, in dem sich alle abhängigen Gestirne, Monde und Planeten, im Kreise (genauer in der kreisähnlichen Ellipse) um ihre Richtkörper (Planeten und Sonnen) bewegen, während zudem alle Weltkörper kugelförmig sind, also ihr Durchschnitt wieder einen Kreis (oder eine Ellipse) bildet.

So umfassen Hammer, Winkelmaß und Zirkel gewissermaßen im Bilde die gesamte unsichtbare und sichtbare Welt, die äußere sowohl als die innere des Menschen.

~b~) Die Nebenwerkzeuge.

Den drei Hauptwerkzeugen entsprechen weitere von untergeordneter Bedeutung, die aber doch in der Freimaurerei Beachtung genießen.

Dem Hammer zunächst steht der +Spitzhammer+ (oder Pickel?), von dem gesagt wird, er werde vom Lehrling geführt, um den rohen Stein zu bearbeiten, d. h. an sich selbst Besserung zu üben. Die nämliche Bestimmung hat der +Meißel+, aber in etwas höherer Auffassung. Das Gemüt des Menschen wird, wo von ihm die Rede ist, einem ungeschliffenen Diamanten verglichen, dessen leuchtender Kern durch die Arbeit mit dem Meißel zutage treten soll. Es ist damit die Erziehung gemeint, durch welche die verborgenen Tugenden geweckt werden sollen. Der Meißel ist aber auch das Werkzeug des Künstlers, der mit ihm aus einem rohen Block ein wundervolles Werk hervorzaubern kann.

Dem Winkelmaß am nächsten steht das +Senkblei+. Es dient, vermöge des Gesetzes der Schwere dazu, ein Bauwerk senkrecht aufzuführen, trägt also zu dessen Geradheit und Festigkeit bei, wofür das sittliche Gleichnis sich von selbst ergibt. Das Winkelmaß und das Senkblei bilden in der Logensprache mit der +Wasserwage+ (auch Bleiwage oder Richtscheit genannt) die 3 beweglichen Kleinodien der Loge. Die Wasserwage dient dazu, die Steine aneinander zu fügen, so daß sie eine wagerechte Ebene bilden, sie ist daher ein Sinnbild der Gleichheit, die unter allen Brrn. in Rechten und Pflichten herrschen soll, des moralischen Gleichgewichts unter ihnen. Sie ist das Abzeichen des ersten Aufsehers, wie das Senkblei das des zweiten und das Winkelmaß das des Meisters vom Stuhl.

Dem Zirkel nahe (weil auch dieser zum Messen dient) steht der +Maß-+ oder +Zollstab+, auch der 24zöllige genannt und als Werkzeug des Lehrlings (neben dem Spitzhammer) bezeichnet. Seine 24 Zolle (also 2 engl. Fuß) bedeuten die 24 Stunden des Tages und der Nacht, die in 4 Teile zu je 6 Stunden eingeteilt sein sollen, nämlich 6 zur Arbeit, 6 zum Gottesdienst, 6 zum Freundes- oder Bruderdienst und 6 zum Schlafe. Natürlich ist das wörtlich zu nehmen unmöglich und soll nur den hohen Wert dieser 4 Beschäftigungen dartun, den Maurer an gute und nützliche Verwendung und Einteilung seiner Zeit mahnen. Die Einteilung des Tages in 24 Stunden war schon den Ägyptern und nach ihnen den Griechen bekannt und ist später allgemein geworden. Das Duodezimalsystem beherrschte auch das Leben der Assyrer und Babylonier, und die Stundenzahl des Tages hängt mit den 12 Monaten des Jahres, deren 3 auf eine der 4 Jahreszeiten kommen, also auch mit den zwölf Sternbildern des Tierkreises zusammen. Eine Teilung des Tages in 4 Teile zu 6 Stunden hat auch das schwedische System; sie werden Wachen genannt und heißen, von 6 Uhr früh an gerechnet, Mittag, Hochmittag, Mitternacht und Hochmitternacht. Die 6 Stunden jeder Wache entsprechen den 6 Werktagen der Woche.

Ein für sich, ohne Dreiheit, bestehendes Werkzeug der Freimaurerei ist die +Kelle+. Sie wird als Sinnbild der Freimaurerei und der Arbeit im allgemeinen betrachtet und oft als Logenzeichen verwendet. Da sie zum Streichen des Mörtels dient, bedeutet sie festes Zusammenhalten, harmonische Ausbildung der Kräfte und treue Pflichterfüllung. Sie mahnt, ihrem Zwecke gemäß, zur Fernhaltung schädlicher Einflüsse vom Bunde und von den Brüdern. Nach einer Lehrart soll die Kelle des Lehrlings unpoliert, die des Gesellen aber poliert sein, um den Fortschritt dieses Grades in der Ausgleichung der Gegensätze zu bezeichnen.

Als „unbewegliche“ Kleinodien der Loge, richtiger als Arbeitsgebiete der Freimaurer werden bezeichnet: der rohe Stein, das des Lehrlings, der behauene oder kubische Stein, das des Gesellen, und das Reißbrett, das des Meisters. Die Arbeit an rohen Steinen bedeutet die Selbsterkenntnis, die Selbstbeherrschung und die Selbstveredlung. Ihr Zweck ist die Entfernung aller Rauheiten und Unebenheiten des Verstandes, Herzens und Charakters, die Befreiung von Vorurteilen und Irrtümern, das Emporheben zum Schönen, Guten und Wahren; um ein würdiges Glied der Bruderkette und Menschheit zu werden. Geschieht dies, so wird der rohe Stein zum +Quaderstein+, der sich zur Einfügung in den Bau, in den Tempel der Humanität eignet. Es geht dies nicht nur den Freimaurerlehrling und Gesellen an, sondern den Menschen überhaupt; er bedarf einer solchen Vervollkommnung und wäre er auch Meister. Auch am behauenen Steine ist noch Arbeit notwendig. Es gilt die ausgearbeiteten Flächen noch zu glätten, d. h. in der Selbstzucht Fortschritte zu machen, zur Kenntnis der Künste und Wissenschaften vorzudringen. Meister sein und auf dem +Reißbrette+ arbeiten kann nur, wer, gleich einem geglätteten Steine, sich als fähig erwiesen hat, ein tüchtiger Bestandteil des Baues zu sein. Auf dem Reißbrett entwerfen die Meister „mit dem Maßstabe der Wahrheit, dem Winkelmaß des Rechts und dem Zirkel der Pflicht“ den Plan, dem der Bau folgen muß, um sicher zu stehen und Wohlgefallen hervorzurufen. Wie der A. B. d. W. den Plan zum Weltgebäude entwarf, so soll der Mensch den Plan zu einem wohltätigen und fruchtbaren Leben entwerfen. --

+Übersicht+:

Ideale: +Weisheit.+ +Stärke.+ +Schönheit.+ Grade: +Meister.+ +Geselle.+ +Lehrling.+ Hauptwerkz.: Hammer. Winkelmaß. Zirkel. Nebenwerkz.: Pickel, Wasserwage, Zollstab. Meißel. Senkblei. ----------------------v-------------------- Arbeit = Kelle = Maurerei. ----------------------Λ-------------------- Arbeitsfelder: Reißbrett. Quaderstein. Roher Stein. Tugenden: Selbstver- Selbstbe- Selbst- edlung. herrschung. erkenntnis.

8. Die weiteren Sinnbilder.

Komm, hebe dich zu höhern Sphären! Wenn er dich ahnet, folgt er nach.

+Goethe+, Faust II.

Zu höheren Sphären erheben uns jene freimaurerischen Sinnbilder, die nicht bloß Zeichen, Zieraten oder Werkzeuge, wenn auch von noch so sinnvoller und tiefer Bedeutung, sind, sondern Werke, Begriffe und Ideen vertreten, die in der Geschichte und den Idealen der Menschheit begründet sind, die aber tief geahnt und richtig verstanden werden müssen, um den strebenden Menschen zur Nachfolge anzufeuern. Diese Sinnbilder sind nicht der Baukunst, nicht der Freimaurerei selbst entnommen, sondern beruhen teils auf großartigen Tatsachen der Kulturgeschichte, teils auf erhabenen Idealen der Menschheit. Es sind teils längst ihres Zweckes enthobene, wenn auch noch vorhandene, teils noch heute in Kraft und Blüte bestehende, teils endlich hehren Erwartungen künftiger Zeiten entsprechende Erscheinungen oder Gedanken.

~a~) Sinnbilder der Vergangenheit.

Vergangenheit ist genau genommen alle Zeit, die bis auf diesen Augenblick verflossen ist. Die Geschichte fliegt aber nicht mit Windeseile wie der flüchtige Augenblick, sondern schreitet langsam und bedächtig vorwärts; daher behält vieles, vielleicht sehr vieles, was im wörtlichen Sinne vergangen ist, für uns seine Gegenwart. Was für diese durchaus vergangen ist, liegt weit hinter uns zurück, Jahrhunderte, ja Jahrtausende. Verschwunden bis auf steinerne Spuren, sind für uns die einst blühenden Reiche am Nil, am Tigris und Euphrat, die einst riesigen und prachtvollen Königsstädte Theben und Memphis, Ninive und Babylon, und ihre, bisher von Sagen und Fabeln überwucherte Geschichte mußte mühsam aus jenen steinernen Spuren ausgegraben und durch die geistvolle Entzifferung der Hieroglyphen und Keilschriften aufgehellt werden. Für die Freimaurerei kommt indessen hier nur +Ägypten+ in Betracht, von dessen steinernen Überresten einige zu Sinnbildern des Bundes geworden sind, denn die kurze Erwähnung des Babylonischen Turmes in einer alten freimaurerischen Schrift hat zu keinem Sinnbild Anlaß geboten. Hingegen ist Ägypten in mehrfacher Hinsicht für unsern Bund von Bedeutung, nicht wegen der Phantasien, welche die Brr. Polak, Leutbecher und Schauberg verleitet haben, den Ursprung unseres Bundes dort oder noch weiter zurück zu suchen, sondern wegen der Ähnlichkeiten, die der Bund mit den Mysterien der ägyptischen Priester darbietet, die jedoch durch Verschiedenheiten zwischen beiden weit überwogen werden.[7]

Unter den Denkmälern des Nillandes, die hier und da in freimaurerischen Logen und Graden Verwendung gefunden haben, sind die ältesten und großartigsten die +Pyramiden+. Die größten und berühmtesten dieser kolossalen Bauten sind die drei in Giseh bei Kairo zum Himmel ragenden. Sie stammen aus der Zeit der vierten Pharaonendynastie, deren Herrschaft wahrscheinlich um das Jahr 3250 vor Chr. begann. Die größte baute Chufu (griech. Cheops), die zweitgrößte sein Nachfolger Chafra (Chefren), die dritte dessen Nachfolger Menkaure (Mykerinos). Nach diesem geriet der Pyramidenbau bereits in Verfall. Neuerdings will man entdeckt haben, daß diese Denkmäler astronomische Zwecke hatten, indem sie genau nach den Himmelsgegenden gerichtet sind. Anderson, einer der älteren Freimaurer, brachte sie bald nach der Entstehung des Bundes mit diesem in Verbindung, daher ihre Gewalt noch hie und da in Logen Verwendung findet. Sie eignen sich in der Tat zu einem Sinnbild solider in sich festgefügter Stärke des Willens.

Jünger und kunstvoller als die Pyramiden sind die +Obelisken+ (d. h. „kleine Spieße“), vierkantige, langgestreckte, aus +einem+ Stein gehauene, von unten nach oben schmäler werdende und auf dem Gipfel eine kleine Pyramide tragende, zum Schmucke der Tempelhöfe dienende Säulen. Auch diese erscheinen bisweilen als Sinnbilder schönen, harmonisch geordneten Bauens.

Ebenfalls jünger, aber durch Nachbildung des Lebens und bedeutungsvollen Charakter hervorragend sind die Denkmäler des Nillandes und, von dort her eingeführt, auch anderer Länder, die den Namen +Sphinx+ tragen, aber in Ägypten männlich, in Asien und Griechenland und daher auch anderswo weiblich gebildet sind. Ein Männer- oder Frauenkopf mit Brust gleicher Art ruht auf einem bisweilen geflügelten Löwenleibe. In Ägypten bildeten die Sphingen ganze Alleen, die zu den Tempeln führten; das bekannteste und am besten erhaltene, wenn auch stark beschädigte Bild dieser Art ist das bei der zweiten Pyramide ausgegrabene, aus dem Felsengrund gehauene Bild des Gottes Harmachis, einer Gestalt des Sonnengottes. Es war dort Sinnbild der Stärke und Weisheit, wozu in Hellas noch das der Schönheit kam -- aber auch des Geheimnisvollen und Rätselhaften. Diesen Charakter hat die Sphinx auch in Europa behalten, wo sie überall weibliche Gestalt hat. Wenn auch nicht gerade als anerkanntes freimaurerisches Symbol, so wird sie doch in Logen, am Eingange solcher, auf Siegeln und Denkmünzen vielfach dargestellt und trägt einen schönen, aber ernsten und geheimnisvoll blickenden Frauenkopf.

Wir verlassen diese Vergangenheit als ein Reich der Mysterien und des Rätsels.

~b~) Sinnbilder der Gegenwart.

Die Gegenwart im kulturgeschichtlichen Sinne, d. h. der Inbegriff der Kulturschöpfungen, die für uns jetzt noch Wert und Bedeutung haben, ist wie gesagt kein flüchtiger Augenblick, ja nicht nur die sog. neuere oder neueste Zeit, sondern ein mehr als zweitausendjähriger Zeitraum. Er beginnt mit dem Verfalle jener Reiche, die für uns Vergangenheit sind, weil wir von ihnen keine Kulturschätze bewahrt haben, und mit dem Beginne neuer Ideen, die althergebrachten abergläubigen Vorstellungen zuleibe gingen. Das geschah um die Zeit von 500 vor Chr., als Ägypten und Babylon ihre Selbständigkeit und ihren alten Charakter verloren, und wie auf einen Schlag in den verschiedensten Ländern Geister wie Kongfutse, Buddha, Zarathustra und Pythagoras neue Wege einschlugen und die Götzen der alten Versunkenheit in dumpfen Wahn niederwarfen. Eine Periode von vier bis fünf Jahrtausenden endete, und eine neue begann. Wie lange wird sie dauern?

Etwa ein halbes Jahrtausend vor Christi Geburt ist die +Bibel+ (d. h. vorläufig die Hauptteile des A. T.) in ihrer heutigen Gestalt abgeschlossen worden. Ihre noch heute fortdauernde Hochschätzung berechtigt uns, mit diesem Zeitpunkte die Gegenwart im weitesten Sinne zu beginnen. Allerdings ist diese Hochschätzung nicht immer die gleiche geblieben. In sehr vielen Kreisen zwar wohl; aber in den ebenfalls weiten der unabhängig Denkenden ist die Bibel von „Gottes Wort“, das früher ihre allgemeine Bezeichnung war, zu einer durchaus menschlichen Büchersammlung zurückgegangen. Dazu haben zweierlei Umstände beigetragen, einerseits der Widerspruch gegen den Zwang, mit dem das Ansehen der Bibel den Menschen aufgedrängt wurde (und jeder Zwang erzeugt in nicht sklavischen Seelen Widerspruch), und anderseits die Tätigkeit der historisch-kritischen Wissenschaft im Laufe des 19. Jahrhunderts, deren Träger über jedem Verdacht einer schlimmen Absicht erhaben sind und deren Charakter makellos dasteht. Wem diese Vorgänge Schmerz verursachen, der vergißt, daß die +ganze+ Bibel auch dem Gläubigsten nicht mehr absolute Autorität ist. Für den Christen hat die mosaische Gesetzgebung im 3. bis 5. Buche des Pentateuch schlechterdings nicht mehr Gewicht als für den Juden das Neue Testament. Aber noch mehr! In jüngster Zeit haben die orthodoxesten Theologen und ihr Anhang in vielen Punkten des Bibelglaubens Zugeständnisse an die Kritik gemacht, so daß ihnen Stellen, die mit der Wissenschaft unvereinbar sind, nicht mehr als Wahrheit, sondern nur noch als bildliche Einkleidung religiöser Gefühle erscheinen, -- sogar auf katholischer Seite.

Der Begriff der wörtlichen Offenbarung ist ohnehin stets streitig gewesen, und es wird auch auf bibelgläubiger Seite vielfach zugegeben, daß Abschriften, Übersetzungen, streitige Lesarten und Mißverständnisse im Laufe der Zeit viele Änderungen des ursprünglichen Textes herbeigeführt haben. Der Verfasser verwahrt sich übrigens ausdrücklich gegen den Verdacht, als wisse er die Bibel nicht zu schätzen. Von mehreren Teilen ist dies in hohem Maß der Fall, von anderen freilich nicht, und zwar aus guten Gründen.

Religiöse Streitigkeiten sind im Schoße der Freimaurerei ausgeschlossen; da nun aber tatsächlich die Bibel mit der Loge in Zusammenhang gebracht worden ist, war dieser Gegenstand hier nicht zu umgehen.[8]

Und wie verhält es sich nun mit diesem Zusammenhange?

Die Fragestücke 17 und 18 des Lehrlings-Katechismus lauten:

17. Welches sind die 3 großen Lichter der Freimaurerei? -- Bibel, Zirkel und Winkelmaß.

18. Wie erklären Sie solches? -- Die B. +ordnet und richtet unsern Glauben+, das W. unsere Handlungen, und der Z. bestimmt unser Verhältnis gegen alle Menschen, insbesondere gegen unsere Brüder.

Diese Fassung und Zusammenstellung ist schlechterdings +unhaltbar+. B., W. und Z. können unmöglich in ihrer Wirkung zusammengestellt werden; denn die B. hat einen bestimmten Wortinhalt, W. und Z. aber nicht. Es wird nicht +genau+ gesagt werden können, +wie+ unsere Handlungen und unser Verhältnis gegen die Menschen und Brr. beschaffen sein sollen; es ist dies dem Gefühl und Gewissen der Einzelnen zu überlassen. Kommt aber die Bibel dazu, so hat dies ein anderes Gesicht. Die B. sagt +genau+ (Mißverständnisse vorbehalten), +was+ geglaubt werden soll.

Nach den Grundsätzen der Freimaurerei können von den Brüdern gute Handlungen und ein treues Verhältnis zu den Brrn. verlangt werden, +ein bestimmter Glaube aber nicht+. Der Freimaurer-Bund ist +keine Glaubensgenossenschaft+, am wenigsten eine solche zur Pflege eines wörtlich festgelegten Glaubens. Es herrscht daher gegenwärtig die Auffassung vor (Handb. der Freimaurerei, Art. Bibel): da die B. mit W. und Z. zusammengestellt und diese beiden der Freimaurerei nur bildlich zugeeignet sein können, so könne auch die B. nur vorwiegend symbolische Bedeutung haben. Sie sei das Sinnbild wahrer Religiosität und Frömmigkeit, einer Religion, in der alle Menschen übereinkommen, wenn sie auch verschiedenen Bekenntnissen angehören. Wenn nun aber weiterhin zugestanden wird, daß der Jude an ihrer Stelle als Sinnbild das bloße A. T., der Mohammedaner den Koran, der Hindu die Vedas u. s. w. setzen könne, was alles entschiedene Glaubensbücher sind, wie ist da derjenige Christ, der den Glauben an viele oder die meisten Teile der B. verloren hat, oder vollends der Freidenker, dem sie nur ein Teil der Weltliteratur ist, gestellt? Es ist damit wieder gesagt, daß eben doch der Freimaurer verpflichtet sei, einen bestimmten religiösen Glauben zu haben. +Das ist er aber nicht+; sein +Gewissen+ ist seine Religion, und +wie+ diese beschaffen sei, darüber ist er keine Rechenschaft schuldig. Das Ritual +unserer+ Loge +verbietet+ sogar, den Aufzunehmenden bei Angabe seiner Personalien nach seiner Konfession zu fragen. Ein freier Mann von gutem Rufe kann keine schlechte Religion haben, kann auch keinem rohen und frivolen Atheismus huldigen. Wie er sich den A. B. d. W. vorstellt, ist seine eigene Sache. +Unsere+ Loge hat daher auch das Gelübde auf die Bibel aufgegeben und nur ein solches auf Ehre, Tugend und Bruderliebe beibehalten. Daß dagegen eine andere Loge an die Stelle der B. ein +weißes Buch+, mit der Aufschrift „Gott“ gesetzt hat, entzieht sich unserem Urteil, da es ausschließlich Sache ihrer Brüderschaft ist.

Wir haben oben als höchste Lichter der Freimaurerei, wie es auch +unsere+ Loge getan, die Gottheit, das Gewissen und die Menschheit mit den Sinnbildern des Hammers, des Winkelmaßes und des Zirkels vorgeschlagen. Und die +Bibel+? Sie soll nicht ignoriert werden. Sie soll ein Sinnbild bleiben, aber nicht das unseres Glaubens, der unabhängig sein soll, sondern das Sinnbild einer kulturgeschichtlichen Periode, derjenigen, in der auch wir leben, aber mit der Hoffnung, daß nach und nach an die Stelle der bisherigen Bibel, die ja neben viel wunderbar Schönem auch viel Schwaches und Anfechtbares enthält, eine neue treten werde, nicht als Organ einer Kirche, sondern der Menschheit, und diese neue Bibel müßte das beste und schönste aus der +gesamten Weltliteratur+, mit Einschluß des besten und schönsten aus der bisherigen Bibel enthalten,[9] und zwar nicht nur religiöses (das Hohe Lied ist dies ja auch nicht), sofern auch alles was würdig ist, der Menschheit zur Richtschnur zu dienen. --