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Part 8

Die ganze Einrichtung des schottischen Systems der 33 Grade beruht nun auf der erdichteten Behauptung, Karl Eduard Stuart (welcher gar nie Maurer war, sondern die Freimaurer zur Erreichung seiner dynastischen Zwecke zu mißbrauchen suchte) habe Friedrich II., König von Preußen (welcher mit Karl Eduard gar nie in Verbindung stand, sondern ein beständiger Verbündeter des in England regierenden Hauses Hannover war, welches Karl Eduard zu stürzen versuchte) zum Großmeister (welche Würde Karl Eduard niemals zu vergeben hatte) und zu seinem Nachfolger (in einer Würde, die er selbst nicht besaß) +ernannt+, und dieser, Friedrich der Große, habe am 1. Mai 1786 (als er sich längst nicht mehr um die Freimaurerei bekümmert hatte) die Hierarchie des schottischen Ritus (der in +dieser+ Form in Deutschland +niemals+ existiert hat) von 25 auf 33 Grade (welche Zahl erst 1801 in Amerika entstand) erhöht und die oberste Gewalt einem ~Suprème Conseil~ (welche Behörde es in Deutschland +niemals+ gegeben hat) übertragen. Zum Überfluß hat die von Friedrich im Anfang seiner Regierungszeit (um 1740) gegründete Große Mutterloge zu den 3 Weltkugeln in Berlin im Jahre 1862 jene Ordenssage offiziell als eine +Lüge+ erklärt. Endlich hat im Jahre 1875 der Kongreß des schottischen Ritus in Lausanne ebenfalls für gut gefunden, die Erzählung von Friedrich dem Großen aufzugeben. Es scheint dies jedoch mehr aus französischem Preußenhaß, als aus wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit geschehen zu sein; denn wäre die letztere maßgebend gewesen, so hätten auch die 33 Grade aufgegeben werden müssen. Es ist jedoch an letzteren kein Jota abgelassen worden, obschon Jedermann weiß, daß die 33 Grade in Wahrheit gar nicht existieren, sondern in +fünf+ bis +sieben+ Einweihungen erteilt werden, -- so daß hier der beste Anlaß gewesen wäre, die Grade auf fünf bis sieben zu vermindern, -- wenn nicht das Bestreben, mit pomphaften Titeln und klingendem Anhängsel an bunten Bändern zu prunken und zu prangen, alle anderen Rücksichten überwöge. Die schottischen Brüder werden zwar darin Mangel an brüderlicher Liebe und an Festigkeit in den maurerischen Prinzipien finden; aber die +Wahrheit+ tut der Liebe +niemals+ Eintrag. Wer auf Liebe Anspruch macht, muß auch die +Wahrheit+ ertragen können, ja er muß dem Bruder, der ihm die Wahrheit sagt, sogar +dankbar+ sein!!!

Die Fabeldichtung des sog. schottischen Systems, an sich schon stark genug der Wahrheit ins Gesicht schlagend, wurde noch weit übertroffen durch zwei spätere französische Ordensschöpfungen, die ihren Ursprung aus Ägypten herleiteten.

1. Der Ritus von +Misraim+ (hebr. Name von Ägypten) wurde im Anfange des 19. Jahrh. durch den jüdischen Armeelieferanten Michel +Badarride+ aus Avignon und seine zwei Brüder in Frankreich eingeführt und verbreitet. Die Sage von seinem hohen Alter ist zu lächerlich, um erwähnt zu werden. Die Lehre des „Orientalischen Ordens“, wie er sich auch nennt, ist eine Art mystischer Naturphilosophie und wird in 4 Serien, 17 Klassen und 90 Graden mit äußerst hochtrabenden Titeln „mitgeteilt“. Er behauptet, über seinem sichtbaren Oberhaupt, dem „souveränen Fürsten“, noch ein unbekanntes, den souveränen Großmeister zu besitzen. Seine Bemühungen, vom französischen Großorient anerkannt zu werden, blieben ohne Erfolg. Er brachte es bis 1898 auf 10 Logen.

2. Der ganz ähnliche Ritus von +Memphis+, der sich ebenfalls orientalischer Freimaurer-Orden nennt und eine ebenso keck erfundene Sage von uraltem Ursprunge behauptet, wurde in Wirklichkeit erst 1814 von Samuel +Honis+ aus Kairo nach Frankreich gebracht und hatte 1816 in Montauban in einem gewissen +Marconis+ sein „Groß-Hierophant“ genanntes Oberhaupt. Er schlief bald ein, erwachte aber 1838 unter Marconis dem Jüngern und verbreitete sich nach Belgien, England, dem Orient und Amerika. Seine von der Polizei nicht sehr geachteten Geheimnisse verteilte er in 7 Klassen und 90 Graden, deren oberer „Souveränes Sanktuarium“ (Heiligtum) genannt wurde. Die Lehre des Ordens ist ein Wandelgang durch alle Mysterien und Geheimbünde der Geschichte. Im Jahre 1860 schränkte er seine Grade auf die Zahl 33 ein. Vom Großorient erhielt er 1862 die Anerkennung, worauf sich jenem seine Pariser Logen anschlossen, während die auswärtigen unabhängig blieben, sich aber mit dem Misraim-Orden (1898) verschmolzen; neuerdings hat der vereinigte Orden auch in Deutschland Eingang gefunden.

~c~) Die schwedische Lehrart.[17]

Die Freimaurerei wurde in Schweden 1735 eingeführt und erhielt dort sieben aus Frankreich stammende Grade. Gründer des schwedischen Systems aber wurde 1756 der spätere Kanzleirat Karl Friedrich +Eckleff+ (1726-1789), indem er auf Grund eines Freibriefes unbekannter Herkunft in Stockholm ein Kapitel errichtete, das er als „Vikar Salomos“ leitete. Es folgte 1760 durch ihn die Gründung der Großen Landesloge von Schweden, der sieben Logen unterstanden und in der er das Amt des zugeordneten Landesgroßmeisters bekleidete. Die Logen vermehrten sich, König Gustav III. trat selbst bei und übernahm den Schutz der Landeslogen. Die aus Frankreich stammende Fabel von einem Zusammenhange mit den Johannitern der Kreuzzüge wurde angenommen; auch die Legende vom Fortleben der Tempelritter kam dazu und veranlaßte die Errichtung drei weiterer Grade. Nachdem Eckleff seine Rechte dem spätern König Karl XIII. verkauft hatte, ging die Leitung des Ordens ganz an den jeweiligen König über und so blieb es bis heute, indem stets der König Ordensmeister und der Kronprinz Landesgroßmeister ist.

Schon 1766 wurde die schwedische Lehrart in Deutschland eingeführt, 1814 in Norwegen und 1855 in Dänemark; und 1891 erhielt Norwegen eine eigene Große Landesloge. In allen drei skandinavischen Staaten steht die Ordensleitung beim König.[18]

Von der Lehrart der drei nordischen Reiche weicht die in Preußen eingeführte in manchen Dingen ab. Eingeführt wurde hier das schwedische System durch den Feldarzt Joh. Wilhelm Ellenberger (1731-1782), der durch Adoption den Namen +v. Zinnendorf+ erhielt. Zwar bereits der „strikten Observanz“ angehörend, aber nach höheren Geheimnissen begierig, ließ er sich aus Schweden von Eckleff die Akten seiner Grade und einen Freibrief senden, gründete Logen und 1770 die Große Landesloge von Deutschland, und 1773 erhielt er für diese eine Anerkennung aus England und im nächsten Jahre diejenige als Landesgroßmeister von Preußen. Nicht so günstig gestaltete sich das Verhältnis zu Schweden, von wo der Freibrief Eckleffs widerrufen wurde, worauf Zinnendorf 1777 seine Schöpfung von Schweden trennte. Auch mit England erfolgte ein Bruch, mit Schweden aber 1819 Versöhnung. Seit 1860 bekleidete der König von Preußen das Protektorat der Gr. L. L., seit 1895 führt es Prinz Friedrich Leopold. Kronprinz Friedrich Wilhelm, der spätere König und Kaiser +Friedrich+ III. verlangte als Ordensmeister 1870 eine genaue Prüfung der geschichtlichen Ansprüche der Gr. L. L. und Reformen in ihrer Einrichtung, im Sinne einer Vereinfachung des Gebrauchtums, wie im Geiste der Zeit.

Der Gr. L. L. war dies unbequem; sie schloß den mit den Forschungen beauftragten Archidiakon Schiffmann und die Logen in Stettin und Stralsund aus; 1880 ließ sie sich aber wenigstens dazu herbei, die Templerfabel aufzugeben.

Die Gr. L. L. von Deutschland (deren Grade oben S. 40 angegeben sind) und die übrigen des schwedischen Systems huldigen einer strammen protestantischen (doch unbekannt ob streng dogmatischen) Orthodoxie und nehmen Nichtchristen nicht auf. Für sie ist die Bibel kein bloßes Sinnbild, sondern eine Art Gesetzbuch. Die 3 alten Grade sind zur Unbedeutendheit herabgedrückt und den höheren Graden unbedingt unterworfen. Doch soll dieses Regiment (wohl infolge von Unzufriedenheit der Unterdrückten) in neuester Zeit milder geworden sein. Immerhin besteht ein scharfer Unterschied zwischen der Gr. L. L. und den dem englischen System zugetanen Logen. Einigermaßen wird diese Kluft notdürftig überbrückt durch die einem gemischten System huldigende, weil Hochgrade (vier an der Zahl) besitzende, Gr. National-Mutterloge +zu den 3 Weltkugeln+ in Berlin (1740 von Friedrich dem Großen gegründet), eine deutsche Reform des schottischen Systems, die zwar dem schwedischen System formell nähersteht, als dem englischen, deren Mitglieder aber mit diesem mehr sympathisieren, wie auch die christliche Ausschließlichkeit in ihr nur noch auf schwachen Füßen steht.

* * * * *

Werfen wir einen Blick auf die drei Hauptlehrarten der Freimaurerei zurück, so gestaltet sich ihr geographisches Gebiet, wenn nach der Großzahl, die sie in diesem einnehmen, gerechnet wird, die Minderheiten anderer Systeme aber außer Berücksichtigung fallen, folgendermaßen:

I. +Englisches System.+ Dieses umfaßt Großbritannien, die Niederlande, Deutschland westlich der Elbe[19], die Schweiz, Ungarn, die britischen Kolonien und die Vereinigten Staaten von Nordamerika.

II. +Schottisches+ (eigentlich französisches) +System+. Dieses umfaßt Frankreich, Belgien, Italien, Griechenland, Rumänien, Spanien, Portugal, Mittel- und Südamerika.

III. +Schwedisches System+ nebst den drei Weltkugeln, obschon diese ihm keineswegs angehören: Deutschland östlich der Elbe[20], Dänemark, Norwegen und Schweden.

Die herrschenden Richtungen sind folgende:

I. Aufgeklärter Theismus, ohne konfessionelle Färbung.

II. Früher Katholizismus, doch ohne Abhängigkeit vom Papsttum; jetzt entschiedenes Freidenkertum.

III. Protestantische Orthodoxie, doch mit Hoffnung auf Entwicklung im Sinne größerer Geistesfreiheit. --

Nachwort.

Aus dem Überblicke der freimaurerischen Systeme oder Lehrarten ist zu ersehen, daß der Freimaurer-Bund viele Mannigfaltigkeit und ein reiches Maß von Entwickelung und Gewissensfreiheit besitzt. Nicht wenig günstig ist für ihn, daß diese seine Eigenschaften noch lange nicht vollkommen sind (welche menschliche Einrichtung wäre dies?) und daher große Hoffnung auf Verbesserungen gehegt werden darf, ohne die ja eine Versumpfung unvermeidlich wäre. Daß er stetsfort an Zahl der Mitglieder zunimmt, und zwar vorzugsweise an jüngeren Kräften, berechtigt schon an sich zu Hoffnungen. Wie unser dem unerreichbaren Br. Goethe entnommenes Motto sagt:

Immer höher muß ich steigen, immer weiter muß ich schaun,

so soll sich auch der Bund verhalten. Er soll mit der Zeit alles Kindliche und Naive, das wir bereits oben getadelt haben, weil es einem überwundenen Standpunkt angehört, abstreifen und an dessen Stelle Höheres und Weiteres setzen. Dazu besitzt er Keime genug, namentlich in dem von ihm beobachteten richtigen Maße von Gefühl für das Allgemeine und das Besondere, für Menschheit und Vaterland. Mit allgemeiner Menschenliebe, mit Humanitätsstreben verbindet er, bei der völligen Abwesenheit gemeinsamer Oberhäupter, Begeisterung für die Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Organisationen in den einzelnen Ländern. Er ist die einzige +Internationale+ auf der Erde (allerdings neben einer Anzahl ähnlicher, ihm nachgeahmter Verbände, wie die Oddfellows, Druiden, Guttempler und viele andere), die mit ihrem Kosmopolitismus auch Patriotismus verbindet. Alle übrigen Internationalen sind vaterlandslos.

1. die +schwarze+, d. h. der +Ultramontanismus+, der für Rom und sein Papsttum und dessen geträumte Weltherrschaft willig das Vaterland preisgeben würde und dessen willenlose Schafe auf jedes eigene Denken verzichten, nicht aus Treue, nur aus Sklavensinn,

2. die +goldene+, d. h. die +Börsokratie+, der für Gold, Ehre, Gewissen, Familie, Heimat feil sind und die sogar nicht davor zurückschrecken würde, dem Feinde ihres Vaterlandes gegen gute Bezahlung Waffen zu liefern,

3. die +rote+, d. h. die +Sozialdemokratie+ mit ihrem Vetter, dem +Anarchismus+, der das Vaterland „Wurst“ ist und die den Umsturz aller Ordnung und Kultur anstrebt, um die Menschheit in ein charakterloses Proletariat zu verwandeln, in dem jedes Hervorragen begabter Geister verpönt wäre und unterdrückt würde.

Diesen drei gewaltigen, aber unter sich feindseligen, ja einander glühend hassenden Heeren, für deren erste es nur den Klerus und seinen Anhang, für deren zweite es nur den Mammon und für deren dritte es nur ein Proletariat gibt -- diesen Heeren gegenüber steht

die +blaue+ internationale, die unter dem Banner der +Treue+ kämpft, bestehend aus der Freimaurerei und den ihr ähnlichen Bünden.

Sind diese Bünde auch nicht unter sich zu einer Einheit verbunden, so beseelt sie doch ein gemeinsames Streben. Für sie +allein+ gibt es eine Menschheit und ein Vaterland und wenn man will (nach Nietzsche) auch ein Kinderland, und es steht zum Glücke überdies auf ihrer Seite der unter allen Völkern waltende Geist der Freiheit, des Fortschrittes, der Menschen- und Vaterlandsliebe. Von ihm unterstützt ist es unsere Pflicht, unentwegt für die hohen Güter der menschlichen Kultur zu kämpfen, ohne Furcht und Zagen +immer höher zu steigen und weiter zu schauen+!

[Illustration]

[15] Wir beschränken uns hier auf die +jetzt noch bestehenden+ Lehrarten der Freimaurerei. Diejenigen früherer Zeit gehören in die +Geschichte+ des Bundes.

[16] Nach Rob. Fischers „Darstellung der hauptsächlichsten freimaur. Systeme“. 9. Aufl. Leipzig 1906.

[17] Ebenfalls nach Fischer oben S. 127.

[18] In Dänemark besteht eine Loge, in Norwegen 5 sogar unter deutscher Großloge englischen Systems.

[19] 136 Logen gegen 92 nicht englischen aber darunter nur 26 schwed. Systems.

[20] 152 (darunter 85 schwedische) Logen gegen 40 englischen Systems.

Druck von Julius Beltz, Hoflieferant, Langensalza.