Chapter 2 of 8 · 3995 words · ~20 min read

Part 2

Zum Schmucke aller freimaurerischen Versammlungen wird deren ohnehin künstlerischer Eindruck durch die geistigsten und ergreifendsten aller Künste, durch das Schwesternpaar der +Poesie+ und +Musik+, erhöht. Dichtungen und Tonwerke begleiten den Maurer von der (maurerischen) Wiege bis zum Grabe, in heiteren, ernsten und ernstesten Darbietungen. In ihrer Verbindung, dem maurerischen +Liede+, findet die Loge ihre erhebendsten Stunden, zu deren Verschönerung Brüder wie Goethe, Herder, Mozart und viele andere beigetragen haben und auch nicht maurerische Größen dieser Künste ihren Zoll entrichtet haben. Schiller war nicht Freimaurer; aber sein „Lied an die Freude“ ist ein echt maurerisches. Beethoven war es auch nicht; aber seine Symphonien werden maurerisch empfunden. Die Loge duldet keine andere als eine reine und erhebende Dicht- und Tonkunst; alles Gewöhnliche, Platte und Ausgelassene ist von ihr ausgeschlossen. Fast alle Logen haben ihre Liederbücher und halten die beiden alles Leben verschönernden und erhebenden Künste in hohen Ehren. Auch haben alle Logen ihre musikalischen Brüder, die nach Kräften hierzu beitragen, durch Gesang wie durch Instrumentalmusik, oft auch einen besondern Musikdirektor.

+Übersicht+.

Leitende Idee: Art der Versammlung: Kennzeichen:

Schönheit. Tafelloge. Edle Heiterkeit. Weisheit. Arbeitsloge. Feierliche Stimmung. Stärke. Trauerloge. Gedanke an den Tod.

~b)~ Die lehrhafte Arbeit.

Die Logenversammlungen haben neben dem (ganz oder teilweise) künstlerischen auch vielfach einen lehrhaften Charakter. Allerdings überlassen sie wissenschaftliche Untersuchungen und Forschungen mit Fug und Recht den gelehrten Gesellschaften und den Hochschulen; doch werden vielfach im hellen Logenraum allgemein verständliche Vorträge über verschiedene Gegenstände der Wissenschaft und Angelegenheiten des Lebens gehalten. Man hat daher entweder die Logen überhaupt oder die Versammlungen gewisser höherer Grade verschiedener europäischer Länder im 18. und 19. Jahrhundert oft +Akademien+ genannt, ja neuerlich sogar den Ursprung der Freimaurerei aus den italienischen Akademien des Zeitalters der Renaissance hergeleitet. Dazu hat besonders der Umstand beigetragen, daß in den nach jenem Vorbilde im 17. Jahrhundert in Deutschland und England entstandenen „Kollegien“ und „Sozietäten“ der Pädagog und Philanthrop Joh. Amos Komensky aus Mähren, genannt +Comenius+ (geb. 1592, gest. 1670) eine Rolle spielte, den man seiner ganzen geistigen Richtung nach einen Vorläufer der Freimaurerei nennen darf. Ihm zu Ehren wurde 1891 durch die Bemühungen Br. Ludwig +Kellers+ und anderer gelehrter Brr. und Nichtbrüder in Berlin die Comenius-Gesellschaft gegründet, die sich auch mit Untersuchungen über die Entstehung der Freimaurerei beschäftigt.

Die Freimaurerei hat eine so umfangreiche und zum Teile sehr wertvolle +Literatur+ hervorgebracht, wie sie keine andere Gesellschaft aufzuweisen hat. Daher ist auch ihre +Lehre+ eine sehr ausgedehnte und mannigfaltige, von der dieses kleine Buch einen schwachen Abriß zu geben versucht. Auch diese Lehre hat Schauberg aus Ägypten abgeleitet, von woher sie Pythagoras nach Europa gebracht haben soll. Ohne Zweifel bestehen zwischen dem von diesem großen Philosophen gestifteten Geheimbunde und der Freimaurerei gewisse Ähnlichkeiten, aber auch wesentliche Verschiedenheiten (siehe des Verf. „Buch der Mysterien“). Jener Bund ist auch so früh untergegangen, daß an eine zusammenhängende Überlieferung bis auf neuere Zeiten nicht zu denken ist. Entlehnungen aus früheren Erscheinungen begründen keinen Zusammenhang. Die Freimaurerei erhebt keinen Anspruch darauf, den +Stein der Weisen+ gefunden zu haben oder finden zu wollen; wohl aber hält sie ihre Brüder dazu an, daß jeder in dem Bau, den sie erstrebt, in dem Tempel der Weisheit, Stärke und Schönheit ein brauchbarer Stein zu werden trachte. Die Lehre, die sie erteilt, ist daher in ihrem Hauptteile die der geistigen +Baukunst+, und wenn diese und die Freimaurerei selbst eine +königliche Kunst+ genannt wird (seit Andersons Konstitutionenbuch von 1723), so geschieht dies, weil das Ziel, das sie anstrebt, die höchste Vervollkommnung des Menschen ist. Dieses Ziel wurde freilich auch von den größten Weisen aller Zeiten und Völker in geringerm oder größerm Maße angestrebt, aber von keiner menschlichen Gesellschaft in dem Maße wie von der Freimaurerei. Hat es auch der Stifter des Christentums sich vorgesetzt, so hat es die +Kirche+, die sich seine Nachfolgerin nennt, dadurch verdunkelt und hintangehalten, daß sie sein unentbehrlichstes Mittel, die geistige +Freiheit+ nach Kräften durch vorgeschriebene Glaubenssatzungen unterdrückte.

Sind in der Freimaurerei, wenn auch in bescheidenem Maße, die vornehmsten Wissenschaften vertreten, die Philosophie in ihrer Morallehre und Symbolik, die Geschichte in ihrer rührigen Pflege der Geschichte des Bundes und der mit ihm zusammenhängenden Erscheinungen, die Naturwissenschaft in der Ergründung des menschlichen Herzens und seiner Bedürfnisse, so ist gewissermaßen die Mathematik in der von der Loge in ihren Sinnbildern enthaltenen Zahlenlehre vertreten.

Schöpfer der Zahlenlehre ist +Pythagoras+, nach dessen Lehre „Zahl und Harmonie das Wesen, die bestimmende Macht und das Gesetz der Welt sind, das sittliche und vernünftige Leben des Menschengeistes bestimmen und zusammen die Tugend begründen“, -- worin ihm der deutsche Philosoph Br. Krause nachfolgte.

Die Zahl +Eins+ lehrt die Einheit aller Dinge, die Zahl +Zwei+ ihre zwei Seiten, die tätige und die leidende. Zusammen bilden sie die +Drei+, die wir bereits (sowie die Neun) betrachtet haben. Die Zahl +Vier+ tritt auf in den Himmelsgegenden, den 4 Elementen, den 4 Jahreszeiten und Änderungen der Tageslänge, den (mit der Nacht) 4 Tageszeiten, den 4 Seiten der Tempel, Gräber und Altäre, den 4 Evangelisten, der Verwandtschaft des Vierecks mit dem Kreise, aus dessen rechtwinkliger Durchschneidung es entsteht, den 4 Temperamenten u. s. w. +Fünf+ ist die Zahl der menschlichen Sinne, der Temperaturstufen (heiß, warm, lau, kühl und kalt), der Finger und Zehen, der Säulenordnungen und Baustile[2], der Vokale u. s. w. +Sechs+ ist die Verdoppelung der heiligen Drei und die Hälfte der heiligen Zwölf. +Sieben+ ist die Zahl der sog. freien Künste und Wissenschaften, die in sehr verschiedener Art aufgezählt werden, z. B. Grammatik, Logik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik oder: Dichtkunst, Musik, Zeichenkunst, Rechenkunst, Geometrie, Astronomie und Baukunst, die Zahl der Sakramente und -- der Todsünden, -- der Farben des Regenbogens, der Töne einer Tonleiter, der ehemals dafür gehaltenen Planeten (Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn), wie geglaubt wird: der Tage, Monate oder Jahre, in denen ein lebendes Wesen reift, der Wunder des Altertums, der sog. Weisen Griechenlands u. s. w. +Zehn+ ist die Summe von 1, 2, 3 und 4, die der beiderseitigen Finger und Zehen, der maßgebenden Abschnitte im Zahlensystem, der hebräischen, auch bei den Christen geltenden Gebote u. s. w., +Zwölf+, das Produkt von 3 und 4, die Zahl der Tages- und Nachtstunden, der Mondumläufe im Jahre, der Monate, der Zeichen des Tierkreises, der griechischen und römischen Hauptgötter, der germanischen Asen, der Patriarchen, Propheten und Apostel, der Stämme des Volkes Israel und noch vieler anderer Dinge. Allerdings sind viele dieser Zahlenwerte durch die Wissenschaft beseitigt oder sonst bedeutungslos geworden; aber es handelt sich hier nur um die Kenntnis der Bedeutung, welche die Zahlen stets in der Geschichte des Menschengeistes gehabt haben und um die Mahnung an die Brüder, in allen Lagen des Lebens diejenige Zahl zu beobachten, die von der Stimme des Gewissens als die richtige und wohltätige bezeichnet wird.

Noch mehr als die Arithmetik ist die +Geometrie+ eine mit der Baukunst und daher auch mit der Maurerei in Verbindung stehende Wissenschaft, ja sie wurde von den älteren freimaurerischen Schriftstellern geradezu als die Grundlage und das innerste Wesen der königlichen Kunst bezeichnet und die edelste aller Wissenschaften genannt, weil es ihre Aufgabe ist, die Größenverhältnisse des Weltalls zu messen. Da jedoch die Loge keine Schule oder Gesellschaft zur Pflege der Mathematik an sich ist, so kann die Geometrie für die Freimaurerei nur eine moralische Bedeutung haben, d. h. sie ist ein Ausdruck für das Erfordernis, in allen Dingen das rechte Maß zu halten, die in der Natur bestehende Ordnung auf das sittliche Verhalten des Menschen anzuwenden und nach den Grundsätzen der Schönheit und Regelmäßigkeit am Tempel der Menschheit zu bauen.

Das rechtwinkliche Viereck der Loge ist ein schwacher Ausdruck dieses Erfordernisses und mahnt die Brüder stets, sich auch im Leben rechtwinklich d. h. gerade zu verhalten.

[2] Dorische, ionische, korinthische, etruskische und römische Säule; byzantischer, maurischer, romanischer, gotischer Stil und Renaissance.

3. Das Licht.

Es werde Licht! +Genesis.+

Mehr Licht! +Br. Goethe.+

~a~) Die Vorbereitung des Lichtes.

Das Licht ist die höchste Idee, nicht nur der Freimaurerei, sondern der Welt überhaupt; es ist die höchste Offenbarung des höchsten Wesens und dessen verständlichste Versinnbildlichung, daher auch mit seiner Schöpfung diejenige der Welt nach der Auffassung des hebräischen Altertums und nach der ältesten aller höher gebildeten Völker ihren Anfang nimmt. Und wenn wir uns daher fragen, welches die +größten Lichter+ der Freimaurerei sind, so fühlen wir im Innersten, daß es nicht bloße Sinnbilder sein können, sondern wirkliche Objekte des Glaubens und Wissens, nämlich:

das Licht +über+ uns, die +Gottheit+, das Licht +in+ uns, das +Gewissen+ und das Licht +um+ uns, die +Menschheit+,

und ihre Bilder, nicht selbst Lichter, zugleich unentbehrliche Hilfsmittel der Baukunst:

das Sinnbild der Macht, der +Hammer+, das der inneren Stimme, das +Winkelmaß+, das der denkenden Umgebung, der +Zirkel+.

Unseren germanischen Vorfahren war der Hammer der Begleiter des höchsten Gottes, des Donnerers, Donar oder Thor, der persönlich gedachten Allmacht.

Die Benennung „Lichter“ kann auch weiter gefaßt werden, doch ohne Zwang, wenn es sich um +wirkliche+ Lichter handelt, z. B. die +Sonne+.

Wie Schauberg richtig sagt, sind die Freimaurer Lichtgläubige und Lichtsuchende; das Logenleben ist ein wahrer Lichtdienst und jede Loge ein Tempel des Lichtes. Das höchste Fest der Loge ist daher die Aufnahme eines Suchenden, deren Hauptteil die Erteilung des Lichtes an ihn bildet. Darum nur ist die Loge dunkel, damit durch das Anzünden der Lichter ihr Charakter als Tempel des Lichtes vollkommen zum Bewußtsein der Brüder gelange. Die Loge gleicht daher der Erde, die in der Nacht dunkel ist und mit dem Aufgange der Sonne erhellt wird, die im Winter düster und kalt ist, um bei dem Anbruche des Frühlings mit Licht und Wärme durchdrungen zu werden. Wäre die ganze Menschheit in gleicher Weise des Lichtes bedürftig, so wäre die Loge überflüssig, und ganze Völkerscharen würden am Morgen früh auf lichten Höhen der Sonne zujubeln und deren, wie ihren Schöpfer preisen und am Ende des Winters mit heiligen Gesängen den Einzug des Frühlings begrüßen.

So weilt denn auch der das Licht Suchende und im Einklang damit „hell leuchtend“ ballotierte Kandidat in der +dunklen Kammer+, in die ihn sein Pate geführt hat, in diesem Abbild der Loge im kleinen, auch Kammer des Nachdenkens genannt, um mit sich zu Rate zu gehen, warum er das Licht suche und +was+ er im Lichte suche und finden werde. Die dunkle Kammer ist ein Abbild des Mutterschoßes und zugleich des Grabes; feuchte Wände umgeben sie und schließen Abbilder des Todes ein; sie gleicht also auch dem Dunkel, von dem wir vor der Geburt und nach dem Tode umhüllt sind.

Man kann auch der Ansicht sein, daß diese düstere Umgebung nicht zweckmäßig sei und dem Suchenden üble Eindrücke verursache; sie war auch in den ersten Zeiten des Daseins der Freimaurerei nicht gebräuchlich und gehört, soviel Sinn sie auch hat, zu dem Theatralischen, mit dem sich der Bund, nicht zu seinem Vorteile, umgeben hat.

Doch, nach dem vorherrschenden Gebrauche wird das Gleichnis der Geburt zum Lichte fortgesetzt. Der vorbereitende Br. erscheint, spricht dem Suchenden freundlich zu, und erklärt ihm, daß der Lichtsuchende dem neugeborenen Kinde gleich sein müsse, das nackt, arm und (geistig) blind in die Welt trete. Diese Prozedur wurde früher maßlos übertrieben; man begnügte sich zuletzt, den Suchenden das Oberkleid ablegen zu lassen und den einen Fuß in einen niedergetretenen Schuh zu hüllen[3], was aber nicht mehr allgemein üblich ist. Dagegen blieb die Abnahme alles beweglichen Metalles (oder der Wertsachen) und das Anlegen der Augenbinde. Beides ist auch ein schönes Zeichen des Vertrauens in die guten Absichten der Brüderschaft.

Eine der schönsten Stellen in den Reden des Heilandes sagt: „Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan.“ Diese Zuversicht ist wahrlich nicht überall so gerechtfertigt und angebracht wie in der Loge. Diese ist geduldig und nachsichtig, und wenn die in der dunkeln Kammer gegebenen Antworten auf die an den Suchenden gerichteten Fragen nur einigermaßen befriedigend sind, so wird ihm und seinen Führern auf ihr Anklopfen in maurerischer Weise (mit 3 starken Schlägen, welche die 3 obigen Verheißungen bedeuten sollen) die Türe des Tempels aufgetan.

Nachdem der Suchende auf die Frage des M. v. St. erklärt hat, was er in der Loge suche, bemerkt ihm der Vorsitzende: wie der Eintritt in den Tempel den Eintritt in das Leben, so bedeuten die Vorgänge in der Loge das Leben selbst. Das Leben sei eine mannigfach bewegte Reise, auf der man sich oft verirren, aber schließlich doch an das erstrebte Ziel gelangen könne. Wie der Mensch auf der Reise des Lebens in vieler Hinsicht geprüft werde, so müsse auch der Lichtsuchende seine Sündhaftigkeit beweisen. Dies geschieht nun durch die drei +Reisen+, die in jedem Grade auf verschiedene Weise in einem Umgange um die die Mitte des Saales einnehmenden Lichter unter sicherer Führung vollführt werden. Im ersten Grade sind es die +Elemente+, die der Suchende zu berühren hat, nämlich das Feuer, das Wasser und die Erde, an deren Stelle in einigen Lehrarten die Luft tritt.

Dies wird folgendermaßen erklärt: Der Aufzunehmende hat das Licht gesucht und ist in verzehrendes +Feuer+ geraten. Oft werden strebende Menschen von dem wilden Feuer der Leidenschaften versengt und gehen darin unter. Aber durch weise Vorsicht ist das Feuer zu bändigen und zum wohltätigen Wärmespender umzuwandeln.

Im +Wasser+ erlischt die zügellose Flamme; aber das Wasser der kühlen Selbstsucht erstickt auch die heilige Glut der Begeisterung für Menschenwohl. Die weise Besonnenheit aber drängt die kalten Wogen der Gleichgültigkeit für das Ideal zurück und gestattet den Fluten nur ihre wohltätige Wirkung zum Besten der Gesundheit und Reinlichkeit auch im Seelenleben.

In den Staub der +Erde+ versinken Reichtum, Pracht und Schönheit; aber der fruchtbringende Schoß der Mutter Erde befördert das Samenkorn, das in sie versenkt wird, zu herrlicher Blüte und wohlschmeckender Frucht.

Die Probe der Luft ist uns nicht bekannt und auch in unseren Hilfsmitteln nicht erwähnt.

Diese Gleichnisse können allerdings noch weiter ausgedehnt werden, was uns aber in nebelhafte Fernen führen und -- verführen würde.

Die eigentümliche Art der drei sinnbildlichen, einen rechten Winkel bildenden +Schritte+, die früher nach vollendeten Reisen zum Oriente hin getan werden mußten (ein Überrest aus den alten Handwerksbräuchen), und mehrere andere antiken Kulten nachgeahmte Proben, die jetzt als verwirrend, beängstigend und ermüdend meist aufgegeben sind, versagen wir uns zu erwähnen.

~b~) Die Erteilung des Lichtes.

Die Prüfungen sind überstanden; der Suchende wird zum Orient geführt und vor den Altar gestellt. Es wird ihm vom Meister mitgeteilt, daß er nach vollendeter Aufnahme nicht mehr zurücktreten könne. Beharrt er auf seiner Absicht, so wird fortgefahren; in dem gewiß höchst seltenen Falle des Verzichtes aber wird er entlassen, wodurch er aber in einen inneren Konflikt kommen kann, etwas erlebt zu haben, was für ihn keine weitere Bedeutung hat und ihn in der Achtung der Brüder herabsetzt. Im ersteren, wahrscheinlichen Falle hat er zu erklären, daß er das neue Gelübde ablegen wolle. Es hat Fälle gegeben, in denen ein Aufgenommener später sein Gelübde brach und sogar sich einer dem Freimaurer-Bunde feindlichen Richtung anschloß.[4] Dies hat er mit seinem Gewissen abzumachen; für den Bund ist er verdorben und gestorben. --

Es folgt die Ablegung des +Gelübdes+, das im Bunde der Freimaurerei kein solches der Verzichtleistung auf alle irdischen Güter des Lebens ist wie in den Mönchsorden, sondern ein Gelübde der Tat, der Treue und der Verschwiegenheit, soweit diese notwendig ist, um die Interessen des Bundes zu wahren. Es bezieht sich nicht auf die Geschichte und die Organisation des Bundes, auch nicht auf eigentliche der Welt verborgene Geheimnisse, die es ja gar nicht gibt, sondern nur auf die Erkennungszeichen und auf die dem Br. im Vertrauen gemachten Mitteilungen. Die Gebräuche der Loge sind nur insofern geheim zu halten, als Äußerungen darüber mutwillig und zwecklos oder gar böswillig erscheinen. Zu +wissenschaftlichen+ und sonstigen +ernsten+ Zwecken +dürfen+ und +sollen+ sie besprochen werden; was wie dies zur Kenntnis der menschlichen Kultur gehört, kann und darf kein Geheimnis bleiben. +Die Wissenschaft kennt diesen Begriff nicht.+ +Unsere+ Loge zeigt sogar den +Tempel+ jedem würdigen Besucher des Hauses.

Die Form eines +Eides+ hat das Gelübde nicht mehr überall. Auf einen bestimmten Gegenstand braucht es nicht notwendig abgelegt zu werden; wenn doch, so ist dieser ein Sinnbild der Einordnung in den Kreis der Brüderschaft. Die feierliche Aufnahme schließt diesen Vorgang. Sie geschieht bisweilen durch den Bruderkuß, meist aber durch den Handschlag.

Nun ist es Zeit geworden, dem Suchenden die Binde von den Augen zu nehmen und ihn das Licht der Loge schauen zu lassen.

Zu diesem Zwecke wird der neue Br. in die +Bruderkette+ gestellt, die die Hände sämtlicher anwesenden Brr. vereinigt, wodurch die Zusammengehörigkeit Aller versinnbildlicht wird.

Im rektifiz. schott. System findet eine zweimalige Erteilung des +Lichtes+ statt, erst des schwachen und dann des starken. Bei jenem erhellt nur eine aufflackernde und dann erlöschende, einen magischen Eindruck erweckende Flamme, bei diesem aber das volle Licht für den Aufgenommenen den Bruderkreis und die Loge. Meist wird das letztere allein erteilt, und nun erst sieht der neue Br., wo er ist, sieht sich verbunden mit den übrigen Brrn., deren Gesang mit Musikbegleitung ihn als Br. begrüßt.

Er vernimmt nun die Namen der drei Säulen der Loge: Weisheit, Stärke und Schönheit, ihrer Lichter, der Zieraten und Werkzeuge, die der Freimaurerei Höheres bedeuten und die Pflicht der Wohltätigkeit. Noch ist er aber in der Lage nicht, sie zu üben, und ihn ziert eine schöne Beschämung. Es wird ihm daher das Abgenommene zurückgegeben, und er kann sein erstes +Almosen+ in den „Sack der Witwe“ entrichten, wie die Armenkasse genannt wird.

Den Schluß der Aufnahme bildet die Mitteilung von Zeichen, Wort und Griff des I. Grades, der Art des Anklopfens, die Überreichung der maurerischen Bekleidung und Abzeichen, sowie der Handschuhe, auf welcher Dinge Bedeutung an ihrem Orte zurückzukommen ist.

Nun ist der bisher Außenstehende ein Eingeweihter geworden, -- doch noch nicht vollständig. Er ist erst +Exoteriker+, -- das Höhere, +Esoteriker+, wird er erst nach seiner Erhebung zum Meister. Diese beiden Bezeichnungen führten die „außer- und innerhalb des Vorhangs“, der den Meister verhüllte, stehenden, die neu eingetretenen und die vorgeschritteneren Schüler des Pythagoras und anderer griech. Philosophen, und man gebraucht sie auch von den in die Geheimnisse anderer Lehren mehr oder weniger Eingeweihten. Das Exoterische der Freimaurerei besteht in der äußeren Form; es umfaßt die Gebräuche und Sinnbilder und die sittlichen, auf geistige Erhebung abzielenden Lehren der Loge. Esoterisch dagegen ist der tiefere Sinn, der innere Grund der freimaurerischen Übungen und die genaue Kenntnis der Geschichte ihrer Entwicklung.

Man hat sich gefragt, ob +Blinde+, weil sie das Licht nicht sehen, und +Taubstumme+, weil sie die Lehren bei der Aufnahme nicht hören und das Gelübde nicht ablegen können, fähig seien, in den Bund aufgenommen zu werden. Es sind aber wiederholt Unglückliche beider Arten aufgenommen worden; denn es wäre offenbar ungerecht, sie wegen dieses Mangels von einem Ziele, dem sie bewußt zustreben, auszuschließen. Die Wissenschaft ist so weit vorgeschritten, daß es Mittel gibt, nicht nur Blinden und Tauben, sondern sogar solchen, die beides sind, alle Kenntnisse zu erschließen. Ebenso unmaurerisch wäre es, Suchenden, die mit irgend welchen anderweitigen, weniger störenden körperlichen Mängeln behaftet sind, die Pforten der Loge nicht öffnen zu wollen. Ihr Licht ist nicht nur ein sichtbares, ihre Lehren sind nicht nur hörbare; beides ist für den Geist bestimmt, der sich über das rein Leibliche zu erheben versteht.

[3] In vielen Religionen durfte oder darf kein Schuh den heiligen Boden des Tempels betreten.

[4] Beispiel der Earl von +Ripon+, Großmeister der englischen Großloge, der sein Amt niederlegte und sich dem Papsttum unterwarf.

4. Die Grade.

Wer soll Meister sein? Der was ersann. Wer soll Geselle sein? Der was kann. Wer soll Lehrling sein? Jedermann.

+Handwerkerspruch.+

~a~) Die alten Grade.

Die drei Grade der Lehrlinge, Gesellen und Meister sind die einzigen, die von der großen Gesamtheit +aller+ Freimaurer übereinstimmend gepflegt und anerkannt werden und auch überall dieselben sind; alle anderen kommen nur vereinzelt vor und stimmen unter sich weder in Zahl noch Namen überein. Diese 3 Grade, auch nach der Farbe ihrer Abzeichen blaue oder nach dem Schutzheiligen der alten Steinmetzen Johannisgrade genannt, sind sehr alt.

Die Werkmaurer und nach ihnen die meisten Handwerker kannten sie von alters her, und die Freimaurer, die sie in der ersten Zeit nach der Entstehung des Bundes nicht übten, wohl weil sie nicht mehr bloß aus Handwerkern (wohl gar nur noch zum geringen Teile) bestanden, nahmen sie aber bald nach der Gründung des Bundes an. Diese Grade sind die Stärke und bilden die Einheit des Bundes; in ihnen liegt die Möglichkeit seines Bestandes, weil das Streben nach Emporsteigen, nach tieferen Erkenntnissen und nach fruchtbarerem Wirken der begabteren Menschenseele angeboren ist. Die Grade haben, wie ihr Name (Stufen) sagt, den Zweck, zu höherer Erkenntnis vorzuschreiten. Es ist sehr zweckmäßig, daß nur ältere, erfahrenere Männer die Leitung eines Bundes in Händen haben, und daß die jüngeren, noch unerfahrenen Brr. sich besserem Wissen fügen lernen, ehe sie ebenfalls die höheren Stufen erreichen. Diese älteren Brr. sind die Meister, die unmittelbar vor dieser Stufe stehenden die Gesellen und die erst noch zu lernen haben, was ein Maurer ist, die Lehrlinge.

Der Stufengang der 3 alten Grade versinnbildlicht das Leben des Menschen, und ihr Charakter läßt sich folgendermaßen kurz kennzeichnen.

+Grade+: +Lehrling+: +Geselle+: +Meister+:

+Lebens- abschnitte+: Geburt. Leben. Tod. +Werkzeuge+: Zirkel. Winkelmaß. Hammer. +Arbeiten+: Roher Quaderstein. Reißbrett. Stein. +Tugenden+: Selbster- Selbstbe- Selbstver- kenntnis. herrschung. edlung. +Leitideen+: Schönheit. Stärke. Weisheit. +Soziale Ideen+: Brüderlichkeit. Gleichheit. Freiheit. +Weltkörper+: Erde. Mond. Sonne. +Weltlichter+: Menschheit. Gewissen. Gottheit.

Die Erklärung dieser drei mal drei Dreiheiten ist teils bereits gegeben, teils wird sie hier und weiterhin folgen.

Um Freimaurer, also zunächst +Lehrling+ zu werden muß der Aufnahmesuchende ein „freier Mann von gutem Rufe“, also in selbständiger Stellung und ohne Makel sein. Er ist aber in diesem untersten Grade erst ein Schüler der königl. Kunst und daher in den verschiedenen Systemen den anderen Graden an Rechten mehr oder weniger hintangesetzt, an Pflichten aber gleichgestellt, was ihn antreiben muß, emporzusteigen und seine Gleichberechtigung mit den höheren Stufen zu erringen. Die Zeit, in welcher dies geschehen kann, ist verschieden festgesetzt und hängt auch von den an den Tag gelegten Fähigkeiten und Leistungen des Lehrlings ab. Auch das Alter der Aufnahme und Beförderung ist verschieden, meist aber das der Volljährigkeit, doch können die Söhne von Meistern (Luftons genannt) früher aufgenommen werden. Da der Lehrling neu in den Kreis der Brr. tritt, ist der Zirkel sein Werkzeug, und woran er zu arbeiten hat, wird unter dem Bilde eines rohen Steines dargestellt, an dem er sich zu üben hat, die Rauheiten seines Ich zu ebnen und zu glätten, mit anderen Worten: zur Selbsterkenntnis zu gelangen. Wie seine Aufnahme zeigt, entspricht sie der Geburt des Menschen, daher sein Licht die Menschheit im weiteren, die Brüderlichkeit im engeren Sinne ist. Unter den maurerischen Tugenden ist es die Schönheit im geistigen Sinne, der seine Arbeit gewidmet ist. Unter den uns näher stehenden Weltkörpern ist unsere Erde, die kein Licht gibt, ein Bild des Lehrlings. Im weiteren Sinne sind eigentlich alle Maurer Lehrlinge, da jeder Mensch noch zu lernen hat, daher die allgemeine Versammlung der Brr. Lehrlingsloge heißt.

Der Grad des +Gesellen+ ist seinem Wesen nach eine Mittelstufe, ein Übergang, hat daher in der Loge keine besondere Bedeutung. Es gibt keine Gesellenloge, ausgenommen zum Zwecke der Beförderung eines Lehrlings zum Gesellen, als welcher er keine besonderen Rechte hat, sondern sich auf den Meistergrad vorbereitet. Desto mehr sinnbildliche Bedeutung hat dieser Grad, als dessen besonderes Werkzeug das Winkelmaß und als dessen Arbeit die Herstellung des rohen Steines zu einem kubischen betrachtet wird, d. h. er hat alle Unebenheiten abzustreifen und sich eines rechtwinkligen Verhaltens zu befleißigen, also Selbstbeherrschung zu üben, Stärke an den Tag zu legen und zu diesem Ende das Gewissen als sein Licht zu betrachten. Das Leben in seiner Blüte, das Streben nach Gleichheit ist seine Sphäre. Diese Aufgaben werden in verschiedener Weise versinnbildlicht.

Im rektif. schott. System wird das Hauptgewicht auf die Selbstbeherrschung gelegt; der zur Beförderung zugelassene Geselle sagt sich von eigensüchtigen Gelüsten los; er wirft daher bei seinen Reisen die Zeichen der Habsucht (Goldmünze), der Ruhmsucht (Bronzemedaille) und der Rachsucht (Dolch) von sich. Im englischen System ist die Blüte des Lebens der leitende Gedanke; der Geselle wird daher unter Musik und Blumenkränzen umgeführt. Da er Licht nur empfängt, aber noch kein eigenes, sondern nur entlehntes ausstrahlt, ist er dem Monde zu vergleichen.