Chapter 1 of 9 · 3975 words · ~20 min read

Part 1

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Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.

Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~

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Straußenpolitik Neue Tierfabeln.

[Illustration]

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart.

Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten. -- Dieses Ziel glaubt die Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen mittelst des

Kosmos, Handweiser für Naturfreunde Jährlich zwölf Hefte. Preis M 2.80;

ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfaßter, im guten Sinne gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Es erscheinen im Vereinsjahr 1908:

=Meyer, Dr. M. Wilh., Erdbeben und Vulkane. Reich illustriert. Geb. M 1.-- = K 1.20 h ö. W.=

=Dekker, Dr. Herm., Naturgeschichte des Kindes. Illustriert. Geb. M 1.-- = K 1.20 h ö. W.=

=Sajó, Prof. Dr. K., Krieg u. Frieden im Ameisenstaat. Reich illustriert. Geb. M 1.-- = K 1.20 h ö. W.=

=Teichmann, Dr. E., Vererbung als erhaltende Macht. Illustriert. Geb. M 1.-- = K 1.20 h ö. W.=

=Floericke, Dr. K., Säugetiere des deutschen Waldes. Reich illustriert. Geb. M 1.-- = K 1.20 h ö. W.=

Diese Veröffentlichungen sind durch ~alle Buchhandlungen~ zu beziehen, daselbst werden Beitrittserklärungen (Jahresbeitrag nur M 4.80) zum =Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde= (auch nachträglich noch für die Jahre 1904/07 unter den gleichen günstigen Bedingungen) entgegengenommen. (Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der erschienenen Werke usw. siehe am Schlusse dieses Werkes.)

Geschäftsstelle des Kosmos: =Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart=.

Straußenpolitik

Neue Tierfabeln

von

Dr. Th. Zell

Dreizehnte Auflage.

[Illustration]

Stuttgart ~Kosmos~, Gesellschaft der Naturfreunde Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung.

Max Dethleffs Buchdruckerei.

Inhaltsverzeichnis.

Seite

Vorwort VII

Tiergestaltenverbesserer 1

Schämen sich manche Tiere? 8

Der Respekt der Raubtiere vor den Menschen 15

Können nur Herdentiere zu Haustieren gemacht werden? 20

Die angebliche Nervosität der Tiere 27

Gibt es Tiere, die sich spiegeln? 32

Tiere als Heuchler 46

Verstellungskünste bei Vogeleltern 53

Straußenpolitik 58

Wittern die Geier Tierleichen? 64

Die Schnepfe als angeblicher Mediziner 70

Sichtotstellen als Rettungsmittel 73

Das Wiedererkennungsvermögen bei Menschen u. bei Tieren 76

Anhang 81

Vorwort.

Zu den vor zwei Jahren erschienenen Tierfabeln soll das vorliegende Buch eine Fortsetzung bilden. Was ich dort im Vorwort sagte, gilt auch hier: es sind nämlich nicht nur wirkliche Fabeln behandelt worden, sondern auch solche Fälle, deren Unwahrheit noch nicht völlig ausgemacht ist.

Ich hoffe, daß auch die vorliegende Arbeit dazu beiträgt, weiteren Kreisen Interesse für die meist so verkannte Tierwelt einzuflößen.

Wegen der Zuschriften und Kritiken verweise ich auf den Anhang.

~Berlin~ +W.+ 57, Ende Februar 1907.

=Der Verfasser.=

Tiergestaltenverbesserer.

Obwohl jeder, der sich eingehend mit dem beschäftigt, was die uns umgebende Natur an Tieren und Pflanzen geschaffen hat, m. E. beinahe täglich einen neuen Grund zu größerer Bewunderung findet, so fehlt es nicht an Leuten, die einen ganz entgegengesetzten Standpunkt einnehmen. Fast mit einer gewissen Geringschätzung sprechen sie von den geschaffenen Gebilden, die deutlich durchblicken läßt, sie selber hätten die Sache viel zweckmäßiger gestaltet. Namentlich zwei Tiere sind wegen ihrer angeblichen Unzweckmäßigkeit kritisiert worden, das Nilpferd und die Giraffe. Da ich nirgends gelesen habe, daß diesen tadelnden Urteilen widersprochen wäre, so sei es in nachstehendem gestattet, den Beweis zu liefern, daß die Sache sich denn doch nicht so einfach verhält, wie die gelehrten Herren Kritiker vermeinen.

Ich halte es nämlich für einen der verhängnisvollsten Irrtümer, der Natur ins Handwerk pfuschen zu wollen.

Über das Nilpferd schreibt ein berühmter Philosophieprofessor (~Lotze~, im Mikrokosmus, 2. Aufl. Bd. 2 S. 77): Wir bewundern die entsetzliche Stärke des Nilpferdes, aber in der Tat ist dies mehr eine zerstörende als eine arbeitende, und wir würden in Verlegenheit geraten, wenn wir entsprechend große Vorteile nachweisen sollten, die dieses schwierig verwendbare Kapital dem Tiere selbst in seinen natürlichen Lebensverhältnissen verschaffte.

Hierauf ist folgendes zu erwidern. Wenn der Hippopotamus nach dem Wunsche des Herrn Professors klein und zierlich gestaltet wäre, so existierte kein einziges Exemplar heute mehr. Ob das ausgewachsene Tier in seiner jetzigen Gestalt unter den Raubtieren Feinde hat, darüber streiten die Afrikareisenden. ~Brehm~ und andere verweisen die Kämpfe zwischen Löwen und Flußpferden in das Reich der Fabel, ~Bronsart von Schellendorf~ will selbst ein totes gesehen haben, das Wunden aufwies, die ihm ein Leopard, also ein viel kleineres Raubtier als der Löwe, zugefügt hatte. Für die Ansicht ~Bronsarts~ spricht der Umstand, daß die Nilpferde hauptsächlich in der Nacht ihr heimisches Element verlassen und weiden gehen, ferner daß die Eingeborenen versichern, es geschehe das aus Furcht vor einem Überfalle durch Löwen und Leoparden. Allerdings könnte man wieder einwenden, daß die beiden genannten Raubtiere mit Vorliebe in der Nacht auf Raub ausgehen, doch scheint ein Anschleichen bei der nächtlichen Stille schwieriger als am Tage zu sein. Überdies soll der Löwe zu dieser Zeit sein Kommen regelmäßig durch Brüllen anzeigen.

Wir können die Sache hier auf sich beruhen lassen, jedenfalls kann nicht der geringste Zweifel bestehen, daß der junge Hippopotamus ohne den Schutz der Mutter unfehlbar ein Opfer von großen Raubtieren, auch von wilden Hunden usw. werden würde. Aber selbst in seinem heimischen Element, wohin er sonst flüchten könnte, wäre er seines Lebens nicht sicher, denn ein junges Nilpferd würde allein in Kürze ein Opfer eines Krokodils werden. Dasselbe Schicksal würde ein ausgewachsenes Nilpferd erleiden, wenn es, wie der Kritiker wünscht, nur klein und zierlich wäre.

Sieht man von diesen Feinden ab, so kommt noch ein anderer Umstand hinzu, der ein kleines Nilpferd bei seiner Nahrungssuche gefährden würde. Bei seinen Weidegängen ebenso wie bei seinen Wanderungen nach anderen Flüssen und Seen stößt es in seiner Heimat häufig auf undurchdringliches Dickicht. Wäre das Nilpferd etwa von der Größe eines Hundes, so wäre es schlimmer daran als ein Mensch, der wenigstens mit Werkzeugen sich mühsam einen Weg bahnen kann. Gerade aber durch die Wucht ihres kolossalen Leibes können Elefanten, Nashörner, Kafferbüffel und ebenso auch unsere Nilpferde schnurgerade Wege oder Tunnels durch das dichteste Gestrüpp brechen. Dadurch werden sie zu Wohltätern für die Menschen, indem diese ihre Straßen gern benutzen. Die Afrikareisenden, namentlich v. ~Wißmann~, heben diesen Umstand besonders hervor.

Ich glaube hiernach bewiesen zu haben, daß es vorläufig doch besser ist, wir überlassen die Schöpfung der Flußpferde der Natur und nicht unseren Gelehrten.

Auch den Elefanten hielt derselbe Professor für zu groß, doch brauchen wir hierauf nicht näher einzugehen, da alles, was vom Nilpferd gesagt ist, auch für das Rüsseltier zutrifft.

Was die Giraffe betrifft, so hat ein Kritiker (~Wolfgang Kirchbach~, im Zeitgeist 1902, Nr. 24) folgendes an ihr auszusetzen gehabt. Er betrachtete nämlich mit seinem Freunde die beiden Giraffen im Berliner Zoologischen Garten und sah, wie diese Tiere Heu fraßen, ferner, daß sie die Beine grätschen müssen, um frisches Gras vom Boden aufzunehmen. Er folgerte hieraus, daß der Hals dieser Tiere nicht zu lang, sondern vielmehr die Beine zu hoch geraten seien, oder daß der Rücken zu kurz sei. Indem er die Anpassungstheorie verwirft, setzt er seinem Freunde seine Theorie über die Giraffe auseinander, von der ich die markantesten Stellen in nachstehendem anführe. »Sie sehen, daß jedes Tier, Pferd, Ochse, Esel, alle vierfüßig laufenden Tiere zunächst so organisiert sind, daß sie mit dem Maul die Erde unter sich und mit ihren schlanken Affenhänden, Elefantenrüsseln und anderen Gliedmaßen auch Nahrung bis zu einer gewissen Höhe über sich erlangen können. Klettertiere wie Eichhörnchen und Affen kommen in diesem Verhältnis am höchsten. Unter ihnen zeichnen sich die Einhufer und Zweihufer durch Hälse aus, die so lang sind, daß sie trotz einer beträchtlichen Höhe des Rückgrats vom Boden doch auch, ohne die stehende Stellung, den Wandergang zu verlassen, den Boden abweiden können. Ein ganz bestimmtes Verhältnis der Halslänge zur Höhe der Vorderbeine und bis an die Schlüsselbeine ergibt sich daraus. So ist das Pferd zwar langhalsig, aber sein Hals ist nicht zu lang, sondern gerade lang genug, um den Boden zum Abweiden mit dem Maule zu erreichen; eine große Bequemlichkeit für diese Weidetiere, daß sie nicht erst niederzuknieen brauchen und mitten im Weiden, ohne zeitraubendes Aufspringen, auch gleich weiterlaufen können. Nun betrachten Sie die Giraffe! Ihr Hals ist eher etwas zu kurz geraten im Verhältnis zu ihren hohen Beinen, und wenn wir etwas an ihr zu lang fänden, so müßten wir uns zuerst fragen: Warum sind diese Beine so lang? Bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus, daß der Giraffenhals im Verhältnis zur Größe des ganzen Tieres durchaus nur der Länge eines Pferdehalses entspricht. Soweit er, nach unten gebogen, zu kurz scheint, ist in Erwägung zu ziehen, daß er gerade lang genug ist, um höher gewachsenes Gras, wie es in den Verbreitungsgebieten der Giraffe wächst, bequem zu erreichen. Wenn sie, um ganz kurzes Gras zu erreichen, die Beine etwas breit stellen muß, so ist das für die Erwerbung anatomischer Eigentümlichkeiten im Kampfe ums Dasein ein schlechtes Zeugnis, denn eigentlich müßten ihre Beine dafür allmählich durch Anpassung etwas kürzer geworden sein. Das ist ihnen aber gar nicht eingefallen.« Weiter heißt es:

»Wie wollen Sie also, mein Herr, behaupten, die Giraffe habe ihren allzu langen Hals durch ›Anpassung‹ im ~Lamarck-Darwinschen~ Sinne erhalten in Anbetracht der hohen Bäume, während ihr Hals einfach zu kurz ist? Und sie frißt ja Gras, mein Herr, es fällt der Giraffe gar nicht ein, nur vom Laube zu hoher Bäume zu leben; der Kampf um Erhaltung und Nahrung weist sie gar nicht darauf an, das Laub von Bäumen abzufressen. Womit ich Ihnen das beweise, mein Herr? Eben mit diesen beiden schönen Berliner Giraffen vor uns. Hier in diesem Antilopenhaus ist weder die berühmte Palme noch eine +Acacia giraffae+ noch sonst ein Baum, den diese Giraffen abweiden, sie leben seit Jahren von Heu, Gras und anderen Futterdingen, welche in Ermangelung edler Giraffenbäume die Direktion des Zoologischen Gartens in hochherziger Weise diesen afrikanischen Persönlichkeiten zur Verfügung stellt. Daraus erkennen Sie klar, daß die Blätter hoher Bäume, besonders der Akazie, für besagte Giraffen nur eine gelegentliche Delikatesse sind, wie für jedes Pferd die Blätter vieler Bäume auch. Die Giraffen haben ihre langen Beine und Hälse nicht, weil sie genötigt sind, von hohen Bäumen zu fressen, sondern sie fressen davon, weil sie zufällig so lange Vorderbeine und Hälse haben, genau wie der Elefant mit seinem Rüssel sich auch aus beträchtlicher Höhe die schönsten Früchte bricht.«

Diese Deduktion hört sich sehr gelehrt an, basiert aber völlig auf Irrtum. Dabei wollen wir die Berechtigung oder Nichtberechtigung der Anpassungstheorie an dieser Stelle ganz auf sich beruhen lassen. Dem Kritiker genügt es, daß er Giraffen Heu fressen sieht, und sofort steht es für ihn fest, daß Baumlaub nur Leckerbissen für sie sind. Jeder Tierbeobachter weiß, daß sich Tiere in der Gefangenschaft an Dinge gewöhnen, deren ausschließlicher Genuß auf die Dauer ihren Tod herbeiführt. Gefangene Gemsen fressen ebenfalls unser gewöhnliches Gras, gehen dafür aber auch bald ein, weil ihnen die trockenen Alpenkräuter fehlen. Ausführlich hat sich über diesen Punkt ~Girtanner~ ausgesprochen (Der Zoologische Garten, Bd. 21, S. 1) und nachgewiesen, daß nur die unzweckmäßige Ernährung die Schuld daran trägt, wenn gefangene Gemsen so bald eingehen. Reicht man dagegen unserer europäischen Antilope Wildheu und namentlich Baumlaub, so kann man sie jahrelang in vorzüglichem Zustande erhalten. Es heißt bei ihm: »Für Gemsen in zoologischen Gärten des Tieflandes wäre heutzutage mit nicht allzuhohen Spesen Wildheu, wie es die Gemse liebt, in großen Quantitäten per Eisenbahn leicht zu verschaffen. Man muß dieses kurze, feine, mit seinem starken würzigen Geruch weithin duftende Heu nur kennen, um leicht zu begreifen, wie sehr die Gemse, weit von den Bergen entfernt, anders danach schnuppert und sich streckt, als nach dem schwachen geruchlosen Gewächs der Ebene. -- Nur neben dem im Winter als Hauptsache verfütterten Heu dürfen ohne Nachteil Küchenabfälle, Kohl, Salat, Kartoffelhäute, Rüben usw. und nur in ganz kleinen Quantitäten gereicht werden, sind aber bei leichtesten Darmkatarrh-Erscheinungen auf längere Zeit zu entziehen. Werden sie hingegen, wie oft zu sehen, der Bequemlichkeit und Wohlfeilheit halber und gewöhnlich erst noch als einzige Abwechselung mit dem schädlichen, besonders jungen Gras gebraucht, so geht die Gemse den Weg alles Fleisches, nachdem zuerst das Fleisch in erstaunlich kurzer Zeit von der Gemse gegangen ist.«

Kühe kann man mit Fischen füttern, wir hatten einen Hund, der Obst fraß usw. Daraus folgt natürlich noch nicht, daß die Rinder Fleischfresser und die Hunde Vegetarier sind. Daß es in zoologischen Gärten so wenige Giraffen gibt, liegt nicht bloß an der Seltenheit der Tiere, sondern vornehmlich daran, daß gerade die Nahrung zu wünschen übrig läßt.

Wir haben noch ein anderes und zwar heimisches Tier, das ebenfalls Baumzweige und Blätter frißt, ich meine das Elentier. Obwohl es bei uns noch in Ostpreußen vorkommt, können sich gewiß nur wenige Leser entsinnen, jemals in einem zoologischen Garten ein Exemplar dieses Tieres gesehen zu haben. Hören wir, welchen Grund ~Brehm~, der doch gewiß eine unbestrittene Autorität auf diesem Gebiete ist, hierüber sagt: »Leider ertragen die nach Europa gebrachten Giraffen die Gefangenschaft nur bei bester Pflege längere Zeit. Die meisten gehen an einem eigentümlichen Knochenleiden zugrunde, welches man ›Giraffenkrankheit‹ genannt hat. Ursachen der letzteren dürften Mangel an Bewegung und ungeeignete Nahrung sein. Nach den Erfahrungen, welche ich an Elchen gemacht habe, glaube ich, daß namentlich Gerbsäure dem Giraffenfutter zugesetzt werden muß, um ihr Wohlbefinden zu fördern; denn gerade die Mimosenblätter sind besonders reich an diesem Stoffe.«

Baumlaub ist also für die Giraffen kein Leckerbissen, sondern etwas Unentbehrliches. Schillings hat bei seinen zahlreichen Beobachtungen überhaupt niemals gesehen, daß die Giraffe freiwillig Gras frißt. (Mit Blitzlicht und Büchse S. 231.)

Zur Erreichung des auf dem Baume wachsenden Futters braucht die Giraffe ihren langen Hals und hohe Beine. -- Ja, wäre es denn nun nicht besser, die Giraffe hätte kürzere Beine oder einen längeren Rücken, damit sie, ohne die Beine zu grätschen, bequem wie ein Pferd oder ein Rind grasen könnte? Darauf kann man nur mit einem entschiedenen Nein antworten.

Angenommen, die Giraffe könnte bequem grasen und Baumlaub wäre für ihre Gesundheit nicht notwendig -- was ja leicht denkbar wäre -- so ergäben sich folgende Konsequenzen.

In ihrer Heimat gibt es zahllose Antilopen-, Zebra-, Straußenherden, die alle auf Grasnahrung angewiesen sind. Grasten die Giraffen, so würden sie natürlich den Tieren, die Baumlaub nicht erreichen können, vielfach die unentbehrliche Nahrung fortfressen.

Ferner sei folgendes bemerkt: Die Giraffe ist eines der größten Tiere und wird von ihren Feinden, namentlich von Menschen und Löwen, schon aus weitester Ferne gesehen. Besonders würde das der Fall sein, wenn sie auf freier Ebene graste. Die Bäume dagegen gewähren ihr einen Schutz, der nicht hoch genug anzuschlagen ist.

Wir wollen über diesen Punkt ~v. Wißmanns~ Ansicht hören. In seinen afrikanischen Jagderlebnissen heißt es: Diesmal traf ich das wundervolle Wild in einem lichten Hochwald, der aus Bäumen bestand, die ich noch nicht gesehen hatte -- ganz helle, ebenfalls fleckige Stämme, die der Giraffe durch gleiche Färbung denselben Schutz gewähren wie Mimosenwälder.

Ferner kommt folgendes in Betracht.

In die weiten wasserarmen Wildnisse, welche die Giraffe bevorzugt, kommen Europäer äußerst selten, und diese Gelände sind nicht offene, weit übersichtliche Steppen, sondern lichte, weite, meist aus Akazien bestehende Wälder, die der Giraffe Äsung bieten und die sie dem Auge verbergen. Es gehört schon Übung dazu, sie zwischen den gefleckten Akazienstämmen und anderen, meist hell gefärbten Bäumen herauszufinden, wenn sie sich nicht bewegt.

Schließlich noch eins. In meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« habe ich ausführlich dargetan, daß alle Geschöpfe mit guten Augen -- wie auch der Mensch -- nicht wittern können, also z. B. Affen, Vögel, daß umgekehrt alle feinnasigen Tiere wie Hunde, Hirsche usw. schlecht sehen können. Die Giraffe gehört zu der ersten Klasse; wie schon ihr wundervolles Auge anzeigt, kann sie ausgezeichnet sehen, vermag aber nicht zu wittern.[1] Das kann man z. B. daraus deutlich erkennen, daß sie Damen die künstlichen Blumen vom Hute genommen hat, was kein feinnasiges Tier jemals tun würde. Jetzt, wo es nach dem Wunsche der Natur geht, holt sie ihr Futter von hohen Bäumen und hat während des Fressens von ihrer turmartigen Höhe einen unendlich weiten Gesichtskreis. Ginge es nach dem Herrn Kritiker, so weidete sie, hätte ihren Kopf zur Erde geneigt und könnte naturgemäß unendlich leichter beschlichen werden.

Auch hier wollen wir uns auf ~v. Wißmann~ berufen. Er sagt darüber folgendes: Schwierig ist die Jagd auf dieses Wild, denn die enorme Höhe des Lichtes über dem Boden erlaubt ihm nicht nur einen weiten Umblick, sondern auch Einblick in niedrige Dickungen, die sein Feind zum Anschleichen benutzt. -- Das Auge ist nicht allein der schönste Schmuck der Giraffe, sondern auch ihr schärfster Sinn, ihre beste Waffe im Kampfe ums Dasein.

Also vorläufig wollen wir Nilpferde und Giraffen lieber so lassen, wie sie geschaffen sind, und sie nicht nach den Wünschen mehr oder weniger gelehrter Kritiker ummodeln.

Schämen sich manche Tiere?

Die meisten Menschen werden die Frage, ob Tiere sich schämen können, entschieden bejahen. Sie werden darauf hinweisen, daß bei Jägern, die doch in gewissem Sinne die besten Hundekenner sind, die wenigstens am meisten Gelegenheit haben, die Seele dieses anhänglichen Vierfüßlers zu beobachten, Redensarten wie: »Pfui, Hekter, schämst du dich gar nicht!« etwas ganz Alltägliches sind. Auch ~Darwin~ und ~Perty~ nehmen an, daß hochentwickelte Tiere Scham besitzen. Trotzdem will es mir scheinen, daß diese Annahme auf sehr schwachen Füßen steht, und ich möchte in nachstehendem meine Ansicht näher begründen.

Zunächst ist es einleuchtend, daß man Scham nicht mit Schuldbewußtsein verwechseln darf. Daß das letztgenannte hochentwickelte Tiere besitzen, davon bin ich überzeugt, und ich werde dafür später einige Beispiele anführen. Ein Verbrecher kann sehr wohl wissen, daß er Unrecht begeht, braucht sich deswegen aber noch lange nicht zu schämen. Ebenso ist Ärger und Scham zweierlei; es ist ärgerlich, wenn man als armer Teufel geboren ist, aber man braucht sich dessen nicht zu schämen. Wenn man es trotzdem tut, so liegt falsche Scham vor, denn Voraussetzung einer jeden wahren Scham ist immer der Gedanke, daß man es anders oder besser hätte machen oder unterlassen können. In meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« habe ich darauf hingewiesen, daß wir den Tieren kein Gefühl unterschieben sollen, das wir nicht bei Naturvölkern und Kindern antreffen. Nun ist es sicherlich bei den Naturvölkern recht zweifelhaft, ob der Begriff der Scham in unserem Sinne bei ihnen vorhanden ist. Kinder lernen jedenfalls das wirkliche Schämen verhältnismäßig spät, weil es etwas künstlich Anerzogenes ist.

Wenn mein Hund gegen das Verbot auf dem Sofa gelegen oder genascht hat, und ich rufe ihm zu: »Aber pfui, was hast du getan?« so gewährt er das bekannte Bild, daß er sich furchtsam niederkauert und, mit dem Schwanze wedelnd, mich bittend ansieht. Ist das nun Scham, oder ist es Angst vor Schlägen? Das letzte ist zunächst das Wahrscheinliche.

Ähnliche Fälle sind folgende. Hunde, z. B. Pudel, denen der hintere Teil des Körpers geschoren ist, pflegen diese Partie gern zu verstecken. Es heißt dann allgemein: Seht, wie der Hund sich schämt! In Wirklichkeit dürfte der Hund frieren und sich vor Kälte zu schützen suchen.

Bekannt ist es ferner, daß Hirsche, die ihr Geweih abgeworfen haben, sich selten sehen lassen, sich vielmehr im dichtesten Gestrüpp aufhalten. Viele nehmen auch hier an, der König der Wälder schäme sich, sich ohne seine Krone in der Öffentlichkeit zu zeigen. Viel näher und begründeter ist die Ansicht, daß das Tier sich infolge seiner geringen Wehrhaftigkeit nicht so sicher fühlt wie sonst und deshalb Verstecke bevorzugt.

Für die Annahme, daß Tiere sich schämen, werden mit Vorliebe gewisse Handlungsweisen der großen Raubtierarten, insbesondere der Löwen angeführt. Es ist in unzähligen Fällen beobachtet worden, daß speziell die Katzenarten nach einem Fehlsprunge das beschlichene Wild nicht weiter verfolgen. Auch hier war man mit dem Urteile schnell bei der Hand. Der König der Tiere schämt sich, daß er den Sprung nicht richtig bemessen hat. Auch in diesem Falle liegt ein großer Irrtum vor, wie sich aus dem folgenden ergeben wird. Ich habe in meinem Buche eingehend dargetan, daß man zwischen Lauf- und Schleichraubtieren unterscheiden muß. Zu den erstgenannten gehören die Hundearten, zu den zweitgenannten die Katzen. Die Schleichraubtiere sind fast alle Kletterer, aber keine ausdauernden Läufer. Umgekehrt sind die Laufraubtiere vorzügliche Läufer, aber keine Kletterer. Der Löwe gehört zu den Katzen, und als solcher kann er einen schnellfüßigen Pflanzenfresser durch ausdauerndes Laufen nicht einholen. Es wären wohl alle Antilopenarten ausgerottet, wenn sie von den großen Katzen nicht nur beschlichen werden könnten, sondern -- falls sie sich vor einer Überlistung durch ihre Vorsicht bewahrt hatten -- nicht einmal fähig wären, sich durch die Flucht zu retten. Daß der Löwe bei einem Fehlsprunge nur deshalb nicht an Verfolgung denkt, weil er nicht so schnellfüßig ist, wie das beschlichene Tier, ersieht man daraus, daß er unter Umständen nochmals springt. Es kommt nämlich manchmal vor, daß das verfolgte Tier einen Weg einschlagen muß, der eine Krümmung aufweist, z. B. weil er durch eine gewundene Schlucht führt. Dann schneidet der Löwe die Krümmung ab und versucht den Sprung nochmals. Denn durch den kürzeren Weg besteht naturgemäß für ihn die Möglichkeit, ein Geschöpf einzuholen, obwohl es ihm an Schnelligkeit überlegen ist.

Der ausgezeichnete Tierbeobachter ~Loewis~ erzählt von seinem zahmen Luchs Lucy einen Vorfall, der anscheinend beweist, daß trotzdem Katzenarten Schamgefühl besitzen. Er schreibt nämlich folgendes:

»Sein Ehr- und Schamgefühl war ebenfalls nicht unbedeutend entwickelt. Aus den Fenstern des Gutsgebäudes beobachtete ich eine eigentümliche, das Gesagte dartuende Szene. Der große Teich war im November mit einer Eisdecke belegt, nur in der Mitte war für die Gänseherde ein Loch ausgehauen worden und von der schnatternden Schar dicht besetzt. Mein Luchs erblickte dies mit lüsternen Augen. Platt auf die Eisdecke gedrückt, schiebt er sich nur rutschend weiter heran, mit seinem Schwänzchen vor Begierde hastig hin und her wedelnd. Die wachsamen Nachkommen der Kapitolsretter werden unruhig und recken die Hälse bei der drohend nahenden Gefahr. Jetzt duckt sich unser Jagdliebhaber, und wie ein Schleudergeschoß fliegt mit gespreizten Pranken im Bogen mitten in die erschreckte Sippe der grimme Feind, nicht ahnend, auf welch trügerischem Element die heißersehnte Beute ruht. Statt mit jeder Tatze eine Gans zu erfassen, klatscht der Luchs ins kühle Naß; denn alles Federvieh war rasch zum Loche hinausgesprungen oder geschwind untergetaucht. Jetzt gab ich die auf dem spiegelhellen Eise verwirrten Gänse als verloren auf; aber statt nun leicht Herr über die armen Vögel zu werden, schlich triefend, mit gesenktem Kopfe, Scham in jeder Bewegung zeigend, nicht rechts und links schauend, mitten durch die Wehrlosen der Luchs sich fort und verbarg sich auf viele Stunden an einem einsamen Platze. Hunger, Jagdlust und angeborene Blutgier konnten die Beschämung über den verfehlten Angriff nicht unterdrücken.«

Haben wir nicht in diesem Falle einen deutlichen Beweis, daß auch ein Tier sich schämen kann? Von anderer Seite ist hiergegen geltend gemacht worden, der Luchs habe sich nicht geschämt, sondern er sei nur deshalb trübselig davongeschlichen, weil ihm das kalte Bad höchst unwillkommen gewesen sei. Nun ist es ja richtig, daß die Katzen im allgemeinen keine Freunde des Wassers sind. Aber auch unser Hinz scheut ein Bad keineswegs, wenn es gilt, sich einen guten Bissen für sein Mäulchen zu verschaffen. So beobachtete ich im verflossenen Frühjahre folgendes. Im Schilfe eines Sees machten sich ein Paar Sperlinge eine Liebeserklärung. Die Katze eines benachbarten Gehöftes wurde durch das laute Gezeter aufmerksam und schlich sich lautlos an das Liebespärchen heran. Plötzlich machte sie einen gewaltigen Sprung -- allerdings daneben -- und sauste in das Wasser. Angenehm schien ihr das Bad auch nicht zu sein, aber wenn ein Haustier das kalte Wasser nicht scheut, so wird es ein frei lebendes erst recht nicht tun. Nun bedenke man, daß Luchse vorwiegend Bewohner kalter Zonen sind. Wie ~Loewis~ berichtet, schlief sein Luchs selbst im kranken Zustande freiwillig auf dem Dache bei einer Kälte von 10 bis 12 Grad. Ein solches Tier soll, wenn es ins kalte Wasser kommt, deswegen tieftraurig sein? Das glaube ich nimmermehr.

Ich sehe hier vielmehr wiederum einen Fall der Gewohnheit vorliegend. Der wilde Luchs, der im Freien nach einem Vogel, also einer wilden Gans oder Ente springt und sie nicht erhascht, weiß, daß er sie niemals mehr bekommt. Der Vogel fliegt dann davon und ist für ihn verloren. Daß zahmes Geflügel nicht ordentlich fliegen kann, ist dem Luchs sicherlich nicht bekannt, denn ich habe niemals etwas davon gehört, daß er wie Fuchs, Marder, Iltis unserm Hausgeflügel nachstellt.