Chapter 5 of 9 · 3963 words · ~20 min read

Part 5

Die Möglichkeit kann man nicht bestreiten, daß ein Tier ~mit der Zeit~ infolge besonderer Umstände, wie hier durch das Gerstenkorn, merkt, das Bild im Spiegel sei sein Ebenbild. Die auch von ~Marshall~ erwähnte Gleichgültigkeit eines Affen gegen den Spiegel trifft man bei vielen Artgenossen im Zoologischen Garten an, weil sie ~allmählich~ gemerkt haben, daß es sich um einen Trug handelt.

Jedenfalls ist der von +Dr.+ Schmidt geschilderte Orang-Utan, trotzdem ebenfalls besondere Umstände vorlagen, die ihm den Gedanken nahe legten, er sähe sein Ebenbild, hierauf nicht verfallen. Zu dem gleichen Ergebnisse bin ich bisher gelangt, wenn ich ähnliche Versuche mit Affen angestellt habe. Der von ~Marshall~ beobachtete Makak muß also entweder ein ungewöhnlich kluges Tier gewesen sein, oder es ist nur ein Zufall gewesen, daß er das -- vielleicht juckende -- Geschwür betastet hat. Er hätte sich dann gewundert, daß er einen Artgenossen mit krankem Auge erblickte, wäre jedoch weit entfernt davon gewesen, in dem Spiegelbild sein Ebenbild zu erkennen.

Tiere als Heuchler.

Dichter und Gelehrte haben vielfach die Behauptung aufgestellt, daß das Tier sich dadurch vorteilhaft vom Menschen unterscheide, daß es der Verstellung unfähig sei. Selbst bei Tierpsychologen trifft man die Meinung an, der Tierarzt habe eine leichtere Aufgabe als der Menschenarzt, ~denn die Tiere verstellten sich nicht~. Diese Ansicht ist jedoch irrig, wie sich aus nachstehendem ergeben wird.

Im Altertum huldigte man der entgegengesetzten Meinung und zwar vielfach mit Recht. So schildert uns schon ~Xenophon~ die Verstellungskünste der Wölfe, die sie anwenden, um trotz der Hirten und Hunde Beute zu machen, genau so wie der alte ~Geßner~.

Was die Alten ferner von den Verstellungsmitteln Reinekes erzählen, ist gewiß stark übertrieben, aber ein gewisser Kern von Wahrheit steckt darin. So schreibt z. B. ~Oppian~: Fühlt der schlaue Fuchs ein Gelüste nach Vogelfleisch, so weiß er sich recht artig zu helfen: Er legt sich auf den Rücken, streckt alle Viere von sich, schließt Augen und Maul und stellt sich tot. Nun kommen die Vögel in Menge und beginnen an dem vermeintlichen Aase zu rupfen und zu zupfen. Kommt ihm aber ein Vogel ans Maul, schnapp, da hat ihn der Schalk zwischen den Zähnen, und läßt ihn sich ganz herrlich schmecken.

Der Bericht ist deshalb nicht ganz unglaubwürdig, weil der bekannte Naturforscher ~v. Homeyer~ etwas Ähnliches erzählt. Er schreibt: »Daß unser Raubritter alte Vögel greift, ist unzweifelhaft; es erscheint mir jedoch auch wahrscheinlich, daß die alten Schilderungen der Art und Weise, wie er es anstellt, solche zu überlisten, teilweise richtig sind. Wenn der Fuchs, um sich zu sonnen, auf einer Waldblöße liegt, versammeln sich Krähen in immer wachsender Anzahl unter stetem Lärm und rücken dem Fuchse, welcher regungslos daliegt, allmählich näher, bis ein sicherer Sprung des Totgeglaubten einen der Schreier zum Opfer fordert. Mein Vater hörte einmal im Mai, ehe es noch junge Krähen gab, von fern anhaltendes Schreien der Krähen eines Waldes, und vermutete, daß dasselbe einem Raubvogel gelte. Schon in die Nähe gekommen, vernahm er einen furchtbaren Lärm, welcher sich auf ihn zu bewegte, und bald sprang ein Fuchs mit einer Krähe im Maule vorüber, gefolgt von einem ganzen Schwarm schreiender Genossen des Opfers. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß das plötzliche Aufschreien aller Krähen den Augenblick bezeichnete, an welchem der Fuchs eine derselben ergriff.«

Daß übrigens Raubtiere sich verstellen, um ihre Opfer anzulocken, ist etwas ganz Bekanntes. Beispielsweise schreibt ~Scammon~ von einer so plumpen Robbe, wie dem Seelöwen, daß sie folgende List gebraucht, um sich eines Seevogels zu bemächtigen. Nach seinen Beobachtungen tauchen sie angesichts einer Möve tief in das Wasser, schwimmen auf ein gut Stück unter den Wellen fort, erscheinen vorsichtig an einer anderen Stelle wieder an der Oberfläche, strecken jedoch nur die Nasenspitze aus dem Wasser heraus und bringen nun, wahrscheinlich mit Hilfe ihrer Schnurrhaare, das Wasser hier in eine drehende Bewegung, in der Absicht, die Aufmerksamkeit der fliegenden Möve auf sich zu lenken. Diese glaubt, irgend ein Wassertier zu sehen, stürzt sich herunter, um dasselbe zu fangen, und ist einen Augenblick später von dem Seelöwen gepackt und unter das Wasser gezogen, bald darauf auch zerrissen und verschlungen.

Ja selbst unser als biederer und gerader Charakter bekannter Bär soll nach ~Krementz~ den Brunftschrei des Elches nachahmen, um diesen zu berücken. Aber wie soll man sich darüber wundern, wenn selbst ein so anscheinend stumpfsinniger Fisch wie der Wels seine Bartfäden benutzt, um Fische heranzulocken.

Jeder Hundebesitzer wird übrigens ohne weiteres bestätigen, daß Tiere sich vortrefflich verstellen können. Mit derartigen Geschichten von schauspielernden Hunden ließen sich ganze Bände füllen. (vgl. S. 12). Jeder Hundekenner weiß, daß Hunde, die Appetit auf Braten und dergleichen haben, jedoch nur trockenes Brot erhalten, es anscheinend gierig erfassen, aber in der Stille nach einem entlegenen Orte verschleppen. Eine andere Art der Schauspielerei habe ich unzähligemal gesehen. In einer befreundeten Familie, die einen sehr lebhaften Hund besaß, war der Hausherr ein überaus gutmütiger Herr, ein sogenannter Gemütsathlet, wie man zu sagen pflegt. Die natürliche Folge war die, daß die Herrin um so energischer auftreten mußte, damit seine Gutmütigkeit nicht allzusehr ausgenutzt wurde. Auch dem Hund gegenüber vertrat sie mit Recht den Standpunkt, daß er als wohlerzogenes Tier bis nach Schluß des Essens auf sein Deputat warten sollte. Ich bin nun sehr häufig am Sonntag Mittagsgast dort gewesen und habe regelmäßig folgendes erlebt: So lange die Herrin des Hauses anwesend war, lag mein Köter mäuschenstill an dem ihm bestimmten Orte und wagte nicht, sich bemerkbar zu machen. Mußte jedoch die Hausfrau aus irgend einem Grunde das Zimmer verlassen, beispielsweise um nach der Küche zu gehen und nachzusehen, ob alles ihren Anordnungen entsprechend geschah, flugs war mein Hund am Tische und bettelte in der unverschämtesten Weise bei seinem Herrn und zwar gewöhnlich mit Erfolg. Kaum hörte er jedoch die nahenden Schritte der zurückkehrenden Herrin, so legte er sich flink auf die alte Stelle hin und tat heuchlerisch so, als wenn gar nichts vorgefallen wäre.

Ähnliches berichtet Rektor ~Gräßner~ von seiner deutschen Dogge Tom: »Am ergötzlichsten war sein Benehmen, wenn sich ihm Gelegenheit darbot, meinen Töchtern einen Gegenstand, mit welchem sie sich gerade beschäftigten, etwa ein Paar zusammengefaltete Strümpfe, einen großen Wollenknäuel usw. heimlich, wie er sich einbildete, wegzustibitzen und in seinen großen Rachen verschwinden zu lassen. Suchten dieselben dann den geraubten Gegenstand absichtlich mit auffallender Emsigkeit, so hatte er seinen Zweck erreicht, er nahm unter besonders gemessener Haltung eine möglichst einfältige Miene an, um zu zeigen, daß er keine Ahnung von dem Grunde der stattfindenden Aufregung habe, und gab das Vermißte unter schlauem Blinzeln nicht früher heraus, als bis man sich direkt an ihn mit der Frage gewandt hatte: ›Tom, weißt du denn nicht, wo .... hingekommen ist?‹ War ich zufällig bei diesem Spiele zugegen, so kam er, ehe jene Frage an ihn gestellt und er sich mit einem Blicke auf die Mädchen überzeugt, daß er nicht beobachtet wurde, unaufgefordert zu mir, sperrte sein Maul so weit auf, daß ich den gesuchten Gegenstand erblicken mußte, warf mir einen verständnisinnigen schelmischen Seitenblick zu, um dann im Umdrehen das vorher gezeigte dumme Gesicht wieder anzunehmen und auf seinen Platz zurückzukehren.«

Aber nicht nur Raubtiere besitzen die Kunst des Verstellens. So erzählt ~J. Franklin~ von einem Schweine folgendes: Auf einem Schiff lebten ein Hund und ein Schwein in guter Freundschaft, gingen und sonnten sich miteinander, fraßen aus einer Schüssel, nur um das Hundehaus stritten sie, welches manchmal das Schwein zum Verdruß des Hundes in Beschlag nahm. An einem stürmischen Abend wollte es dieses wieder tun, aber der Hund lag schon darin. Da nahm das Schwein eine Zinnschüssel in das Maul und tat in einiger Entfernung, als ob es daraus fräße, worauf der Hund herbeilief, das Schwein aber eiligst in dessen Stall.

Auch die fliehenden Pflanzenfresser retten sich nicht nur durch die Schnelligkeit ihrer Füße, sondern wenden mancherlei Listen an. Schon ~Älian~ schreibt: Der Hase begibt sich nie in sein Lager, ohne vorher seine Spur zu verwirren, und dadurch den nachfolgenden Jäger zu täuschen. So betrügt das listige Tier die Klugheit des Menschen. Die Bemerkung ist durchaus zutreffend. Der Hase geht, wenn er ins Lager will, erst über dessen Stelle hinaus, dann eine Strecke seiner eigenen Spur zurück, macht mehrere Kreuz- und Quersprünge, wovon ihn der letzte zum Lager bringt.

Übrigens macht Freund Lampe solche Wiederläufe nicht nur, wenn er sich nach seinem Lager begibt, sondern auch, wenn er sich auf der Flucht befindet. Hunde, die seiner Spur folgen, haben natürlich die allergrößte Mühe, aus diesem Wirrsal sich zurechtzufinden.

Ähnliche Heuchelei können wir bei gezähmten Affen und anderen intelligenten Geschöpfen wahrnehmen. So schmeicheln Papageien und Affen oft denen, die sie beißen wollen. ~Rengger~ berichtet von seinem Kapuzineraffen, daß er, wenn er von jemand beleidigt war, sich ganz freundlich gegen ihn stellte. Er wollte ihn dadurch sicher machen, nahm aber, sobald sein Zweck erreicht war, furchtbar Rache. Ähnliches, was ~Homeyer~ vom Fuchse erzählt, wird vom Affen berichtet. Ein zahmer Affe in Indien, dessen Futter die Krähen oft plünderten, stellte sich einst tot, fing aber die erste Krähe, die er erwischen konnte, rupfte sie und warf sie dann in die Luft, wo sie von ihren Genossen totgehackt wurde, die dann des Affen Futter weiter nicht mehr angingen. Im ~Brökmannschen~ Affentheater, wo ich dem Ankleiden der Affen zusah, war es spaßhaft zu sehen, wenn einer der vierhändigen Künstler den ihm vorgehaltenen Ärmel anscheinend nicht sah, sondern mit der ernstesten Miene von der Welt mit dem ausgestreckten Arme daneben fuhr. Er »markierte den Dusseligen«, wie der Berliner sagen würde. Das gleiche wird vom Elefanten berichtet.

Eine bekannte Heuchelei bei Tieren ist das Sichtotstellen, um das gefährdete Leben zu retten. Nicht nur Insekten machen hiervon Gebrauch, sondern auch Raubtiere wie das Opossum und unser Wiesel. Von dem letztgenannten berichtet Freiherr ~v. Droste-Hülshoff~ im »Zoologischen Garten« folgenden Fall:

»Auf einem Spaziergange Ende Mai 1872 wurde meine Aufmerksamkeit durch auffallende, augenscheinlich von einem Tiere herrührende Töne in meiner Nähe erregt. Ich begab mich an die Stelle, wo ich die Töne vernommen hatte, und bemerkte ein altes und zwei junge Wiesel, welche letztere bereits mindestens die Größe eines alten erreicht hatten. Bei meinem Erscheinen entfernte sich das alte Wiesel schleunigst, die beiden jungen drückten sich an den Boden und machten es mir dadurch möglich, das eine derselben durch einen raschen Griff im Genick zu erfassen; das andere entfloh darauf eiligst. Auf das klägliche Zetergeschrei des von mir in der Hand gehaltenen erschien nun augenblicklich das alte und rannte unausgesetzt und mit unglaublicher Schnelligkeit in einer Entfernung von 1 bis 2 Fuß um mich herum; den wiederholten Streichen meines mit der linken Hand geführten Regenschirmes wich das Wiesel geschickt aus und erreichte ich damit nur, daß ich meinen Regenschirm zerschlug. Nachdem dieses nun etwa 5 Minuten gedauert hatte, setzte ich meinen Weg fort unter Begleitung des alten Wiesels, welches mich aber, nachdem ich 30-40 Schritte zurückgelegt hatte, verließ. Sofort änderte das junge seine Taktik. Nachdem es nämlich unter fortwährendem Geschrei versucht hatte, sich zu befreien, hörte dieses nunmehr gänzlich auf; es hing ganz schlaff in meiner Hand, schloß die Augen, sperrte schließlich auch noch das Maul ganz weit auf und war augenscheinlich tot. Da ich das Wiesel lebend behalten wollte, so war mir diese Entdeckung nicht angenehm und um so auffallender, als ich dasselbe, um es nicht zu ersticken, nur mit zwei Fingern an den starken Halswirbeln gefaßt hatte. Es war und blieb aber tot und alle Bemühungen, ein Lebenszeichen von demselben zu erhalten, blieben fruchtlos. Ich trug es daher noch eine Strecke und warf es dann mitten in einen kleinen Teich, an dem mein Weg vorüberführte. Kaum hatte es die Wasserfläche berührt, als es auch schon zu meiner nicht geringen Überraschung zu schwimmen begann und ganz munter an das Ufer schwamm, um im Grase und Gestrüpp zu verschwinden.«

»Das Wiesel hatte mich augenscheinlich absichtlich getäuscht und lieferte dadurch wieder einen Beweis für die Behauptung, daß die Tiere doch mitunter eine bedeutende Überlegung an den Tag legen, die mir übrigens mit dem Begriff von Instinkt wohl vereinbar zu sein scheint.«

Auch der frei lebende Affe liebt die Verstellung. Von den Pavianen z. B. wird berichtet, daß, wenn sie von Hunden verfolgt werden, die starken Männchen absichtlich bei der Flucht zurückbleiben. Stürzt sich nun ein einzelner Hund auf einen solchen Recken, so ist er verloren, denn der Pavian packt und zerfleischt ihn. Erfahrene Hunde bleiben daher stets zu mehreren, denn dieser Übermacht ist der Affe nicht gewachsen.

Selbst manche Raubtiere bekunden, um ihre Nachkommenschaft nicht zu verraten, eine Scheinheiligkeit, die Staunen erwecken muß; sie rauben in der Nähe ihres Lagers nicht. So heißt es bei ~Brehm~:

»In der Nähe seiner Traden (d. h. dicht mit Holz bestandener Stellen in Morästen)«, schreibt mir ~Kade~, »raubt der Wolf nie, weshalb Rehe und junge Wölfe harmlos in einem und demselben Treiben aufwachsen. Bei den meisten Wolfsjagden habe ich in demselben Treiben junge Wölfe und junge Rehe erlegt und erlegen sehen. Diesen niedlichen Tieren kann aber die Nähe der Wölfe unmöglich unbekannt bleiben, da letztere schon Ende Juli zu heulen beginnen.«

Wer denkt da nicht an den Grundsatz mancher Leute: Das eigene Haus muß man rein halten! Verbrecher haben gewöhnlich das Prinzip, niemals in dem Hause, in dem sie wohnen, etwas Ungehöriges zu begehen.

Auch die wilden Gänse stellen sich tot, wenn sie sich in der Mauser befinden und deshalb schlecht fliegen können, und täuschen dadurch häufig den Jäger. Überhaupt muß man wohl die Palme unter den Verstellungskünstlern den Vögeln zuerkennen. Namentlich die Vögelmütter, die Junge haben, verstehen es ausgezeichnet, etwaige Feinde abzulenken. Das soll im folgenden Kapitel ausführlich geschildert werden.

Selbst die so plumpe Eule ist Verstellungen nicht abgeneigt, wie ~Brehm~ betont. Sie blinzelt nur, um den Menschen zu täuschen. Denn sie möchte ihren Platz aus Furcht vor dem Gezeter kleiner Vögel nicht gleich aufgeben. Andere gebrauchen die List, daß sie ihre Gestalt derartig verschieben, daß sie einem alten, mit Moos und Flechten übersponnenen Astknorren auf das genaueste gleichen.

Zum Schlusse sei noch der allerliebsten Verstellungsgeschichte einer Krähe gedacht, die ein Herr ~Keil~ kürzlich beobachtete. Er erzählt den Vorgang folgendermaßen:

»Da hatte ich einmal einige vertrocknete Semmelecken, die sich als liegengelassenes Frühstück im Schreibtisch vorfanden, in den Garten geworfen. Es mochten vielleicht fünf Stücke sein, die verstreut im letzteren auf dem Schnee umherlagen. Sehr bald kam eine Krähe vorbeigestrichen, sah die Semmeln liegen und machte sich darüber her. Sie hackte energisch auf das harte Zeug ein, wobei ich aber beobachten konnte, daß sie nicht einen Augenblick ihre Umgebung außer acht ließ. Sobald sich nun in der Ferne eine andere Krähe zeigte, unterbrach die erste sofort ihr Frühstück, lief ein Stück weg auf den Mauerrand und äugte stillvergnügt in die Welt hinein, als ob überhaupt nicht los sei. Ich wäre beinahe geneigt zu behaupten, daß sie dazu eine möglichst harmlose Grimasse geschnitten habe. Sobald dann die andere Krähe vorbeigestrichen war, kehrte die erste sofort wieder zu ihrer Mahlzeit zurück. Dieses Spiel wiederholte sich noch öfter, bis von den Semmeln nichts mehr da war. Ich kann sagen, ich habe über den drolligen Vorgang herzlich gelacht.«

Verstellungskünste bei Vogeleltern.

Uralter, in der Natur der Dinge liegender Erfahrungssatz ist es, daß gerade die Frauen die krummen Wege lieben. Eine Penelope ist nicht nur wegen ihrer rührenden Gatten- und Mutterliebe das Ideal einer Frau, sondern sie zeigt sich auch als echtes Weib darin, daß sie die bösen Freier viele Jahre hindurch an der Nase herumführt.

Auch bei den Tieren verstehen viele Weibchen, insbesondere die Vögelmütter, das Verstellen vortrefflich.

Schon den alten Römern sind diese Verstellungskünste aufgefallen. So schreibt z. B. ~Plinius~ vom Rebhuhn folgendes:

»Nähert sich jemand dem Neste des Rebhuhnes, so läuft ihm das Weibchen vor die Füße, stellt sich krank und lahm, läuft oder fliegt etwas weiter, fällt nieder, als hätte es einen Flügel oder ein Bein gebrochen, läuft wieder weiter, der Mensch hinterher; aber er hofft vergeblich, denn das Rebhuhn verstellt sich nur, und hat die Absicht, ihn vom Nest wegzulocken.«

Hiermit steht ganz im Einklange, was ~Naumann~ darüber schreibt: »Rührend ist es, die unbegrenzte Sorgfalt der Eltern um ihre lieben Kleinen zu beobachten. Ängstlich spähend, von welcher Seite Unglück drohe, oder ob es abzuwenden sei, läuft der Vater hin und her, während ein kurzer Warnungslaut der Mutter die Jungen um sich versammelt, ihnen befiehlt, sich in ein Versteck zu begeben, schnell einem jeden ein solches im Getreide, Grase, Gebüsche, hinter Furchen, in Fahrgeleisen und dergleichen anweist, und, sobald sie alle geborgen glaubt, mit dem Vater alles aufbietet, um den Angriff zu vereiteln oder abzuwenden. Mutig stellen sich beide Eltern nun dem Feinde entgegen, greifen ihn im Gefühl ihrer Schwäche jedoch nicht an, sondern suchen seine Aufmerksamkeit von den Jungen abzuziehen, bis sie glauben, ihn weit genug entfernt zu haben. Dann fliegt zuerst die Mutter zu den Jungen, welche ihr angewiesenes Versteck indessen um keinen Fuß breit verlassen haben, zurück und versucht, diese eiligst ein Stück weiter fortzuschaffen. Sieht endlich der Vater alle seine Lieben in Sicherheit, so enttäuscht er auch seine Verfolger und fliegt davon. Sobald nun ringsumher alles wieder ruhig und die feindliche Störung verschwunden ist, läßt er seinen Ruf hören, welchen die Mutter sogleich beantwortet, worauf er sofort zu seiner Familie eilt.«

Der ausgezeichnete Zoologe ~Lenz~ bestätigt ebenfalls, daß es die List mancher Vögel ist, sich beim Neste oder bei kleinen Jungen lahm zu stellen, um den Feind von der Brut weg und irre zu führen. Dieser Zug schlauer Berechnung täuscht Tiere jedesmal, auch den Menschen immer, solange er noch nicht durch längere Erfahrung oder durch Belehrung zur Einsicht gekommen ist.

Von einem Müllerchen erzählt er folgende Geschichte:

»Ein recht auffallendes Beispiel solcher Verstellungskunst hat mir der Ober-Medizinalrat ~Buddeus~ zu Gotha mitgeteilt: Er bemerkte auf einem pyramidenförmig zugeschnittenen, dichten Baum seines Gartens ein Müllerchen und begann, es aufmerksam zu betrachten. Da schien das Tierchen plötzlich krank zu werden, begann zu schwanken und fiel dann wie tot vom Baum gerade ins Gras herab. Der Ober-Medizinalrat sprang zu, es zu ergreifen; es raffte sich aber scheinbar mühsam auf und flüchtete langsam flatternd vor ihm her ins Gebüsch. Von der Verfolgung zurückgekehrt, untersuchte er den Baum genauer und fand da drei kleine, kaum ausgeflogene junge Müllerchen ruhig auf einem Ästchen sitzend. Die Mutter hatte nur die Rolle des Sterbens gespielt, um den vermeintlichen Feind abzulocken. Am folgenden Tage suchte der Ober-Medizinalrat die Müllerchen wieder auf: das Tierchen stürzte wieder genau wie am vorigen Tage zu Boden und flatterte dann vor ihm her. An den nächstfolgenden Tagen berief er einzelne Freunde, das Wunder mit anzusehen, und es wiederholte sich regelmäßig, bis die Jungen etwas selbständiger waren. Dieselbe Kunst trieb das nette Tierchen auch noch in den zwei folgenden Jahren, wo es wieder in dem Garten nistete.«

Noch merkwürdiger ist vielleicht das Benehmen einer Sumpfohreule, worüber ~Tancré~ in den »Ornithologischen Briefen von ~E. F. v. Homeyer~« berichtet. Hier wird folgendes geschildert:

»Über ein interessantes Benehmen dieser Art beim Nest, das ich mit keinem andern Namen als ›Überlegung‹ bezeichnen kann, will ich Ihnen eine Mitteilung machen. Ich fand nämlich im vorigen Sommer auf einem mit Weiden- und Erlengebüsch bestandenen und mit hohem Rohr und Gras bewachsenen Terrain der Peenewiesen ein Nest dieser Eule, geleitet durch das Männchen -- vermutlich --, welches mich mit dem bekannten, dem Hundegekläffe ähnlichen Angstruf umflog. Das Nest, von dem das Weibchen abflog, stand versteckt unter einem Weidenbusche und enthielt fünf bis zum Ausschlüpfen bebrütete Eier. Da mir die Dunenjungen hiervon in der Sammlung fehlten, so beschloß ich, diese später zu holen, und machte mir ein Zeichen, indem ich ein Stück weißes Papier auf der Spitze des nächsten Busches befestigte.«

»Als ich nach acht Tagen die Eulen abholen wollte, war das Papier fort. Vielleicht war es vom Winde allmählich losgelöst, möglicherweise aber auch durch die Alten entfernt. Ich mußte mich also aufs neue auf die Suche nach dem Neste begeben. Da kommt eine der Eulen, wahrscheinlich wieder das Männchen, angeflogen und fährt etwa zwanzig Schritte neben mir zur Erde in einen Busch. Deutlich höre ich jetzt das Piepen der Jungen, welches sie ausstoßen, wenn sie geätzt werden. Ich gehe dorthin, die Eule fliegt auf der anderen Seite des Busches heraus, aber das Nest kann ich nicht entdecken. Kaum habe ich mich in anderer Richtung entfernt, als die Eule abermals in den Busch fliegt und ich wiederum die Jungen höre. Nochmals durchsuche ich den Strauch in der Meinung, daß vielleicht die Brut aus dem Neste entfernt und jetzt hier untergebracht sein möchte. Dies währt einige Minuten, während deren das Männchen umherfliegt. Da machte es dasselbe Manöver zum dritten male, aber auf der ~entgegengesetzten~ Seite von mir. Jetzt erst wird mir klar, daß ich getäuscht bin, eile möglichst leise nach dem Busch hin und sehe die Eule hinter ihm im Grase sitzen und selbst dies dem der Jungen so gleiche Gepiepe ausstoßen.«

»Nach genauer Orientierung und Suche fand ich dann das Nest wieder, wovon die Alte wiederum abflog und worin sich jetzt fünf sehr ungleich große Junge befanden.«

»Warum machte der Vogel es nicht, wie das erstemal und umflog mich nur mit Geschrei? Er hatte doch das Verständnis, daß er jetzt, nachdem im Neste die Veränderung vor sich gegangen, auch ein anderes, dementsprechendes Mittel anwenden müsse, um mich irre zu leiten, und ahmte deshalb den Jungen nach.«

In seinem bekannten Buche: »Bingo und andere Tiergeschichten« berichtet ~Thompson~ von den Leiden und Freuden einer Fasanenmutter, die ihre kleinen Jungen vor den zahlreichen Feinden schützen will. Es heißt dort:

»Drüben auf der Wiese erschien ein großer Fuchs; er kam ihren Pfad entlang, und sicherlich würde er sie in wenigen Augenblicken mit seiner feinen Nase wittern. Da gab es keine Zeit zu verlieren.«

»Krr! Krr! (Versteckt euch! Versteckt euch!) rief die Mutter leise, aber in bestimmtem Tone, und die armen Dinger, kaum größer als Eicheln und nur einen Tag alt, zerstreuten sich, um sich zu verbergen. Das eine verschwand unter einem Blatt, ein anderes zwischen zwei Wurzeln, ein drittes kroch unter ein Stück abgefallene Birkenrinde, ein viertes in ein Erdloch usw., bis alle geborgen waren. Nur eins konnte keinen Schlupfwinkel finden, es legte sich flach auf ein breites, gelbes Blatt, machte die Augen fest zu und glaubte nun sicher, von niemand gesehen zu werden. Die Kleinen stellten ihr furchtsames Piepsen ein, und alles war still.«

»Mutter Fasan flog dem gefürchteten Räuber gerade entgegen, ließ sich dann ein paar Schritte seitwärts von ihm nieder, begann mit den Flügeln zu schlagen, als ob sie lahm, ganz flügellahm wäre und jammerte wie ein von der Mutter verlassenes Kind. Bat sie um Gnade -- Gnade von einem blutdürstigen, grausamen Fuchs? O nein! so töricht war sie nicht! Oft hört man von der Arglist des Fuchses, er ist jedoch ein richtiger Gimpel gegen eine kluge Fasanenmutter. Hocherfreut bei der Aussicht auf einen leckeren Braten gerade vor seiner Nase, drehte sich der Fuchs plötzlich um und erwischte -- doch nein, ganz erwischte er den armen Vogel nicht, er entschlüpfte seinen gierigen Zähnen um Fußeslänge. Mit einem Satze war er hinterdrein und würde ihn diesmal sicherlich gefangen haben, wenn nicht gerade eine tückische Schlingpflanze dazwischen geraten wäre. Die Fasanenmutter hinkte davon, kroch unter einen Baumstamm, und Reineke sprang darüber, während seine sichere Beute, die jetzt etwas weniger lahm zu sein schien, einen ungeschickten Sprung vorwärts machte und einen Abhang hinunterrollte. Der Fuchs, immer hinterdrein, packte sie beinahe beim Schwanz, aber sonderbar genug, so schnell er auch lief und sprang, sie schien doch noch schneller zu sein. So etwas war dem alten Straßenräuber noch nicht begegnet. Ein flügellahmer Fasan und er, Reineke, der Schnellfüßige, konnte sie in einem Rennen von fünf Minuten nicht einholen. Es war eine Schande! Der Fuchs verdoppelte seine Anstrengungen, jedoch der Fasan schien in demselben Maße an Kraft zuzunehmen, und nach einem Wettlauf von einer Viertelmeile war der Vogel auf unerklärliche Weise wieder ganz gesund, er erhob sich mit einem beinahe verächtlich klingenden Schwirren und flog durch die Wälder davon, den Verfolger vollkommen sprachlos hinter sich zurücklassend, mit der niederdrückenden Erkenntnis, daß man ihn zum Narren gehabt.«

»Mittlerweile schwebte die Fasanenmutter in einem weiten Bogen nach der Stelle zurück, wo die Kleinen im Unterholz versteckt waren.« --