Part 8
Wenn die Theorie mit dem Verhältnis zwischen Auge und Nase längst bekannt gewesen wäre, so müßte es doch ein leichtes sein, nur eine einzige Stelle anzuführen, wo sie vor mir aufgestellt worden ist. In den gangbarsten zoologischen Werken, so in dem Tierleben von Brehm findet sich keine Spur davon, und zwar weder in der von Brehm selbst noch in der von seinem Nachfolger bearbeiteten Auflage, ebensowenig bei Haacke-Kuhnert und den Werken des Professor Marshall, ferner von Professor Heck und Matschie usw. Selbst nach dem Erscheinen meines Buches: »Ist das Tier unvernünftig?« hat z. B. +Dr.+ Schäff, Direktor des Zoologischen Gartens von Hannover, in seinem neuerdings veröffentlichten Werke »Jagdtierkunde« zu dieser Ansicht nicht einmal Stellung genommen -- sie muß ihm also selbst heute noch ganz unbekannt sein. Ebenso hat Dr. Heinroth, langjähriger Assistent im Berliner Zoologischen Garten, der als einer der besten Tierkenner bekannt ist, im vorigen Jahre in einem Vortrage, dem ich beiwohnte, zwar zugegeben, daß Vögel nicht wittern können, aber z. B. von den Hirschen behauptet, daß sie sowohl wittern wie gut sehen können. Die hervorragendsten Vertreter der zoologischen Wissenschaft haben also noch heute keine Ahnung von einer Theorie, die angeblich schon längst bekannt war -- oder bekämpfen sie vereinzelt sogar!
Andererseits soll das angeblich längst Bekannte grundfalsch sein. Ich habe bereits erwähnt, daß so anerkannte Autoritäten wie v. Wißmann, Schillings und Oberländer, die in mehreren Erdteilen gejagt haben, mir im Prinzipe durchaus recht gegeben haben und könnte damit die Sache als erledigt betrachten, zumal ich noch mehr als ein Dutzend andere Namen anführen könnte, deren Träger ebenfalls im Auslande gejagt haben und von der Richtigkeit meiner Ansicht durchdrungen sind.
Damit ist natürlich keineswegs gesagt, daß alles, was in meinem Buche steht, unbedingt richtig sei. Im Gegenteil -- ich gebe ohne weiteres zu, daß einige Kleinigkeiten geändert bezw. umgearbeitet werden müssen. Das soll auch später geschehen. Ferner habe ich nur des leichteren Verständnisses wegen die Formel aufgestellt: Je besser die Augen usw. Genau ausgedrückt muß es heißen: ~Bei den höher organisierten Tieren ist die Summe aller Sinne gleich.~ Bei den Fledermäusen wird beispielsweise das schwache Sehvermögen nicht bloß durch die Nase, sondern auch durch das Tastvermögen ersetzt. Wenn aber bei der leichteren Fassung schon Mißverständnisse entstanden sind, dann kann man sich vorstellen, wie wenige die genauere Formulierung begriffen hätten.
Merkwürdigerweise hat kein einziger Gegner diesen Hauptmangel meiner Theorie bemerkt, was wohl der beste Beweis ist, wie wenig sie von der ganzen Sache verstehen. Übrigens wird mir jede sachliche Kritik stets erwünscht sein. So wurde ich brieflich darauf aufmerksam gemacht, daß der Ausdruck Dachs für Dachshund (vgl. Streifzüge S. 92) doch hin und wieder vorkomme. Auch gebe ich gern zu, daß der Zusammenhang von Maulaffen und Affen nicht wahrscheinlich ist. Hierauf wurde ich in zahlreichen Zuschriften aufmerksam gemacht. Ferner wurden gegen die Erklärung der Hufbewegungen edler Pferde (vgl. ebenda S. 76) von einigen Kavallerie-Offizieren Bedenken geltend gemacht. Diese Zuschriften sind eingehend geprüft worden und werden bei späteren Auflagen berücksichtigt werden. Bereits jetzt aber spreche ich allen den betr. Herren für das große Interesse, das sie meinen Arbeiten entgegenbringen, meinen aufrichtigen Dank aus.
Wer, wie ich, selbst viel kritisiert, darf selbstverständlich gegen Kritiken anderer nicht empfindlich sein. Von einem solchen Übelnehmen weiß ich mich auch vollkommen frei. Aber ich wünsche, von meinem Gegner Gründe, nicht Redensarten zu hören. Ich glaube mit Bestimmtheit behaupten zu können, daß ich niemals eine gegnerische Ansicht getadelt habe, ohne meine abweichende Meinung eingehend zu begründen. Es ist möglich, daß ich mich in meiner Kritik irre, aber den guten Glauben wird mir niemand absprechen können.
Leider kann ich das gleiche nicht von einzelnen Gegnern sagen. Da nennt einer mein Buch eine Sensationsschrift, von der jeder käfersammelnde Knabe Teile widerlegen kann. Also ein Buch, das hauptsächlich aus Arbeiten besteht, die Jahre vorher veröffentlicht sind, ist eine Sensationsschrift! Und warum werden nun nicht die Teile genannt, die bereits ein dummer Junge widerlegen kann? -- Weil sie der Herr Kritiker selbst nicht angeben kann!
Andere Kritiker müssen aus Konkurrenzgründen durchaus etwas Falsches feststellen. Ich schreibe in den Streifzügen S. 16, daß der Affenfang durch Maiskorn, das sich in einem Gefäß befindet, mir nach den eigenen Beobachtungen an Affen und nach der Versicherung anderer Naturforscher wahrscheinlich vorkomme. Sofort wird mir der Blödsinn unterstellt, daß ich Ammenmärchen erzähle und diesen Bericht aus der Raffschen Naturgeschichte, die vor 100 Jahren erschienen ist, entnommen habe. Den Raff kannte ich damals gar nicht, finde jedoch nachträglich, daß bei ihm die Geschichte ganz anders und zwar mit Kokosnüssen erzählt wird. Schon hieraus konnte jeder entnehmen, daß Raff nicht meine Quelle sei. In Wirklichkeit stammt sie aus -- Brehm, der ausdrücklich an zwei Stellen diesen Affenfang bestätigt (2. Aufl. Bd. 1 S. 45 u. 204). Man sieht, es laufen heute »Kritiker« herum, die zoologische Bücher besprechen, ohne von Brehm eine Ahnung zu haben.
Den Vogel auf diesem Gebiete schießt aber der Forstmeister Rothe aus Görlitz ab, der vor einem halben Jahre eine Gegenschrift gegen mich veröffentlicht hat. Dieses Machwerk möchte ich doch etwas niedriger hängen. Zum besseren Verständnis muß ich folgendes vorausschicken.
Bereits vor dem Erscheinen meines Buches polemisierte Rothe gegen einzelne naturwissenschaftliche Ansichten von mir und betonte, daß für den Praktiker nur Brehm maßgebend sei. Aus diesem Grunde habe ich mich auf diesen von mir hochverehrten Naturforscher mit Vorliebe berufen, ferner ihn absichtlich wörtlich zitiert, wie auch die andern anerkannten Autoritäten, beispielsweise v. Wißmann, den »Zoologischen Garten« usw. Nun, sollte man meinen, könnte selbst der schärfste Gegner nichts auszusetzen haben. Denn hatte Brehm falsche Beobachtungen gemacht, so war es ja Pflicht seiner Anhänger gewesen, in den 30 Jahren seit dem Erscheinen der zweiten Auflage, seine Irrtümer zu berichtigen. Statt dessen hagelt es von Ausdrücken wie Ignorant, Zoologische Brunnenvergiftung, Stubengelehrter usw. Auf diese Tonart einzugehen, verbietet mir meine Erziehung.
Für die Leser von Jagd-Zeitungen ist diese Methode R.'s nichts Neues. Anrempeleien anderer Autoren kann man in den letzten Jahrgängen zur Genüge finden. Kürzlich hatte er über Goethe als Jäger geschrieben, und als ihm das Irrige seiner Ansicht überzeugend nachgewiesen war, verkroch er sich hinter der Ausrede, er hätte es nicht wörtlich gemeint. Obwohl er seit vielen Jahren für die Deutsche Jägerzeitung und »Wild und Hund« schreibt, hat weder der Neudammsche noch Pareysche Verlag seine Broschüre übernommen, ja sie ist bis heute -- mehr als sechs Monate seit ihrem Erscheinen -- mit keiner Silbe besprochen. Das läßt tief blicken -- würde Sabor sagen. Dagegen hat die Deutsche Jägerzeitung mein Buch in acht ausführlichen Artikeln wohlwollend beurteilt. Dabei ist es doch selbstverständlich, daß eine Jagd-Zeitung eher für einen Forstmeister als für einen Gelehrten eintritt.
Nun zur Sache selbst. Abgesehen von einigen unbedeutenden Kleinigkeiten hat R. nicht das geringste von meinen Grundsätzen widerlegt. Um aber den Anschein einer Widerlegung hervorzurufen, bedient er sich folgender Mittel:
1. Im Gefühle, sachlich nichts von Bedeutung einwenden zu können, wird er persönlich. Obwohl ich als Sohn eines Gutsbesitzers in einem kleinen Dorfe geboren bin und in frühester Kindheit schon von Hunden umgeben war, bin ich natürlich kaum aus der Stube gekommen usw. Es wundert mich nur, daß R. nicht auch behauptet, ich hätte noch niemals einen Hund gesehen.
2. Er wirft mit Phrasen-Kritiken um sich, ohne sie zu begründen. So wimmelt es in seiner Broschüre von Ausdrücken wie: es berührt peinlich (S. 15 u. 24), ist sehr bedenklich (S. 17), ist zu burlesk (S. 18) usw.
3. Er unterstellt dem Gegner die blödsinnigsten Ansichten und Aussprüche, die dieser niemals geäußert hat. Erkläre ich z. B., daß ich mäßig kurzsichtig bin und mit Nr. 16 volle Sehschärfe besitze, so kann man bei der Lektüre seiner Schrift den Eindruck erhalten, als hätte ich alle Beobachtungen ohne Glas gemacht. Daß z. B. Schillings und Präsident Roosevelt, gegen die R. doch der reine Waisenknabe ist, ebenfalls kurzsichtig -- und zwar, wie ich höre, in noch höherem Grade -- und trotzdem vortreffliche Tierbeobachter sind, wird natürlich wohlweislich verschwiegen. Habe ich ~eine~ Beobachtung vom Fenster aus gemacht, so habe ich sie ~öfter~ von dort aus gemacht. Schreibe ich, daß nur Nase oder Auge hervorragend sind, indem ich auf S. 75 ausdrücklich hervorhebe, daß das Gehör aller Tiere mindestens ebensogut wie das der Menschen sei, so wird mir der Blödsinn unterstellt, ein Nasentier, z. B. ein Hund, habe außer seiner Nase keinen Sinn usw. (S. 42), könnte z. B. nicht hören.
4. Er stellt die unsinnigsten und unwahrsten Behauptungen auf, die er auf späteren Seiten wieder vergessen hat. So heißt es gleich im Anfang, daß es keine Schöpfungskrüppel gibt, daß die Natur den Kreaturen überreichlich Mittel und Waffen gegeben hat, um den Existenzkampf zu führen (S. 11 u. 30). Jeder, der eine Spur Logik besitzt, wird hiergegen einwenden, wie es unter diesen Umständen möglich sei, daß ein Pflanzenfresser von einem Raubtiere erbeutet werden könnte. Auf S. 60 heißt es aber im vollsten Widerspruch damit, daß Rinder und Fische nur 2 Sinne, ja die Eule nur einen hervorragenden Sinn besitzen, ferner auf S. 49, daß die Katzen schlecht wittern können.
Ferner lesen wir gleich im Eingang auf S. 11 den Grundgedanken (wiederholt auf S. 60 und 80), daß die Sinnesorganisation des Tieres genau der dem Menschen verliehenen Ausrüstung entspricht. Hieraus geht hervor, daß R. nicht die elementarsten Kenntnisse in der Tierkunde besitzt. Ich will hier nur die Fledermäuse anführen, also Säugetiere, die dem Menschen sehr nahe stehen. Bei Brehm (2. Aufl. Bd. 1 S. 286) heißt es, daß einige Arten besonders kleine Augen haben und diese so unter dichten Gesichtshaaren versteckt stehen, ~daß sie unmöglich dem Zwecke des Sehens entsprechen können~. Schon vor vielen Jahrzehnten hat man festgestellt, daß Fledermäuse, denen man die Augen zuklebte, trotzdem den feinsten Fäden auswichen, daß sie sich also durch ihr feines Tastgefühl orientieren, während ihr Sehvermögen fast null ist. Im »Zoologischen Garten« sind mehrfach Fälle angeführt, wonach vollständig erblindete Fledermäuse gefangen wurden, die sich trotzdem in gutem Nährzustande befanden. Man stoße einen blinden Menschen in die Wildnis, wo Feinde lauern, und überlasse ihn seinem Schicksal. Nach wenigen Tagen dürfte er ausgelitten haben. Von dem Blindmull (+talpa caeca+), der Blindmaus (+mus typhlus+) usw., scheint R. niemals etwas gehört zu haben. Und ein »Kritiker«, dem die einfachsten Kenntnisse der heimischen bezw. europäischen Tierwelt fehlen, beurteilt ein Buch, das die Kenntnis der gesamten Tierwelt voraussetzt.
5. R. betont, daß er nur eigene Beobachtungen bringe. So heißt es auf S. 61: Alles, was ich gebe, ist durchaus selbst erlebt. Da selbst ein Niedick, der in 5 Erdteilen gejagt hat, eine Unmenge Tiere niemals aus eigener Anschauung kennen gelernt hat, so ist es selbstverständlich ein Unding, daß ein einzelner Mensch alle Tiere in der Wildnis genügend beobachtet hat. Nebenbei bemerkt, kosten solche Reisen ein ganzes Vermögen und viele Jahre. Ich nehme also von R. an, daß er nur die wenigen Tiere der Heimat kennt bezw. zu kennen glaubt, und daß er niemals außerhalb Deutschland gejagt hat. Selbst auf den Redaktionen wußte man nichts davon. Da R. allein über die Fährten zweier versprengten Wölfe seitenlang berichtet, so muß man bei seiner Weitschweifigkeit annehmen, daß er über einen erlegten Bären mindestens ein ganzes Werk geschrieben hätte.
Auf S. 187 gebe ich ein Verzeichnis der Augen- und Nasentiere. Hierzu schreibt der »Kritiker« (S. 29): »Tierkundige mögen sich an diesem Verzeichnis prüfen.« Hier gibt R. freimütig zu, daß er zu den Tierkundigen nicht gehört.
Es ist doch wirklich eine unerhörte Leistung, daß R. die ausländischen Tiere in der Freiheit nicht kennen gelernt hat und trotzdem apodiktische Urteile über sie abgibt. Der Leser urteile selbst darüber. Ich führe ca. 20 Tiere mit schwachem Gesicht an, bei sechs gebe ich sogar die Urteile wortgetreu von bekannten Autoritäten an, z. B. bei Elefant und Bison. Brehm, Haacke-Kuhnert und v. Wißmann erklären z. B. das Auge des Elefanten für schwach. R. dagegen erklärt (S. 24): »Alle diese Tiere haben ein vortreffliches Gesicht.« Nun ist zweierlei möglich. Entweder muß R. erklären, ich weiß es besser, da ich mehr Elefanten geschossen habe, als alle diese Herren zusammengenommen. Das ist sicherlich nicht wahr. Denn sonst würde er nicht bloß erzählen, daß er einen Elefanten im Zoologischen Garten beobachtet hätte (S. 62). Oder er besitzt die eherne Stirn, hier, wie so häufig, uns Jägerlatein vorzutragen und, ohne selbst Elefanten gejagt zu haben, diese Autoritäten zu bezichtigen, unrichtige Angaben gemacht zu haben.
Ich hätte ja noch viel mehr Leute nennen können, die genau Elefanten kennen und ausdrücklich hervorheben, daß ihr Auge schwach sei, z. B. Schillings (Mit Blitzlicht und Büchse, S. 125 u. S. 141). Ein Jäger hat doch gewiß kein Interesse daran, das Auge eines erlegten Ungetüms als schlecht zu bezeichnen. Das mindert doch augenscheinlich seinen Jägerruhm. Tut er es trotzdem, so kann man ihm doch unbedingt glauben. Gerade Schillings schildert den Elefanten als ein besonders gefährliches Wild (S. 159). Nebenbei bemerke ich, daß dieser kühne Afrikareisende sofort die Unterscheidung von Augen- und Nasentieren übernommen hat (S. 235), auch neue Beispiele für das Zusammenwirken beider anführt (Giraffe und 2 Elefanten S. 126). Ferner hat er auch den Ausdruck »Post der Tiere« akzeptiert, man vergleiche Post des Nashorns S. 175, Post des Nilpferdes S. 209. R. hingegen schreibt über die Post der Tiere (S. 78): Meine Ausführungen sind »so überwältigend, daß ich sie dringend zum Studium empfehle«. -- Jedes weitere Wort ist wohl überflüssig.
Bei dem Bison hätte ich für das schwache Gesicht außer Brehm noch den Präsidenten Roosevelt anführen können, der ein hervorragender Jäger ist und eigenhändig Bisons erlegt hat. Auch hier erklärt R., daß er vortrefflich sieht. Also R. hat auch in Amerika -- oder auf dem Monde? -- Bisons gejagt und mehr geschossen als die gedachten Herren!
Überhaupt sind die Urteile, die R. über ausländische Tiere abgibt, geradezu haarsträubend, so daß man darin bestärkt wird, er redet lediglich vom Hörensagen. Einige Beispiele seien noch angeführt. Gegen meine Tigertheorie (Abneigung des Stieres gegen rote Farbe), macht er in der Deutschen Jägerzeitung (Bd. 44 S. 38) folgendes geltend: »Im übrigen geht auch das stärkste Tier nie auf einen Tiger los, sondern flüchtet vor ihm, solange es kann.« Dasselbe sagt er S. 15.
Daß in Wirklichkeit die Wildbüffel den Tiger oft angreifen, weiß der geneigte Leser aus den Streifzügen S. 39. v. Wißmann hat selbst beobachtet, daß ein Kaffernbüffel sogar einen Löwen vom Fraße verscheuchte.
Ebenda S. 5 heißt es: »Der Hund ist das intelligenteste und vielseitigste Tier. Der Affe erreicht ihn nicht im entferntesten.«
Nur jemand, der sich niemals mit Affen beschäftigt hat, kann einen solchen Satz niederschreiben (vgl. Streifzüge S. 68).
Bd. 40 S. 157 schreibt er, daß die Affen ihre Kinder oft aus Liebe ersticken, obwohl Brehm ausdrücklich erklärt, daß es in der Neuzeit niemals beobachtet sei (Bd. 1 S. 49). -- Brehm erklärt die Affenbrücke für eine Fabel, R. ist anderer Ansicht (S. 87). Brehm sagt auf Grund eigener Beobachtungen, der Löwe brüllt, um die Herde zum Ausbrechen zu veranlassen, R. dagegen sagt: »Nein, er brüllt aus hocherregter Raubgier und im Vollgefühl seiner unbezwinglichen Kraft« (S. 13).
Im Anschluß hieran möchte ich noch über eigene Beobachtungen folgendes bemerken. Wenn ich in einem Buche etwas beweisen will, so bin ich Partei und -- wie in der Natur der Sache liegend -- befangen. Ich habe deshalb nur solche Beobachtungen angeführt, die jeder nachprüfen kann. Es beweist etwas, wenn ich sage, v. Wißmann, Horn, Marshall u. a. sind der Ansicht, Vögel können nicht wittern. Dagegen ist es geradezu lächerlich, wenn R. dagegen anführt (S. 52), er und mehrere Zuschauer hätten gesehen, daß eine Amsel gewittert hätte. Wer waren denn die andern Personen?
Kein Mensch kann, wie gesagt, alle Tiere in der Wildnis beobachtet haben, selbst ein Brehm hat trotz seiner Reisen in andern Erdteilen drei Viertel seiner Tierschilderungen andern Personen entlehnen müssen. Dagegen haben wir jetzt einen Vorzug, den frühere Zeiten nicht besaßen. Durch die zahlreichen Tierschilderungen haben wir jetzt das Mittel der gegenseitigen Kontrolle. Ferner ist es klar, daß verwandte Tiere verwandte Handlungen begehen. Ich möchte das an einem Beispiele klarmachen. In »Zwinger und Feld« (vgl. Februarheft des »Kosmos« II. S. XXIII) wird von einem Rebhuhn erzählt, das eine Verletzung vortäuschte und dadurch einen Fuchs von seinen Jungen fortlockte. Wer Tiere nicht kennt, wird als Skeptiker wahrscheinlich sagen: »Ja, weiß man denn, ob es wahr ist?« Liest er hingegen in meinem Buche das Kapitel: Verstellungskünste bei Vogeleltern und sieht, daß es sich hier um einen bei fast allen Vögeln, insbesondere den Erdbrütern, üblichen Kunstgriff handelt, so wird ihm die Sache ganz einleuchtend vorkommen. Andererseits müßte er ja annehmen, daß Männer wie Naumann, Brehm usw. sich vorgenommen hätten, ihren Lesern etwas vorzulügen und zufällig auf denselben Schwindel geraten wären.
Das Mittel der gegenseitigen Kontrolle gibt mir sofort die Möglichkeit zu sagen, ob eine Tiergeschichte wohl wahrscheinlich sei oder nicht. Obwohl ich ferner diesen Grundsatz auch bei Autoritäten angewandt und mich fast immer auf solche berufen habe, ist es mir trotzdem selbst bei wohlwollenden Kritikern passiert, daß sie fragten: Ja, ist denn das alles wahr, was Zell erzählt? Das kommt also vor, obwohl ich fortwährend die Autoritäten nenne, auf die ich mich berufe. -- Ich muß demnach meine Methode der Beweisführung für die allein richtige halten.
Doch ich kehre nach dieser Abschweifung zu den Tieren mit schwachen Augen zurück, die es angeblich nach Rothe nicht gibt. So hätte ich -- wäre ich jemals auf den Gedanken gekommen, daß es bezweifelt würde -- noch eine größere Anzahl von Tieren mit schwachem Gesicht und eine größere Anzahl von Autoritäten, die mir recht geben, anführen können. Da aber z. B. bei der Spitzmaus die alten Römer bereits ein Sprichwort hatten (vgl. S. 63), so hielt ich es für unmöglich, daß solche Tatsachen in Deutschland »widerlegt« werden und zwar dadurch, daß ein »Kritiker« erklärt, diese Tiere sehen sehr gut.
Wegen des Hundes wollte ich noch anführen, daß der Sachverständige für die Deutsche Jäger-Zeitung, +Dr.+ Ströse, Verfasser des Werkes: »Unsere Hunde«, bereits 1892 daselbst (Bd. II, S. 66 ff.), was mir damals noch nicht bekannt war, ausführlich nachweist, daß der Hund schlecht sieht. Wer das behauptet, ist nach R. (vgl. S. 40) ein Ignorant. Also die Deutsche Jäger-Zeitung, deren Mitarbeiter R. ist, hält sich zum Sachverständigen einen Ignoranten -- glücklicherweise nur nach R.s Ansicht, während andere Tierkundige +Dr.+ Ströse vollkommen recht geben.
Selbst von Hunden versteht also Forstmeister R. trotz 60jähriger Beobachtung nichts.
Hinsichtlich der Pferde wollte ich bemerken, daß mir eine Autorität auf diesem Gebiete, der gerichtliche Sachverständige für Pferde, Major Schoenbeck, sowie zahlreiche Kavallerieoffiziere vollkommen recht gegeben haben.
6. Am ergötzlichsten ist die Anmaßung, daß R., der fortwährend betont, er habe sich im Freien herumgetrieben, trotzdem über meine Homerabhandlungen absprechend urteilt (S. 80). War er in Feld und Flur, dann kann er keine Homerstudien getrieben haben. Es ist ja nur charakteristisch für diesen »Kritiker«, daß er fortwährend über Dinge urteilt, die er nicht versteht.
7. Ein Eckstein meiner Beweisführung ist der Windhund, der nach ~Brehm~ gut äugt, aber schlecht wittert. Hier war R., der sonst das Unglaublichste behauptet, mit seinem Jägerlatein zu Ende, denn dem Leser zu erklären, das ist unwahr, der Windhund wittert vorzüglich, wie er das bei anderen Tieren tut, schien ihm zu riskant. Wie widerlegt er nun die meine Theorie überzeugend beweisende Tatsache, daß ein ausnehmend gut sehender Hund dafür ausnehmend schlecht wittert? Man lese (S. 24): »Es ist vom Windhund die Rede.« Das ist alles, was er zu sagen hat.
8. Die tollste Leistung ist jedoch folgende. Während er in seiner Gegenschrift mit dem Brustton der Überzeugung erklärt, daß es Schöpfungskrüppel nicht gebe, hat er zwei Jahre früher in der Deutschen Jäger-Zeitung einen Artikel über die Seele der Tiere veröffentlicht (Bd. 40, S. 107 ff.), der genau das Gegenteil sagt, denn z. B. heißt es vom Hunde (S. 124), daß sein Auge Einzelheiten nicht erkennt (worin eben das Wesen des schwachen Gesichts besteht). Ferner berichtet er vom Wildschweine (S. 427), daß sein Gesicht außerordentlich schwach sei! Für Zweifler führe ich die Stelle wörtlich an: »Bei einer Wildart jedoch glaube ich mich überzeugt zu haben, daß ~das Gesicht ganz außerordentlich schwach ist~, nämlich bei den Sauen. Oft zog Schwarzwild nahe an mich heran, namentlich auch Bachen mit Frischlingen, obwohl ich der Beobachtung halber auf Deckung verzichtet hatte« usw. Also nachdem eine »Vorsehung« -- wie er äußert -- (vgl. S. 8) ihn 57 Jahre lang Tiere beobachten ließ, kam er zu dem Resultate, daß manche schlecht sehen. Drei Jahre später ist das schon völliger Unsinn. Und zwar liegt hier kein Versehen oder Mißverständnis vor, denn er setzt auf mehreren Seiten (54 ff.) auseinander, daß das Schwarzwild gut sieht. Früher sah der Hase bei Mondschein gut, was auch meine Ansicht ist, da alle schwachsichtigen Tiere in der Nacht wegen ihrer großen Pupillen mindestens ebensogut sehen wie der Mensch, der wie die Tagvögel und Tagaffen ein Tagseher ist. Jetzt sieht der Hase plötzlich auch am Tage gut (S. 46). Dabei handelt es sich um die bekanntesten heimischen Tiere. -- Welche Meinung wird er einige Jahre später in die Welt als die allein richtige ausposaunen? -- Diese Proben von dem »Kritiker« R. dürften wohl genügen, sonst stehe ich mit weiteren Mitteilungen zur Verfügung.
Mancher Leser dürfte darüber erstaunt sein, daß ich diese Entgegnung nicht früher veröffentlicht habe. Darauf kann ich nur erwidern, daß ich Wichtigeres zu tun habe. So habe ich inzwischen eine Reihe interessanter Arbeiten veröffentlicht, z. B. die Entstehung der Rechtshändigkeit, den Ursprung des Werwolfs- und Gorgonenmythus, die Wünschelrute usw. Andere große Arbeiten harren dagegen noch immer der Erledigung. So wollte ich bereits seit Jahren ein umfangreiches Werk über die Homermythen veröffentlichen, bin jedoch noch immer nicht dazu gekommen. Ebenso tut es mir sehr leid, daß eine Menge von Zuschriften wegen Zeitmangels noch immer nicht erledigt werden konnte.
Ihre Beantwortung wäre mir um vieles angenehmer gewesen als diese Entgegnung, was mir wohl jeder Leser ohne weitere Versicherung glauben wird. Nur mit Widerwillen habe ich mich mit einem Gegner befaßt, dessen Kampfmethoden ich soeben geschildert habe, der namentlich hin und her schwankt und heute etwas für Unsinn erklärt, wofür er vor einiger Zeit selbst eingetreten ist. -- Brehm schreibt von der in Südeuropa hausenden Blindmaus, also einem Säugetier, einem Nager, der gewiß ein scharfes Auge zum Schutze gegen seine Feinde nötig hätte, da er sich gern sonnt (Bd. II, S. 399): »Die Augen haben kaum die Größe eines Mohnkorns und liegen ~unter der Haut~ verborgen, ~können also zum Sehen nicht benutzt werden~.« Hiermit vergleiche man R.: »Die Tiere sind überreichlich mit Mitteln und Waffen versehen, Schöpfungskrüppel gibt es nicht, die Sinnesorganisation der Tiere ist genau dieselbe wie die der Menschen« usw. -- Würde die Bezeichnung »Geschwätz« für diese Behauptungen nicht eine große Schmeichelei sein?
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Ch. Gibson-H. Günther, Was ist Elektrizität? Dr. F. Dannemann, Wie unser Weltbild entstand. Dr. K. Floericke, Kriechtiere und Lurche fremder Länder. Prof. Dr. K. Weule, Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge. Dr. A. Koelsch, Die Erschaffung der Seele.
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