Part 4
Beruht bei den Vögeln der Irrtum lediglich darin, daß ein wirklicher Vorgang falsch gedeutet ist, so ist die Spiegelung des Dachshundes durchaus ein Produkt der Phantasie. Ich möchte den Leser sehen, der einen sich spiegelnden Dachshund jemals in seinem Leben erblickt hat. Woher das kommt, habe ich an anderer Stelle ausführlich dargetan. Hier seien ganz kurz die Gründe angegeben.
Ich setze den Inhalt meines Buches: »Ist das Tier unvernünftig?« als bekannt voraus, namentlich den Unterschied zwischen Sehgeschöpfen und Nasentieren. Hier möchte ich folgende allgemeine Bemerkungen über diesen Punkt machen.
Der Mensch hat seinen Grundsinn in den Augen, er hütet etwas wie einen Augapfel ist eine durchaus treffende Bezeichnung. Das ist jedoch nicht bei allen Geschöpfen der Fall. Zahllose Tiere z. B. Hunde, Füchse, Pferde, Rinder usw. haben ihren Grundsinn in der Nase. Deshalb sind Pferde und Hunde noch gebrauchsfähig, wenn sie erblindet sind, denn die Augen spielen bei ihnen nur eine untergeordnete Rolle. Sehgeschöpfe wie der Mensch sind noch Affen, Vögel, Katzen usw.
Es ist nun ganz einleuchtend, daß der Spiegel nur einem ~Augen~tier etwas sagen kann. Für ein Tier, das sich nach der Nase richtet, ist er ein ganz unverständlicher Gegenstand. Gerade bei Hunden kann man das deutlich betrachten. Eine Dogge wurde kürzlich in einen Salon geführt, in dem ein großer Spiegel stand. Von fern erblickte sie ihr Spiegelbild, fletschte die Zähne, sträubte die Haare und ging auf den Spiegel zu. In der Nähe roch sie, merkte nichts von einem andern Hunde und kümmerte sich nun nicht weiter um den Spiegel.
Affen dagegen, die sich wie der Mensch nach den Augen richten, sind rein verliebt in Spiegel. Ich habe manchmal im Zoologischen Garten nur mit Not und Mühe einen Taschenspiegel von ihnen wiedererhalten können.
Vögel sind auch Sehgeschöpfe, und deshalb ist es ganz naturgemäß, daß der Spiegel auf sie großen Eindruck macht.
Die Hunde richten sich fast ausnahmslos nach der Nase, namentlich ist der Dachshund ein ausgezeichnetes Nasentier. Ein sich spiegelnder Dachshund ist also ein Unding. Die einzigen Hunderassen, die bessere Augen, dafür auch eine schlechtere Nase besitzen, sind Windhunde und Schäferhunde. Bei ihnen ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß sie der Spiegel ebenso interessiert wie Affen und Vögel.
Nur die Tiere, die Sehgeschöpfe sind, können also einem Spiegel in der Nähe Beachtung schenken. Wenn sie das tun, wie vorhin die Meise, so schließen wir Kulturmenschen sofort, daß das Tier sich spiegele. Das Tier sieht im Spiegel ein anderes Geschöpf seiner Art -- woher soll es nun wissen, daß es selbst so aussieht?
Daß hier ein folgenschwerer Irrtum vorliegt, wenn man ein Sichspiegeln annimmt, kann in der einfachsten Weise bewiesen werden.
Zunächst berichten unzählige Reisende von wilden Völkern, daß, wenn man einem Naturmenschen einen Spiegel vorhält, er stets glaubt, die von ihm geschaute Person sei ein anderer Wilder. Woher soll er auch wissen, daß er es selbst ist?
Sodann kann man die Wahrheit dieser Berichte in überzeugender Weise an unsern Kindern erproben. Das zweijährige, sonst recht intelligente Töchterchen meines Freundes behauptete immer wieder, wenn es in den Spiegel sah, das wäre seine Freundin Anna, die ihm allerdings recht ähnlich sah.
Bei den Tieren ist die Annahme, es sei ein ~fremdes~ gleichartiges Geschöpf, deshalb unverkennbar, weil diejenigen, die ihresgleichen wütend bekämpfen, genau dieselben Bewegungen machen, als wollten sie sich auf den Feind stürzen. Doggen kämpfen gern miteinander, und deshalb fletschte die vorhin erwähnte Dogge ihre Zähne und sträubte ihr Haar.
Raubvögel bekämpfen Artgenossen wütend, deshalb nehmen sie vor dem Spiegel eine kampfbereite Stellung ein.
Lerchen sind so eifersüchtig auf ihresgleichen, daß man mit Hilfe von Lerchenspiegeln unzählige schießt.
Herdentiere wie Affen sehen ihresgleichen sehr gern. Affen haben gewisse Bewegungen, die eine Begrüßung andeuten. Diese machen sie mit Vorliebe vor einem Spiegel, woraus man sieht, daß sie einen fremden Affen vor sich zu haben glauben.
Auch die Meisen leben sehr gern gesellig, und nun verstehen wir, weshalb die vorhin geschilderte Meise so gern in den Spiegel sah.
Doch ich befürchte, daß der geneigte Leser meinen Darlegungen nicht völligen Glauben schenken wird. Ich will mich deshalb auf den ausführlichen Bericht eines Fachmannes berufen. Der Direktor des zoologischen Gartens zu Frankfurt a. M., +Dr.+ ~Schmidt~, hat eingehende Beobachtungen mit einem Orang-Utan und einem Spiegel angestellt, von deren Schilderungen hier einige Stellen folgen mögen.
Um zunächst den Verdacht zu zerstreuen, daß der Affe vielleicht ein ungewöhnlich stupides Exemplar gewesen sei, mögen hier von seinen Spielereien folgende erwähnt werden:
»Ein Fangbecher, das bekannte Spielzeug, welchen jemand für den Orang mitgebracht hatte, wurde unter sorgfältiger Überwachung dem Tiere überlassen. Vermochte ihn dasselbe auch nicht seiner eigentlichen Bestimmung gemäß zu verwenden, so bereitete er ihm doch großes Vergnügen und mannigfaltige Unterhaltung. So war es dem Affen offenbar sehr merkwürdig, daß der hölzerne Ball so schön in den Becher paßte, und er legte ihn oftmals hinein, um ihn im nächsten Moment wieder herauszuwerfen. Die Schnur, welche beide Stücke verband, war als zu störend bald abgerissen worden, dagegen hatte der Orang die Wahrnehmung gemacht, daß der Becher, wenn man ihn ans Ohr hält, ein brausendes Geräusch hören läßt, wie dies bei derartigen hohlen Körpern stets der Fall ist. Er machte sich seitdem öfter das Vergnügen, dieses Rauschen zu hören, dem er mit sichtlichem Behagen lauschte. Eines Tages hatte er aus einem halben Milchbrot die Krumen herausgebohrt und entdeckte in der ausgehöhlten Kruste offenbar eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Fangbecher, denn er hielt sie plötzlich aufmerksam horchend ans Ohr. Als der erwartete Ton ausblieb, beeilte er sich, den Brotrest zu verspeisen.«
»In dem Stiel des Fangbechers, der am Ende etwas zugespitzt ist, damit die Kugel auf denselben gesteckt werden kann, erkannte unser Tier alsbald ein sehr brauchbares Werkzeug und war überrascht über die Wirkung, welche sich mit demselben erzielen ließ, wenn man es als Hebel benützte. Auf diese Weise wurde alsbald eine kleine Vertiefung in dem Kalkbewurf des Zimmers in eine recht ansehnliche Grube umgewandelt und der Stuhlsitz schwer beschädigt, indem der Orang die Spitze des Holzes in die Öffnungen des Geflechtes schob und dann das entgegengesetzte Ende niederdrückte, wodurch es ihm gelang, einige Rohrstreifen zu sprengen. Das gemeinschädliche Werkzeug wurde nun weggenommen, aber der Stuhl war durch die Beschädigung des Sitzes nur um so interessanter geworden. Es gelang nämlich, zuweilen einen der Rohrstreifen herauszulösen, und dann freute sich der Orang über dessen Länge und dehnte ihn mit über den Kopf emporgehobenen Händen möglichst aus. Auf diese Weise entstand nach kurzer Zeit ein Loch in dem Geflecht, welches nun wieder zu manchen Studien Anlaß wurde. Bald wurde ein Arm, bald ein Bein hindurchgeschoben, bald wurde es als Schießscharte benützt, aus welcher die Kugeln und anderes Spielzeug herausgeschleudert wurden, oder es diente als Guckfenster, aus welchem das altkluge Gesicht des Orang äußerst possierlich hervorlugte.«
Dumm ist der Affe sicherlich nicht, wenn er an einem hohlen Gegenstande zu horchen versucht, und einen Stiel als Hebel zu benutzen versteht -- im Gegenteil, man muß das für ein Zeichen außerordentlicher Intelligenz halten. Hören wir nun, wie sich derselbe Orang-Utan einem Spiegel gegenüber benahm:
»Um zu sehen, was der Orang wohl machen würde, wenn man ihm sein Bild im Spiegel zeigte, ließ ich einen solchen in das Zimmer bringen und denselben, nachdem man ihn verdeckt getragen hatte, plötzlich in einiger Entfernung von dem Käfig aufstellen, so daß ihn das Tier nicht mit den Händen erreichen konnte. Das Glas war groß genug, um den Affen in ganzer Figur und außerdem einen Teil der Umgebung zu zeigen. Er saß auf seinem Baume und blickte ruhig den fremden Gegenstand an, der nun aufrecht an die Wand gelehnt wurde. Ruhig begann er herabzusteigen, um sich die Sache näher zu betrachten, und als er nun den Käfig sich spiegeln sah, ohne noch seine eigene Gestalt bemerken zu können, hielt er im Klettern inne, als dächte er darüber nach, wie seine gewohnte Umgebung sich so plötzlich habe verändern können. Aber die Neugierde überwog und er stieg auf den Boden herab. Ich fühlte mich fast versucht, anstatt des Ausdrucks ›Neugierde‹ das Wort ›Wißbegierde‹ zu setzen, besonders wenn ich das Benehmen des Orangs in diesem Falle mit dem anderer Affen unter ähnlichen Verhältnissen vergleiche. Da fand sich nicht diese Hast und Unruhe, die sich durch Hin- und Herfahren, durch Töne und Grimassen der verschiedensten Art bei Pavianen, Meerkatzen usw. auszudrücken pflegt, sondern ruhig und gemessen, mit ernstem, sinnendem Gesichtsausdrucke, den Spiegel fest im Auge behaltend, stieg der Orang auf die dem Glase gegenüber befindliche Stelle seines Käfigs zu.«
»Aber -- welches Entsetzen -- dort blickte ihm ja eine fremde Gestalt entgegen, die ihm einen sehr unheimlichen Eindruck machen mußte, denn rasch drehte er um, sträubte das Haar, schob die Unterlippe etwas vor, wodurch sein Gesicht einen ungemein verdrossenen Ausdruck bekam und beeilte sich, an das entgegengesetzte Ende seines Behälters zu gelangen. Es gereichte ihm offenbar zu großer Beruhigung, daß ihm der vermeintliche Eindringling nicht folgte, und nachdem er überlegend eine Zeitlang nach dem Spiegel geblickt hatte, faßte er sich ein Herz und marschierte nochmals dorthin, um sich die Sache näher anzusehen. Noch einige Male hielt sein Mut nicht stand, und furchtsam trat er den Rückweg an, bald aber hatte er sich überzeugt, daß eine Gefahr nicht vorhanden sei, und er setzte sich nun vor den Spiegel hin, um sein Gegenüber zu betrachten. Daß dieses sich ebenfalls ruhig verhielt, machte ihn dreist, und bald wagte er, den vermeintlichen Feind, den er noch vor wenigen Minuten sehr gefürchtet hatte, herauszufordern. Dies geschah aber keineswegs in der tierischen Weise, wie bei anderen Affen, welche in diesem Falle rückende Bewegungen machen, schreien u. dgl., sondern er bediente sich eines weit menschlicheren Verfahrens, um jenem seine Nichtachtung auszudrücken, indem er nach ihm spuckte.«
»Natürlich blieben die Geschosse wirkungslos, der andere schritt nicht zum Angriff, und es mußte ihm mit einem kräftigeren Mittel zu Leibe gerückt werden. Der harmlose hölzerne Hammer wurde zum Streithammer und flog alsbald wuchtig nach dem Gegner. Da aber der Orang dieses Schleudern nicht mit den Armgelenken, sondern mittels einer rotierenden Bewegung des Handgelenkes ausführte, wahrscheinlich, weil er dabei den Arm zwischen den Gitterstäben herausstrecken mußte, so verfehlte das Werkzeug jedesmal sein Ziel und fiel seitlich nieder. Einigemale gelang es dem Tiere, den Hammer senkrecht emporzuwerfen, was ihm offenbar große Freude machte, die man deutlich aus seinem, trotz der kritischen Situation, vergnüglich schmunzelnden Gesichtsausdrucke erkannte. Natürlich hatte er alsbald die Unzweckmäßigkeit seines Verfahrens begriffen und fand nun in einigen Brotresten, die von seinem, durch Aufstellen des Spiegels unterbrochenen Frühmahle noch übrig waren, ein leichter zu handhabendes Wurfgeschoß, welches dann auch sofort dem Gegenüber an den Kopf flog.«
»Bewegte man während dieser Vorgänge den Spiegel langsam gegen den Käfig, so daß das Spiegelbild sich zu nähern schien, so verwandelte sich die Stimmung unseres Tieres sofort, und mit dem Ausdruck größter Besorgnis begab er sich schleunigst auf die Flucht, sowie aber der Spiegel wieder zur Ruhe gekommen war, beeilte sich der Affe, mit seinem Gegenüber aufs neue anzubinden. In dem Maße, als er sich überzeugte, daß ihm von jenem keine Gefahr drohe, trat seine Gutmütigkeit mehr und mehr hervor, und er versuchte nun, ihn zum Spielen zu veranlassen. Zu diesem Zwecke brachte er seine Kugel herbei, hob sie hoch empor, wie um sie zu zeigen, rollte sie dann umher und blickte immer dazwischen triumphierend nach dem Spiegel. Dann holte er ein Blatt Papier, streckte es, soweit er konnte, jenem entgegen und bewegte es hin und her, wie wir zu tun pflegen, um in ähnlichen Fällen die Aufmerksamkeit eines Kindes zu erregen. ~Daß er in dem Spiegelbilde sich selbst erkannt habe, war nicht nachweisbar, denn er machte keinerlei Bewegungen und Grimassen, die doch wohl nicht ausgeblieben sein würden, wenn ihm die Bedeutung jener Erscheinung klar geworden wäre. Es ist dies um so erstaunlicher, als er die anwesenden Personen im Spiegel sah und erkannte, denn er fixierte sie zeitweise im Bilde und blickte sich dann nach ihnen um, als wolle er sich versichern, daß sie auch in Wirklichkeit da seien.~«
»Da ich fürchtete, daß er sich zu sehr in das Spiel mit dem vermeintlichen Kameraden vertiefen und diesen später schmerzlich vermissen würde, ließ ich den Spiegel wegnehmen. Hatte ihm dessen plötzliches Erscheinen zu denken gegeben, so war dies mit dem Verschwinden des Glases nicht minder der Fall. Überrascht betrachtete er die Stelle der Wand, an welcher ihm soeben eine neue Welt erschienen war, und näherte sich derselben so weit als tunlich, als wolle er sich ganz genau überzeugen, ob denn wirklich nichts mehr von alledem vorhanden sei. Er stieg auf den Baum, kletterte an den Wänden des Käfigs empor und suchte so von den verschiedensten Standpunkten die merkwürdige Stelle zu prüfen. Noch eine Zeitlang hielt er sich schwebend zwischen Sprungseil und Strickleiter, stets die Wand betrachtend, als ob er immer noch über die gemachte Wahrnehmung grübelte, bis er endlich sich in der Gegenwart wieder zurechtfand und sein gewöhnliches Treiben begann.« --
Diesen durchaus sachlichen Berichten eines Fachmanns wird der geneigte Leser doch unbedingt Glauben schenken.
Auch ~Garner~, der Verfasser des bekannten Buches: »Die Sprache der Affen« kommt zu demselben Ergebnis. Er berichtet nämlich über seine Beobachtungen auf diesem Gebiete folgendes (in der deutschen Übersetzung von Professor ~Marshall~): »Ich habe schon verschiedentlich des Gebrauches, den ich bei meinen Experimenten von dem Spiegel zu machen pflegte, gedacht, aber ich habe noch nicht beschrieben, welchen Einfluß er auf verschiedene Affen ausübt. Zunächst ist dieser Einfluß auf ein und dasselbe Affenindividuum nicht zu jeder Zeit der gleiche, noch wirkt er auf alle Affenindividuen derselben Art genau auf die nämliche Weise, und daher ist es mir nicht möglich, aus meinen Versuchen ein Bild davon zu entwerfen, wie jede Spezies sich im allgemeinen vor dem Spiegel benimmt.«
»Als Puck -- ein Kapuzineraffe, wie die meisten andern Affen, die Garner anführt -- sich im Spiegel erblickte, hielt er sein Bild unzweifelhaft für einen anderen Affen, mit dem er sich viel ungezwungener unterhielt als mit den aus dem Phonographen herausschallenden Tönen. Oft fing er an, das Bild zu hätscheln und ihm Beweise von Freundschaft zu geben, dabei war er aber doch recht schüchtern und zurückhaltend.«
»Nellie schnatterte gegen ihr Konterfei im Spiegel und konnte es offenbar gar nicht satt bekommen, das schöne Äffchen, das sie da sah, zu betrachten, und ich glaube nicht, daß ihre Zuneigung in diesem Falle auf weibliche Eitelkeit zurückgeführt werden kann. Ich glaube auch nicht, daß sie jemals dahinter kam, wo dieser Affe eigentlich zu suchen sei, sie drehte aber den Spiegel den Tag über so oft um, daß man deutlich sah, sie gäbe die Hoffnung nicht auf, ihn endlich doch noch zu finden.«
»Ich zerbrach einmal zufällig einen kleinen Spiegel neben dem Käfige eines Grünaffen. Das Glas war in viele kleine Stückchen zerschmettert. Im Nu hatte der Affe einen Arm durch das Gitter hindurchgezwängt, das größte Stück ergriffen und es sich angeeignet, bevor ich nur seine Absicht noch recht bemerkt hatte. Das Stück war etwa 2,5 +cm+ breit und 4 +cm+ lang. Er warf einen Blick auf sein Abbild in demselben, und sein Benehmen war dabei toller, als ich es bei irgend einer Gelegenheit von irgend einem Affen sonst gesehen habe. Er guckte in das Stückchen Spiegelglas, das er für ein Loch in einer Art Scheidewand zu halten schien, die ihn von einem anderen Affen trennte. Dann hielt er es in Armslänge von sich, legte es auf den Boden, drückte es an die Wand und drehte und wendete sich in alle möglichen Lagen und Richtungen, um den geheimnisvollen Affen an der andern Seite von einer ihm unbegreiflichen Sache betrachten zu können. Wenn er das Glasstückchen umdrehte, schien er noch verblüffter zu sein und sprang manchmal hoch in die Höhe und drehte sich um und um, als ob er dadurch des Rätsels Lösung zu finden hoffte. Dann wendete er sich die spiegelnde Seite wieder zu und schnitt wieder seine Gesichter wie vorher. Manchmal, wenn er das Glas an die Wand drückte, brachte er sein Auge so nahe daran, als ob er durch ein Loch in der Mauer gucken wollte. Ich gab mir eine Zeitlang vergebliche Mühe, ihm das Spiegelstückchen wieder abzunehmen, weil ich fürchtete, er könne sich daran verletzen, bis es mir endlich nach vielen Mühen und nicht ohne Hilfe des Wärters gelang.«
»Mc Ginty versuchte stets das Original des Bildes hinter dem Spiegel zu finden. Er streckte seine kleine schwarze Hand so weit dahinter, wie er nur konnte, guckte über und unter dasselbe, klopfte an das Glas mit dem Finger, küßte und streichelte es und grinste hinein mit unendlichem Vergnügen. Oft drehte er es um, um die Rückseite zu betrachten, und wenn er da immer noch keinen Affen fand, riß er die Augen mit dem größten Erstaunen weit auf und stieß einen Ton aus, der mich stets an den eines kleineren Kindes erinnerte, das unter ähnlichen Umständen, z. B. wenn man vielleicht etwas im Scherz vor ihm versteckt hat, und es glaubt, es sei verloren gegangen, ausruft: ›fott, is fott!‹ Dann kehrte er den Spiegel wieder rasch um, als ob ihm auf einmal ein Gedanke gekommen sei, und wenn er nun das Bild wieder fand, lachte und schnatterte er, guckte und klopfte an das Glas, als ob er sagen wollte: ›Hei, da ist es, da ist es.‹ Aber niemals lernte er es, so wenig wie irgend ein anderer seiner Sippe, begreifen, wo nun eigentlich der Affe stecke, nach dem er hinter dem Spiegel vergeblich Ausschau hielt.«
»Mickie schien über sein Spiegelbild nicht sonderlich erbaut zu sein. Er betrachtete es immer aufmerksam, aber zweifelnd, und äußerte dabei ein gedämpftes Knurren, runzelte die Stirn und machte ein saures Gesicht, als ob er den neuen Affen für einen Eindringling halte. Selten redete er das Bild mit leisen, murmelnden Tönen an, machte niemals den Versuch, es hinter dem Spiegel mit seiner Hand zu ergreifen und ließ sich überhaupt auf keine weiteren Untersuchungen ein. Mickie war freilich sehr verzogen und daher sehr selbstsüchtig, wie Kinder unter solchen Umständen auch zu werden pflegen.«
»Der kleine Nemo betrachtete sein Ebenbild im Spiegel stets mit sehr forschender Miene und mit einem gewissen achtungsvollen Ausdruck, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken und ohne das geringste Zeichen von Aufregung, nur streichelte er das Bild im Glase und preßte im tiefsten Stillschweigen seine Lippen daran. Man hätte wirklich vermuten können, daß er das Bild für das eines teueren Entschlafenen hielt, das zärtliche Erinnerungen an vergangene Tage in ihm erweckte und sein Herz zu sehr erfüllte, als daß er Worte hätte finden können. Sein gesetztes Benehmen bei dieser Gelegenheit war wirklich sehr anständig.«
»Dodo schien sich immer vor dem Bilde zu fürchten, sie warf kaum einen Blick darauf und zog sich dann zurück. Manchmal gab sie einen Laut von sich, preßte selten ihre Lippen an das Glas und suchte nie nach dem Affen dahinter. Das kam vielleicht daher, daß sie vor einigen ihrer Mitgefangenen Angst hatte und eine Zunahme der Gesellschaft ihr vielleicht nicht gerade wünschenswert zu sein schien.«
»Nigger verriet großes Interesse für den Spiegel, wenn er mit ihm allein war; wenn aber die anderen Affen sich um ihn herumdrängten, um auch in das Glas zu sehen, zog er sich zurück, um möglichen Händeln aus dem Wege zu gehen.«
»Onkel Remus, der weißwangige Kapuziner, schnitt immer eine Reihe von Gesichtern mit der Feierlichkeit eines wenig beschäftigten Friedensrichters, der um so mehr von seiner Würde und Bedeutung durchdrungen ist, weil er nichts zu tun hat. Er sah erst in den Spiegel und dann auf mich, als ob er fragen wollte: ›Wo, zum Teufel, haben Sie denn diesen Affen aufgetrieben?‹«
»Das kleine im Zentralpark geborene Makakenkindchen versuchte das Spiegelbild in ein kleines Spielchen zu verflechten, beguckte es sich, gluckste, sprang lustig auf seine Stange und sah sich danach um, ob ihm sein Ebenbild dann nicht folge, kehrte darauf zum Glase zurück und versuchte das kleine Phantom wieder zu veranlassen, sich an seinen Spielen zu beteiligen. Dann sprang es auf seine Stange zurück, sah sich wieder um und konnte in aller Welt nicht begreifen, warum das kleine neue Äffchen nicht mitmache. Währenddem sah Papa Makak, ein alter gesetzter Herr, mißtrauisch und griesgrämig zu, zog auch einmal sein Kind vom Spiegel weg, als ob er wüßte, daß da irgend etwas Schlimmes dahinter stecke, und drückte seine Ansicht durch ein leises, ominöses Knurren aus. Er erinnerte mich dabei an manche Leute, wie ich sie wohl angetroffen habe, die ein sehr weises Gesicht machen und durch ihr Benehmen zu verraten suchen, daß sie allerlei wüßten und wohl vieles sagen könnten, wenn sie nur wollten.«
»Ein anderer kleiner Makak schnitt die unglaublichsten Gesichter und verzog seine Lippen in der sonderbaren, früher schon beschriebenen Art, gab aber keinen Ton von sich. Er betrachtete sich die Sache schweigend und fahndete nie auf einen etwa hinter dem Glase versteckten Affen.«
»Der Spinnenaffe war aber wirklich des Studiums großer Geister wert. Als er sein Spiegelbild erblickte, setzte er sich platt auf den Boden, kreuzte seine langen dürren Beine und nahm eine Stellung an, als gedenke er da mindestens 24 geschlagene Stunden sitzen zu bleiben. Er guckte in das Glas, ließ einen leisen Ton hören und streckte seinen langen Arm aus, ~um nach dem anderen Affen hinter dem Spiegel zu suchen~. Es war interessant zu beobachten, wie er seinen Arm mehr oder weniger ausstreckte in dem Maße, wie man den Spiegel weiter von ihm entfernte oder ihm mehr näherte. Für ihn ist das Bild ohne Zweifel ein wirkliches, greifbares Ding. Mehr als alle anderen Affen scheint sich der Spinnenaffe im Spiegel zu bewundern, und obwohl er der häßlichste aller Affen ist, kann er ton- und regungslos dasitzen und sein Bild anstarren.«
Hieraus geht also unzweifelhaft folgendes hervor:
Weder Affen wie Kinder und Wilde erkennen sich im Spiegel wieder, sondern halten die Erscheinung für einen Artgenossen -- spiegeln sich also nicht. Deshalb hat sich auch die Meise nicht gespiegelt.
Nasengeschöpfe wie Dachshunde beachten einen Spiegel nur von weitem; in der Nähe wenden sie sich von ihm ab, weil er ihrer Nase nichts sagt. Der Künstler, der also einen sich spiegelnden Dachshund darstellt, begeht zwei Fehler. Einmal spiegelt sich kein Tier, sodann aber ganz besonders kein Nasentier.
Aus demselben Grunde erklärt es sich auch, weshalb nur Sehgeschöpfe, aber kein Hund oder Pferd sich um Bilder kümmern.
Nachtrag.
Mit diesen übereinstimmenden Beobachtungen von Fachleuten steht allerdings die Ansicht des bekannten Zoologen Professor ~Marshall~ in Widerspruch. Er schreibt nämlich im Anhange zu dem Garnerschen Buche, das er übersetzt hat:
»Affen mit dem Spiegel habe ich vor Jahren im zoologischen Garten hier in Leipzig beobachtet. Als ich einen jener kleinen, runden, billigen Taschenspiegel einer gemischten Affengesellschaft in den Käfig reichte, hat sich bald ein gewöhnlicher Makak in dessen Besitz gesetzt und machte nun mit ihm allerhand Experimente, allerdings dabei fortwährend von seinen Mitgefangenen gestört. Er legte ihn auf den Boden, stemmte seine beiden Arme daneben, sah von oben hinein und schlug mit den Beinen vor lauter Vergnügen hinten aus. Dann versuchte er ihn, natürlich vergeblich, immer wieder an die Wand zu befestigen. Am Unterlid des rechten Auges hatte er ein kleines Geschwür, eine Art Gerstenkorn, das er sich im Spiegel genau besah. Er hielt ihn dabei in beiden Händen und stierte hinein, hob ihn langsam höher und höher und bog in gleichem Maße seinen Kopf immer weiter rückwärts, bis er beinahe hinten überschlug. Dann nahm er ihn in die eine Hand und untersuchte, fortwährend in ihn hineinblickend, mit den Fingern der andern sein Gerstenkorn, stülpte das Lid um, schnitt Gesichter, es fehlte nur noch, daß er mit dem Kopfe geschüttelt hätte. Dieser Makak machte mir den Eindruck, als ob er ganz genau wisse, wie die Sache mit dem Spiegel zusammenhinge, und als ob er keinen Augenblick im Zweifel sei, in dem Bild im Glase sein Bild zu sehen. Der große Orang-Utan Anton, der im hiesigen zoologischen Garten war, nahm, als wir ihm einen ziemlich ansehnlichen Spiegel vorhielten, gar keine Notiz davon, wahrscheinlich war ihm das Ding schon bekannt geworden während seiner Seereise, denn es liegt ja für uns Menschen nahe, Affen in einen Spiegel blicken zu lassen, um zu sehen, wie sie sich dabei benehmen.«
Hierzu möchte ich folgendes bemerken: