Part 3
Zunächst wird die Katze bei uns sehr schlecht behandelt, vielen Menschen bereitet es ein Vergnügen, das »falsche« Geschöpf totzuschlagen, wobei sie noch ein gutes Werk zu verrichten meinen, weil sich Hexen nach dem Volksglauben in Katzen verwandeln sollen. Sodann ist die Jagdmethode von Hinz und uns grundverschieden. Vermöge seiner Kletterfähigkeit bevorzugt jener das Reich der höheren Regionen, wohin wir ihm nicht zu folgen vermögen. Schließlich aber haben wir selbst auf dem Erdboden grundverschiedene Methoden. Die Katze ist ein Schleichraubtier, eine Terrainkünstlerin, die das Wild auf sich zukommen läßt und dann plötzlich packt. Wir suchen unsere Beute auf. Da der Hund es genau so macht wie wir, außerdem nicht klettern kann und schließlich vermöge seiner ausgezeichneten Nase, die weder der Mensch noch die Katze besitzt, Spuren findet, die uns völlig entgehen, so ist er für uns als Jagdgehilfe wie geschaffen. Deshalb haben wir uns die größte Mühe mit seiner Domestikation gegeben, während wir die Katze links haben liegen lassen. Haben wir uns denn schon mit der Zähmung anderer Katzenarten befaßt? Das ist kaum jemals einem Menschen eingefallen. Dem scheuen Luchs hätte gewiß jeder die Fähigkeit abgesprochen, daß er sich dem Menschen anschließe. Nun höre man, was ~Loewis~ von seinem zahmen Luchs Lucy erzählt: »Gewöhnlich spricht man den Katzen die Fähigkeit und Eigentümlichkeit ab, sich an bestimmte Personen zu gewöhnen, von denselben Befehle anzunehmen, ihnen Gehorsam zu zollen. Mit welchem Rechte solches von der Hauskatze gilt, kommt hier nicht in Betracht; daß aber der Luchs dem Menschen gegenüber sich anders verhält, hat der von mir jung aufgezogene genügend dargetan. Er hörte nur auf meines Bruders oder meine Stimme und bewies Zurückhaltung und Achtung auch nur uns gegenüber. Fuhren wir beide auf einen Tag in die Nachbarschaft, so konnte niemand Lucy bändigen; dann wehe jedem unbedachten Huhn, jeder sorglosen Ente oder Gans! Beim Dunkelwerden kletterte er auf das Dach des Wohnhauses, wo er, an einen Schornstein gelehnt, seine Ruhe hielt. Rollte spät abends oder in der Nacht der Wagen vor die Haustreppe, so war das Tier in einigen Sätzen vom Hausdache hinab auf das der Treppe gesprungen; rief ich nun seinen Namen, so schwang sich das anhängliche Geschöpf eilig an den Säulen hinab und flog in weiten Bogensätzen mir an die Brust, seine starken Vorderbeine um meinen Hals schlagend, laut schnurrend, mit dem Kopfe nach Art der Katzen an mich sich stoßend und reibend, und folgte uns sodann in die Stube, um auf dem Sofa, dem Bette oder am Ofen sein Nachtlager aufzuschlagen. Mehrere Male teilte er mit uns das Lager, und verursachte einmal seinem Herrn, quer über dessen Hals liegend, beunruhigende Träume und Alpdrücken.«
Wie der Luchs, so lebt auch der Gepard oder Jagdleopard (Tschita) allein, man sollte also meinen, daß die Grundlage der Domestikation, die Zähmung, bei ihm sehr schwer fallen sollte. Das Gegenteil ist aber der Fall. Durch einfache Abrichtung wird der Jagdleopard zu einem trefflichen Jagdtier, welches in seiner Art dem Edelfalken kaum nachsteht. In ganz Ostindien betrachtet man ihn allgemein als einen geachteten Jagdgehilfen.
~Brehm~ hat selbst einen zahmen Geparden besessen und schreibt über dieses interessante Tier: »~Daß die Zähmung nicht schwierig sein kann, wird jedem klar, welcher einen Gepard in der Gefangenschaft gesehen hat. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich behaupte, daß es in der ganzen Katzenfamilie kein so gemütliches Geschöpf gibt wie unsern Jagdleoparden und bezweifle~, daß irgend eine Wildkatze so zahm wird wie er. Gemütlichkeit ist der Grundzug des Wesens unseres Tieres. Dem angebundenen Gepard fällt es gar nicht ein, den leichten Strick zu zerbeißen, an welchen man ihn gefesselt hat. Er denkt nie daran, dem etwas zuleide zu tun, welcher sich mit ihm beschäftigt, und man darf ohne Bedenken dreist zu ihm hingehen und ihn streicheln und liebkosen. Scheinbar gleichmütig nimmt er solche Liebkosungen an, und das Höchste, was man erlangen kann, ist, daß er etwas beschleunigter spinnt als gewöhnlich. Ich besaß einen Gepard, welcher so zahm war, daß ich ihn am Stricke herumführen und es dreist wagen durfte, mit ihm in den Straßen zu lustwandeln.«
Auch ~Ernst Friedel~ erzählt, daß in Potsdam im Parke eines königlichen Schlosses zwei zahme Geparden völlig frei umherliefen und keinem Menschen etwas zuleide taten. Erst als mehrere Damen, die sie für entsprungene Tiger hielten, in Ohnmacht gefallen waren, wurde ihnen ihre Freiheit genommen. Kein Mensch kann hiernach zweifeln, daß man den Geparden völlig zum Haustier machen könnte.
Umgekehrt seien einige Herdentiere auf ihre Zähmbarkeit betrachtet. Das Zebra galt bisher als unzähmbar, es werden jetzt die ersten Versuche gemacht. Den nordamerikanischen Bison wie den Kafferbüffel hat bisher wohl niemand zu zähmen versucht, ebensowenig den Moschusochsen. Den Strauß hält man, um ihn seiner Federn zu berauben, aber als zahmes Haustier kann man ihn schwerlich bezeichnen. Dagegen wird die gewöhnlich nicht in Herden, sondern in Familien lebende Giraffe meistens sehr zahm. Von den in Herden lebenden größeren Affen wird allenfalls der Schimpanse und von den Pavianen der Babuin als Haustier gehalten. Die Zähmung des Hyänenhundes ist der Neuzeit noch nicht gelungen, obwohl er eine vorzügliche Nase besitzen soll, ebensowenig die des afrikanischen Elefanten, wenngleich die Karthager es verstanden haben sollen. Dagegen hat man von einzeln lebenden Tieren bereits im Altertum Löwen und Tiger gezähmt. Der ägyptische König ~Ramses der Große~ kämpfte in Begleitung seines zahmen Löwen, der ihm die Feinde niederreißen half. Der römische Kaiser ~Heliogabal~ spannte Löwen und Tiger vor seinen Wagen, indem er sich mit der Göttin ~Cybele~ und mit dem Gotte ~Bacchus~ verglich.
In der Berliner Raubtierschule legt sich der Inspektor ~Havemann~ eine Leopardin wie einen Mantelkragen um den Hals. Auch wohl alle bei uns allein lebenden Tiere, wie Fuchs, Dachs, Marder, Wiesel, Eichhörnchen, sind schon gezähmt worden. Besonders leicht zahm wird der einzeln lebende Fischotter, der wiederholt zum Fischfangen abgerichtet worden ist.
Bei den Vögeln machen wir dieselbe Beobachtung. Kein Mensch wird die in Scharen lebenden Sperlinge, Schwalben, Meisen, Goldhähnchen usw. für leicht zähmbar halten. Umgekehrt sind der Buchfink, der Kolkrabe, die Alpenkrähe usw., obwohl sie einzeln leben, wegen ihrer Zutraulichkeit zu ihrem Pfleger bekannt. Ausgesprochene Einsiedler sind die Raubvögel. Und doch richten die Kirgisen Adler und Habicht zur Jagd ab, ebenso stand bei uns die Reiherbeize mit dem Jagdfalken in hoher Blüte. Umgekehrt gelten die Wasserratten als unzähmbar, obwohl sie in Herden leben.
Es ist hiernach einleuchtend, daß die Theorie, nur Herdentiere eignen sich zu Haustieren, durchaus irrig ist. Die ausschlaggebenden Momente sind vielmehr folgende:
1. Die Gefährlichkeit des Tieres. Es ist eine schlimme Sache, ein Geschöpf als Haustier zu halten, das bei übler Laune den Menschen töten kann. Aus diesem Grunde wird man die großen Bestien, ausgewachsene Paviane oder menschenähnliche Affen und ähnliche gefährliche Tiere ungern zu Haustieren machen wollen. Deshalb werden häufig ältere Doggen getötet, weil sie ihren eigenen Herrn in Gefahr bringen.
2. Das Naturell des Tieres und des Menschen. Es ist merkwürdig, daß manche Tiere wie Affen, Bären, Füchse usw., von Hause aus wenig Neigung haben, dem Menschen Hilfe zu leisten, während umgekehrt Pferde, Hunde, Geparden usw. es gern tun. Natürlich sind Tiere mit sanftem Naturell, wie Giraffen, Schimpansen, Babuine usw., leichter zu zähmen, als solche mit störrischem, wie Nashörner, Flußpferde, Kafferbüffel, Elche usw. Ein Kulturvolk ist ganz ungeeignet zur Abrichtung von Tieren, da ihm die Ruhe und Geduld fehlt; dagegen leisten stumpfsinnige Naturvölker auf diesem Gebiete Hervorragendes.
3. Ausschlaggebend ist aber stets der Nutzen für den Menschen. Wir hätten viel mehr Haustiere, wenn wir uns von anderen Tieren mehr Nutzen versprächen. Was sollen wir mit einem zahmen Hirsch oder Reh anfangen? Zum Ziehen oder zum Reiten des erstgenannten sind sie doch nur bedingungsweise verwendbar, können jedenfalls nicht das Pferd ersetzen. Weil es uns Nutzen brachte, haben wir früher den Jagdfalken gezähmt, wie heute noch zur Wolfs- und Fuchsjagd von den Kirgisen Adler abgerichtet werden.
Nur aus dem Grunde, weil fast alle Teile verwendet werden können, haben wir das seinem Naturell nach ganz ungeeignete Rind als Haustier. Ist wohl ein alter Bulle ein gezähmtes Tier? Gibt es in Deutschland einen Kreis, wo nicht in den letzten 100 Jahren ein Mensch durch einen wütenden Bullen getötet ist? Würden sie nicht den Nutzen gewähren, so würde es längst polizeilich verboten sein, diese Haustiere, obwohl sie Herdentiere sind, zu halten. Auch mit der Domestikation des Schweines dürfte es eine eigene Sache sein. Kronprinz Rudolf berichtet von den südungarischen Schweinehirten: »Alle sind mit Pistolen bewaffnet, teils um die abends umherschweifenden Wölfe zu verscheuchen, teils aber auch, um sich gegen die starken, wildschweinartigen Eber, ~die sogenannten zahmen Hausschweine~, zu verteidigen. Wie ich von den Leuten an Ort und Stelle erfuhr, sollen jedes Jahr einige Hirten von ihren eigenen Schweinen auf der Weide, besonders während des Schlafes, überfallen und elendiglich zugrunde gerichtet werden.« Ferner wurde kürzlich folgender Fall berichtet: In Söllerup (auf Seeland) wollten ein Dienstknecht und ein zwölfjähriger Hütejunge einen Eber vom Walde nach Hause treiben. Als sich der voraufgehende Knecht infolge eines Angstrufes des Jungen umblickte, gewahrte er, wie der Eber den Knaben mit den Hauern bearbeitete. Dem Unglücklichen war die Lende zerfleischt und die Schlagader aufgerissen, so daß er in kurzer Zeit verblutete. Der Eber wurde erschossen. Schließlich denke man daran, wieviel kleine Kinder schon durch zahme Schweine angefressen und getötet worden sind -- und doch lebt auch das Schwein in Herden. Die herrschende Meinung muß demnach als durchaus irrig bezeichnet werden.
Die angebliche Nervosität der Tiere.
Bei dem Hasten und Jagen, das der heutige Kampf ums Dasein mit sich bringt, ist es kein Wunder, daß ein großer Teil der Bevölkerung nervös ist. Weil die geistige Arbeit naturgemäß das Gehirn am meisten anstrengt, und in der Großstadt der Wettbewerb sich am fühlbarsten geltend macht, so ist die Nervosität des großstädtischen Kopfarbeiters beinahe typisch geworden. Da der Mensch sehr geneigt ist, nach verwandten Erscheinungen in der Tierwelt zu spähen, so scheint es dem Großstädter gar nicht auffallend zu sein, daß auch Tiere nervös werden. So durchlief vor einiger Zeit die Zeitungen folgende Nachricht: Zebras als Reit- und Zugtiere. Aus London wird berichtet: Im Londoner zoologischen Garten macht man jetzt Versuche, zwei Zebras zu zähmen, damit die Kinder darauf reiten können. Eine große Erfahrung im Zähmen von Zebras hat der Hon. ~Walter Rothschild~, der bereits in den Straßen Londons mit einem Gespann von vier Zebras gefahren ist. Er zweifelt nicht daran, daß man zum Ziel gelangen wird, und er erzählte einem Berichterstatter: Vor drei oder vier Jahren zähmte ich vier Zebras, aber das waren die wilden, kleinen südafrikanischen Tiere, die viel unbändiger wie die Grevy oder abessinischen Zebras im Zoologischen Garten sind. Sicherlich stoßen und beißen die Zebras zunächst sehr wütend, aber ich fand, daß sie das alles aus Furcht taten. Alle Pferdearten sind von Natur nervös, und das Zebra ist von allen am furchtsamsten. Erst muß man die Tiere überzeugen, daß sie nichts zu fürchten haben; dann lassen sie einen näher kommen und sich anfassen. Wissen sie erst, daß es gefahrlos ist, so haben sie es sogar gern, aber sie kommen nie ganz über ihre natürliche Nervosität hinweg! Auch der Afrikareisende Oberst ~Fred Baillie~ schließt sich dieser Meinung ~Rothschilds~ an. Da er schon seit längerem davon überzeugt war, daß sich das Zebra als Last- und Zugtier eigne, erwarb er eine Konzession auf 60000 Acres Land mitten in Britisch-Ostafrika. Dort hat er die britische »Ostafrikanische Zebra-Ranch« errichtet, deren Hauptquartier in Nairobi und deren Zweiggeschäft in London ist. Wer jetzt also einen Auftrag gibt, kann nach einem halben Jahre gut dressierte gelehrige Zebras bekommen, die einspännig oder zweispännig gehen. ~Baillie~ glaubt, daß das Zebra besonders als Lasttier eine große Zukunft haben wird. Auch die indische Regierung stellt jetzt Versuche mit Zebras an, um sie zu militärischen Transporten zu gebrauchen. Der schlimmste Fehler der Zebras ist, daß sie ihren Reiter in die Beine beißen. Dagegen schützt man sich am besten durch ein stählernes Schutzblech, und wenn das Zebra erst einmal danach geschnappt hat, wiederholt es den Versuch nie wieder. -- Baron ~Rothschild~ ist sicherlich ein ausgezeichneter Kenner der Zebras, aber ist seine Behauptung richtig, daß diese von Natur nervös sind?
Von unsern Pferden wird ja allgemein gesagt, sie seien nervös, und da wäre der Gedankengang vielleicht der, daß sie, wie manche Kulturtiere, im Laufe der Zeit degeneriert seien. Aber das frisch eingefangene Zebra, das bisher als freies Tier in den afrikanischen Ebenen hauste, kann doch unmöglich an einer Kulturkrankheit leiden! Arbeiten denn unsere Pferde mit dem Kopf! Gewiß nicht, am allerwenigsten das Zebra in der Freiheit. Sind unsere Kühe und Schweine nervös? Das Gegenteil scheint eher der Fall zu sein, auch habe ich noch niemals von einer derartigen Behauptung etwas gehört. Wie finden wir den Schlüssel zu einer Erklärung für die angebliche Nervosität des Pferdes und seiner wilden Stammesgenossen? Es ist merkwürdig, daß wir geschichtliche Forschungen vielfach da treiben, wo sie herzlich gleichgültig sind, umgekehrt sie aber da unterlassen, wo sie unbedingt erforderlich sind, nämlich zum Verständnis der Tierwelt. Wir werden das Verhalten eines Tieres niemals begreifen, wenn wir uns nicht in seine frühere Lage als freies Tier hineinversetzen. Auch in der Tierwelt ist selbstverständlich der Kampf ums Dasein überaus heftig. Die Raubtiere haben Hunger und wollen von den Pflanzenfressern leben, letztere verspüren aber wenig Neigung, sich ohne weiteres verspeisen zu lassen; was tun sie also? -- entweder fliehen sie oder sie verteidigen sich. Die Pflanzenfresser zerfallen also in wehrhafte (vgl. mein Buch: »Ist das Tier unvernünftig?« S. 39) wie Nashorn, Rind, Wildschwein, Elch, Gorilla, Pavian usw. und in fliehende wie Pferd, die meisten Antilopen, Hirsch, Reh, Schaf usw. Fliehende habe ich die letztgedachten Pflanzenfresser genannt, weil sie im allgemeinen fliehen. Das schließt natürlich nicht aus, daß sie nicht bloß untereinander, sondern auch gegen kleine Feinde kämpfen. So geht der Hengst mutig auf den einzelnen Wolf los, die Ricke vertrommelt Reineke mit den Läufen, falls er Appetit auf ihr Kitz bekundet usw. Auch die Raubtiere zerfallen in zwei Klassen, nämlich Laufraubtiere, die durch ausdauerndes Laufen ihre Beute einholen, z. B. gewisse Wolfsarten, wilde Hunde, Hyänenhunde usw., oder Schleichraubtiere, wohin alle Katzenarten gehören, also Löwe, Tiger, Leopard, Luchs usw. Da das anhaltende Laufen eine langweilige Sache ist, so ist es auch einem Laufraubtier, wie z. B. dem Wolf, sehr lieb, wenn er einen Pflanzenfresser beschleichen kann.
Es liegt nun auf der Hand, daß die Gedanken eines fliehenden und eines wehrhaften Pflanzenfressers grundverschieden sein müssen. Wird der erstgenannte von einem Raubtier überfallen, so ist er gewöhnlich rettungslos verloren, der zweite dagegen nur dann, wenn er seine Waffen nicht gebrauchen kann. In unzähligen Fällen hat z. B. der riesenstarke Kafferbüffel einen Löwen, der ihm auf den Rücken gesprungen war, wieder abgeschüttelt -- möglicherweise ihn sogar totgetrampelt. Der Tiger muß seinen Angriff auf einen Wildeber oft mit dem Leben bezahlen. Rind und Schwein wissen sich also zu wehren, und deshalb sind sie wenig furchtsam, geschweige denn nervös. Dagegen ist das Pferd als fliehender Pflanzenfresser von Natur furchtsam, aber durchaus nicht nervös. Ein Spion, z. B. ein Indianer, der sich im feindlichen Lande befindet und überall Umschau hält, bei jedem Laute zusammenfährt, ist mit Recht furchtsam, aber doch nicht nervös. Genau ebenso ist es mit dem Verbrecher. Der nervöse Kulturmensch erschrickt grundlos bei Geräuschen, kann überhaupt andauernden Lärm nicht vertragen; der Spion, der Verbrecher, der fliehende Pflanzenfresser erschrecken aus triftigen Gründen. Wissen sie sich in Sicherheit, so können sie die ohrenbetäubendste Musik, die einen krankhaft nervösen Menschen rasend machen würde, mit Wonne anhören. Pferde können sich fortwährend an dem Rasseln ihrer Ketten erfreuen, Brüllaffen, die ebenfalls fliehende Pflanzenfresser sind, berauschen sich an einer Musik, die selbst einen normalen Menschen zur Flucht treibt. Zebra wie Pferd sind also im medizinischen Sinne absolut nicht nervös, sie sind nur mit Recht furchtsam, weil sie sich ihr ganzes Leben lang beständig vor ihren Feinden in acht nehmen müssen. Der Hauptfeind des Zebras ist der Löwe, der Leopard wagt sich im allgemeinen nur an junge. Beide Schleichraubtiere sind ständig auf ihren Fersen und erspähen die Gelegenheit, ein Tigerpferd zu überfallen. In den Tränken lauert das Krokodil, schließlich muß noch des schlimmsten Feindes, des Menschen, gedacht werden. ~R. Böhm~ und ~v. Wißmann~ heben besonders hervor, daß der Löwe beständig die Zebras verfolgt. Letzterer schreibt: Der grimmigste Feind des Zebras scheint der Löwe zu sein, und dieser Umstand mag der Grund hierfür sein, daß sie beim Erscheinen des Feindes so kopflos werden, daß das große Raubtier sich schon auf ein Stück geworfen hat, bevor sich die Herde zur Flucht entschließt.
Bedenkt man, daß die Voreltern unseres Pferdes stets in dieser ständigen Angst vor einem Überfall gelebt haben, so ist uns das Verhalten unseres wertvollsten Haustieres um vieles verständlicher. Sehr wichtig ist die alte Regel: man soll in keinen dunkeln Stall treten, ohne das Pferd vorher angesprochen zu haben; es soll wissen, ihm droht kein Feind, damit es nicht aus Angst losschlägt, denn seine natürlichen Waffen gegen geringere Raubtiere, d. h. also Hufe und Gebiß, wird es selbstverständlich zur Anwendung bringen. Unser Pferd hat im allgemeinen verlernt, sich mit dem Gebiß zu verteidigen. Nur die Maulkörbe bei einzelnen Pferden zeigen uns, daß hier der Ahnen Waffen noch in Ehren gehalten werden. Einen interessanten Kampf zwischen einem Hauspferde und einem Tarpan, d. h. einem wilden oder verwilderten Pferde schildert ~Gmelin~. Ein Tarpan erblickte einmal einen zahmen Hengst mit zahmen Stuten. Nur um die letztern war es ihm zu tun; weil aber der erste nicht damit zufrieden sein wollte, so gerieten beide in heftigen Streit. Der zahme Hengst wehrte sich mit den Füßen, der wilde aber biß seinen Feind mit den Zähnen, brachte es auch, aller Gegenverteidigung ungeachtet, so weit, daß er ihn tot biß und sodann seine verlangten Stuten mit sich nehmen konnte. -- Daß das Zebra beißt, ist also etwas ganz Naturgemäßes; es muß ihm das ebenso mit der Zeit abgewöhnt werden, wie wir es bei unsern Pferden gemacht haben, indem wir z. B. die bissigsten von der Zucht ausschlossen. Vergegenwärtigt man sich die fortwährende Angst eines fliehenden Pflanzenfressers vor einem plötzlichen Überfall, so wird uns folgender Vorfall, der unlängst in der Deutschen Jägerzeitung veröffentlicht wurde, durchaus verständlich.
Ein seltsames Vorkommnis. Am Sonntag, den 28. Februar, mittags gegen 12 Uhr, ging ich an meinem Waldrande entlang. Etwa 150 bis 200 Gänge vor mir stand auf dem Roggenschlage eine Ricke mit zwei Schmalrehen; die Rehe ließen sich, da hier sehr vertraut, gar nicht durch meine Anwesenheit stören. Ich blieb stehen, um sie zu beobachten. In diesem Augenblicke strich vom Walde her eine Krähe über mir fort. Schleunigst das Gewehr von der Schulter gerissen und Dampf auf die Graue gemacht! Es war sehr hoch. Entschieden hatte die Krähe aber etwas abbekommen; sie strich in der Richtung auf die Rehe weiter. Ich beobachtete sie, gleichzeitig sah ich aber auch, daß die drei Rehe nach mir hinäugten. Plötzlich verendete die Krähe hoch oben in der Luft und fiel gerade zwischen die Rehe, und zwar unmittelbar neben dem einen Schmalreh kam sie zur Erde. Nun geschah etwas ganz Unerwartetes. Das eine Schmalreh war zur Erde gestürzt und lag regungslos. Die Ricke aber und das andere Schmalreh machten einen riesigen »Schlußsprung auf der Stelle«, blieben dann mit vorgestreckten Köpfen stehen und äugten entweder die Krähe oder das liegende Schmalreh an. Nach etwa einer Minute -- solange dauerte die Erstarrung, wie ich es nennen möchte, -- kam das Schmalreh auf die Läufe, und alle drei Rehe nahmen den Waldsaum an, und zwar mit langen Fluchten. Auf etwa zwei Schritte vor mir wechselten sie in den Wald. Was mag nun wohl die Ursache gewesen sein, daß das eine Schmalreh zur Erde stürzte? Was war ferner wohl die Ursache, daß mich die Rehe, nachdem sie mich doch kurz vorher angeäugt hatten, gewissermaßen annahmen? Vielleicht hat einer der Weidgenossen schon etwas Ähnliches erlebt und erzählt es uns.
Nach unsern Ausführungen dürfte die Erklärung nicht schwer sein. Auch das Reh ist ein fliehender Pflanzenfresser, und seine Vorfahren sind bei uns jahrtausendelang in steter Angst gewesen, daß sie ein Luchs oder ein Wolf plötzlich überfällt. Selbst Reineke soll sich an lagernde Rehe wagen. So begreift man denn, daß jeder ungeahnte Fall eines Körpers ein Reh aufs äußerste erschrecken kann. Diese große Angst hat sie auch veranlaßt, auf den Beobachter zuzulaufen. Aus demselben Grunde sind auch unsere Stubenvögel bei jeder plötzlichen Bewegung der Hand sehr erschrocken. Auch sie wissen zu gut aus Erfahrung, daß in der Freiheit die kleinen Schleichraubtiere, wie Katzen, Marder, Iltis, Wiesel usw., beständig einen Überfall gegen sie planen.
Wie anders benimmt sich ein wehrhafter Pflanzenfresser, z. B. ein Stier, gegen seine Feinde. ~v. Wißmann~ schildert z. B. folgenden Vorfall, den er mit seinem Reitstier in Afrika erlebte: Er war ein mutiges Tier, das die Witterung keines großen Wildes aus der Fassung brachte. Hatte er sich doch einmal losgerissen und, bei Nacht aus dem Lager ins Freie stürmend und in einen dicken Busch einbrechend, nach der Fährte zu rechnen, einen sehr starken Leoparden oder eine Löwin unter wütendem Gebrüll in die Flucht geschlagen.
Unser Ergebnis ist also folgendes: Keines von unsern Haustieren ist nervös, soweit es sich nicht um kranke, verzärtelte oder überzüchtete Exemplare handelt, Rind und Schwein nicht einmal furchtsam. Pferd und Zebra bekunden jedoch die ihnen durch Jahrtausende eingeprägte, durchaus berechtigte Furcht vor einem Überfall durch Schleichraubtiere.
Gibt es Tiere, die sich spiegeln?
Mancher Leser wird staunen, daß die Frage, ob es Tiere gibt, die sich spiegeln, überhaupt aufgeworfen werden kann. Er wird darauf hinweisen, daß z. B. in unzähligen Schaufenstern Bilder zu erblicken sind, auf denen ein Dachshund sich wohlgefällig in dem Spiegel beschaut, als wollte er sagen: Bin ich nicht ein schöner Kerl? Wie könnten unsere Künstler etwas durch Pinsel oder Stift wiedergeben, wenn es nicht in Wirklichkeit vorkäme? Sind doch gerade Maler als vorzügliche Beobachter bekannt!
Diese Anschauung, daß Tiere sich spiegeln, wird so allgemein als Tatsache aufgefaßt, daß man selbst in Fachblättern diesen Vorgang als etwas Selbstverständliches betrachtet.
Gerade der Umstand, daß kürzlich in einer naturwissenschaftlichen Zeitschrift ein Bericht über ein Sichspiegeln der Tiere enthalten war, veranlaßt mich, diesen allgemein verbreiteten Irrtum etwas näher zu beleuchten.
In der betreffenden Zeitschrift schilderte nämlich eine Tierfreundin das allerliebste Verhalten der Vögel, namentlich der Meisen, denen sie Futter streute. Es heißt dort:
»Von der eitlen Kohlmeise.«
»Wenn ich in meinem Schlafzimmer die Balkontür öffne, so dauert es nicht lange, und auf der Türschwelle erscheint eine prächtig gezeichnete Kohlmeise. Ich gehe dann in das Nebenzimmer und beobachte von dort den kleinen Eindringling. Der hüpft von der Schwelle auf einen Stuhl und von da -- auf den Toilettentisch. ~Vor einen kleinen Stehspiegel setzt sich die Kohlmeise zuerst und betrachtet sich darin mit sichtbarem Wohlgefallen.~ Ich kann es ihr auch gar nicht verdenken; sie kann wohl zufrieden mit dem Bilde sein, das ihr der Spiegel zeigt. Dunkelbraune Augen, schneeweiße Wangen, glänzend tiefschwarzes Haar und eine schön schwefelgelbe Brust, darauf ein breiter schwarzer Streifen -- wer vermag ähnliche Schönheiten aufzuweisen? -- Hat sie sich in dem kleinen Spiegel sattgesehen, so fliegt sie auf den größeren, am Toilettentisch angebrachten Spiegel, turnt auf dem geschnitzten Holzrahmen herum, spiegelt sich, singt, flattert gegen das Glas und pickt nach ihrem Spiegelbilde. Verspürt die Meise Appetit, so knabbert sie an den Stearinkerzen herum, die zu beiden Seiten des Spiegels stehen. Zur Abwechslung werden dann auch all die kleinen Gegenstände, die auf einem Putztisch ihren Platz zu haben pflegen, wie: Nadelkissen, Schmuckschale u. a. betrachtet und untersucht. Darauf spiegelt sie sich wieder und ich -- hab' dann meistens keine Zeit mehr, länger zuzugucken und verlasse meinen Lauscherposten.«
»Sehe ich nach einem halben Stündchen wieder nach, was das kleine gefiederte Äffchen treibt, so sehe ich es immer noch vergnügt vor den Spiegeln umherhüpfen, bis es durch mein Näherkommen erschreckt zur Türe hinausfliegt. Lange dauert es aber nicht, so lugt mein Meischen wieder vorsichtig von draußen herein, und sieht es niemand im Zimmer, so beginnt das lustige Treiben von neuem.«
Hat die Dame etwa die Unwahrheit berichtet? Keineswegs. Ich glaube ohne weiteres, daß die Meise -- wie es ja jeder Kanarienvogel tut -- im Spiegel ihr Bild erblickt hat. ~Nur daß die Vögel sich gespiegelt d. h. ihr Bild als solches erkannt haben, bestreite ich mit Entschiedenheit.~