Part 7
Weil Vögel nicht wittern können, so erklärt sich daraus, daß man selbst den klügsten, zum Beispiel Kanarienvögeln, fremde, ja Elfenbeineier unterlegen kann. Nun verstehen wir auch, weshalb ein Falke, den Liebe besaß, Siegellack für rohes Fleisch hielt. Ähnliches berichtet Baker vom Mäusefalken. Er schreibt nämlich: »Dieser Vogel, dessen außerordentliche Kühnheit jedermann kennt, ist allgegenwärtig, und verläßt sich im allgemeinen auf sein Gesicht. Er stößt auf ein Stück rotes Tuch, das er für Fleisch hält, und beweist dadurch, daß er sich auf sein Gesicht mehr verläßt, als auf seinen Geruch.«
Würde wohl jemals ein Hund Siegellack oder ein rotes Tuch für rohes Fleisch halten?
Zum Schlusse möchte ich noch andeuten, wie sich die eingangs erwähnten Fabeleien der Alten, daß die Geier bereits einige Tage vorher den Tod eines Geschöpfes merken, ungezwungen erklären lassen. v. Wißmann erzählt folgendes Erlebnis von seinen afrikanischen Jagden:
»Als ich bei meiner ersten Durchquerung Afrikas, von Westen kommend, den Tanganika-See überschritten hatte, sah ich das erste Zebra in der Wildnis und erlegte es auch nach langem mühsamen Anpirschen. Diese Jagd ist mir wegen des Gebarens zweier Adler fest in der Erinnerung haften geblieben; langsam kroch ich auf Knien und Händen heran, was bei dem kurz abgebrannten Gras, von dem noch verkohlte, dicke, harte Stoppeln am Boden standen, sehr beschwerlich war, und hatte meine ganze Aufmerksamkeit auf die Zebras vor mir gerichtet, als ich plötzlich dicht über mir ein Rauschen hörte. Ein Schatten fuhr über mich dahin, und ich fühlte den Luftzug von den Flügelschlägen eines großen Adlers, der dicht über mir dahinschoß, und dem gleich darauf ein zweiter folgte. Die Räuber der Luft kreisten dann über mir und sausten dann über mich dahin, so daß mir der Gedanke kam, ob ich nicht lieber das Gewehr gegen die mächtigen Raubvögel wenden sollte. Offenbar hielten sie mich für ein krankes Wesen, das mühselig über den Boden kroch und für ihre Fänge eine willkommene Beute sei.«
»Erst als ich auf das Zebra schoß, das unterm Feuer zusammenbrach, überschlugen sich die beiden Adler vor Schreck und strichen dann eiligst davon.«
Hier sieht man wiederum ganz deutlich, wie sich die Raubvögel ganz allein nach dem Gesicht richten, denn daß ein gesunder Mensch keinen Kadavergeruch ausströmen kann, liegt auf der Hand. Aus solchen Vorfällen, wenn sich wirklich schwerkranken Menschen Geier und Adler näherten, haben aber sicherlich die Alten den Schluß gezogen, daß diese Tiere den herannahenden Tod im voraus merken.
Die Schnepfe als angeblicher Mediziner.
Vor einiger Zeit ging durch die Presse folgende Nachricht: Wie eine Jägerzeitung berichtete, hätte eine am Ständer (Beine) verwundete Schnepfe sich um die Wunde einen regelrechten Verband aus Federn angelegt. Hierzu wurden allerlei liebenswürdige Bemerkungen gemacht. Die nächste Schnepfe würde wahrscheinlich ein englisches Heftpflaster oder einen antiseptischen Verband anlegen usw. In Wirklichkeit kann die Sache nicht so ohne weiteres als Jägerlatein angesehen werden. Allerdings ist der Streit fast hundert Jahre alt, ob die Schnepfe ihre Wunden zufällig oder absichtlich mit Federn beklebt. Ich will mich hier auf zwei Fachleute berufen, die beide in einer wissenschaftlichen Zeitschrift (im Zoologischen Garten) ihre Ansicht vertreten haben.
Dr. ~Quistorp~ schreibt nämlich folgendes:
»Letzthin wurden von den Herren Gebrüder ~Müller~ Zweifel geäußert an der Richtigkeit der Behauptung, daß Waldschnepfen sich zerschossene Ständer mit Federn kunstgerecht verbinden. Ich bedaure, daß ich nicht im Besitze solcher Ständer von Schnepfen, welche ich selbst erlegt habe, bin, da ich dieselben im 60er Jahrzehnt an den damaligen Redakteur der Wiener Jagdzeitung, Herrn Albert ~Imgo~, sandte; sonst würde ich die Herren ~Müller~ sicherlich von der Richtigkeit obiger Ansicht überzeugt haben.«
»Das eine Paar Ständer stammte von einer Schnepfe, nach welcher ich am zweiten Ostertage des Jahres 1863 gegen Abend schoß, und die mit zerschossenem einem Ständer wegflog, und zwar in einer Richtung, welche ich im Nachhausegehen einhalten mußte. Ich suchte deshalb der kranken Schnepfe nicht nach, um vor Sonnenuntergang noch den fehlenden Teil des Reviers abzusuchen. Kurz vor Sonnenuntergang schoß ich wiederum nach einer Schnepfe, die mit zwei zerschossenen Ständern wegflog, und zwar in eine Heide hinein. Dieser suchte ich nach, konnte dieselbe jedoch nicht finden, und wandte mich nun auf dem Heimwege der zuerst krankgeschossenen Schnepfe zu, die ich dann auch bald wiederfand und totschoß. Obgleich kaum eineinhalb Stunden vergangen, nachdem ich zuerst nach derselben geschossen, fand ich bei ihr den zerschossenen Ständer schon ganz kunstgerecht mit langen, ausgerupften Federn umwickelt, so daß der Ständer sich wie in einem Kleisterverbande befand. Die zweite Schnepfe, welcher ich beide Ständer zerschossen, fand ich zwei Tage darauf in der Heide; an ihren Ständern waren nur kleine Bauchfedern lose, aber in Menge, angeklebt. Auch Herr ~v. Homeyer-Wrangelsberg~ sandte mir den Ständer einer Waldschnepfe mit vielen, lose angeklebten kleinen Federn.«
»Ich habe daraus geschlossen, daß Schnepfen sich allerdings einen regelrechten Verband anlegen können mit langen Federn, daß dazu aber nur einer der Ständer zerschossen sein darf, damit sie mit Hilfe des Schwanzes und Schnabels den Verband anlegen können. Ich habe in meinem Leben viele solcher Schnepfen geschossen.«
Die Ansicht der bekannten Naturforscher Gebrüder Adolf und Karl ~Müller~ ist dagegen folgende:
»Es ist die Behauptung aufgestellt worden, daß Schnepfen, welche an den ›Ständern‹ verletzt worden seien, sich die Wunden mit ihren eigenen Federn mittels des Schnabels verbunden hätten. Zu diesem Schluß kam man durch geschossene Exemplare, bei welchen um verwundete Stellen der Füße Federn ihres Leibes wie eine ziemlich regelrecht angelegte Binde geschlungen waren.«
»Es ist uns durch einen befreundeten Oberförster, der ein tüchtiger Weidmann ist, ein derartiger Schnepfenständer zur Untersuchung übergeben und zum Geschenk gemacht worden. Es ist wahr, daß die um die Zehengelenke eng und fest angelegten Federn einem künstlichen Verbande gleichen. Die nähere Untersuchung -- und sie mußte leider auf Kosten der Vollständigkeit dieses dichten Verbandes geschehen -- zeigte jedoch, daß die Federn auf der schweißenden Wunde festklebten, und durch die Verbreitung des Schweißes rings um das Gelenk und die einzelnen Zehenwurzeln ebenfalls Halt erhielten. Ob hier der bekanntlich außerordentlich feinfühlige Schnabel, dessen Oberkiefer sich wie eine Greifzange zu biegen vermag, -- welche Eigenschaft wir beim Wurmen des Vogels und auch bei eben verendenden Exemplaren beobachteten -- tätig gewesen sein könnte, wollen wir nicht gerade in unbedingte Abrede stellen; wir halten es aber nicht für wahrscheinlich. Die Entstehung des Verbandes ist vielmehr nach unserer Überzeugung eine sehr natürliche. Der verletzte Vogel hebt den kranken Fuß und zieht ihn am Leibe unter die Bauchfedern ein oder legt sich ausruhend nieder, wobei der Fuß unter die Federn kommt. Diese kleben fest, der Schweiß gerinnt, und beim Aufstehen oder Zurückziehen des Fußes vom Leibe gehen die anklebenden Federn los und legen sich allmählich rund um die Umgebung der Wunde, welche, wie gesagt, den Schweiß verbreitet. Bei den leicht vorkommenden Anstößen schweißt die Wunde nach, und neue Bauchfedern gesellen sich zu den alten, und zwar in verschiedener Lage, so daß eine Art Geflecht entsteht. Zur Bildung eines solchen natürlichen Verbandes ist gar keine Schnabelhilfe nötig, es formt sich alles gemäß der zufälligen Umstände, welche durch die Situation und die Tätigkeit des Vogels beim Fortbewegen usw. bedingt sind. Eine Baumlerche (+Alauda arborea+) hat uns dies in der Gefangenschaft zur Genüge klar gemacht. Bei solchen kleineren Vögeln kommt es sogar vor, daß bei heftiger Blutung der Fuß dermaßen festklebt, daß wegen der größeren Anzahl der in Mitleidenschaft gezogenen Federn die Kraft des Vogels nicht ausreicht, den Fuß wieder zu strecken.«
»Wenn wir auch da, wo die exakte Beobachtung den Beweis liefert, immer gerne das Seelenvermögen des Tieres gebührend hervorzuheben bemüht sind, zu einem geschickten Chirurgen wollen wir doch die Schnepfe nicht avancieren lassen; das hieße wahrlich, ein Verdienst oder Talent anerkennen, wo keines vorhanden ist.«
Dieselbe Ansicht, wie die Gebrüder ~Müller~, hat auch kürzlich ein Herr ~Schlabitz~ verteidigt, indem er behauptet, auch an den Ständern, Tritten, Fängen usw. lege sich ein Verband sozusagen von selbst an, da die verwundeten Tiere das schmerzhafte Glied an den Körper ziehen, somit Federn auf die verwundete Stelle kommen, dort ankleben und beim Strecken des betreffenden Gliedes leicht ausgerissen werden. Ein ähnliches Beispiel hat Herr ~Schlabitz~ an einem Uhu beobachtet. Er erzählt: Ich schoß einen solchen leicht an, nur am oberen Schnabel ganz vorne, wo die scharfe Krümmung nach unten geht. Da ich keine andere Verwundung vorfand, beschloß ich, ihn lebend zu behalten. Ich gab ihm Elstern und Krähen zum Kröpfen, doch wollte er dieselben nicht annehmen, wogegen er Sperlinge und Mäuse gerne verschluckte. An dem Schnabel sah ich Federn angeklebt, und konnte feststellen, daß sich ein fester Verband angelegt hatte. Ich versuchte, sie mit einem Federmesser zu entfernen, aber die Wunde fing sofort an zu schweißen, so daß ich einen weiteren Versuch unterließ. Dann fiel der Verband nach ganz kurzer Zeit von selbst ab. Von dieser Zeit beobachtete ich auch, daß der Uhu ebenso gern wieder Elstern, Krähen und sonstige Raubvögel kröpfte.
Sichtotstellen als Rettungsmittel.
In den Erzählungen unserer Lesebücher wird häufig das Sichtotstellen als vorzügliches Rettungsmittel gegen Raubtiere empfohlen. Schon in der bekannten Fabel von den beiden Freunden, die das Fell des Bären früher verkauften, als sie ihn erlegt hatten, wird dieses Verfahren als zweckentsprechend erwähnt. Ich möchte im folgenden die Gründe auseinandersetzen, weshalb ich zu diesem Mittel kein Zutrauen haben kann.
In meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« habe ich ausführlich dargetan, daß ein Teil der Tiere seinen Grundsinn in den Augen, ein anderer in der Nase hat. Im westlichen Europa kamen in früheren Jahrhunderten als menschengefährdende Raubtiere nur Bär und Wolf in Betracht, da weder Luchs noch Fuchs, ebensowenig auch die Wildkatze, einen Menschen angreifen, um ihren Hunger zu stillen. Nun liegt es auf der Hand, daß weder Bär noch Wolf als Nasentiere eine sich totstellende Person ohne weiteres für tot halten werden. Ein Sehgeschöpf, ein Raubvogel, ein Löwe, Luchs, wie ein Mensch, mag ja dadurch getäuscht werden, ein Nasengeschöpf gewiß nicht.
Jeder Hundebesitzer wird gewiß bestätigen, daß er als Schlafender niemals von seinem treuen Wächter für tot gehalten worden ist. Der Grund ist ja auch sehr einleuchtend. Der Hund richtet sich nach der Nase und beschnuppert den Schlafenden. Da dieser wie ein Gesunder ausdünstet, so kann er ihn natürlich nicht für tot halten.
Umgekehrt bewirkt jede Krankheit, jede starke Verwundung eine Veränderung der Ausdünstung, was allen Nasentieren wohl bekannt ist. Übrigens ist manchem Arzt mit guter Nase aufgefallen, daß selbst das stumpfe Geruchsvermögen des Menschen ausreicht, um beim Betreten eines Zimmers sofort erklären zu können: die Bewohner leiden an gewissen Krankheiten, zum Beispiel am Scharlachfieber. Der Bär, der die Spur eines gesunden Hirsches findet, kümmert sich nicht um diese, da er weiß, daß er ein normales, ausgewachsenes Rotwild nicht einholen kann. Sobald er aber eine solche von einem angeschossenen Hirsch wittert, folgt er ihr eiligst. Das sind für Jäger ganz bekannte Sachen. Bei einem schwerkranken Angehörigen konnte ich mich selbst von der Richtigkeit dieses Zusammenhanges überzeugen. Unser Hund beroch eines Tages den Patienten, heulte und war ganz verstört. Der herbeigeholte Arzt untersuchte ihn, und erklärte, daß für die nächsten Tage jede Gefahr ausgeschlossen sei. Der Hund behielt aber recht, denn vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden war der Patient eine Leiche. Die beginnende Zersetzung des Körpers hatte er wahrscheinlich durch sein Geruchsvermögen wahrgenommen, wie ja auch die Hunde Friedrichs des Großen sich von ihrem Herrn kurz vor seinem Tode mit allen Zeichen der Trauer abgewendet haben sollen.
Es liegt nun auf der Hand, daß wir uns wohl äußerlich so hinlegen können, wie ein Toter, auch den Atem anhalten können und dergleichen, daß wir uns aber niemals die Ausdünstung eines Toten anschaffen können. Und das wäre doch bei Bär und Wolf die unerläßliche Voraussetzung.
Wer hiernach noch nicht überzeugt ist, daß das Mittel durchaus verfehlt erscheint, dem möchte ich noch mit einem schlagenderen Beweise kommen. Für den Nutzen des Sichtotstellens wäre doch die erste Voraussetzung, daß das in Frage kommende Raubtier keine Leichen frißt. Hieran kann doch nicht der geringste Zweifel bestehen.
Daß der Bär Leichen frißt, ist wohl unbestritten, heißt er oder wenigstens eine Art von ihm doch mit Recht Aasbär. Brehm führt dafür verschiedene Beweise an. So erlegte man in dem sibirischen Dorfe Makaro einen Bären auf dem Friedhofe, als er gerade beschäftigt war, einen kurz vorher beerdigten Leichnam auszugraben.
Was den Wolf betrifft, so braucht man nur daran zu erinnern, daß selbst die verwöhntesten Hunde vielfach eine Vorliebe für verweste Fleischstücke haben. Es ist daher kein Wunder, daß Isegrimm -- ebenso wie der Fuchs -- »eine leidenschaftliche Vorliebe«, wie Brehm sagt, für Aas hat.
Nur nebenbei sei bemerkt, daß die Annahme, die großen Katzenarten seien keine Aasfresser, sich als gänzlich irrig erwiesen hat. Vom Luchse schreibt neuerdings Baron ~v. Staël-Holstein~ in »Wild und Hund«, daß er tote Rehe selbst dann fresse, wenn sie schon wochenlang gelegen hätten. Selbst der Löwe geht nach v. Wißmann und anderen Afrikareisenden gern an Aas, und ~Selous~ erklärt ausdrücklich, der südafrikanische Löwe sei oft ein sehr schmutziger Fresser.
Das Ergebnis ist also folgendes: Das Sichtotstellen als Rettungsmittel kann schwerlich empfohlen werden, da alle Raubtiere mehr oder minder, gewiß aber Bär und Wolf, Leichenfresser sind. Die letztgenannten würden als Nasentiere beim Beschnüffeln eines anscheinend Toten sofort erkennen, daß es sich hier um eine Täuschung handelt.
So weit ich mich entsinnen kann, haben weder die alten Schriftsteller dieses Mittel empfohlen, noch habe ich jemals von einem zuverlässigen Jäger gelesen, daß er das Verfahren mit Erfolg probiert habe. Daß in der erwähnten Fabel der eine Jäger das tut, will nichts besagen, denn der andere klettert zu seiner Rettung auf einen Baum, was bekanntlich wohl bei einem Wolfe oder Löwen einen Zweck hätte, aber nicht bei Meister Petz, der selbst ein vorzüglicher Kletterer ist.
Trotzdem will ich die Möglichkeit durchaus nicht bestreiten, daß sich Menschen durch Sichtotstellen gerettet haben, und erkläre mir das folgendermaßen: Bei allen Raubtieren ist bekanntlich die Angriffslust sehr vom Hunger abhängig. Angenommen nun, ein satter Bär oder Wolf findet einen anscheinend toten Menschen, beriecht ihn und läßt ihn ruhig liegen, ~so wäre der Grund für sein Verhalten nicht der, weil er ihn für tot hält, sondern im Gegenteil, weil er merkt, daß er noch lebendig ist~. Denn gesättigt scheuen selbst die gefährlichsten Raubtiere den Menschen -- und mit vollem Rechte. Denn jedes Raubtier kennt wohl die Waffen aller anderen Tiere, aber nie die des Menschen (vgl. S. 19).
Bekannt ist es ja, daß der Wolf im Sommer entsetzlich feig ist, und nur im Winter, wenn der Hunger ihn tollkühn gemacht hat, den Menschen angreift. Nicht viel anders liegt die Sache bei dem Bären. So mag es denn hin und wieder vorgekommen sein, daß sie einen Menschen, der sich tot stellte, beschnüffelt und liegen gelassen haben, weil sie fürchteten, er könnte aufspringen und ihnen eins versetzen. Die Furcht vor dem lebendigen Erbfeind, nicht die Abneigung gegen den toten, war also für ihr Verhalten bestimmend.
Das Wiedererkennungsvermögen bei Menschen und bei Tieren.
Die Verfolgung von Verbrechern ist eine Hauptaufgabe der Kriminalpolizei, kaum jemals aber wurde so eifrig nach Mördern recherchiert, wie in der letzten Zeit. Da es sich um besonders gefährliche Patrone handelte, so nahm das Publikum an dieser Suche regen Anteil. Es verging wohl kaum ein Tag, an dem man nicht in seiner Zeitung lesen konnte:
Diese oder jene Person erkannte den Festgenommenen mit Bestimmtheit als den Mann wieder, der sich an dem betreffenden Tage durch sein Benehmen verdächtig gemacht hatte.
Wir wissen aus Erfahrung, wie häufig Irrtümer in der Rekognoszierung von Personen vorgekommen sind, selbst wenn die Zeugen ihre Aussagen beschworen und mit der größten Bestimmtheit gemacht haben. Deshalb wird auch kein erfahrener Polizeibeamter oder Richter ohne weiteres einer solchen Angabe Glauben schenken.
Nicht selten ist es vorgekommen, daß Tiere, die bei der Verübung eines Mordes zugegen waren, namentlich Hunde, später die Entdeckung des Mörders durch ihr Gebaren herbeiführten, indem sie ihn wütend anfielen.
Der Hund des Aubry, der unsern Goethe zur Niederlegung der Leitung des Hoftheaters veranlaßte, ist ja allgemein bekannt. Aber schon im Altertum finden wir Berichte ähnlicher Art. So erzählt ~Plutarch~ beispielsweise folgendes: Als König Pyrrhus mit seinem Heere marschierte, fand er einen Hund, welcher den Leichnam eines Gemordeten bewachte. Er erkundigte sich näher und erfuhr, daß der Hund schon drei Tage bei seinem erschlagenen Herrn verweilte, ohne einen Bissen zu fressen. Der König befahl, den Toten zu begraben, den Hund aber mitzunehmen und zu verpflegen. Wenige Tage darauf ward das Heer gemustert und defilierte vor dem König. Nicht weit von diesem saß der Hund und verhielt sich ganz ruhig. Unter den Soldaten befanden sich aber die Mörder seines Herrn, und als er diese bemerkte, schlug er laut an und stürzte sich wütend auf sie los, wobei er sich oftmals nach dem Könige umsah. Jetzt entstand Verdacht gegen die Mörder; es ward Befehl erteilt, sie zu ergreifen; und da noch andere Beweise ihrer Schuld hinzukamen, gestanden sie den Mord und wurden bestraft. --
Vom Standpunkte des Kulturmenschen aus wird man über eine solche Rekognoszierung von Verbrechern durch Tiere lächeln und folgendermaßen philosophieren: Schon der Naturmensch steht unendlich höher, als das unvernünftige Tier, noch höher der Kulturmensch, am höchsten diejenigen Menschen, die in den Brennpunkten der Kultur wohnen, also die Großstädter. Wenn sich nun schon der letztgenannte erfahrungsgemäß beim Wiedererkennen häufig irrt, so ist es direkt lächerlich, auf das Gebaren der Tiere das geringste Gewicht zu legen. -- Ist diese Deduktion zutreffend?
Ich wurde auf diese Frage wiederum hingewiesen, als ich kürzlich einem Vortrag zuhörte, den Dr. ~Heinroth~, langjähriger Assistent unseres Berliner Zoologischen Gartens, über seine Beobachtungen an gefangenen Tieren gehalten hat. Hierbei kam er nämlich auch auf das Wiedererkennungsvermögen der Tiere zu sprechen, und führte zum Beispiel folgendes an: Junge Wildenten, die eben aus dem Ei gekrochen sind, unterscheiden bereits nach ganz kurzer Zeit ihre Mutter unfehlbar von anderen Entinnen. Versucht man ein Entenkücken, das seine Mutter verloren hat oder in einer Maschine ausgebrütet ist, bei gleichaltrigen Genossen unterzubringen, so wird es von allen Geschwistern überfallen und eventuell getötet.
Dr. ~Heinroth~, der einer unserer vortrefflichsten Tierkenner ist, erklärte, daß er hier vor einem Rätsel stände, für das ihm jedes Verständnis fehlte. Kein Mensch sei imstande, unter zwanzig Entenmüttern eine bestimmte herauszufinden. Wohl bemerkt, handelt es sich hier um Wildenten, die im Gegensatz zu unseren zahmen Enten alle ganz gleich aussehen. Noch viel weniger sei aber ein Mensch imstande, gleichaltrige Kücken zu unterscheiden. Eine solche Leistung bringe jedoch bereits eine Ente im Alter von zwei Tagen mit unfehlbarer Sicherheit fertig.
Die Tatsachen an sich waren mir nicht neu. Ich kann auch das Erstaunen des Vortragenden nicht teilen, und zwar aus folgenden Gründen:
Wir Kulturmenschen werden durch unser Denken viel zu sehr von dem Betrachten äußerlicher Dinge abgezogen, während der einfache Mann sich ihm ganz widmen kann.
Ferner kommt die Macht der Übung hinzu. Man vergleiche hierzu: Ist das Tier unvernünftig? S. 78.
Daß reine Naturvölker auf diesem Gebiete dem Kulturmenschen unendlich überlegen sind, kann nur der bestreiten, der sich nicht belehren lassen will. Wenn diese Überhebung des Kulturmenschen nicht bestände, so hätten wir sicherlich nicht so viele schmerzliche Verluste in Südwestafrika erlitten.
Mag in Indianerbüchern manches übertrieben sein, das bleibt unbestritten wahr, daß die Sinne der Naturvölker schärfer und ihre Beobachtungsgabe größer ist. Ein Gelehrter, dessen Name mir entfallen ist, schilderte, daß ihn auf seinen Reisen seine Frau in Männerkleidern begleitete, ohne daß ihr Geschlecht bei Kulturvölkern jemals erkannt wurde. Bei einem Naturvolke durchschaute man jedoch sofort die Täuschung. Bei den Tieren ist das im gleichen Maße der Fall. Die meisten Hunde erkennen zum Beispiel allein am Tritt, ob ein Fremder oder ein Bekannter die Treppe hinaufkommt. Einen Kulturmenschen, der das gleiche mit seinen Ohren leisten kann, wenn der Kommende ein Durchschnittsmensch ist, also natürlich weder knarrende Stiefel trägt noch humpelt u. dgl., habe ich noch nicht kennen gelernt.
Dabei entwickelt sich diese Unterscheidungsfähigkeit bei Tieren schon wunderbar früh. Folgender Fall, der hierfür beweisend sein dürfte, ist mir im Gedächtnis geblieben.
Die Wirtin, bei der ich als Student wohnte, hatte einen jungen Hund geschenkt bekommen, der eben erst entwöhnt war. Er machte noch einen recht stupiden Eindruck und lag in einer Sandkiste im Hinterzimmer.
Um dieselbe Zeit erhielt ich von einem auswärtigen Freunde die Nachricht, daß er mich in den nächsten Tagen besuchen und bei mir, wie bereits früher, übernachten wolle, was denn auch geschah.
Am anderen Tage brachte ich meinen Freund, der weiter fahren wollte, zum Bahnhof. Bei meiner Rückkehr erzählte mir meine Wirtin, daß sie in der Nacht durch das Winseln des Hundes aufgewacht sei und, da es nicht aufhörte, vermutet habe, dem Tiere fehle etwas. Sie sei daher aufgestanden, habe aber nichts finden können, was sein Benehmen erklärte. Trotzdem sei der Hund nicht zu beruhigen gewesen, bis sie schließlich auf den Gedanken gekommen sei, mein Freund sei angekommen. Da sie sehr zeitig schlafen gegangen sei, hatte sie von unserem Kommen nichts gehört. Ihre Annahme, der Fremde veranlasse das Winseln des Hundes, erwies sich auch als zutreffend, denn sowie er fort war, hörte es plötzlich auf.
Mit der Familie der Wirtin waren wir Mieter zusammen sechs Personen in der Wohnung. Der Hund war noch nicht eine Woche in der neuen Behausung, und schon unterschied er am Schritt, ob eine Person, die nicht dort wohnte, angekommen war.
Wenn ein Hund, der eben erst entwöhnt ist, eine solche Leistung vollbringt, so kann ich mich nicht wundern, daß eine junge Ente mit ihren Augen ähnliches leistet.
Täglich kann man ja derartiges beobachten. Wie schwer ist es nicht für uns zu unterscheiden, ob ein Kanarienvogel, ein Stieglitz usw. ein Männchen oder ein Weibchen ist. Den Vögeln selbst muß aber diese Unterscheidung keine Schwierigkeit bereiten, denn sie irren sich niemals. Man denke an die zahllosen Vogelberge, wo es uns unerklärlich ist, woran sich die Ehegatten wieder erkennen.
Wer da weiß, wie schwer die einzelnen Raubvogelarten zu unterscheiden sind, der hat sich gewiß schon oftmals gewundert, daß Hühner oder Schwalben und andere Vögel bei den ihnen ungefährlichen Raubvögeln sich ganz ruhig verhalten, dagegen sofort in Aufregung geraten, falls ein gefürchteter Feind auf der Bildfläche erscheint. Der Uhu vor der Krähenhütte erkennt selbst am Tage bereits einen drohenden Gegner -- er wirft sich dann auf den Rücken --, wenn das schärfste Menschenauge noch nichts wahrzunehmen vermag.
Es scheint sogar, als wenn junge Enten, die nicht imstande sind, ihre Geschwister und ihre Mutter von anderen zu unterscheiden, wie verkrüppelte getötet werden. Wenigstens spricht für diese Annahme folgender Fall, der sich vor einigen Jahren im Berliner Tiergarten abspielte, wo viele Wildenten brüten.
Bei dem knappen Raum ereignete es sich, daß zwei Schofe sich begegneten, und die Kleinen der beiden Mütter durcheinander gerieten. Trotzdem fand jedes Entchen sofort seine richtige Mutter. Nur eine kleine Ente irrte sich einen Augenblick und schwamm einige Schritte weit mit der fremden Mutter mit. Sobald sie ihren Irrtum bemerkt hatte, kehrte sie schleunigst zu den ihrigen zurück. Und was geschah nun? die eigene Mutter war so erbost, daß sie das Kleine packte und ertränkte.
Zum Erstaunen über das Wiedererkennungsvermögen junger Enten dürfte also nach den obigen Ausführungen kein Anlaß vorliegen. Der Kulturmensch steht leider auf dem unglückseligen Standpunkt, den schon die alten Griechen eingenommen haben, daß nämlich eine Malerei, die Menschen täusche, vollkommener sei, als eine solche, die Tiere irritiere. Daß das nicht unbedingt richtig ist, haben wir soeben gesehen.
Anhang
Kurze Bemerkungen zu einigen Kritiken meiner Bücher.
Wer neue Ansichten in unserm lieben Vaterlande aufstellt, muß sich stets zweierlei gefallen lassen. Einmal wird ihm von einem Teile der Kritiker entgegengerufen: »Das ist ja alles längst bekannt!« -- Sodann aber treten Gegner auf, die ihm zu beweisen suchen, daß alles, was er sage, vollkommen falsch sei. Beides ist bei mir natürlich ebenfalls eingetroffen. Um Irreführungen vorzubeugen, möchte ich hierzu folgendes bemerken: