Part 6
Selbst der als besonders dumm verschrieene Strauß benimmt sich gar nicht töricht, wenn es gilt, die junge Brut zu retten, wie folgender Bericht ~Andersons~ über ein Zusammentreffen mit einer Straußenfamilie, auf die Jagd gemacht wurde, beweist: »Sobald die älteren Vögel unsere Absicht bemerkten, begannen sie eine eilige Flucht, das Weibchen voran, hinter ihm die Jungen und zuletzt das Männchen, welches in einiger Entfernung von den übrigen die Flucht schloß. Es lag etwas wahrhaft Rührendes in der Sorge, welche die Eltern für ihre Jungen an den Tag legten. Als sie sahen, daß wir ihnen immer näher kamen, ließ das Männchen plötzlich in seinem Laufe nach und änderte seine Richtung; da wir aber doch von unserem Vorhaben nicht abstanden, beschleunigte es wieder seinen Lauf, ließ die Flügel hängen, so daß sie fast den Boden berührten, und sprang um uns herum, erst in weiteren und dann in engeren Kreisen, bis es uns auf Pistolenschußweite nahe kam. Jetzt warf es sich plötzlich auf den Boden, ahmte die Bewegung eines schwer verwundeten Vogels nach und stellte sich, als müsse es mit aller Kraft arbeiten, um wieder auf die Beine zu kommen. Ich hatte bereits nach ihm geschossen und glaubte wirklich, daß es verwundet sei, eilte deshalb zu ihm hin, mußte aber bald erfahren, daß sein Betragen nur eine Kriegslist von ihm war; denn sobald ich ihm näher kam, stand es langsam auf und rannte in entgegengesetzter Richtung dem Weibchen zu, welches mit den Jungen schon einen bedeutenden Vorsprung erlangt hatte.«
Der Strauß denkt also gar nicht daran, bei Gefahr seinen Kopf im Gebüsch zu verbergen, wie gewöhnlich seit alter Zeit angenommen wird. Mit dieser Fabel werden wir uns sogleich näher beschäftigen.
Das Ergebnis der beiden Kapitel ist also folgendes: Zahlreichen Tieren ist die Heuchelei etwas ganz Geläufiges, Vogeleltern sind sogar häufig geborene Verstellungskünstler.
Straußenpolitik.
In politischen Reden kommt es nicht selten vor, daß der gegnerischen Partei vorgeworfen wird, sie treibe »Straußenpolitik«. Was darunter zu verstehen ist, weiß man allgemein. Seit alter Zeit herrscht nämlich der Glaube, daß der vom Jäger verfolgte Strauß in seiner Todesangst seinen Kopf in ein Gebüsch stecke und nun glaube, der Jäger sehe ihn nicht, weil er ihn auch nicht sehe. Man wirft also mit dem Ausdruck »Straußenpolitik« dem Gegner eine unglaublich törichte Handlung vor, indem er unangenehmen Situationen dadurch ausweiche, daß er sich verstecke oder sie einfach ignoriere, und nun glaube, sie existierten nicht mehr.
Es ist nun gewiß von allgemeinem Interesse zu erfahren, ob der Strauß denn in der Tat bei seiner Verfolgung sich so unglaublich dumm benimmt, oder ob hier, wie es so häufig geschieht, einem Tiere von dem Menschen Übles nachgeredet wird, das auf Unwahrheit beruht. Man denke z. B. an die Raben, die vortreffliche Eltern sind. Das hindert aber den Menschen nicht, besonders grausame Eltern als »Rabeneltern« zu bezeichnen (vgl. Tierfabeln S. 84).
Der leider so früh verstorbene Gouverneur von Wißmann hat in Afrika persönlich Strauße gejagt und nichts von der »Straußenpolitik« entdecken können. Da mich die Sache außerordentlich interessierte, so bat ich Herrn von Wißmann um nähere Auskunft über diesen Punkt. Mit größter Liebenswürdigkeit hat er mir eine ganze Reihe von Anfragen beantwortet und speziell bestätigt, daß die angebliche Versteckmethode des verfolgten Straußes weiter nichts als eine Fabel sei. Wie erklärt sich nun die Entstehung einer solchen Fabel?
Der erste, der die Erzählung von der merkwürdigen Methode des Straußes aufbrachte, ist wohl Diodorus Siculus gewesen, der zur Zeit des Cäsar und Augustus lebte. Wir lesen nämlich bei ihm folgendes: In Arabien gibt es Strauße (+struthocameloi+, wörtlich Straußkamele) die wie ihr Name andeutet, ein Mittelding von Strauß und Kamel sind. Das Tier geht auf zwei Beinen, die Füße sind zweizehig. Seiner Schwere wegen kann es nicht fliegen, dagegen läuft es schnell auf der Erde hin und berührt sie nur mit den Spitzen der Füße. Wird es von Reitern gejagt, so schleudert es mit seinen Füßen mit solcher Gewalt Steine gegen seine Verfolger, daß sie öfters schwer getroffen werden. Wird es von seinen Feinden eingeholt, so verbirgt es seinen Kopf in einem Busch oder sonstwo.
Plinius hat diesen Bericht übernommen und noch mit einigen Zusätzen versehen.
Was das Schleudern von Steinen gegen die Verfolger betrifft, so liegt hier unzweifelhaft ein Mißverständnis vor, wenn es als ein absichtliches Werfen aufgefaßt wird. Es kann natürlich leicht vorkommen, daß der flüchtende Vogel Sandballen oder Steine hinter sich schleudert und dann aus Zufall, nicht aus Absicht trifft. Übrigens besteht noch heute unter den Gemsenjägern dieselbe Verschiedenheit der Ansichten über den gleichen Punkt. Wird nämlich ein Jäger von einem Steine oder Felsstücke getroffen, das durch eine flüchtende Gemse in Bewegung gesetzt wird, so schwören die einen darauf, daß die Gemse absichtlich das Wurfgeschoß geschleudert habe, während andere in dem Getroffenwerden nur einen Zufall erblicken. Wenn also heute noch manche Menschen glauben, das verfolgte Tier schleudere gegen die Jäger Steine, so kann man sich absolut nicht wundern, daß im Altertum derselbe Glaube vom Strauße herrschte.
Die Versteckmethode hat man dem Strauß wohl deshalb angedichtet, weil bereits in der Bibel dieser Vogel als ein besonders dummes Geschöpf gilt. So heißt es bei Hiob, daß ihm Gott keinen Verstand mitgeteilt habe. Während andere die Vorsicht und Scheu des Riesenvogels rühmen, erklärt Brehm, daß er der Bibel beipflichten müsse.
Meiner Ansicht nach, berichtet er, gehört der Strauß zu den dümmsten, geistlosesten Vögeln, welche es gibt. Daß er sehr scheu ist, unterliegt keinem Zweifel: er flieht jede ihm ungewohnte Erscheinung mit eiligen Schritten, würdigt aber schwerlich die Gefahr nach ihrem eigentlichen Werte, weil er sich auch durch ihm unschädliche Tiere aus der Fassung bringen läßt. Daß er unter den klugen Zebraherden lebt und sich deren Vorsicht zunutze zu machen scheint, spricht keineswegs für seinen Verstand; denn die Zebras schließen sich ihm an, nicht er ihnen, und ziehen aus dem schon durch seine Höhe zum Wächteramte berufenen Vogel, welcher davonstürmt, sobald er etwas Ungewohntes sieht, bestmöglichen Vorteil. Das Betragen gefangener Strauße läßt auf einen beschränkten Geist schließen. Sie gewöhnen sich allerdings an den Pfleger und noch mehr an eine gewisse Örtlichkeit, lassen sich aber zu nichts abrichten und folgen augenblicklichen Eingebungen ihres schwachen Gehirns blindlings nach. Empfangene Züchtigungen schrecken sie zwar für den Augenblick, bessern sie aber nicht: sie tun dasselbe, wegen dessen sie bestraft wurden, wenige Minuten später zum zweiten Male; sie fürchten die Peitsche, solange sie dieselbe fühlen. Andere Tiere lassen sie gewöhnlich gleichgültig; während der Paarungszeit aber, oder wenn sie sonst in Erregung geraten, versuchen sie, an denselben ihr Mütchen zu kühlen und mißhandeln sie ohne Grund und Ursache, oft auf das abscheulichste. Ein männlicher zahmer Strauß, welchen wir besaßen, verwundete ein Weibchen, ehe er sich an dasselbe gewöhnt hatte, mit den scharfen Nägeln seiner Zehen gefährlich. Er schlug dabei immer nach vorn aus und zwar mit solcher Kraft und Sicherheit, daß er jedesmal die Brust der bedrängten Straußin entsetzlich zerfleischte. Uns fürchtete er ebensowenig wie die Tiere, und wenn er sich gerade in Aufregung befand, durften wir uns ohne die Nilpferdpeitsche in der Hand nicht auf den ihn beherbergenden Hof wagen. Niemals haben wir bemerkt, daß er zwischen uns oder Fremden unterschieden hätte; doch will ich damit nicht behaupten, daß er nicht nach und nach sich an eine bestimmte Persönlichkeit gewöhnen könne. Gern stimme ich mit Heuglin überein, wenn er sagt, daß sein ganzes Wesen das Gepräge von Hast und Eile trage, obschon er zuweilen auch längere Zeit wie träumend und gedankenlos ins Weite starre; entschieden aber muß ich meinem verstorbenen Freunde widersprechen, wenn er das Wesen auch als friedlich bezeichnet.
Hält Brehm demnach die Dummheit des Straußes nach seinen persönlichen Beobachtungen erwiesen, so sind unzweifelhaft noch eine Reihe von Umständen hinzugekommen, die den Riesenvogel für törichter erscheinen lassen, als er in Wirklichkeit ist. Dem gemeinen Mann muß doch ein Tier gewiß nicht als Ausbund der Weisheit erscheinen, das Flügel hat, aber trotzdem nicht fliegen kann. Hat doch deshalb Eucherius den Strauß mit einem Ketzer verglichen, der gewissermaßen die Flügel der Weisheit besitzt, aber von ihnen keinen Gebrauch macht.
Sodann liegen in der Nähe des Straußennestes häufig zertretene Eier, was sich nach Brehm folgendermaßen erklärt. Ein Hahn und mehrere Hennen pflegen gemeinsam ein Nest zu benutzen und zwar brütet das Männchen in der Hauptsache. Sitzt dieses nun bereits auf den Eiern und werden noch solche von einer Henne gelegt, so bleiben sie in der Nähe des Nestes liegen. In dieser Handlungsweise erblickte man im Altertum eine große Torheit. So heißt es bei Hiob vom Strauß: Der seine Eier auf der Erde lässet und läßt sie die heiße Erde ausbrüten. Er vergisset, daß sie möchten zertreten werden, und ein wild Tier sie zerbreche. Arabische Naturforscher behaupten sogar, daß der Strauß, wenn er ausgehe, um sich Nahrung zu suchen, und die Eier eines anderen Straußes finde, sich auf diese setze, sie ausbrüte, und darüber seine eigenen vergesse, weshalb der Strauß bei den Arabern Symbol der Dummheit sei, und sie das Sprichwort »dümmer als ein Strauß« hätten.
Schließlich mußte der Umstand sehr gegen die geistige Begabung des Straußes sprechen, daß er in der Gefangenschaft alles ihm Erreichbare hinabwürgt. Er scheint, sagt Brehm, einen unwiderstehlichen Hang zu besitzen, nach allem, was nicht niet- und nagelfest ist, zu hacken und es womöglich aufzunehmen und in den Magen zu befördern. Ein ihm vorgeworfener Ziegelbrocken, eine bunte Scherbe, ein Stein oder ein anderer ungenießbarer Gegenstand erregt seine Aufmerksamkeit und wird ebensogut verschlungen, als ob es ein Stück Brot wäre. Daß Strauße zu Selbstmördern werden können, indem sie ungelöschten Kalk fressen, steht mit meinen Beobachtungen im Einklange. Wenn wir in Chartum etwas verloren hatten, was für eine Straußenkehle nicht zu umfangreich und für den kräftigen Magen nicht zu schwach war, suchten wir regelmäßig zuerst im Straußenkote nach dem vermißten Gegenstande und sehr oft mit Glück. Mein ziemlich umfangreicher Schlüsselbund hat den angegebenen Weg, wenn ich nicht irre, mehr als einmal gemacht. Berchon fand bei Zergliederung eines Straußes in dem Magen Gegenstände im Gewichte von 4,228 Kilogramm vor: Sand, Werg und Lumpen im Gewichte von 3,5 Kilogramm und drei Eisenstücke, neun englische Kupfermünzen, eine kupferne Türangel, zwei eiserne Schlüssel, siebzehn kupferne, zwanzig eiserne Nägel, Bleikugeln, Knöpfe, Schellen, Kiesel usw.
Es liegt auf der Hand, daß man ein Geschöpf nicht als klug ansehen kann, das so wahllos alles hinunterschluckt. Hierbei hat man ganz übersehen, daß alle Hühner zu ihrer Verdauung harte Körper brauchen, und daß die Handlungsweise des Straußes wohl seltsam ist, aber eigentlich nicht so töricht, wie es zunächst den Anschein hat.
Die Jagd auf Strauße ist wegen der großen Schnelligkeit der Tiere nicht leicht. v. Wißmann schildert, wie er es nur besonderen Umständen zu verdanken hatte, einen von den verfolgten Straußen einzuholen. Auch Brehm bestätigt, daß das Wort der Bibel: Zu der Zeit, wann er hoch fähret, erhöhet er sich und verlachet beide, Roß und Mann, vollständig der Wahrheit entspricht.
Hat der Strauß, der im Gegensatz zu den meisten Hühnervögeln ein vortrefflicher Vater ist, Junge bei sich, so weiß er trotzdem Rat, wie wir aus dem vorhergehenden Kapitel wissen. Der bekannte Afrikareisende Schillings erzählt in seinem Werke: »Mit Blitzlicht und Büchse« einen ähnlichen Fall. Er schreibt nämlich: »Eine ganz besonders interessante Beobachtung zu machen, war mir im Jahre 1900 vergönnt. Ich folgte viele Stunden lang der Fährte einiger Löwen und geriet dabei plötzlich auf ein Straußennest, mit teils schon ausgekrochenen jungen Straußen, teils im Ausfallen begriffenen Eiern. Zu meinem Erstaunen hatten die Löwen anscheinend die jungen Strauße verschmäht. Nach genauester Inspektion der Fährten aber wurde ich eines besseren belehrt. Die alten Strauße hatten in der klaren Mondnacht offenbar die großen Katzen rechtzeitig wahrgenommen und sie, wie es untrüglich aus den Fährten hervorging, durch geschickt bewerkstelligte Flucht von dem bedrohten Neste hinweggelockt. Etwa hundert Schritte vor dem Neste waren die Löwen, plötzlich in weiten Sprüngen den Straußen folgend, flüchtig geworden, um, nach kurzer Zeit das Vergebliche der Verfolgung einsehend, in ihren gewöhnlichen Schritt zu verfallen. So war es den Straußen gelungen, ihre bedrohte Brut zu retten! Es war mir von höchstem Interesse, diese Beobachtung machen zu können, die mir einen Beweis lieferte, wie geschickt sich diese großen Erdbrüter vor ihren gefährlichsten Feinden zu schützen wissen.«
Schillings bestätigt also die gewiß nicht dumme Methode des Straußes, wenn Gefahr für die Jungen droht, die auch in diesem Falle wiederum Erfolg gehabt hat. Da ein Löwe außerstande ist, ein Pferd einzuholen, der Strauß aber noch schneller als ein Pferd ist, so konnten die Löwen selbstverständlich nur auf den Gedanken kommen, die Strauße zu verfolgen, wenn diese sich krank oder verwundet stellten. Nur dann hatte ihre Verfolgung Aussicht auf Erfolg.
Fassen wir das Ergebnis zusammen, so erklärt sich die Fabel von der »Straußenpolitik« dadurch, daß der Strauß in der Tat nicht sehr klug ist und infolge einer Reihe von seltsamen Handlungen noch dümmer erscheint, als er in Wirklichkeit ist. Bei Verfolgungen handelt er nicht unkluger als anderes Wild, und zur Rettung seiner Jungen wendet er eine, auch bei andern Hühnervögeln übliche, staunenswerte List an.
Wittern die Geier Tierleichen?
Der Glaube, daß die Geier ihre Nahrung, die fast ausschließlich in Tierleichen besteht, durch den Geruchssinn wahrnehmen, ist sehr alt. Bereits ~Plutarch~ schreibt: »Die Geier fliegen dem Geruche des Aases nach.« ~Plinius~ fügt noch etwas hinzu: nach ihm fliegen sie schon drei Tage zuvor an Plätze, wo es Leichen geben wird. Ebenso berichtet ~Älian~: »Der Geier frißt das Fleisch toter Menschen und Tiere, hält auch bei dem Wache, der dem Tode nahe ist. Er folgt den Heereszügen und weiß mit prophetischem Geiste, daß es im Kriege Tote gibt.«
Wie dieser Glaube entstanden ist, liegt klar auf der Hand. Zunächst wissen wir, daß zahlreiche Tiere ein äußerst feines Geruchsvermögen besitzen, wie z. B. Hund, Fuchs, Igel usw. Warum sollte zu diesen Geschöpfen nicht auch der Geier gehören? Das müßte man um so eher annehmen, als alle Anzeichen dafür sprechen. Hier liegt ein totes Rind, und obwohl nirgends ein Vogel im blauen Äther zu entdecken ist, haben sich nach kurzer Zeit eine stattliche Anzahl von Geiern um den Kadaver versammelt. Da nun der letztgenannte Gerüche ausströmen läßt, die selbst unsern stumpfen Nasen schon aus weiter Entfernung höchst lästig fallen, so scheint es ganz klar zu sein, daß witternde Geschöpfe diese Leichen bereits in unglaublicher Entfernung wahrnehmen.
Weil dieser ganze Gedankengang einen höchst überzeugenden Eindruck macht, so hat man an der Wahrheit der Annahme im allgemeinen kaum gezweifelt. Auch heute ist die überwiegende Mehrzahl von ihrer Richtigkeit durchdrungen. Und doch ist sie grundfalsch, wie sich aus dem nachstehenden ergeben wird.
Schon vor 50 Jahren schrieb der ausgezeichnete Zoologe ~Lenz~: »Genaue, in unserer Zeit angestellte Versuche haben gezeigt, daß die Geier nicht dem Sinne des Geruchs, sondern dem des Gesichts folgen, wenn sie Beute suchen.«
Aus welchem Grunde man überhaupt das feine Geruchsvermögen des Geiers bezweifelt hat, geht aus dieser Bemerkung nicht hervor. Ich bin der Überzeugung, daß Zweifel bis heute schwerlich aufgetaucht wären, wenn der Geier nicht zu den Vögeln gehörte. Für zahlreiche Jäger und Tierfreunde ist es nun längst eine ausgemachte Wahrheit, daß bei den Vögeln das Vermögen zu wittern nur in der Phantasie der bisherigen Beobachter existiert.
Ich habe in meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« ausführlich die Gründe dargelegt, weshalb eine feine Nase bei Vögeln ausgeschlossen ist. Dort führe ich auch an, daß bereits ~Brehm~ bestreitet, daß die Geier ihre Nahrung wittern. Er hält vielmehr ihr Auge für ihren wichtigsten und vorzüglichsten Sinn.
Zu demselben Resultate, daß sich die Geier lediglich durch das Gesicht orientieren, kommt neuerdings A. E. ~Bayer~ in »Hundesport und Jagd« auf Grund der sorgfältigen Beobachtungen, die von Fachleuten angestellt wurden.
»Was ist die Ursache der Geierversammlungen?« fragt ~Georg Byam~, der diese Vögel in Mittelamerika jahrelang sehr genau kennen gelernt hat. »Liegt diese Ursache im Gesicht oder im Geruch? Viele achtbare Urteile haben sich allerdings für den Geruch entschieden, aber ich möchte dieser Meinung nicht ganz beistimmen und bin vielmehr der festen Überzeugung, daß das Urteil zugunsten des Gesichts gefällt werden muß. Ich will einige Beweise beifügen. Ein eben getötetes oder vor Erschöpfung gefallenes Tier kann unmöglich einen Geruch um sich verbreiten, und dennoch versammeln sich in wenigen Minuten häufig unzählige Geier an einer Stelle, wo vorher kein einziger zu sehen gewesen ist, und sie kommen nicht bloß aus der Richtung, nach welcher der Wind weht, sondern aus allen übrigen Gegenden. Ohne Zweifel verhält sich die Sache folgenderweise: Die Geier steigen gewöhnlich so hoch in die Luft empor, daß wir sie nicht mehr sehen können, aber ihr scharfes Auge erspäht sogleich das gefallene Tier, und derjenige von ihnen, der es zuerst erblickt, beginnt augenblicklich einen geraden, schnellen Flug nach der Stelle, wo es liegt. Sobald aber ein Geier schnell und in gerader Richtung sich fortzubewegen beginnt, folgen ihm alle anderen, die mit ihm in der Höhe schweben, und geben zugleich, indem sie der Beute näher kommen, durch ihre kreisförmigen Bewegungen in der Luft ein zweites Zeichen für diejenigen Geier, welche das erste nicht bemerkt haben. Ich glaube, es ist ~Waterton~, der erzählt, daß er einst ein totes Tier sorgfältig unter Bäumen und Büschen verborgen hatte, daß aber trotzdem durch dessen Geruch die Geier aus ungeheurer Entfernung herbeigelockt worden wären. Ich habe dasselbe versucht, aber vielleicht war es Herrn ~Waterton~ unbekannt, daß die Geier die Hunde und Raubtiere beobachten und ihnen folgen. Während meines Aufenthaltes in Chile ertrank einst bei einem heftigen Regenguß ein Esel in einem Bach, über den man am nächsten Tage hätte hinwegschreiten können, ohne sich die Knöchel zu benetzen. Er wurde unter einen großen Baum gezogen und blieb dort zwei volle Tage liegen, ohne von den Geiern überfallen zu werden. Endlich entdeckten ihn einige Dorfhunde, und kaum waren sie eine halbe Stunde mit ihm beschäftigt, so hatte sich auch schon ein großer Schwarm von Greifgeiern versammelt, welche die Hunde vertrieben und den Esel in kurzer Zeit verzehrten. Dieser Fall spricht ganz und mehr wie jeder andere zugunsten des Gesichtes. Der hoch in den Wolken schwebende Vogel hatte mit seinem scharfen Auge die Hunde erspäht; er hatte augenblicklich seinen geraden Flug begonnen und war, begleitet von denjenigen seinesgleichen, die ihn beobachtet hatten, in kurzer Zeit zu der Stelle gelangt, wo die erwünschte Beute lag, die der Geruchssinn zwei Tage unbeachtet gelassen hatte. Ich halte das Gesicht für die eigentliche Ursache der Geierversammlungen, denn ich habe während eines sechsjährigen Aufenthaltes in Ländern, wo der Geier in Menge vorkommt, die Gewohnheiten dieser Tiere aufmerksam beobachtet und diese Meinung vollkommen bestätigt gefunden. Die ungeheure Höhe, zu welcher sie sich emporschwingen, gewährt ihnen einen weiten Überblick, während ihr scharfes Auge sie in den Stand setzt, ein totes Tier in unglaublicher Entfernung zu erspähen, und ihr Instinkt sie lehrt, die Bewegungen der Hunde und anderer fleischfressender Tiere, sowie den Flug ihres eigenen Geschlechts zu beobachten.«
Zu demselben Resultat kommt Sir ~Samuel Baker~ durch die reichen Erfahrungen, die er in den Nilländern gemacht hat. Er schreibt: »Man hat häufig die Frage aufgeworfen, ob der Geier durch den Geruchssinn oder durch die Schärfe des Auges zu seiner Beute geführt werde. Ich habe seinen Gewohnheiten viele Aufmerksamkeit geschenkt, und wenn es auch keine Frage sein kann, daß sein Geruch ein scharfer ist, so bin ich doch überzeugt, daß alle Raubvögel ihre Nahrung vermöge ihrer großen Sehkraft finden. Würde ein Geier blind, so müßte er verhungern, verstopfte man ihm aber nur die Nasenlöcher mit einem Stoff, der seinen Geruchssinn störte, so würde dies seine gewöhnliche Jagdart nicht wesentlich beeinträchtigen.«
»Wenn man die Gewohnheiten dieser Vögel beobachtet, so gibt es kein interessanteres Experiment, als ein totes Tier unter einem dichten Busch zu verstecken. Ich habe dies häufig getan, und immer bemerkt, daß die Geier es nicht finden, wenn sie nicht Zeugen seines Todes gewesen sind. War dies letztere der Fall, so fliegen sie bereits nach unten, während man den Körper versteckt, und werden ihn, wenn sie näher kommen, durch den Geruch entdecken. Tötet man ein Tier aber im dichten Grase, das acht bis zehn Fuß hoch ist, so finden die Geier es selten. Ich habe häufig die Erfahrung gemacht, daß die Körper großer Tiere, zum Beispiel Elefanten oder Büffel, tagelang im Schatten dichter Nabbukgebüsche lagen, ohne daß ein einziger Geier erschien. Wären sie sichtbar gewesen, so würden diese Vögel sie zu Tausenden besucht haben.«
»Die Geier und Marabustörche fliegen in ungeheuren Höhen. Ich glaube, daß jede Art ihre bestimmte Ferne hat, und daß die Luft regelmäßige Schichten von Raubvögeln enthält, die, in ihrer ungeheuren Höhe dem menschlichen Auge unsichtbar, beständig auf ihren ausgebreiteten Flügeln ruhen und in Kreisen umherschwebend die Welt unten mit Fernrohrkraft beobachten. Von ihren ungeheuren Höhen beherrschen die Raubvögel ein außerordentlich weites Gesichtsfeld, und obgleich sie von der Erde aus unsichtbar sind, so kann doch kein Zweifel bestehen, daß sie bei ihrem beständigen Kreisen einander sehen. Bemerkt also ein Vogel unten auf der Erde einen Gegenstand, so wird sein plötzliches Hinabschießen von jedem folgenden Geier bemerkt und nachgeahmt. Sieht ein Geier, welcher der Erde am nächsten ist, einen Körper, oder gewahrt auch nur, daß die Mäusefalken sich an einem bestimmten Punkt sammeln, so weiß er sogleich, daß es eine Beute gibt. Er schießt der Stelle zu und gibt dadurch den andern ein telegraphisches Signal, welches jedem Geier von einer Luftstation zur andern schleunigst mitgeteilt wird.«
»Wird ein Tier abgestreift, so lockt die nun rote Oberfläche des Körpers die Geier augenblicklich an. Dies beweist, daß ihr Gesicht und nicht ihr Geruch sie zu einem Gegenstand führt, der auf Blut schließen läßt. Ich habe sie häufig beobachtet, wenn ich ein Tier geschossen hatte und meine Leute den Prozeß des Häutens begannen. Hatte ich mich auf den Rücken gelegt und blickte in die blaue Luft, in der nicht ein Wölkchen schwamm, so war zuerst nicht ein Vogel zu sehen; aber kaum war die Haut halb abgezogen, so erschienen am Himmel Punkte und nahmen rasch an Größe zu. Von den benachbarten Büschen hat es mehrmals gekrächzt, die Mäusefalken sind dicht an meine Beute herangeflogen und haben einen Klumpen geronnenes Blut vom Boden weggeschnappt. Die Punkte haben sich zu beflügelten Geschöpfen vergrößert, die in der großen Höhe wie Fliegen aussehen, und jetzt höre ich hinter mir ein Rauschen, wie von einem Wirbelwind, und es stößt ein rotköpfiger Geier herunter, der mit eingelegten Flügeln vom Himmel hastig auf das blutige Mahl herabgefallen ist und dem viele seiner Brüder schnell folgen. Die Luft ist jetzt von schwarzen Punkten bis zu den fernsten blauen Tiefen lebendig geworden und von allen Strichen der Windrose eilen Flügel herbei. Zuletzt bildet sich ein Kranz von Geiern, die in weitem Kreise über uns schweben, denn sie zaudern, sich herunterzulassen, drehen sich aber beständig um den Gegenstand ihrer Begierde. Plötzlich erscheint der große Geier mit kahlem Halse. Das Tier ist abgehäutet worden und die Leute haben das beste Fleisch an sich genommen. Nun ziehen wir uns hundert Schritte vom Schauplatz zurück. Ein allgemeines Flattern und Herabfliegen findet statt, und Hunderte von hungrigen Schnäbeln zerren an dem Abgang. Der große Geier mit nacktem Halse fordert von dem Haufen Respekt, aber eine neue Form ist in der blauen Luft erschienen und kommt rasch herunter. Zwei lange, häßliche Beine, die unter den ungeheuren Flügeln herabhängen, berühren jetzt den Boden, und ›Abu Sin‹ -- (›Vater des Schnabels‹, der arabische Name für den Marabu) ist angekommen, und stelzt hochmütig durch den Haufen, bahnt sich mit dem langen Schnabel einen Weg durch die kämpfenden Geier und nimmt den Löwenanteil des Mahls. Abu Sin, der letzte, aber nicht der kleinste, ist von den höchsten Regionen herbeigekommen, alle andern hatten vor ihm einen Vorsprung.«
Nach diesen sorgfältigen und einwandfreien Untersuchungen kann es nicht dem mindesten Zweifel unterliegen, daß die Geier und die Raubvögel überhaupt sich lediglich nach dem Gesichte richten. Denn sie kreisen, was nur bei einem Sehgeschöpf, nicht aber bei einem Nasentier einen Zweck hat, und kommen zu dem Aas in den verschiedensten Windrichtungen. Sodann fallen sie auf die Tierleichen, die noch nicht riechen, umgekehrt finden sie stinkendes Aas nicht, wenn es verborgen liegt. Hiermit vergleiche man, daß zum Beispiel der feinnasige Fuchs in unzähligen Fällen verscharrte Leichen ausgegraben hat.