Chapter 10 of 11 · 2197 words · ~11 min read

Elftes Kapitel.

Wenn sich ein Mensch einer herrschenden Leidenschaft überläßt, oder mit anderen Worten, wenn sein Steckenpferd hartmäulig wird, -- so, ade, kalte Vernunft und liebe Klugheit!

Meines Onkels Toby Wunde war beinahe geheilt, und sobald sich der Wundarzt von seinem Erstaunen erholt hatte und zu Worte kommen konnte, sagte er ihm, sie beginne eben, sich zu schließen, und wenn sich keine neue Aussplitterung zeigte, wozu kein Schein vorhanden, so würde sie in fünf oder sechs Wochen trocken und heil sein. Zwölf Stunden vorher würde der Klang so vieler Olympiaden eine Idee von kürzerer Dauer in meines Onkels Toby Seele gebracht haben. -- Die Sukzession seiner Ideen war nunmehr schnell; er kochte vor Ungeduld, seinen Vorsatz auszuführen. Und ohne eine lebendige Seele weiter um Rat zu fragen, -- was ich, nebenher gesagt, für recht halte, wenn man einmal fest willens ist, von keiner Seele Rat anzunehmen --, befahl er seinem Bedienten Trim unter vier Augen, ein Bündel Charpie und Binden zusammenzupacken und eine Kutsche mit Vieren zu bestellen, die den Tag genau um zwölf Uhr vor der Türe sein müßte, um welche Zeit, wie er wußte, mein Vater an der Börse sein würde. -- Nachdem er eine Banknote für den Wundarzt wegen seiner Mühe und einen Brief mit dem zärtlichsten Dank für meinen Vater auf seinem Tische zurückgelassen, packte er seine Karten und Pläne, seine Bücher von der Kriegsbaukunst, seine Instrumente usw. zusammen, und mit Hilfe einer Krücke an der einen Seite und Trim auf der anderen Stieg er in den Wagen. Und fort nach Shandy-Hall.

Der Grund oder vielmehr die Grille, welche diese schnelle Auswanderung veranlaßte, war wie folgt.

Der Tisch in meines Onkels Toby Zimmer, an welchem er den Abend vorher saß, ehe sich diese Veränderung zutrug, mit seinen Grundrissen usw. um sich her, war ein wenig zu klein für die Menge von großen und kleinen Werkzeugen der Wissenschaft, welche gewöhnlich darauf durcheinanderlagen. -- Da begegnete ihm nun der Zufall, daß er, indem er die Hand nach seiner Schnupftabaksdose ausstreckte, seinen Zirkel an die Erde warf, und indem er sich bückte, ihn aufzuheben, mit dem Ärmel sein Besteck und die Lichtscheren dazu herunterwischte, -- und der Würfel war ihm auf einmal so unglücklich, daß durch sein Bestreben, die Lichtscheren aufzufangen, er den Monsieur Blondel vom Tische warf und den Comte de Pagan oben darauf.

Für einen Mann, lahm wie mein Onkel Toby, war es vergebens, darauf zu denken, alle diese Übel selbst zu heben. -- Er klingelte seinem Bedienten Trim. -- »Trim,« sagte mein Onkel Toby, »seh Er einmal, was ich da für eine Patsche gemacht habe. -- Ich muß das Ding besser eingerichtet haben, Trim. -- Kann Er nicht mein Lineal nehmen und die Länge und Breite dieses Tisches messen und dann hingehen und einen bestellen, der noch einmal so groß ist?« -- »Ja, Euer Gnaden,« antwortete Trim und machte seinen Bückling; »aber ich hoffe, Euer Gnaden sollen bald so gesund sein, daß Sie nach Ihrem Landgute reisen können. Dort, da Euer Gnaden so großen Gefallen am Fortifikationswesen haben, könnten wir die Sache ganz Schmuck einrichten.«

Hier muß ich Ihnen Nachricht geben, daß dieser Bediente meines Onkels Toby, der allenthalben Trim genannt wurde, in meines Onkels eigener Kompagnie Korporal gewesen war. Sein wahrer Name ist James Butler, da er aber einmal im Regiment den Zunamen Trim wegbekommen hatte, so nannte ihn mein Onkel Toby auch beständig dabei, oder er mußte eben nach seiner Art recht böse sein.

Der arme Kerl war zum Dienst untüchtig wegen einer Wunde von einer Musketenkugel am linken Knie, die er in der Landauer Bataille, zwei Jahre vor der Affäre bei Namur, bekommen hatte. Und weil der Kerl im Regiment sehr wohlgelitten und sonst wortgewandt war, so nahm ihn mein Onkel zu sich als Bedienten und traf's mit ihm vortrefflich; denn er wartete meinem Onkel im Felde und in den Winterquartieren auf, als Diener, Stallknecht, Barbier, Koch, Schneider und Krankenwärter; und er wartete und pflegte ihn von Anfang bis Ende mit großer Treue und Ergebenheit.

Mein Onkel Toby liebte den Menschen auch wieder, und was ihn noch mehr an ihn gewöhnte, war die Gleichheit ihrer Kenntnisse. Denn Korporal Trim -- bei dem Namen werde ich ihn künftig immer nennen -- hatte durch ein vierjähriges Anhören der Gespräche seines Herrn von befestigten Städten, und durch den Vorteil, daß er beständig in seines Herrn Pläne, Grundrisse usw. sehen konnte -- nicht einmal mitgerechnet, was er als Leibdiener von der steckenpferdischen Materie an sich ziehen mußte, wenn er auch an und für sich selbst dieser Reiterei nicht ergeben war --, nicht wenige Kenntnis von der Wissenschaft der Kriegsführung erworben. Und die Köchin und das Kammermädchen waren der Meinung, daß er wohl ebensogut eine Festung bestürmen könnte wie sein Herr.

Ich habe nur noch einen Pinselzug an Korporal Trims Charakter zu tun, und zwar den einzigen dunkeln Schatten darin: der Kerl mochte gerne seinen Senf mit dazugeben oder vielmehr sich selbst sprechen hören. Sein Betragen indessen war dabei so ehrerbietig, daß es leicht war, ihn beim Stillschweigen zu erhalten, wenn sie ihn einmal darin hatten. War aber seine Zunge einmal im Gange, so war kein Aufhalten, sie lief immerfort. Die ewigen Euer Gnadens, die er einflickte und sein untertäniges Bezeigen sprachen so stark für seine Beredsamkeit, daß er Ihnen wohl überlästig, Sie ihm aber nicht böse werden konnten. Meinem Onkel Toby begegnete das eine wie das andere sehr selten, wenigstens veranlaßte dieser Fehler keine Spaltung unter ihnen. Wie gesagt, mein Onkel liebte den Menschen. Und da er beständig seinen Bedienten als einen ärmeren Freund betrachtete, konnte er es nicht übers Herz bringen, ihm das Maul zu verbieten. So sah Korporal Trim aus.

»Wenn ich mich unterstehen dürfte,« fuhr Trim fort, »Euer Gnaden einen guten Rat zu geben und meine Meinung zu sagen?« -- »Das darf Er, Trim,« sagte mein Onkel Toby, »spreche Er, Sage Er, was Er von der Sache denkt, ohne Furcht, guter Trim.« -- »Gut denn,« versetzte Trim, und ließ nicht dabei die Ohren hängen und kraute auch nicht in den Haaren, wie ein Bauernlümmel, sondern strich sich die Haare von der Stirn zurück und stand stramm wie vor seiner Rotte. »Ich meine,« sagte Korporal Trim, und setzte den linken Fuß, welches der lahme war, ein wenig vorwärts, und zeigte mit der offenen Hand nach einem Grundriß von Dünkirchen, der mit Nadeln an die Tapete gesteckt war, »ohne Euer Gnaden ins Kommando zu fallen, daß die Ravalins da, Basteien, Kurtinen und Hornwerke nur ein armseliges, jämmerliches Stück Klitterwerk auf dem Papier sind gegen das, was Euer Gnaden und ich daraus machen könnten, wenn wir so für uns auf dem Lande wären und hätten nur einen Viertelmorgen und ein halbes Terrain, womit wir machen könnten, was wir wollten. Der Sommer ist vor der Tür,« fuhr Trim fort, »Euer Gnaden könnten dabei sitzen und mir die Nographie« -- »Ichnographie muß Er Sagen,« fiel ihm mein Onkel ein -- »von der Stadt oder Zitadelle, wovor Euer Gnaden gern sitzen möchten. -- Und auf dem Wall, den ich selbst gemacht habe, sollen mich Euer Gnaden harkebusieren lassen, wenn ich es nicht fortifiziere, so gut wie es Euer Gnaden wünschen mögen.« -- »O, das könnte Er wohl,« sagte mein Onkel. -- »Denn wenn Euer Gnaden,« fuhr der Korporal fort, »mir nur das Polygone mit allen Spitzen und Linien angeben können« -- »Das kann ich recht gut,« sagte mein Onkel --, »so wollte ich mit dem Graben anfangen. Und wenn Euer Gnaden mir die gehörige Tiefe und Breite angeben könnten« -- »Auf ein Haar kann ich das,« sagte mein Onkel --, »so wollte ich die Erde nach dieser Hand gegen die Stadt zu aufwerfen, und machte daraus die Scharpe, und nach jener Hand, gegen das Feld zu, die Konterscharpe.« -- »Ganz richtig, Trim,« sagte mein Onkel Toby. -- »Und wenn ich es ausgetieft hätte, wie es sein sollte, so wollte ich, mit Euer Gnaden Wohlnehmen, Gras darüberlegen, wie die feinsten Festungen in Flandern, mit Grassoden, wie Euer Gnaden wissen, daß sie sein sollten. Und die Wälle und Parapetts wollte ich auch mit Soden machen.« -- »Die besten Ingenieure nennen es Wasen oder Rasen, Trim,« sagte mein Onkel Toby. -- »Soden, Wasen oder Rasen, das will nicht viel tun,« versetzte Trim. »Euer Gnaden wissen, sie sind zehnmal besser dazu, als Sand oder Mauersteine.« -- »Ich weiß es, in gewissen Fällen sind sie's,« sagte mein Onkel Toby und nickte mit dem Kopfe. »Denn eine Kanonenkugel geht durch den Rasen gerade durch, ohne daß sie Kummer mitnimmt, wodurch der Graben verschüttet werden kann, wie es vor dem St. Nikolastor ging, und man desto leichter über ihn steigen kann.«

»Euer Gnaden verstehen diese Dinge besser,« versetzte Korporal Trim, »als alle Offiziere in des Königs Diensten. Wollen nur Euer Gnaden das Tischbestellen gut sein lassen und mich mit sich aufs Land nehmen. Ich wollte unter Euer Gnaden Anführung arbeiten wie ein Pferd und Fortifikationen machen. Sie sollten so lecker aussehen wie ein Butterkuchen, mit allen Batterien, Sappen, Graben und Palisaden, daß zwanzig Meilen rundum die Leute sich's nicht verdrießen lassen sollten, herzureisen und es sich zu besehen.«

Mein Onkel Toby ward im Gesicht rot wie Scharlach, als Trim so fortfuhr. Es war aber nicht aus bösem Gewissen, daß er rot wurde, noch aus Bescheidenheit oder Ärger. Es war ein freudiges Erröten. Korporal Trims Projekt und Beschreibung trieb ihm das Blut zu Kopfe. -- »Trim,« sagte mein Onkel Toby, »Er hat genug gesagt.« -- »Wir könnten an ebendem Tage in Kampagne gehen,« fuhr Trim fort, »wenn unsere Völker und die Alliierten ins Feld rücken, und eben so geschwind Stadt für Stadt einnehmen und demolieren, als --« »Trim,« sprach mein Onkel Toby, »sage Er nichts mehr.« -- »Euer Gnaden,« sprach Trim immer weiter, »könnten in Ihrem Lehnstuhl sitzen« -- indem er darauf zeigte -- »bei dem schönen Wetter, und gäben Ihre Order, und so wollte ich --« »Nichts mehr, Trim,« rief mein Onkel Toby. -- »Noch dazu wäre es für Euer Gnaden nicht allein Vergnügen und guter Zeitvertreib, sondern gute, frische Luft, gute Bewegung und gute Gesundheit obendrein, und Euer Gnaden Wunde würde in einem Monat zu sein.« -- »Er hat genug gesagt, Trim,« rief mein Onkel Toby, und griff dabei in seine Beinkleidertasche. »Sein Projekt gefällt mir sehr gut.« -- »Und wenn Euer Gnaden erlauben, so will ich stehenden Fußes hingehen und einen Pionierspaten kaufen, den wir mitnehmen, und will eine Schaufel bestellen und eine Spitzhacke, und ein paar --« -- »Still, still, Trim,« sagte mein Onkel Toby, sprang auf ein Bein, ganz von Entzücken überwältigt, drückte ein Goldstück in Trims Hand und sprach: »Sage Er kein Wort weiter, lieber Bursche, sondern gehe Er den Augenblick hinunter, daß ich gleich mein Abendessen bekomme.«

Trim lief hinunter und brachte seinem Herrn das Essen. -- Aber da stand's. -- Trims Operationsplan lief meinem Onkel Toby so im Kopfe herum, daß er nichts davon kosten konnte. »Trim,« sagte mein Onkel, »bringe Er mich zu Bett.« -- Es war auch nichts. -- Korporal Trims Beschreibung hatte seine Imagination erhitzt. Mein Onkel Toby konnte kein Auge zutun. Je mehr er sie betrachtete, desto bezaubernder kam ihm die Szene vor. -- Und zwei volle Stunden vor Tagesanbruch schon hatte er seine endliche Entschließung gefaßt und den ganzen Plan zu seinem und Korporal Trims Abmarsch ins reine gebracht.

Mein Onkel Toby hatte ein eigenes kleines, hübsches Landhaus in dem Dorfe, wo die Shandyschen Güter lagen; das hatte ihm ein alter Onkel vermacht und so viele Ländereien dabei, die jährlich fünfhundert Reichstaler Pacht trugen. Von hinten stieß ein Küchengarten an dieses Haus von ungefähr einem halben Morgen Land, und hinter dem Garten und durch eine hohe Taxushecke davon getrennt, war ein grüner Spielplatz, der ungefähr soviel Grundmasse enthielt, wie Korporal Trim wünschte, so daß, als Korporal Trim die Worte sagte, »und hätten wir nur einen Viertelmorgen und ein halbes Terrain, womit wir machen könnten, was wir wollten«, sich dieser leibhafte grüne Spielplatz auf einmal darstellte und im Hui in meines Onkels Phantasie vortrefflich gemalt erschien. -- Und das war die physische Ursache, die ihn die Farbe verändern ließ oder wenigstens seine Gedichtsröte zu dem ungemäßigten Grade trieb, von dem ich sprach.

Niemals kann ein Liebhaber nach seiner teuren Geliebten mit mehr Hitze und größerer Erwartung reiten oder fahren, als mein Onkel tat, um dieses liebe Ding so für sich allein zu genießen. -- Ich sage, so für sich allein. -- Denn er war abgesondert vom Hause durch eine hohe Taxushecke, wie ich Ihnen schon gesagt, und an den drei anderen Seiten war es vor dem Gesicht der Sterblichen mit dickem, grünem, wild verwachsenem Gebüsch verdeckt. So daß der Gedanke, nicht gesehen zu werden, nicht gering zu der Hoffnung des Vergnügens beitrug, das sich mein Onkel Toby in seinem Gemüt vorbildete. Eitler Gedanke -- es mag noch so dicht bewachsen sein, noch so einsam scheinen --, zu hoffen, liebster Onkel Toby, du könntest ein Ding genießen, das einen ganzen Viertelmorgen und einen halben Grund und Boden umfaßt, ohne daß es bekannt würde!

Wie mein Onkel Toby und Korporal Trim diese Sache angriffen, nebst der Geschichte ihrer Feldzüge, welche gar nicht leer an Begebenheiten waren, kann eine ganz interessante Nebenhandlung abgeben, die mit der Haupthandlung dieses Dramas fortläuft. -- Jetzt muß der Vorhang fallen, -- der Schauplatz verwandelt sich in das Wohnzimmer mit dem Kaminfeuer.

[Illustration]