Viertes Kapitel.
Was für einen Grad des kleinen Verdienstes die wohltätige Handlung zum Besten der Hebamme mit Recht heischen könnte, oder wem dieses Recht eigentlich zustand, das scheint beim ersten Anblick nicht wesentlich zu dieser Geschichte zu gehören. -- Soviel war aber gewiß, daß die Frau Pastor zu der Zeit mit dem ganzen Ruhm davon durchging. Dennoch kann ich für mein Leben nicht umhin, zu denken, daß der Pfarrer selbst, ob er gleich nicht das Glück hatte, zuerst auf den Einfall zu kommen, dennoch, da er den Augenblick, da ihm die Sache vorgetragen wurde, herzlich gerne Teil daran nahm und ebenso herzlich gerne sein Geld hergab sie auszuführen, ein Recht auf etwas, wo nicht zur vollen Hälfte von aller der Ehre hatte, die ihr gebührte.
Der Welt gefiel es damals, die Sache anders zu entscheiden.
Legen Sie das Buch weg, und ich gebe Ihnen einen halben Tag Zeit, eine wahrscheinliche Mutmaßung von dem Grunde dieses Verfahrens ausfindig zu machen.
Man wisse also, daß ungefähr fünf Jahre vor dem Datum, unter welchem der Hebamme der Freiheitsbrief ausgestellt wurde, von welchem Sie eine so umständliche Nachricht erhalten, der Pfarrer sich durch einen Fehler gegen alles Dekorum, den er gegen sich selbst, seinen Stand und sein Amt begangen, ins Gerede der Leute gebracht hatte. Der bestand darin, daß er niemals ein anderes oder besseres Pferd ritt als ein dürres, steifes Roß, ungefähr neuneinhalb Taler wert, welches, um es kurz zu beschreiben, ein so echter Bruder vom Rosinante war, als ihn die leibhaftige Ähnlichkeit dazu machen konnte; denn die Beschreibung fehlte nicht um Haaresbreite. -- Ausgenommen, daß ich mich nicht erinnere, daß es irgendwo gesagt worden, Rosinante habe sich verfangen gehabt, und auch dieses, daß Rosinante, wie es die Glückseligkeit fast aller spanischen Hengste ist, ganz gewiß in allen Punkten ein volles Pferd war.
Ich weiß recht gut, daß das Pferd des Helden ein Pferd von sehr keuscher Aufführung war, und das mag Gelegenheit zu einer gegenseitigen Meinung gegeben haben. Es ist aber zu gleicher Zeit ebenso gewiß, daß die Enthaltsamkeit des Rosinante aus keinem körperlichen Mangel oder irgendeiner andern Ursache herrührte als aus dem Mangel an Temperament und dem ordentlichen Umlaufe des Bluts. Und erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, Madame, es gibt manche ehrliche Keuschheit in der Welt, für die Sie nichts mehr anführen könnten, und stünde auch Ihr Leben darauf.
Das nebenher. Da meine Absicht ist, jeder Kreatur, die auf der Szene dieses dramatischen Werkes vorkommt, die strengste Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, so konnte ich diese Distinktion zum Besten Don Quixotes Pferd nicht unterdrücken. In allen übrigen Punkten sage ich, war des Pfarrers Pferd ihm völlig gleich; denn es war ein so mageres und so dünnes, elendes Roß, daß die Demut es in eigener Person hätte beschreiben können.
Nach dem Dafürhalten eines Mannes von schwachem Urteile stand es sehr gut in des Pfarrers Macht, der Figur dieses seines Pferdes aufzuhelfen; denn er besaß einen sehr hübschen Reitsattel, der auf dem Gesäß mit grünem Plüsch gepolstert war, ausgeziert mit einer doppelten Reihe von silbernen Stiften, und ein herrliches Paar glänzender messingener Steigbügel, eine Schabracke von sehr feinem, grünem Tuche, am Rande mit schwarzen Spitzen besetzt, wovon lange, schwarze seidene Fransen, mit goldenen Fäden vermischt, herabhingen. -- Alles dieses hatte er, nebst mit Silber belegten Stangen und einer gehörig zierlichen Trense in der Blüte seines Lebens gekauft. -- Da er aber sein Pferd nicht zum Narren haben wollte, hatte er das alles in seiner Studierstube hinter der Türe aufgehängt. -- Und statt dessen hatte er ganz ernsthaft gerade solch einen Zaum und Sattel angeschafft, als sich für die Gestalt und den Wert eines solchen Tieres eigentlich schickten und gebührten.
Auf den verschiedenen Ritten in seinem Kirchspiel und gelegentlich der Besuche bei dem kleinen Landadel, welcher in der Nachbarschaft um ihn herum wohnte, können Sie leicht begreifen, daß der solchergestalt ausstaffierte Pfarrer genug zu sehen und zu hören bekommen mußte, um seine Philosophie vorm Verrosten zu bewahren. Die Wahrheit zu sagen, er konnte niemals in ein Dorf reiten, oder er zog die Aufmerksamkeit der Alten und Jungen auf sich. -- Die Arbeit stand still, wenn er vorbeiritt, -- der Eimer blieb im Brunnen schweben, -- das Spinnrad vergaß seinen Lauf -- selbst die Häuflein Kinder beim Kügelchen- oder die größeren Buben beim Münz- und Letterspiel vergaßen alles und standen mit offenem Munde, bis sie ihn aus dem Gesicht verloren. Da seine Bewegung nicht die schnellste war, so hatte er gewöhnlich mehr als zuviel Zeit, seine Beobachtungen anzustellen, das Seufzen der Ernsthaften und das Lachen der Leichtherzigen zu hören, was er mit unvergleichlicher Ruhe ertrug. -- Sein Charakter war, er liebte einen kurzweiligen Einfall im Grunde der Seele, und da er sich selbst in einer wahren Lächerlichkeit sah, so, pflegte er zu sagen, könnte er sich über andere Leute nicht ärgern, wenn sie ihn in einem Lichte erblickten, das ihm selbst so stark auffiele, dergestalt, daß er bei seinen Freunden, welche wußten, daß die Liebe zum Gelde seine Schwäche nicht war, und sich daher am wenigsten ein Gewissen daraus machten, ihn mit seiner drolligen Laune aufzuziehen, anstatt die wahren Ursachen anzugeben, -- lieber in das Gelächter über sich selbst mit einstimmte. -- Da er selbst keine Unze Fleisch auf seinen eigenen Knochen trug, sondern ebenso hager von Ansehen war, wie sein Tier, so behauptete er zuweilen, das Pferd wäre so gut, als es der Reiter verdiente, beide machten einen Zentauren -- aus einem Stücke. Zu anderen Zeiten und bei anderer Laune, wenn er zu stark war, den Versuchungen des falschen Witzes zu unterliegen, sagte er wohl, er fühlte sich selbst auf einem guten Wege zur Auszehrung. Ein anderes Mal gab er wohl fünfzig sonderbare und entgegenstehende Ursachen an, warum er ein demütiges und wehmütiges Gespenst von keuchendem Rappen lieber ritte als ein mutiges Pferd. Auf so einem könnte er ganz mechanisch sitzen und nach Herzenslust +de vanitate mundi et saeculi+ meditieren, so gut, als ob er einen Totenkopf vor sich stehen hätte. Wenn er so langsam vor sich hin ritte, könnte er seine Zeit zu allerlei Geistesübungen ebensogut anwenden, als ob er auf seinem Studierstuhle säße. Er könne eine Lücke in seiner Predigt -- oder ein Loch in seinen Beinkleidern -- auf dem einen so gut wie auf dem anderen flicken. -- Munteres Trottieren und langsames Argumentieren wären wie Witz und Verstand zwei unverträgliche Bewegungen. Auf seinem Rosse aber könne er alles miteinander verbinden und vereinigen; er könne darauf das Studieren auf seine Predigt abwarten und seinen Husten und, falls ihn die Natur dazu einlüde, seine Mittagsruhe obendrein. Kurz, der Pfarrer führte bei solchen Angriffen alle Ursachen an, nur die wahre nicht. -- Die wahre hielt er zurück aus einer bloß ihm eigenen Bedenklichkeit: -- weil er glaubte, sie mache ihm Ehre.
Der wahre Knoten der Geschichte aber war folgender: In den ersten Amtsjahren dieses Mannes, und zu der Zeit, da der prächtige Sattel und Zaum angeschafft wurden, war es so seine Art oder Eitelkeit, oder nennen Sie's, wie Sie wollen, auf der entgegengesetzten Seite zuviel zu tun. In der Sprache des Landes hieß es: er hielte große Stücke auf einen guten Reithengst. Gewöhnlich hatte er auch einen der besten im ganzen Kirchspiele sattelfertig im Stalle stehen. Und da die nächste Hebamme, wie ich Ihnen gesagt habe, nicht näher beim Dorfe wohnte als sieben Meilen, in einer Gegend, wo lauter tiefe Wege waren, so fiel's immer dahin aus, daß selten eine ganze Woche hinging, da nicht an den armen Mann eine flehentliche Bitte um sein Tier gelangte. Er war kein hartherziger Mann, und jeder Fall war immer dringender und jammervoller als der vorige. So lieb er also sein Pferd haben mochte, so konnte er's doch nicht übers Herz bringen, nein zu sagen. Das Ende vom Liede war dann gemeiniglich, daß sein Pferd gedrückt war oder Drüsen bekam oder die Fußgallen oder ward spatlahm oder hatte sich verfangen oder kurz, hatte einen oder den anderen Fehler bekommen, der es rauhaarig machte und ihm kein Fleisch auf den Knochen ließ. So hatte er alle neun oder zehn Monate eine Kracke abstehen und ein gutes Pferd an ihrer Statt wieder zu kaufen.
Wie hoch sich, ein Jahr ins andere gerechnet, der Verlust in einer Solchen Bilanz belaufen mochte, das überlasse ich einer eigentlich dazu erwählten Zahl von Obmännern zu bestimmen, die selbst bei dergleichen Handel gelitten haben. -- Aber laß ihn so groß gewesen sein, wie er wolle, der ehrliche Mann ertrug ihn viele Jahre lang ohne Murren, bis er endlich, nach zu oft wiederholten Zufällen dieser Art, es für nötig fand, die Sache in Erwägung zu ziehen, und beim Überrechnen und Aufsummieren in seinen Gedanken herausbrachte, daß es nicht nur kein Verhältnis gegen seine übrigen Ausgaben hätte, sondern auch schon an und für sich ein so lästiger Artikel wäre, daß er ihn unfähig mache, irgendeine andere großmütige Handlung in seinem Kirchspiel auszuüben. Zudem machte er die Überlegung, daß er mit der Hälfte dieser verrittenen Summe zehnmal soviel Gutes tun könnte. Und was noch mehr Gewicht bei ihm hatte als alle andere Betrachtungen zusammengenommen, war dies, daß er alle seine Werke der Barmherzigkeit auf einen besonderen Teil einschränkte, der ihrer nach seiner Einbildung am wenigsten bedurfte, nämlich den schwangeren und gebärenden Teil seines Kirchspiels. Er behielt nichts übrig für die Schwachen und Kranken, nichts für die betagten Alten, nichts für die jammervollen Auftritte, zu denen er stündlich gerufen wurde, woselbst Armut, Krankheit und Elend beisammen wohnten.
Aus diesen Ursachen beschloß er, den Aufwand einzuziehen, und dazu hatte er, wie's ihm schien, nur zwei mögliche Wege, und diese waren, entweder sich's zu einem unverbrüchlichen Gesetze zu machen, sein Pferd niemals wieder auszuleihen, man möchte ihn bitten, so sehr man wollte, oder sich darein zu finden, daß er den letzten armen Köter von Rappen, so wie sie ihn zugerichtet hatten, fortritte, mit allen Seinen Fehlern und Gebrechen, bis ans äußerste Ende des Kirchspiels.
Da er seiner eigenen Standhaftigkeit nicht traute, erwählte er ganz getrost den zweiten Weg, und ob er gleich, wie ich gesagt habe, es hätte zu seiner Ehre verkünden können, so sah er aus Großmut davon ab und wollte lieber die Verachtung seiner Feinde und das Gelächter seiner Freunde erdulden, als sich der Mühe unterziehen, eine Geschichte zu erzählen, welche eine Lobrede auf ihn selbst scheinen möchte.
Ich habe den höchsten Begriff von den großmütigen und zarten Gesinnungen dieses ehrwürdigen Geistlichen aus diesem einzigen Zuge in seinem Charakter gefaßt, der nach meiner Meinung ebensoweit geht als irgendeine von den treugemeinten Zärtlichkeiten des unvergleichlichen Ritters v. Mancha, welchen ich, im Vorbeigehen gesagt, mit allen Seinen Narrheiten lieber habe und viel weiter gereist sein würde, um ihn zu besuchen, als den größten Helden des Altertums.
Aber das ist nicht die Moral aus meiner Erzählung. Was ich eigentlich im Sinne hatte, war, zu zeigen, wie sich die Welt bei dieser ganzen Sache benahm; denn Sie müssen wissen, solange als diese Aufklärung dem Pfarrer Ehre gebracht hätte, fand sich keine arme Seele, die dahinterzukommen vermochte. -- Ich glaube, seine Feinde wollten nicht, und seine Freunde konnten nicht. -- Aber sobald er sich zum Besten der Hebamme bemühte und das Geld für ihr Examen und ihren Erlaubnisschein bezahlte, war das ganze Geheimnis heraus. Jedes Pferd, das ihm draufgegangen war, und noch ein paar darüber, mit allen Umständen, wie sie zugrunde gerichtet worden, kamen ans Licht und wurden der Länge nach her erzählt. Die Geschichte griff um sich wie wildes Feuer.
Der Pfarrer habe einen neuen Anfall vom Hochmutsteufel bekommen und stände im Begriff, noch einmal in Seinem Leben wieder ein gutes Pferd für seinen Leib zu halten, und wenn das geschähe, so wäre es so klar wie die liebe Sonne am hellen Mittage, daß er die Ausgabe für die Hebamme in einem einzigen Jahre zehnfach im Sack behielte. Man könne also beurteilen, was für Absichten er bei dieser Barmherzigkeit gehabt hätte.
Was für Absichten er bei dieser oder jeder anderen Handlung in seinem Leben gehabt, oder vielmehr, was für Meinungen darüber in dem Gehirn anderer Leute schwammen, war ein Gedanke, der zuviel in seinem eigenen umherschwamm und ihn zu oft in seiner Ruhe störte, wenn er eines gesunden Schlafes bedurfte.
Vor ungefähr zehn Jahren hatte dieser brave Mann das gute Glück, über diesen Punkt völlig beruhigt zu werden; denn gerade so lange ist es her, daß er seine Pfarre und zugleich die ganze Welt hinter sich ließ und einem Richter zur Rechenschaft steht, über den sich zu beklagen er nicht Ursache haben wird.
Es gibt ein unvermeidliches Schicksal, das die Handlungen einiger Menschen begleitet. Laß sie solche einrichten, wie sie wollen; sie fallen durch ein gewisses Mittelglas, welches die Strahlen dieser Handlungen so verwirrt und in ihrer wahren Richtung solchergestalt bricht, daß, mit allen den Ansprüchen auf Lob, welche die Rechtschaffenheit des Herzens geben kann, diejenigen, die sie ausüben, gleichwohl leben und sterben müssen, ohne es zu genießen.
Daß dieses eine Wahrheit sei, davon war dieser Geistliche ein unangenehmes Beispiel. Um aber zu wissen, wie das zuging und dieses Wissen Ihnen nützlich zu machen, muß ich ausdrücklich verlangen, daß Sie die zwei folgenden Kapitel lesen, welche eine solche Skizze von seinem Leben und Umgange enthalten, daß die Moral zugleich mit darin ist. Wenn dies geschehen ist und uns kein anderer Stein in den Weg fällt, dann wollen wir mit der Hebamme weitergehen.
[Illustration]