Achtes Kapitel.
»Ich kann nicht begreifen, was das Lärmen und das Hin- und Herlaufen da oben heißen soll,« sagte mein Vater, und wendete sich nach einem anderthalbstündigen Stillschweigen an meinen Onkel Toby, der, wie Sie wissen müssen, an der anderen Seite beim Feuer saß und seine gesellige Pfeife Tabak in stiller Betrachtung eines neuen schwarzen Plüsch-Beinkleides, das er trug, immerfort schmauchte. -- »Was mögen sie vorhaben, Bruder?« sagte mein Vater, »wir können ja kaum unser eigen Wort hören?«
»Ich glaube,« antwortete mein Onkel Toby, wobei er die Pfeife aus dem Munde nahm und den Kopf derselben zwei- oder dreimal auf den Nagel seines linken Daumens schlug, als er zu reden anfing, »ich glaube,« sagte er ... Aber um meines Onkels Meinung über diese Sache gehörig zu fassen, müssen Sie erst ein wenig mit seinem Charakter bekannt sein, dessen äußeren Umriß ich Ihnen hier auf der Stelle geben will. Hernach wird der Dialog zwischen ihm und meinem Vater desto besser vonstatten gehen.
O, können Sie mir nicht sagen, wie der Mann hieß -- denn ich schreibe so in der Eile; ich habe weder Zeit, mich zu besinnen noch nachzuschlagen --, der die Bemerkung zuerst machte, daß unsere Luft und unser Klima sehr unbeständig seien? Er mag gewesen sein, wer er will, er hat damit eine gute Bemerkung gemacht. Die daraus gefolgerte Behauptung aber, daß es daher komme, daß wir eine so große Mannigfaltigkeit an eigenen und sonderbaren Charakteren haben, kam nicht von ihm, sie ward von einem anderen Manne, wenigstens anderthalbhundert Jahre vorher ausfindig gemacht, wie ebenfalls, daß dieses volle Zeughaus von Originalstoff die wahre und natürliche Ursache sei, daß unsere Lustspiele viel besser sind als die Lustspiele der Franzosen oder alle die, welche auf dem festen Lande geschrieben worden sind oder geschrieben werden können. -- Das ist eine Entdeckung, die eigentlich erst in der Mitte der Regierung des Königs William gemacht ward, als der große Dryden, bei Verfertigung einer von seinen langen Vorreden, wenn ich nicht irre, glücklicherweise darauf verfiel. In der Tat begann der große Addison in den letzten Jahren der Königin Anna diese Meinung in Schutz zu nehmen, und erklärte solche der Welt in ein oder zwei Blättern des »Zuschauers« weitläufiger. Die Entdeckung war aber nicht sein eigen. Endlich viertens und letztens, daß diese sonderbare Unregelmäßigkeit in unserem Klima, die eine so sonderbare Unregelmäßigkeit in unseren Charakteren hervorbringt -- und uns dadurch gewissermaßen schadlos hält --, indem sie uns etwas gibt, womit wir uns einen Zeitvertreib machen können, wenn uns das Wetter nicht erlaubt, über unsere Schwelle zu treten. -- Die Bemerkung ist von mir selbst und ward von mir ans Tageslicht gebracht, an ebendiesem regnerischen Tage, dem 26. März 1759 zwischen neun und zehn Uhr des Vormittags.
Aber ich vergesse meinen Onkel Toby, den wir die ganze Zeit über haben die Asche aus seiner Pfeife klopfen lassen.
Sein eigentümlicher Charakter war von der besonderen Gattung, welche unserem Himmelskreise Ehre machte. Ich würde mich nicht besinnen, ihn unter dessen vorzüglichste Produkte zu rechnen, hätte er nicht so viele deutliche Striche von einer Familienähnlichkeit erhalten, welche bewiesen, daß die Sonderbarkeit seines Tuns und Sagens mehr vom Geblüte als von Wind oder Wasser herkäme, solche möchten vermischt oder versetzt sein, wie sie wollten. Deswegen habe ich mich auch oft gewundert, daß mein Vater, ob ich gleich glaube, daß er seine Ursachen dazu hatte, wenn er, als ich noch ein Knabe war, gewisse Abweichungen von meiner natürlichen Bahn bemerkte, niemals versucht hat, solche aus dieser Ursache zu erklären. -- Denn die ganze Shandysche Familie bestand aus Originalcharakteren. -- Ich meine die Männlein -- die Weiblein hatten gar keinen --, ausgenommen meine Großtante Dinah, die ungefähr vor sechzig Jahren sich mit ihrem Kutscher verheiratete und vermehrte. Was sie, wie mein Vater, zufolge seiner Meinung von den Taufnamen, oft zu sagen pfegte, ihren Gevattern und Gevatterinnen zu verdanken hätte.
Es wird sehr befremdend scheinen -- und ich möchte ebensolieb dem Leser ein Rätsel auf die Bahn werfen, welches sonst meine Art nicht ist, als ihn nach der Ursache herumsinnen lassen --, daß ein Unfall dieser Art so lange Jahre aufgehoben werden könnte, Friede und Einigkeit zu stören, welche sonst so herzlich zwischen meinem Vater und Onkel Toby obwalteten. Man sollte gedacht haben, die ganze Macht des Unglücks würde sich gleich in der ersten Zeit in der Familie gebrochen und verloren haben, wie gemeiniglich zu geschehen pflegt. Aber in unserer Familie nahm alles seine ganz besondere Wendung. Vielleicht hatte sie damals, als es sich zutrug, ein anderes Kreuz zu tragen. Und da uns doch Kreuz und Leiden zu unserem Besten gesendet werden, und dies hier der Shandyschen Familie noch niemals zum Besten gediehen war, so lag es vielleicht und wartete, bis ihm die rechte Zeit und Umstände Gelegenheit gaben, seine Dienste auszuüben. -- Bemerken Sie wohl, ich entscheide hierin nichts. -- Meine Gewohnheit ist immer, dem Forschbegierigen von verschiedenen Spuren einen Fingerzeig zu geben, nach welchem er bis zu den ersten Quellen der Begebenheiten gelangen kann, die ich erzähle. -- Nicht mit dem entscheidenden Tone des Tacitus, der sich selbst und seine Leser überwitzt, sondern mit der gehorsamsten Dienstbeflissenheit eines Herzens, das sich bloß dem Dienst der Forschbegierigen gewidmet hat. -- Für diese schreibe ich -- und diese werden mich lesen bis -- wenn nur irgendein Lesen wie dieses so lange aushalten könnte -- bis ans Ende der Welt hinzu.
Warum also die Ursache des Verdrusses solchergestalt für meinen Vater und Onkel aufgespart worden, das lasse ich unentschieden. Wie aber und in was für einer Richtung es wirkte, um Veranlassung zu Mißvergnügen unter ihnen zu geben, nachdem es einmal in Gang gekommen war, das bin ich imstande mit großer Genauigkeit zu erklären, und ist wie folgt.
Mein Onkel Toby Shandy, Madame, war ein Offizier, der neben den Tugenden, welche gewöhnlich den Charakter eines ehrlichen und rechtschaffenen Mannes bestimmen, noch eine andere in einem hohen Grade besaß, die selten oder niemals ins Verzeichnis gesetzt wird. Diese war eine außerordentliche und unvergleichliche Züchtigkeit der Natur. -- Doch nehme ich das Wort Natur als Ursache zurück, damit ich nicht eine Sache vorher abtue, die später vorkommen muß. Ob nämlich diese seine Züchtigkeit natürlich oder erworben war. -- Auf welche Weise aber mein Onkel dazu gelangt sein mochte, es war allemal Züchtigkeit im wahrsten Sinne. Und zwar, Madame, nicht in Worten -- denn er war so unglücklich, daß er nicht viel Wahl darunter hatte --, sondern in Taten. Und diese sittsame Zucht beherrschte ihn dergestalt und ging bei ihm so weit, daß sie womöglich der Züchtigkeit eines Frauenzimmers fast gleichkam. Dieser weiblichen Sittsamkeit, Madame, und innerlichen Keuschheit der Sinne und Gedanken Ihres Geschlechts, wodurch Sie dem unserigen so große Ehrfurcht einflößen.
Sie werden glauben, Madame, daß mein Onkel Toby alles dieses aus der wahren Quelle geschöpft habe, -- daß er seine Zeit im Umgange mit Ihrem Geschlecht zugebracht und daß er durch eine völlige Kenntnis von Ihnen und durch die Macht der Nachahmung, welche so schöne Beispiele unwiderstehlich machen, diese liebenswürdige Eigenschaft des Gemüts erworben habe.
Ja, ich wollte, daß ich das sagen könnte! -- Doch außer mit seiner Schwägerin, meines Vaters Frau und meine Mutter, wechselte er mit einem anderen Frauenzimmer nie drei Worte in ebensoviel Jahren. -- Nein, er erlangte sie im Wurfe, Madame. -- Im Wurf! -- Ja, Madame, es kam von einem Stein, der bei der Belagerung von Namur durch eine Kanonenkugel von einem Hornwerke abgerissen und meinem Onkel Toby gerade aufs Latzbein geworfen wurde. -- Wie konnte der die Wirkung tun? Die Erzählung davon, Madame, ist lang und anziehend. Aber ich würde meine Historie ganz zusammendrängen, wenn ich sie Ihnen hier geben wollte. Sie ist weiterhin zu einer Episode bestimmt und soll Ihnen mit allen sich darauf beziehenden Umständen an gehöriger Stelle getreulich vorgelegt werden. Bis dahin steht es nicht in meiner Gewalt, Ihnen mehr Licht von der Sache zu geben oder mehr zu sagen, als ich bereits gesagt habe: -- Daß mein Onkel Toby ein Offizier von einer unvergleichbaren Züchtigkeit war, welche zufälligerweise durch die beständige Hitze eines kleinen Familienstolzes verdünnt und verfeinert wurde, so, daß beide zugleich so bei ihm arbeiteten, daß er die Geschichte von Tante Dinah niemals erwähnen hören konnte, ohne in heftige Gemütsbewegung zu geraten. -- Die geringste Anspielung darauf war hinreichend, ihm das Blut ins Gesicht zu treiben. Wenn aber mein Vater gar in vermischten Gesellschaften sich weitläufiger darüber ausließ, wozu er sich oft, um seine Hypothesen zu erläutern, genötigt sah, so fraß dieser unglückliche Meltau auf einem der schönsten Zweige der Familie, in meines Onkels Ehrliebe und Züchtigkeit, blutige Wunden; dann nahm er oft meinen Vater mit aller nur erdenklichen Besorglichkeit auf die Seite, um ihm vorzustellen, er wolle ihm alles geben, was er in der Welt hätte, wenn er nur die Geschichte ruhen lassen möchte.
Mein Vater, glaube ich, hegte die wahrste und zärtlichste Zuneigung für meinen Onkel Toby, die jemals ein Bruder für den anderen hegte, und hätte gerne alles auf der Welt getan, was ein Bruder vernünftigerweise von dem anderen verlangen konnte, um meines Onkels Toby Herz über diesen oder jeden anderen Punkt zu beruhigen. Aber dieses stand nicht in seinen Kräften.
Mein Vater, wie ich Ihnen gesagt habe, war ein Philosoph, haarscharf, spekulativ, systematisch; und meiner Tante Dinah Geschichte war ihm von ebensovieler Wichtigkeit, als dem Kopernikus die Retrogadation der Planeten. -- Die Nebenschliche der Venus aus ihrer geraden Laufbahn bestätigten das Kopernikanische System, das von ihm seinen Namen erhielt. Die Nebenschliche der Tante Dinah von ihrer ebenen Bahn taten ebendie Dienste bei der Errichtung des Systems meines Vaters, das, wie ich glaube, hinfort beständig nach ihm das Shandysche System heißen wird.
Bei jeder anderen Familienkränkung hatte mein Vater, glaube ich, ein ebenso feines Gefühl der Schamhaftigkeit als irgend jemand. Ich getraue mir zu sagen, weder er noch Kopernikus würden in beiden Fällen die Geschichten haben auskommen lassen oder der Welt ein Wort davon gesagt haben, wäre es nicht, wie sie dachten, aus Pflicht gegen die Wahrheit gewesen. -- +Amicus Plato+, pflegte mein Vater zu sagen, wobei er ihm die Worte übersetzte. -- +Amicus Plato+, das heißt, Dinah war meine Tante; -- +sed magis amica veritas+ -- aber die Wahrheit ist meine Schwester.
Diese Uneinigkeit der Meinungen meines Vaters und Onkels war die Quelle manches brüderlichen Zwistes. Der eine konnte nicht ertragen, daß ein Familienfleck weitergetragen wurde, der andere konnte schwerlich einen einzigen Tag hingehen lassen, ohne darauf anzuspielen.
»Um's Himmels willen,« rief mein Onkel, »und um meinet-, um unserer aller willen, mein liebster Bruder Shandy, laß doch die Geschichte unserer Tante und ihre Gebeine in Ruhe schlafen. Wie kannst du so wenig Gefühl und Mitleid für den guten Namen unserer Familie haben. Wie kannst du!« -- »Was ist der Name einer Familie gegen eine Hypothese? -- Ja, wenn ich's recht sagen soll, was das Leben einer Familie?« -- »Das Leben einer Familie!« sagte dann mein Onkel und fiel dabei in seinen Lehnstuhl zurück und hob seine Hände, seine Augen und ein Bein in die Höhe. -- »Ja, das Leben,« sagte darauf mein Vater, seinen Satz zu behaupten. »Wie manches Tausend wird jährlich -- in allen gesitteten Reichen wenigstens -- weggeschleudert und für nichts weiter geachtet als gemeine Luft in Vergleichung mit einer Hypothese?« -- »Nach meinem geringen Verstande von den Dingen,« antwortete Onkel Toby, »ist ein jedes solches Beispiel barer Mord, es begehe ihn, wer will.« -- »Da steckt dein Irrtum,« versetzte mein Vater, »denn wissenschaftlich darüber zu urteilen, kann es nicht ~Totschlag~, sondern muß es ~Mannesschlag~ heißen.«
Mein Onkel gab sich niemals damit ab, hierauf mit etwas anderem zu antworten, als daß er ein halbes Dutzend Takte von seinem Regimentsmarsch Lillabullero herpfiff. -- Sie müssen wissen, dies war der gewöhnliche Kanal, durch den er seinem Affekt Luft gab, wenn ihn etwas ärgerte oder überraschte, -- besonders aber, wenn ihm etwas gesagt wurde, das er für sehr ungereimt hielt.
Da noch niemand unter den Schriftstellern über die Logik, oder unter deren Kommentatoren, soviel ich weiß, für gut befunden hat, dieser eigenen Gattung von Argument einen Namen zu geben, so nehme ich mir hier die Freiheit, es selbst zu tun, und das aus zweierlei Ursachen. Erstens, damit solches, um aller Verwirrung im Disputieren vorzubeugen, ein für allemal ebensogut von den übrigen Gattungen unterschieden bleiben möge, als das +Argumentum ad verecundiam, ex absurdo, ex fortiori+, oder wie es heißen mag. Zweitens, daß noch einmal meine Kindeskinder, wenn mein Haupt schon längst zur Ruhe niedergelegt ist, sagen können, daß ihres gelehrten Großvaters Kopf mit ebenso nützlichen Dingen beschäftigt gewesen sei, als der anderer Leute. -- Daß er für eins der allertreffendsten -- und wenn der Zweck des Disputierens mehr der ist, seinen Gegner zum Schweigen zu bringen als ihn zu überzeugen --, ja, so können sie nach Belieben hinzusetzen, für eines der besten Argumente in der Disputierkunst einen Namen erfunden und solchen großmütigerweise in den Schatzkasten der +Ars logica+ geworfen habe.
Deswegen also gebiete und verordne ich durch Gegenwärtiges, daß besagtes Argument künftig bei dem Titel +Argumentum fistulatorium+ erkannt und distinguiert werde, welchen und keinen anderen ich ihm hiermit beilege, -- und daß es künftig einerlei Rang mit dem +Argumentum baculinum+ haben und allemal in einem und ebendem Kapitel mit diesem abgehandelt werden soll.
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