Chapter 5 of 11 · 1376 words · ~7 min read

Fünftes Kapitel.

Yorick war dieses Geistlichen Name, und was dabei sehr merkwürdig, wie aus einer sehr alten, auf dickes Pergament geschriebenen Familiennachricht, die noch gut erhalten ist, hervorgeht, er ist genau ebenso buchstabiert, seit fast -- auf ein Haar breit hätte ich gesagt neunhundert Jahren. Ich mag aber meine Zuverlässigkeit dadurch keinem Zweifel unterwerfen, daß ich eine unwahrscheinliche Wahrheit sage, so unbezweifelt richtig sie auch an sich selbst ist. Also will ich mich begnügen, bloß zu sagen, er ist genau ebenso buchstabiert, ohne die geringste Veränderung oder Versetzung eines einzigen Buchstabens. Hat dies an dem Hochmute oder an der Schamhaftigkeit ihrer respektiven Eigner gelegen? Die offenherzige Wahrheit zu sagen, ich glaube, zuweilen an dem einen und zuweilen an der anderen, nachdem es die Versuchung so mit sich brachte. Eine häßliche Sache aber bleibt's doch immer und wird uns eines Tages noch so untereinander vermischen und vermengen, daß kein Mensch vermögend sein wird, die Finger aufzuheben und zu schwören, daß sein leiblicher Urgroßvater der Mann war, der dieses oder jenes tat.

Diesem Übel war durch die kluge Vorsicht der Yorickschen Vorfahren und ihre sorgfältige Aufbewahrung des angeführten Pergaments hinlänglich vorgebaut. Die Urkunde teilt uns ferner mit, daß das Geschlecht eigentlich dänischen Ursprungs und bereits unter der Regierung des dänischen Königs Horwendilius nach England verpflanzt worden sei. An dem Hofe dieses letzteren, scheint es, bekleidete einer von den Vorfahren unseres Herrn Yorick, von welchem er in gerader Linie abstammt, bis an das Ende seines Lebens einen ansehnlichen Posten. Von was für einer Art dieser ansehnliche Posten gewesen, sagt das Familienregister nicht. Es fügt nur hinzu, daß er seit fast zweihundert Jahren nicht allein an diesem, sondern beinahe an allen anderen christlichen Höfen als völlig unnötig eingegangen sei.

Es ist mir oft in den Kopf gekommen, daß dieser Posten wohl kein anderer habe sein können als des Königs Oberspaßmacher, und daß Hamlets Yorick in unserem Shakespeare, dessen dramatische Stücke, wie Sie wissen, sich oft auf wahre Geschichten gründen, gerade derselbe Mann war.

Ich habe nicht Zeit, die dänische Geschichte des Saxo-Grammatikus nachzuschlagen, um hierüber Gewißheit zu bekommen. Das können Sie aber ebensogut selbst tun, wenn Sie Muße haben und das Buch unschwer erhalten können.

Ich hatte eben nur soviel Zeit auf meinen Reisen durch Dänemark mit Herrn Neddys ältestem Sohne, den ich 1741 als Hofmeister begleitete und mit Extrapost durch die meisten Teile von Europa führte, daß die Pferde rauchten, -- ich hatte eben nur soviel Zeit, sage ich, und zu nichts mehrerem, die Wahrheit der Bemerkung bestätigt zu finden, die jemand gemacht, der sich lange in dem Lande aufgehalten hatte, daß nämlich die Natur weder sehr verschwenderisch noch sehr knickerig mit ihren Gaben von Genie und Fähigkeiten gegen seine Einwohner sei; -- sondern, gleich einer klugen Mutter, gegen alle mäßig gütig wäre; daß sie bei der Austeilung ihrer Geschenke dergestalt Ebenmaß hielte, daß sie solche so ziemlich einander gleich machte. So daß Sie in diesem Reiche wenige Beispiele von hervorragenden Genies finden werden, wohl aber ziemlich viel von gutem natürlichen Alltagsverstande in allen Ständen und bei allen Leuten, wovon jedermann sein Teil bekommen hat, was denn auch nach meiner Meinung ganz recht ist.

Bei uns, sehen Sie, geht die Sache ganz anders zu. Wir stehen alle, was diese Materie betrifft, sehr hoch oder sehr tief. Sie sind ein großes Genie, mein Herr, oder fünfzig gegen eins: Sie sind ein großer Dummkopf. Nicht als ob es so ganz und gar an Mittelstufen fehlte. -- Nein, so völlig außer aller Regel sind wir nun wohl nicht. Aber die beiden äußersten Spitzen sind gewöhnlicher und stehen weiter voneinander in dieser unsteten Insel, wo selbst die Natur in ihren Gaben und Austeilungen dieser Art höchst willkürlich und eigensinnig ist. Das Glück selbst kann in Bescherung seiner Habe und Güter nicht sonderbarer zu Werke gehen als sie.

Das ist es alles, was mich jemals in meinem Glauben von Yoricks Abkunft wankend gemacht hat, welcher, soviel ich mich erinnern kann, und zufolge aller Nachrichten, die ich nur von ihm habe erhalten können, nicht einen einzigen Tropfen dänisches Blut in seiner ganzen Mischung zu haben schien. In neunhundert Jahren kann es möglicherweise alles verlaufen sein. Philosophieren darüber mag ich indessen keinen Augenblick mit Ihnen. Denn es mag zugegangen sein, wie es wolle, so ist soviel zuverlässig, daß statt des kalten Phlegmas und der ängstlichen Regelmäßigkeit des Verstandes und der Laune, die Sie bei einem Manne von dergleichen Abkunft erwartet hätten --, er vielmehr von so zarter Körperbeschaffenheit war, als nur immer das mildeste Klima hätte hervorbringen und zusammensetzen können. Bei allen diesen Segeln hatte der arme Yorick dennoch keine Unze Ballast geladen. Er hatte nicht die geringste Weltkenntnis. In einem Alter von einundzwanzig Jahren wußte er ebensoviel davon, wohin er sein Ruder halten sollte, als ein unschuldiges Mädchen von dreizehn Jahren, das unter Knaben die Blindekuh spielt. Sie können sich denken, daß ihn also bei seiner ersten Ausfahrt der rasche Windstoß seiner Lebensgeister wohl zehnmal des Tages in fremdes Tauwerk trieb, und da ihm die Ernsthaften und Bedächtigeren am meisten auf seinem Wege aufstießen, -- so können Sie sich ebenfalls leicht vorstellen, daß es gerade solche waren, mit denen er das Unglück hatte, sich am ärgsten zu verwickeln. Ich bin immer der Meinung, daß eine kleine Mischung von unglücklichem Witz am Ende der Grund aller dieser Händel war. Yorick hatte, die Wahrheit zu sagen, von Natur einen unbeweglichen Widerwillen und Abscheu gegen die Ernsthaftigkeit. Nicht gegen die wirkliche Ernsthaftigkeit; denn er konnte, wenn's darauf ankam, tage- und wochenlang der ernsthafteste Sterbliche von der Welt sein. Aber der nachgeäfften Ernsthaftigkeit war er herzlich feind und kündigte ihr den öffentlichen Krieg an, insofern sie ein Deckmantel der Unwissenheit oder Narrheit schien. Wo sie ihm nur aufstieß, sie mochte auch noch so mächtigen Schutz haben, gab er ihr sehr selten Pardon.

Zuweilen, nach seiner unbedachtsamen Art zu reden, pflegte er zu sagen, die affektierte Ernsthaftigkeit sei eine durchtriebene Bübin, und setzte noch wohl hinzu: von der gefährlichsten Gattung, weil sie so listig sei. Er glaube im Ernste, sie brächte in einem Jahre mehr ehrliche, sorglose Leute um ihr Gut und Geld, als Beutelschneider und Spitzbuben in sieben tun könnten. In der nackten Gemütsart, die ein fröhliches Herz sehen läßt, sagte er, stecke keine Gefahr als nur für den Besitzer, dahingegen das wahre Wesen der affektierten Ernsthaftigkeit Vorsatz und folglich Betrug wäre. Es wäre ein studierter Kunstgriff, sich bei der Welt das Zutrauen zu erwerben, als ob man mehr Verstand und Einsicht habe, als in der Tat wahr sei. Ungeachtet alles dessen, wofür sie gerne gehalten sein wollte, wäre sie doch nicht besser, sondern oft noch schlimmer als die Definition, die schon vor langer Zeit ein witziger Franzose von ihr gegeben hätte: ein geheimnisvolles Bestreben des Körpers, die Gebrechen des Gemüts zu verbergen. Diese Definition der Ernsthaftigkeit, pflegte Yorick unbehutsamerweise zu sagen, verdiente mit goldenen Buchstaben geschrieben zu werden.

Er war aber, um das Kind beim rechten Namen zu nennen, unerfahren in der Welt, und unversucht und war ebenso unbedachtsam und töricht bei jedem andern Vorwurfe des Gesprächs, wobei die Politik gewöhnlich befiehlt, sich Zwang aufzuerlegen. Yorick nahm keine anderen Eindrücke an als nur einen. Das war der, welcher aus der Natur der Handlung entstand, wovon gesprochen wurde, welchen Eindruck er dann gewöhnlich ohne allen Umschweif geradeheraus sagte, nur zu oft, ohne dabei auf Person, Zeit oder Ort zu achten, dergestalt, daß, wenn eines niedrigen, unedlen Verfahrens Erwähnung geschah, er sich niemals einen Augenblick Zeit ließ, zu überlegen, wer der Held des Stückes sei, von welchem Stande oder was für Macht er habe, ihm hiernächst zu schaden. Es war für ihn eine schändliche Handlung, ohne weitere Komplimente -- der Mann ein schändlicher Kerl und so weiter. Da seine Kommentare unglücklicherweise zumeist mit einem witzigen Einfall endigten oder durchgängig von drolligen, launigen Ausdrücken belebt waren, so gab das seinen Übereilungen Flügel. Mit einem Worte, ob er gleich niemals die Gelegenheit suchte, sie aber auch selten vermied, wo er geradezu und ohne viel Umstände heraus sagen konnte, was ihm in den Mund kam, so hatte er in seinem Leben nur zuviel Versuchung, seinen Witz und seine Laune, seinen Spott und seine Satiren auszuschütten. Sie gingen aus Überfluß an Auflesern nicht verloren.

Was für Folgen das hatte, und was sich Yorick für eine Katastrophe dadurch zuzog, das können Sie im nächsten Kapitel lesen.

[Illustration]