Chapter 3 of 11 · 756 words · ~4 min read

Drittes Kapitel.

Mein Vater, müssen Sie wissen, der eigentlich ein Kaufmann war und nach der Levante handelte, seit einigen Jahren aber den Handel niedergelegt hatte, um sich auf ein väterliches Landgut in der Grafschaft Z. zu begeben und daselbst zu leben und zu sterben, war, glaub' ich, der regelmäßigste Mann in allem, was er tat, es sei Geschäft oder Zeitvertreib.

In ebendem Dorfe, worin mein Vater und meine Mutter wohnten, wohnte auch eine hagere Matrone, eine züchtige, alte, gute Frau von Hebamme, welche mit Hilfe etwas wenigen, schlechten Menschenverstandes, und weil sie einige Jahre hindurch alle Hände voll in ihrem Geschäfte zu tun hatte, wobei sie sich beständig auf ihre Bemühungen sehr wenig, auf Frau Mutter Natur aber sehr stark verließ, nach ihrer Art keine geringe Staffel des Ruhms in der Welt erstiegen hatte. -- Bei welchem Worte Welt ich Euer Hochedelgeboren notwendig sagen muß, daß Sie nicht denken, ich meine mehr damit als einen kleinen Zirkel, der auf dem Zirkel der großen Welt beschrieben ist, von vier englischen Meilen im Durchmesser oder so ungefähr, von welchem die Hütte, worin die gute alte Frau lebte, als Mittelpunkt angenommen werden muß. -- Sie war, wie es scheint, in ihrem siebenundvierzigsten Jahre zur Witwe geworden mit drei oder vier kleinen Kindern in großer Dürftigkeit. Da sie damals eine Person von ehrbarer Aufführung, ernsthaftem Betragen, ja noch dazu ein Weibsbild von wenig Worten und obendrein ein Gegenstand des Mitleids war, deren Armut und das Stillschweigen, womit sie solche ertrug, desto lauter um freundschaftlichen Beistand rief, so ward die Frau des Pfarrers am Kirchspiel von Mitleid gerührt. Sie hatte schon oft einen üblen Umstand beklagt, dem die Herde ihres Eheherrn schon viele Jahre hindurch ausgesetzt war. Daß nämlich kein solches Ding als eine Hebamme von irgendeiner Art zu finden war, der Fall mochte so dringend sein, als er wollte. Man mußte erst sechs oder sieben lange Meilen danach reiten, welche besagte sieben lange Meilen bei finsteren Nächten und bösen Wegen, da der Boden in der Gegend umher aus zähem Lehm bestand, ebenso gut waren als vierzehn und dieses zuweilen ebensoviel hieß als gar keine Hebamme haben. So hatte die Frau Pfarrer den Einfall, daß es ein ebensowohl angebrachter Dienst für das ganze Kirchspiel als für die arme Frau selbst sein würde, wenn man sie ein wenig in den Anfangsgründen der Kunst unterweisen ließe, damit sie hernach Hebamme des Kirchspiels werden könnte. Da keine Frau in der ganzen Gegend geschickter war, ihren entworfenen Plan auszuführen, so übernahm es die Frau Pastor christlicherweise. Und sie vermochte über die weibliche Hälfte der Pfarrkinder soviel, daß sie ihn ohne Schwierigkeit nach allem Herzenswunsch ausführte. In der Tat half auch in dieser Sache der Pfarrer seiner Frau mit seinem ganzen Ansehen. Um in der gehörigen Ordnung zu Werke zu gehen und dem guten Geschöpfe ein ebenso gutes Recht zur Ausübung durch die Gesetze zu geben, als ihr seine Frau durch Unterweisung gegeben hatte, -- bezahlte er mit Freuden aus seiner eigenen Tasche das Geld für den Freiheitsbrief vom Landphysikus, welches sich überhaupt ungefähr auf einen Louisdor belief. So wurde die gute Frau unter vier Augen völlig in den wahren und körperlichen Besitz ihres Amtes eingesetzt mit allen seinen Rechten, Artikeln und Gefällen, wie sie auch immer Namen haben mochten.

Diese letzten Worte, müssen Sie wissen, standen nicht in dem alten Formular, nach welchem gewöhnlich solche Freiheitsbriefe und Vollmachtsscheine lauteten, sondern waren aus einem netten Formularbuche des Didius eigener Erfindung genommen, welcher, aus einer besonderen Gabe, alle dergleichen Instrumente zu zerstückeln und von neuem zusammenzufügen, nicht allein diese herrliche Verbesserung ausersann, sondern auch mancher von den alten privilegierten Matronen in der Nachbarschaft den Mund so wässerig machte, daß sie ihren Freiheitsbrief auffrischen ließ, um diesen seinen Bimbam beigefügt zu haben.

Ich gestehe, ich habe Didius wegen dieser Art von seinen Einfällen niemals beneiden können; aber laß jedermann seinen besonderen Geschmack. -- Fand nicht +Dr.+ Kunastrokius, dieser große Mann, in müßigen Stunden darin das größte erdenkliche Vergnügen, daß er Eselsschwänze klar kämmte und die tauben Haare mit seinen Zähnen ausrupfte, obgleich er beständig die Haarzange bei sich in der Tasche trug? Ja, weil Sie doch einmal daraufkommen, mein Herr, hatten nicht die weisesten Männer zu allen Zeiten, Salomo selbst nicht ausgenommen, ihre Steckenpferde, ihre Wettrenner, ihre Münzsammlung, ihre Konzilien, ihre Trommeln, ihre Trompeten, ihre Geigen, ihre Paletten, ihre chinesischen Porzellanfiguren, ihre Schmetterlinge? Solang' ein Mann sein Steckenpferd auf der Heerstraße ruhig und friedsam fortreitet und weder Sie noch mich zwingen will, mit ihm zu reiten, -- ich bitte Sie, mein Herr, was geht es Sie oder mich an?

[Illustration]