Chapter 6 of 11 · 3565 words · ~18 min read

Sechstes Kapitel.

Der hypothekarische Gläubiger und der hypothekarische Schuldner denken über die Länge der Zeit in Geldsachen nicht verschiedener als der Spötter und der Ausgespottete über die Länge des Gedächtnisses. Doch hierin geht das Gleichnis unter ihnen, wie die Scholasten es nennen, auf allen vieren, was, im Vorbeigehen anzumerken, auf einem oder zweien Füßen mehr ist, als sich einige der besten im Homer rühmen können. Der eine trägt eine Summe, der andere ein Gelächter auf Kosten eines Dritten davon und denkt nicht weiter daran. -- In beiden Fällen gleichwohl laufen die Interessen in die Höhe. Der festgesetzte oder zufällige Zahlungstag dient nur gerade dazu, die Sache nicht völlig ins Vergessen kommen zu lassen, bis endlich, zu einer bösen Stunde, der Gläubiger zu beiden kommt, auf der Stelle sein Kapital mit den vollen Interessen bis auf den letzten Tag fordert und beide die Gültigkeit ihrer Obligationen in ihrer ganzen Ausdehnung fühlen läßt.

Da der Leser (ich kann die Wenns nicht leiden) eine gründliche Kenntnis der menschlichen Natur hat, so brauche ich nichts mehr zu sagen, um ihn zu überzeugen, daß mein Held es nicht lange so forttreiben konnte, ohne eine oder die andere kleine Erfahrung zu machen. Die Wahrheit zu gestehen, hatte er sich üppigerweise in eine Menge kleiner Buchschulden von diesem Schlage verwickelt, welche er, ungeachtet Eugenius' häufiger Warnung, zu sehr auf die leichte Achsel nahm. Er meinte, da er keine einzige davon aus böser Absicht gemacht, sondern vielmehr aus sehr redlichem Herzen und aus bloßer aufgeräumter Gemütsart, so würden sie sich alle bei Gelegenheit von selbst tilgen.

Eugenius wollte ihm das niemals zugeben und sagte oft zu ihm, daß man ihm ein oder des andern Tages die Rechnungen gewiß einschicken würde, und zwar, fügte er oft mit einem traurigen, ahnungsvollen Tone hinzu, wird man weder Pfennig noch Heller vergessen, worauf Yorick nach seiner gewöhnlichen Sorglosigkeit des Herzens mit einem: »Warum nicht gar?« zu antworten pflegte, und fiel das Gespräch im freien Felde vor, mit einem Linksumkehrt, einem Vor- oder Seitensprunge statt der Antwort. War er aber beim geselligen Kamine, in einer Ecke hinter einem Tische und ein paar Lehnstühlen eingeschlossen, wo der arme Sünder stichhalten mußte und nicht so leicht davonwischen konnte, -- dann fuhr Eugenius mit seiner Klugheit in ungefähr folgenden Worten fort, die aber ein wenig besser zusammengefügt waren:

»Glaube mir, lieber Yorick, diese deine unvorsichtige Scherzhaftigkeit wird dich früher oder später in solche Schlingen verwickeln, aus welchen dich kein Nachwitz wird losmachen können. -- Bei diesen Angriffen seh' ich's zu oft, daß der Mann, über den gelacht wird, sich in dem Lichte einer beleidigten Person betrachtet, mit allen den Rechten, die ihm in einer solchen Lage zustehen. Und wenn du ihn ebenfalls in diesem Lichte betrachtest und seine Freunde, seine Angehörigen, seine Verwandten und Bundesgenossen zusammenrechnest und die vielen Rekruten mit in die Glieder stellst, die sich aus Besorgnis einer gemeinschaftlichen Gefahr in seinem Dienst werden anwerben lassen, dann ist es keine übertriebene Rechnung, wenn man sagt, für jede zehn spitzige Einfälle hast du dir hundert Feinde erkauft, du willst es nicht glauben, bis du so weit gekommen bist, daß dir das aufgerührte Wespennest um die Ohren summt und dich halbtot gestochen hat.

Ich kann von dem Manne, den ich hochachte, nicht argwöhnen, daß ihn der kleinste Sporn von Milzsucht oder menschenfeindlicher Absicht zu diesen Angriffen reize. Ich glaube und bin überzeugt, sie sind unschuldig und bloß als Scherz gemeint. Aber bedenke es wohl, lieber Junge, Narren können den Unterschied nicht einsehen, und -- Buben wollen nicht. Du weißt nicht, was es heißt, den einen zu zerren oder mit dem andern zu tändeln! Wo sie sich jemals zu gemeinsamer Verteidigung zusammentun, so, glaube mir, werden sie den Krieg gegen dich auf eine solche Art führen, mein liebster Freund, daß du seiner und deines Lebens dazu herzlich satt werden wirst.

Die Rachsucht wird aus einem giftigen Winkel ein ehrenrühriges Märchen gegen dich richten, welches weder Unschuld des Herzens noch Unsträflichkeit des Wandels abwehren wird. Die Glückseligkeit deines Hauses wird erschüttert, dein guter Leumund, worauf sie ruht, allenthalben verwundet, deine Redlichkeit in Zweifel gezogen, deine Taten belogen, dein Witz vergessen, deine Gelehrsamkeit mit Füßen getreten, und, um dir den letzten Auftritt deines Trauerspiels vor die Augen zu bringen: Grausamkeit und Feigheit, zwei Zwillings-Raufbolde, die als Mietlinge der Bosheit im Finstern schleichen, werden zugleich deine Schwachheiten und Irrtümer bestürmen. -- Der beste von uns, mein teuerster Kumpan, gibt hier Blößen. Und glaube, glaube mir, Yorick, wenn es einmal, eine besondere Lust zu büßen, beschlossen ist, daß ein hilfloses unschuldiges Tier geopfert werden soll, so ist es leicht, in jedem grünen Gebüsche, wohin es sich verirret hat, genug trockenes Reisholz zum Feuer zu finden, worauf es verbrannt werde.«

Yorick hörte diese traurige prophetische Rede fast niemals vorsagen, oder es stahl sich eine Träne aus seinem Auge, welche ein versprechender Blick begleitete, daß er fürs künftige entschlossen sei, seinen Klepper mit mehr Mäßigung zu reiten. -- Aber, leider! zu spät! -- Eine große Verschwörung tat sich zusammen, noch ehe sie zum erstenmal geweissagt war. Der ganze Plan zum Angriff ward, gerade wie Eugenius vorhergesagt, auf einmal zur Ausführung gebracht. Mit so wenig Schonung von Seiten der Verbündeten und so wenig Argwohn von Seiten Yoricks von dem, was gegen ihn geschmiedet wurde, daß, als der gutherzige Mann dachte, seine sichere Amtsbeförderung stände in voller Reife, sie ihn an der Herzwurzel angegriffen hatten. So fiel er, wie mancher würdige Mann vor ihm gefallen war.

Yorick betrug sich anfangs eine Zeitlang mit aller ersinnlichen Tapferkeit, bis er, der Anzahl über und endlich des Elends des Krieges überdrüssig, am meisten aber der ungroßmütigen Art, womit er geführt wurde, satt, das Schwert aus der Hand legte. Ob er gleich dem Anschein nach bis auf den letzten Augenblick den Mut nicht sinken ließ, starb er dennoch, wie man überall überzeugt war, vor Kummer und Gram.

Was den Eugenius zu ebender Meinung brachte, war folgendes:

Wenige Stunden, ehe Yorick seinen Geist aufgab, ging Eugenius zu ihm, in der Absicht, ihn noch einmal zu sehen und den letzten Abschied von ihm zu nehmen. Wie er Yoricks Vorhang aufzog und ihn fragte, wie er sich befinde, sah ihm Yorick ins Gesicht, faßte ihn bei der Hand, und nachdem er ihm für so manchen Beweis seiner Freundschaft gedankt hatte, wofür, wenn es ihr Schicksal wollte, daß sie sich künftig wieder antreffen sollten, er ihm immer mehr und mehr danken wollte, und sagte zu ihm, in ein paar Stunden würde er seinen Feinden auf ewig das Nachsehen lassen. -- »Das hoffe ich nicht,« antwortete Eugenius mit dem zärtlichsten Tone, in dem jemals ein Mann gesprochen hat, wobei ihm die Tränen die Wange herabrollten. »Das hoffe ich nicht, Yorick,« sagte er. Yorick antwortete mit einem in die Höhe gerichteten Blicke und mit einem sanften Drucke, den er Eugenius' Hand gab, und mit sonst nichts. Aber es ging Eugenius durchs Herz. -- »Komm, komm, Yorick,« erwiderte Eugenius, indem er sich die Augen wischte und sich wie ein Mann zu fassen suchte, »sei wohlgemut, mein lieber Bruder. Laß nicht allen Mut und Standhaftigkeit in dieser Stunde der Prüfung sinken, wo du ihrer am meisten bedarfst. Wer weiß, was für Hilfe noch vorhanden ist und was Gottes Macht noch für dich zu tun vermag?« -- Yorick legte seine Hand auf sein Herz und schüttelte sanft den Kopf. »Ich muß dir sagen,« fuhr Eugenius fort und weinte bitterlich, als er die Worte sprach, »ich weiß nicht, wie ich's aushalten soll, mich von dir zu trennen, Yorick, und möchte gern meiner Hoffnung schmeicheln, daß noch genug von dir übrig sei, einen Bischof daraus zu machen, und daß ich das noch erleben werde.« -- »Ich bitte dich, Eugenius,« erwiderte Yorick, und nahm, so gut er konnte, mit seiner linken Hand die Schlafmütze vom Kopfe, weil er seine rechte noch immer fest in Eugenius' seiner liegen hatte, »ich bitte dich, siehe mein Haupt an!« -- »Ich seh' nicht, daß es ihm etwas schadet!« versetzte Eugenius. »Ach, mein Freund,« sagte Yorick, »so muß ich dir sagen, daß es so zerschlagen, so mißhandelt ist von den Streichen, welche mir so unsanft im Finstern versetzt wurden, daß ich mit Sancho-Pansa sagen möchte, wenn ich wieder aufkäme: ›und sollten denn auch Bischofshüte vom Himmel regnen, so dicht wie Hagel, es würde doch keiner darauf passen‹.« -- Yoricks letzter Atem schwebte auf seinen zitternden Lippen, in völliger Bereitschaft zu entfliehen, als er dieses hervorbrachte. Dennoch brachte er's mit einem eigentümlichen Tone hervor, und wie er's sprach, konnte Eugenius einen Strom sanften Feuers bemerken, das sich auf einen Augenblick in seinen Augen entzündet hatte. Schwaches Gemälde von jenen Blitzen des Witzes, welche, wie Shakespeare von Yoricks Ahnherrn sagt, gewohnt waren, den Tisch zu lautem Gelächter zu zwingen.

Eugenius ward hierdurch überzeugt, daß der Gram seines Freundes Herz gebrochen habe; er drückte ihm die Hand -- ging leise aus dem Zimmer und weinte, wie er ging. Yorick folgte ihm mit den Augen bis zur Türe. Darauf schloß er sie -- und öffnete sie nie wieder.

Er liegt begraben in einer Ecke seines Kirchhofes, in dem Kirchdorfe unter einem kunstlosen, platten Marmorstein, den sein Freund Eugenius mit Erlaubnis seiner Exekutores über sein Grab legte, mit nicht mehr als diesen drei Worten einer Inschrift, welche als Grab- und Klageschrift dient:

»Ach, armer Yorick«

Zehnmal des Tages hat Yoricks Geist den Trost, seine Gedächtnisschrift mit einer solchen Mannigfaltigkeit von klagenden Tönen lesen zu hören, welche Mitleid und Hochachtung für ihn anzeigen. Da ein Fußsteig über den Kirchhof, dicht an der Seite des Grabes vorbeiführt, so geht kein Fußgänger vorüber, der nicht einen Augenblick verweilt, einen Blick daraufwirft und im Weitergehen seufzt: Ach armer Yorick!

[Illustration]

Siebentes Kapitel.

Eher wollte ich mich unterstehen, das schwerste Problem in der Geometrie zu lösen, als auf mich zu nehmen, zu erklären, wie ein Mann von meines Vaters vielem und richtigem Verstande, belesen, und zwar kritisch in philosophischen Sachen, dabei weise in politischen Anschlägen und in der Polemik, wie er sehen wird, gar nicht unwissend, fähig sein konnte, eine Meinung in seinem Kopfe zu unterhalten, die soweit von allen gewöhnlichen abwich, daß ich besorge, der Leser, wenn ich ihm solche sage, wofern er nur wenig cholerischen Temperaments ist, werde den Augenblick das Buch beiseite werfen. Ist er sanguinisch, so wird er herzlich darüber lachen, und ist er von der ernsthaften und strengeren Gattung, so wird er solche beim ersten Anblicke, ohne Gnade, als phantastisch und ausschweifend verdammen. Es ist seine Meinung, über die Wahl und Beilegung der Taufnamen, worauf nach seiner Ansicht weit mehr ankäme, als solche Leute, die nur oberflächlich denken, zu begreifen fähig wären. -- Seine Meinung in diesem Punkte war, daß es eine sonderbare Art von magischer Kraft gäbe, welche gute oder böse Namen, wie er sie nannte, unserm Charakter und unserer Aufführung unwiderstehlich eindrückten.

Cervantes' Held konnte seinen Punkt nicht ernsthafter behaupten, noch es ernstlicher meinen oder mehr erzählen von der Macht der Zauberer, die seine Taten mit Schande befleckten, oder von dem Namen seiner Dulcinea, der sie mit Ehre bekrönte, als mein Vater von den Namen Trismegistus oder Archimedes auf der einen Seite oder von Nyky und Simkin auf der anderen vorzubringen hatte. Wie manche Cäsars und Pompejen, pflegte er zu sagen, sind durch bloßen Einfluß der Namen ihrer unwürdig geworden! Und wie manche gibt es, fügte er hinzu, die ungemein viel Gutes in der Welt gestiftet haben möchten, wäre ihr Charakter und Mut nicht gänzlich unterdrückt worden.

Ich seh's Ihnen deutlich an den Augen an, oder wie es sonst traf, sagte wohl mein Vater, daß Sie dieser meiner Meinung nicht von Herzen beitreten, welche für diejenigen, fügte er hinzu, die sie nicht sorgfältig bis auf den Grund gesichtet haben -- ich gestehe es --, mehr das Ansehen einer Grille als eines geprüften Satzes haben mag. Dennoch, mein lieber Herr, wenn ich mir nicht zuviel einbilde, Ihren Charakter zu kennen, so bin ich moralisch gewiß, ich würde nicht wagen, Ihnen eine Sache vorzulegen, nicht als einem, der Teil am Streit nimmt, sondern als einem Richter, auf dessen Einsichten und unparteiische Entscheidung ich mich bei meiner Appellation in dieser Sache sicher verlassen kann. -- Sie sind eine, von vielen eingeschränkten Vorurteilen der Erziehung so freie Person wie wenige Menschen, und wenn ich's wagen darf, noch tiefer in Sie zu dringen, von einer Großmut des Geistes, die es verschmäht, eine Meinung bloß deswegen zu verwerfen, weil ihr Anhänger fehlen. Ihren Sohn! Ihren geliebten Sohn, von dessen sanftem und aufgeräumtem Naturell Sie soviel zu erwarten haben, Ihr Fritzchen, mein Herr! wollten Sie ihn um alles in der Welt wohl Judas haben taufen lassen? Möchten Sie wohl, lieber Freund, fuhr er fort, indem er ihm mit der sanftesten Art seine Hand auf die Brust legte, -- und mit dem Schmeichelnden und unwiderstehlichen Piano der Stimme, welche das +Argumentum ad hominem+ seiner Natur nach erheischt, möchten Sie, mein Herr, wenn ein Jude den Namen für Ihren Sohn vorgeschlagen und Ihnen dabei seine Geldsäcke angeboten hätte, möchten Sie wohl in eine solche Entweihung Ihres Sohnes gewilligt haben? O, mein Gott, sagte er dann, wenn ich Ihr Gemüt recht kenne, ist Ihnen das unmöglich. Sie hatten das Anerbieten mit Füßen getreten. Mit Abscheu hätten Sie die Versuchung an den Kopf des Versuchers geworfen.

Ihre Seelengröße bei dieser Tat, die ich ebenso wie die uneigennützige Verachtung des Geldes bewundere, die Sie bei diesem ganzen Vorfalle an den Tag legen, ist wirklich edel, und wodurch sie solches noch mehr wird, ist das Prinzip, woraus sie entspringt: Wirkungen der Liebe eines Vaters, nach der Wahrheit und Überzeugung von ebendieser Hypothesis, nämlich: wäre Ihr Sohn Judas getauft worden, die habsüchtige und verräterische Idee, die von dem Namen so unzertrennlich ist, würde ihn sein ganzes Leben durch wie ein Schatten verfolgt und ihn zuletzt, trotz Ihrem Beispiele, Herr, zu einem Schabhals und Schurken gemacht haben.

Ich habe noch keinen Menschen gekannt, der auf ein solches Argument zu antworten vermochte. -- Wirklich, aber auch von meinem Vater die Wahrheit zu sagen: -- er war unwiderstehlich, beides im Verstehen und Disputieren. Er war zum Redner geboren. Überredung hing an seinen Lippen, und die Elemente der Logik und Rhetorik waren dergestalt durch ihn verwebt, und ganz besonders wußte er so schnell und Schlau die Schwachheiten und Leidenschaften seiner Gegner aufzufinden, daß die Natur selbst ihr Votum geben würde: dieser Mann ist beredt. Kurz, mein Vater mochte recht oder unrecht haben, es war in beiden Fällen viel gewagt, ihn anzugreifen. Und dennoch, es ist wunderbar, hatte er niemals weder den Cicero noch Quintilian +de oratore+ noch Isokrates noch Aristoteles oder Longinus unter den Alten, noch den Vossius noch Scioppius noch Ramus noch Farnabius unter den Neueren gelesen, und was noch mehr zum Erstaunen ist, so war in seinem ganzen Leben kein Strahl oder Funke von Subtilität dadurch in seine Seele gebracht worden, daß er etwa ein Kollegium über irgendeinen niederländischen Logiker oder Kommentator gehört hätte. Er wußte nicht einmal, worin der Unterschied zwischen einem Argument +ad ignorantiam+ und +ad hominem+ bestünde --, so daß ich mich recht gut erinnere, als er mit mir hingereist war, mich im Jesuiterkollegio zu N. einschreiben zu lassen, wie mein würdiger Lehrer und zwei oder drei andere Mitglieder dieser gelehrten Sozietät sich höchlich wunderten, daß ein Mann, der nicht einmal die Namen seiner Werkzeuge kannte, dennoch so behende damit arbeiten könnte.

Damit so gut, als er nur immer konnte, zu arbeiten, dazu ward mein Vater indessen unaufhörlich gezwungen; denn er hatte wohl tausend kleine skeptische Ideen von der komischen Gattung zu verfechten, -- wovon die meisten, wie ich fest glaube, sich anfangs bloß als sonderbare Einfälle und als vive la bagatelle einschlichen. Mit ihnen mochte er dann wohl eine halbe Stunde oder so seinen Spaß treiben, und nachdem er seinen Witz an ihnen geschärft hatte, sie bis auf ein andermal abtreten lassen.

Ich führe dieses nicht bloß als eine Hypothese oder Mutmaßung über das Emporkommen und die Einnistung von meines Vaters sonderbaren Meinungen an, sondern als eine Warnung für den gelehrten Leser gegen die unvorsichtige Aufnahme solcher Gäste, welche, nachdem sie einige Jahre lang in unserem Gehirn haben ungehindert und frei aus und ein gehen dürfen, endlich gar als Einheimische betrachtet sein wollen. Einige Zeit arbeiten sie, als Spielten sie nur Pfand; aber gemeiniglich wird wie bei einem verliebten Paare aus Pfandwechseln Handwechseln.

Ob das mit meines Vaters sonderbaren Meinungen der Fall war, oder ob endlich sein Witz seinem Verstande einen blauen Dunst vormachte, -- oder wiefern er in einigen seiner Meinungen, so sonderbar sie schienen, völlig recht haben mochte, das soll der Leser an Ort und Stelle entscheiden. Hier behaupte ich weiter nichts, als daß es mit dieser einen über den Einfluß der Taufnamen sein ganzer Ernst war. Er war systematisch und gleich allen Systematikern hätte er Himmel und Erde bewegt und jedes Ding in der Schöpfung gereckt und gezerrt, um es seiner Hypothese anzupassen. Kurz, ich sage es noch einmal, es war sein Ernst, und demzufolge konnte er alle Geduld verlieren, wenn er Leute, besonders Leute von Stande sah, die es hätten besser wissen sollen, die sich ebensowenig oder noch weniger darum bekümmerten, wie ihr Kind genannt werden sollte, als um die Wahl eines Namens für ihren Schoßhund, ob Ponto oder Cupido.

Das, sagte er, stünde sehr schlecht. Wenn einmal ein schlechter Name mit Unrecht und Unbedacht gegeben worden, so ginge es nicht, wie in dem Falle, da eines Mannes guter Leumund verunglimpft worden, der wieder verglimpft werden könnte. Da wäre es möglich, daß der, wenn nicht bei Lebzeiten des Mannes, wenigstens nach seinem Tode wieder gerettet würde. Bei dem andern aber, sagte er, ließe sich das geschehene Übel niemals wieder gutmachen. --

Es war merkwürdig, daß, obgleich mein Vater, dieser Meinung gemäß, wie ich Ihnen gesagt habe, gegen gewisse Namen die stärkste Zuneigung oder Abneigung hatte, es dennoch Namen gab, weiche auf der Wagschale vor ihm so eben schwebten, daß sie ihm völlig gleichgültig waren. Jack, Dick und Tom waren in dieser Klasse. Diese nannte mein Vater neutrale Namen und behauptete von ihnen ohne Satire, daß es von Anbeginn der Welt her wenigstens ebenso viele Schurken und Narren gegeben wie gute und kluge Männer, die solche Namen ohne Unterschied geführt hätten. Indem sie so als gleiche Kräfte in entgegengesetzter Richtung aufeinander wirkten, hoben sie nach seiner Meinung ihre Wirkungen wechselweise auf, aus welcher Ursache er, wie er oft erklärte, keinen Kirschkern für die Wahl unter diesen hingeben möchte. Bob, so hieß mein Bruder, war ein anderer von dieser neutralen Gattung von Taufnamen, welche weder auf die eine noch andere Seite wenig wirkten; und da sich mein Vater zu Epsom befand, als er ihm gegeben ward, so dankte er oft dem Himmel, daß es kein schlimmerer wäre. Andreas kam ihm fast vor wie eine negative Größe in der Algebra. Er sei schlechter, sagte er, als nichts. Der Name Wilhelm war bei ihm in hohem Ansehen, Numps wieder weniger und Ruprecht, sagte er, sei gar des Teufels.

Allein, unter allen Namen in der weiten Welt hatte er den unbezwinglichsten Widerwillen gegen Tristram. -- Von keinem Dinge auf dem Erdboden hatte er einen niedrigeren und verächtlicheren Begriff, indem er glaubte, er könne unmöglich +in rerum natura+ etwas anderes hervorbringen, als was höchst gemein und elend wäre. Ja, mitten in einem Disput über den Punkt, worin er nicht selten ganz von ungefähr verwickelt wurde, brach er oft voll Feuer plötzlich ab, stieg eine Terze und zuweilen eine ganze Quinte über den Grundton seiner Rede hinauf und fragte seinen Gegner kategorisch, ob er's auf sich nehmen wolle, zu sagen, er habe sich jemals erinnert, habe jemals gelesen oder habe jemals erzählen gehört von einem Menschen, der Tristram geheißen, daß er etwas Großes oder Andenkenswertes verrichtet? -- Nein, pflegte er zu sagen, Tristram! 's ist eine Unmöglichkeit!

Was konnte meinem Vater mehr fehlen, als ein Buch zu schreiben, um diese seine Meinung der Weit mitzuteilen? Sehr wenig Genuß bringt es dem spekulativen Kopfe, seine Meinung allein zu haben, wenn er sie nicht zu Markte bringen darf. Gerade das war's, was mein Vater tat; denn im Jahre 1716, zwei Jahre vor meiner Geburt, machte er sich darüber her und schrieb ausführliche Dissertationen über das einzige Wort Tristram, worin er der Welt mit vieler Aufrichtigkeit und Bescheidenheit die Gründe seines großen Abscheus gegen diesen Namen vor Augen legte.

Wenn diese Erzählung mit dem Titelblatte verglichen wird, wird dann nicht der gutherzige Leser meinen Vater von Herzen bedauern? Wird es ihn nicht schmerzen, sehen zu müssen, wie einem ordentlichen, gutgesinnten Manne, der zwar sonderbare, aber doch unschädliche Meinungen hegt, dergestalt von Widerwärtigkeiten mitgespielt worden ist, und wenn er ihn auf dem Schauplatze erblickt, wo ihm alle seine kleinen Systeme und Wünsche über den Haufen geworfen und vereitelt werden, wenn er einen Troß von Zufällen beständig auf ihn zustürmen sieht, und zwar auf eine so abgemessene und grausame Weise, als ob's ausdrücklich darauf angelegt wäre, seine Spekulationen zu verspotten? mit einem Worte: wenn er so einen Mann in seinen alten Tagen, die nicht für Kummer und Sorgen gemacht sind, zehnmal täglich an seinen Schmerz erinnert sieht, wie er zehnmal an einem Tage sein vom Himmel erflehtes Kind Tristram rufen muß? -- Melancholischer zweisilbiger Klang, der in seinen Ohren mit Claasklump oder jedem andern Spottnamen unter der Sonne im Einklang steht! -- Bei seiner Asche schwöre ich's! hat jemals ein boshafter Geist sich ein Vergnügen oder Geschäft daraus gemacht, die Vorsätze eines Sterblichen zu vereiteln, so muß es hier gewesen sein, und wäre es nicht notwendig, daß ich erst geboren sein müßte, ehe ich getauft werden kann, ich gäbe den Augenblick dem Leser Nachricht davon.

[Illustration]