Part 1
Anmerkungen zur Transkription
Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:
gesperrt: ~Tilden~ Antiqua: _Unterstriche_
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[Illustration: Die bunte Reihe der Deutschen Buchwerkstätten]
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Die Kauzburg
Roman aus dem Tagebuch eines Freundes von Hans Kaboth
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Verlag Deutsche Buchwerkstätten Dresden
~Alle Rechte vorbehalten / Copyright 1925 by Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden~
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Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co., Altenburg, Thür. ~Buchausstattung von Käte Vesper-Waentig~
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Da bin ich nun in meiner neuen Heimat. Was sag’ ich: Heimat? .... In meiner neuen Fremde bin ich. Ein kleines Städtchen ist’s, an einem Fluß gelegen, hoch wie ein Storchennest.
In meinem Forsthause sitze ich nun und schreibe. Zum erstenmal in dieses Tagebuch, seit ich hier bin.
Es gab mit dem Einrichten so viel zu tun, daß ich nicht zum Schreiben kam.
Dazu noch der neue Dienst — kurzum, es kam nicht dazu. Noch ist mir alles so neu, so seltsam, daß ich mich an der Nasenspitze zupfen und fragen möchte: ist’s ein Traum oder ist’s Wirklichkeit?
Ist’s Wirklichkeit, daß mein Forsthaus ein altes ritterliches Ordenshaus, eine echte, aus dicken Steinmauern vor einigen hundert Jahren erbaute Burg ist, oder träume ich nur?
Der Fluß rauscht tief unter den Mauern meiner ritterlichen Forstburg vorbei und läßt die Fische springen, ein Käuzlein ruft sein Huhu und streicht unhörbar wie ein Geist — vielleicht der Geist eines einstigen Ritters oder Mönchs — ums Mauerwerk meiner Burg. Täuscht mich nicht alles, so hör’ ich den Forstlehrling schnarchen in seinem Kämmerlein. Der Hahn hat soeben gekräht. Mein Haushahn ist’s, ein echter Italiener. Ein Hund hat gebellt. Der Nachtrat tutet die Mitternacht ein und schlürft die Straßen des Städtleins hinab. Ein Duften, ganz weich und linde, zieht in mein offenes Fenster; »’s ist Frühling«, ruft es mir zu, die roten Mauerrosen ranken am steinernen Tor, an der steinernen Mauer, die meinen Garten umschließt. O Waldkauz, ich fühle dir nach, warum du des Nachts die Mäuslein fängst und den Tag verschläfst! Es steckt Poesie in einer solchen Vollmondnacht! Poesie steckt auch in meiner Forstburg, und das versöhnt mich mit dem alten Gemäuer.
Mit Waldkauzgefühlen, Waldkauzaugen betrachte ich den alten Kasten, betrachte ich die Mäuse, die ungeniert um meinen Schreibtisch tanzen.
Es ist Vollmondnacht, und unten, tief unten rauscht der Fluß vorbei. Wenn seine Flut an die hohen Steinpfeiler der großen Brücke drängt, dann rauscht diese Flut zürnend auf, dann wirft sie silbernen Brodel und silbernes Geschäum, wie ein Roß, das in den Zügeln schäumt. Ich kann’s von hier oben sehn. Ich kann den Spiegel des Flusses sehn, kann sehn, wie er glänzt und gleißt unter den hellen, sanften Strahlen des Vollmonds, der dort hoch oben im Nachthimmel hängt und langsam weiterschwebt. Mit einem milden Lächeln. Er ist erhaben über das kleine Weh der kleinen Mutter Erde. Er weint nicht mit, wenn Mutter Erde weint, nicht mit, wenn ihre Kleinen weinen. Er lächelt ewig, ewig sein gleiches Lächeln. Manchmal mit vollem Gesicht, manchmal nur mit der linken oder rechten Backe. Auch das ist schon genug, um sich an ihm zu erfreuen. Um ihm heraufzurufen: sei gegrüßt, Freund Mond, du einsamer Kauz dort oben! Lächle herab auf dieses kleine Städtlein, lächle herab auf meine Forstburg hier. Du gehörst zu solcher alten Burg, zu solchem Garten mit tausendjährigen Bäumen, mit aufgetürmtem und verwestem Laube, zu solcher Steinmauer und solchem Steintor, in dessen Wölbung es hohl klingt, schreitet man hindurch.
Wie ward mir zumute, als ich das erstemal durch diese Steinwölbung schritt.
Kalt wehte es mich an aus all dem Steinwerk längst vergangener Zeit.
Als sich der schwere eiserne Torflügel krachend hinter mir schloß, da schien’s mir, als brächen sich tausend dumpfe Stimmen im dröhnenden, dumpfen Widerhall. »Eingesargt, lebend begraben«, höhnten die Stimmen, »laß alles hinter dir, was du liebst und haßt«, tönte es aus der großen Halle des Hauses, »ich halte dich fest und gebe dich nicht mehr heraus«, hauchte mich kalt der Atem des toten Ritters an, der zwischen zwei Mauern dieses Hauses seit dreihundert Jahren stehen soll, selbst zu Stein geworden. »Huhu, huhu«, schrien die beiden Käuzlein, die ich aus ihrem Schlafe aufscheuchte — »verdammtes Gezücht!«, schimpfte ich und schwang meinen Jägerhut von der feuchten Stirn, »Otterngezücht und Raubgesindel, laßt mich zufrieden! Ein Jäger bin ich, ein Grünrock, leben will ich noch hundert Jahre. Der Wald wird mich schützen, mein grüner Rock wird meine Schutzhülle sein, auch hier in diesem alten Steingemäuer, das nun mein Forsthaus werden soll!« Aber mein Herz sprach anders als mein Mund. Auf mein Waldherz legten sich all die schweren, großen Steine und Steinplatten dieses alten Ritterbaues. »Mein Gott, das soll ein Forsthaus sein?« sprach des Jägers Herz und zog sich zusammen, »rings um den Garten eine hohe Mauer aus Steinen, die Titanen zusammengefügt zu haben scheinen?« Vor mir die Steinburg selber, aus deren Halle mir’s wie dumpfe Grabluft entgegenwehte, links neben der Burg ein Steinbau, hoch genug, daß man nicht darüber äugen konnte, — er wölbte sich — wie die Städter behaupten — über dem unterirdischen Gange, der von hier aus unter der Stadt hindurch, den Abhang hinab bis ans Flußbett der Eder sich ziehen sollte, im Garten der zugeschüttete, kreisrunde Brunnen, von dem der Steinring noch stand. Hinter der Wohnburg der wildromantische Hauptgarten mit seinem schier undurchdringlichen Gestrüpp und tausendjährigem Baumwuchs, und hinter dem Garten, als Abschluß von aller Außenwelt, die unheimlich hohe und wie ein Pfeil nach oben zugespitzte Seitenmauer des einstigen Ritterschlosses. »Ein Mönch müßte ich sein, kein Grünrock, dann paßte ich hierher«, seufzte ich auf und trat durchs hohe Hausportal in den großen Flur.
Eine steinerne Treppe führte nach oben.
Ich stieg hinauf und stand nun oben in den leeren hohen Stuben. Winzige Türen führten von einem Raume in den andern. Um so winziger sahen die Türen aus, da sie fast sechs Meter hohe Stuben miteinander verbanden.
Das erste lebende Wesen, das mir hier oben entgegensprang, war eine Maus. Eine dicke, fette Maus. Neugierig sah sie mich mit ihren blanken Augen an. Furchtlos blieb sie mitten in der Stube vor mir sitzen. Ich war der Eindringling, sie die Bewohnerin. Meinen grünen Jagdhut zog ich vom Kopf, wie sich’s gehört vor solcher Ordensmaus: »Verzeih’ die Störung, ahnenreiche, vornehm geborene Maus, ich bin der neue Oberförster, der sein Forsthaus besichtigt, und morgen kommen die Möbel«, sagte ich frischweg, um ihr gleich klarzumachen, worum es sich handelt. Sie schwieg und sah mich neugierig mit blanken Mausaugen an.
»Du bist erstaunt, teure Maus«, fuhr ich fort, »ich sehe es deinen Augen an, die mich neugierig mustern, wie man einen Weinreisenden mustert, der zum ersten Male unser Haus betritt. So wisse denn, daß ich nicht weniger erstaunt bin, dich hier zu sehen. Leer glaubte ich dies Haus zu finden, nun finde ich’s bewohnt von unten bis oben. Unten in der Halle glühten mich die Augen einiger Waldkäuze, die ich aus ihrem Schlafe weckte, nicht gerade freundlich an, hier oben finde ich dich mit deiner anscheinend recht zahlreichen Familie vor, denn wie ich sehe, äugt aus jedem Mauerloch ein zierliches Mausköpflein nach mir hin, und oben im Dachgeschoß sitzt ein Volk von Tauben, ich hörte sie beim Hinaufsteigen gurren und locken und sah sie flattern und fliegen.« — — —
»Teure Maus,« fuhr ich nach einigem Zögern fort, da sie noch immer schwieg, »nimm von mir die Versicherung entgegen, daß ich die alten Rechte der bisherigen Bewohner, soweit es geht, respektieren werde. Euch, werte Mäuse: die Löcher, mir: der übrige Raum des Hauses! So begrüße ich dich denn als die Vertreterin des mir teuren Mausgeschlechtes, mit dem ich mich schon von meinen früheren forstlichen Wanderungen her in alten Forstwirtshäusern, Förstereien und Waldwärtereien, Jagdhütten und Jagdverstecken freundschaftliche Beziehungen verknüpfen. Freundschaft wollen wir halten, solange ich hier hausen werde, und daß von eurer Seite diese Freundschaft, die ich euch entgegenbringe, nicht zu sehr ausgenutzt wird, dafür, teure Maus, wird der Waldkauz sorgen, der mich besuchen kommt.« Das schien ihr unangenehm zu sein; die Diele knarrte unter meinem Fuß: husch, husch, waren alle Mäuse verschwunden.
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So nehme ich denn Besitz von diesem Hause. Ich, der Grünrock, von der einstigen Ordensburg. »Kauzburg« will ich sie nennen. Bleibt ruhig wohnen hier, ihr Käuze, Mäuse und Tauben. Schränkt euch ein wenig ein in eurer Freiheit, so wird es gehn. Eine Katze will ich mir halten und einen Hund. Seht zu, daß ihr ihnen entwischt. —
Seitdem sind Wochen vergangen. Kahl lag die Gartenmauer da, als ich einzog; jetzt ranken die blühenden Kletterrosen in allen Ritzen. Goldregengesträuch mit den gelben giftigen Blütentrauben steht in den Ecken des Hofes vor dem Hause, der Flieder blüht weiß und rot und lila und vergeudet üppig schwülen Duft, ein alter Rotdorn streckt seine rote Blütenpracht bis ins Fenster zu mir hinein, die Haselsträucher setzen Nüsse an, der alte Nußbaum wird wieder jung im jungen Frühling, die Meisen zirpen, der Pirol lockt, die Finken schlagen, und der Kuckuck ruft. Selbst Spechte, die scheuen Waldvögel, hab’ ich in meinem Garten.
Und siehe da, die Steinmauern bekamen Leben. Überall grünte es aus den Ritzen hervor. Selbst zwischen den altersgrauen Steinen, mit denen der Burghof gepflastert ist, sproßt das Gras. Ist das das alte Steingeröll, in dem ich hause? Vor dem mir grauste, als ich’s sah? Dornröschens Märchenschloß bewohn’ ich jetzt. Nur das Dornröslein fehlt mir noch. Oder wie? Bin ich nicht undankbar und ungerecht? Schlürft nicht tagaus tagein meine Wirtin durch die hohen Räume des Dornröschenschlosses? Sieht sie nicht schlafestrunken, verschlafen und wie ein Dornröschen aus nach tausendjährigem Schlaf? Ach, allzuviel von dem Dörnlein, und allzuwenig von dem Röslein hat meine Wirtin.
Laß gut sein, tapferes Junggesellen-Jägerherz, du bist ja nicht verheiratet mit diesem Dornröschen. Leicht kannst du dies Röslein gegen ein neues vertauschen. Es blühen so viele Röslein draußen, die gerne in solche Forstburg ziehn.
Frühlingsmondnacht glänzt wie ein Schleiergewand aus gleißendem Silberschein um meine Kauzburg. Ans stille Fenster bin ich getreten und habe hinausgeblickt in diese stille Nacht. Nachtstimmen raunten an mir vorüber. Die Blumen sprechen, und der Frühling singt ein Lied. Wie ein Kosen lacht es verstohlen aus dem Mondglanz zu mir herein. Wie ein Kosen huscht es von Blüte zu Blüte, wie ein Kosen tönt des Flüßchens Rauschen zu mir hinauf.
Der fernen schlesischen Heimat muß ich gedenken. Hoch oben am nächtlichen Himmel ziehn große Vögel hin. Aha, Wildgänse sind’s, ich hör’ sie rufen. Wie wunderbar klingt doch ihr heiseres Krächzen in dieser stillen Nacht. Wie wunderlich harmonisch klingt es in diesen stillen Frühlingszauber hinein. Verspätete Wildgänse. War eines von euch flügellahm geworden unterwegs? Und habt ihr getreulich ausgeharrt bei eurem kranken Weggenossen? Dort, wo ihr herkommt, liegt ja Schlesien! So bringt ihr Grüße der Heimat! Ihr schnellen Segler der Nacht! Wie kleine Punkte seh’ ich euch nur noch schweben. Nachthimmel nimmt euch auf. Der unendliche Raum, in dem ihr meinen spähenden Augen entschwindet.
Gute Nacht, gute Nacht!
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Immer siegreicher kämpft der Frühling um meine Kauzburg. Wie ein König ist er eingezogen in meinen großen ummauerten Burggarten.
Aus dem hoch angewehten, verwesenden Laube, das in dem Buschwerk liegt, sproßt es in allen Farben. Maiglöckchenduft hängt am Gebüsch, noch hab’ ich die Spender nicht entdeckt in diesem Chaos von wildem Gerank, auch die Nachtigallen kann ich nicht erspähn in diesem verschlungnen Gesträuch. Nur singen und pfeifen höre ich sie, nur den Duft der Maiglöckchen spür’ ich. Wozu denn auch sehn, wer so viel Schönes verschenkt? Freu’ dich der Schönheit, daß sie sich dir schenkt, und spüre ihr nicht nach. Deine Feder, kleine schlesische Nachtigall, habe ich heute hervorgekramt; mit deiner Feder will ich heute schreiben. Während die Nachtigallen der Fremde, in der mein Heim, das ich bewohne, liegt, um mich den Reigen ihrer holden liebedurchglühten Sangeslust schlingen, während aus ihren Kehlen die klangtiefen Töne schmelzend wie flüssiges Gold, das in dem heimlichen, verborgenen Schachte tropft, mich umschmeicheln, will ich mit deiner Feder schreiben. Oder tönt der liebliche Sang, den ich zu hören meine, aus deinem Kiel zu meinem lauschenden Ohr? Bist du es, Sängerin der fernen Heimat, die mir die schönen Lieder in der Fremde singt? Hätte ich wirklich nicht nur aus deinem kleinen Vogelleibe diese Feder gerupft? Hätt’ ich die liebe kleine Sängerseele am Ende selber mit mir fortgenommen? Wie? Träume ich denn? Oder bist du es selbst, mein graues Vöglein, aus Schlesiens dunklem Walde, das aus dem holden Kiele schlüpfte und nun dicht vor mir sitzt auf meiner Schreibtischplatte? So singe, so singe! Die Hände falte ich und höre dir zu. — — —
Ich höre dich singen, Marianne, ja, ich höre dich singen. Seit der Stunde, da du in dieses Forsthaus, in meine Kauzburg, gekommen bist, von dem Augenblicke an, wo deine leichten Füße über die breiten, schweren Steinstufen gazellenleicht hinaufgeeilt sind, fast von dem Augenblicke an hat dein fröhlicher Sang die hohen Räume dieses Hauses belebt.
Wenn ich dich, kleine Marianne, mit meiner Wirtin zusammensehe, wenn ich sehe, wie du ihr hilfst und das Feuerlein frühzeitig anbläst mit deinen kirschroten Lippen, dann kommt es mir vor, als hätt’ ich zu einem Uhu eine Nachtigall eingesperrt. Ich brauche gar keine Nachtigall mehr, seitdem du in der Kauzburg bist.
Man sagte mir, du seiest ein Kind der Straße, als ich dich mietete. Nun gut: dann hatte die Straße das schönste Kind, das je gezeugt war auf dieser Erde.
Seit drei Wochen habe ich dieses Kind der Straße in meiner Forstburg. Meine Wirtin klagte über zu viel Arbeit. Drum hielt ich Ausschau nach einem Mädchen zur Aushilfe. So kam Marianne ins Haus. Ich erschrak, als ich sie sah. So viel Schönheit von der Straße aufgelesen! Staub hatte ich auf der Straße hier schon genug gesehn, daß solche Schönheit im Straßenstaube blühn konnte, hätte ich nimmer gedacht. Rose bleibt Rose im düsteren Straßenwinkel, hinter dem blindesten Kellerfenster.
Ich erschrak, als es an der Tür klopfte, auf mein »Herein« die Tür sich auftat und nun das Mädchen, dieses Mädchen in die Stube hereintrat. Ein dunkles Augenpaar, groß und tief und glänzend, sah mich an, halb furchtsam und scheu, halb trotzig und bittend, halb lachend und halb voll unbestimmter sehnsuchtsvoller Schwermut. Darüber die weiße niedrige Stirn und über der das rote Haargewoge. War’s die Sonne, die rote Flecke in ihr Haar warf? Aber das Rote blieb auch im Schatten der Wand. Ein wunderbares Rot. Kein flammendes, grelles Rot, nein, wie ein roter Goldhauch lag’s in dem Haar, in jeder seidenweichen Strähne. »Wie heißen Sie?« fragte ich kurz. »Marianne«, antwortete sie und schwieg. »Was sind Ihre Eltern?« — »Ich habe keine Eltern.« »Wer waren Ihre Eltern?« — »Ich weiß nicht.«
Und nun ist Marianne, das Kind der Straße, schon drei Wochen in meiner Burg.
Meine Wirtin mag sie nicht leiden, ich weiß es. Sie hat wiederholt bei mir Versuche gemacht, das Mädchen los zu werden. Sie schimpft und sucht sie schlecht zu machen bei mir.
Marianne ist ein wunderliches Menschlein. Sie ist nicht zuverlässig in ihrer Arbeit und treibt sich lieber draußen im Frühling und lockenden Sonnenschein herum.
Sie singt und stört die Ruhe der Kauzburg, ich weiß es. Himmel noch eins! Ich weiß es! Ich weiß es!
Sie stört die Ruhe der Kauzburg, meine Ruhe stört sie mit ihrem Singen.
Mit ihrem roten Haar stört sie mich, ihre dunklen, tiefen Augen stören mich.
Mädchen, Kind der Straße, du mußt fort, bald fort aus der Kauzburg, fort aus meiner Nähe mußt du. Froh bin ich, wenn ich dein Singen höre, seh’ ich dein rotes Haar, blicke ich in deine dunklen Augen. Wo darfst du denn fort, du armes Kind der Straße, wo werde ich dich denn wie ein wildes Tier auf die Straße werfen, nein, nein, in der Kauzburg bei mir mußt du bleiben!
So hab’ ich also eine Nachtigall in meinem Hause.
Aber es ist kein graues unscheinbares Vöglein, nein, ein Paradiesvogel an Schönheit ist diese Nachtigall.
[Illustration]
Krähen sitzen auf sonnenhellen Feldern. Krähen sitzen dort und krächzen, fliegen mit schweren, schwarzen Flügeln auf die nächsten Pappeln, wenn mein Wagen ihnen zu dicht auf den schwarzen Krähenleib rückt, und fliegen — kaum bin ich vorbei — ebenso schwarz, ebenso schwer, ebenso krächzend, ins Saatfeld hinab. Ich bin auf der Fahrt in meinen Wald. Es war Spätnachmittag, als ich nach Hause fuhr. Einen kleinen Umweg machte ich, um an meiner Forellenfischerei, die ich gepachtet habe, entlang zu fahren.
Das ist ein schmales Gebirgswasser, das zwischen den Bergen zu Tale fließt. Gern fahr oder gehe ich diesen Weg. Ich selbst hatte noch nicht die Angel nach den rotpunktigen Fischlein im klaren Wasser ausgeworfen. Nur mein Forstlehrling war einige Male draußen gewesen und hatte ein paar Forellen gefangen. Heute wollte aber auch ich mein Glück als Fischer versuchen. Das Angelzeug lag im Wagen. Als das Flüßchen in Sicht kam, ließ ich halten und stieg aus.
»So, nun können Sie nach Hause fahren«, befahl ich dem Kutscher, nachdem ich das Angelzeug herausgenommen hatte. Immer schwächer und ferner ist das Rollen der Wagenräder zu hören. Nun ist’s verklungen, und nur der kleine, zwischen den Erlen und Weiden eingebettete Fluß rauscht zu mir herauf. Es will Abend werden. Mit rotgoldenen Streifen flammt die Sonne in den Buchenwald, der auf den Höhen steht, hinein.
Die Fische werden springen, denk’ ich.
Mit dem Strome des Wassers gehe ich und werfe die Angel aus. Nicht lange, so schnelle ich die erste Forelle heraus. Weiß Gott, es macht Spaß. Ich hätte es nie gedacht. Um das große Erlengebüsch biege ich, die Wiese schiebt sich bis an den kleinen Fluß heran, auf dem grünen Wiesengras ziehen die rotgoldenen Streifen der Abendsonne, Schmetterlinge gaukeln im warmen Frühlingsabend, Rehe treten aus dem waldigen Hang und äugen scheu nach dem Wässerlein hinab — was sehe ich! — dort vor mir am Ufer sitzt Marianne!
Ja, es ist Marianne. Das Kind der Straße ist es, das in mein Haus gekommen ist, zum Leid, zur Freude der Bewohner. Wie Feuer sprühte und gleißte ihr Haar in den goldenen Abendstrahlen einer versinkenden Sonne. Hatte sie mich bemerkt? Ein wenig wandte sie ihren Kopf nach mir hin, gleich aber wieder fort. Sie hielt die Angel in das Wasser. »Was tun Sie denn hier, Marianne?« rief ich sie an. Wozu meine törichte Frage? Ich wußte doch, was sie tat; ich sah es doch, ich hatte es ihr doch erlaubt, angeln zu gehn, wenn die Arbeit im Hause getan war. Warum klopfte mir denn das Herz so ungestüm? Bin ich ein Räuber, der unschuldige Mädchen überfällt? Kann ich rotes Haar nicht sehn? Frage ich so laut und töricht, weil mir das Blut in den Adern schlägt? Bin ich zu rasch gegangen? Hat mich das Angeln so aufgeregt? Ist es mir unangenehm, das Mädchen hier zu treffen? Ich bin der Herr, sie dient in meinem Hause, also kann ich Antwort fordern auf meine Frage: was tun Sie denn hier, Marianne? »Muß ich antworten?« sagte sie, stand auf und kam an mich heran. Eigentümlich berührten mich ihre Worte. Nein, ganz offen, ich schämte mich. Hätte sie in mich hineingesehen, mich durch und durch gesehn mit ihren wunderbaren Hexenaugen, so hätte sie mich mit diesen drei Worten nicht stärker treffen können. — Pfui, Pfui, wie hatte ich häßlich und roh gedacht: ich bin der Herr, sie dient in meinem Hause, also kann ich Antwort fordern auf meine Frage. Das ist das Rechte! Das ist mein Mitleid mit den Dienenden! Das mein Mitleid mit dem Kinde der Straße!
»Muß ich antworten?«
»Nein,« sagte ich, »nein, Marianne, Sie brauchen mir nicht zu antworten. Ich sehe ja, Sie angeln, ich sehe sogar, daß Sie ... ei, ei, eins, zwei, vier ... sechs Forellen gefangen haben und was für schöne.«
»Ich habe hier gesessen, die Angel geworfen und gesungen, so hab’ ich die Fische herbeigelockt, nun sind sie tot«, sagte sie und blickte auf die im Wiesengras liegenden, vor kurzem noch in ihrem Wässerlein so frohen Fische.
Ihre Augen blickten grausam.
Ach, es ist ja ein Unsinn! Wie können denn ihre Augen grausam blicken? Töricht bin ich, ganz töricht.
»Ach, ihr armen Fische! Eben noch so gewandt und flink im kühlen, sprudelnden Wasser, und nun so starr und unbeweglich«, meinte ich.
Marianne sah mich an.
»Was machen Sie denn für Augen, Marianne!« stieß ich heraus. Schon blickte sie fort. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Worüber war ich erschrocken? Ein Tiger kann grausame, blutdürstende Augen machen, aber doch nicht dieses Mädchen! Ja, hab’ ich denn Fieber? Ist es das glühende Abendlicht der Sonne am Berghang oben, wo sie versinken und uns den Abschied von ihrem rotsprühenden Feuer schwer machen will, — ist es dieses dämonisch schöne Leuchten, das mir aus Mariannens Augen entgegenglühte?
Ich warf noch ein paarmal meine Angel aus. Aber nichts fing ich. Stumm folgte mir Marianne. Ich plauderte mit ihr. Aber schließlich merkte ich, daß ja ~ich~ nur sprach. Hastig sprach. Und daß sie schwieg. Nur einige Male lachte sie halblaut auf, wenn ich ihr etwas Scherzhaftes erzählte. Ihr Lachen klingt so silbern und heimlich, wie das Lachen des Flüßchens, das über die Steine springt, silbern und heimlich klingt.
»Wo haben Sie nur Ihr prachtvolles rotes Haar her, Marianne?« scherzte ich, als ich die Angelschnur aufrollte, und sie mir dabei half.
Sie sagte kein Wort, warf nur mit einer unnachahmlich anmutigen Bewegung das ganze wogende Haar nach vorn, daß es mich streifte, umfaßte, und mein Gesicht in dieses glühende, kosende, duftende Seidengewebe einhüllte. Nur einige Sekunden lang, schon war ich frei. Vor meinen Augen nur wogte es noch rotgolden, leise knisternd, ein goldenes Funkenmeer. Ein paar Herzschläge lang stockte mein Atem. War ich berauscht? War’s wilde Lust, wildes sehnendes Jauchzen, das den Mann in des Weibes Arme treibt?
»Marianne«, stieß ich hervor. Hat meine Stimme gezittert? Dicht neben mir stand dieses Kind der Straße, das ich zu Leid und Freud’ in meine Kauzburg genommen habe, das ich bewahren will vor dem Verkommen im Straßenstaube.
Eine Sekunde lang sah sie starr in meine Augen. Dann packte sie gleichgültig das Angelzeug zusammen, bog ihre schlanke Gertengestalt, hob den Rucksack mit den Forellen aus dem Wiesengras, warf ihn über ihren Rücken und schnallte ihn fest.
»Der ist zu schwer für Sie, Marianne«, sagte ich und wollte ihn ihr abnehmen. Sie wehrte sich dagegen. Meine Hände berührten ihre Schultern, ihre atmende Brust, wie ein Feuerstrom schlug’s in mein Gesicht. Ich trat zurück. »Nun, wenn Sie ihn durchaus behalten wollen, so behalten Sie ihn. Wird’s Ihnen unterwegs zu schwer, so geben Sie ihn mir.« Wie ein Knabe sieht sie aus! Wie ein schlanker Knabe! Sie hat ihr Kleid gerafft, der Rucksack schnürt ein wenig ihre Schultern zusammen, den Angelstock benutzt sie als Stock. Einen grünen Hut hat sie auf ihr rotes Haar gestülpt, und es ist zu einem wildwirren Knoten aufgestellt, so schreitet sie tapfer und biegsam vor mir her. Ich ließ sie vorneweg gehen. Sie sollte den Schritt angeben. Ich wär’ am Ende zu rasch gegangen, hinter mir her wär’ sie gekeucht und hätte nichts gesagt. »Denn ich bin ja der Herr des Hauses und sie nur ein Kind der Straße!«
Es dunkelte. Ein weicher Frühlingsabend hing in den duftenden Blütenbüschen, hing in der Nachtluft über und um uns, wogte Feld auf Feld ab, küßte das tauige Wiesengras, sprang auf den Wellen des Flüßchens und kicherte unter den Erlen, schwebte hinauf, immer höher hinauf und holte den Mond über den Saum des Berges hinüber. Kein Staub der Straße drang bis hierher zu unserem Wiesenstege, rein war die Luft wie Gold, nichts Unreines kennt die Natur.
Unreines entsteht erst dort, wo man die Natur zwingen will, nicht mehr Natur zu sein.