Part 2
Wir jetzigen Menschen kennen ja gar nicht die Natur. Von Kindheit auf entfernt man uns von ihr. An solchen Abenden wie heute überfällt mich die Sehnsucht, Natur zu sein in der Natur. Abzuwerfen, was Zwang und Sitte fordern, eine Hütte zu haben im Walde weit draußen und fern von Zwang und Sitte, zu leben dort wie das Getier des Waldes, wie der Hirsch, der durch die Wälder zieht, wie das Reh, das auf die Frühlingssaaten tritt, wie das Bienlein, das an jeder Blüte nascht, wie der lustig singende Vogel hoch im Gezweig der Bäume, wie der Waldkauz, der den Mond zum Gevatter bittet bei seiner stillen Mäusejagd. Halt da! Ich ~habe~ ja mein Kauzgehäuse, ich ~bin~ ja schon ein Kauz! Willst du die Käuzin sein, schlanker Bursch vor mir mit deinem grünen Jägerhut im sprühenden Rothaar, was?
Ganz übermütig ward mir zumute!
Übermütig sprudelt das Flüßchen neben unserem versteckten Erlenweg, übermütig scherzen die Rehe auf der Bergsaat links drüben unter dem Buchenhang, übermütig bescheint der helle Vollmond mich und das schlanke Bürschchen vor mir, übermütig quillt all das funkensprühende Rothaar aus seinem wirren Knoten und schaukelt und weht wie ein Stückchen goldnen Vließes, voll Übermut quiekt das Froschzeug im feuchten Wiesenloch, voll Glück und Übermut singt in dem einen einzigen Fliederstrauch, der an dem Mühltor blüht, die eine einzige Nachtigall hier draußen am Flüßchen und Walde, voll Glück und Übermut, und dabei klingt es sanft und flötend wie ein Lied der Trauer.
Ei, du mein Jägerbürschlein vor mir im hellen Mondschein, wie schreitest du schlank und leicht dahin! Dein schlanker Mädchenleib biegt sich wie eines Fischleins glattes Körperlein, bist etwa du ~selbst~ solch Fischlein und bist in Menschengestalt nur an Land gestiegen aus kühler, heimlicher Wasserflut? Bist etwa du ~selbst~ solch Forellchen, das zwischen den Steinen des Flüßchens neugierig auf Beute lauert? So schön, so schlank, so anmutig mit seinem rotpunktigen Fischleib, und hinter all der Schönheit, Schlankheit und Anmut verbirgt sich die schreckliche Raubgier?
Sag’ ~an~, Marianne, du Weggenosse im blassen Mondglanz des Frühlings, was birgt sich hinter der weißen, von rotem Feuerhaar umsponnenen Stirn bei dir? Verwandle dich, Bürschlein, verwandle dich flugs zurück in den glänzenden Fischleib, aus dem du entsprangst, dann zieh mich hinein zu dir in die Flut, in das singende Wasser. Dann presse mich fest und ewig in deine weißen, wonnigen Arme, dann laß mich nie los mehr und sauge mein Leben, mein Atmen, mein Ich tief, tief in dich hinein!
[Illustration]
Die Welt ist weit und groß. Aber für jeden Menschen liegt in dieser weiten und großen Welt eine enge Heimat. Die Enge der Heimat empfindet man nicht. Licht und groß und weit erscheint die Heimat. Hörst du es, meine Heimat? Du bist mir weit und groß und licht. Das Sehnen ins Weite hört auf, wenn mich dein Arm umschlingt. O, lege deine ~beiden Arme~ um mich, du Heimat meiner Kinderjahre, nimm mich hin, halte mich fest, und laß mich nimmer los.
Ich hör’ die Glocken läuten in meinem Heimatdorfe, die Oder hör’ ich rauschen, ich sehe den Eichwald, in dem ich als Knabe pürschte, am Saum des Waldes den Bach, der sich ins Feld verliert, und dort im Sonnenschein das Dörflein selbst. Grüß dich Gott, du liebes Dorf!
Und das alles hat ein Brief bewirkt! Meiner Mutter Brief. Ein paar Kornblumen hat sie auf heimatlichem Feld gepflückt und in den Brief an den fernen Sohn hineingelegt.
Ihr holden Blumen des Feldes, wie duftet ihr süß und frisch zu mir herauf. Wie habt ihr den Duft mir bis in die Fremde zugetragen! Habt Dank dafür.
Ein Friedensodem weht mich an und macht mich still und froh zugleich. Und kindlich fromm. Und ruhig. Bin ich denn anders geworden?
»Mein lieber, guter Sohn.«
Vier Worte einer Mutter. Ja, Mutter, in deinem Herzen bleib ich gut und lieb. Und will’s bleiben für dich. Du hast dich geängstigt, weil ich so lange nicht schrieb? Hab’ ich denn lange nicht geschrieben?
O, ängstige dich nicht, meine Mutter. Ich käme mir ruchlos vor, wolltest du dich um mich und meine Schuld ängstigen. Eine Schuld ist’s für den Sohn, Ursache der Angst seiner Mutter zu sein.
Ja, ja, ich habe lange nicht geschrieben. Wirklich lange, lange nicht. Seh’ ich’s doch draußen an der Natur. Der Frühling ist hin, längst ist er hin. Kaum war er da, als ich zum letzten Male nach Hause schrieb. — Nun wiegt sich das Korn in den Ähren. Ein grüngelbes wogendes Meer. Das breitet sich jenseits des Flusses unter meinem Fenster bis an die Waldhänge drüben aus.
Sommerwind geht und weht. In gleichmäßigen Wogen taucht auf, taucht nieder das Korn in den Feldern. Auf und nieder — auf und nieder. Es liegt Ruhe in diesem Auf und Nieder.
Als ich ein Knabe — der Dorfknabe — war, empfand ich nur helle Lust an dem hohen schwankenden Kornfeld. Vor allem die Kornblumen taten’s mir an. Die blauen Kornblumen waren mir lieber als der rote, wilde Mohn. Weil die großen, roten Mohnblüten zu leicht zerfielen. Kaum riß man sie ab, so löste sich ein rotes Blatt nach dem andern, und zuletzt hatte man nur noch den leeren Strunk. Aber die Kornblume, das war eine himmelsblaue Pracht!
So stell’ ich euch hier in das feingeschliffene Gläschen, ihr blauen Kinder des sommerlichen Feldes daheim. Ein wenig seid ihr zerdrückt, ein wenig welk auch. Die Reise war lang ... blüht auf! blüht wieder auf, ihr weitgereisten Heimatgrüße!
Mit euch zugleich blüht irgend etwas Schönes in mir auf. Vergangene Jahre sind’s.
Kinderjahre, Knabenjahre, Jünglingsjahre. —
Heisa, was seid ihr fortgesprungen wie wilde, russische Steppenpferde, ihr jungen, mutigen Jahre!
Mutig mit euch, durch euch bin ich gewesen. Wild bin ich mit euch gesprungen wie russische Pferdleins in weiter, wildfroher Steppe!
Die weite, wildfrohe Steppe, das war das Leben, die Zukunft. Was sag’ ich: ~Die Gegenwart~ ist’s gewesen, der Tag, die Stunde war’s, nichts andres! Was Zukunft!? .... Unsinn! Die Jugend ~lebt~, nichts weiter! —
Ein Griesgram bin ich geworden, ein Waldkauz, ein Kauz. Der Jugend gedenke ich heute, und ~euch~, ihr Kornblumen aus heimatlicher Erde, verdanke ich dieses Gedenken. Nein ~dir~, du treueste aller Mütter!
So runzlich ist dein Gesicht, so grau dein Haar, und dennoch, dennoch: schaust du mich ~an~, gleich bin ich der frohe Knabe von einst!
Weshalb nur, weshalb?
Still, still, ich weiß es: es sind dieselben Augen, die einst das Kind, den Knaben betrauten, — dieselben Augen betrauen noch heute den Mann. Sie möchten noch heute so gern in des Mannes Herz blicken, wie sie ehmals in des Knaben Herz hineinschaun konnten.
Für die Mutter bleibt man der Knabe.
Schon gut, Mutter, schon gut. Komm’ ich zurück in die Heimat und zum Besuch in dein trautes Heim: der ~Knabe~ will ich sein, solange ich bei dir bin. Bist du nun zufrieden? Du fragst mich gar viel in deinem Briefe. Und manches muß ich verschweigen.
Von allem und allem schreibe ich dir, Mutter, und ~hab’~ dir soeben geschrieben, nur eins behalte ich zurück — wozu davon schreiben? Ich mag nicht davon schreiben .... weshalb sollte ich von Marianne schreiben? Ich wüßte nicht, warum.
[Illustration]
»Es geht um in der Nacht«, behauptet meine Wirtin. »Was Tausend, es geht ~um~? In meiner Kauzburg sollten Geister hausen? Im nächtlichen Reigentanz ihr Klappergebein und Totengerippe schwingen?«
Ganz ärgerlich wurde ich gegen sie. »Schlafen Sie lieber und horchen Sie nicht auf Geisterstimmen und Geistergeräusche, mein Fräulein. In meiner Kauzburg geht’s nicht um!«
Ich war aber doch betroffen.
Leise, schleichende Schritte wollte sie gehört haben, ein Klirren des Fensters, ein unheimliches Lachen, .... darüber war sie wieder eingeschlafen.
»Du Tor!« sagte ich zu mir. Weil Fräulein Bartel das gehört haben will, fällt dir auf einmal ein, daß auch ~du~ es in einer Mondnacht gehört haben willst? Schon lange war’s her. Da wachte ich in der Nacht auf, halb noch im Schlaf: Es kam geschlichen, leise, ganz leise, es klinkte die Tür auf, es klirrte schwach, ganz schwach, ein Lachen, hatte ich wirklich ein Lachen gehört? Am nächsten Morgen erschien mir alles als Traum. Vergessen hätte ich’s, nie wieder daran gedacht — bis heute. Ich verbot Fräulein Bartel aufs strengste, zu den andern im Hause von dem, was sie gehört haben wollte, zu sprechen. Wozu Marianne ängstigen? Wozu erst solch Gerede aufkommen lassen? Übrigens hörte ich ein paar Tage später ganz zufällig, daß die Kauzburg schon von jeher in dem Rufe stand, »es gehe in ihr um«. Nun gut, mag es umgehn in ihr! Ich fürchte mich nicht. Freuen würde ich mich, mit den Geistern der früheren Bewohner in Verkehr zu kommen. Geister von Rittern und Mönchen sind es — würde es nicht interessant sein, mit Rittern und Mönchen früherer Jahrhunderte sich zu unterhalten?
[Illustration]
Noch einen neuen Bewohner soll meine Kauzburg bekommen.
Es war mit erst gar nicht recht.
Was soll man aber tun!
Es ist ein Unglück, daß ich Bitten gegenüber so wenig standhaft bin.
Fräulein Bartel hat mein Herz erweicht.
Meinetwegen, mag sie ihren Willen haben. Die Kauzburg ist groß; mich wird der neue Bewohner nicht stören.
Für ein halbes Jahr soll’s nur sein. Der Vater verreist ins Ausland, die Mutter starb im vorigen Jahr, wohin mit dem Mädchen! Da wandte sich der Mann an Fräulein Bartel, die jahrelang bei ihm und seiner Frau in Stellung gewesen war. »Nehmen Sie sich meiner Tochter an, solange ich reisen muß«, bat er dringend. »In einem halben Jahre bin ich zurück, dann ist die Erbschaft geregelt, bitte, bitte, nehmen Sie sich meiner Tochter so lange an.«
Fräulein Bartel brachte mir diesen, ich möchte sagen »händeringenden« Brief des Gutsbesitzers. Dieser Gutsbesitzer ist übrigens eine interessante Persönlichkeit. Sein Gut, sein Heidhof liegt in der Lüneburger Heide. Er selbst heißt der Heidkönig, weil sein Heidebesitz die größte Ausdehnung hat. Wohl auch, weil sein Geschlecht so alt und bieder ist. Also des Heidkönigs, — eines Königs Tochter — kommt in meine Kauzburg! Bin neugierig auf diese Heidkönigtochter. »Ein Kind der Heide« — — — ein Kind der ~Straße~ habe ich schon!
»Also meinetwegen, meinetwegen, nehmen Sie das Mädchen unter Ihre Fittiche«, sagte ich schließlich, um sie los zu werden. Fräulein Bartels Fittiche sind ja ehrwürdig, alt und genügend ausgemausert.
Aber nun hab’ ich meine Bedenken bekommen.
Was sagt Marianne dazu?
Ich rief sie. In der ihr eigenen anmutig-scheuen Weise trat sie in meine Stube.
»Sie wissen es schon, daß wir im Herbst oder Winter einen neuen Gast bekommen?« fragte ich.
»Ich weiß es«, antwortete sie.
»Na ... und ... Sie freuen sich doch, daß Sie nun in die einsame Kauzburg etwas Gesellschaft kriegen ... nicht?« Sie gab keine Antwort, hob nur langsam den Kopf. Ihr rotes Haar flimmerte, ihre roten Lippen waren halb geöffnet und stachen seltsam gegen ihr blasses Gesicht ab, in dem die blauen Adern wie kleine Schlangen zu sehn waren, die Leben hatten und sich zu bewegen schienen; schwer lagen die Augenlider mit den langen seidigen Wimpern noch über ihren Augen. Aber nun warf sie mit plötzlicher, zuckender Bewegung den Kopf in den Nacken, daß die rotgolden leuchtende Haarpracht wie ein Feuer, in welches ein Windstoß fährt, aufwirbelte, und sah mich an. »Marianne«, stieß ich zitternd hervor und umfaßte mit beiden Händen fest die eichene Kante meines Schreibtisches.
Da verzog ein Lächeln ihr Gesicht. Ehe ich zur Besinnung kam, hatte sie lautlos das Zimmer verlassen!
Ich aber warf mich erschöpft auf den nächstbesten Stuhl und bedeckte meine heißen Augen, meine heiße Stirn mit meinen zwei heißen Händen. »Wie soll das werden, wie soll das enden«, dachte ich immerfort.
Hast du recht gesehn, hast du dich nicht getäuscht? Sah sie dich wirklich mit liebedurstigen, liebeglühenden, liebeverlangenden Augen an? Hast du in diesem seltsamen rätselhaften Augenpaar auch noch einen anderen Ausdruck gesehen? Den Ausdruck von Haß? Gegen das Mädchen, das noch gar nicht hier ist? Das erst kommen soll?
Was ~sagten~ denn diese Augen? Warum bist du erschrocken vor ihnen?
Ein seltsam schauderndes Gefühl beschlich mich.
Und daneben die Gier nach diesem Mädchen, in dessen Augen ich soeben geschaut hatte.
»Hüte dich, hüte dich vor ihr!« flüsterte die eine innere Stimme, »Greif ~zu~, greif ~zu~«, stachelte mich die andere auf. —
Ich setzte mich an den Schreibtisch und nahm mir meine Arbeit vor. Erst tanzten die Buchstaben vor meinen Augen. Dann wurde ich wieder Herr über mich. Die Arbeit lenkte mich ab, gab mich der nüchternen Wirklichkeit zurück. Zwei Förster ließen sich melden. Ich besprach Dienstliches mit ihnen, ich sagte mich für morgen zur Reviertour bei ihnen an, die Kulturen sollten besichtigt werden, Pflanzen waren infolge der Sommerhitze vertrocknet, Gegenmittel mußten bedacht, Ersatz mußte geschafft werden, ja du, mein Wald, du mein Bergwald wirst mich heilen, wirst mir die Ruhe wiedergeben, die ich verlieren will!
Geht’s denn ~wirklich~ um in der Kauzburg? Wollen mich die abgeschiedenen Geister dieser hohen, geheimnisvoll dunklen und kühlen Räume in ihren unheimlichen Bann nehmen?
Ich möchte das Mädchen mit dem Feuerhaar fortschicken.
Ja, ich werde sie fortschicken! ...
Nein! niemals! ... Von dem Staube der Straße habe ich sie aufgelesen, nun muß ich sorgen, daß sie nicht verkommt im Straßenschmutz. Hatte nicht der Domherr mir durch Fräulein Bartel sagen lassen, ich täte ein gutes Werk, wenn ich dieses Mädchen behielte?
Ich muß mit dem Manne sprechen! Ja, ich will bald mit ihm sprechen. Wer waren ihre Eltern? Wo war sie, bis sie zu mir kam? Zu mir in die Kauzburg? Auf der Schwelle des katholischen Waisenhauses hat man dich gefunden, armes Kind? Aber du bist doch nun ein großes Mädchen, schon längst mußt du das schützende Dach des Waisenhauses verlassen gehabt haben, bevor du zu mir kamst ... wo hast du gesteckt in der Zwischenzeit? Ich will alles, alles von dir und über dich wissen, Marianne, du verstoßenes Kind der Straße. Du verstoßenes Kind des Lebens.
Was kannst du dafür, daß dich das Leben verstieß schon beim Eintritt ins Leben? Daß es dich auf die Schwelle eines Waisenhauses legte? Dort lagst du, armes, verlassenes Kind, dort lagst du und klagtest Gott im Himmel an mit deinen großen, dunklen Kinderaugen. Armes Kind. Nun hast du ein Dach über deinem rotgoldenen Haar!
Es ist nur das alte Dach meiner uralten Kauzburg, aber es ist doch ein Dach.
Das schützt vor Staub und Regen.
Die Sonne läßt es freilich herein an der vermorschten Stelle links, wo das Türmlein einst ragte, es ist die ~Sonne~ aber! Die lachende, heitere, helle Sonne. Die Tauben gurren dort oben, wenn der leuchtende Sonnenstrahl hineinblitzt in das dunkle Kauzgeschoß des Kauzburgdaches, drum laß ich nichts dichten, nichts flicken. Ich habe Angst, daß die Tauben dann nicht mehr dort gurren. Sie sind so wild, meine Kauzburgtauben! Ganz heimlich muß man sie füttern, sonst sausen sie fort in alle Winde und kommen erst heim, wenn alles still ist und abendlich. Nur wenn Marianne sie füttert, bleiben sie sitzen, flattern ihr nach und entgegen.
Aufs goldene Haar ist ihr kürzlich eine geflogen. Dort hat sie nach Körnern gepickt. Hat sie geglaubt, dort goldene Weizenkörner zu finden? —
Der Schalk von einem Mädchen!
Sie lachte, als ich sie fragte.
Sie hatte sich wirklich Körner ins goldene Haar gestreut. Die pickte der Täuber auf. —
[Illustration]
Nun ist es da, das Gewitter!
War ~das~ ein Rumoren und Rollen den ganzen Nachmittag über am Himmel!
Erst zogen die dunklen Wetterwolken von Westen auf, dann ballte sich’s drohend im Osten. Dann flammte es auf, mal hier, mal dort. Fahlgelb das Leuchten, dumpfgrollend der Donner, schwül war die Luft und totenstill zuletzt!
Kein Blatt am Baum bewegte sich.
Wie Bleiguß lag es totenstarr ringsum. Dann kam es näher und näher.
Kein Vogel zu sehn, kein Schmetterling. Es hatte sich alles verkrochen. —
Hoch ragt die Kauzburg über die anderen Häuser empor. Ins Dunkle hinauf, das über ihr so drohend murrt und zuckt.
Huhu, huhu, hör’ ich den Waldkauz kreischen. Nacht sei es, mag er denken. So dunkel dräut das Gewitter.
Waldkauz, was schreist du so?
Huhu, nun ist es da, das Gewitter!
Wie es die Bäume packt und niederzwingt! Wie es flammt und züngelt, zischt und leuchtet, grollt und rollt, schmettert und kracht, und droht und beißt wie ein wilder Hund! Ist die Kette gesprengt, du wütender Wolfshund? Wen willst du packen mit deinem Gebiß? Wen willst du treffen, zerschmettern mit züngelndem Strahl, mit zermalmendem Zischen, unter drohendem Toben der blitzzersprengten Wolken?
Tobe nur, Wetter! Ich lache deiner! Ich steh’ am Fenster der Kauzburg, und ~die~ ist fest. Die hat schon manchem Gewitter getrotzt, schon manchem Sturme standgehalten, schon mancher Blitzstrahl ist durchs Gebälk gezischt, das alles hat sie überstanden. Zweimal schon hat das Feuer geprasselt in ihren mächtigen Balken. Gegen die Steinmauern war es machtlos und biß sich seinen Wolfszahn daran aus. Beiße nur, Wolfshund! Ich ~lache~ deiner! Am Fenster stand ich und schaute hinaus in die wilde hochbrandende Natur.
Da fuhr es prasselnd herab. Ein jäher, blendender Blitz. So blendend, daß ich die Augen schloß. Gleich darauf ein knatternder Donnerschlag. — Dann Stille, — dann wieder neues Toben.
Hat das der Kauzburg gegolten? Wolltest du beißen mit deinem Wolfsgebiß, du wilder Wolfshund im stürmenden Wetter?
Du ~hast~ gebissen! — Pfui, schäm’ dich!
Den alten vielhundertjährigen Nußbaum hast du zerbissen. — Pfui, ~schäm’~ dich!
Da liegt seine Krone im Gartengestrüpp. Da fliegen angstvoll die Vögel auf, die in den Ästen saßen. — Pfui, ~schäm’~ dich, ich sag’s dir das drittemal!
Hol’ dir doch andere Opfer und laß die Kauzburg mit ihren Insassen ungeschoren, du wüster, böser Gesell! —
Ich ging hinüber, wo Fräulein Bartel mit Marianne war. »Die werden erschrocken sein«, dacht’ ich. Ich traf Fräulein Bartel in heller Angst. Das Rosenkränzlein hielt sie in den zitternden Händen, und auf dem Tische vor ihr stand ein hübsches, buntes Muttergottesbild.
»Das hat eingeschlagen, das hat gewiß bei uns eingeschlagen«, sagte sie ängstlich.
»Dem Nußbaum hat es gegolten, Fräulein Bartel«, beruhigte ich sie. »Draußen im Garten hat es eingeschlagen, nicht ins Forsthaus ...... Aber wo ist denn Marianne?« — — —
Ich sah mich um, sie war nicht da.
Nun sah sich Fräulein Bartel auch nach ihr um.
»Ich weiß nicht«, stotterte sie, denn eben fuhr wieder ein knatternder Blitzstrahl unweit der Kauzburg ins Erdreich.
»Sie war vorhin noch hier.«
Ich hatte schon die Türklinke in der Hand.
Drüben bei mir in der Stube stülpte ich mir den Hut über, warf mir den Lodenmantel um und eilte auch schon die Treppe hinab.
Es war so finster, daß ich die kleine Handlaterne gut gebrauchen konnte.
Unten in der hohen, weiten Steinhalle schallten meine Tritte laut von den Mauern wieder. »Marianne!« rief ich; keine Antwort. So eilte ich denn durch den langen, gewölbten Flur nach der kleinen, ehemaligen Mönchspforte, die am Ende dieses von der Halle nach dem Eingang zum Keller führenden Ganges lag.
Schon stand ich an der niederen Pforte. Nur ein paar Schritte über den Burghof hatte ich zu gehn, um an den Kellereingang zu gelangen.
Ich riß die uralte, schwere Eichentür auf. Kraft mußte ich anwenden, so drückte der Gewittersturm von außen entgegen.
Nun schlug sie schallend zurück.
Ich trat hinaus in die furchtbare Sturmnacht.
Die große Linde im Burghof rauschte ächzend und bog sich fast zur Erde mit ihrem hohen Wipfel. Über abgerissene Zweige stolperte ich.
Überall flammte und leuchtete es blutrot, fahlgelb und violett, dauernd wurde das Stockdunkel durch Blitz und Wetterleuchten in unheimlichem, jäh aufblitzendem, jäh ins Tintenschwarze wieder vorübergehendem Glanz unterbrochen. Fast schmerzhaft den Augen. Dumpfdrohend, gellkrachend, prasselnd, knatternd die Donner dazwischen. Wütend kochte der Regen herab. Wie ein schäumender Sturzbach fiel er herunter und hatte den Hof zu einem See verwandelt.
»Marianne, Marianne!« schrie ich in das Toben hinein. Antwort gab mir allein die Linde. Sie fing ganz laut zu stöhnen an, in ihrem Stamme begann ein ächzendes Geprassel, alle Äste von ihr erbebten und zitterten und schlugen wirr ineinander. Mir war’s in dem blendenden Wetterleuchten, als ob ich den ganzen hohen, gewaltigen Baum hätte schwanken sehn, als ob er von seinem Platze, an dem er nun seit Hunderten von Jahren stand, weitergeschritten wäre, mit wuchtigem, schwerem, hallendem Schritt. Wie ein Riese tauchte er noch einmal vor mir auf aus dem tiefen, tiefen, pechschwarzen Dunkel dieser Teufelsnacht. Wie ein Riese stand er vor mir in dem jäh aufzüngelnden Blitz, der die Abgrundtiefe dieses Gewitterhimmels zerschnitt, dann begann das Sterben dieses Riesen.
Ein Krachen und Reißen entstand, das selbst die Stimme des Wetters überklang. ~Auf~ rauschten wild die Blätter, Zweige schlugen mich ins Gesicht, wie ein wütender, schriller Schrei tönte es plötzlich, — die Herzwurzel war geborsten — dann stürzte der Baum zur Erde.
Der Sturm brauste wie ein Sieger über ihn hin.
»Marianne!« keuchte ich angstvoll.
Wo war das Kind der Straße bei diesem vernichtenden Unwetter?
Mit ein paar Sätzen war ich drüben am Tor des Kellers. Das Tor stand auf. Schwarze Finsternis gähnte mir entgegen. Hoch hob ich die Laterne, bückte mich und tappte die zehn steinernen Stufen, die unter die Erde führten, hinunter. »Marianne!« rief ich da unten wieder.
Und siehe: Ein Lichtschein, kurz nur und spärlich, drang mir entgegen.
Sturm kam und warf hinter mir die Tür ins Schloß.
Abgesperrt von der Außenwelt stand ich, kaum konnte ich etwas sehn in dem winzigen Blinken meiner Laterne.
Aber dort vor mir, dort aus der Tiefe der Lichtschein! Die Angst trieb mich dorthin; die Angst hatte mich aus meiner Stube getrieben über den Hof ins Unwetter hinaus, nun hier hinein in diesen dunklen Keller. Die Angst? Um wen? Ja, um Marianne, das Kind der Straße. Ich mußte sie sehn, mußte wissen, daß sie geborgen war, daß sie lebte ....
Und nun stand ich ihr gegenüber. Unweit von ihr stand ich. An diesem seltsam schauerlichen Ort bei diesem seltsam schauerlichen Unwetter.
Bis hier hinein war das Toben und Tosen da draußen zu hören. Dumpf drang es bis hier hinunter.
»Marianne!« rief ich sie leise an.
Sah sie mich denn? Hört sie mich?
Nach vorn gebeugt, spähend, mit gierig grübelndem Ausdruck in ihren Augen stand sie im verschwimmenden Schein eines Lichtstumpfes, der auf einem aus der Mauer hervorragenden Steinkopf aufgeklebt war, und starrte auf die schwarzgrüne Steinmauer hin.
Ein mächtiger, mehrere Zentner schwerer Stein war dort aus der Mauer gebrochen, herausgeschleudert worden wohl durch einen herniedersausenden Blitz. Wie ein Felsblock lag er vor mir. Hinüber klettern mußte ich, um an Mariannens Seite treten zu können: Jetzt stand ich dicht neben ihr.
»Marianne, bei diesem Wetter sind Sie hier?« sagte ich voll Mitleid.
Sie wandte sich mir zu.
Ihre Augen brannten in einem triumphierenden Glanze, mit den Händen zeigte sie nach einer gähnenden Öffnung in der Mauer. Ich folgte dieser Bewegung und sah mit Erstaunen, fast mit einem Gefühl des Grauens, in einen unterirdischen Gang hinein, in den der Lichtschimmer unserer Kerzen zitternde Strahlen warf.
»Ein Gang, ein unterirdischer Gang?« rief ich erregt! »So ist’s kein Märchen, was die Leute sagen? Ein Gang führt von diesem Keller ans Ufer des Flusses unter der Stadt hindurch!«
Marianne faßte plötzlich meine linke Hand mit ihrer rechten und bog sie herab, so daß meine Finger über die glatte Fläche der neben uns liegenden, von der Gewalt des Blitzes herausgeschleuderten Steinplatte fuhren, die diese Öffnung bisher vor den Augen der Burginsassen verborgen hatte. Ich fühlte, daß in der Steinplatte etwas eingraviert war.
Mit der Laterne beleuchtete ich die Platte. Was sah ich! Ganz deutlich war die Figur einer Eule, eines Kauzes in den Stein geschnitten!
Marianne lachte vor sich hin.
»Eine Eule, ein Kauz,« rief ich, »ganz deutlich ein Kauz, ein Waldkauz in diesen tausendjährigen Stein geschnitten! Ich nannte dich Kauzburg, dich, mein Forsthaus, nun finde ich hier das Käuzchen in diesem Stein, der älter ist, als Burg und Mönche und Ritter!
Und wie? .... Was sehe ich unter dir, du steinernes Käuzchen längst verstorbener Zeit?
Eine Menschenfigur, einen Menschen in kniender Stellung, mit aufgehobenen Armen, betend zu dir, mein steinernes Käuzlein, anbetend dich als Gottheit! Ein heidnischer Stein, ein heidnisches Merkmal, ein heidnischer Gott in meiner Kauzburg!
Was hab’ ich gesehn!
Kauzburg hab’ ich mein Forsthaus getauft! Dem Heidengott hab’ ich mein Forsthaus wieder ausgeliefert mit meiner Taufe!
Oh, dreht euch nicht in euren Gräbern um, christliche Ordensritter und mönchisches Kuttenvolk!