Part 4
Ich schlich mich von Gebüsch zu Gebüsch. Schmetterlinge jagte ich auf, die mit geschlossenen Flügeln an den Blütenkelchen der Wiesenblumen gehangen hatten und, vom süßen Duft ermattet, eingeduselt waren, grüne Heupferdchen hoppten, gestört aus ihrer Ruhe, im grünen, frischen Wiesengras mit gewaltigem Satz empor, sobald mein Fuß die Grasrispen erzittern ließ, Vögel flüchteten aus dem Haselnußgebüsch, an das ich streifte, ein Eichhörnchen fauchte mich mürrisch an, wickelte seinen Buschschwanz in die Höhe und wußte nicht recht, was es aus mir Eindringling in diesem Versteck zwischen den Waldbergen machen sollte; eine unschuldige Natter wand sich in das Wurzelwerk der Buche hinein, hinter deren Stamm ich haltmachte, lauschte und spähte, — nichts hörte ich mehr. Aber was erblickte ich, als ich die Zweige der Erlen vor mir auseinanderbog? War es ein Spuk? Ein holder, teuflischer, schöner, schrecklicher Spuk? Ein Spuk der Heidenwelt, in deren erstorbene, längst vermoderte Vergangenheit ich eingedrungen war? War etwa alles Spuk? Das kleine tiefe Tal? Der stille, spiegelnde, hier so dunkeltiefe Waldteich? Die buntbeblumte Wiese? Die Bergeshänge mit ihrem rankenden Gebüsch? Aus dem es blühte, duftete und Früchte niederhangen ließ? O holder Spuk, o schreckensschöner Spuk!
Ich möchte fliehn, und fest gebannt steh’ ich und kann nicht fort!
Und ist’s ein Traum, dann halte noch ein wenig aus, du holdes Traumgebild!
O Marianne, du hast mich ja bezaubert! Was hast du nur aus mir gemacht! Ich seh’ dich ~vor~ mir, seh’ dein flutend rotes Haar! Bis hier in dieses stille Tal folgt mir dein Bild. — Ja, Marianne! —
Dicht an dem Ufer des Waldsees lag sie lang ausgestreckt auf dem Wiesengras.
Dort lag sie und schien im Schlaf. Sonnenschein sprang durch das leichtbewegte Blattgerank der Erlen wie goldenes Blitzen über ihren herrlichen, weißen Leib, der wie in Feuersglut getaucht erschien in all der Fülle rotgoldenen Haares, das ihn umflutete und seine Blöße verhüllte. Leicht über sie bis an den Busen hochgebreitet lag das weiße Kleid, das man ihr vorhin beim heiligen Bittgang angetan hatte. Blumen lagen darüber gestreut in allen Farben des glühenden, blühenden Sommers. Auch an dem leuchtenden Rot der köstlichen, seidigen, glänzenden Haarpracht hingen blaue Glockenblumen wie schwere, schöne Himmelstränen.
Noch rieselten hier und da von ihrem weißen, sanft geschwellten Busen kleine, glitzernde Wasserperlen ins Gras zu den Seiten herab, noch lag’s wie ein feuchter Nebelreif über ihrem Haar. Sie mußte soeben erst der klaren Flut des Waldsees entstiegen sein.
Wie bist du hierher gekommen? Woher, sag’ mir, woher kennst du dieses stille, heimliche Tal? —
O wär’ ich geflohn in diesem Augenblick! Noch war es Zeit, noch Zeit zur Flucht, zur Rettung!
Aber da hob sie das Köpfchen, die blendenden Arme, die weißen Hände, da schob sie die wogende Haarflut zurück, da dreht sie langsam, ganz langsam ihr holdes Gesicht mir zu, da wölbte ein Lächeln die roten Lippen, da trafen — zwei sengende Strahlen — ihre Augen mitten hinein in die meinen.
»Marianne!« schrie ich laut auf, dann leise, ganz leise, noch einmal: »Marianne!«
Ich weiß es nicht, ob ich zu ihr hingestürzt bin, ob ich langsam, ganz langsam über das Stückchen grüner Wiese, das mich von ihr trennte, geschlichen bin. Vielleicht geschlichen wie ein Dieb, der stehlen wollte. Weil man zum Stehlen ihn aufgefordert hatte. Ich weiß das alles nicht mehr. Ich weiß nur, daß ich vor ihr niederkniete, daß ich ihre nackten Arme, die sich kalt und weiß wie Elfenbein mit seinem fein getönten, fast nur geahnten Gelb in das rote Haargewoge verschlungen hatten, an mich riß, daß sie sich selbst wie eine aufbäumende Schlange gegen mich warf. O Marianne. — — — — — —
[Illustration]
Sonne, schöne Sommersonne, du versinkst hinter den hohen Domtürmen der kleinen Stadt.
Die beiden Kreuze auf den Turmspitzen gleißen wie pures Gold.
Wohnt Gott in ihnen? Gott, der die Sünde bannt, von Sünde löst und freispricht?
So sprich mich ~frei~ von meiner Sünde, Gott! — — —
Stilles, heimlich verborgenes Tal, dein Boden ist getränkt vom Blut der Menschenopfer alter heidnischer Zeit.
Forderst du ein ~neues~ Opfer? — — —
In der Dämmerung schlich ich mich am Fluß entlang in das Städtchen zurück.
Hatte ich nur geträumt? War’s Fieberwahnsinn, Fieberglut gewesen?
Hatte sich wirklich soeben erst lachend und keuchend mit flammenden Augen und glühender Stirn ein zauberschönes Mädchen meinen Armen entwunden? War fortgesprungen wie eine weißschimmernde Elfe mit rotwallendem Mantel über das sanfte Grün der stillen Wiese im Tal? Hatte grausam ihr Lachen geklungen? Und hart und spröde und siegestrunken? Und sanft und girrend, lockend und drängend, verführend, bezaubernd wie das Lachen der Zauberin Circe?
Neben mir klingt und singt der Fluß. Am Ufer drüben ragen im Abendschein die Häuser, die Türme und Mauern der kleinen Stadt.
Ragt die Kauzburg hoch über die anderen Häuser hinweg. »Huhu, huhu« schrien ein paar Käuzchen und flogen lautlos um die schlanken Pappeln, die hier am Ufer stehen. Ganz still und unbewegt. So wie ich selbst hier stehenblieb und stand, ganz still und unbewegt. Und in das fließende, rinnende, immerfort fließende, immerfort rinnende Wasser des Flusses starrte. Bis immer mehr der Abend niedersank und nur ein letztes rotes Leuchten Kunde gab von einer Sonne, die verschwunden war, um einer anderen Welt ihr Licht zu spenden.
Ein Glöcklein klang vom Dom. Das Abendglöcklein war’s. Dann fiel ein zweites tieferes Glöcklein der evangelischen Kirche ein. Sie klangen schön miteinander. Wie Schwester und Bruder. Aber die Menschen, die ihnen zuhörten, waren nicht wie Schwestern und Brüder miteinander. Sie befeindeten sich und bekriegten sich. — Schwestern und Brüder. — Gestern war Marianne eine Schwester von mir gewesen und ich ihr Bruder. Denn der christliche Glaube lehrt, daß wir Menschen alle Schwestern und Brüder sind. —
Heute? Jetzt?
Wie kann man Bruder sein zu diesem Mädchen! Ich wußte es doch seit Wochen, daß ich ihr nicht Bruder bleiben konnte. Warum hab’ ich sie nicht von der Schwelle der Kauzburg verjagt? So hätte ich meine Ruhe heute. So brauchte ich nicht so scheu wie ein Dieb in meine Kauzburg zu schleichen. Ich fühle mich schuldig. Ich verfluchte das stille Tal, den Waldsee, die sonnenfreudige grüne Wiese.
Und doch! .... Wenn ich zurückdachte ...... Marianne, ich bin ~dein~! — — — — — — — —
Es war mir lieb, daß ich niemandem begegnete. Daß ich ungesehen in meine Stube kam. —
Morgen werde ich ruhiger denken. — — — —
Um Mitternacht ging ich zu Bett.
Still lag die Landschaft im milden Mondschein um meine Kauzburg.
Eine sommerlich warme, ganz klare Nacht. Drüben in den Feldern zirpten die Grillen. In weißen Gewändern hing der Nebel auf den Wiesen und schwebte als weißseidenes Feintuch über den Fluß. Mir ward ruhig zumute; wunderlich ruhig. Warum nicht immer so? Aber ist denn das Meer zu jeder Stunde ruhig? Brandet es nicht zuzeiten in wildem Gischt an den Strand? O Menschenherz, wie gleichst du dem Meer. Wie gleichst du der Natur in ihrer sanften Schönheit, in ihrem wilden Sturm. —
Ihr fliegt um die Kauzburg, ihr beiden Käuzlein? Der Mond ist euer Helfer und Freund bei eurer lautlosen Mausjagd. Auch mein schlesisches Käuzlein mag nun im stillen, mondbeglänzten Wald auf seine Mäuslein jagen. Und meine Mutter mag gerade die Hände falten und leise beten: bleib brav und gut, du lieber Sohn. — O Mutter, Mutter! —
[Illustration]
Verstoßen könnte ich sie; fortstoßen mit den Füßen könnte ich sie! Aber sie zieht mich in ihren Arm, ihr goldenes Rothaar schlingt sie um meine Schultern, sie küßt mich voll Gier und voll Wonne, voll trunkener Lust und seliger Wonne, sie trinkt mein Blut, und ihre nachtschwarzen Augen sengen bis tief in mein Herz; ich reiße sie an mich, ich zähle die Stunden, wo ich sie habe im stillen, kleinen Tal, am dunklen Waldsee, im grünen Wiesengras, wo Schmetterlinge gaukeln, wo das Finkenhähnchen seine Rufe schmettert, und wo es sonst so still ist wie im Paradies.
Fortstoßen könnte ich sie; nein, niemals kann ich sie lassen; ~mein~ muß sie sein, ~mein~ muß sie bleiben. —
Merkt es denn niemand, niemand, daß ich ein anderer geworden bin?
Merkt es denn niemand, daß wir sündigen? Bin ich ein Doppelmensch? Vor den andern der eine, vor mir der andere? — Aber die Sünde wird zuletzt zur Gewohnheit. Das Gewissen schläft ein. Wozu es wecken! —
So gehen die Tage hin. Abwechselnd zwischen der Sünde und Pflicht. Die Pflicht hält jener das Gegengewicht. Die Arbeit reißt mich wieder und wieder empor, sie bringt mir die Ruhe und lenkt mich wohltuend ab.
Die Arbeit, die der Wald wie grünes Gezweig über mich ausschüttet. Daß ich sein Jünger bin, sein Pfleger und Schirmer, ist meine Rettung.
O Wald, wie liebe ich dich!
Weißt du es, Bergwald draußen, was du mir bist? Daß ich mich an dich anklammere, wie rankender Efeu am starken Eichenstamm es tut?
Mein lieber Bergwald, deine Luft macht rein und gesund. Gesund an Seele und an Leib. Ja, bin ich denn krank?
Ach, trauter Wald, ich möcht’ es dir sagen. Ich möchte mich hinknien auf hoher Berghöh’, wo ~du~ nur um mich bist mit deinem Rauschen, das so kräftig klingt, so wunderschön, so stolz und ruhig, dort möcht’ ich zu dir sagen und reden von meinem tiefen Leid. Sieh’, keiner weiß es, und keiner ahnt es. Wie mich umschlingt diese Zauberkraft, dieses feuerglühende Haar, wie sie mich immer und immer in Fiebergluten reißt, wie ich so machtlos bin im Banne ihrer grausigen Augen. Wie, grausig sag’ ich und lache mich nicht selbst gleich aus? Sind’s Augen nicht wie dunkle, schlummernde Tiefen des Sees? Des Waldsees, der den Tag verträumt in stiller, kosender Ruhe? So sanft und weich, wie das Wasser des Waldsees ist?
Kann denn ein Waldsee zum Tode locken?
Zur Tiefe, in der man ertrinkt mit ringendem Arm, mit verlöschender Kraft, mit letztem Kampfe ums Leben?
Doch, doch! — — — Ein See hat Tiefen, die niemand kennt. Ich weiß von einem, der lockt so weich, so kosend, doch was er an sich lockt, nie wieder kehrt es ans Ufer zurück. Hab’ ich das Ufer verloren? — —
O, Bergwald, wie kühl und kraftvoll ist dein Atmen, dein Leben!
An dich, du starker Eichenstamm, hab’ ich mich angelehnt. Und schaue hinab ins Tal zu meinen Füßen. Lau spielt der Sommerwind in den Blättern der Eichen und Buchen. Wie grünes Flimmern im blauen Himmelssommerglanz. Die Blätter sprechen, sie sprechen schön wie Vogelsang und Vogelsingen. Zur Ruhe sprechen sie. Zum Frohsinn mahnt ihr trauliches Rauschen und Klingen.
Zum Frohsinn in Ruhe. Das ist das Rechte! Ja, Frohsinn in Ruhe!
Das Leben lebt, und es lebt nur einmal, nie wieder. Weshalb denn traurig sein?
Hab’ ich nicht ~dich~, mein Wald?
Durchspüle mich, rasch, durchspüle mich mit deiner kräftigen Waldluft! Füll’ mir mein Herz damit, so widersteht es der Lockung, füll’ mir die Brust, so werd’ ich sie dehnen und frischen Atem schöpfen, füll’ mir die Kehle, so will ich singen dem Waldvogel gleich auf den wiegenden Ästen der Buchen, füll’ meine Augen damit, so werden sie trunken ewig schaun die Schönheit der Natur, der Wald- und Bergnatur, in der ich Sünder stehe, erfülle mein ganzes Ich mit deiner reinen Würze, so bin ich sündlos zur Stunde.
Und ~ist’s~ denn Sünde? Ist’s wirklich Sünde, wenn sich zwei Menschen schrankenlos einander geben? Wozu denn Schranken? ~Frei~ will ich sein von allen Schranken! Sind denn die Vögel in Ketten gelegt, in Schranken? Ist denn der freie Hirsch, der durch die Waldgründe zieht, gebunden? Muß denn das Füchslein erst bitten, wenn es die Hasen holt? Der Wanderfalk, wenn er aufs Rebhuhn stößt? Frei, Frei! — — — Du bist ein ~Mensch~, kein Falk, kein Hirsch! Bedenke es, du bist ein ~Mensch~.
O, teuer muß man erkaufen, ein Mensch zu sein. Denn Zucht und Sitte binden. Und ~müssen~ binden, soll nicht die Allgemeinheit leiden.
Singt, singt, ihr Vögel in den grünen Zweigen! O singt, ihr seid ja luftbeschwingte, freie Sänger!
Schreite stolz wie der Waldfürst durch die tiefen, atmenden Gründe, du hochgeweihter Hirsch, du bist ja ein Hirsch, ein freier Hirsch des herrlichen Waldes!
Schleiche, mein rotes Füchslein, schleiche hinaus ins Feld, durch das wogende Meer der Halme, und greif dir das hoppelnde Häslein. Du bist ja ein Waldfuchs, ein loser Gesell, brauchst keinen zu fragen: »Sag’, ~darf~ ich?«
Blauschimmernder Wanderfalk, Beherrscher der Luft, stoß herab, stoß herab! An den Grabenrain hat sich das Rebhuhn gedrückt, kaum hebt es sich ab im braunen Gefieder von brauner Erde. Doch deine pfeilscharfen Augen sehen es ... Stoß zu, stoß zu! Wer sollte dich hindern? ...
Ich bin nur ein Mensch. Nichts weiter. Und hab’ mich an Menschengebot zu halten. Und soll ihn gehn, den Tageslauf der Pflicht. Und ~wollt’~ ihn gehn und ~will~ ihn gehn. Wozu bist du, rothaarige Hexe, dazwischen getreten in meine Pflicht und in den Tageslauf eines Menschenseins?
Warum nur, warum?
Als Waisenkind, als Kind der Straße nahm ich dich in mein Haus.
~Bist~ du ein Kind der Straße?
Man hat dich auf der steinernen Schwelle des Klosters gefunden, in das man barmherzig das elternlose, ausgesetzte Kind aufnahm. Doch niemand weiß, woher du kamst.
Stammst du von Wesen ab aus einer anderen Welt, die wir nur ahnen, niemals aber sehn?
Ich fand dich unter der Erde vor dem gähnenden Abgrund zur Tiefe, neben dem Stein mit dem heidnischen Zeichen stehn, ~mein~ bist du geworden im kleinen Tal, an heidnischer Opferstätte. Im heidnischen Waldsee hattest du gebadet, noch perlten die Tropfen wie klare Tränen von dem herrlichen Weiß deines Körpers, da riß ich dich, nein, ~du~ rissest mich in deine Arme, in all dein flutendes, sprühendes Haar — — — wer bist du, wunderbares Zauberweib? Hast du die Macht, der Menschen Seelen in dich einzusaugen? Hilf mir, Wald! Mach’ mich wieder frei von ihr! Hilf deinem Grünrock, du schöner, grüner Wald! — — —
Im Mondschein ritt ich nach Hause. Über mondbelichtete Berge, durch ein mondbelichtetes Tal.
An jedem Zweige hing wie ein Silberschein des Mondes Glanz, in seinem Silberglanz gebadet schien das Tal.
So ritt ich der Kauzburg zu, und meines Reitpferdes Hufe tönten vom Wurzelwerke, mit dem der Waldweg durchflochten war, dumpf zurück. Ein unvergeßlich schöner Ritt.
Froh fühlte ich mich und frei.
Mit meinen Förstern, den ehrlichen, geraden Naturmenschen, war ich zusammen gewesen, hatte die herbstlichen Schlagflächen mit ihnen besucht, über die Pflanzen, die Saaten, über Wald und Wild, über den Dienst und seine Forderungen hatten wir gesprochen, und fast unbewußt hatte ich mein seelisches Gleichgewicht wiedergefunden.
Aber, je näher ich dem Städtchen und meinem Forsthause kam, desto mehr wich die Ruhe von mir. Mein Gaul merkte es mit dem feinen Instinkt, den Pferde und Hunde, unsere intimsten Hof- und Hausgenossen, für unsere Stimmungen haben. Aufgeregt tanzte er unter meinen Schenkeln. Und plötzlich stutzte er, sprang zurück, und stand zitternd still. »Was hast du, Pascha?« sagte ich und klopfte ihm den Hals. Der Mondschein lag hell über der Straße. Vor mir bauten sich klar und scharf die Häuser des Städtchens auf. Ganz deutlich sah ich die Kauzburg, jeden Schornstein konnte ich erkennen.
»So geh doch, Pascha, vorwärts!« Ich gab ihm etwas die Sporen. Da schnaubte er und gehorchte. Aber als ich auf das mondhelle Feld blickte, das unter dem alten Kirchhof, der dicht an der Gartenmauer meiner Kauzburg liegt, sich hinzieht, fuhr ich im Sattel zusammen. Eine weibliche, weiße Gestalt bewegte sich quer über das Feld auf mich zu. Nicht schnell, nicht langsam, ganz monoton und traumhaft. Ich erkannte sie sofort. Denn wie ein köstlich goldener, wie Feuerschein lohender Mantel floß über das weiße Kleid das lange, gleitende Haar und ließ sich bespiegeln von dem silbernen Schein des Vollmondes.
Es war Marianne.
Marianne, die mir die Ruhe geraubt hat, Marianne, meine Sünde.
Meine Sünde, mein Leid und meine wonnige Lust.
So kam sie über das mondbleiche Feld, so leuchtete ihr rotes Gluthaar im Silberstrahl des Mondes. Ja, sah sie mich nicht? Ging sie im Schlaf?
Da fiel es mir jäh aufs Herz: sie leidet an der Mondsucht, mondsüchtig ist sie und heute ist Vollmond.
»Marianne!« rief ich.
Da stand sie still und hob den Kopf. Und sah starr auf mich und mein Pferd, und sprang wie ein schlankes Reh auf uns zu und hing an meinem Halse, ich wußte nicht, wie.
Und hing vor mir im Sattel und herzte und küßte mich, und Pascha, mein Gaul, ging ruhigen, stolzen Schrittes den schmalen Pfad, der zur Kauzburg führt, hinan, und der volle Mond sah mit einem Lächeln auf uns herab, und eine Wolke kam und hüllte des Mondes blasses Licht in Dämmerung, und der Sommer blühte und koste in den Halmen, und ich, ich hatte alles vergessen, was ich mir vorgenommen hatte, draußen im frischen Wald, ich hatte dieses Mädchens Leib in meinem Arm, und so, auf meinem Pferde, brachte ich sie heim zur Kauzburg, schlich mit ihr heimlich wie ein Dieb in meine Stube ... Marianne, Marianne.
[Illustration]
Der Domherr ist heute bei mir gewesen, und machte mir seinen Besuch. Lange war er verreist. In jedem Jahre macht er große Reisen.
Ich sah ihn vom Fenster aus ins steinerne Burgtor treten. Was tausend, wie kann sich der Mann benehmen.
Gleich im Burghofe blieb er stehen und sah sich um. »Niemand da, mich zu empfangen?« Jede Bewegung, sein ganzes Wesen sprach das aus.
Mein Forstlehrling kam aus dem Bureau, dummdreist wie immer. Je näher er dem Domherrn kam, desto unterwürfiger wurde der Junge. Ich glaube gar, er küßt ihm noch die Hand. Das fehlte gerade, er, der Sohn evangelischer Eltern, der Lehrling eines evangelischen Oberförsters! Ich hörte des Domherrn wohlklingendes Organ: »Ist der Herr Oberförster zu Hause?« Ich sah, wie mein Lehrling bejahte und vor dem geistlichen Herrn die Tür der Halle aufriß, ich hörte im Flur die Klingel, einen Ausruf Fräulein Bartels, ich öffnete meine Stubentür und sah, wie Fräulein Bartel ihrem Seelsorger die Hand küßte, sah seine segnende Handbewegung, sah, wie Marianne fast auf die Knie sich vor ihm beugte, sah, wie er auf ihr rotes Haar seine Hände legte und leise einen Segen auf dies rote Haar — ach, dieses Haar, das mich verführte — sprach, da richtete er seine hohe Gestalt auf, seine Augen trafen die meinen ... ja, bin ich denn närrisch? Seh’ ich denn schon in allen anderen Augen die Augen Mariannens? In jedes anderen Menschen Haar die Haarpracht Mariannens? — — —
Der Mann vor mir ~hatte~ ihre Augen und ihr rotes Haar! —
Ich bat ihn, einzutreten. Er saß mir gegenüber. Sein kühnes, kluges Gesicht hatte ich dicht vor mir. Er spricht gewandt, benimmt sich wie ein Fürst, versteht es, sich angenehm zu machen durch flüchtig hingeworfene Schmeicheleien, die sicherlich bei hundert Menschen wirken werden — und doch — er ist mir unangenehm.
Warum?
Es ist eine solche Wahnsinnsidee! Ich muß krank sein, ja, ich ~bin~ krank. Marianne macht mich fieberkrank!
Ist’s nicht Wahnsinn, daß ich bei seinen Augen an Mariannens Augen denke? Daß ich fortwährend die Farbe seines, um die Tonsur sich wellenden, mit wenig Grau gemischten Haares mit Mariannens rotem Haar vergleiche?
»Wie sind Sie mit dem Mädchen, das auf meine Empfehlung in Ihr Haus kam, zufrieden, Herr Oberförster?« fragte er mich.
Sah er mich lauernd an? Hatte er nicht ein höhnisches Lächeln auf seinem Munde? Hat er irgend etwas gemerkt? Weiß er ... mein Himmel, weiß er etwa ... — Ich mußte wohl länger als schicklich geschwiegen haben auf seine Frage, denn er fragte noch einmal und sah mich verwundert an. Nur verwundert, natürlich, nur verwundert. Denn wo kann er denn etwas wissen!
Ich wollte ihn doch über Mariannens Herkunft ausfragen! Und nun fragt er ~mich~ nach ihr!
»Gut, ganz gut, Herr Domherr,« sagte ich und fuhr mir über die Stirn — sei klug und sei wahr und verrate dich nicht, liebe Seele, redete ich mir zu, »aber ich möchte Sie heute bitten, Herr Domherr, mir doch etwas Näheres über des Mädchens Herkunft mitzuteilen, es interessiert mich, da sie in meinem Hause ist und ich doch gerne wissen möchte, wen ich im Hause habe, darum ...«
»Ich will Ihnen gerne sagen, was ich weiß«, unterbrach er mich ruhig, und nur sekundenlang fühlte ich wie eines Messers scharfe Schneide den Blick seiner Augen in den meinen: — »Dieses Mädchen wurde an der Klosterschwelle als soeben geborenes Kind gefunden. Wir nahmen es in unser Waisenhaus auf. In des Kindes Windeln fand sich ein Zettel mit folgenden Worten: Nehmt dieses Mädchen im Namen Gottes, im Namen der heiligen Mutter Gottes auf, so wird des Herrn und der Heiligen Segen auf euch ruhen.«
»Und wie waren die Schriftzüge?« sagte ich, um etwas zu sagen, da er schwieg und wie traumverloren zur Erde starrte.
Er fuhr auf.
»Wie? ... Was meinen Sie?« ... rief er.
Ich war ganz verblüfft über seine plötzliche Aufgeregtheit.
»Aber ich bitte Sie, Hochwürden«, sagte ich.
»Ach so, ... so, ... bitte, bitte ... Sie meinen die Schriftzüge?« wiederholte er meine Frage und fuhr sich mit seiner schmalen Hand — wo habe ich denn bloß solche Hand schon gesehen? durchfuhr’s mich — über die Stirn. »Die Schriftzüge? ... Eines Weibes Handschrift war’s, ... wohl von der unbekannten Mutter dieses Mädchens ..., es ist lange her ... man vergißt es ..., aber auch ~Sie~, mein Herr Oberförster, tun ein gutes Werk, wenn Sie das elternlose Geschöpf in Ihrem Hause behalten und ...«
»Ja, ja«, unterbrach ich ihn rasch, — ich hatte förmlich Angst, er könnte sagen: »und es vor allem bewahren«.
Aber ~sie~ war es doch gewesen, ~sie~ hat jede Schranke durchbrochen, ~sie~ hat mich dazu gebracht! ~Ich~ habe mich gewehrt wie ein Verzweifelter, immer, immer — gegen mich und mein eigenes Fleisch und Blut habe ich mich gewehrt, übermenschlich, wie ein Ertrinkender sich gegen die Wogen wehrt, bis er zuletzt doch ertrinkt, nein, trinkt, trinkt, trinkt von dieser höchsten Lust und Wonne, aus dem Becher dieses süßen, süßen Giftes!
»Ich wundere mich, Hochwürden, daß Sie Marianne in das Haus eines evangelischen Hausherrn ziehen ließen«, sagte ich.
»Aber warum denn ~nicht~, Herr Oberförster, warum ~nicht~?« meinte er lächelnd. »Ich wußte doch, daß Ihre Wirtin, Fräulein Bartel, katholisch ist, daß Ihre Mutter selbst, mein Herr Oberförster, Katholikin ist, ja, daß Sie selbst katholisch getauft sind, also gehören Sie doch ~auch~ etwas ~uns~ an, sind ...«
»Ich bin ein Protestant, Hochwürden«, unterbrach ich ihn kurz und scharf.
»Nun, nun, es war nicht schlimm gemeint«, sagte er mit derselben Freundlichkeit. Bloß seine Augen sah ich einen Augenblick schillern.
Als er ging, wiederholte sich das Schauspiel des Handkusses und der Segenspendung. Marianne kniete vor ihm nieder.
»Du warst lange nicht zur Beichte, Marianne«, sagte er, während er das Zeichen des Kreuzes über sie machte.
Sie zuckte zusammen. Unmerklich. Aber er hatte es gesehen. Seine tiefen, forschenden, dunklen Augen flammten auf.
»Du wirst zur Beichte kommen, mein Kind, nicht wahr?« Es klang sehr ruhig, sehr gütig, aber es klang wie ein Befehl.
»Ja«, sagte Marianne gehorsam.
[Illustration]
»Dieser Mann hat große Gewalt über die Herzen der Menschen«, dachte ich, als ich allein war. Wenn Marianne zur Beichte geht und ~alles~ beichtet, was wird sein?
Und dann rief ich mir die soeben mit ihm geführten Gespräche ins Gedächtnis zurück.
Wie fein versteht er es, Schlingen zu legen. Er weiß natürlich ganz genau, daß ich kein Kirchgänger bin. Daß ich im Walde immer am besten die allwaltende Gottheit finde. Und nun sollte ich gar ein ganz ansehnliches Häuflein von Heiligen und bestickten Fürsprechern zwischen der Gottheit und mir haben? ... Ich mußte lachen. Nein, nein, das wäre nun schon ~gar nichts~ für mich einfachen Sohn des Waldes!