Part 11
Da trat Erika zu ihrem Vater hinter dem großen Tisch und legte ihre linke Hand auf die silberbeschlagene Bibel, die auf dem Betstuhl am Tische lag. Die rechte Hand legte sie ihrem Vater auf die noch immer zusammengeballte Faust, die er eben schwer und wuchtig hatte auf die Tischplatte fallen lassen, und sagte zu ihm: »Vater, sag’, liebst du die Bibel und hältst du dich an alles, was in ihr geschrieben steht?«
»Törichtes Kind,« erwiderte er, »was soll die Frage? Hast du jemals gesehn oder gehört, daß dein Vater auch nur ein einziges Bibelwort für unwahr hält?«
Als er das gesagt hatte, schlug sie die Bibel auf und blätterte in ihr. So eifrig, daß sich ihre Wangen röteten. Nun hatte sie wohl gefunden, was sie suchte, denn sie nahm das schwere Buch und schob es ihm unter die Augen. »Hier, lies Vater«, bat sie und hielt auf eine Stelle des Blattes ihren Finger.
Er beugte sich herab. »Lies es laut«, sagte sie sanft.
Er las: »Und so wird es sein, daß das Weib ihren Vater und ihre Mutter verlassen wird und tut dem folgen, den sie sich hat gewählt zu ihrem Ehemanne, und tut wohl daran, daß sie ihm folgt, denn es steht geschrieben: Dein Wille sei mein Wille, und dein Haus sei fürder mein Haus.«
Laut auf stöhnte der Heidkönig, als er das gelesen hatte.
Er sank auf den Stuhl und schlug sich beide arbeitsfleißigen und arbeitsrissigen Hände vors Gesicht. Das Mariannchen fing leise zu weinen an. Er hielt das weinende Kind fest an seiner Brust.
So saß er lange Zeit. Dann nahm er die Hände vom Gesicht und richtete sich auf. Aber zwei schwere Tränen rollten aus seinen Augen über die Backen herab.
So hab’ ich einmal, ein einziges Mal den Heidkönig weinen gesehn.
»Ziehe mit ihm und werde sein, meine Tochter«, sprach er ernst. »Aber nach Jahresfrist erst darfst du mit ihm ziehn und sein Weib werden. Nach Jahresfrist erst darf er wieder in den Heidhof kommen, keinen Tag eher. Das leg’ ich ihm auf; prüfen will ich und muß ich ihn, dem ich mein unberührtes Heidkind geben soll. Still, still, Kind«, sagte er, als Erika ihn am Arme faßte und zu ihm aufsehend bat: »Vater« — »still, meine Tochter, anders geb’ ich mein Kind nicht. Also hören Sie, Herr,« wandte er sich an mich, »Sie sollen heute über ein Jahr wieder hierher kommen und meine Tochter zur Hausfrau haben. Ein Jahr ist lang, und bis dahin ohne Sünde und brav und keusch leben, ist schon etwas. Geben Sie mir die Hand, daß Sie brav und keusch leben werden.«
Ich gab ihm die Hand und sah ihn gerade und ohne mit der Wimper zu zucken an.
Ich wußte ja, daß es kein Weib außer Erika mehr für mich gab.
»Ist mir lieb, dieser Handdruck und dieser Blick«, sagte er freundlicher.
»Noch eins,« unterbrach ich ihn, »es muß gesagt sein, was wird ... was soll aus meinem Kinde werden bis dahin?« Ich hatte es ganz leise gefragt. Ach, wer weiß, ob er nicht sagen würde; das müssen Sie fortgeben, das darf nicht dort sein, wo meine Tochter als Hausfrau schalten und walten wird? »Nie, nie,« schrie es in mir auf, »lasse ich mein Kind! Ich habe es ins Leben gesetzt, so muß ich es auch bewahren im Leben, solange es nötig ist.«
Wie wenig kannte ich doch noch immer diese Menschen der Heide!
»Ihr Kind?« sagte er, »nun das ist eine sonderbare Frage. Das Kind bleibt hier, bis Sie Erika sich holen. Dann bringt sie das Kind mit. Von dem Tage ab ist es ~ihr~ Kind, sie ist seine Mutter, und ich bin sein Großvater.«
»Herr«, sagte ich tief ergriffen und drückte ihm seine harten, lieben Hände fest, ganz fest.
»Aber was werden die Leute sagen, wenn das Kind hier bleibt, und wenn es dann mit Erika kommt?« sagte ich zaghaft.
Da richtete er sich hoch auf.
Er sah ordentlich vornehm aus, dieser einfache Mann des Heidhofes.
»~Den~ möcht’ ich sehn, der es wagen würde, an des Heidkönigs Tochter auch nur in Gedanken sich zu versündigen. Nein, nein, ich sehe, wir Heidleute verstehn uns nicht mit euch Menschen, die ihr in den Städten wohnt und die Welt anders kennt, als wir sie kennen. — Erika, bedenke es wohl, ehe du dein väterliches Heidhaus mit dem Hause dessen vertauschst, den du dir zum Ehegatten erwählen willst.«
»Ich ~habe~ es mir bedacht, Vater, ich habe ihm versprochen, seine Hausfrau in Treuen zu werden und diesem Kinde hier eine treue Mutter, auch der toten Mutter dieses Kindes habe ich’s versprochen, und du weißt, mein Vater, daß ein Heidkind die Treue, die es versprochen hat, hält«, antwortete sie, hob das Kind — mein Kind — aus der Wiege und drückte das schlafende, kleine Geschöpf an ihre Brust.
Der Heidkönig sah prüfenden Auges auf dieses schöne Bild hin.
»Ja, ein Heidkind hält die Treue, möchte meinem Heidkinde auch allzeit die Treue gehalten werden. Ich denke, er wird die Treue halten, seine Hand drückte die meine fest und warm«, sagte er wie zu sich selbst und nickte ernst mit dem Kopfe. »Nun hört Ihr beiden, die Ihr in Jahresfrist, von heut ab gerechnet, Mann und Weib sein werdet und untrennbar bis zur Todesstunde, hört jetzt meine ~zweite~ Bedingung.«
Erika sah fragend mit erschrockenen Augen zu ihm auf.
»Noch eine Bedingung nach dieser ersten, schweren?« fragte ich.
»Ja,« gab der Heidkönig ruhig zur Antwort, »noch eine.«
Er setzte sich in den hochlehnigen Stuhl.
»Setzt euch,« gebot er uns, »ich muß weit ausholen, damit es euch klar wird, daß ich bei der Bedingung bleibe. Damit es Ihnen klar wird,« wandte er sich an mich, »da Sie uns Heidleute noch nicht kennen, um zu wissen, daß ein Heidbauer, und nichts anderes bin ich und will ich sein, seinen vom Vater und Vaters Vater her und Urahn her ererbten Heidhof so hoch hält wie sein eigen Kind. Der Heidhof ist ihm heilig und nichts schmerzt den Heidhofbauern mehr, als wenn er stirbt und er weiß, daß sein Heidhof dereinst in fremde Hände kommt. Wir Heidhofleute sitzen hier auf diesem Hofe seit fünfhundert Jahren. Eine hübsche Zeit, was?«
Ich nickte.
»Ja, seit fünfhundert Jahren. Und jeder, der den Heidhof übernahm, ist hier groß geworden. Hat hier als Kind gespielt im Schatten der Linden und Eichen, hat vom Vater gelernt, den Heidhof zu verstehn, denn der Heidhof will verstanden werden. Drum hat es sich auch fortgeerbt vom Urahn auf Ahn, vom Ahn auf Großvater, vom Großvater auf Vater, vom Vater auf Sohn, daß der jeweilige Erbe des Heidhofs hier erzogen wird.
Der Erbe des Heidhofes ist dein erster, dein ältester Sohn, Erika, den du haben wirst. Darum verlange ich dein und deines Mannes Versprechen jetzt, in dieser Stunde, daß ihr mir euren erstgeborenen Sohn überbringt. Ich will ihn zum Heidhoferben erziehn, er soll, mach’ ich die alten Augen zu, Heidkönig werden.«
Ich blickte heimlich zu Erika hinüber.
Wie? Vor ihm, dem Mädchen, verhandelte der Alte das? Was wird Erika tun? In meiner Gegenwart vor ihren keuschen Ohren das? Ich erwartete, daß sie blutrot werden und keine Antwort geben würde. Aber siehe: ruhig nahm sie das Wort. Es war ja in »Zucht und Ehren«, was hier besprochen wurde. Ja, ja, ihr Heidemädchen, auch ~euch~ muß man erst ganz verstehn!
»Ich sehe ein, Vater, daß du recht hast, der Bube muß hier sein, um den Heidhof liebzugewinnen, es geht nicht anders«, sagte sie.
Klar und ruhig fielen ihre Worte.
»Freut mich, daß du es einsiehst, Kind,« brummte er, »hab’s nicht anders erwartet. Bis jetzt war der erste stets ein Bub, und es wird wieder so sein, darauf hat der Hof des Heidkönigs ein Recht.«
Jetzt sah mich der Alte an. »Nun?« fragte er.
Ich zögerte mit der Antwort.
»Überlegen Sie sich’s in Ruhe, nachher sagen Sie mir Bescheid«, sagte er freundlich und stand auf.
»Hier, meine Hand, mein erster Bub dem Heidkönig!« rief ich fröhlich lachend. Wirklich, ich lachte ganz herzlich und vergnügt. Sollte ich meinen ersten Buben um den schönen Heidhof bringen?
»Ich glaube, daß ich in einem Jahre beinahe ohne Sorge meine Erika Ihnen geben werde«, sagte er.
»Also, unser erster Bub wird Heidkönig?« sagte ich dann scherzend zu Erika. Da sah sie mich tief errötend und ängstlich an und wandte sich ohne ein Wort der Erwiderung fort. Ich Tölpel! Werde ich denn nie diese Heidleute kennenlernen?
»In Zucht und Ehren darf so etwas besprochen werden; das finden diese Heidmenschen des vorherigen Besprechens wert und notwendig. Es wird aber unnatürlich und frivol, sobald man darüber außerhalb des Rahmens der notwendigen Besprechung und Vereinbarung scherzt.
Bei den Menschen der Heide herrscht noch unverfälschte, keusche Natur und Herzenseinfalt. Und darum Hoheit und Treue und Ernst, sobald Ernstes besprochen werden muß. So fest und stark wie ein starker, fester Eichenstamm. Meine Hand würde ich jederzeit für die Treue meiner Hausfrau Erika vom Wegbergshofe ins Feuer legen.
Ja, solche Frau macht die Ehe zu einem Heiligtum. Solche Frau atmet den Räumen des Hauses, in dem sie waltet, die Reinheit und Treue ein, die ihr ganzes Wesen erfüllt. Solche Frau ist ein sicherer Hafen nach den Stürmen, die der Lebenskampf dem Manne bringt. Ist ein Hafen der Ruhe für des Mannes eigenes, wildbewegtes Herz.
O, Erika, bist du erst meine Hausfrau, dann wird der goldene Frieden in meinem Hause sein. Wenn ich dich sehen werde, werde ich die einsame, unberührte Heide sehn, wenn meine Arme dich umfangen werden, werde ich wie ein froher Forstbub an dem treuen Busen wie in der in scheuer Schöne und holder Keuschheit blühenden Heide ruhn.
Du hast nicht Mariannens verzehrende Glut, die mich widerstandslos gegen ihre flammende Schönheit machte, aber du hast dafür eine Welt von einfacher Güte und hingebender Treue. Solche Güte, solche Treue erhalten dem Manne die Kraft, im Leben felsenfest zu stehn und bis zum Ende auszuharren in dem Kampfe, den Welt und Leben von selbst mit sich bringen. Wie werde ich zu dir flüchten, bin ich zerzaust worden draußen! Wie wird mich deine Ruhe, dein Frieden, dein ganzes liebes Wesen aufrichten und wieder festigen. Wie eine Mutter wirst du mir sein, in deren Schoß der Forstbub seinen Kopf legen darf zu jeder Stunde.
Du wirst meiner alten Mutter eine Tochter nach ihrem Herzen sein. Weil du so vieles mit der alten, treuen Frau, die ich Mutter nennen darf, gemeinsam hast. Nie hätte sie Marianne verstanden. Aber nun werde ich nur heimlich noch an Marianne denken dürfen. Ich ~will~ an sie denken, trotzdem ich Erika gefunden habe. Denn Marianne ist doch die Mutter meines kleinen, lieben, herzigen Mariandels! Aber Erika soll es nicht merken, daß ich in stiller Stunde auch an Marianne denken will. Jedes Jahr will ich heimlich einen Kranz auf ihr Grab legen. Es wird sich schon machen lassen, daß Erika nichts davon merkt. Es müßte sie doch verletzen.«
Unter der Linde vor dem Heidhof saß ich, als ich das mit mir besprach. Da trat Erika mit meinem Mariandel auf dem Arm aus der Tür des Heidhauses und kam zu mir hin.
Das kleine Mariandel krähte so lustig wie ein junges Hähnchen auf den Armen seiner ... Mutter. »Armes Hähnchen, deine Mutter ist tot«, dachte ich und sah sinnend zu meinem Kinde auf.
»Ich wollte dir noch etwas sagen, und ich soll es dir sagen, hat mein Vater mir befohlen, bevor du fährst«, begann Erika, setzte sich neben mich und gab mir das Mariandel auf die Knie.
»Wegen dieses Kindes muß ich noch mit dir sprechen, so will es mein Vater, und so will ich’s.«
»Was denn, Erika?« fragte ich beklommen.
»Sieh Lieber,« sagte sie ruhig und freundlich »ich will diesem Kinde eine treue Mutter sein, und ich habe es so lieb schon wie ein eigenes Kind. Wir wollen es großziehn und zu einem guten Menschen machen. Aber eines müssen wir noch miteinander besprechen. Ich glaube, es wäre nicht gut, dem Mariandel, solange es ein unverständiges Kind ist, zu sagen, daß ich nicht seine Mutter bin. Ist es groß und verständig, dann halte ich’s für recht, daß wir’s ihm sagen. Daß wir ihm sagen: ›Hör’, deine rechte Mutter, die dich geboren hat, ist tot.‹ Und damit es dann nicht davor erschrickt, so bitte ich dich heute, daß du mit mir und dem Mariandel jedes Jahr an Mariannens Todestag zu ihrem Grabe fährst. Dort wollen wir zusammen ihr Grab recht schön schmücken und dem Kinde von ihr Liebes und Gutes erzählen; wir wollen ihrer immer in Liebe, nur in Liebe gedenken. Denn ich weiß, sie hatte dich lieb, und es war doch ~auch~ ein armes, verlassenes Kind der Straße. Du darfst sie auch nie vergessen um dieses Kindes willen hier. Und das läßt dir der Heidkönig durch mich sagen.«
»Erika!« schrie ich auf, kniete mich vor sie hin und umschlang sie und das Kind mit meinen Armen.
»Erika!« sagte ich noch einmal leise und verbarg mein Gesicht in ihrem Gewand.
»Was hast du denn, Lieber?« fragte sie in ihrer so unbeschreiblich gütigen Art und fuhr mir sanft mit ihren Fingern übers Haar. Und das Kind krähte vergnügt und zog mich so derb am Haar, daß ich unwillkürlich »au« schreien mußte.
Da lachte sie und meinte: »Zupf’ ihn tüchtig, Mariandel, hörst du, zupf’ ihn tüchtig, denn gleich muß er fort von uns, und dann können wir ihn nicht mehr zupfen.«
»Erika, ihr Heidleute seid schwer zu verstehn, o du mein liebes, treues Weib, wenn ich erst an deinem treuen Herzen werde ruhn können.«
Sie verbarg unter einem Lachen ihre Abschiedsstimmung.
»Laß gut sein, Lieber, dann halten wir beiden dich fest, nicht wahr, Mariandel?«
Und während das Kind vor Lust und Freude krähte und Erika es mir zum Kuß reichte, und ich sie und das Kind küßte, fuhr der bockbeinige, steife Heidhofwagen, der einen durcheinanderschüttelt wie einen Sack voll trockener Pflaumen, vor die Tür unter den alten Lindenbaum, der Heidkönig trat zu uns und sagte: »Nun, es wird Zeit, und der Zug wartet nicht«; ich gab dem alten, schlichten Manne die Hand, stieg unter Lebensgefahr auf die hohe, federlose Kalesche, sagte: »Adieu also, Herr Heidkönig und auf Wiedersehn übers Jahr!« Der alte, verwitterte Knecht vorn auf dem Kutschbock ließ die Peitsche knallen und rief: »Hüdjüß!«, die beiden wohlgenährten Heidkönigschimmel zogen an, ich sah zurück, da stand Erika und hielt mein Kind an ihrem Herzen, da stand sie und weinte still in des Kindchens Kleid hinein, und mein und Mariannens Kind schlenkerte vergnügt mit den Ärmchen in die Luft, als ob’s fliegen, mir nachfliegen wollte in mein fernes Heimatland Schlesien hinein.
Wartet nur, ihr beiden, übers Jahr hol’ ich euch, und dann werden zwei liebe Menschenkinder ~mehr~ im lieben Schlesien sein. —
[Illustration]
Die Märcheninsel
Märchen, Legenden und andere Volksdichtungen
von Capri
*
Nach mündlichen Mitteilungen
von
Heinrich Zschalig
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Es ist ein köstliches Buch, das hier dem deutschen Volke gegeben wird. Der ganze Zauber des märchenhaften kleinen Mittelmeereilandes entfaltet sich in dieser Sammlung, wie eine wundersame, duftgesättigte Blüte. Der Volkscharakter der tanz- und sangesfrohen Capresen spiegelt sich in diesen Märchen, Legenden und Liedern und macht das Werk zu einer Quelle des Genusses, nicht nur für die Kenner der sagenumwobenen Insel und den Wissenschaftler, sondern auch für alle Leser, die ihre Freude an der üppigen Phantasie des Volkes haben.
Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden