Chapter 3 of 11 · 3890 words · ~19 min read

Part 3

Vor euch hat hier der Heidengott, der Kauz des Waldes, der Nachtvogel mit seinen großen, glühenden Augen gehaust! Ein Heidentempel ist vor tausend Jahren dieses Ordenshaus gewesen; auf den verschütteten Ruinen dieses Tempels haben ahnungslose Ritter diese Mauer errichtet.«

Ein Erdstoß ließ das Gewölbe erbeben, in dem ich mit Marianne stand.

»Kommen Sie, kommen Sie, Marianne,« drängte ich, »morgen, wenn das böse Unwetter vorüber ist, morgen am Tage wollen wir den unterirdischen Gang und die Steine hier untersuchen.«

»Nein, heute, jetzt«, sagte sie und wollte mich hineinziehn in den schräg abwärts in die Tiefe führenden Gang.

»Torheit!« rief ich scharf.

»Kommen Sie, und seien Sie nicht wie ein törichtes Kind, Marianne!«

Da umklammerte sie mich plötzlich mit ihren Armen. Ich fühlte ihre keuchende Brust an der meinen, ihr wogendes Haar spielte und streichelte mein Gesicht, ihr schlanker Leib drängte sich an den meinen, einen stechenden Schmerz empfand ich am Halse — schon ließ sie mich los, schon griff ich ins Leere, als ich sie von mir fortstoßen, nein, als ich sie an mich reißen wollte. Tiefe, stockdüstere, sargtiefe Finsternis umgab mich. Mein Licht in der Laterne war verlöscht. Ein leises Rascheln, ein Lachen vernahm ich, die Kellertür flog auf, der Donner rollte, und die Blitze flammten, dann war’s um mich wieder tintenschwarz und still. Dumpf nur hörte ich den Donner über mir. Ich stand wie betäubt. Aber dann überfiel mich ein Grauen vor diesem Ort. Ich tappte mich über den heidnischen Stein hinüber, an der kalten Mauer entlang, bis an die Tür. Als ich sie geöffnet hatte und die frische Nachtluft mir entgegenschlug, atmete ich tief auf. Fern hörte man noch den Donner vergrollen, es wetterleuchtete und flammte noch in den zerfetzten Wolken, aber durch ihre Lücken schien mild und freundlich der Mond. Der Sturm hatte sich gelegt, der Regen aufgehört, nur von den Zweigen der Bäume fielen noch einzelne, schwere Tropfen herab.

Im Burghofe lag die Linde. Sie war vom Sturme geworfen, ich hatte es nicht geträumt.

In ihren Blättern rieselten Wasserperlen und sickerten an der feuchten Borke des Stammes, allmählich zu kleinen Wasserbächen sich sammelnd, bis ins Erdreich, auf dem der Stamm nun lag.

Wie leid tat es mir, daß dieser Baum gefallen war. Und daß der Blitz dem Nußbaum im Garten seinen Wipfel zerschmettert hatte. Dieses Unwetter hatte mir die beiden liebsten Bäume geraubt.

»Dieses Unwetter hat mir auch endgültig meine Ruhe geraubt«, dachte ich, als ich neben der gestürzten Linde stand. Ich wußte: es war nun nicht mehr zu ändern, diesem Mädchen würde ich nicht länger widerstehn können. Sie zog mich hinein in ihre goldenen Fesseln, die sie um meine Schultern, über mein Gesicht geworfen hatte, sie hielt mich fest im Banne ihrer dunklen, grausamen, nein liebeglühenden Augen.

Hatte ich sie zum Leid der Insassen in meine Kauzburg aufgenommen? Zu meinem Leid? Zu meiner Wonne, meiner Lust? War’s Wonne, die ich empfand? Oder war’s nur Gier, wilde Gier, die sie in mir entfacht hatte?

Immer lichter wurde der Himmel. Immer zerfetzter die Wolken. Als ob von einem zerrissenen Mantel die letzten Stücke über den Himmel gejagt würden.

Wer hatte den Mantel zerteilt? Hatte man um ihn und seine Stücke gewürfelt?

Ja, lächle nur wieder herab, Freund Mond! Scheinheilig und freundlich, tückisch die Sünde erlaubend unter deinem unsicheren, sanft einhüllenden Licht. Du buhlst mit der Sünde, du freuest dich, du lachst, wenn unter dir gesündigt wird.

Eine wunderbare Ruhe war in die Natur getreten. Vor kurzem war alles noch so wildbewegt, jetzt schien die Ruhe selbst ringsum zu atmen. Als ich die breiten Steinstufen in meiner Kauzburg hinanstieg, klopfte mein Herz wild und erregt. Draußen in der Natur war nach dem Unwetter Ruhe geworden, der Sturm hatte sich austoben können, hatte sich ausgerast.

Auf Sturm folgt Ruhe, auf Ruhe folgt Sturm. So will’s das große Naturgefüge, das durch den Wechsel in seinen Lebensbedingungen lebt.

In mir war ein Sturm angefacht worden, ein wilder Sturm. Der wollte ausbrechen, sich austoben. Drum konnte noch keine Ruhe sein.

Mit klopfenden Pulsen öffnete ich die Tür der Wohnstube, wo Fräulein Bartel und Marianne sich für gewöhnlich aufhielten. Was würde ich finden? Wie würde ich’s finden? War Marianne schon da? Hatte sie sich verraten? Mich verraten?

Als ich eintrat, durchwärmte der trauliche Schein der Tischlampe den Raum mit gemütlicher Ruhe. Am Tische saß Fräulein Bartel und strickte, an der anderen Tischseite saß Marianne und las. Auf Fräulein Bartels Gesicht lag wie eine Erlösung die stille Mondnacht von draußen.

Drum stand auch hübsch im Winkel das liebe, hübsche Muttergottesbildnis.

Über Mariannens Augen lagen die zartweißen Lider mit ihrem seidigen, rotgoldenen Wimpernbehang. Rotgolden lag’s auch wie ein Leuchten über ihrem Köpflein. Der alte Feuerglanz, der alte Feuerzauber. »Ach, Marianne ist schon lange hier, Herr Oberförster,« sagte Fräulein Bartel, »sie war nur mal hinübergegangen vor die Tür, um das Wetterleuchten besser sehen zu können.«

Ein feines, flüchtiges, nur mir verständliches Lächeln huschte über Mariannens Gesicht.

»So, so«, meinte ich nur und sah auf dieses weiße Mädchengesicht, diese fein durchaderte, weiße, über das Buch gebeugte Stirn.

Sah’s nicht aus, als ob dort eine junge, kindlich-fromme Heilige saß und las?

»Herrgott, Sie bluten ja, Herr Oberförster!« schrie Fräulein Bartel plötzlich und sprang auf.

»Ich blute?« fragte ich und griff unwillkürlich nach meinem Halse.

Hatte ich dort nicht einen stechenden Schmerz gefühlt? Vorhin, als mich Marianne so heiß umschlungen hatte? Schon hatte Fräulein Bartel einen Handtuchzipfel feucht gemacht und wischte mir das Blut von der wunden Halsstelle ab.

»Ja, aber, was ist denn das? Das ist ja eine Bißwunde, man sieht ja ganz deutlich die Zahnabdrücke, eins ... zwei ... drei ... vier ..., mein Gott, Herr Oberförster, wer hat sie denn gebissen? Ein Marder? Eine Katze?« Ich sah forschend nach Marianne hin, während das kleine, alte Fräulein an mir herumwusch und -tupfte.

Ein grausames Lächeln, wirklich, ein unheimliches, wunderliches Lächeln verzog Mariannens Mund. Unsinn! Ich bin erregt, bin einer ruhigen Beobachtung nicht fähig. Sie lächelt ja gar nicht, ernst blickt sie in das Buch!

»Eine wilde Katze ist’s gewesen, vielleicht ein Vampyr«, scherzte ich und sah Marianne scharf dabei an.

»Nein, nein, Scherz beiseite, Fräulein Bartel,« sagte ich schnell, als sie mit einem unbeschreiblich entsetzten und kindlich-hilflosen Angstblick zu mir aufsah, »es ist eine Katze gewesen, die ich draußen von mir abschüttelte, und die mich wütend ansprang, weiter nichts.«

»Weiter nichts, Herr Oberförster,« wiederholte sie ängstlich, »ein Katzenbiß kann gefährlich werden. Marianne, geben Sie mir doch rasch das Fläschchen, auf dem Karbol geschrieben steht, ja, ja, das ist das richtige, so ... rasch ein paar Tropfen ins Wasser! ... aber Sie müssen stillhalten, Herr Oberförster ... und nun das englische Pflaster darüber ... nein, ich sag’ ja, was man nicht alles erleben kann in solcher alten, häßlichen Burg.«

»Nun, nun, es ist ein ritterlich-christlicher Bau, mein liebes Fräulein; denken Sie doch ... Ordensritter und Mönche!«

»Ja, freilich,« meinte sie erleichtert aufatmend, »fromme, gut katholische Herren haben hier gelebt ...«

»Oh, wenn du wüßtest, was ich weiß!« dachte ich, »wenn du dabei gewesen wärest, als ich das heidnische Steinkäuzlein entdeckte, als mich da unten die rothaarige Wildkatze in meinen Hals biß!« Ist es denn möglich? Ist denn dieses hier in der traulichen Stube dieselbe Marianne?

Hat diese hier mich wirklich in solch rasender Gier umschlungen gehalten? Hat diese Marianne, die ruhig und still Fräulein Bartel hilft, als sei nichts gewesen, als hätte es kein Gewitter, keinen Sturm, kein Kellergewölbe, keinen gähnenden, in die Tiefe gähnenden Gang, kein steinernes Käuzlein gegeben, ... hat diese Marianne wie eine Wildkatze mich in den Hals gebissen?

Sind das nicht Augen, so sanft wie Taubenaugen? Ist’s nicht ein Lächeln, so sanft wie ein Lächeln der Heiligen? Rätselvoll sind diese dunklen, fast nachtschwarzen Augen. Genau so rätselhaft wie der See meiner Heimat im dunklen Walde. Der soll die Menschen, die sich in seine schöne Flut zum Baden stürzen, in seine Mitte ziehn, sie nicht mehr von sich lassen ... niemand mag mehr in seinem waldkühlen Wasser baden, man sagt, daß schon vier Menschen ihr Leben in seiner Flut haben lassen müssen ...

[Illustration]

Die Katholiken des Städtchens veranstalteten am heutigen Sonntag eine Prozession.

Eine Bittprozession, daß nie wieder ein so furchtbares Unwetter wie gestern das kleine Städtchen heimsuchen möge. Fräulein Bartel und Marianne haben mich gebeten, daran teilnehmen zu dürfen.

Natürlich dürfen sie!

Wenn ich auch nicht glaube, daß es viel helfen wird, so mögen sie immerhin gehen.

Auf den Berg drüben überm Flusse zur Kapelle hinauf soll prozessioniert werden. Ganz friedlich, fromm und kirchlich. Mit Fahnen, Thronhimmel und Gesang. Mit Kränzen, weißen Kleidern und Jungfrauen vornweg.

Feierlich und schön wird’s werden, ein sehenswertes Schauspiel. Ich kenne diese Prozessionen aus Schlesien. Schon als Knabe haben sie mir gewaltig imponiert; stets sah ich voll ehrfürchtiger Spannung zu. —

Es liegt so viel kindlicher Glaube darin, daß sich eine das Weltall leitende Gottheit durch ein solches Häuflein singender und betender Menschen, durch ein paar bunte, von Menschenhand verfertigte Fahnen, durch Thronhimmel und gestickte Gewänder, Weihrauch und Weihwasser bestimmen lassen wird, gerade diesen Ort aus der Spannung der Naturereignisse auszuscheiden.

Ich will hoffen: kindlicher Glaube. —

Jeder Glaube ist schön. Sobald er aus einem wirklich gläubigen Herzen kommt, ist er erträglich. Bewußter Aberglaube ist unschön. Man soll nicht glauben um irgendeines Vorteils willen, man soll nur dann glauben, wenn man wirklich glaubt. So will ich mich denn auf die Mauer stellen, dort, wo die Stufen in ihr Gestein gehauen sind.

Dort bergen mich die dichten Büsche des abgeblühten Flieders, Goldregens und Ginsters. Von dort aus kann ich die Prozession von weitem schon sehn, kann sie vorbeiziehn lassen dicht unter mir an der Mauer, kann zusehn, ohne selbst gesehn zu werden. Über mir schlagen die laubgefüllten Zweige eines Ahorns und einer Platane zusammen. Und bilden ein schützendes Dach gegen die allzu sommerliche Sonne, den allzu sommerlich heißen Tag.

Ihr armen Prozessionierenden! — schon höre ich Euren Gesang, schon die sechs städtischen Musikanten mit ihren Trompeten, Pauken und Trommeln! — — Bei dieser Hitze in langsamer Prozession! ... Im dicksten Straßenstaube!

Das muß doch ein göttliches Herz erweichen.

Hinauf zum Himmel dringt mit dem Straßenstaube der Gesang, wie in Wolken gehüllt wird er höher und höher getragen. Halt da! ... schon biegen sie um die Ecke! Schon sehe ich die weißgekleideten Jungfern, mit blühenden Kränzen im freigelösten braunen und blonden Haar, sie streuen Blumen, ein anmutig Bild, und hinter ihnen die hellauf singende Knabenschar in roten Chorröckchen mit brennenden Kerzen in den reingewaschenen, sonst so schmutzigen Jungenhänden, ... nun der goldbestickte, blausamtne Thronhimmel, an vier Säulen getragen von vier ehrwürdig, von der Heiligkeit ihrer Handlung durchdrungenen Männern, in langen, schwarzen Röcken, und unter dem Himmel der Domherr mit der in seinen Händen hoch emporgehobenen, goldstrahlenden Monstranz. Sie ist schwer, die Monstranz, drum werden seine Arme von zwei jungen Pfarrern, die dicht neben ihm schreiten, gestützt.

Noch kenne ich den Domherrn nicht. Ich sehe ihn heute zum erstenmal. Doch der Thronhimmel und die Monstranz verdecken sein Gesicht. Ich sehe aber, daß ein rötlicher, mit Grau gemischter Haarkranz unter seiner gestickten Bischofsmütze hervorquillt. Sonderbar, ist es die Sonne, die seine Haare so rötlich erschimmern macht, just wie dieselbe Sonne das Haar Mariannens so rötlich leuchten läßt?

Zwei Menschen mit solcher Haarfarbe in ein und demselben Städtchen? Ei, Marianne, ich habe gedacht, daß deine Haarfarbe nicht zum zweitenmal zu finden sei auf dieser schönen, im Sommerstaat prangenden Erde.

Ein stolzer Mann, der Domherr. Wie schreitet er fürstlich fast unter dem Himmel dahin. Wie schlank sieht er aus, wie vornehm in seiner priesterlich-bischöflichen Pracht. Ja, ja, ~die~ Herren verstehn es gar gut, auf ein harmlos gläubiges Menschenherz zu wirken.

Langsam schwankte die heilige Monstranz unter dem Thronhimmel an mir vorüber.

Noch freute sich mein Auge an den in den blauen Samt gestickten Goldsternen des Thronhimmels, dieses hübschen Himmelchens unter dem großen Himmel, von dem die Sonne herablachte in ihrer goldflutenden, ewigen Schönheit, da zuckte ich jählings zusammen.

— — Allein — dicht hinter dem Thronhimmel — ging Marianne. — — — Ein weißes Kleid hatten sie ihr angetan, in das rotgolden leuchtende, in langen Wellen über die Schultern wallende, seidige, köstliche Haar hatten sie ihr einen blauen Vergißmeinnichtkranz gelegt, in ihren Armen hielt sie, wie die Madonna, das Christuskind, ein aus Wachs geformtes Engelskind, das mit weitoffenen, unveränderlich, freundlich lächelnden Augen zu seiner Madonna, die es so sorgsam trug, herauflächelte.

Und so schritt sie dahin! So schritt sie hinter dem bunten, goldumstickten, hoch über allem schwankenden Thronhimmel, der das Allerheiligste beschirmte, langsam, wie in holdem Traume träumend, dahin.

Sie hielt das liebliche, weiße Gesicht gesenkt. Es sah so natürlich, so selbstverständlich aus; die Mutter sah auf das lächelnde Kind in ihrem Arme herab.

[Illustration]

Da hab’ ich nun das steinerne Heidenkäuzlein in meinem Hause, auf heidnischer Stätte der grauen Vorzeit stehe ich, wollte ein Schauspiel mir ansehn, nichts weiter: aber fromm ward mir im Herzen beim Zusehn dieses Zuges der zu ihrem Gotte betenden, singenden Menschen, ganz fromm ward mir ums Herz, als ich das weißgekleidete Mädchen erblickte mit dem lichtweißen Gesicht, umflutet von dem feuergoldenen Rothaar, in dem wie kleine Himmelssterne die tausend Vergißmeinnichtblüten verstreut lagen.

Man greife ans ~Gemüt~ des Menschen, so wird er gläubig! Als Marianne gerade unter meinem verborgnen Standpunkte auf der Mauer der Kauzburg vorbeikam, hob sie ihr Gesicht. Ohne zu suchen, zu irren, trafen mich wie zwei Pfeile die Strahlen ihrer Augen. Sie ~konnte~ mich doch nicht sehn, aber sie sah mich. Ich fühlte es, daß sie mich sah. Daß sie direkt in meine Augen sah. Ihre Augen schienen mich zwingen, mich rufen zu wollen: »Komm von deiner Mauer herab, komm neben mich und schließe dich diesem Betgang an!« Wende deine Augen von mir ab, Verführerin! Wende sie fort, fort, fort! schrie ich ihr in ihre Nachtaugen zurück. ~Wollte~ ich ihr hinabschreien, mitten hinein in diese fromme Menschenmenge!

Mein Mund blieb stumm, nur ein Zittern in meiner in das Astzeug der Büsche verkrampften Hand hätte sagen können von dem, was mein Herz schrie, was mein Mund verschwieg. Ich folgte ihr mit meinen Blicken. Ich sah ihr langwehendes Haar in den Strahlen der Sonne glühn und gleißen, — ja, sahen denn die anderen nicht, daß in den roten Haaren dieser demütig-frommen Heiligen, der man als Sinnbild das Engelskind in den Arm gelegt hatte, — ja, ~sahen~ denn die andern nicht, daß kleine Teufel in ihren roten Haaren herumsprangen und teuflische Grimassen schnitten? — Viel Volk folgte noch nach. Ein schier endloser Menschenzug. Jeder, selbst der ärmste hatte sein Haus verlassen, um sich diesem Bittgang anzuschließen.

Der alte Bischofssitz von ehemals thront noch immer hier. — Nun werdet ihr bald auf der Berghöh’ drüben sein, ihr frommen Sänger und Bittgänger!

Vor der Kapelle, die dort oben zwischen den alten breitkronigen Buchen und Eichen steht, werdet ihr singend auf die Knie fallen, die geistlichen Herren werden vor den Altar treten und ihre Beschwörungsformeln sagen, und lachen vom Himmel dazu wird die Sonne.

Sie lacht bis zu mir hinein in mein grünes Laubversteck, Goldblitze tupft sie bald hier auf dieses dunkle Blatt, bald dort auf jene rote Rosenblüte, bald blitzt zwischen den runden Kieseln zu meinen Füßen ein Goldkorn auf, vom goldnen Sonnenstrahl getroffen, bald zieht sich zitternd und flimmernd ein langer Goldstreif über den Gartenweg. Ein goldner Himmel liegt um mich gebreitet. Ich möchte keinen Zwischenhimmel haben. Durch nichts behindert, nichts entstellt, so will ich ~meinen~ Himmel haben.

Seit Tausenden von Jahren geht nun das Suchen nach dem Himmel.

Menschen und Völker sind darüber zu Erde geworden, und andere haben auf ihnen neue Tempel gebaut. Und jeder sprach: »Dies ist ~mein~ Tempel, ist ~mein~ Gott, und Nebengötter dulde ich nicht.«

Und all diese Himmel hat die Erde überdauert! Die Erde, aus der wir kommen, in die wir gehn. Die schöne, frische, die lebenzeugende und ewig junge Erde. Oh, Erde, wie lieb ich dich! In dir zu ruhn und auszuruhn, muß köstlich sein nach Jahren des Lebens, nach Jahren der Arbeit, nach Jahren der Freude und Trauer, nach Sonnentagen und Regentagen, nach Sommertagen und Wintertagen, wenn grau das Haar geworden ist und alt der Mensch. Wir suchen den Schlaf und freuen uns seiner. Warum haben wir Furcht vor dem Schlaf in dir, Erde? Hatten wir Furcht vor dem Schlafe, als wir noch schlummerten im Mutterschoß? Hat uns das Leben feige gemacht? Wollen wir ewig leben? Wir kleinen, winzigen Menschlein, wir? Wir würden die Ewigkeit stören, ihr ewiges Weiterbauen und ewiges Neuerzeugen. — — — —

[Illustration]

Ich bin allein in meiner Kauzburg. Als einziger Mensch. Fräulein Bartel und Marianne sind drüben auf jener schönen, waldverschlungenen Bergeshöhe bei frommem Gesang und frommem Beten, benutzen will ich das Alleinsein, hinuntersteigen will ich zu meinem steinernen Heidenkäuzlein, eine Forschungsreise will ich in den unterirdischen Gang unternehmen. Es ist Sonntag heute. Der Sonntag soll mich schützen bei meiner heidnischen Fahrt in die Tiefe hinab! — —

Im spärlich lichtspendenden Schein meiner Laterne stand ich nun wieder vor dem heidnischen Stein. Diesmal allein. Nicht wie gestern im Banne von rotem, flutendem Haar. Genau forschte ich jetzt die Steinplatte ab. Wirklich: unzweifelhaft blieb das Käuzchen im Stein und unter ihm der betende Mensch. Ganz grob und ohne Kunst hineingeritzt in den Stein. Aber deutlich erkennbar. Hier des Käuzleins große Rundaugen, darüber mit zehn kurzen Strichen die gesträubten Federn des fauchenden Vogels, an den Seiten die Federbüschel der Ohren, sodann die Flügel, unten die Krallen der Füße, ein Eulenvogel war’s. Darunter der betende Mensch! Die aufgehobenen Arme sind deutlich zu sehn. Hier dieser Kreis mit den beiden Löchern übereinander, dem schrägen Strich zwischen ihnen, dem wagerechten darüber und deutlich der Kopf. Die langen Striche mit den fünf kurzen Ritzen an jedem Ende: Die Beine — kein Zweifel: ein betender Mensch!

Hoch hob ich die Laterne und spähte in die Dunkelheit des Ganges hinein. Er war so hoch gewölbt, daß ich fast aufrecht stehen konnte. In schräger Steilheit führte er in die Erde hinein.

Nur Mut, ein Jäger kennt keine Furcht!

Langsam tappte ich vor. Schlüpfrig war der steinerne Boden. Feuchtigkeit klebte an den Steinwänden, feuchtkalt und glitschrig fühlte sich die Steindecke über mir an.

Holst du mich, Tiefe der Erde?

Willst du mir ein wenig lüften von deinem tiefen Geheimnis?

Was kennen wir denn von dir, du allgewaltiger großer Mutterschoß!

Die Schale von dir, die oberste, dünnste Schicht deiner Schale durchfurchten wir mit unserer schwachen Kraft. Doch deine Tiefen öffnest du nicht vor unserem Blick.

Flammendes Feuer, brandendes Brodeln, zischendes Kochen birgt tief dein tiefstes Inneres. Und schickt ausstrahlende Kraft in den erdigen Gürtel, damit er Leben hat und Leben hervorbringen kann.

Öffne dich, Erde! Öffne dich, ich dringe in dich hinein. Wie tief mag ich sein? Kein Laut von außen. — Die tiefste Stille, die stillste Ruhe um mich herum. Schwach leuchtet mein kleines Laternenlicht. Vorwärts, Jäger! Ein Jäger kennt keine Furcht! — —

Es benahm mir den Atem.

Doch fühlte ich, daß ein leiser Luftstrom den Gang durchstrich. Also mußte am unteren Ende eine Öffnung sein. Sonst hätte ich ersticken müssen auf dieser unterirdischen Forschungsreise.

Immer weiter drang ich vor. Nur einmal hemmten Steine meinen Weg. Ich räumte sie beiseite, kroch über sie hinweg und strebte vorwärts, nur immer vorwärts. —

Halt? Hör’ ich nicht ein dumpfes Rauschen? Ist’s unter mir, ist’s über mir?

Sag’ dein Geheimnis, Erde!

Siehe! Vor mir, weit vor mir in der Ferne malt sich ein schwacher Lichtschein im finsteren Gange ab!

Das muß des Ganges Ende, das muß die Öffnung nach oben, zum Licht der Erde sein! Steil ging es aufwärts — steil abwärts war’s bisher gegangen.

Zum Licht empor, zum Leben jetzt!

Immer deutlicher wurde der erst so schwache Lichtschein. Wie ein Schimmern drang es mir entgegen. Hoch über mir sah ich Felsenwände aufwärts streben, sah grünendes Gezweig hoch aus den Steingeröllen winken, — sei mir gegrüßt du schönes Sonnenlicht!

Ich kletterte dem Lichtspalte zu. Über Geröll und Steintrümmer hinweg klomm ich aus der Erdtiefe empor.

Die Öffnung am Ende des unterirdischen Ganges, durch den ich wie ein menschlicher Maulwurf gekrochen, war fast völlig mit Brombeer- und wilden Himbeerranken zugewachsen. In reifer, schwarzer und roter Fruchtfülle hingen die Zweige.

So viel als möglich schonte ich das Geranke. Es half aber nichts: mein Weidmesser mußte mir freie Bahn schaffen. Zerkratzt kam ich endlich durch die schmale Öffnung ans Tageslicht hervor.

Fast hätte ich einen Jubelruf ausgestoßen, so schön war, was ich sah.

Von allen Seiten strebten Berge in die Höhe; sie waren mit üppig in hundert bunten Farben blühendem Gestrüpp und Buschwerk bewachsen. Hängende Blütengärten schienen sie zu sein. Von allen Seiten abgeschlossen und geschützt vor spähenden Augen lag dieses kleine Tal. Ein in den Sonnenstrahlen spiegelnder Teich, in dessen klares Wasser die Zweige der Buchen am Uferrande tauchten, lag verträumt und still inmitten des Grüns der Wiese, die dem kleinen Tal als Boden diente. Haselgesträuch mit reifenden Nüssen buschte hier und dort und bildete lauschige Inseln im hellen Grün der Wiese. Weißstämmige Birken mit ihrem lichten, zarten Blättergrün standen zu zwei’n oder drei’n am Rande der Wiese, wo die Berge anfingen, und streckten ihre jungfräulichen Wipfel ins dunkle Nadelgrün einer Fichtengruppe hinein.

Bunte Wiesenblumen unterbrachen das Grün der Wiesengräser mit lebhaften Farben, Schmetterlinge umgaukelten die Blumen, Bienen summten, Käfer blitzten mit ihren goldglänzenden Flügeldecken im Sonnenlichte auf, Eichhörnchen hüpften fauchend in den Haselnußsträuchern umher, ein rotbrustiges Finkenhähnchen schlug froh und kecklich seinen hellen tönenden Finkenschlag, Goldammern huschten im Grase, und Lerchen standen wirbelnd, und sich ins ferne Blau des Himmels, der wie ein Auge in dieses heimliche Wiesental hineinsah, höher schraubend, in der warmen, klaren Sommerluft.

Und dieses alles abgeschlossen und still verborgen vor der Außenwelt. Man fühlte es: nie war die Außenwelt bis hier hinein gedrungen.

Große, behauene Steine fielen mir auf, die am westlichen Uferrande des stillen Teiches lagen. Über die grüne, blumenbesäte Wiese ging ich zu den Steinen heran und sah zu meinem Erstaunen, daß auch in ~sie~ wunderliche Figuren und Zeichen eingeritzt waren. Auch war deutlich eine kreisrunde Anordnung der Steinplatten noch zu erkennen. Unzweifelhaft stand ich hier an einer in grauer Vorzeit heidnischen Opferstätte, an der zu den längst als unecht von uns neuen Menschen abgesetzten Heidengöttern gebetet worden war. Vielleicht auch an einer Stätte einstiger Menschenopferung.

So hatte ich hier einen sicher noch ganz unbekannten geheimnisvollen Ort ehemaligen Heidentums entdeckt. Kein Mensch wußte etwas von diesem allseitig abgeschlossenen kleinen, stillen Tal, das nun zu einem so wunderschönen Fleckchen unberührter, köstlicher Natur geworden war. Kein Mensch. Aber erschrocken fuhr ich zusammen.

Hatte es nicht geseufzt in meiner Nähe? Hatte ich nicht den sehnsüchtig lockenden, leisen Ton einer menschlichen Stimme gehört?

Ich stand still und horchte. Aber mein lauschendes Ohr vernahm nur den leichten Sommerhauch, der warm und wohlig durch die lichtgrünen Birkenwipfel strich, nur den fröhlichen, hellen Finkenruf, nur das Bienensummen, nur das plätschernde Hochschnellen der nach den tanzenden Mücken schnappenden Fische. Doch nein! Dort klang es deutlich zum zweiten Male! Dort, wo der Teich die bis unters grüne Laubgebüsch sich hinziehende Bucht bildet! Geister der alten Heidenzeit, seid ~ihr’s~, die ihr so sehnsüchtig, so liebeatmend seufzt?

Seelen geopferter Menschen, seid ~ihr’s~, die ihr an diesem sonnendurchstrahlten Sommersonntag ins Licht des Tages schwebt und nun den Reigen Abgeschiedener an dieser stillen, so wonnig-schönen Stätte tanzt?

Mensch, der du durch finsteren Erdgang in dieses zauberhaft liebliche, von Sonnenlicht und Sommerwinden erwärmte Tal den Weg gefunden hast, den keine anderen Menschen fanden, ist es dein ~eigenes~ Atmen, das du nur im Echo hörst? Nein, nein, mein eigenes Atmen ist es ~nicht~! Ich muß ergründen, was an jener laubverhangenen Bucht dort Leben atmet, Leben ausseufzt, sehnsuchtsvolles Leben. —