Chapter 5 of 11 · 3978 words · ~20 min read

Part 5

Lieber sollt ~ihr~, meine lieben Bäume, Fürsprecher für mich sein! Rauscht meine Gebete mit eurer grünen Blätterpracht dem lieben Herrgott zu, erzählt ihm von dem Jägerlein, das an den Eichenstamm sich lehnt mit aller seiner Sünde, all seiner Herzenseinfalt ~trotz~ aller Sünde, rauscht bittend dem lieben Gott ins Ohr: »Herr, geh’ nicht ins Gericht mit ihm, er ist ein ganz passabler Kerl und uns viel lieber als mancher, der in der Kirche zu dir singt, schau ihn dir an in seinem grünen Röcklein, lieber Gott, guck’ auch mal ~unter~ dieses grüne Röcklein, wo sein Herz sitzt, gönn’ ihm ein stilles Plätzchen später mal zur ewigen Ruhe unter seinen Bäumen, dann wird er schlafen dort gleich einem Dachs so schön und fest.« — Bin sonst nicht neidisch: aber den Dachs beneide ich um seinen festen Winterschlaf.

Dächslein, komm in meine Kauzburg und bring’ mir deinen Schlaf mit. Ich hab’ den ruhigen Schlaf verloren. Aber auch ~du~ würdest ihn verlieren, sähest du dies rote fließende Goldhaar; oh, mein Dächslein, mein liebes Dächslein, zu deinem Besten rate ich dir: bleib draußen im Walde in deinem Bau! — — — —

Marianne kommt in die Stube und wischt Staub.

»Marianne,« sagte ich leise und trete an sie heran, »wirst du beichten gehn? Wirst du ~alles~ beichten? Du ~kannst~ doch nicht alles beichten, Marianne.«

»Hast du Furcht?« fragte sie und lacht, daß ihre Zähne blitzen. Und umschlingt mich mit ihrem linken Arm und fährt mit dem rechten über die Politur des Schränkchens. »Sieh, wie fein das nun blitzt und wie sauber«, meinte sie, und drückte sich an mich wie eine Katze mit weichem Katzenfell.

»Beichte, was du willst!« stoße ich hervor. »Aber bleib ~mein~!« — — — — — — —

[Illustration]

Jetzt kenne ich den nächtlichen Spuk in meiner Kauzburg!

Daß ich nicht eher auf den so naheliegenden Gedanken kam! Seit jenem Abend auf dem vollmondhellen Felde hinter dem Kirchhof an der Gartenmauer meiner Kauzburg hätte ich wissen müssen, was zur Vollmondzeit so ruhelos durch all die hohen Ordensräume dieses Hauses schleicht. Armes Kind der Straße! Arme Marianne!

Ja, sie ist’s. Sie ist der ruhelose Geist der Kauzburg. Sie wird von dem schlimmen Gesellen dort oben am nächtlichen Himmel mit magnetischer Gewalt heraufgezogen, als wollte er damit sagen: »Seht, sie ist nicht von eurem Fleisch und Bein, ihr Menschen habt sie grausam ausgesetzt als kaum geborenes Wesen, nun will sie fort von euch, nun sehnt sie traumverloren sich nach einer anderen Welt, nun sucht sie ruhelos die andere Welt und kann sie nicht finden, und ich, ich habe nicht so große Macht, um sie ganz an mich zu ziehen und aus dem schweren Bannkreis eurer Erde sanft emporzuheben.«

Marianne, welch unendliches Mitleid krampfte mein Herz zusammen, als ich dich langsam dahinschwebend am hohen Gesims der Kauzburg erblickte!

Ich hatte wach gelegen in dieser köstlich klaren, silberflüssigen Vollmondnacht.

Zum Fenster schaute ich heraus und sah, wie’s silbern floß und strömte um Baum und Strauch, um Feld und Wald, um Wiese und Rain.

Da kam es leise, ganz leise an der Tür vorbei, unhörbar fast, ich ahnte es mehr, als daß ich etwas hörte. Wie ein seidenes, weiches, ganz weiches Streifen und Rieseln, wie ein Seufzen, wie ein feines, ganz feines und weiches Lachen. Es griff mir ans Herz, ich wußte nicht warum, ich fühlte, wie meine Pulse klopften, wie sich’s schmerzhaft zusammenzog in mir.

Von draußen zogen die Silberwellen des Vollmondlichtes durchs offenstehende Fenster zu mir herein, auch fein und weich und leise. Ein Fenster hörte ich klirren.

Da raffte ich mich auf und öffnete sachte die Tür nach der Halle.

Niemand zu sehn. Ich schlich den weiten, hohen Hallengang hinab, da stand das Bogenfenster auf.

Ich beugte mich hinaus und schrak jäh und furchtbar zusammen.

»Marianne!« wollte ich schreien, aber gottlob erstickte ich noch den Schrei.

Nur wie ein Ächzen kam’s über meine Lippen: »Marianne« ... Ja, da schwebte ihre gertenhaft schlanke Pagengestalt hoch auf dem Rande des Dachgesimses hin. Tief unter ihr, ganz tief und drohend ging’s hinunter auf den felsgezackten Mauerrand. Ein einziger, kleiner Fehltritt in ihrer grausigen Höh’, ein Stocken des Fußes, ein Zögern, ein Nachlassen ihres Schlafzustandes, ein Aufwachen, ein Erwachen — und zerschmettert lag sie da unten! Zerschmettert dieser herrliche Mädchenleib, der für mich, ganz allein für mich in all seiner berauschenden Schönheit blühte.

So ging sie sicher wie auf der breiten Straße unten im Tal auf ihrem schwindelnden, schmalen Wege, ihr weißes Nachtgewand leuchtete wie ein milchfarbenes Strahlenkleid, ihre Haarpracht schien Funken nach dem silberglänzenden Licht, das sie in diese einsame Höhe emporgezogen hatte, zu senden, und ich hier am Fenster, ich zitterte davor, daß sie jemand anrufen und aus dem tiefen Geisterschlaf plötzlich aufwecken könnte.

Wie kommt es, daß man in solchen Augenblicken zum alten Gott zurückkehrt?

Daß man bei ihm und keinem anderen um Bewahrung, Schutz und Schirm bittet?

Da schwöre ich nun auf mein Erdgeborensein, auf mein Erdenleben und mein Erdensterben, da juble ich nun in den Wald hinaus: »Ich bin von Erde und will wieder zu Erde werden, ich habe meinen Himmel auf der Erde und sonst nirgendswo.«

Und heute, jetzt in dieser Nachtstunde, wo ich um jenes Leben zittere, das wie gelöst von jedem irdischen Leben, umspült, umschmeichelt von dem bleichen Mond, den Weg des Todes geht, heute halte ich die Hände, wie’s der einstige Forstbub tat, und bete: »Herrgott, der du über uns in Herrlichkeit und Macht und Güte thronst .. Herrgott, himmlischer Vater, laß sie zurückkehren in meinen Arm von ihrer furchtbaren Wanderung.«

Hatte mich Gott erhört? Gibt’s wirklich einen persönlichen Gott, der auf Worte eines einzigen Wesens unter Millionen anderer Wesen hört? Der milde und freundlich lächelnd wie ein guter Vater sich neigt und spricht: »Dein Glaube hat dir geholfen?«

Denn siehe: Sie wandte sich um, sie drehte sich auf dem äußersten, letzten Stein der Dachrinne, die über die Tiefe schwebte, um, sie hob die Hände und schlang sie hinter dem feuersprühenden Haar zusammen und schritt, das bleiche Gesicht wie in Sehnsucht gegen den Glanz des Mondes erhoben, denselben Todesweg, den sie gegangen war, zurück.

Immer näher kam sie, immer näher. Oh, nur noch ein paar Schritte, nur noch einen Schritt ... schon beugt sie sich in das Fenster hinein, von dessen Öffnung ich zurückgetreten war, schon will sie durch die Öffnung zurückschlüpfen in die sichere Halle, ... da wird drüben ein Fenster aufgerissen, eine gellende Stimme ruft: »Marianne! Um Gottes willen, Marianne ...!«

Sie zuckt zusammen, ihre Augen öffnen sich, ihr straff aufgerichteter, schlanker Körper knickt ein, als ob die Macht, die ihn hielt, von ihr genommen sei, aber schon bin ich vorgesprungen, schon hab’ ich sie erfaßt, umschlungen, reiße sie in die Fensteröffnung hinein, reiße sie ~an~ mich, werfe mich zurück vor dem Sturz hinab auf die Steinmauer tief unten, ... gerettet ... Gott, ich danke dir, gerettet!

Marianne lag ohnmächtig an meiner Brust. Fräulein Bartel kam den Gang heraufgestürzt mit fliegenden Gewändern und wie wahnsinnig schreiend: »Marianne, Marianne, Marianne!« »Ja, Marianne,« fuhr ich sie an, »danken Sie Ihrem Herrgott, daß Sie nicht ihre Mörderin geworden sind, Fräulein Bartel!«

»Ich? ... ihre Mörderin?« ... stotterte sie entsetzt.

»Ja, wissen Sie denn nicht, daß man Mondsüchtige nicht wecken, nicht erschrecken darf?«

»Marianne? ... Mondsüchtig?«

Ganz fassungslos vor Schreck war sie. Und das versöhnte mich mit ihrer Dummheit. —

Wir trugen Marianne auf ihr Zimmer und legten sie auf ihr Bett. Sie erholte sich bald von ihrer Ohnmacht. Wußte sich auf nichts zu besinnen.

Wir sagten ihr nichts.

In Vollmondnächten wird aber seitdem — ohne daß sie es weiß — ihre Stubentür verschlossen. Vor ihrem Fenster ist ein Gitter.

Auch vor einigen der anderen Fenster. Dafür ist’s doch auch eine alte Ordensburg.

[Illustration]

Tiefer Schnee deckt den Boden.

Dem Landmann ist’s lieb, daß die Schneedecke seine Saaten schützt, und daß die Erde genügend Feuchtigkeit fürs Frühjahr durch die Schneeschmelze erhält.

Noch ist das Frühjahr fern.

Noch denkt der Schnee nicht ans Schmelzen.

Noch sitzt er wie ein guter, mottenfreier Pelz auf der Erde. Auf den Zweigen der Bäume liegt er wie eine hohe Schicht Streusel auf schlesischem Streuselkuchen. Im Schlitten — ohne Schellengeläut — fahre ich durch den Wald. Durch meinen Bergwald, den ich so liebe. Über die Gebirgsbrücke hinüber. Aber der sonst so munter sprudelnde kleine Fluß liegt im Dornröschenschlaf. Unterm Eise, vom Froste eingeschläfert. Auf den holden Knaben, den Frühling, wartet das Flüßchen. Der wird es mit rotknospendem Zweig berühren, mit Jauchzen stromauf springen und überall sein holdes Antlitz zeigen, dann wird mit Geknatter und Gekrach das Eis bersten, das Flüßchen wird anfangen zu fließen, erst ganz verschämt und zagend, aber nicht lange wird’s dauern, da haben wir das ganze muntere Plaudern und Plätschern wieder.

So schlafe denn wohl, du lieber Talfluß du!

Der Knabe Frühling wird dich wecken.

Am tiefsten still ist der Winterwald. Der hohe Schneeanhang am grünen Nadelzweig, am trocknen vom Herbst her an den Ästen verbliebenen Laub, — das hohe Schneepolster, das selbst auf kahlen Laubbaumzweigen liegt, die weiche Schneedecke, die Waldwege, Waldstege wie eine Daunendecke verhüllt, das alles macht stiller noch den sonst schon stillen Wald.

Auch die Singvögel singen nicht.

Sie weilen in wärmeren Landen und — blieben sie hier — so piepen sie höchstens, wenn sie hungern, doch sie singen nicht.

Ich liebe den Winterwald. Fast mehr als den sommergrünen. Der Winterwald spricht so deutlich von Ruhe. Von Ruhe und Schweigen. Und Schlaf im Walde für ewig.

So rein sieht alles aus, so weiß, so grün darunter, wie frische Jugend im Hermelinpelz. Hier scharrte ein Füchslein im Schnee, ich sehe seine Spur. Dort ist ein Reh getrollt, hier hoppelte ein Hase, halt da ... und ~hier~? Ein Wildschwein war’s, das ritterlichste Wild des Waldes. Der Fährtenfinder Schnee verrät das alles. Er ist des Waldes Papier, auf dessen Weiße alles schreibt, was durch den Wald schnürt, hoppelt oder trollt.

Spät am Abend erst kam ich in die Kauzburg zurück. Es war so spät geworden, daß ich mich wunderte, Fräulein Bartel noch aufzufinden. Ich hatte ein für allemal angeordnet, daß sie mir mein Abendbrot in meine Wohnstube hinstellen und zu Bett gehn sollte, wenn ich erst nach zehn Uhr aus dem Walde heimkehrte.

Ich liebe es dann, den Abend allein für mich zu verbringen. Denn der Waldfrieden, die Waldluft, des Waldes stille Schönheit hängen mir an solchen Abenden noch in den Gliedern, es stört mich, wenn mir dann irgendein Alltagsmensch Tagesklatsch und kleine Tagessorgen vorplappert. Aber an solchen Abenden hatte Marianne immer am ehesten Gewalt über mich. Sie, mit ihrer Waldnixenschönheit, mit ihrem weißen Gesicht, aus denen wie zwei dürstende rote Brombeeren die Lippen leuchten, mit ihren Rätselaugen, die geheimnisvoll sind wie das nächtliche Walddunkel, mit ihrer roten, goldigen, sprühenden Haarflut, ja, sie paßt zu dieser Stimmung, die ich an solchen Abenden mit heim bringe. Oder sie löst vielmehr diese Stimmung in glühende Akkorde auf. Was ich im tagtäglichen Leben nicht finde, glaube ich im Walde und in der trunkenmachenden, liebeglühenden Schönheit Mariannens zu finden. Eine Krankheit ist’s. Eine Krankheit der Seele. Ich glaubte sie zu heilen, indem ich wie ein Kranker nach Betäubungsmitteln griff.

Es war mir daher direkt unangenehm, als mir heute am späten Abend Fräulein Bartel oben in der Flurhalle entgegenkam. Verlegen, wie ich sofort merkte. »Ach, gewiß irgendeine in ihren Augen große, in meinen Augen kleine wirtschaftliche Sorge!« seufzte ich.

»Nun, Fräulein Bartel, noch auf?« fragte ich ziemlich unwirsch.

»Ach, Herr Oberförster, sie ist heute gekommen«, sagte sie und sah mich ängstlich an.

»~Wer~ ist gekommen?« fragte ich.

»Nun, die Erika aus der Heide, Herr Oberförster.« Ich fing an, an Fräulein Bartels Verstand zu zweifeln. »Erika aus der Heide, Fräulein Bartel?« wiederholte ich maßlos verblüfft. »Ja, ich habe Herrn Oberförster doch aber gesagt, und Herr Oberförster hatten doch nichts dagegen«, meinte sie, ein wenig empfindlich.

»Nun tun Sie mir aber den einzigen Gefallen, mein liebes Fräulein Bartel, und sagen Sie mir endlich klar und deutlich, wer gekommen ist, was der Wer hier will, und zu welchem Wer ich meine Erlaubnis gegeben habe.«

»Des Heidkönigs Tochter ist gekommen«, sagte sie.

»Ah!« ... nun fiel mir’s wie Schuppen von den Augen! Das hatte ich längst, längst vergessen!

Ja, richtig, Fräulein Bartel hatte mich einmal gefragt, ob des Heidkönigs — eines Lüneburgers Großgrundbesitzers — Tochter für einige Zeit, solange der Vater im Auslande weilte, unter ihre Fittiche kriechen dürfe.

Und nun war die Heidkönigstochter da. Wirklich da! ... Nun hatte ich’s! Nun mußte ich mich drein finden. Drein finden, daß ein fremder Mensch mir meine Hausruhe stören würde. Meine Hausruhe? ... Lieber Gott im Himmel, Hausruhe hatte ich nicht mehr. Damals, ja damals, als mich Fräulein Bartel fragte, hatte ich noch Hausruhe gehabt. Jetzt war Leidenschaft und heimliche Sünde im Hause. Mein Herz war durchwühlt, ein anderer war ich geworden.

Am liebsten würd’ ich die Heidkönigstochter gleich morgen wieder einpacken und in ihre Heide zurückschicken ... Einen Beobachter im Hause? Bis jetzt war nur Fräulein Bartel hier oben in meinen Räumen. Die merkte und sah nichts von dem, was im geheimen hier geschah.

Merkte und sah es nicht, daß Marianne und mich die Sünde zusammenhielt, daß Marianne wie ein schöner Dämon diese Räume und den Herrn dieser Räume beherrschte.

Aber von jetzt ab dieses fremde Menschenkind.

»Wie ist sie denn?« fragte ich mechanisch, denn ich merkte, daß Fräulein Bartel noch vor mir stand und mich ganz verwundert, ordentlich erschrocken ansah.

»O, ein liebes, stilles Mädel ist’s, Herr Oberförster.«

»Ein liebes, stilles Mädel«, wiederholte ich ihre Worte. Weshalb bewegten mich diese Worte so? War das nicht ein Traum, den ich immer geträumt hatte? Ein liebes, stilles Mädel! ... Fort, fort ihr dummen Forstbubengedanken! Vorbei, für alle Zeit vorbei ... »Ist gut, Fräulein Bartel, gute Nacht«, sagte ich und fühlte mich auf einmal so müde, ach, so müde.

»Wo ist denn Marianne? Was sagt ~sie~ denn dazu, ich meine, zu dem neuen Bewohner, hm?« fragte ich noch nebenbei, und es war mir doch die wichtigste Frage, die ich tat.

»Ach, Marianne, Herr Oberförster, aus ~der~ kann man nicht klug werden. Sie war ja ganz freundlich zuerst, aber dann verschwand sie gleich in ihrer Stube, ohne gut’ Nacht und so wie ein Geist.«

Lange blieb ich heute abend noch auf.

Also in meiner Kauzburg ist eine Königstochter.

Eine Heidkönigstochter. Gekommen aus einsamer, weiter Heide, wo die Menschen weit voneinander entfernt wohnen in ihren in der weiten Heide verstreut liegenden Gehöften.

Nun, es ist anzunehmen, daß dieses Heidkind wenig zu merken sein wird und selbst ebensowenig wie Fräulein Bartel irgend etwas von dem merken wird, was hier in meiner Kauzburg das Licht der Sonne scheuen muß. Die Königstochter ist gekommen, ist da und wird wieder verschwinden. Ich werde gar nicht wissen, daß sie wieder von der Bildfläche verschwunden ist.

Aus ~meiner~ Bildfläche.

Was kümmern mich Königstöchter! Mögen sie Töchter wirklicher Könige oder nur Töchter von Heidkönigen sein! Aber es ~gibt~ gar keine Heidkönige, sondern nur diesen einen einzigen Heidkönig auf der ganzen Erde. In seiner Art ist also der Mann ~mehr~ König als all die anderen Könige.

Am nächsten Morgen begegnete ich der Heidkönigstochter in der Flurhalle. Ich begrüßte sie freundlich und war gleich von ihrem einfachen, schlichten Wesen sehr eingenommen.

Sie ist ein hübsches Mädchen, hat braunes Haar und braune Augen. Eine Welt von Güte und Treue strahlt aus diesen Augen.

Sie würde zwischen anderen Mädchen sicher nicht auffallen. Aber allein besticht sie durch eine eigenartige Lieblichkeit.

Sie ist wirklich eine Erika. Eine schlichte Heideblüte. Die erblüht ist im einsamen Heidhof auf einsamer, weiter Heide. Nun, mein liebes Heidekind, möchtest du, wenn du von hier wieder fortgehst, eine freundliche Erinnerung an die Kauzburg mit hinausnehmen in deine braune Heide!

[Illustration]

Du würdest Augen machen, glühende Kauzaugen, mein schlesisches Waldkäuzlein, wenn du die beiden Mädchen in meiner Kauzburg sehn würdest.

Marianne, dieses zauberschöne, schlanke, hochragende, leidenschaftliche Geschöpf, mit seinen schwarzen Rätselaugen, mit seinem feuerflammenden Gluthaar, und neben ihr Erika, die keusche, treue, liebliche, schlichte Blume der Heide. Ich kann nicht recht dahinterkommen, wie diese beiden Gegensätze miteinander stehen.

Man sagt ja, Gegensätze ziehen sich an. Nun, ~dann~ müßten die zwei sich anziehen wie zwei Magnete, die im Weltall kreisen.

Wie sonderbar, ich komme mir vor wie der Forstbub im schlesischen Wald. Und doch ist die schöne Forstbubenzeit im heimatlichen Wald so lange schon vorbei. Aber Erika ist’s, das Heidekind! Das hat mir gestern so viel erzählt vom stillen Wald in der Heide. Wie sie als Kind sich dort verlaufen hat und Blumen pflückte, die gepflückten fortwarf und wieder pflückte und gar nicht merkte, wie der Abend kam. So recht nach Waldkinds Art. Und wie sie nirgends lieber hinlief als in den Heidwald. Und wieder und wieder sich dort verlief, bis die Hirten sie fanden. Die wurden aufmerksam durch das Geblök der Heidschnucken, die sie durch den Waldbusch nach Hause trieben. Die meldeten das Kind und blieben stehn, blökten und rupften die Blumen aus ihren kleinen Händen.

Und nie ist dem Kinde im Heidwald etwas passiert. Der Heidwald schützt die kleine, aufblühende Heidblume. Die nun in stiller Anmut erblüht ist und unterm Dache meiner Kauzburg ist.

Zwei Blumen blühen in meiner Burg.

Eine rote, wilde Rose mit holdem und doch betäubendem Duft, mit Dornen auch, die keiner Rose fehlen; eine Heidblume, Erika, eine liebliche, stille Blume mit zartem Duft, eine Blume, die treu der einsamen Heide bleibt und treu ausharrend ist in ihrem stillen Blühen. Nun ist sie schon ein paar Wochen hier, wie doch die Zeit vergeht.

Wie ein Hauch des Friedens geht es durch die Kauzburg. Draußen liegt tiefer Schnee, es ist Winter. In meiner Kauzburg ist’s sommerschön.

Marianne ist sehr wechselvoll in ihren Stimmungen. Viel ~mehr~ noch als früher.

Ach, wie oft reißt sie den Frieden, in dem ich nun lebe, mit ihrer Leidenschaft ein!

Und immer wieder unterliege ich ihrem Reiz und schlag’ mir den Frieden um die Ohren.

Heute liegt sie zu Bett. Sie klagt über Kopfweh und Übelkeit. Ein schrecklicher Gedanke kam mir. Um Gott, bloß ~das~ nicht. Das würde mich unrettbar an sie ketten. Aber meine Angst ist grundlos; sie lachte mich aus, als ich fragte, was ihr fehle. Sofort hat sie meine Gedanken mir von der Stirn gelesen. Gott sei Dank, es ist nichts! — Zum erstenmal saß ich des Abends mit Erika allein an dem großen Tisch in meiner Stube; die Hängelampe warf ihren hellen Schein auf die Tischplatte und ihr dämmeriges, dunkleres Licht ringsum auf die gewaltigen Hirschgeweihe, die gut geperlten Rehkronen, den Elchkopf mit seinen mächtigen Schaufeln, die beiden Wildschweinkämpfe urgewaltiger Rassen, und das Heidekind, das seine Heide und sein heimatliches, einsames Heidehaus verlassen hatte, erzählte mir von seiner Heimat, der Heide.

Ich hörte staunend zu. Mir wurde bewußt, wie gerade die einfachsten Landschaftsmotive Bilder von unvergleichlicher Kraft und Schönheit geben können. Während dieses treue, schlichte Heidekind von seiner geliebten Heimat in treuen, schlichten Worten sprach, aus denen man wie eine zarte Blume die Herzenssehnsucht nach der Heide herausfühlte, erstand vor mir die Heide, die weite blühende Heide.

Ich sah sie blühn in ihrem eigenartigen Braun und Lila der holden Waldblume Erika, ich sah auf dieser einsam weiten braunvioletten Heide die weiße Birke mit ihren hellgrünen zarten Blättern stehn, jungfräulich in der jungfräulichen Heide, ich sah das dunkle Moor mit seinem grauschwellenden Polster, mit seinen silbern schimmernden Wollgrasbüscheln, die roten Doldentrauben der Eberesche, an denen die Krammetsvögel picken und sich schon früh beim ersten Sonnenglühen dort sammeln, ich sah dies schöne, ernste, wunderbare Sonnenglühen über die Heide seine goldigrote feine Farbe legen, ich sah die Wasserflächen einsamer Teiche unter dem goldigen, wärmenden Glanz der Morgensonne aus ihrer Schwermut freundlich erschimmern, die hohen Wacholderbäume wie hohe Lorbeerbäume von frohem Morgenglanz durchleuchtet, am Horizont den dunklen Saum eines Waldgebüsches sich abheben, ich sah die ganze ungeahnte Farbenglut wie Purpur aus dem Horizont sich heben, immer weiter und weiter ihren roten Purpur verstrahlend, sah, wie die Sonne stieg und stieg und nun dies verträumte Flimmern und Glänzen und Zittern begann, das Nähe und Ferne in seine Märchenstimmung zieht und allen Farben unsagbare Feinheit und Zartheit verleiht, und nun sah ich den einsamen Hof, das einsame Heidehaus, das seine Heidblume Erika an uns hier abgegeben hatte.

Ein Eichenwäldchen umgibt schützend und schirmend den einsamen Heidhof.

Von mächtiger Bauart ist das Herrenhaus mit seinem tiefhangenden Strohdach, zwei Pferdeköpfe auf den Giebelseiten scheinen den Fremdling begrüßen zu wollen mit lautem, tönendem Wiehern, über dem Eingang ins Herrenhaus ein urgermanischer Spruch, er soll die bösen Geister bannen und ihren Fluch abwehren; rings um das Herrenhaus die holzgebauten Gehöfte, die Ställe, die Scheunen, der Speicher, das Backhaus, unweit davon die Katen der Arbeiter, und als des Hofes Wichtigstes der Steinbrunnen mit seinem gewaltigen, am nahen Eichbaum hochgehangenen Brunnenschwengel. So ruht der Heidhof im Flimmern stiller, träumender Mittagsonne; die Heidschnucken sind um den Steinbrunnen gelagert, umschlossen das ganze Idyll von einem Wall von Findlingssteinen im Osten und sonst von kunstvoll geflochtenem Palisadenzaun.

»Fern von der Welt«, sagte ich, als sie schwieg.

»Ja, fern von der Welt«, wiederholte Erika träumerisch und mit einem ungemein glücklichen, kindlichen Ausdruck in ihrem Gesicht.

»Mein Vater meinte, daß man fern von der Welt, auf dem einsamen Heidhofe am glücklichsten lebe!«

»Recht hat Ihr Vater, und nun ist er ~doch~ in die Welt hinaus, sogar in die weite Welt übers weite Meer!«

»Weil er ~mußte~«, sagte sie ernst, »es ist ihm bitter schwer geworden, seinen Heidhof zu verlassen.«

»Seinen Heidhof, mehr noch seine Heidblume Erika«, sagte ich lächelnd.

»Ja, uns beide«, meinte sie ohne Ziererei, während ein freundliches Lächeln ihr ernstes Gesicht erhellte.

»Der Heidkönig hat seine Tochter, die Heideprinzessin, unter den Schutz meines Daches gegeben«, scherzte ich.

»Ach, wer hat das verraten?« fragte sie mit dem ihr eigentümlichen, so wundervoll melodisch klingenden Lachen.

»Ja, es ist richtig, man nennt meinen Vater den Heidkönig und mich die Heidkönigstochter; wohl weil von alters her unsere Eltern und Ureltern auf diesem Binnenheidhof sitzen und wir den größten Eigenbesitz in der Heide haben.«

»Ein kleines Fürstentum ... nun, wenigstens ein Grafentum, ja, ja!« rief ich.

»Aber von dem Grafentum sind nur vierhundert Morgen unter dem Pfluge,« sagte sie lachend, »alles übrige ist Wald, Heide, Moor und Bruchland. Hei und Holt sin dem Buren sin Stolt!«

»Nun, Heide und Holz sind nicht nur des Bauern Stolz, Fräulein Erika. Auch wir Grünröcke sind stolz auf unser Holz!«

»Haben Sie schönen Wald?« fragte sie.

»Morgen nehme ich Sie mit in den Wald, Fräulein Erika. Ich muß hinaus in einige Holzschläge, und da sollen Sie den schönsten Bergwald, den es gibt, in weißem Schneeglanz sehn.«

»Gerne fahre ich mit und freue mich sehr darauf. Werd’ ich auch Heide, weite, weite Heide sehn?«

»Nein, weite Heide nicht. Nicht solche Heide, wie Ihre Heimatheide ist, holde Heidkönigstochter. Die gibt es hier nicht; ich wünschte, ich könnte sie Ihnen herzaubern.«

Einen Augenblick zog sich betrübt ihre Stirn zusammen und sie blickte auf das vor ihr liegende Heidebild, das sie mitgebracht hatte, herab. Gleich darauf schaute sie aber auf und blickte mir freundlich und schelmisch in die Augen.

»So werde ich denken, daß hinter dem schönen Bergwald, in dem wir im Schlitten fahren werden, die weite Heide liegt, und daß ich sie bloß des Waldes wegen nicht sehen kann«, sagte sie.

»So ist es brav und hübsch von Ihnen, Heideprinzessin. Sie werden ja wieder zurückkehren in Ihre einsame, schöne Heide, und ich muß hier bleiben, wo ich bin.«

Ich weiß nicht, ob in meinem Ton, mit dem ich das sagte, etwas Zerrissenes, Trübes lag. Denn sie sah mich einige Sekunden ernst und prüfend an.

»Hier ist es doch ~auch~ schön und einsam. Wenigstens können Sie doch so viel Einsamkeit haben, wie Sie wollen, nicht?« fragte sie dann.

»Ich möchte Einsamkeit und Ruhe haben, ja«, stieß ich unwillkürlich hervor.

Ach, dieses unverdorbene Heidekind mit seinen unschuldigen Augen, die schelmisch und träumerisch, lieb und gut blickten, ahnte ja nicht, was in mir vorging! — Ahnte ja nichts von der Sünde, die durch dieses Hauses Räume schlich, ahnte nichts von dem Zauberbann, unter dem ich mich krümmte und wand, ahnte nichts von den roten Haarfesseln, die mich umschlungen und fester hielten als Eisenketten.