Chapter 8 of 11 · 3996 words · ~20 min read

Part 8

Laut klopfte ich an die geschnitzte Eichentür. Ja, hier oben sah es anders aus als unten in den schlichten, einfachen Klosterräumen. Als ich öffnete und in das, man kann ruhig sagen, prachtvoll ausgestattete domherrliche Gemach eintrat, stand die hohe Gestalt des Domherrn am Fenster. Auf den Kirchhof hatte man den Blick von hier oben. Gerade auf Mariannens Grab sah man hinab. Erst zuckte es drohend über sein Gesicht, es war nur ein Zucken, dieses Zucken in dem unleugbar schönen, schmalen Gesicht, dieses Aufblitzen in den dunklen Augen, als er mich mit Erika eintreten sah, dieses Aufblitzen, das mich stets und stets sekundenlang an ein anderes Gesicht erinnerte, das nun nie mehr zucken kann, nein, wie in marmorner Ruhe bleiben würde, bis die Erde sagen wird: Werde wieder zu Erde. Eine einladende Handbewegung machte er, indem er auf einige Sessel wies, die auf dem Teppich standen.

»Ich danke; aber ich komme nicht als Gast zu Ihnen«, sagte ich kalt und abweisend. »Ich komme nur, um Sie zu fragen, ob ich die Schwester unten recht verstanden habe?«

»Recht verstanden, womit?« fragte er mit gutgespieltem Erstaunen.

»Keine Worte weiter,« unterbrach ich ihn, denn ich fühlte, wie verhaßt mir dieser Mann seit jenen Worten am Grabe war, »ich kam, um Mariannens Kind in mein Haus zu holen, man wollte es nicht zugeben ohne Ihre Einwilligung, ja, man sagte mir, das Kind sei Eigentum des Klosters und würde es bleiben.«

Er spielte einige Augenblicke an dem goldenen Kreuz, das um seinen Hals an goldener Kette hing.

»Die Schwester hat Sie recht berichtet,« sagte er; »bitte, bitte, mich ausreden lassen,« fuhr er auf, als ich ihn unterbrechen wollte, ... »es ist so. Wir kennen nur die ~Mutter~ des Kindes; diese Mutter, — Marianne, — haben wir im Kloster erzogen, sie hat das Kind im Kloster geboren, ist zu uns geflüchtet vor ihrer schweren Stunde, hat uns das Kind noch ~vor~ der Geburt anvertraut, also ...«

»Sie kennen also ~wirklich~ den Vater des Kindes nicht?« schnitt ich ihm das Wort ab. Seine Augen glühten.

»Ich ~will~ ihn gar nicht kennen«, sagte er rasch.

»Sie ~sollen~ ihn kennen! Er steht hier vor Ihnen!« rief ich. »Ich bin der Vater des Kindes, und ich fordere mein Kind!«

Er sah aus, als wollte er sich auf mich stürzen. Wenigstens sagten es mir seine Augen. Und seine Hände, die sich an die Stuhllehne verkrampften.

»Was Sie mir hier sagen, betrachte ich als Beichtgeheimnis; niemand wird es erfahren, sofern nicht ~Sie~, mein Fräulein, ...« wandte er sich zu Erika. »Ich bedaure es übrigens schmerzlich, daß man Sie gezwungen hat, dieser Verhandlung beizuwohnen, unschöne, sündige Dinge kommen dabei zur Sprache ...«

»Ich wohne dieser Verhandlung nicht gezwungen bei, es war mein Wunsch, ihr beizuwohnen«, unterbrach ihn Erika ruhig.

»So? Warum?« fragte er und sah sie forschend an.

Sie schwieg.

»Wir sind wohl fertig miteinander, Hochwürden,« sagte ich nun; »ich werde also mein Kind jetzt mit mir nehmen.«

»Gemach, gemach,« stieß er hervor, »dieses Kind bleibt hier im Kloster ... für ~immer~!«

»Herr Domherr!!!« stieß ich heraus.

»Ich wiederhole,« fuhr er fort, »was Sie mir sagten, bleibt Beichtgeheimnis ...«

»Ich weiß von keinem Beichtgeheimnis, ich bin Protestant«, unterbrach ich ihn barsch.

Er drückte seine Augen zusammen. Dann trat er dicht an mich heran und legte sanft seine bischofsringgeschmückte Hand auf meinen Arm.

»Ihre Mutter ist katholisch,« sprach er halblaut und beschwörend, »Marianne war katholisch, ist im katholischen Glauben erzogen, als fromme Katholikin gestorben, ihr Kind habe ich gestern getauft ...«

»Wie?« unterbrach ich ihn heftig, »getauft? Ohne mich zu benachrichtigen?«

»... Aber ich bitte Sie,« sagte er beschwichtigend, »bleiben Sie ruhig ... wie sollte ich begründen, daß ich Sie benachrichtige davon? ... Nein, nein, ich meine es gut mit Ihnen, herzlich gut mit Ihnen, mit der lieben Toten und Ihrer beider Kind. Sie sollen das Kind haben ... nur eins ... Sie selbst sind katholisch getauft ... kehren Sie zurück in den Schoß unserer, Ihrer Kirche, werden Sie ...«

»Halt! Kein Wort mehr!« rief ich und streifte seine Hand fort von meinem Arm. »Was fällt Euer Hochwürden ein? Wen glauben Sie vor sich zu haben? Wie?«

Er wich zurück und wurde wachsbleich.

»Gut, so sind wir fertig miteinander«, sagte er.

»Und mein Kind nehme ich ~mit~«, rief ich, kaum noch meinen Zorn bemeisternd.

»Nein, es bleibt ~hier~,« zischte er; »wer weiß etwas, wer glaubt etwas von dem, was Sie mir hier sagten? Es bleibt ein Beichtgeheimnis für mich.«

»Aber nicht für ~mich~, hochwürdiger Herr!«

»Wie?« sagte er maßlos erstaunt, »Sie wollten davon anderen erzählen? Sie wollten den Leuten sagen, daß Sie, ... Sie ... dieses Mädchen ...«

»Ja, ja und ja!« schrie ich ihn an.

»Ich gehe von dieser Stube aus mit dem Kinde zum Standesamt, dort sage ich vor Zeugen, daß ich sein Vater bin, daß ich dieses Kind als das meine anerkenne, daß ich es adoptiere, ihm meinen Namen gebe ... nun, Euer Hochwürden, ~jetzt~ werden Sie wohl davon überzeugt sein, daß dieses Kind nicht im Kloster bleibt?«

Wie von einem Krampfe geschüttelt stand er ans Fenster gelehnt und blickte hinab auf das noch offene Grab derjenigen, um deren Kind ein Kampf gekämpft wurde.

»Nein,« sagte er nach einigen Minuten tiefer Stille, »nein, ich bin ~nicht~ davon überzeugt. Dieses uns von der Mutter übergebene Kind verbleibt dem Kloster, ich gebe es ~nicht~ heraus, eher ...«

»Eher drehn Sie ihm den Hals um!« höhnte ich außer mir.

»Nun ist’s genug!« sagte er, und richtete sich hoch auf.

»Genug, übergenug!« Und seine Hand wollte auf den elektrischen Knopf der Klingel drücken. »Ich wollte sagen, eher ...« Da wurde er wiederum unterbrochen — durch Erika! Durch Erika, deren Gegenwart wir beide ganz vergessen hatten in unserem heftigen Streiten.

»Ich weiß es, was Sie sagen wollen, Euer Hochwürden!« sprach die sanfte, liebe Stimme der Heidkönigstochter, »ich weiß es, weil mir’s Marianne gesagt hat.«

Der Domherr fuhr herum. Als ob ihn ein Pfeil träfe, so trafen ihn diese sanft und schlicht gesprochenen Worte. Er starrte Erika an.

»Sie wollen sagen, eher verschwindet das Kind in einem anderen Kloster ... in Österreich drüben ... in dem Kloster, das hoch auf einem Felsen steht, wo Marianne das Licht der Welt erblickt hat, ... ich sehe, Euer Hochwürden wissen, welches Kloster ich meine ...«

In einen Sessel war der Kirchenfürst gesunken. Wie irre schauten seine lodernden Augen auf das schlichte Heidekind. »Und ~weil~ ich das weiß, und weil wir schon morgen das Kind vergeblich hier suchen würden, darum müssen Sie Ihr Kind noch in dieser Stunde mitnehmen«, sagte das liebe Mädchen zu mir gewandt.

Er bohrte drohend seine dunklen Augen in die Augen Erikas.

»Ich ~weiß~ nicht, welches Kloster Sie meinen, mein Fräulein,« stieß er hervor. »Das Kind verbleibt dem Kloster! Mariannens Kind gebe ich ~niemals~ heraus. Eine Braut des Klosters soll ihr Kind werden, so ist alles gesühnt.«

»Nein, gesühnt wird alles, wenn sich zu diesem Kinde der Vater bekennt ...!« rief ich in wilder Entgegnung und Angst.

»Still, still,« sagte da Erika, »diese Sühne meint Seine Hochwürden ~nicht~. Hier, nehmen Sie das und halten Sie es fest wie Ihr Leben«, — und sie drückte mir ein zusammengeschnürtes und versiegeltes Päckchen loser Briefblätter, das sie verborgen bei sich getragen hatte, in die Hand. Nur ein Blättchen behielt sie und hielt es dem Domherrn hin. »Nicht wahr, Euer Hochwürden, Sie meinen, dann ist ~dieses~ gesühnt? ~Dieses~, das hier auf diesen Blättern steht. Nein, nein, Hochwürden, Marianne ist nicht das Opfer ~dieses~ Mannes hier« — und sie zeigte auf mich — »wie Sie es heute am Grabe sagten! — — — Soll ich sagen, ~wessen~ Opfer Marianne ist?«

»Sag’ es erst, wenn sie ihm das Kind entreißen wollen,« hat mich Marianne angefleht und mir diese Papiere gegeben; »aber zerreiße ungelesen diese Blätter, ~wenn~ er mein Kind erst sicher hat«, beschwor sie mich weiter. »Euer Hochwürden, hier, sofort müssen Sie sich entscheiden: wollen Sie uns mit dem Kinde ruhig unserer Wege gehen lassen, oder sollen diese Blätter gelesen werden? Nimmer Herr Domherr, wird über meine Lippen kommen, was Marianne mir aus Angst um ihr Kind anvertraut hat; ungelesen verbrannt werden diese Papiere, sobald dieser um sein Kind besorgte Vater von seiner Sorge befreit ist.«

»Erika«, stieß ich hervor.

Sie hob abwehrend ihre Hände.

Was für ein furchtbares Geheimnis mußten diese Blätter bergen! War diese gebrochene Gestalt noch dieselbe stolze Gestalt des hohen Kirchenherrschers?

Er hielt sich, ja, man sah es, er hielt sich am Fensterkreuz fest, sonst wäre er zusammengebrochen.

»Diese Papiere«, keuchte er, »woher hat sie sie ... woher ... woher ...?«

Er schien ganz vergessen zu haben, daß wir noch im Zimmer waren.

»Ich ersuche Euer Hochwürden, den Befehl zu geben, daß wir das Kind mit uns nehmen können, ... sofort ...« sagte Erika.

Ich staunte die Tochter der Heide an. Wie ernst, wie fest in sich gehalten stand sie hier und forderte ruhig und unentwegt. »Werden ... werden ... diese Papiere ...«, stammelte der Domherr.

»Euer Hochwürden, ich gab mein Wort. Ich gab ~Ihnen~ mein Wort, ich gab der ~Toten~ mein Wort, daß diese Papiere verbrannt werden, sobald der Vater sein Kind hat«, sagte Erika einfach.

Ja, als sie das sagte, mußte man ihr glauben. Jeder hätte ihr geglaubt. Mehr geglaubt als tausend Eiden anderer.

»Und niemand, auch dieser nicht ...« und der Domherr zeigte auf mich »... wird jemals erfahren ...«

»Niemand, Herr Domherr, ich verspreche es Ihnen bei Gott im Himmel«, sagte Erika.

Der Domherr rüttelte sich auf und drückte auf den Klingelknopf. Eine Schwester trat lautlos ein.

»Ich gebe das Kind seinem Vater heraus«, sprach er zu ihr. »Nichts soll ihm in den Weg gelegt werden.« Dann sank er in dem Sessel zusammen wie leblos. —

Wir folgten der Schwester.

Ich nahm mein Kind in meine Arme; Erika ging stumm neben mir her.

So gingen wir unerkannt durch die stillen Straßen des Städtchens.

Ach, unerkannt! Und wenn die Menschen an den Wegseiten wie Mauern gestanden hätten, es hätte mich nicht gekümmert. Ich hatte mein Kind, dieses kleine, arme Geschöpflein, ja in meinem Arm, dicht neben mir ging die liebe, treue Heidkönigstochter, über uns blinkten die Sterne, und ein holdes Duften strömte aus den Gärten zu uns.

Marianne, bist du zufrieden?

[Illustration]

Nun weiß es jeder in der Stadt, daß ich Vater eines unehelichen Kindes bin. Daß ich dieses Kind adoptieren will.

Ein paar von den Herren, mit denen ich hier verkehrt habe, sind des Abends zu mir gekommen und haben mir abgeredet.

»Sie werden sich doch so was nicht für Ihr ganzes Leben aufladen; es ist eine Last, bedenken Sie’s doppelt, bevor Sie’s tun. Lassen Sie sich versetzen, geben Sie das Jöhr irgendwohin in Pflege, kein Hahn kräht dann danach«, sagte der eine.

Der Zweite meinte: »Es ist wirklich Pech für Sie, nun so’n Kind. Wenn Sie wirklich die Vaterschaft nicht leugnen wollen — es wäre übrigens gar nicht so schwer, wo die Mutter tot ist und niemand sonst nach ihr fragt —, dann tun Sie’s wenigstens heimlich. Es braucht doch keiner zu wissen davon.«

Der Dritte sagte lachend: »Wissen Sie, geben Sie das Ding fort, eine Frau kriegen Sie deshalb immer noch.«

Ich hörte alle drei an.

Dann sagte ich ganz ruhig und freundlich: »Meine Herren, ich weiß, Sie haben sich’s nicht überlegt, was Sie mir eben sagten. Denn ~wenn~ Sie sich’s überlegt ~hätten~, müßten Sie mich für einen Schweinehund halten, und der bin ich nicht, rate auch keinem, mich dafür zu halten. Prosit, meine Herren!« —

Da wurden sie höllisch verlegen, stießen eiligst mit mir an und plauderten harmlos von anderen Dingen.

Als ich dann dem einen von den dreien im anderen Zimmer ein paar Rehkronen zeigte, gab er mir die Hand und sagte ganz treuherzig: »Wenn ich mir’s recht überlege, kriege ich alle Hochachtung vor Ihnen, weiß Gott.«

»Erst jetzt?« rief ich lachend und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.

Ähnlich ging mir’s mit dem zweiten und dritten. Mir war’s lieb. Denn alle drei hatte ich gern, und es waren im Grunde brave Menschen.

[Illustration]

Erikas Vater hat geschrieben, daß er am Sonnabend kommt.

Sie fährt ihm ein paar Stationen entgegen.

Ich weiß, sie will ihm in Ruhe erzählen.

Erzählen von der Kauzburg, von Mariannen, von mir und dem Kind.

Also Sonnabend!

Noch eine kurze Woche! Mir klopft das Herz zum Zerspringen.

Gott, Gott, soll ich dieses Mädchen verlieren? Soll mein Kind diese treue Mutter verlieren? ~Zeige~ nun, Gott, daß du wirklich Gott bist! Zeige es, so will ich glauben! Laß sie mir. Laß den guten Geist des Hauses in meinem Hause! Aber unmöglich ist’s, ich ~weiß~ doch, daß es unmöglich ist!

Am Sonnabend also kommt der Heidkönig!

[Illustration]

Jedem Mädchen ist die Liebe zum Kinde tief eingepflanzt von Natur: die Mutterliebe.

Wie soll man sich’s sonst erklären, wenn man Erika mit der kleinen Marianne sieht.

»Sind Sie denn dem Kinde gut, Erika?« fragte ich sie heute. Da nahm sie das hilflose Geschöpf und drückte es wortlos an sich.

»Noch ein paar Tage, dann kommt Ihr Vater, Erika, was wird ~dann~?«

Sie sagte nichts, aber ich sah, wie sie sich festklammerte an das kleine Menschenkind in ihrem Arm.

[Illustration]

Tief unten rauscht der Fluß unter der hochbogigen Brücke, die Wasserflut drängt an die Pfeiler.

Es hat geregnet, und rasch schwillt der aus den Bergen kommende Strom an.

Doch seit gestern scheint die Sonne wieder freundlich vom Himmel.

In den Frühlingswald fahre ich heute hinaus. Ich will den Wald um mich haben.

Meine Waldbäume will ich sehn.

Morgen ist Sonnabend. Heidkönig, komme! Ich bin gefeit gegen dich. Erika liebt mein Kind; sie läßt es nimmer.

Will sie das Kind behalten für immer, so muß sie den Vater des Kindes mit in den Kauf nehmen. Es geht nicht anders, Heidkönig, also mußt du nachgeben!

Ich mache mir ganz umsonst so viel Sorgen. Frisch glänzen die Wiesen vom letzten Regen. Frisch glänzt — fast scheint es — das Gefieder des Störchleins, das in den Wiesen nach Fröschen herumstrolcht. — — —

Ich vermisse Erika. Gestern fuhr sie ihrem Vater entgegen. Noch mehr wird sie von dem Kinde vermißt. Das schreit ganz kläglich.

»Heute, bald kommt sie wieder, kleine Marianne, eia popeia, eiapopeia.« —

Und nun schreitet sie neben ihrem Vater über den Burghof. Also so sieht er aus, der Heidkönig?

Nicht groß, nicht klein, eine Mittelfigur. Ernst ist sein vom braunen Vollbart umrahmtes Gesicht, klar und treu und mit dem den Heidmenschen eigentümlichen Ausdruck des Verträumtseins und eines tiefen Innenlebens sind seine Augen. Auf dem Burghofe blieb er stehen und sah sich um. Dann sprach er ein paar Worte zu Erika. Sie nickte. Gewiß hat er zu ihr gesagt: »Es ist hübsch hier zwischen den grünumrankten Mauern, zwischen den Fliedersträuchern und dem gelben, hängenden Goldregen, hübsch hier in dem Burghofe, über den der Rotdorn seine Äste ausbreitet.«

Ja, zur Frühlingszeit kann sich die Kauzburg sehen lassen. Ich höre, wie der Heidkönig von Fräulein Bartel begrüßt wird. Natürlich wortreich, mehr als wortreich. Und nun klopft es an meiner Tür.

»Herein!« rufe ich. Erst kommt Erika herein, sie hat das Kind draußen schon jammern hören. »Grüß Gott!« sagt sie und gibt mir die Hand und wendet sich gleich zur Wiege, in der das Mariandel liegt und schreit und ruhig wird und lacht, als sie es aufnimmt und hin und her wiegt. Und vor mir steht nun ihr Vater, der Heidkönig. Er prüft mich klar und ernst mit seinen Augen. Wir geben uns die Hände. Ein kurzer Händedruck. Warum werde ich denn verlegen und komme mir klein vor diesem Manne gegenüber? Der hat ~nie~ gesündigt, der kann auf sein ganzes Leben zurücksehn wie auf einen sauberen Tisch — das sind meine Gedanken. Und diese Gedanken machen mich verlegen und klein vor ihm.

Ein großer, von Vater und Vaters Vater her ererbter Landsitz macht die Menschen merkwürdig sicher und in sich selbst gefestigt. Man spricht nicht umsonst von »Bauernstolz«. Bei diesem Manne hier machte sich ein Selbstgefühl nicht unschön breit.

Aber Selbstgefühl und Stolz ... Stolz auf seinen großen, einsamen Heidbesitz, auf seinen Namen und vor allem auf sein und seiner Väter unberührtes Heidleben hatte er. Den hatte Erika auch. Und diese Menschen durften ihn haben. Mit viel ~mehr~ Recht als mancher andere.

Aber was diesen Stolz — auch beim Heidkönig — so milderte und ihn schön machte, das war die schlichte Treue, die volle Ehrlichkeit, die selbstverständliche Pflichterfüllung, die reinste Offenheit ohne jedes Körnchen Lug und Trug, Verstellung und Heucheln.

»Ich kenne nur einen Weg, den geraden«, sagte der Heidkönig, sobald man ihn sah, ohne daß er ein Wort zu sagen brauchte.

Wir plauderten zunächst über alltägliche Dinge. Ich fragte ihn nach dem Erfolge seiner Reise, nach seinem Heidhofe, seiner Heide! Er antwortete wortkarg. Fragte mich nach meinem Walde, nach dem Wild im Walde, besah sich die Geweihe, Rehkronen und ausgestopften Wildköpfe, dann aber sagte er nach einer Weile nachdenklichen Schweigens: »Ich bitte Sie, mir zu sagen, was ich an Pensionsgeld für Erikas Aufenthalt an Sie zu zahlen habe, da ich sie morgen wieder mit mir nehme.«

Die Worte trafen mich wie ein Schuß.

Und doch war nichts natürlicher, als daß er das sagte. »Da ich sie morgen wieder mit mir nehme«, ... immerfort hörte ich das in meinen Ohren klingen.

Er sah mich freundlich und doch auch ernst an. Zuletzt wiederholte er seine Frage, da ich immer noch schwieg. »Unsinn ... davon kann keine Rede sein«, stotterte ich. »Ihre Tochter hat doch im Hause geholfen ...«

»Das ist selbstverständlich, und müßig hier sein hätte sie nicht gekonnt, das liegt nicht in ihr, und so habe ich sie mir auch nicht erzogen. Aber daß ich den Aufenthalt meiner Tochter nicht als Geschenk annehmen kann, werden Sie sich selbst sagen, also bitte überlegen Sie es sich, und sagen Sie mir morgen Bescheid.«

Dann schwieg er wieder.

Nach einer Weile sagte er: »Ich danke Ihnen, daß Sie sich bereit erklärten, meine Tochter so lange unter Fräulein Bartels Schutz bei sich aufzunehmen. Freilich, wenn ich gewußt hätte, ... doch nein, Erika hat mich gebeten, Ihnen nichts darüber zu sagen, also mag es schon so bleiben, und so sage ich Ihnen nur meinen besten Dank.«

»Und Sie wollen Erika mitnehmen, und was soll aus ~mir~ werden und aus dem Kinde?« rief ich aufspringend.

Ruhig und prüfend lag sein Blick auf mir. Der Mann hier war freilich ein anderes Gegenüber als der Domherr mit seiner bösen Schuld.

Das Päckchen mit Papieren hatte ich Erika sofort nach unserer Heimkehr mit dem Kinde in die Kauzburg zurückgeben müssen. Ich hatte sie gebeten, nur einen Blick hinein tun zu dürfen. Vergeblich natürlich gebeten! Das Kind war ja mein geworden, in meinem sicheren Besitz, also — mußten die Papiere ungelesen vernichtet werden. Keine Macht der Erde hätte an ihrem Versprechen, das sie Mariannen gegeben hatte, etwas ändern können. Aber ich war überzeugt davon, daß der Domherr schwere Schuld an Mariannen hatte. Ich war überzeugt, daß Marianne, das arme, auf des Klosters Schwelle ausgesetzte Kind der Straße, ~sein~ Kind war. Was war ~meine~ Schuld dagegen? Ein Stäubchen nur gegen einen Berg!

Der Mann der Heide aber stand wie ein wirklicher König vor mir, wenn ein reines und vornehmes Innenleben den König macht, wie man so gerne und so falsch oft glaubt.

»Wie meinen Sie Ihre Worte, ich verstehe Sie nicht? Was aus Ihnen und dem Kinde werden soll, wenn ich Erika mit mir nehme?« sagte er langsam. »Was hat meine Tochter damit zu tun?«

»Hat Ihnen Erika nicht gesagt, was sie der Mutter des Kindes versprochen hat?« rief ich.

»Nein«, sagte er. »Was hat sie der Mutter des Kindes versprochen? ... Ach, ... da kommt sie ja selbst, ... ist gut, daß du kommst, Erika ... was hast du ihr versprochen? Hast du gehört, worum es sich handelt?«

»Ja, Vater«, sagte sie, nichts weiter.

Er sah sie fragend an. Dann mich.

»Bitte wollen Sie mir nun dieses Versprechen nennen, von dem meine Tochter nichts gesagt hat?«

»Vater«, sagte Erika und trat zu ihm hin.

»Schweige jetzt, da du vorhin deinem Vater nicht geantwortet hast«, wies er sie freundlich, aber entschieden ab.

»Sie hat der Sterbenden in ihre erkaltende Hand hinein versprochen, ihrem armen Kinde eine treue Mutter zu sein«, sagte ich, und meine Stimme bebte. Ich kämpfte ja um das Glück meines Lebens.

»So?« ... sprach er, und seine Stirn zog sich zusammen. Seine Augen sahen auf die Tischplatte, und so stand er lange Zeit und sprach kein Wort.

Es war lautlos still in der Stube.

Ein paarmal weinte das Kindchen im Schlafe, weinte sich aber immer wieder schnell in sein ruhiges Schlummern zurück.

»So?« ... sagte er noch einmal.

»Wiederhole, was du der Toten in ihre Hand hinein versprochen hast, Erika«, wandte er sich dann an sie.

Es war, als ob er Zeit, viel Zeit brauchte, um sich in das, was er soeben gehört hatte, hineinzufinden.

»Ich habe der Sterbenden in die kalt werdende Hand hinein unter Anrufung Gottes versprochen, diesem Kinde hier für alle Zeit eine treue Mutter zu sein, mein Vater«, sprach sie, ohne zu stocken, mit tiefer, leiser, treuer Stimme. Ihre Augen, mit denen sie ihren stumm dastehenden Vater ansah, schimmerten feucht.

»So?« ... sagte der Heidkönig zum dritten Male und fuhr sich mit seiner rechten Hand über die Stirn.

Eine Ewigkeit schien mir’s zu sein, ehe er weitersprach.

»Und wie gedenkst du dieses Versprechen einzulösen?« fragte er.

— Was wird sie antworten?

»Ich will das Kind mit mir nehmen auf den Heidhof, Vater«, sagte sie.

Er schwieg. Ein paar Schritte machte er auf den Wagen zu, in dem das Kind schlief, und blickte auf das schlafende, lächelnde Gesichtchen hinab.

»Das Versprechen, dieses Versprechen an deine Mutter ...« murmelte er zu dem Kinde.

Als ob das Kind ahnte, daß es sich um Sein und Nichtsein handelte, denn ein Nichtsein würde es wohl werden, wenn man diesem Geschöpfchen Erika nehmen würde, — das Mariandel in seinem Korbwagen wachte auf, rieb sich mit den Fäustchen die Augen und fing zu schreien an.

Es klang, als ob ein Junghäslein klagte. Da drehte sich der Heidkönig um. Eine tiefe Röte lag auf seiner Stirn. Finster sahen seine Augen aus; tief gefurcht seine Stirn.

»Es ist nicht anders,« hub er zu sprechen an, während Erika das Kind hochnahm und beruhigte, »es ist nicht anders; jeder Mensch muß halten, was er verspricht. Lebte dieses Kindes Mutter noch, so würde ich mich an ihrem Sterbebett niederknien und sie bitten: lege ~nicht~ diese bittere Schwernis auf die jungfräulichen Schultern meines Kindes und nimm dieses Versprechen zurück. So aber bleibt es bestehn wie des Petrus Fels. Erika, ich erlaube dir, dein Versprechen einzulösen. Du darfst morgen dieses Kind mit in den Heidhof nehmen. Halt,« wehrte er sie ab, »ich bin noch nicht zu Ende. Klar muß alles werden. Auch« — wandte er sich an mich — »zwischen Ihnen und mir und ... der Erika.«

Er schwieg eine ganze Zeit, dann sprach er weiter, ruhig, ernst und nachdenklich:

»Ich bin nur ein einfacher Mann, ich habe mein ganzes Leben in einsamer Heide zugebracht, und so habe ich nichts von der Welt und ihrem Tun und Treiben kennengelernt. ~Hätte~ ich’s, vielleicht dächte ich so, wie viele denken mögen über die Unzucht und Unkeuschheit. Ich kann aber nur so darüber denken, wie ich eben denke. Und so sage ich Ihnen denn: nie wird meine Tochter meinen väterlichen Segen dazu erlangen, daß sie einen Mann zum Ehemann nimmt, der so wie Sie der Vater eines unehelichen Kindes ist. Ich sage ~Ihnen~ das und sage es ~dir~, Erika. Meine Augen sehen scharf wie des Wanderfalken Augen, wenn es sich um meine Tochter, um mein einziges Kind handelt. Und ich habe gesehn, daß Erika Ihnen zugetan ist und Sie der Erika. Laß mich reden, Kind,« wehrte er seine Tochter wiederum ab, »was ich hier sage, ~muß~ gesagt werden, damit alles für alle Zeit klipp und klar ist. Wollen Sie leugnen,« sagte er zu mir gewandt, »daß Sie sie liebgewonnen haben, nachdem Sie erkannt haben, daß es ein keusches, braves unverdorbenes Heidekind ist?«

»Nein, ich leugne es nicht!« rief ich, »Erika ist der gute Geist dieses Hauses, sie ist mein guter Geist geworden, ich weiß nicht, was aus mir werden soll, wenn ich sie für immer verliere.«