Chapter 9 of 11 · 3989 words · ~20 min read

Part 9

»Sie sind ein ~Mann~«, sagte der Heidkönig, »~seien~ Sie ein Mann! Ein Mann muß stets wissen, was werden soll, und hätten Sie das früher gewußt und bedacht, so ständen Sie jetzt keusch und in allen Ehren vor mir, und ich würde Ihnen meine Tochter nicht weigern. Aber Sie werden und müssen einsehn, daß ich so handeln muß, wie ich jetzt handle, und ich denke, daß Sie mir nichts in den Weg legen?«

Ich hörte die tief verborgene Besorgnis aus seiner Stimme? O, er wußte, daß ich in Erikas Liebe zu dem Kinde und in ihrem Mitleide mit mir, dem Vater dieses Kindes, starke, gefährliche Bundesgenossen hatte!

Sollte ich sie brauchen? Sollte ich mich hinwerfen vor ihr, ihre Knie umfassen und immer wieder bitten: »Bleib, du guter Geist dieses Hauses, ach, bleibe!?«

Da tönte wieder seine Stimme.

»Geben Sie sich keiner falschen Hoffnung hin,« sagte er, und mir war, als habe er in meiner Seele gelesen, »Erika wird nie einem Manne angehören wollen, der ein Kind sein eigen nennt, zu dem er sich erst bekennen mußte, ehe es vor den Menschen sein Kind werden konnte. Unsere Frauen und Mädchen in der einsamen Heide denken darüber streng. Nicht wahr, Erika?«

Ich hielt den Atem an.

Sie schwieg.

Da vertiefte sich die Furche in der Stirn des Alten. »Wie, Erika, du schweigst? Hab’ ich dich deshalb aus dem Heidhofe hierher gehen lassen, damit der Schmutz deine reine Seele vergiftet?«

»Ich denke ~so~, wie du denkst, Vater«, sagte die Heidkönigstochter und sah in Scham auf das Kind in ihrem Arm herab. »Ich habe aber einer Sterbenden mein Wort gegeben, Vater. Und ...« Sie sah ihn nun bittend an.

»Das sollst du halten, meine Tochter«, unterbrach sie der Heidkönig.

»Das Kind darfst du mit in den Heidhof nehmen, und zwar für ein Jahr. Dann ist es aus dem gröbsten heraus, und wir können es seinem Vater ohne Sorge wieder zurückgeben. So hast du dein Versprechen gelöst und bleibst trotz allem mein reines Kind der Heide.«

»Sind Sie damit einverstanden?« wandte er sich an mich.

»Ich bin’s«, erwiderte ich, denn die Hoffnung zog wie ein Lichtstrahl in mein Herz.

»Ja, ich bin’s und danke Ihnen, daß Sie das erlauben! Was sollte sonst werden jetzt mit mir und dem Kinde?«

»Gut, so sind wir einig. Nur mache ich zur Bedingung, daß Sie vor Ablauf dieses Jahres Ihren Fuß nicht über die Schwelle des Heidhofes setzen.«

Ich blickte hinüber, wo Erika mit meinem Kinde stand. Ich sah, wie sie erblaßte, wie ihre Augen angstvoll und in voller Frauenliebe auf mir ruhten, ich sah aber auch, daß irgend etwas in diesen braunen Augen stand, das mir zurief: »Gehe auf diese Bedingung ein, harre aus und hoffe!«

»Darf ich wegen des Kindes ab und zu an Ihre Tochter schreiben?« fragte ich.

Er dachte lange nach.

»Man kann einem Vater solche Bitte nicht abschlagen,« sagte er dann; »darf er an dich schreiben, Erika, und willst du ihm antworten?«

»Ja, Vater«, erwiderte sie.

»Nun gut, so mag’s sein«, sprach er. »Und nun wissen wir voneinander, was wir wissen mußten, bevor ich von hier wieder abreise«, sagte er zu mir. »Ich halte Sie trotz der schweren Verfehlungen für einen braven Mann. Sehn Sie zu, daß Sie sich in Ihrem Kinde eine brave Tochter erziehn, so wird das Unrecht gesühnt, daß diesem Kinde das Leben gab. Jetzt will ich’s Ihnen auch offen sagen: es hat mich gefreut, daß Sie sich so offen zu dem Kinde bekannt haben. Hätten Sie’s nicht getan, so hätte ich nicht den Dank über meinen Mund gebracht dafür, daß Sie damals Fräulein Bartel erlaubten, Erika herzunehmen. — Bis morgen also.«

[Illustration]

Bis morgen also!

Es ist spät am Abend. Die andern schlafen, ich aber bin noch wach und wandere ruhelos in meiner Stube auf und ab. Bis morgen also!

O, wäre ewig diese Nacht! Gäbe es doch kein Morgen! So behielte ich sie in diesem Hause, so hätte ich wenigstens das Gefühl: sie ist noch hier.

Sie und mein Kind.

»Eine schwere Verfehlung«, hatte der Mann gesagt. Keiner hat mir so ruhig, so schlicht und so wahr meine Sünde vorgehalten, als dieser Mann!

Ach, Marianne, du bist nun tot, und nun geht auch deine Schuld auf meine Rechnung über.

Nun muß ich alles auf mich nehmen und kann nicht sagen: »Mann, sie hat doch ~auch~ schuld. Sie hatte doch ~mehr~ schuld als ich!« — Du bist tot: Was würde er sagen, hätte ich so von einer Toten gesprochen!

Nein, Marianne, ich werde deine Ruhe nicht stören. Aber, so es wirklich ein Jenseits gibt, an das du doch auch immer glaubtest, so mache ~deinen~ Teil der Schuld gut, wirf dich hin vor Gottes Thron und flehe ihn an, daß des Heidkönigs Tochter nicht nur für dieses eine Jahr dem Kindchen eine treue Mutter sei, sondern fürs ganze Leben. Flehe ihn an, daß sie mein Weib wird.

So wirst du gutmachen, was du an mir gesündigt hast in deiner Leidenschaft und Liebe zu mir. Wenn zwei eine Sünde tun, so sind doch ~beide~ Sünder!

Ach, dieser schreckliche Begriff von Sünde!

Festgeschmiedet ist die Menschheit in unheilvolle Fesseln. Nein, nein, nicht unheilvoll!

Gibt es etwas Heiligeres als die Fesseln von Staat und Kirche, die den Mann an ein geliebtes Weib binden?

Sie werden nur unheilvoll durch das Verschulden der Gefesselten ~selbst~.

Fessel! Gefesselt! — — —

Fessellos! Frei! — — —

Freie Liebe! Freie Leidenschaft!

Ich höre mein Kind schreien! — Ach, du armes Häschen, du! Du Kind der freien, fessellosen Leidenschaft!

Denk’, mein armes Häschen, wenn ich mich nicht zu dir bekannt hätte als dein Vater.

Dann hätten sie dich zu einer Nonne gemacht. Nie wären die Freuden, die unschuldvolle Lust des Kindes an dich herangetreten.

Immer hätte man dir als deine Schuld angerechnet, die andere getan haben. Beten und büßen hättest du gemußt für die Sünden deiner Mutter und deines Vaters. Nie hättest du Elternliebe, Mutterliebe kennengelernt, immer hätte es geheißen: Du bist ein Kind der Sünde, du kannst nur durch Gebet in den Himmel kommen.

O, du mein armes Häschen du! —

Freie Liebe! Freie Leidenschaft!

Tausendmal müßten es alle bedenken, bevor sie in freier Liebe, in freier Leidenschaft alle Schranken durchbrechen! Und doch auch wieder: Wie menschlich, wie jammervoll menschlich ist es! Wir ~haben~ doch unsere Leidenschaft, unsere Liebe! ~Warum~ haben wir sie denn? Wenn sie Sünde ist und alles, was aus ihr zum Leben kommt, das Kind der Sünde ist? Da gehst du nun, leuchtender Mond in stiller Frühlingsnacht, deine hohe, ruhige, immer und immer gleiche Himmelsbahn! Du wirst von so vielen als schönes, mild lächelndes Licht gepriesen und besungen.

Was bist du denn in Wahrheit! Nichts als ein gefühllos kalter Stern im großen Weltall. Du lächelst dasselbe Lächeln, wenn unter dir ein Mord geschieht, du lächelst dasselbe Lächeln, wenn unter deinem verbergenden bleichen Glanz zwei Menschen in Leidenschaft sich befinden und diese Leidenschaft dann lebenslang ein armes Menschenwurm büßen muß, du lächelst dasselbe Lächeln ~heute~ — und ~morgen~ verlassen die beiden mein Haus!

Man weiß, du bist nichts weiter als ein kalter Stern, und doch kann man sich dir nicht entziehn.

Auch heute, wo ich mich aus dem Fenster lehne und in die glanzumflossene, stille Silbernacht mit dem Schmerz der Trennung schaue, bist ~du~ es, kalter nichtssagender Gesell dort oben, der in mein Herz die Abgeklärtheit dieses Schmerzes senkt.

Morgen abend um diese Zeit!

Da ist sie schon im Heidhofe, fern von mir in der fernen Heide. Mein Kind aber ist bei ihr. Und daß sie es hat, das spinnt Fäden, fein wie von Spinnenfleiß gesponnene Fäden von der Heide bis hier in meine Kauzburg hinein. Dann muß ich dich ~wieder~ bitten, dich, den kalten Gesellen Mond, der so verträumten Glanz auf unsere Erde ausgießt, — ich muß dich bitten, mit deinem Silberglanze diese Fäden zu erfüllen, so werde ich sie sehen. Was unsichtbar von Seele zu Seele sich spinnt, wird sichtbar werden im weichen Silberglanz des Mondes.

Und sorgen will ich, daß diese Fäden nicht zerreißen.

Schreiben in die Heide will ich ihr; schreiben, wie einsam ich wieder bin und wie verlassen. Immer mehr will ich in ihre Seele das Mitleid mit mir pflanzen. Immer mehr will ich ihre Liebe wecken für das Kind. So wird das Gespinst der Fäden immer haltbarer, immer fester. Bis es unzerreißbar sein wird. Dann klettere ich daran hoch, hinein bis ins kleine Fensterlein ihres Heidhofstübchens. Heidkönig, ich nehme den Kampf mit dir auf! Ich sage dir Krieg an bis aufs Messer um deine Heidkönigstochter!

Ein Königstöchterlein gibt man nicht so leicht auf. Und ein Heidkönigstöchterlein erst recht nicht! Aber ein Jahr, ein ganzes, volles, langes Jahr! Ein Jahr, daß dreihundertundfünfundsechzig Tage hat und ebenso viele einsame Nächte! Und Nächte sprechen lauter zu dem einsamen Menschen als Tage.

Die Nächte sprechen durch ihre Stille so laut zur dürstenden Menschenseele.

Wie wird meine Seele nach dir dürsten, du treues, liebes Königstöchterlein!

Ein Königreich wirst du mir schenken, und dieses Königreich bist du.

In tiefen, abgrundtiefen Schlaf möchte ich mich ein Jahr lang versetzen und aufwachen erst zur Stunde, da ich vor dir stehe und du vor mir.

Und zwischen uns das Kind.

Doch nein, nein. Wir werden uns ja schreiben! Wach muß ich bleiben und treu im Wachen! —

Morgen bist du in deiner Heide, Heidkönigstochter. Der Frühling empfängt dich, blühn und duften wird es aus tausend, vielen tausend Blumen, wenn du, die Königin der Heideblumen, heimkehrst zur Heide.

Die Bienen werden summen und gelben Pollenstaub an ihren Beinchen verschleppen, von Blüte zu Blüte werden sie naschend und nippend fliegen und heimgeleiten dich, du Königin aller Heideblüten.

Die Schmetterlinge werden ihre zarten Flügel spannen, im flimmernden Sonnenschein ihr buntes Farbenspiel entfalten, und in dein braunes Haar werden sie sich niederlassen, weil du die Königstochter der Heide bist.

[Illustration]

Der Heidkönig wollte nicht, daß ich ihn und seine Tochter zur Bahn brachte.

So blieb ich denn in der Kauzburg zurück.

Fräulein Bartel begleitet sie ein Stück Weges noch auf der Bahn und kommt morgen früh zurück. Sie wollte mein kleines Mariannchen auf ihren Arm nehmen, aber Erika ließ es nicht zu.

Sie nahm mein Kind in ihre Arme. Wie geborgen wird das kleine Geschöpfchen sein. Viel geborgener, als ich es bin.

Kaum hatte sich das Tor der Kauzburg hinter ihnen geschlossen, da riß ich meinen Gaul aus dem Stall. Gesattelt war er. Ich schwang mich hinauf, und fort ging’s wie die wilde Jagd querfeldein an die Bahngleise heran. Ein paar Minuten vor dem Zuge war ich an Ort und Stelle. Draußen, gerade dort, wo der Wald anfängt, riß ich meinen Gaul zusammen. Er stand wie eine Mauer dicht an den Bahnschienen.

Und da kam der Zug, ganz langsam, wie die Kleinbahnzüge es tun, heran. Mein Waldhorn hatte ich schon am Munde. Klar klang sein schwermütig-fröhlicher Ton dem Zuge entgegen. Kaum erklangen die ersten Töne, so bog sich das Kind der Heide weit hinaus.

Sie kannte ja mein Waldhorn, und oft hatte ich des Abends Volkslieder auf ihm geblasen.

Weit bog sie sich heraus. Ihr braunes Haar spielte im Winde. Aus ihren Augen blinkten die Tränen, und mit einem Blick der Liebe sah sie mich an wie nie zuvor.

»Lebe wohl, auf Wiedersehen!« rief sie mir zu, als sie so nahe an mir vorbeifuhr, daß sie mich fast mit ihren Fingerspitzen erreichen konnte, die wie ein Hauch über mein Gesicht glitten.

Schon war der Zug um die Waldbiegung verschwunden.

Ich aber blies weiter das alte Lied vom Scheiden und Meiden, und der Wald trug lang und bang das Echo zurück.

Dann sprang ich jählings herunter vom Gaul. Ins Gras warf ich mich, und über mir in den grünen Wipfeln der Bäume klangen die Blätter aneinander und flüsterten leise, ganz leise: »Lebe wohl, auf Wiedersehen!«

[Illustration]

Einen blühenden Erikazweig brachte mir Fräulein Bartel mit: »Von Erika, das schickt sie Ihnen.«

[Illustration]

Liebe Erika!

Haben Sie herzlichen Dank für Ihren Brief. Sie hätten mir sicher viel eher geschrieben, wenn Sie gesehn hätten, wie ich Tag für Tag dem Briefträger entgegeneilte, wenn er die kleine, steinüberwölbte Pforte, durch die Sie so oft ein und aus gegangen sind, öffnete und seine rotstreifige Mütze sich zeigte.

Die Vögel haben längst ihre Nester gebaut, schon hat abgeblüht der Flieder, das Korn schießt schon in seine Halme. Der Sommer naht, ist eigentlich schon da, und endlich, endlich heute der ersehnte Brief.

Dem Dürstenden eine Wasserspende. Ach, ich war gleich dem Dürstenden in weiter, öder Wüste. Aber nun bin ich in der Oase. Die Palmen rauschen über mir, die Quelle sprudelt, ringsum ist Wüste, doch ~ich~ bin geborgen.

Haben Sie Dank, Heidkönigstöchterlein, daß Sie aus Ihrem Brunnen mir den Krug zum Trinken reichten.

Ein tiefer Brunnen ist’s, aus dem Sie Wasser schöpfen, und wie ein reiner Bergquell ist sein Inhalt.

Die Heide muß den Bergen gleichen, denn auch in ihr herrschen Einsamkeit und Reinheit.

Dreimal schon habe ich Ihren Brief gelesen, dreimal des tiefen Brunnens silberklares Wasser ausgeschöpft, und nun ich wiederum ins Lesen komme, wird mir der Trunk zum neuen Labsal wieder.

Also dem kleinen Mariannchen geht es gut? Wie könnte das anders sein, wo das Kind in Ihnen eine so treue Mutter gefunden hat. Und Ihr Vater, der Heidkönig, kann gar nicht mehr ohne das Kind sein? Das sind zwei schöne Botschaften, die mir die Heide sendet. Die dritte schöne, schönste Botschaft atme ich aus den Blumen ein, die das Heidkönigstöchterlein zwischen die Seiten des Briefes legte. Frisch sind die Blumen wieder aufgeblüht in der Vase mit Wasser, die neben mir steht. Sie duften den frischen Heideduft mir zu. Er schwebt durchs Zimmer, haftet sich an mein Gewand, von draußen flimmert sommerliche Abendsonne durchs offene Fenster herein, die Meisen hör’ ich zirpen, den Pirol locken und die Finken schlagen. Lieg’ ich in stiller Heide? Kommt dort nicht durch das blühende, schöne Heidekraut die Tochter der Heide gegangen? Neigt sie nicht den Kopf mir zu? Glänzt nicht aus ihren Augen lautere Treue? Streift sie mit sanfter Hand nicht über meine Stirn?

Ich bin einsam, Erika, unendlich einsam.

Seitdem die Heideblume nicht mehr in meiner Kauzburg blüht, seitdem sie mit meinem Kinde, das nun an ihrem Herzen zur kleinen Heideblume erblühn wird, fortzog in die Heide zurück, bin ich einsam.

Ich will keines Menschen Mitleid.

Ich verachte das Mitleid der Menschen.

Ein einziges Mitleid aber will ich mir erhalten, will es ausdehnen so weit, daß die ganze Heide um den Heidhof davon träumt und in stillen Träumereien davon erzählt, solange erzählt, bis Ihr Herz ganz davon erfüllt wird. Das Mitleid in einem Mädchenherzen öffnet wie ein Schlüssel die Pforte zur Kammer der Liebe. Und die Liebe vermag den unübersteigbaren, winterharten Berg zum stillen, grünen Tale umzuwandeln.

Wird für mich das stille Tal ergrünen?

Leben Sie wohl, Erika. Grüßen Sie mir mein Kind, es soll seine kleinen Arme um Ihren Hals schlingen und soll wie ein kleiner Engel sein, der zwei Herzen mit seinem silbernen Hammer fest zusammenschmiedet für alle Ewigkeit. Grüßen Sie auch den Heidkönig. Er riß uns auseinander, aber ich kann nicht anders: Ich will ihm grollen und zürnen und vermag es nicht. Er hat ganz recht, dieser stolze, schlichte Mann: Erst die Buße reinigt und erst das Fegefeuer öffnet uns den Weg zum Himmel. Meine Buße habe ich und mein Himmel ist ein Königstöchterlein, das wie eine Madonna mit dem Kinde durch die Blüten der braunen Heide schreitet.

Ihr

einsamer Freund.

_N. B._ Ich habe meine Versetzung nach Schlesien erbeten. Wenn es mir doch glückte. Ich bin ein solcher Heimatmensch und hänge an der Heimat wie eine Fledermaus tagsüber in der Räucherkammer hängt.

Mich stören hier auch die Erinnerungen und ... die Menschen. Kürzlich rief ein Kuckuck statt Kuckuck immerfort: Erika, Erika, Erika. Ich hab’s deutlich gehört. Und Sie werden lachen, wenn Sie das lesen. O, Sie böses, süßes Heidekind, Sie!

[Illustration]

Daß du dich so riesig freust, liebe alte Mutter!

Feste der Freude willst du feiern über die Rückkehr des verlorenen Sohnes? Liebe Mutter, du lächelst. Ich sehe in deinem lieben Muttergesicht die kleinen Runzelchen und Fältchen, die dein Gesicht so schön machen. So wunderschön, wenn aus ihnen tausend liebe Mutterlächeln strahlen. Du schreibst mir: »Ich will Dich bei Deiner Rückkehr ins liebe schlesische Heimatland feiern, wie man den verlorenen Sohn bei seiner Heimkehr feiert; freilich warst Du mir in einem ganz anderen Sinne ein ›verlorener Sohn‹: Nur weil Du fern warst, viel zu fern von einer so alten Frau, als ich eine bin, nur darum mir verloren, Du lieber Sohn.«

Ach, liebe Mutter, wenn du wüßtest, wie nahe daran ich war, der biblische verlorene Sohn zu sein. Was wirst du sagen, wenn du alles weißt? Und wissen mußt du es! Wie werden deine Augen ratlos in Herzensangst blicken, wenn ich dir sagen werde: »Ich bin Vater eines Kindes!« Wirst du dieses Kind als Enkelkind aufnehmen? Bei deinen gläubig-strengen, durch die Tradition geheiligten Grundsätzen?

Wie leid tut es mir, dir diesen Kampf nicht ersparen zu können.

Bereite noch ~keine~ Feste vor für den »verlorenen Sohn«, liebe Mutter!

Erst wenn du weißt, daß es eine Zeit gab, wo er wirklich der verlorene Sohn war, dann, ja dann nimm ihn ans mütterliche Herz und laß ihn dort die Feste feiern, die deine Mutterliebe ihm bereiten wollte.

[Illustration]

Man verwächst mit einem Ort, an dem man längere Zeit geweilt hat, ohne daß man es merkt.

Erst die Abschiedsstunde macht es uns bewußt. Als ich meinen Wunsch erfüllt sah und nach Schlesien versetzt war, überkam’s mich im ersten Augenblick fast wie ein Schreck. Auf einmal sah ich manches, was ich bis jetzt nicht gesehn hatte.

Wie schön, wie selten schön ist doch dieser Blick über den alten Kirchhof hinüber weit in das Flußtal hinein. Wie eigenartig doch die Kauzburg selbst!

Wie traut mir diese hohen Räume, in denen ich mich erst so ungemütlich fühlte!

Ob wohl in Schlesien Buntspechte im Forstgarten sein werden wie hier? Ob dort wohl auch im Frühling die Nachtigall ihr einsam schönes Nachtlied im Garten singen wird? —

Am Abend ging ich zum Grabe Mariannens. Auch hier ein Abschied. Von vielem.

Als ich vom Grabe aufsah, erblickte ich den Domherrn am Fenster stehend. Krank sah er aus, schwer leidend. Ich glaube, dies Grab, an dem ich stehe, hat’s ihm angetan. Als meine Augen auf ihn fielen, machte er eine Bewegung, als wollte er rasch ins Dunkle des Zimmers zurücktreten. Dann aber blieb er stehen. Langsam, ganz langsam beugte er sich hinaus. Und dann sagte er mit verschleierter Stimme zu mir: »Ich werde über diesem Grabe wachen und es pflegen. Ist es nicht schön gepflegt? Daneben ... daneben ...«

Da brach er ab, denn eine Nonne ging quer über den Kirchhof.

Ich grüßte hinauf, als ich ging.

Er grüßte zurück und sah mir nach, bis sich die Pforte hinter mir schloß.

Also ~doch~ ein Herz unter dem gestickten Priesterkleid.

»Daneben ... daneben ...«

Ich wußte, was er meinte.

Neben Mariannens Grab wird bald ein anderes sein. Dann ist auch ~er~ tot. Mich wird’s nicht stören, komm’ ich im nächsten Jahre zu ihrem Grab. Denn die Toten haben alles hinter sich; auch ihre Sünde. Die Erde entsündigt. Sie gleicht aus, was ungleich war. Ein bißchen Erde ~mehr~, nichts anderes. Soll man einem Teilchen der Erde zürnen, die für uns alle der gleiche Schoß ist?

[Illustration]

Auch das heidnische, steinerne Käuzchen nehme ich nicht mit nach Schlesien. Ich traue diesem Käuzchen nicht! Wer weiß, ob nicht böse Geister daran schafften. Und ich habe mir das Unglück ins Haus getragen mit ihm.

Heruntergeschafft habe ich’s wieder und vor den Eingang des unterirdischen Ganges gestellt. Dort mag es stehen und den Gang in das stille Tal verschließen wie früher. —

[Illustration]

Ich benutzte den Nachtzug nach Schlesien. Fern flammte das Abendrot über dem Himmel, als ich das Städtchen verließ. Mit was für Gedanken! An Vergangenheit, an Zukunft. Was hat mir ~jene~ gebracht, was wird mir ~diese~ bringen? Wie mit blinden Augen müssen wir kommenden Tagen entgegengehn. Nie weiß man, was der nächste Tag uns bringt. Was sag’ ich, ... Tag! ... Die nächste Stunde, der nächste Augenblick. In Kleinigkeiten können wir das blinde Schicksal meistern, in großen Dingen nicht.

[Illustration]

So bin ich denn in meinem Schlesien wieder!

Daheim! In der alten Heimat!

Ihr Bäume habt meine Knabenjahre beschützt, ihr Bäume legtet ~mir~ den Traum der Jugend in mein Herz. ~Dich~, du mein grüner, heimatlicher Wald!

Dich selbst! Du warst mein Jugendtraum und bist es noch und wirst es bleiben allezeit.

O rauscht nur, ihr alten Kiefern! Hinknien will ich mich an den Waldbach, der aus dem hellen Felde zum dunklen Walde fließt, hinknien, wo einst des Knaben Höslein ihre Löcher kriegten. Wo einst der Knabe sprang und rutschte auf den Ästen, das Eichhorn jagte und die Krähennester ausnahm, da will ich heute knien.

Und dankbar sein für meine Rückkehr in die Heimat.

Ach, Heimat, Heimat! Was alles birgt doch dieses eine einzige Wort!

Eine Welt für sich. Eine volle, ganze Welt. Umragt von hohen Mauern gegen alles Fremde, gegen kalte, fremde Herzen, kalten, fremden Händedruck.

Eine Welt voll Sonne, die das Herz erwärmt, voll Licht, das durch die Adern strömt wie goldner Glanz und goldenklarer Strom, ach, eine Welt auch von Erinnerungen, von Trauer auch um euch, ihr lieben Toten, die ihr nicht mehr seid. — — Dort diese Kiefer kenne ich so gut!

Wie oft hab’ ich auf diesem starken Ast, der sich als stärkster aus dem Wipfel in die Breite streckt, gesessen und aufgepaßt aufs Wild, das in die Felder trat; des Abends. Der rote Sonnenball war immer im Versinken, da trat der starke Rehbock aus der jungen Dickung und warf mißtrauisch seinen gehörn-geschmückten Kopf hoch auf.

Links drüben ein paar Ricken mit einem jungen Böckchen. Kaum zeigte sich’s, hui, war der Starke wie ein vom Bogen straffgeschnellter Pfeil hinter ihm her! Die Eifersucht! Die liebe Eifersucht!

Hier hoppelte ein Häschen in das Feld. Vorsichtig, Männchen machend, mit den Löffeln wackelnd, bald hierhin, dorthin schnuppernd, endlich ganz beruhigt in seinem lieben Hasenherz, nun rasch mit ein paar Sätzen hinüber in den Klee. Der schmeckt ihm wie uns ein Gläschen guter Wein. —

Ein schlichtes Forsthaus unweit des Oderstromes ist meine schlesische Oberförsterei.

Aus den Fenstern im Dachgiebel kann ich das Wasser des Stromes sehen.

Ruhig fließt er dahin. Wildenten schnattern im Schilfe. Und schwirren pfeifenden Fluges hoch, umkreisen mein Forsthaus und lassen sich brausend im Schilfe wieder ins Wasser hinab.

In meinem jetzigen Forsthause gibt’s keine hohen Räume, in denen Ritter und Mönche hausten. Aber auch keinen unterirdischen Gang mit Steinkäuzchen und heidnischen Denkmälern gibt’s. Klar wie die Sonne am lichten Sonntag ist alles in meinem Haus.

Von Ruhe spricht alles hier, — fern von der Welt, der Wald ringsum, der stille, hohe Wald, — ja, von Ruhe.

Nun hab’ ich, was ich stets ersehnte: ein Forsthaus in schlesischer Heimat.

Nun ist die Heimat wieder mein.

Mein erster Brief aus der Heimat soll in den Heidhof eilen zu dir, Heidkönigstochter.

Liebe Erika!

Mein erster Brief aus Schlesien, meiner Heimatprovinz, soll zur Heidkönigtochter eilen! Eile, mein Brief, oh, eile! Bedenke, bald ist der Sommer hin, bald flattert das Laub von den Bäumen, bald, bald wird’s schneien, und dann kommt das Frühjahr! Im Frühjahr darf ich doch ~selbst~ in die Heide! Meinst du, mein Brieflein, daß ich dann ~schreibe~?! O nein, dann eile ich selbst, so wie du heute eilen sollst! Dann zieh’ ich dem Frühling entgegen, der in der Heide für mich blüht ... Ja, dann ... Mein Königstöchterlein, dein König sendet dir seinen ersten Heimatgruß! Ein großer Strom fließt in ruhiger Majestät an meinem Forsthaus vorbei. Die großen Segelschiffe gleiten auf und nieder.

Die Oder trägt sie alle. Und führt sie alle an ihr Ziel. Wie eine Mutter die Schar der Kinder.

Im Mondschein stehe ich gerne am lieben Oderstrom. Wenn die Schiffe lautlos herangleiten, die weißen Segel vom silbernen Mondglanz umflossen, dann ist’s mir, als ob sie mir aus der stillen, fernen Heide das Heidkind bringen sollten.

Erika, wie werde ich des Frühjahrs harren! Wie werde ich aufpassen, wenn die erste Schwalbe am Giebelfenster zwitschern wird. Wie werde ich auf den Kiebitz lauern, auf das Schnepflein am Waldrand drüben.