ERSTES KAPITEL.
ZANZIBAR.
Ankunft in Zanzibar. -- Aufnahme beim Consul der Vereinigten Staaten. -- Kapitän Webb. -- Leben in Zanzibar. -- Art des Handels mit dem Innern. -- Die Stadt Zanzibar. -- Bevölkerung. -- Einführung bei Dr. Kirk. -- Bischof Tozer.
Eine der fruchtbarsten Inseln des Indischen Oceans ist Zanzibar. Als ich Bombay verliess, um die Expedition des „New York Herald“ in das unbekannte Herz Afrikas zu führen, war meine abstracte Vorstellung von der Insel die, dass sie nicht viel besser als eine grosse Sandbank oder ein Stückchen vom Meer umgebener Sahara sei, in der sich ein paar massig grosse Oasen befänden und in der die Cholera, das Fieber und andere namenlose aber schreckliche Krankheiten zu wüthen pflegten. Ich glaubte, sie sei von unwissenden Schwarzen mit dicken Lippen bewohnt, deren Aeusseres im allgemeinen mit Du Chaillu’s Gorillas zu vergleichen wäre und die von einem despotischen, griesgrämigen Araber beherrscht würden. Weshalb sich diese Caricatur in meiner Phantasie festgesetzt hatte, begreife ich nicht; ich hatte Bücher und Abhandlungen über Zanzibar gelesen, die sich keineswegs ungünstig darüber äusserten, dennoch schwebte es meinem Gehirn als eine Insel vor, deren gänzliches Versinken im Meere der Welt nur nützlich sein könnte. Ich weiss es nicht bestimmt, aber ich glaube, ich habe diese Vorstellung durch Kapitän Burton’s „Lake Regions of Central-Africa“ in Verbindung mit manchen andern excentrischen Ansichten bekommen. Dieses ganze Buch ist, wiewol ausgezeichnet gewandt und wahr, doch in einem etwas galligen Ton geschrieben, und ich glaube, die Wirkung desselben auf mich bestand darin, dass ein Theil der Galle mir zu Kopf stieg, denn als ich es las, sah ich einen verderbenbringenden Strom, welcher mich nach der ewigen Fiebergegend Afrikas hintrieb, von wo, wie mir eine unheilverkündende Ahnung sagte, man nicht wieder zurückkehre. Wie man aber die beseligende Morgenröthe begrüsst, die den schrecklichen Traum, unter welchem man die ganze Nacht hindurch sich seufzend plagt, vertreibt, wie man sich über den Brief freut, der gute Nachrichten bringt, so wurde mir beim Anblick der grünen Ufer Zanzibars zu Muthe, welche mir zuriefen: „Hoffnung! Die Dinge sind selten so schlimm, als man sie sich ausmalt.“
Es war am frühen Morgen, als ich durch den Kanal segelte, der Zanzibar von Afrika trennt. In dem Morgengrauen wurden die Höhen des Festlandes gleich langen Schatten sichtbar; die Insel lag uns in einer Entfernung von nur einer Meile zur Linken und trat mit dem vorrückenden Tage aus den sie umhüllenden Nebeln allmählich hervor, bis sie endlich deutlich in Sicht war und so schön aussah, wie das schönste Kleinod der Schöpfung. Sie schien niedrig, aber nicht flach zu sein, hin und wieder sah ich sanfte Höhen, die sich über den anmuthigen Wipfeln der Kokosbäume erhoben, welche sich längs der Insel hinzogen. Auch wurden sie in angenehmer Weise durch Thalsenkungen unterbrochen, welche andeuteten, wo diejenigen, die Schutz vor der heissen Sonne suchten, Kühlung finden könnten. Mit Ausnahme der schmalen Sandlinie, über die das saftgrüne Wasser in beständigem Gemurmel dahinrollte, schien die Insel ganz in Grün gehüllt. Auf dem herrlichen Spiegel der Meerenge befanden sich mehrere Dhows[2], die rasch mit schwellenden Segeln der Bai von Zanzibar zueilten oder dieselbe verliessen. Ueber dem Horizont des Meeres erschienen nach Süden zu die nackten Masten einiger grossen Schiffe und östlich von diesen eine dichte Masse weisser Häuser mit flachen Dächern. Dies war Zanzibar, die Hauptstadt der Insel, welche sich bald als eine ziemlich grosse, dichtgebaute Stadt enthüllte, an der man alle charakteristischen Merkmale der arabischen Baukunst erkennen konnte. Ueber einigen der grössten Häuser, welche sich an der Seeseite der Stadt hinzogen, flatterten das blutrothe Banner des Sultans Seyyid Barghasch und die Flaggen der amerikanischen, englischen, norddeutschen und französischen Consulate. Im Hafen befanden sich dreizehn grosse Schiffe, vier zanzibarer Kriegsschiffe und ein englisches, die „Nymphe“, zwei amerikanische, ein französisches, ein portugiesisches, zwei englische und zwei deutsche Kauffahrer. Ausserdem lagen da viele Dhows aus Johanna und Mayotte, Orten der Komoroinseln, ebenso Dhows aus Muskat und Kutsch, welche zwischen Indien, dem Persischen Meerbusen und Zanzibar Handel treiben.
Mit aufrichtiger Höflichkeit und Gastfreiheit empfing mich der nordamerikanische Consul, Kapitän Francis R. Webb (der früher auf der nordamerikanischen Flotte gedient hatte). Hätte dieser Herr mir nicht die so nöthigen Dienste geleistet, so hätte ich mich dazu verstehen müssen, mich in einem Hause, welches als das von Charley bekannt ist, einzumiethen, das nach seinem Besitzer so genannt wird, einem krummnasigen, im ganzen sehr excentrischen Franzosen, der einen bedeutenden Ruf an dem Orte dafür hat, dass er unbemittelte Reisende aufnimmt und ihnen häufig unter einer rauhen Aussenseite grosse Freundlichkeiten erweist, -- oder ich wäre gar gezwungen gewesen, mein amerikanisches Doppelzelt auf dem Sandufer dieser tropischen Insel aufzuschlagen, was keineswegs wünschenswerth gewesen wäre.
Aber Kapitän Webb’s gelegener Vorschlag, sein bequemes, comfortables Haus zum meinigen zu machen, mich gemüthlich einzurichten und mir alles geben zu lassen, was ich nöthig hatte, beseitigte alle Unannehmlichkeiten.
Ein Tag in Zanzibar brachte mir meine Unwissenheit in Bezug auf das Volk und die Dinge Afrikas im allgemeinen zum Bewusstsein. Ich bildete mir ein, ich hätte Burton und Speke ziemlich gut durchgelesen und folglich die Bedeutung, Wichtigkeit und Grösse der Aufgabe, die ich übernommen hatte, erfasst. Aber meine auf Bücherweisheit gegründeten Schätzungen waren einfach lächerlich, die phantastischen Vorstellungen von den Reizen, die Afrika bietet, waren alsbald zerstreut, die Freuden, die ich vorausgesetzt hatte, verschwanden und alle unreifen Vorstellungen nahmen eine bestimmte Gestalt an.
Ich spazierte durch die Stadt und verschaffte mir allgemeine Eindrücke. In dem reinlichen Stadtviertel sah ich krumme, enge Gassen, weiss getünchte Häuser, mit Mörtel gepflasterte Strassen. In dem Theil, den ich das Banyanenviertel nennen will, erblickte ich auf jeder Seite sehr vertiefte Alkoven, vor denen rothbeturbante Banyanen sassen, und im Hintergrunde dünne Baumwollstoffe, Kalikos, amerikanische und bedruckte Baumwollenwaaren und andere Gegenstände; auf den Fluren lagen Elfenbeinzähne dichtgedrängt; in dunkeln Ecken Haufen von ungereinigter loser Baumwolle, Vorräthe von Steingut, Nägeln, billigen Eisenwaaren und Werkzeugen. Im Negerquartier rochen die Strassen sehr übel nach der gelben und schwarzen Bevölkerung, welche mit ihren Wollköpfen vor den Thüren ihrer elenden Hütten schwatzend, lachend, feilschend und keifend sassen. Der Geruch war ein Gemisch von Häuten, Theer, Schmutz, vegetabilischem Abgang, Excrementen u. s. w. Ich sah Strassen, die von grossen, solid aussehenden Häusern mit flachen Dächern begrenzt wurden, mit grossen geschnitzten Thüren und Messingklopfern, vor denen Sklaven mit übereinandergeschlagenen Beinen sassen und den Eingang zu ihrer Herren Häuser bewachten; eine seichte Seebucht, auf der sich Dhows, Nachen, Boote und ein paar vereinzelte Bugsirdampfer befanden, welche auf dem von der Ebbe zurückgelassenen Schlammmeer seitlich übergeneigt dalagen. Ich sah einen Ort, der „Nazi-Moya“ (der „Eine Kokosbaum“) heisst, wohin sich die Europäer des Abends mit langsamen Schritten, fast wie Sterbende, begeben, um die liebliche Luft einzuathmen, die, wenn der Tag zur Neige und die rothe Sonne im Westen untergeht, von der See ausströmt. Ich sah die Gräber von einigen verstorbenen Matrosen, welche ihr Leben nach der Ankunft in diesem Land eingebüsst hatten. Ich sah das hohe Haus, worin Dr. Tozer, Missionsbischof von Central-Afrika, und seine Schule für kleine Afrikaner sich befindet, und noch viele andere Dinge, die sich so ineinanderwirrten, dass ich zu Bett gehen musste, wollte ich im Stande bleiben, die sich verschiebenden Bilder auseinanderzuhalten und das Arabische vom Afrikanischen, dies vom Banyanischen, dieses wieder vom Hindostanischen und letzteres endlich vom Europäischen zu scheiden.
Zanzibar ist das Bagdad, das Ispahan oder Stambul, wenn man will, von Ostafrika. Es ist der grosse Markt, welcher die Elfenbeinhändler aus dem Innern Afrikas anlockt. Auf diesen kommen das Kopalgummi, die Häute, die Orseille, das Bauholz und die schwarzen Sklaven Afrikas. Bagdad hat grosse Seidenbazars, Zanzibar Elfenbeinmagazine; Bagdad hat einst mit Juwelen gehandelt, Zanzibar handelt mit Kopalgummi. Stambul pflegte tscherkessische und georgische Sklaven einzuführen, Zanzibar importirt schwarze Schönen aus Uhiyu, Ugindo, Ugogo, Unyamwezi und Galla.
Dieselbe Art des Handels herrscht hier wie in allen mohammedanischen Ländern vor, ja es ist dieselbe, wie sie lange vor der Geburt Moses existirt hat. Der Araber ist unveränderlich, er hat die Sitten seiner Vorältern mit sich gebracht, als er auf diese Insel kam, er ist hier ebenso sehr Araber wie in Muskat oder Bagdad. Wohin er auch geht, bringt er seinen Harem, seine Religion, sein langes Gewand, sein Hemd, seine Pantoffeln und seinen Dolch mit sich. Wenn er ins Innere von Afrika dringt, so vermag aller Spott der Neger nicht, seine Lebensweise zu verändern. Dennoch ist das Land nicht orientalisch geworden, der Araber ist nicht im Stande gewesen, die Atmosphäre zu verändern, das Land ist halb afrikanisch im Aussehen, die Stadt nur halb arabisch.
Dem neuen Ankömmling sind die Muskataraber von Zanzibar im höchsten Grade interessant. Sie haben eine gewisse Geschäftigkeit an sich, die man bewundern muss. Sie sind meist alle Reisende. Die Mehrzahl von ihnen sind oft schon in gefahrvollen Lagen gewesen, wenn sie in Central-Afrika eindrangen, um das kostbare Elfenbein zu bekommen, und dies sowie ihre reichen Erfahrungen haben ihrem Gesicht einen gewissen unverkennbaren Zug von Selbstvertrauen und Selbstgenügsamkeit gegeben; sie haben etwas Ruhiges, Entschlossenes, Trotziges, Unabhängiges an sich, welches jedem unbewusst Achtung abgewinnt. Die Erzählungen einiger dieser Leute könnten meines Erachtens Bände voll spannender Abenteuer füllen.
Gegen die Mischlingsrassen hege ich eine grosse Verachtung. Sie sind weder schwarz, noch weiss, weder gut, noch schlecht, weder zu bewundern, noch zu hassen. Sie sind alles zu jeder Zeit; sie kriechen beständig vor den grossen Arabern und sind immer grausam gegen die Unglücklichen, die unter ihr Joch kommen. So oft ich einen elenden, halbverhungerten Neger sah, wusste ich mit Bestimmtheit, dass er einem der Mischlingsrasse angehöre. Stets habe ich in ihm einen kriechenden Heuchler, einen feigen, entarteten, treulosen und gemeinen Menschen gefunden. Er scheint stets bereit, vor einem reichen Araber niederzufallen und ihn anzubeten, aber er ist einem armen schwarzen Sklaven gegenüber unbarmherzig. Wenn er am meisten schwört, so kann man sich darauf verlassen, dass er am meisten lügt, und doch ist es diese Menschenrasse, welche sich am raschesten in Zanzibar vermehrt, diese syphilitische, triefäugige, blasshäutige Mischung des Afrikaners und Arabers.
Der Banyane ist ein geborener Handelsmann, das Ideal eines schlauen, geldverdienenden Menschen. Das Geld fliesst ihm so natürlich in die Tasche, wie das Wasser von einer Höhe hinab, und nie werden Gewissensbisse ihn daran verhindern, seinen Nebenmenschen zu betrügen. Er übertrifft den Juden und sein einziger Nebenbuhler auf dem Markt ist der Perser. Der Araber ist ein Kind dagegen. Es ist Geldes werth, ihn zu sehen, wie er mit aller Energie der Seele und des Leibes dahin arbeitet, den Eingeborenen selbst um die allerkleinste Geldsumme zu übervortheilen. Hat z. B. der Eingeborene einen Elfenbeinzahn, der ein paar Frasilehs wiegt, die Wagschale zeigt auch das Gewicht an und der Eingeborene versichert aufs feierlichste, dass es mehr als zwei Frasilehs betragen müsse, so wird unser Banyane auf alle mögliche Weise behaupten und schwören, dass der Eingeborene nichts davon verstehe und dass die Wagschale falsch sei. Er nimmt seine ganze Kraft zusammen, um den Zahn aufzuheben. „Er ist ja so leicht, er wiegt nicht mehr als ein Frasileh. Komm“, sagt er, „Knicker, nimm Dein Geld und geh Deiner Wege. Bist Du verrückt?“ -- Wenn der Eingeborene zaudert, so pflegt er vor Wuth laut aufzuschreien, er schiebt ihn weg, stösst das Elfenbein mit verächtlicher Gleichgültigkeit mit dem Fusse fort, kurz, nirgends wird solch ein Lärm um nichts gemacht. Obgleich er nun dem erstaunten Eingeborenen befiehlt, sich zu trollen, so beabsichtigt er durchaus nicht, dass ihm der Kauf entgehen soll.
Die Banyanen üben vor allen andern Klassen den grössten Einfluss auf den Handel von Central-Afrika aus. Mit Ausnahme von ein paar reichen Arabern sind fast alle andern Kaufleute den Nachtheilen des Wuchers ausgesetzt. Ein Handelsmann, der eine Reise ins Innere machen will, gleichviel ob er nach Sklaven oder Elfenbein, Kopalgummi oder Orseillewurzel auszieht, schlägt einem Banyanen vor, ihm 5000 Dollars zu 50, 60 oder 70 Procent zu leihen. Der Banyane weiss sicher, dass er nichts verliert, ob die Speculation des Handelsmannes sich bezahlt macht oder nicht; denn ein erfahrener Handelsmann erleidet selten Verluste, oder wenn er unschuldigerweise unglücklich gewesen ist, so verliert er seinen Credit nicht. Mit Hülfe des Banyanen kommt er bald wieder auf die Beine.
Nehmen wir, um ein Beispiel zu geben, wie der Handel ins Innere gehandhabt wird, an, dass der Araber mit seiner Karavane Güter im Werthe von 5000 Dollars ins Innere führt, so sind die Güter in Unyanyembé 10000 Dollars, in Udschidschi 15000 Dollars werth; sie haben also ihren Werth verdreifacht. Für 5 Doti oder 7½ Dollars kauft man auf dem Markte von Udschidschi einen Sklaven, der sich in Zanzibar für 30 Dollars verkaufen lässt. Gewöhnliche männliche Sklaven kann man sicher für 6 Dollars kaufen und erhält dafür an der Küste 25 Dollars. Sagen wir nun, der Händler kauft Sklaven für den vollen Betrag seines Geldes, d. h. also, er würde nach Abzug von 1500 Dollars Reisekosten nach Udschidschi und zurück für 3500 Dollars 464 Sklaven à 7½ Dollars erstehen, so bringen ihm diese in Zanzibar 13920 Dollars ein! Ein anderes, dem Elfenbeinhandel entnommenes Beispiel: Ein Kaufmann bringt Waaren für 5000 Dollars nach Udschidschi und hat, nach Abzug von 1500 Dollars Reiseausgaben dorthin und zurück, noch 3500 Dollars, in Tuchen und Perlen, mit welchen er Elfenbein kauft. In Udschidschi kauft man den Frasileh (oder 35 Pfd.) für 20 Dollars, wodurch er mit seinen 3500 Dollars 175 Frasilehs Elfenbein ersteht, das, wenn es gut ist, in Zanzibar 60 Dollars per Frasileh werth ist. So stellt es sich heraus, dass der Kaufmann einen Nettogewinn von 10500 Dollars gemacht hat. Arabische Händler haben schon grössere Profite gemacht, und fast immer kehren sie mit einem sehr grossen Nutzen zurück.
Auf die Banyanen folgen in Zanzibar, was die Machtstellung betrifft, die mohammedanischen Hindus. Eine Zeit lang war ich wirklich zweifelhaft, ob die Hindus nicht ebenso arg im Handel betrügen, wie die Banyanen, und wenn ich den letzteren die Palme gereicht habe, so ist das nur mit Widerstreben geschehen. Dieser Stamm der Inder erzeugt Massen gewissenloser Schurken, während er kaum einen ehrlichen Kaufmann aufzuweisen hat. Einer der ehrlichsten Leute von allen, ob weiss oder schwarz, ob roth oder gelb, ist ein mohammedanischer Hindu, namens Tarya Topan. Er ist unter den Europäern in Zanzibar durch seine Ehrlichkeit und strenge Rechtschaffenheit im Geschäft sprichwörtlich geworden. Er ist sehr reich, besitzt mehrere Schiffe und Dhows und nimmt eine hervorragende Stellung im Rath bei Seyyid Barghasch ein. Tarya hat viele Kinder, unter denen zwei oder drei erwachsene Söhne sich befinden, welche er ganz nach seinem Vorbilde erzogen hat. Aber Tarya repräsentirt nur eine ungemein kleine Minderheit.
Die Araber, Banyanen und mohammedanischen Hindus bilden die höhern und mittlern Klassen. Diese sind im Besitze der Landgüter, der Schiffe und des Handels. Vor ihnen beugen sich die Mischlingsrassen und die Neger.
Nach diesen sind das bedeutendste Volk, welches zur gemischten Bevölkerung dieser Insel beiträgt, die Neger. Sie bestehen aus den eingeborenen Wasawahili, Somalis, Komorines, Wanyamwezi und einer Anzahl Repräsentanten der Stämme von Innerafrika.
Für einen weissen Fremdling, der im Begriff steht, ins Innere von Afrika zu gehen, ist ein Spaziergang durch die Negerquartiere der Wanyamwezi und Wasawahili höchst interessant; denn hier lernt man es erst, dass man zugeben muss, dass die Neger Menschen wie unsereins sind, obgleich von anderer Farbe; dass sie Leidenschaften und Vorurtheile, Sympathien und Antipathien, Geschmacksrichtungen und Empfindungen wie alle andern Menschen haben. Je eher man diese Thatsache einsieht und sich nach ihr richtet, um so leichter wird einem die Reise unter den verschiedenen Stämmen des Innern werden. Je schmiegsamer man von Natur ist, um so gedeihlicher werden die Reisen ausfallen.
Obwol ich einige Zeit unter den Negern unserer Südstaaten gelebt hatte, so war meine Erziehung doch die eines Nordländers, und ich hatte in den Vereinigten Staaten Schwarze gesehen, die ich mit Stolz meine Freunde nannte. Auf diese Weise war ich darauf vorbereitet, einen jeden Schwarzen, der die Eigenschaften eines wirklichen Menschen oder überhaupt irgendwelche guten Eigenschaften besass, als Freund, ja selbst als Bruder anzusehen und ihn ebenso zu achten, als ob er von meiner Farbe und Abstammung wäre. Weder seine Farbe noch irgendwelche Eigenthümlichkeiten seiner Physiognomie sollte ihn meinerseits irgendwelcher Rechte berauben, die er als Mensch beanspruchen konnte. „Haben diese Leute, diese wilden Schwarzen aus dem heidnischen Afrika“ -- fragte ich mich -- „die Eigenschaften, welche den Menschen seinen Mitmenschen liebenswürdig machen?“ „Können diese Leute, diese Barbaren, Güte schätzen und fühlen sie Abneigung wie ich?“ -- war die Frage, die ich mir im Geiste vorlegte, als ich durch ihre Quartiere ging und ihre Handlungsweise beobachtete. Brauche ich noch zu sagen, dass es mir sehr angenehm war zu sehen, wie sie ebenso bereitwillig sich dem Einfluss der Leidenschaften, der Liebe und des Hasses, wie ich selbst, unterwarfen und dass die genaueste Beobachtung mir keinen bedeutenden Unterschied zwischen ihrer Natur und meiner eigenen offenbarte?
Die Neger der Insel bilden wol zwei Drittel der ganzen Bevölkerung; sie sind die arbeitenden Klassen, ob sie Sklaven oder Freie sind. Die Sklaven verrichten die Arbeit auf den Plantagen, Landgütern und in den Gärten der Gutsbesitzer, oder dienen als Hamals oder Lastträger auf dem Lande sowie in der Stadt. Auf dem Lande sieht man sie mit sehr grossen Lasten auf dem Kopfe so zufrieden und heiter wie möglich, nicht etwa, weil sie freundlich behandelt werden oder leichte Arbeit haben, sondern weil sie ihrer Natur nach heiter und leichten Herzens sind, weil sie weder Vergnügungen noch Hoffnungen haben, die sie nicht nach Belieben befriedigen können und keinem Ehrgeiz fröhnen, dem sie nicht Genüge thun könnten, daher auch in ihren Hoffnungen nicht getäuscht worden sind.
In der Stadt hört man zu allen Stunden Negerhamals zu zweien, beim Transport von Säcken mit Gewürz, Waarenkisten u. dgl. beschäftigt, vom Magazin zu der Wassertreppe und von dieser nach dem Ufer zu gehen und eine Art monotone Melodie singen, durch die sie sich gegenseitig aufmuntern und nach der sie marschiren, wenn sie sich barfüssig durch die Strassen bewegen. Man kann diese Leute in kurzer Zeit leicht als alte Bekannte an der Consequenz erkennen, mit welcher sie ihre Melodien singen. Mehrmals des Tages habe ich dasselbe Paar unter den Fenstern des Consulats vorbeigehen und immer dieselbe Melodie mit den gleichen Worten wiederholen hören. Mancher könnte diese Lieder wol für albern halten, aber für mich hatten sie einen gewissen Reiz und ich halte sie für vollständig zweckentsprechend.
Die Stadt Zanzibar, auf dem südwestlichen Ufer der Insel gelegen, hat eine Bevölkerung von fast 100,000 Einwohnern; die ganze Insel schätze ich auf nicht mehr als 200,000, alle Rassen eingeschlossen.
Die grösste Zahl fremder Schiffe, welche mit diesem Hafen Handel treiben, sind Amerikaner, hauptsächlich aus New York und Salem. Nach den Amerikanern kommen die Deutschen, dann die Franzosen und Engländer. Sie kommen mit amerikanischer Leinwand, Branntwein, Schiesspulver, Musketen, Perlen, englischen Baumwollenwaaren, Messingdraht, Porzellanwaaren und anderen Artikeln beladen, und verlassen den Hafen mit Elfenbein, Kopalgummi, Gewürznelken, Häuten, Muscheln, Sesam, Pfeffer und Kokosnussöl.
Der Werth der Exportartikel aus diesem Hafen wird auf 3,000,000 Dollars geschätzt und der der Einfuhr aus andern Ländern auf 3,500,000 Dollars.
Die Europäer und Amerikaner, die in der Stadt Zanzibar wohnen, sind entweder Regierungsbeamte oder unabhängige Kaufleute oder Agenten für ein paar grosse europäische und amerikanische Handlungshäuser. Das wichtigste Consulat ist das britische. Als ich in Zanzibar meine Expedition ins Innere von Afrika ausrüstete, war Dr. John Kirk britischer Consul und Geschäftsträger daselbst. Ich war sehr begierig, diesen Herrn kennen zu lernen, weil sein Name so oft mit dem des Dr. David Livingstone, den ich aufsuchen wollte, zusammen genannt worden ist. In fast allen Zeitungen wurde er als der frühere Begleiter von Dr. Livingstone bezeichnet. Nach den Artikeln und Briefen an die indische Regierung, die ich gelesen hatte, bildete ich mir ein, dass wenn ich überhaupt irgendwelche positive Kunde in Bezug auf den Aufenthaltsort des Dr. Livingstone erhalten könnte, mir dieselbe von Dr. Kirk zukommen würde; daher erwartete ich die Ehre, von Kapitän Webb bei ihm eingeführt zu werden, mit nicht geringer Ungeduld.
Am zweiten Morgen nach meiner Ankunft in Zanzibar gingen der amerikanische Consul und ich, in Uebereinstimmung mit der Etikette des Ortes, auf die Strasse hinaus und nach einigen Augenblicken stand ich vor diesem vielbesprochenen Manne. Kapitän Webb sagte zu einem Manne von dünner, hagerer Gestalt, der einfach gekleidet und etwas gebückt ging, schwarzhaarig, von schmalem Gesicht und eingefallenen Wangen war und einen Bart trug: „Dr. Kirk, erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Stanley, vom «New York Herald», vorzustellen.“
Ich glaubte zu bemerken, dass er in dem Augenblick seine Augenlider merklich erhob und dadurch den ganzen Umfang seiner Augen zeigte. Wenn ich einen solchen Blick beschreiben sollte, so würde ich ihn als ein Anstarren bezeichnen. Während der Unterhaltung, die sich über verschiedene Gegenstände verbreitete, sah ich sein Gesicht, welches ich aufmerksam beobachtete, sich nur einmal beleben und erregt werden, und zwar als er uns einige seiner Jagdgeschichten erzählte. Da der Gegenstand, der meinem Herzen am nächsten war, nicht zur Sprache kam, nahm ich mir vor, ihn über Dr. Livingstone das nächste mal, wo ich ihn besuchte, auszufragen.
Am Dienstag Abend haben Dr. und Frau Kirk ihre Gesellschaftsabende, wie die Zanzibarer wissen. Die Freuden eines solchen Abends werden von der civilisirten Bevölkerung von Zanzibar im allgemeinen ignorirt, aber die Repräsentanten der europäischen Colonie besuchen sie trotzdem. An eben diesem Abend waren die reichsten Einwohnerklassen ziemlich stark vertreten.
Da wir Amerikaner zeitig ankamen, konnte ich bemerken, wie die andern Gäste die Unterhaltung anfingen und war erstaunt zu hören, wie ein jeder derselben nach der ersten Begrüssung ängstlich den Consul und seine Frau danach fragte, ob sie heute Abend in Nazi-Moya gewesen wären, worauf sie verneinend antworteten, denn zufälligerweise hatten sie gerade an dem Abend ihren Erholungsspaziergang nicht bis zum klassischen Boden von Nazi-Moya ausgedehnt. „O“, sagte jeder Gast im Tone freudig triumphirender Verwunderung, „ich glaubte, ich hätte sie dort nur nicht gesehen.“
„Wo und was ist denn eigentlich Nazi-Moya?“ fragte ich Kapitän Webb sofort. „Nazi-Moya“, sagte dieser liebenswürdige Cyniker, „bedeutet «ein Kokosbaum» und ist eine beliebte Promenade unmittelbar hinter Ras Schangani (Sandy Point), wo man gegen Abend hingeht, um die frische Seeluft zu geniessen. Es ist die gewöhnliche Form, wie man hier eine Unterhaltung anfängt, da wir jetzt gerade einen grossen Mangel an Unterhaltungsstoff haben.“
Kapitän Webb sprach die Wahrheit, wenn er sagte, dass grosser Mangel an Unterhaltungsstoff wäre, und meine spätere Erfahrung lehrte mich, dass die guten Europäer von Zanzibar, wenn ihnen anderer Unterhaltungsstoff fehlte, das kleinste bischen Skandal benutzen, um ihre Abende angenehm und amüsant zu machen.
Die Erfrischungen, welche der britische Consul nebst Frau ihren Gästen an ihren Empfangsabenden anboten, bestanden aus einer Art milden Weines und Cigarren, nicht weil sie nichts anderes zu Hause haben, etwa Thee oder ein paar Kuchen, sondern wol nur weil es die Sitte eines zanzibarisirten Europäers ist, dergleichen, mit etwas Soda- oder Selterswasser gemischt, als eine Art Reizmittel für das bischen Klatsch zu sich zu nehmen, das gewöhnlich unter dem Einfluss des Weines sympathische und eifrige Zuhörer findet.
Es war wol alles sehr schön, aber trotzdem hielt ich diesen für einen der langweiligsten Abende, die ich je erlebt hatte, bis Dr. Kirk aus Mitleid für die Langeweile, an der ich litt, mich beiseiterief, um mir eine schöne Elefantenflinte zu zeigen, welche ihm, wie er sagte, vom Gouverneur von Bombay geschenkt worden sei. Ich hörte nun Loblieder auf ihre tödliche Kraft und verderbenbringende Präcision und liess mir einige Anekdoten von dem Leben im Schilfmoor, einige Jagdabenteuer und Erlebnisse auf seinen Reisen mit Livingstone erzählen. „Ach, ja wohl, Dr. Kirk“, sagte ich nachlässig, „was Livingstone betrifft, -- wo, glauben Sie, ist der jetzt?“
„Ja“, erwiderte er, „das ist sehr schwer zu sagen; er kann todt sein; wir wissen nichts Positives, worauf wir uns bestimmt verlassen können. Davon bin ich überzeugt, dass niemand etwas Bestimmtes von ihm seit mehr als zwei Jahren gehört hat. Dennoch glaube ich, dass er am Leben sein muss. Wir schicken ihm beständig irgendetwas zu. In Bagamoyo befindet sich eben eine kleine Expedition, die im Begriff steht aufzubrechen. Ich glaube wirklich, dass der alte Mann jetzt nach Hause kommen sollte; er wird, wie Sie wissen, alt, und wenn er stirbt, so wird die Welt nichts von seinen Entdeckungen haben. Er schreibt weder Notizen, noch Tagebücher, und nur sehr selten bringt er seine Beobachtungen zu Papier, sondern macht nur ein Zeichen oder einen Punkt oder etwas ähnliches auf eine Karte, was niemand als er selbst verstehen kann. Ja, wenn er am Leben ist, so sollte er unter allen Umständen heimkehren und einem jüngern Manne seine Stelle lassen.“
„Wie ist er im Umgange, Doctor?“ fragte ich mit lebhaftem Interesse an dieser Unterhaltung.
„Nun, ich glaube, dass es im ganzen sehr schwer ist, mit ihm zu verkehren. Ich habe persönlich zwar nie mit ihm Streit gehabt, aber ich habe ihn gegen andere Leute oft hitzig werden sehen und, wie ich glaube, ist das der hauptsächlichste Grund, weshalb er niemanden gern um sich hat.“
„Wie ich höre, ist er ein sehr bescheidener Mann, nicht wahr?“ fragte ich.
„Nur er kennt den Werth seiner eigenen Entdeckungen besser als irgendein anderer. Er ist nicht gerade ein Engel“, sagte er lachend.
„Nun gesetzt, ich begegnete ihm auf meinen Reisen; ich könnte doch möglicherweise mit ihm zusammentreffen, wenn er in der Richtung reist, die ich selbst nehme. Wie würde er sich gegen mich verhalten?“
„Um Ihnen die Wahrheit zu sagen“, sagte er, „so glaube ich nicht, dass er es sehr gern sehen würde. Ich weiss, dass, wenn Livingstone in Erfahrung brächte, dass Burton oder Grant oder Baker oder einer von diesen Leuten ihn aufsuche, er es bald so einrichten würde, dass 100 Meilen Sumpfboden sich zwischen ihnen befänden. Das glaube ich bestimmt, -- auf mein Wort!“ --
Das war der Inhalt der Unterhaltung, die ich mit Dr. Kirk, dem früheren Genossen von Livingstone, führte, so genau, wie mein Tagebuch und mein Gedächtniss sie mir erinnerlich machen.
Brauche ich wol zu sagen, dass diese Kunde von einem Herrn, der bekanntlich mit Dr. Livingstone genau bekannt war, eher mehr dazu beitrug, den Enthusiasmus für meine Sache zu dämpfen als ihn zu beleben! Ich fühlte mich sehr verstimmt und hätte gern mein Unternehmen aufgegeben, aber der Befehl lautete: „Gehen Sie und finden Sie Livingstone!“ Ausserdem hatte ich nicht angenommen, obgleich ich sehr gern darauf eingegangen war, den Doctor aufzusuchen, dass der Weg nach Central-Afrika mit Rosen bestreut sein werde. Wenn ich nun wirklich als ein unverschämter Eindringling auf dem Gebiete der Entdeckungen getadelt werden sollte, als ein Mensch, der sich in Dinge mischt, die ihn nichts angehen, als einer, dessen Abwesenheit dem Doctor viel angenehmer wäre als seine Anwesenheit, -- hatte ich nicht den Befehl erhalten, ihn zu suchen? Nun, ich wollte ihn aufsuchen, wenn er noch auf Erden wandelte, und wenn nicht, so wollte ich das mitbringen, was die Leute sicher zu wissen interessirte. Dr. Kirk versprach mir freundlich alle in seiner Macht stehende Unterstützung und stellte mir alle Vortheile seiner Erfahrung zur Verfügung, aber ich erinnere mich weder, dass er mir in irgendeiner Weise wirkliche Unterstützung angedeihen liess, noch finde ich es in meinem Tagebuch verzeichnet. Natürlich wusste er nicht, dass meine Befehle dahin lauteten, Dr. Livingstone aufzusuchen, sonst würde er wol zweifelsohne sein Versprechen eingelöst haben. Er glaubte, dass ich im Begriffe stände, den Rufidschifluss bis an seine Quellen zu verfolgen. Aber welche Zeitung würde wol einen Specialcorrespondenten ausschicken, um die Quellen eines so unbedeutenden Flusses, wie der Rufidschi, zu entdecken?
Das Klima von Zanzibar ist nicht das angenehmste der Welt; ich habe es von Amerikanern und Europäern herzlich verwünschen hören. Auch habe ich es erlebt, dass fast die halbe weisse Colonie sich an einem Tage krank zu Bette legen musste. Eine schädliche Malaria steigt aus dem seichten Meerbusen des Malagasch herauf und nicht abgeleiteter Schmutz, Auswurf, Abfälle aller Art, todte Mollusken, todte Pariahunde, todte Katzen, allerlei Aas und Ueberreste von unbeerdigten Menschen und Thieren tragen dazu bei, Zanzibar zu einer sehr ungesunden Stadt zu machen. In Anbetracht nun, dass sie sehr gesund sein müsste, weil die Natur dem Menschen hier die Mittel an die Hand gibt und ihn sehr unterstützt, so ist es erstaunlich, dass der herrschende Fürst nicht den Vorschriften der Vernunft gehorcht. Der Meerbusen von Zanzibar ist halbmondförmig, und die Stadt ist auf dem südwestlichen Horn erbaut. Im Osten wird sie fast gänzlich von der Malagasch-Lagune umgrenzt, einer Bucht des Meeres, die bis hinter die Schangani-Spitze oder südlich davon reicht und nur 250 Meter Land bis zum Meere übrig lässt. Wenn diese 250 Meter von einem Graben von 10 Fuss durchzogen würden und die Bucht ein wenig vertieft würde, so würde Zanzibar selbst eine Insel werden, und welche Wunder würde dies nicht in Bezug auf den Gesundheitszustand bewirken! Ich habe diesen Vorschlag nie machen hören, aber ich meine, die fremden Consuln, die in Zanzibar wohnen, könnten diese Arbeit dem Sultan empfehlen und sich so den Ruhm erwerben, die Stadt ebenso gesund zu machen wie irgendeine andere in der Nähe des Aequators liegende. Bei dieser Gelegenheit erinnere ich mich dessen, was mir der amerikanische Consul, Kapitän Webb, bei meiner ersten Ankunft sagte, als ich meine Verwunderung über die Apathie und Trägheit von Leuten an den Tag legte, die mit der unbezwinglichen Energie geboren sind, welche die Europäer und Amerikaner kennzeichnet, von Männern, welche den vorwärts schreitenden Instinct der Weissen haben und doch zu blassen Phantomen ihrer Gattung, zu hoffnungslosen, hypochondrischen Invaliden werden und sich resignirt dem Glauben an die Tödlichkeit des Klimas hingeben, ohne eine Spur von dem unternehmenden und unbesiegbaren Geist, der die Welt regiert.
„Ja“, sagte Kapitän Webb, „Sie haben gut über Energie und dergleichen Dinge reden, aber ich versichere Sie, dass ein Aufenthalt von 4 oder 5 Jahren auf dieser Insel, unter Leuten wie die hiesigen, Sie bald fühlen lassen würde, dass es eine hoffnungslose Aufgabe sei, dem Einfluss des Beispiels zu widerstehen, durch welches die energischsten Geister unterjocht werden und dem Sie sich mit der Zeit, früher oder später, unterwerfen müssen. Wir waren alle furchtbar energisch, als wir zuerst herkamen und kämpften tapfer dafür, die Dinge so zu führen, wie wir es zu Hause gewohnt waren; aber wir haben gefunden, dass wir mit unsern Köpfen ganz vergeblich gegen Granitmauern anrennen. Diese Kerle, die Araber, Banyanen und Hindus, kann man weder durch Scheltworte noch durch Bitten veranlassen, rasch zu sein, und in kurzer Zeit sieht man die Thorheit ein, gegen unüberwindliche Schwierigkeiten anzukämpfen. Seien Sie geduldig und ärgern Sie sich nicht, das ist mein Rath, oder Sie werden es hier nicht lange aushalten.“
Trotzdem gab es 3-4 ungemein fleissige Leute in Zanzibar, die den ganzen Tag auf den Beinen waren. Einer, den ich kenne, war ein Amerikaner. Ich glaube seine raschen Fusstritte noch jetzt auf dem Pflaster unter dem Consulate zu vernehmen und zu hören, wie seine lästige Stimme die Begrüssungsformel Yambo! einem jeden, dem er begegnet, zuruft; und er hatte 12 Jahre in Zanzibar gelebt.
Ein anderer meiner Bekannten, ein handfester Schotte, ein Mann, der in allem, was er that oder sagte, von den angenehmsten Manieren, natürlich und aufrichtig war, hat in Zanzibar mehrere Jahre gelebt, ist der Undankbarkeit seines Geschäftes sowie der Hitze und der Erschlaffung des Klimas ausgesetzt gewesen und bietet doch den apathischen Eingeborenen von Zanzibar tapfer Trotz. Niemand kann dem Kapitän H. C. Fraser, der früher in der indischen Marine gedient hat, den Vorwurf der Apathie machen, was auch immer Böswillige sonst gegen ihn sagen mögen.
Ich könnte noch leicht Beweise für den Fleiss anderer anführen, aber sie sind alle gute Bekannte von mir und gute Leute. Die Amerikaner, Engländer, Deutschen und Franzosen, die hier leben, haben mich mit einer Höflichkeit und Güte behandelt, die ich nie vergessen werde. Alles in allem genommen würde es schwer sein, eine gastfreiere und liebenswürdigere Colonie von Weissen irgendwo in der Welt zu finden.
In einem grossen, hohen, auf der Schangani-Spitze gelegenen Hause, das gewissermassen durch seine Weitläufigkeit imponirt und auf dem ein sehr merkwürdiger Thurm sitzt, hat der Bischof Tozer mit seinen Zöglingen, seinen Chorsängern und seiner ganzen Heerde ein vorzügliches Unterkommen gefunden. Der Bischof, der sich selbst „Missionsbischof von Central-Afrika“ nennt, ist einer der höflichsten Menschen, die ich je gekannt habe. Ich glaube, man nennt ihn den „fechtenden Pastor“, ein Name, der ein Plagiat ist, da ihn der Herzog von Wellington zuerst dem Dr. Livingstone beigelegt hat. Vom Bischof Tozer erzählt man sich, dass er mit einem unverschämten Strolch auf seinem Wege zur Kirche gekämpft hat und, nachdem er ihn im Boxen gezüchtigt, sich erboten habe, alle seine Gefährten der Reihe nach in derselben Weise zu behandeln, welcher Vorschlag jedoch nicht angenommen wurde. Durch diesen siegreichen Faustkampf verwandelte der Bischof Tozer seine Wölfe in Lämmer und gewann sich den Titel eines Bischofs und die glückliche Sinekure, die er inne hat.
Der Bischof in seinem scharlachen Gewande und mit dem priesterlichen Titel eines „Missionsbischofs von Central-Afrika“, dessen Grund ich nicht einsehen kann, hat den Gipfel seines Ehrgeizes erreicht und ist infolgedessen unaussprechlich glücklich. Aber wenn man diesen ausserordentlich hochkirchlichen Prälaten in seinem scharlachen Amtsgewande und im sonderbarsten Kopfputz durch die Strassen von Zanzibar wandeln oder in einer Klempnerbude um den Preis eines Zinntopfes feilschen sieht, so gewährt das den lächerlichsten Anblick, den ich je gesehen habe, es sei denn in einer Harlekinbude. Als Weisser lege ich feierlichen Protest gegen diese Abgeschmacktheit ein. Ein ähnliches Bild, wie der Bischof in seiner Priestergewandung und Papiermütze in einer solchen Klempnerbude, bietet der König von Dahomey dar, wenn er nur mit einem europäischen Hut bekleidet, im übrigen aber nackt, pomphaft wie im ausgesuchtesten Staat herumspaziert. Was auch der Bischof in seiner glücklichen Unschuld von der Wirkung denken mag, die seine Erscheinung auf die Gemüther der Heiden hervorbringt, so kann ich ihm doch sagen, dass er den Arabern und Wangwana, die in Unyanyembé wohnen, höchst lächerlich erscheint, und dass auch die meisten seiner weissen Brüder eine ähnliche Meinung von ihm haben. Lieber, guter Bischof Tozer, ich möchte Dich gern lieben und bewundern, wenn Du nicht Dein Hochkirchenthum an einem Orte wie Zanzibar gar so sehr zur Schau trügest!
Die französischen Missionäre haben in einem wirklich praktischen Sinne sehr thätig gearbeitet. Sie versuchen es nicht nur den Gemüthern ihrer zahlreichen Konvertiten die Grundsätze der Religion beizubringen, sondern sie auch für das praktische Leben zu erziehen. Sie lehren ihren jungen Zöglingen die verschiedensten nützlichen Handwerke und bilden sie zu Landbauern, Zimmerleuten, Schmieden, Schiffbauern und Mechanikern aus. In ihren verschiedenen Unterrichtsabtheilungen haben sie tüchtige und fleissige Lehrer. Ihre Werkstätten in Zanzibar sind ein für den Fremden sehenswerther Anblick. Auf dem Festlande in Bagamoyo haben sie eine sehr grosse Missionsstation. Das neben derselben belegene Landgut, welches von den jungen Zöglingen bebaut wird, ist ein Musterinstitut, dessen Erzeugnisse mehr als hinreichen, um die Anstalten mit allen nothwendigen Lebensmitteln zu versehen. Mehr als 200 Konvertiten und Zöglinge stehen unter ihrer Leitung.
[2] Arabische Zweimaster.