Chapter 12 of 18 · 8290 words · ~41 min read

DRITTES KAPITEL.

DAS LEBEN IN BAGAMOYO.

Ankunft in Bagamoyo. -- Gastfreundschaft der Jesuiten-Mission. -- Leben in Bagamoyo. -- Ali bin Salim. -- Nächtliche Diebe. -- Ein Esel wird gestohlen. -- Verpackung der Ballen. -- Schwierigkeit, Pagazis zu bekommen. -- Transport- und Waaren-Kosten. -- Sur Hadschi Pallu. -- Seine Sünden. -- Besuch bei Livingstone’s Karavane. -- Ankunft des Dr. Kirk in Bagamoyo. -- Klima von Bagamoyo. -- Abreise der fünf Karavanen.

Langsam entzog sich die Insel Zanzibar mit ihren Hainen von Kokospalmen und Mangobäumen, von Gewürznelken und Zimmetstauden, und den gleichsam Schildwache haltenden Inselchen Tschumbi und French, mit ihrer weissgetünchten Stadt und ihren Düften von Johannisbrot, mit ihrem Hafen und den Seeschiffen unserm Blick, und im Westen erhob sich der afrikanische Continent, ein in Grün gehülltes Gestade, das dem ähnlich ist, welches zurückweichend sich jetzt in eine blosse sich über dem Horizont hinschlängelnde Linie verwandelt hat, und erschien in nördlicher Richtung als hohe Bergkette. Die Entfernung von Zanzibar nach Bagamoyo ist ungefähr 25 engl. Meilen, aber die langsamen, schwerfälligen Dhows brauchten 10 Stunden, ehe sie auf dem Korallenriff ankerten, welches wenige Fuss über dem Wasserspiegel, ungefähr 100 Meter von dem Ufer entfernt, sichtbar ist.

[Illustration: BAGAMOYO.

I. S. 46.]

Die neuangeworbenen Soldaten, die Lärm und Aufregung liebten, gaben wiederholte Salven, um die am Ufer angesammelten Araber, Banyanen und Wasawahili zu begrüssen, die dort standen, um die Musungu (Weissen) zu empfangen, was sie durch allgemeines Angaffen und ein im Chor gebrülltes „Yambo, Bana“ (wie befinden Sie sich, Herr?) thaten.

Bei uns zu Lande ist ein von einer grossen Menschenmenge bereiteter Empfang eine etwas langweilige Operation, da unsere unabhängigen Bürger darauf bestehen, uns kräftig die Hand zu drücken, wodurch erst ihr Selbstbewusstsein zufriedengestellt und die friedliche Demonstration zum Abschluss gebracht wird; aber an diesem reichlich von Zuschauern besetzten Gestade genügte die Antwort: Yambo, Bana! Nur einer, der von allen Anwesenden als der Bedeutendste anerkannt wurde und der, wie alle grossen Männer, besondere Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, kam hervor, um noch ein besonderes „Yambo“ seinerseits mit uns auszutauschen und uns die Hand zu drücken. Diese Persönlichkeit mit langem, herabhängendem Turban war Dschemadar Esau, Commandant der in Bagamoyo stationirten zanzibarer Soldatentruppe, Polizei- oder Belutsch-Gensdarmen. Er hatte Speke und Grant ein grosses Stück ins Innere begleitet und sie, wie alle andern englischen Reisenden, hatten ihn freigebig belohnt. Jetzt nahm er die Verantwortlichkeit auf sich, bei der Ausladung der Expedition zu helfen, und trotz seiner unwürdigen Erscheinung, seines schmählichen Schmutzes und behaarten Gesichts empfehle ich ihn doch wegen seines Einflusses auf den Pöbel allen künftigen ostafrikanischen Reisenden. Unter den ersten, die uns hier begrüssten, war ein Pater der Gesellschaft des heiligen Geistes, der mit den andern Jesuiten unter dem Superior Horner einen Missionsposten von bedeutendem Einfluss und Verdienst in Bagamoyo eingerichtet hat. Sie luden uns ein, von der Gastfreundschaft der Mission Gebrauch zu machen, unsere Mahlzeiten dort einzunehmen und, wenn wir es wünschten, unser Lager auf ihrem Grund und Boden aufzuschlagen. Aber wie liebenswürdig auch immer eine Bewillkommnung und wie aufrichtig herzlich eine Einladung sein mag, ziehe ich doch, wo es möglich ist, die Unabhängigkeit der Abhängigkeit vor. Ausserdem war mein Sinn für die Verpflichtungen eines Gastes gegen seinen Wirth gerade jetzt durch die zarte Nachsicht meines gütigen Wirths in Zanzibar geschärft worden, der kein Zeichen von Ungeduld über die Mühen, die ich ihm, wie ich nur zu gut wusste, verursacht, von sich gegeben hatte. Deshalb sagte ich dem gastfreundlichen Pater, dass ich mich nur auf eine Nacht von meinem Lager entfernen könne.

Ich suchte ein Haus nahe der westlichen Umgebung der Stadt aus, wo ein grosser, offener Platz liegt, durch den die Strasse nach Unyanyembé führt. Wäre ich einen ganzen Monat in Bagamoyo gewesen, so hätte ich keinen bessern Platz auswählen können. Meine Zelte wurden gegenüber dem Tembé (Hause), das ich mir ausgesucht hatte, aufgeschlagen und schlossen einen kleinen Platz ein, wo man Geschäfte abmachen, Waarenballen nachsehen, untersuchen und signiren konnte, ohne von der Zudringlichkeit Neugieriger belästigt zu werden. Nachdem ich die 27 Thiere der Expedition in einen eingehegten Platz hinter dem Hause hatte treiben lassen, die Güterballen aufgespeichert und einen Cordon von Soldaten herumgestellt hatte, begab ich mich, müde und hungrig, in die Jesuitenmission, um ein spätes Mittagsessen einzunehmen, und liess das neugebildete Lager unter Aufsicht der Weissen und des Kapitän Bombay.

Die Missions-Anstalt ist eine gute halbe Meile nördlich von der Stadt entfernt; sie bildet eigentlich ein Dorf für sich und zählt ungefähr 15-16 Häuser. Mehr als 10 Patres und ebenso viel Schwestern sind dort in der Niederlassung beschäftigt und alle haben sie genug damit zu thun, den Schädeln der Eingeborenen das Feuer der Intelligenz zu entlocken. Die Wahrheit zwingt mich zu sagen, dass sie dabei schöne Erfolge erzielt haben. Sie haben in der Anstalt mehr als 200 Zöglinge, sowol Knaben als Mädchen, und diese tragen, vom ältesten bis zum jüngsten, das Gepräge der brauchbaren Erziehung, die sie erhalten haben, an sich.

Das für die Väter und ihren Gast bereitete Mittagessen bestand aus ebenso viel Schüsseln, wie ein Hôtel erster Klasse in Paris sie zu geben pflegt, und war mit ebenso viel Kunst gekocht, obwol die Umgebungen keineswegs die gleichen waren. Ich bin überzeugt, dass die Patres ausser ihrem guten Geschmack für Speisen auch nicht ermangeln, ihre Gedanken durch die Flüssigkeit anzuspornen, die Horaz, Hafis und Byron so sehr gelobt haben. Der Champagner -- man denke sich Cliquot in Ostafrika -- Lafite, Larose, Burgunder und Bordeaux waren von allerbester Qualität und die sanften, demüthigen Blicke der Väter verklärten sich sichtlich unter dem Einfluss des Weines. Diese Väter verstehen das Leben und wissen seine Dauer zu würdigen. Ihre Festtafel treibt das Mukunguru (afrikanische Sumpffieber) von ihrer Thür und mildert den Trübsinn und das Gefühl der Verlassenheit, welche jeden mit Schrecken befallen, wenn man aus dem hellen Zimmer in das tiefe Dunkel der afrikanischen Nacht sich hinaus begibt, die nur durch das ermüdende eintönige Geräusch der Frösche und Heimchen und das ferne Geheul der Hyänen belebt wird. Es gehört etwas mehr als Menschenkraft dazu, um ohne Unterstützung der erheiternd wirkenden röthlichen Flüssigkeit stets leutselig und höflich unter den trüben Lebensverhältnissen der Eingeborenen Afrikas zu bleiben.

Nach dem Abendessen, das mir die fehlende Kraft wiedergegeben hatte und für das ich ausserordentlich dankbar war, kamen die fortgeschrittensten Zöglinge, etwa 20 an der Zahl, mit Blasinstrumenten heraus und bildeten ein vollständiges Musikchor. Ich war ziemlich erstaunt, so harmonische Töne von diesen wollköpfigen Burschen zu hören, bekannte französische Musik in diesem einsamen Hafen zu vernehmen und mir von Negerknaben, die vor einigen Monaten nichts als die Ueberlieferung ihrer unwissenden Mütter kannten, pariser Lieder über französische Tapferkeit und französischen Ruhm mit der ganzen Kaltblütigkeit von Gassenjungen der Vorstadt St. Antoine vorsingen zu lassen.

Ich genoss eine sehr erquickende Nachtruhe und suchte bei Tagesgrauen mit frischem Muth für das neubeginnende Leben mein Feldlager auf. Als ich die Thiere zählte, fehlten zwei Esel, und als ich meine afrikanischen Tauschwerthe musterte, war eine Rolle Draht, Nr. 6, nicht zu finden. Offenbar hatten sich alle meine Leute auf den Boden geworfen, um zu schlafen, und hatten die Thatsache vergessen, dass auf dem Mrima viele Diebe nachts herumschleichen. Ich schickte also Soldaten in die Stadt, um dieselbe sammt ihrer Nachbarschaft zu durchsuchen, liess Dschemadar Esau, mit dem Schleppturban, schmutzigen Gesicht und Hals, von unserm Verlust in Kenntniss setzen und durch das Versprechen einer Belohnung dazu anspornen, die Thiere aufzusuchen. Vor dem Abend entdeckte man einen der fehlenden Esel ausserhalb der Stadt, wie er Maniokblätter frass, aber das andere Thier und die Drahtrolle fanden sich nicht.

Unter den Leuten, die mich an diesem ersten Tage meines Aufenthalts in Bagamoyo besuchten, befand sich Ali bin Salim, ein Bruder des berühmten Sayd bin Salim, früher Ras Kafilah, der bei Burton und Speke und darauf bei Speke und Grant gewesen war. Er war mit seinen Salaams sehr freigebig und ausserdem sollte sein Bruder mein Agent in Unyamwezi sein; ich zögerte mithin nicht, sein Anerbieten, mir zu helfen, anzunehmen. Aber leider wurde dieser Ali bin Salim gegenüber meiner dem Weissen eigenen Arglosigkeit zu einer Schlange, zu einem wirklich bösen Dorn in meinem Fleische. Ich wurde in sein bequemes Haus zum Kaffee gebeten und ging dorthin; der Kaffee war gut, aber ohne Zucker, seine Versprechungen waren zahlreich, aber ohne Werth. Er sagte zu mir: „Ich bin Ihr Freund, ich wünsche Ihnen zu dienen, was könnte ich für Sie thun?“ Ich antwortete: „Ich bin Ihnen sehr dankbar, ich bedarf eines guten Freundes, der die Sprache und Sitten der Wanyamwezi kennt und im Stande ist, mir sowol die Pagazis zu verschaffen, die ich brauche, als auch meine Weiterreise zu beschleunigen. Ihr Bruder ist mit den Wasungu (den weissen Männern) bekannt und weiss, dass Sie Ihr Wort halten. Schaffen Sie mir 140 Pagazis und ich will Ihnen dafür zahlen, was Sie fordern.“

Mit salbungsvoller Höflichkeit sagte die Schlange, die ich hegte und pflegte: „Ich wünsche nichts von Ihnen, mein Freund, für einen so kleinen Dienst. Bleiben Sie ruhig und zufrieden. Sie sollen sich keine 14 Tage hier aufhalten. Morgen früh komme ich und werde mir Ihre Güter ansehen, um zu berechnen, was nöthig ist.“ Als ich mich von ihm verabschiedete, war ich von dem beglückenden Gedanken beseelt, dass ich bald auf dem Wege nach Unyanyembé sein würde.

Ich muss den Leser mit zwei ausreichenden Gründen bekannt machen, warum ich meine ganze Energie darauf verwenden musste, die Expedition so rasch wie möglich aus Bagamoyo fortzuführen: erstens wünschte ich Udschidschi zu erreichen, ehe die Nachricht zu Livingstone drang, dass ich ihn aufsuche; denn ich stellte mir vor, dass er, seiner Natur nach, es versuchen würde, sich lieber so weit als möglich von mir zu entfernen, als irgend etwas dazu zu thun, sich mir zu nähern, und dann hätte ich meine lange Reise umsonst gemacht. Zweitens sollte die Masika oder Regenzeit bald eintreten und wenn diese mich noch in Bagamoyo überraschte, so hätte ich meine Abreise bis nach Beendigung derselben aufschieben müssen, was mir einen Aufenthalt von 40 Tagen verursacht hätte, denn es sollte dann nach den übertriebenen Darstellungen der Leute, mit denen ich in Berührung gekommen war, 40 Tage ohne Unterbrechung regnen. Dies war, wie ich wusste, sehr zu fürchten, denn ich erinnerte mich einer grossen Reihe von Unannehmlichkeiten, die durch den Regen verursacht werden, z. B. des virginischen Regens und der ihn begleitenden Schrecknisse, der Feuchtigkeit, des Schimmels, der rheumatischen und Wechselfieber und ähnlicher Dinge; dann des englischen Regens, jenes jammervollen Sprühregens, welcher hypochondrisch macht; ferner der abessinischen Regenzeit, wo die Schleusen des Himmels geöffnet zu sein scheinen und ein allgemeiner Wolkenbruch stattfindet, der hinreicht, den halben Continent in ein paar Stunden unter Wasser zu setzen; schliesslich des Monsun oder indischen Platzregens, der jedermann absolut an das Haus fesselt. Mit welchem von diesen Regenarten sollte ich den schrecklichen Masika Ostafrikas vergleichen? Schrieb Burton nicht schon viel von dem schwarzen Schlamm in Uzaramo? Nun, was kann aus einem Lande werden, dessen Erdboden schon bei gutem Wetter schwarzer Schlamm genannt wird, wenn ein 40tägiger Regen es durchfeuchtet und die Füsse von Pagazis und Eseln es durchknetet haben? Dies waren naheliegende Erwägungen, wie sie durch die zeitweiligen Umstände gerechtfertigt waren, und ich wurde dadurch sehr beunruhigt.

Am nächsten Tage besuchte Ali bin Salim, treu seinem Versprechen, mein Feldlager mit sehr wichtiger Miene und theilte mir, nachdem er den Haufen Zeugwaaren besichtigt hatte, mit, dass ich sie mit Makandas, d. h. Binsenbeuteln, bedecken müsse. Er sagte, er werde mir einen Mann schicken, um dazu Maass zu nehmen, rieth mir aber, mit diesem nicht wegen der Beutel zu handeln, da er selbst alles in Ordnung bringen werde.

Während wir mit lobenswerther Geduld die 140 Pagazis, die uns Ali bin Salim versprochen hatte, erwarteten, beschäftigten wir uns mit allem, was man für nöthig halten konnte, um die ungesunde Seegegend zu durchziehen, sodass wir sie passiren könnten, ehe das schreckliche Fieber uns muthlos und schlaff machte. Ein kurzer Aufenthalt in Bagamoyo zeigte uns schon, was uns fehlte, was überflüssig und was nothwendig war. In einer Nacht wurden wir von einem Sturm und furchtbaren Regen heimgesucht. Ich hatte Pagazizeug im Werthe von 1500 Dollars in meinem Zelt. Am Morgen besah ich es und siehe da, der Drillich hatte den Regen wie ein Sieb hineingelassen und jeder Meter Tuch war nass. Es bedurfte zweier Tage, um die Tuche zu trocknen und wieder zusammenzufalten. Das Drillichzelt wurde also verworfen und eins aus Hanfsegeltuch Nr. 5 gemacht. Erst darauf gewann ich die Ueberzeugung, dass meine Zeugballen und die Munition für ein Jahr sicher seien und dem Masika Trotz bieten könnten. In der Eile unserer Abreise von Zanzibar und da ich damit nicht bekannt war, wie man Ballen zu packen habe, hatte ich mich dem bessern Urtheil und der Erfahrung eines gewissen Dschetta, eines Commissionärs, unterworfen, der mir meine Ballen für den Transport herrichtete. Dieser wog die Ballen nicht beim Zusammenpacken, sondern legte einfach Merikani, Kaniki, Barsati, Dschamdani, Dschoho, Ismahili schichtweise aufeinander und schnürte alles in Ballen. Ein paar Pagazis kamen in mein Lager und fingen an zu unterhandeln, wünschten aber erst die Ballen zu sehen, ehe sie den Handel abschlössen. Sie versuchten es, sie zu heben, aber o weh! der Versuch schlug fehl und sie gingen wieder ab. Ich liess darauf eine genaue Salter’sche Federwage aufhängen und hing einen Ballen an dieselbe; der Zeiger wies 105 Pfund oder 3 Frasileh nach, also gerade 35 Pfund oder 1 Frasileh Uebergewicht. Als ich alle Ballen in dieser Weise geprüft hatte, bemerkte ich, dass die Arbeit Dschetta’s, die nur nach allgemeinen Schätzungen gemacht worden war, trotz seiner Erfahrung mir bedeutende Mühe verursachte. Ich liess also durch die Soldaten die Ballen wieder öffnen und zusammenpacken, was nun in folgender Weise gemacht wurde. Wir zerschnitten ein Doti oder 4 Meter Merikani, wovon in Zanzibar das Stück von 30 Meter gewöhnlich 2 Doll. 75 cts. kostet, und breiteten es aus. Darauf nahmen wir ein Stück gute Merikani und falteten dasselbe in 3 Theile statt der 2 Falten, die es in den Fabriken von Nashua und Salem bekommen hatte, wodurch die Falten eine Breite von 1 Fuss erhielten. Ein solches Stück bildet die erste Schicht und wiegt 9 Pfund. Die zweite Schicht besteht aus 6 Stück Kaniki, einem blauen Stoff, der dem französischen blauen Blousenstoff oder dem amerikanischen blauen Barchent ähnlich, aber viel leichter ist. Die dritte Schicht wird aus einem zweiten Stück Merikani, die vierte aus noch 6 Stücken Kaniki, die fünfte aus Merikani, die sechste, wie vorher, aus Kaniki und die siebente und letzte aus Merikani gebildet. So hat man 4 Stück Merikani, die 36 Pfund wiegen, und 18 Stück Kaniki, die auch 36 Pfund wiegen, im ganzen also 72 Pfund oder etwas mehr als 2 Frasileh. Dann wird das erste Tuch einfach über diese Schichten gelegt und an den Ecken zusammengebunden. Hierauf nimmt man ein Bündel Kokosstricke, zwei Leute klopfen und pressen den Ballen mit einem hölzernen Hammer und binden das Ganze ebenso sorgfältig zusammen wie Matrosen ihr Takelwerk umwinden.

Wenn solch ein Ballen fertig ist, bildet er eine solide Masse von 3½ Fuss Länge, 1 Fuss Höhe und 1 Fuss Breite. Solcher Ballen hatte ich 82 nach Unyanyembé zu transportiren, von denen 40 nur aus Merikani und Kaniki bestanden; die übrigen 42 enthielten die Merikani und farbigen Tuche, welche als Honga oder Tributtuche dienen und zum Miethen der übrigen Pagazis von Unyanyembé nach Udschidschi und von dort weiter verwendet werden sollten.

Der 15. Tag, zu welchem mir Ali bin Salim die Pagazis versprochen hatte, ging vorüber und keine Spur von einem Pagazi zeigte sich in meinem Lager. Ich schickte also den stierköpfigen Mabruki, einen von Burton’s Gefährten, zu Ali bin Salim, um ihm meine Salaams zu überbringen und die Hoffnung auszudrücken, dass er sein Wort halten werde. Nach einer halben Stunde kam Mabruki mit der Antwort von dem Araber zurück, dass er in ein paar Tagen im Stande sein werde, alle die Pagazis zusammenzubringen, „aber“, fügte Mabruki schlau hinzu, „Bana, ich glaube ihm nicht; er sprach so laut zu sich selbst, dass ich es hören konnte: «Warum sollte ich diesem Musungu Pagazis verschaffen? Seyyid Bargasch hat mir keinen Brief geschickt, sondern dem Dschemadar. Warum sollte ich mich um ihn bemühen? Möge doch Seyyid Bargasch mir einen Brief zu diesem Zweck schreiben, und ich will sie ihm in zwei Tagen verschaffen.»“ --

Nach meiner Ueberzeugung war es jetzt Zeit zu handeln. Ali bin Salim sollte einsehen, dass es ein übel Ding sei, mit einem Weissen, der ernstlich abreisen wollte, sein Spiel zu treiben. Ich ritt also in sein Haus, um ihn zu fragen, was er eigentlich meine.

Seine Antwort war, Mabruki hätte eine Lüge gesagt, die so schwarz sei wie sein Gesicht; wenn er (Ali) je etwas derartiges gesagt hätte, so wolle er selbst mein Sklave oder ein Pagazi werden. Aber hier brachte ich den redseligen Ali zum Schweigen und erwiderte ihm, dass ich nicht daran denken könne, ihn als Pagazi zu benutzen, ebenso wenig als ich Seyyid Bargasch bemühen wolle, ihm selbst einen Brief zu schreiben, oder von einem Menschen, der mich einmal, wie Ali bin Salim, hintergangen hätte, irgendeinen Dienst annehmen wolle. Es wäre daher besser, wenn Ali bin Salim aus meinem Lager wegbliebe und weder in Person noch durch Vertreter mit demselben verkehre.

Ich hatte 14 Tage verloren, denn Dschemadar Sadur in Kaole hatte sich nie aus seinem befestigten Hause in jenem Dorfe heraus bemüht, um mir zu dienen, sondern war nur einmal, nachdem er des Sultans Brief empfangen, zum Besuch bei mir gewesen. Auch der Zollhausbeamte in Kaole, Narandschi, der ganz und gar unter dem Druck des grossen Ludha Damdschi stand, war nicht dem bestimmten Ersuchen Ludha’s nachgekommen, mir Pagazis zu verschaffen, sondern hatte nur geblinzelt, genickt und versprochen, und wie es mir mit Ali bin Salim erging, habe ich eben erzählt. In dieser Noth erinnerte ich mich des Versprechens, das mir der grosse Kaufmann von Zanzibar, Tarya Topan, der mohammedanische Hindu, gemacht hatte, dass er mir einen Brief an einen jungen Mann namens Sur Hadschi Pallu geben wolle, der in Bagamoyo am besten im Stande sein sollte, Pagazis zu verschaffen.

Ich schickte also meinen arabischen Dolmetscher Selim in einem Dhow nach Zanzibar mit der inständigen Bitte an Kapitän Webb, dass er mir von Tarya Topan den so lange verschobenen Einführungsbrief verschaffe. Dies war die letzte Karte, die ich ausspielen konnte.

Am dritten Tage kam der junge Selim zurück und brachte mir nicht nur einen Brief an Sur Hadschi Pallu, sondern auch eine Menge guter Dinge aus dem stets gastfreien Hause des Herrn Webb. Sehr kurze Zeit nach dem Empfang des Briefes kam der ausgezeichnete junge Mann Sur Hadschi Pallu zu mir und theilte mir mit, dass er von Tarya Topan gebeten sei, für mich 140 Pagazis nach Unyanyembé so rasch wie möglich zu miethen. Dies wäre, wie er sagte, sehr kostspielig, denn es gäbe eine Menge von arabischen und wasawahilischen Kaufleuten, welche auf jede Karavane lauerten, die aus dem Innern käme, und diese pflegten 20 Doti oder 80 Meter Zeug jedem Pagazi zu zahlen. Da viele dieser Kaufleute nicht willens oder im Stande gewesen wären mehr zu zahlen, so hätten sie sechs Monate warten müssen, ehe sie ihre Leute bekommen hätten.

„Wenn Sie“, fuhr er fort, „rasch fortzukommen wünschen, so müssen Sie 25-40 Doti bezahlen und dann kann ich Sie vor Ablauf eines Monats expediren.“

Ich erwiderte ihm darauf: „Hier sind meine Zeuge für die Pagazis im Werthe von 1750 Dollars oder 3500 Doti, welche ausreichen, um 25 Doti jedem der 140 Mann zu geben. Mehr als 25 Doti will ich nicht bezahlen. Schicken Sie mir 140 Pagazis mit meinem Zeug und Draht nach Unyanyembé und ich werde Sie mit dem grössten Geschenke, das Sie je erhalten haben, erfreuen.“ Mit erquicklicher Naivität erwiderte der „junge Mann“, dass er kein Geschenk wünsche, er werde mir die betreffende Anzahl Pagazis schon besorgen, und dann könnte ich den „Wasungu“ sagen, was für ein guter „junger Mann“ er sei, und er werde infolge davon den Vortheil haben, dass sein Geschäft zunähme. Er schloss diese Erwiderung mit der erfreulichen Bemerkung, dass er schon 10 Pagazis in seinem Hause habe, und wenn ich so gut sein wolle, 4 Ballen Zeug, 2 Beutel Perlen und 20 Rollen Draht in sein Haus bringen zu lassen, so könnten die Pagazis unter Bedeckung von drei Soldaten am nächsten Morgen Bagamoyo verlassen. „Denn“, bemerkte er, „es ist viel besser und billiger, viele kleine Karavanen als eine grosse zu expediren. Die grossen Karavanen laden zum Angriff ein oder werden von habsüchtigen Häuptlingen unter den albernsten Vorwänden aufgehalten, wogegen kleine unbemerkter vorüberziehen.“

Die Ballen und Perlen wurden richtig nach Sur Hadschi Pallu’s Haus geschickt und ich brachte den Tag damit zu, mich innerlich über mein grosses Glück zu freuen, des jungen Hindus geschäftliche Begabung, die Grösse und den Einfluss von Tarya Topan und Herrn Webb’s Güte anzuerkennen, die meine Abreise von Bagamoyo so sehr beschleunigt hatten. In meinem Geist gelobte ich, dem Sur Hadschi Pallu ein prächtiges Geschenk und eine grosse Reclame in meinem Buch angedeihen zu lassen, und mit frohem Herzen machte ich diese Soldaten für ihren Marsch nach Unyanyembé fertig.

Die Aufgabe, diese erste Karavane für den Weg nach Unyanyembé reisefertig zu machen, belehrte mich über mehrere Dinge, welche von meinen Vorgängern in Ostafrika unberücksichtigt gelassen worden sind und die, wenn ich sie rechtzeitig in Zanzibar gekannt hätte, mir im Ankauf und in der Auswahl der richtigen Zeugsorten von grossem Nutzen gewesen wären. Ich füge daher hier als Beispiel eine Kostenberechnung für die Expedition einer Karavane von 10 Pagazis und der drei sie bewachenden Soldaten nach Unyanyembé bei.

+Transportkosten+:

Miethgeld für 10 Pagazis zu 25 Doti à 50 cents $ 125.-- Matamakorn auf 4 Tage 1.--

+Nahrung unterwegs+:

25 Doti Merikani 12.50 20 Doti Kaniki à 25 cents 5.-- 2 Doti Taudschiri à 50 cents 1.-- 9 Pfd. Sami-Sami 3.05 3 Pfd. Bubu --.33 7 Pfd. Merikani 1.05 ------------- zusammen $ 148.93

+Nahrung für 3 Soldaten+:

3 Pfd. Bubuperlen $ --.33 3 Pfd. Merikani --.45 3 Pfd. Sami-Sami 1.01⅔ 7½ Doti Merikani 3.75 2 Doti Barsati 1.-- 2 Doti Kaniki --.50 Lohn für 3 Monate à 9 Dollars 27.-- An Geld für die Fähre über den Kingani 2.-- --------------- zusammen $ 36.04⅔

Kosten für die Pagazis $ 148.93 Kosten für die Soldaten 36.04⅔ ---------------------- Gesammtsumme $ 184.97⅔

+Werth der Waaren, die von einem Theil der ersten Karavane expedirt wurden+:

3 Ballen Zeug, welche enthalten: 90 Doti Kaniki zu 25 cents $ 22.50 112½ Doti Merikani zu 50 cent 56.25 3 Lasten Draht oder 4 Frasileh 36.87½ 1 Beutel mit tausend Stück Sungomazzi 14.-- 1 Beutel Sami-Sami oder 2 Frasileh 26.-- ---------------- Summa $ 155.62½

Es übertrafen also die Transportkosten den Werth der transportirten Waaren um etwas mehr als 29 Dollars. Wenn ich nun 100 Pagazis expedirte, würden die Transportkosten für zehnmal so viel Transportgüter, wie sie oben berechnet sind, $1849.76⅔ betragen, während der Werth der Waaren sich selbst auf die Summe von $1556.25 berechnet, was zusammen $3406.1⅔ ausmacht.

Und da ich gerade bei diesem Transportsystem bin, so kann ich, als methodisch verfahrender Mann, die Kostenrechnung eines Theils der dritten Karavane mit verzeichnen, die mein weisser Diener Farquhar führte und welche aus 10 Eseln, 3 Soldaten, einem Weissen und einem Koch bestand, damit der Leser die Ausgaben vergleichen könne, denn ich lasse aus der Rechnung nichts fort.

+Transportkosten+:

Für 9 Lastesel à 18 Dollars $ 162.-- Für einen Esel für den Weissen 18.-- Für 10 Sattel 17.60 Ein Sattel kostet: an Segeltuch 33½ cts.; Bindfaden 5 cts.; Baumwolle 25 cts.; Eisenringen 10 cts.; amerikanischem Drillich 15 cts.; Baumwollenband 12½ cts. und an Stricken 20 cts. zusammen 1.21 3 Monat Gehalt für den Koch à 9 Dollars 27.-- 3 Monat Gehalt für den Weissen à 25 Dollars 75.-- Ein Zelt 8.-- 4 Pfd. Zucker --.25 Thee 4.-- Arznei 3.-- Reis 1.-- Sold für 3 Soldaten à 9 Dollars 27.-- Fährgeld 2.-- 16 Mass Matamakorn 1.-- An Futter für die Esel 16 Doti Merikani 8.-- Nahrung für 5 Leute 25 Doti 12.50 „ 15 Pfd. Perlen 3.-- --------------- Summa $ 370.56

+Werth der beförderten Waaren+:

18 Ballen Zeug, welche enthalten:

540 Doti Kaniki à 25 cts $ 135.-- 675 Doti Merikani à 50 cts 337.50

Die Transportkosten sind in diesem Falle viel geringer, und zu Gunsten des Esels als Lastthier spricht, dass er viel mehr forttragen kann als 2 Pagazis. 2 Pagazis mit allem Dazugehörigen kosten ungefähr $37.1, 1 Esel dagegen unter denselben Bedingungen ungefähr $36.40. Das geht aus den oben angeführten Zahlen hervor. Aber Farquhar hätte ebenso gut 20 Esel nach Unyanyembé führen können wie 10 und dann hätten sich die Transportkosten noch sehr zu Gunsten der Esel geändert. Wenn wir nun in Betracht ziehen, dass Burton’s 33 Esel alle starben, ehe sie Unyanyembé erreichten, so müssen wir auch nicht vergessen, dass er uns erzählt, wie seine sämmtlichen Pagazis unterwegs desertirt sind oder den Versuch zur Desertion machten. Wir werden also besser im Stande sein, den relativen Werth der Esel und der Pagazis zu beurtheilen, nachdem ich in Unyanyembé angekommen bin. Bis dahin will ich die Frage offen lassen.

Der Abgang der ersten Karavane klärte mich auch in Bezug auf die Honga oder den Tribut auf. Dieser musste für sich allein zusammengepackt werden und aus den allerbesten Tuchen bestehen, denn die Häuptlinge sind nicht nur habgierig, sondern auch sehr wählerisch und nehmen das dünne, farbige Zeug der Pagazis nicht an, müssen vielmehr ausserordentlich schöne und sehr theure Dabwani, Ismahili, Rehani oder Sohari und Dotis von breitem Scharlachtuch erhalten. Der Tribut für die erste Karavane betrug 25 Dollars. Da ich mehr als 140 Pagazis abzuschicken hatte, so würde dieses Tributgeld schliesslich 330 Dollars in Gold betragen, wobei noch ein Agio von 25 cents auf jeden Dollar zu rechnen ist. Dieses bedenke, o Reisender! ich setze dir diese Thatsache zur speciellen Belehrung auseinander.

Aber ehe mich meine erste Karavane verliess, mussten der würdige Jüngling Sur Hadschi Pallu und ich zu einer schliesslichen Verständigung über die Geldangelegenheiten gelangen. Am Morgen, an dem die Abreise stattfinden sollte, kam Sur Hadschi Pallu in meine Hütte und überreichte mir mit der ehrbarsten Miene der Unschuld eine Rechnung darüber, dass er jeden der Pagazis mit 25 Doti als Miethgeld nach Unyanyembé versehen habe, und bat sich sofortige Bezahlung in Gold aus. Worte können das Erstaunen, das ich fühlte, gar nicht ausdrücken, dass dieser so schlau aussehende Jüngling so bald den mündlichen Contract vergessen haben sollte, den ich mit ihm am Morgen vorher abgeschlossen hatte, welcher dahin lautete, dass von den 3000 in meinem Zelte lagernden Doti, die ausdrücklich für das Miethen von Pagazis angeschafft waren, jeder meiner Lastträger von Bagamoyo nach Unyanyembé bezahlt werden solle. Als ich ihn fragte, ob er sich des Contractes erinnere, bejahte er dies; seine Gründe, ihn so bald zu brechen, bestanden darin, dass er lieber seine eigenen Zeuge als die meinigen verkaufe, für seine Tuche brauche er aber Geld und könne für dieselben keine andern in Tausch nehmen. Ich gab ihm jedoch zu verstehen, dass er, da er die Pagazis für mich anschaffe, meine Pagazis auch mit meinen Zeugen zu bezahlen habe; dass ich ihm nicht mehr Geld zu zahlen gedenke, als genau die Summe, die nach meinem Dafürhalten den Mühen, die er als mein Agent gehabt, entspreche und dass er nur auf diese Bedingungen hin in dieser Angelegenheit wie in jeder andern für mich zu handeln habe, kurz, dass der „Musungu“ nicht daran gewöhnt sei, sein Wort zurückzunehmen.

Das Vorstehende fasst eine grosse Anzahl Worte in wenige zusammen. Er repräsentirt ein einstündiges Zwiegespräch, einen bösen Zank von einer halben Stunde, ein Gelübde des Sur Hadschi Pallu, dass, wenn ich seine Zeuge nicht nehme, er sich auch um mein Geschäft durchaus nicht kümmern werde, viele Thränen, Bitten, schmerzliche Reue und noch manches andere, worauf ich einfach erwiderte: „Thun Sie, was ich von Ihnen verlange, oder thun Sie gar nichts!“ Schliesslich kam die Sache zu einem glücklichen Ende. Sur Hadschi Pallu verliess mich mit heiterm Gesichte, denn er nahm Poscho (Nahrungsmittel) für die drei Soldaten und Honga (Tribut) für die Karavane mit sich. Wohl mir, dass es so endete, und dass die spätern Streitigkeiten ähnlicher Art immer so friedlich verliefen, sonst bezweifle ich, dass meine Abreise von Bagamoyo so rasch vor sich gegangen wäre, wie es der Fall war. Da ich gerade bei diesem Thema bin, welches factisch jeden Augenblick meiner Zeit in Bagamoyo in Anspruch nahm, so kann ich gleich in Bezug auf Sur Hadschi Pallu und seine Verbindung mit meiner Expedition ausführlicher sprechen.

Sur Hadschi Pallu war ein gewandter junger Geschäftsmann, energisch, ein rascher Rechner und schien zum glücklichen Kaufmann geboren. Seine Augen ruhten nie, sie wanderten über jeden Theil meines Körpers, über das Zelt, das Bett, die Flinten, die Tuche, und nachdem sie ihren Rundgang beendet, fingen sie ihn schweigend von neuem an. Seine Finger lagen nie still, sie hatten eine unruhige, nervöse Thätigkeit in ihren Spitzen und waren beständig im Begriff, nach etwas herumzufühlen. Während er mit mir sprach, pflegte er sich überzulehnen und das Gewebe meines Hosenstoffes, meines Rockes, oder meine Schuhe und meine Socken zu befühlen. Dann fühlte er sein eigenes leichtes Dschamdani-Hemd oder Dabwani-Lendentuch an, bis sich seine Augen zufälligerweise auf einen neuen Gegenstand hefteten, sein Körper sich überbeugte und sein Arm sich mit den ungeheuern Fingern danach ausstreckte. Auch waren seine Kinnladen in einer beständigen Bewegung, die durch die schlechte Gewohnheit bedingt war, Betelnuss mit Kalk und bisweilen Taback mit Kalk zu kauen. Sie gaben einen schnalzenden Ton von sich, ähnlich wie ein junges Ferkel beim Saugen. Er war ein frommer Mohammedaner und beobachtete die äusserlichen Ceremonien der wahrhaft Gläubigen. Er pflegte mich freundlich zu grüssen, seine Schuhe abzunehmen und in mein Zelt immer mit der Versicherung einzutreten, dass er nicht werth wäre, in meiner Gegenwart zu sitzen, und nachdem er sich gesetzt hatte, brachte er in umständlichster Weise sein Anliegen vor. Von Ehrlichkeit, wirklicher praktischer Ehrlichkeit wusste dieser Jüngling nichts; die reine Wahrheit war ihm völlig fremd; die Lügen, die er während seines kurzen Lebens gesagt hatte, schienen ihm schon den kühnen Blick der schuldlosen Jugend aus den Augen ausgelöscht, selbst den Schein aller Wahrhaftigkeit aus den Zügen verbannt, kurz ihn, ein Bürschchen von 20 Jahren, zu einem vollendeten Schurken und completen Betrüger gemacht zu haben.

Während der 6 Wochen, die ich in Bagamoyo war und auf meine Leute wartete, hat mir dieser 20jährige Bursche so viel Mühe gemacht, als alle Schurken von New York zusammengenommen dem dortigen Polizeipräsidenten bereiten. Zehnmal den Tag ertappte man ihn auf Unehrlichkeiten, aber er schämte sich nie darüber. Er schickte z. B. seine Rechnungen über das Zeug, womit er die Pagazis versehen hatte, ein und behauptete, dass er jedem 25 bezahlt hätte. Als ich jemand hinschickte, der die Sache untersuchen musste, stellte sich heraus, dass die grösste Zahl 20 und die niedrigste nur 12 betrug. Sur Hadschi Pallu gab an, die Zeuge wären alle von erster Qualität gewesen, Ulyahtuche, welche auf dem Markte viermal so viel werth seien, als die gewöhnliche Sorte, die den Pagazis gegeben wird; aber eine persönlich angestellte Untersuchung erwies, dass es die dünnsten verkäuflichen Stoffe waren, z. B. 2½ Fuss breite amerikanische Leinwand, wovon das Stück von 30 Meter in Zanzibar 2¾ Dollars kostet, oder die geringste Sorte Kaniki, von denen gewöhnlich 20 Stück 9 Dollars kosten. Er kam auch noch persönlich in mein Lager, um 40 Pfd. Sami-Sami, Merikani und Bubuperlen als Poscho oder Rationen für die Karavane zu verlangen. Eine Besichtigung ihrer Vorräthe vor der Abreise aus dem ersten Lager hinter Bagamoyo wies ein Manco von ungefähr 5-30 Pfund nach. Ferner betrog er mich auch um baares Geld, verlangte z. B. 4 Dollars für die Kingani-Fähre für je 10 Pagazis, während das Fährgeld doch nur 2 Dollars betrug, und für Poscho eine ganz übertriebene Masse Pice (eine Kupfermünze, die ungefähr ¾ Cents beträgt). Vier Wochen lang wurde dies Betrugssystem täglich fortgesetzt. An jedem Tage entwarf er ein Dutzend neuer Pläne, jeden Augenblick schien er sich zu überlegen, wie er uns plündern konnte, bis ich schliesslich nicht mehr wusste, wie ich ihn daran hindern sollte, denn wenn ich ihn der Menge seiner Genossen gegenüber enthüllte, so brachte das keine Schamröthe auf seine fahlen Wangen, er hörte dann mit einem Achselzucken zu; das war alles und dies konnte ich mir auslegen, wie ich wollte. Eine Drohung, sein Geschenk zu verkürzen, hatte gar keine Wirkung. Ein Vogel in der Hand war für ihn mehr werth als zwei auf dem Dache und daher waren ihm gestohlene Waaren im Werthe von 10 Dollars, die er aber factisch besass, von grösserm innern Werth als 20 Dollars, deren Besitz ihm nach einigen Tagen zugesichert wurde, selbst wenn das Versprechen von einem Musungu herrührte.

Die Leser werden sich natürlich fragen, warum ich nicht nach der ersten Entdeckung dieses schamlosen Verfahrens mein Geschäft mit ihm abbrach, worauf ich zu erwidern habe, dass ich nicht ohne ihn auskommen konnte und dass ich mich nie von einem andern Menschen so abhängig gefühlt habe; ohne seine Hülfe oder die eines eben solchen Menschen hätte ich in Bagamoyo wenigstens sechs Monate mich aufhalten können, nach welcher Zeit die Expedition unnütz geworden wäre, da sich das Gerücht von derselben überall hin verbreitet haben würde. Die sofortige Abreise aus Bagamoyo war für meinen Erfolg nothwendig, später konnte ich mein eigenes Schicksal zum grossen Theil selbst lenken.

Das waren die grössten Sorgen, die ich in dieser Zeit hatte. Ich habe schon gesagt, dass ich Pagazikleidung im Werthe von 1750 Dollars oder 3500 Doti bei mir führte, die in meinem Zelte noch neben meinen übrigen Ballen aufgestapelt lagen. Da ich 140 Pagazis zu 25 Doti berechnet hatte, so glaubte ich genug zu haben; dennoch betrug Sur Hadschi Pallu’s Rechnung ausserdem noch 1400 Dollars baar, obwol ich dem jungen Hindu zu beweisen versucht hatte, dass ein Musungu kein Narr oder blind gegen seine Diebstähle sei; obgleich die 3500 Doti verausgabt waren und ich nur 135 Pagazis zu 25 Doti bekommen hatte, die eigentlich zusammen nur 3200 Doti kosteten. Er gab vor, er habe 240 Doti Ulyakleider für Muhongo angeschafft, die einen Werth von 960 meiner Doti hätten, das Geld sei für Fähren-Pice und Geschenke an die Karavanenhäuptlinge, die aus Zelten, Gewehren, breitem, rothem Tuch bestanden hätten, sowie für dergleichen an die Leute von der Mrima (Küste), damit sie uns Pagazis auftrieben, verausgabt worden. Als ich diese niederträchtige Betrügerei sah, wurde ich wüthend und erklärte ihm, er würde, wenn er seine Rechnung nicht nochmals überrechnete und berichtigte, nicht einen einzigen Pice bekommen.

Aber ehe ich dies bewerkstelligen konnte, musste, da meine Worte, Drohungen und Versprechungen unberücksichtigt von seinem harten Schädel abprallten, ein Mann, namens Kandschi, aus dem Magazin von Tarya Topan in Zanzibar herüberkommen, und dann erst wurde die Rechnung schliesslich auf 738 Dollars heruntergebracht. Ohne Tarya Topan zu nahe treten zu wollen, bin ich doch ausser Stande festzustellen, ob Kandschi oder Sur Hadschi Pallu der vollendetere Schurke ist. Um mich der Worte eines Weissen, der beide kennt, zu bedienen, „es ist kein Strohhalm breit Unterschied zwischen ihnen“. Kandschi ist schlau und versteckt, Sur Hadschi Pallu dreist und unverbesserlich. Aber Friede ihnen beiden; mögen ihre geschorenen Häupter niemals mit der Sorgenkrone geschmückt werden, die ich in Bagamoyo getragen habe.

Theurer, freundlicher Leser, glaube nur nicht, dass, wenn ich mich in diesem oder irgendeinem andern Kapitel über scheinbar unbedeutende und alltägliche Dinge auslasse, diese hätten unerwähnt bleiben sollen. Jedes Titelchen, das ich erzähle, ist eine Thatsache, und Thatsachen kennen lernen heisst Erfahrungen machen. Wie könnte ich Dir überhaupt meine Erfahrungen mittheilen, wenn ich nicht auf diese elenden Einzelheiten einginge, die den Fremdling bei seiner ersten Ankunft in schwere Verlegenheiten stürzen? Wenn ich ein Regierungsbeamter gewesen wäre, so hätte ich nur meinen Finger zu bewegen brauchen, um meine volle Zahl Pagazis innerhalb einer Woche zu haben, aber als ein Individuum ohne officielle Würden und ohne allen Regierungseinfluss, musste ich mich gedulden, meine Zeit abwarten und ruhig meinen Grimm herunterschlucken. Doch war nicht alles Brot, das ich ass, so sauer wie dieses.

Farquhar und Shaw, meine Weissen, arbeiteten fleissig an wasserdichten Zelten von Hanfsegeltuch, denn ich ersah aus den vorangehenden Regengüssen, die die Annäherung des Masika bezeichneten, dass ein gewöhnliches Zelt von leichtem Zeug mich der Feuchtigkeit und meine Waaren dem Verschimmeln aussetzen würden, und da jetzt noch Zeit war, alle die Irrthümer, welche sich aus Unwissenheit oder übergrosser Eile in meinen Plan eingeschlichen hatten, zu corrigiren, so dachte ich doch, dass es nicht klug wäre, die Dinge sich ganz selbst zu überlassen. Jetzt, wo ich mit ungeschwächter Gesundheit zurückgekommen bin, obgleich ich 23 Fieberanfälle in der kurzen Zeit von 13 Monaten erlitten habe, muss ich gestehen, dass ich mein Leben erstlich der Gnade Gottes, zweitens dem Enthusiasmus für mein Unternehmen, welcher mich von Anfang bis zu Ende belebte, drittens dem Umstande, dass ich meine Constitution nicht durch Unmässigkeit oder Ausschweifungen ruinirt habe, viertens der Energie meiner Natur, fünftens einem angeborenen zur Hoffnung geneigten Temperament, das sich nie verstimmen liess, und sechstens der Maassregel verdanke, dass ich mich mit einem geräumigen Segeltuchhause, welches dicht gegen Wasser und alle Feuchtigkeit war, versehen habe. Hier möchte ich, wenn meine Erfahrung von irgendwelchem Werth ist, den Reisenden den Rath geben, dass sie sich ihrer eigenen Verstandeskraft bedienen und das beste und stärkste, was für Geld zu haben ist, sich anschaffen mögen, statt ihr besseres Urtheil den Launen eines Zeltmachers unterzuordnen, der sich bemühen wird, ihnen einen schönen Artikel seiner eigenen Fabrik aufzubinden, welcher für kein Klima passt; schliesslich erweist es sich als das billigste und kann vielleicht zur Erhaltung ihres Lebens beitragen.

In Bezug auf einen Punkt verfiel ich in einen grossen Irrthum, und damit zukünftige Reisende nicht eben denselben begehen, welcher für meinen Lebensgenuss sehr nachtheilig war, bespreche ich ihn hier.

Man muss sehr sorgfältig in der Wahl seiner Waffen, seien sie nur für die Jagd, oder zur Vertheidigung bestimmt, sein. Ein Reisender sollte wenigstens drei verschiedene Arten Schiessgewehre haben: erstens eine Vogelflinte, zweitens eine doppelläufige gezogene Flinte Nr. 10 oder 12, drittens ein Magazingewehr für die Vertheidigung. Für die Vogelflinte würde ich zu Nr. 12 rathen mit Läufen, die wenigstens 4 Fuss lang sind. Als gezogenes Gewehr für grösseres Wild weise ich, bei aller selbstverständlichen Achtung für alte Jäger, darauf hin, dass die besten Gewehre für afrikanisches Wild die englischen Lancaster- und Reillyflinten sind, und als Kampfwaffe, behaupte ich, ist die beste bisher erfundene das amerikanische Winchester-Repetir-Gewehr oder der sogenannte Sechzehn-Schiesser, wenn man dazu die Londoner Eley’sche Munition nimmt. Wenn ich als Kampfwaffe zum amerikanischen Winchester-Repetir-Gewehr rathe, so meine ich nicht, dass der Reisende dies zu Angriffszwecken mitzunehmen hat, wol aber als bestes Mittel für eine wirksame Vertheidigung, um sich gegen die Angriffe afrikanischer Banditen zu wehren, die doch wahrscheinlich irgend einmal vorkommen werden.

Bald nach meiner Rückkehr aus dem Innern traf ich mit einem jungen Manne zusammen, welcher seine Ueberzeugung dahin aussprach, dass das „Expressgewehr“ die vollkommenste Waffe für afrikanisches Wild sei. Möglicherweise hat der junge Mann in Bezug auf das Expressgewehr recht, aber er hat es nie gegen afrikanisches Wild versucht, und da ich es auch nicht gethan hatte, konnte ich seine Behauptung nicht bestreiten; aber ich war im Stande, meine Erfahrungen mit Gewehren anzuführen, welche die ganze Kraft des „Expressgewehres“ haben, und ihm zu sagen, dass, obwol die Kugeln die Thiere durchbohrten, sie dieselben fast nie auf den ersten Schuss zum Falle brachten. Andererseits konnte ich ihm mittheilen, dass während der Zeit, wo ich mit Dr. Livingstone reiste, dieser mir sein schweres Reillygewehr lieh, mit dem ich selten verfehlte, ein oder zwei Thiere ins Lager zu bringen, und dass ich dabei gefunden habe, dass die Fraserkugel allen beabsichtigten Zwecken entspricht. Die von Kapitän Speke und Sir Samuel Baker erzählten Heldenthaten können nicht mehr Gegenstand der Verwunderung für den jungen Jäger sein, wenn er ein Lancaster- oder Reillygewehr in der Hand hat; nach wenigen Minuten kann er es ihnen nachthun, ja sie sogar übertreffen, wenn er nur eine feste Hand hat. Um diesen Zweck zu fördern, habe ich vorstehendes geschrieben. Das afrikanische Wild verlangt „Knochenzerschmetterer“, denn ein gewöhnlicher Karabiner besitzt zwar die ausreichende Schusskraft, um in das Thier hineinzudringen, ist aber doch nicht im Stande, die Thiere zum Falle zu bringen, was ein Gewehr thun muss, wenn es sich einem Afrika-Reisenden nützlich erweisen soll.

Ich war noch nicht lange in Bagamoyo, als ich nach dem Lager Mussoudi’s hinüberging, um die „Livingstone-Karavane“ zu besuchen, welche der britische Consul am 1. November 1870 ausgeschickt hatte, um Livingstone Hülfe zu leisten. Die Zahl ihrer Traglasten betrug 35 und diese bedurften ebenso vieler Menschen, um nach Unyanyembé transportirt zu werden. Die Leute, die diese Karavane zu begleiten hatten, bestanden aus sieben Johannesen und Wahiyau. Von diesen sieben waren vier Sklaven. Sie führten hier ein vergnügtes Leben, ohne an ihren Auftrag zu denken oder sich um die Folgen zu bekümmern. Was diese Leute die ganze Zeit über in Bagamoyo gethan haben, ausser ihren lasterhaften Neigungen zu fröhnen, begreife ich nicht. Es wäre Unsinn zu behaupten, dass es keine Pagazis gegeben habe, denn ich weiss, dass wenigstens 15 Karavanen seit dem Ramadan (15. December 1870) ins Innere abgegangen waren. Und die Livingstone-Karavane war schon am 2. November in der kleinen Stadt Bagamoyo angekommen und hier bis zum 10. Februar, im ganzen also 100 Tage, liegen geblieben, weil ihr die geringfügige Zahl von 35 Pagazis, die man durch den Einfluss des Consuls in zwei Tagen hätte bekommen können, fehlte. Wenn der britische Consul sich damit entschuldigt, er habe gar nicht gewusst, dass seine für Livingstone bestimmten Vorräthe noch in Bagamoyo wären, so beweist mir das nur, dass er in strafwürdigster Weise seine Pflicht gegen einen britischen Unterthan und Collegen vernachlässigt habe, der selbst bis auf seinen Lebensunterhalt völlig von ihm abhing. Denn am ersten Abend meiner Ankunft in Zanzibar erfuhr ich, dass eine Karavane in Bagamoyo in Begriff stand abzureisen, um dem Dr. Livingstone Vorräthe ins Innere zu bringen. Damals wusste ich noch gar nicht, ob es ein schweres oder leichtes Ding sei, eine Karavane ins Innere zu expediren. Man kann sich daher meine Verwunderung leichter vorstellen, als ich sie zu beschreiben vermag, wie ich die Entdeckung machte, dass diese Karavane, die nur 35 Mann brauchte und vom britischen Consul abgeschickt worden war, Zanzibar am 1. oder 2. November 1870 verlassen hatte und sich noch am 10. Februar 1871, also +volle hundert Tage+, in Bagamoyo im Lager befand. Da warf ich mir die Frage auf, wie viel Tage vergehen müssten, bis ich, ein blosser Privatmann, 140 Leute zusammenbringen könnte, wenn die kleine Zahl von 35 Mann noch nicht innerhalb 100 Tagen von einem britischen Consul zusammengebracht werden konnte.

Ungefähr am 10. Februar verbreitete sich das Gerücht in den Bazars von Bagamoyo und von dort aus in meinem Lager, dass der „Balyuz“ (technischer Ausdruck für Gesandter) nach Bagamoyo kommen werde, um den Abgang der Livingstone-Karavane zu beschleunigen. An demselben Abend nun oder am nächsten Morgen ging dieselbe aus Furcht ins Innere ab, aber nur mit vier Mann Begleitung.

Zwei Tage darauf erschien das englische Regierungsschiff „Columbine“, Kapitän Tucker, auf der Höhe von Bagamoyo, mit Dr. Kirk, dem britischen Consul und politischen Residenten an Bord. An dem Abende der Ankunft ritt ich zur französischen Mission hinauf, wo Dr. Kirk, Kapitän Tucker und sein Adjutant in Begleitung des französischen Consuls, M. de Vienne, einer gastfreien Einladung des Pater Horner, dem Superior der Missions-Gesellschaft, gefolgt waren. Ich fand sie bei Tische und wurde zu einem Glas Wein eingeladen. Die Unterhaltung drehte sich theilweise um die Freuden, die man sich von einer Jagd versprach, zu welcher die Vorbereitungen eben getroffen wurden.

Um 6 Uhr am nächsten Morgen machten sich Dr. Kirk, Kapitän Tucker, sein Adjutant, Consul de Vienne und Pater Horner nach dem Kingani-Flusse auf. Später am Tage ging auch ich mit Farquhar, Shaw und Sayd bin Sayf nach dem Kingani, um dort Nilpferde zu schiessen.

Als wir uns auf dem Rückwege nach dem Lager befanden, begegneten wir dem Pater Horner auf der Ebene des Kingani, welcher, wie er sagte, aus Kikoka, dem ersten Lager auf dem Wege nach Unyanyembé von Bagamoyo aus, kam, wohin er in Begleitung der Jäger gegangen war.

Am folgenden Freitag Abend kehrte die Gesellschaft des englischen Consuls von der Jagd zurück. Ich speiste mit ihnen zu Abend, wo ihre Erlebnisse in den Wäldern auf dem andern Ufer des Kingani den hauptsächlichsten Gegenstand der Unterhaltung bildeten. Dr. Kirk sagte mir, dass die Offiziere der „Columbine“ mit ihren gezogenen Erbsenflinten nicht im Stande gewesen wären, irgend etwas zu schiessen; er allein hätte einige Thiere erlegt, und um irgendetwas zu bekommen, wäre er genöthigt gewesen, allein in den Wald zu gehen. „Jetzt wissen sie“, sagte Dr. Kirk mit Bezug auf die Offiziere, „was man vom Snidergewehr zu halten hat, wenn es gegen afrikanisches Wild gebraucht wird.“

Um 9 Uhr am nächsten Morgen besuchten mich Dr. Kirk und ein französischer Pater in meinem Lager. Der erstere liess sich nicht überreden, eine Tasse Thee zu nehmen, da er, wie er mir sagte, im Begriff sei, sich nach der Livingstone-Karavane umzusehen. Ungefähr um 11 Uhr vormittags hörte ich, dass Dr. Kirk sich an Bord der „Columbine“ begeben habe und dass auch die Kinder der französischen Missionsgesellschaft mit einem vollen Orchester von Blasinstrumenten hingegangen wären, um die Matrosen zu unterhalten. Zwischen 3 und 4 Uhr nachmittags segelte die „Columbine“ nach Zanzibar zurück.

Bagamoyo hat ein sehr angenehmes Klima. Es ist in jeder Beziehung dem von Zanzibar sehr vorzuziehen. Wir konnten in freier Luft schlafen und standen am Morgen erfrischt und gesund auf, um unser Frühbad im Meere zu geniessen, und bei Sonnenaufgang waren wir schon mit verschiedenartigen Vorbereitungen für unsere Abreise beschäftigt. Unsere Tage wurden durch Besuche von den Arabern belebt, die auch nach Unyanyembé gehen wollten. Ferner kamen komische Scenen im Lager vor; bisweilen Kriegsgerichte, die über die Widerspenstigen abgehalten wurden; Boxerkämpfe zwischen Farquhar und Shaw, die auch mein Einschreiten erforderlich machten, wenn sie gar zu hitzig wurden; hin und wieder ein Jagdausflug nach der Ebene und dem Fluss Kingani; gesellige Unterhaltungen mit dem alten Dschemadar und seiner Belutschenbande, die nie müde wurden, mich vor der Ankunft der Masika zu warnen und mir den Rath zu ertheilen, mich so rasch wie möglich auf den Weg zu machen, ehe die Reisezeit vorüber sei.

John Shaw pflegte sehr verdriesslich zu werden, so oft diese Besuche von den schwarzen Magnaten von Bagamoyo stattfanden. Bei diesen Gelegenheiten war es nämlich meine erste Pflicht, nach der Sitte der Araber, ihnen Erfrischungen und Kaffee anzubieten, und zwar sie zuerst zu bedienen und dann erst das Präsentirbret den Weissen darzureichen.

Ich bemerkte hierbei, dass Shaw sehr ungehalten aussah, und als ich mich nach der Ursache erkundigte, sagte man mir, ich habe ihn dadurch sehr beleidigt, dass ich die Araber oder „Niggers“, wie er sie zu nennen beliebte, eher als ihn, einen Weissen, habe bedienen lassen. Der arme Shaw war unwissend wie ein Kind in Bezug auf die ihm in jenem Lande, nach welchem sich jetzt seine Gedanken richteten, noch bevorstehenden Widerwärtigkeiten. Was würde er nicht darum gegeben haben zu wissen, dass noch ganz andere Beschwerden, als diese seiner Farbe angethane Beleidigung, ihm auf dieser gefahrvollen Expedition bevorständen. Er bewies es deutlich, dass der ungebildete Angelsachse nicht geeignet ist zu reisen und mit andern Rassen in Verkehr zu treten.

Im Verlaufe der Zeit fand ich, dass es nothwendig war, Farquhar und Shaw von einander zu trennen; denn der letztere hatte keine Spur von Humor in seinem Wesen, aber eine sehr leicht verletzliche Eitelkeit und einen himmelhoch fliegenden, grenzenlosen Ehrgeiz.

Ich glaubte, Farquhar würde für sich allein viel besser daran sein, als mit Shaw zusammen, der ohne Zweifel eine für Farquhar’s Charakter und Intelligenz höchst aufregende Manier hatte. Deshalb erwählte ich ihn dazu, die dritte Karavane ins Innere zu führen, und nachdem ich ihm dies angekündigt hatte, war der Friede sogleich zwischen den widerspenstigen Gegnern hergestellt.

Unter den bei meiner Expedition beschäftigten Leuten befanden sich zwei Hindus und zwei Goanesen. Diese hatten die Vorstellung gewonnen, dass das Innere von Afrika ein Eldorado sei, dessen Boden mit Elfenbeinzähnen bestreut wäre, und hatten sich, als ihre Einbildungskraft so erhitzt war, zusammengethan, um auf eigene Hand eine kleine Unternehmung zu organisiren. Ihre Namen waren Dschako, Abdul Kader, Bunder Salaam und Aranselar. Dschako trat in meine Dienste als Zimmermann und Gehülfe für alles, Abdul Kader als Schneider, Bunder Salaam als Koch und Aranselar als Hauptmundschenk.

Aber Aranselar sah mit scharfem Blicke voraus, dass ich ihn wol stark beschäftigen würde, und benutzte daher den grössten Theil der ihm noch übrig bleibenden Zeit dazu, darüber nachzudenken, wie er sich seiner Verpflichtung entziehen könne. Auf seine Bitte erhielt er die Erlaubniss, nach Zanzibar zu gehen, um seine dortigen Freunde zu besuchen. Zwei Tage später hörte ich, dass er sich das rechte Auge ausgeschlagen hätte, und diese Thatsache sowie die Grösse der Verletzung wurde mir vom Dr. Christie, dem Arzt Seiner Hoheit Seyyid Barghasch, bestätigt. Seine Landsleute schienen mir etwas ähnliches im Plane zu haben, aber ein gemessener Befehl, nach Vorausbezahlung ihres Soldes keine solche Thorheit zu begehen, den ich an sie ergehen liess, genügte, um etwa derartige böse Absichten zu hintertreiben.

Eines Abends ertappten wir einen Pferdejungen beim Diebstahl bei den Ballen, und da war denn die Jagd nach ihm ins Land, bis er sich in den Dschungels unsern Blicken entzog, eine der angenehmsten Zerstreuungen, welche während unserer Vorbereitungen zum Marsche vorkamen.

Ich hatte jetzt vier Karavanen ins Innere abgesandt und die fünfte, welche die Boote und Kasten, mein persönliches Gepäck und einige Zeug- und Perlen-Ladungen befördern sollte, wollte ich selbst führen.

Nachstehend gebe ich eine Uebersicht über die Karavanen, wie sie der Reihe nach abgingen.

6. Februar 1871. Ankunft der Expedition in Bagamoyo.

18. Februar. Die erste Karavane mit 22 Pagazis und 3 Soldaten reist ab.

21. Februar. Abgang der zweiten Karavane mit 28 Pagazis, 2 Hauptleuten und 2 Soldaten.

25. Februar. Abgang der dritten Karavane mit 22 Pagazis, 10 Eseln, einem Weissen, einem Koch und 3 Soldaten.

11. März. Abgang der vierten Karavane mit 55 Pagazis, 2 Anführern und 3 Soldaten.

21. März. Abgang der fünften Karavane mit 28 Pagazis, 12 Soldaten, 2 Weissen, einem Schneider, einem Koch, einem Dolmetscher, einem Gewehrträger, 17 Eseln, 2 Pferden und einem Hunde.

Die Totalsumme der Seelen, welche sich in den Karavanen der Expedition des „New York Herald“ befanden, betrug 192.

[Illustration: BOMBAY UND MABRUKI.]