ACHTES KAPITEL.
DAS LEBEN IN UNYANYEMBÉ.
Gastfreundschaft des Gouverneurs Sayd bin Salim. -- Bequemes Quartier. -- Tabora, die Hauptniederlassung der Araber. -- Mirambo, Häuptling von Uyoweh. -- Seine Räubereien. -- Ein Kriegsrath. -- Ich finde die Livingstone-Karavane auf. -- Schrecklicher Fieberanfall. -- Abmarsch nach Udschidschi. -- Ankunft in Masangi. -- Shaw erkrankt. -- Ich stosse zum Heere der Araber in Mfuto. -- Gefecht mit Mirambo. -- Einnahme des Dorfes Zimbizo. -- Erneuter Fieberanfall. -- Niederlage und Gemetzel der Araber durch Mirambo. -- Rückzug nach Mfuto.
Mir wurde eine geräuschlose Ovation zutheil, als ich an der Seite des Gouverneurs Sayd bin Salim nach seinem Tembé in Kwikuru oder der Hauptstadt ging. Die Wanyamwezi-Pagazi standen zu Hunderten am Wege, die Krieger Mkasiwa’s, des Sultans, drängten sich um ihren Häuptling, und Kinder, -- schwarze, nackte Engelchen, -- schauten zwischen den Beinen ihrer Aeltern hindurch. Selbst Säuglinge von wenig Monaten hingen auf dem Rücken ihrer Mütter und entrichteten sämmtlich den meiner Farbe gebührenden Tribut, indem sie mich intensiv angafften. Die einzigen Leute, die sich mit mir unterhielten, waren die Araber und der alte Mkasiwa, der Herrscher von Unyanyembé.
Sayd bin Salim’s Haus befindet sich am nordwestlichen Winkel der Einhegung und ist ein mit Stacketen umstelltes Boma von Kwikuru. Thee wurde uns in einem silbernen Theekessel gemacht und eine reichliche Quantität dampfender Pfannkuchen befanden sich unter einem silbernen Deckel. Zu diesem Mahl wurde ich eingeladen. Wenn man ungefähr acht Meilen ohne Frühstück marschirt und drei bis vier Stunden lang der heissen Tropensonne ausgesetzt gewesen, so ist man geneigt, einem Mahle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, namentlich wenn man einen gesunden Appetit hat. Ich glaube, ich setzte den Gouverneur in Erstaunen durch die geschickte Art, mit der ich es fertig brachte, elf Tassen von seinem aromatischen Decoct eines Assamkrautes zu vertilgen und aufs ungezwungenste seinen hohen Thurm von Pfannkuchen zu vernichten, die noch einen Augenblick vorher heiss unter ihrem silbernen Deckel gedampft hatten.
Ich dankte dem Scheikh für das Mahl, wie es nur ein wirklich sehr hungriger Mann, der sich gesättigt hat, thun kann. Selbst wenn ich nicht gesprochen hätte, so würden meine dankbaren Blicke ihn davon in Kenntniss gesetzt haben, wie sehr ich mich ihm verpflichtet fühlte.
Darauf zog ich meine Pfeife und den Tabacksbeutel heraus.
„Mein lieber Scheikh, willst Du rauchen?“
„Nein, ich danke. Araber rauchen nie.“
„Nun, wenn Du es auch nicht thust, so wirst Du wol nichts dagegen haben, wenn ich rauche, um die Verdauung zu unterstützen!“
„Ngema! Gut, rauchen Sie nur, Herr.“
Hierauf ging es ans Fragen und Plaudern. Die Neugierde kam in ernsten und leichten Gesprächen zur Geltung.
„Auf welchem Wege ist der Herr gekommen?“
„Ueber Mpwapwa.“
„Der Weg ist gut. War der Makata schlecht?“
„Ja, sehr schlecht.“
„Was gibts Neues in Zanzibar?“
„Von dort bringe ich gute Nachrichten. Seyd Turki hat Besitz von Muscat ergriffen und Azim bin Ghis ist in den Strassen erschlagen worden.“
„Ist das wahr, Wallahi?“ (Bei Gott.)
„Ja, es ist wahr.“
„He he! das sind Neuigkeiten!“ wobei er sich den Bart streicht. „Herr, haben Sie etwas von Suleiman bin Ali gehört?“
„Ja, der Gouverneur von Bombay hat ihn auf einem Kriegsschiff nach Zanzibar geschickt und Suleiman bin Ali liegt jetzt in der Gurayza (Festung).“
„He, das ist sehr schön. Hatten Sie den Wagogo viel Tribut zu zahlen?“
„Achtmal. Hamed Kimiani wünschte, dass ich über Kiwyeh gehe; ich wollte aber nicht und zog gerade durch den Wald nach Munieka. Und da hielten es Hamed und Thani für besser, mir zu folgen, als sich allein durch Kiwyeh zu wagen.“
„Wo ist der Hadschi Abdullah, der hierher kam, und Spiki?“
„Hadschi Abdullah? Was für ein Hadschi Abdullah? Ach so, wir nennen ihn Scheikh Burton. O, das ist jetzt ein grosser Mann, ein Balyuz in El Scham.“
„He he, also ein Balyuz! He, in El Scham! Ist das nicht nahe bei Betlem el Kudis?“
„Ja, ungefähr vier Tagereisen davon. Spiki ist todt. Er hat sich durch einen unglücklichen Zufall erschossen.“
„Ach, Wallah (bei Gott), das sind schlechte Nachrichten. Spiki todt? Masch Allah! Er war ein guter Mann, wirklich ein guter Mann! Todt!“
„Aber wo liegt dieses Kazeh, Scheikh Sayd?“
„Kazeh? Kazeh? -- Ich habe den Namen nie früher gehört.“
„Aber Ihr waret doch mit Burton, Speke und dem andern Manne, Grant, in Kazeh. Ihr habt doch dort mehrere Monate gelebt, als Ihr Euch alle in Unyanyembé aufhieltet? Es muss ganz in der Nähe sein. Wo wohnten denn Hadschi Abdullah und Spiki, als sie in Unyanyembé waren? War es nicht in Musa Mzuris’ Haus?“
„Das war in Tabora.“
„Nun, wo liegt denn Kazeh? Ich habe noch keinen Menschen getroffen, der mir sagen konnte, wo dieser Ort ist, und doch haben die drei Weissen dieses Wort als den Namen des Ortes, in dem sie lebten, als Ihr bei ihnen waret, niedergeschrieben. Ihr müsst doch wissen, wo er liegt.“
„Wallahi, Bana, ich habe den Namen nie gehört. Aber halt, Kazeh bedeutet auf Kinyamwezi ein „Königreich“. Vielleicht haben sie dem Ort, an dem sie sich aufhielten, den Namen gegeben. Ich war gewöhnlich im ersten Haus, Sny bin Amer’s Haus, und Speke und Grant wohnten in Musa Mzuris’ Haus; beide Häuser jedoch befinden sich, wie alle die übrigen, in Tabora.“
„Ich danke Euch, Scheikh. Jetzt möchte ich gehen und nach meinen Leuten sehen. Sie werden wol alle essen wollen.“
„Ich werde Sie begleiten, um Ihnen Ihr Haus zu zeigen. Das Tembé ist in Kwihara, nur eine Stunde Weges von Tabora.“
Als wir Kwikuru verlassen, gingen wir über einen niedrigen Bergrücken und sahen alsbald Kwihara zwischen zwei kleinen Hügelketten liegen, von denen die nördlichste westlich in dem runden festungsartigen Berge Zimbili auslief. Auf dem Thale schienen die glühendsten Sonnenstrahlen, alles ertödtend, zu ruhen, welcher Eindruck wol durch die allgemeine Ausbleichung und herbstliche Reife des Grases hervorgebracht wurde, dem durchaus alle Farbentöne fehlten, die etwas Abwechselung in dieses Einerlei hätten bringen können. Unter jener blendenden Sonne, in der klaren Atmosphäre erschienen die Berge wie ausgedörrt. Das Korn war seit lange geschnitten und Stoppelfelder bildeten eine weissbraune Fläche. Die aus Lehm bestehenden Häuser mit ihren flachen Lehmdächern sahen gleichfalls weissbraun aus. Auch die mit Stroh gedeckten Hütten und die sie umgebenden Stackete aus abgeschältem Bauholz waren weissbraun. Obwol ein kalter, heftiger, ungesunder Wind aus den Bergen von Usagara uns sozusagen bis ins Mark schnitt, so hörte der intensive Sonnenglanz doch nicht auf. Selbst wenn das Auge auf einen Augenblick auf ein paar schwarze Kühe oder einen hohen Baum fiel, so konnte man es doch nie vergessen, dass der erste Eindruck von Kwihara der eines Bildes ohne Farbe, eines Nahrungsmittels ohne Geschmack gewesen; und wenn man hinauf blickte, sah man einen blassblauen, fleckenlosen Himmel, der durch seine Heiterkeit geradezu entsetzte.
Als ich mich dem Tembé von Said bin Salim näherte, kam Scheikh bin Nasib mit andern arabischen Grossen zu uns. Vor der grossen Thür des Tembé hatten die Leute die Ballen und Kisten aufgethürmt und erzählten den Hauptleuten und Soldaten der ersten, zweiten und vierten Karavane mit unglaublicher Zungenfertigkeit und Geschwindigkeit die vielen Ereignisse, die uns zugestossen waren und ihnen als das einzig mittheilenswerthe erschienen. Ueber ihren eignen beschränkten Gesichtskreis hinaus kümmerten sie sich offenbar um nichts. Dann hatten die verschiedenen Hauptleute der übrigen Karavanen ihrerseits ihre Reiseerlebnisse zu berichten, wodurch eine lärmende, erregte Unterhaltung entstand. Als wir uns näherten, hörte dieselbe aber sofort auf, und meine Karavanenführer stürzten auf mich zu, um mich als Herrn und Freund zu begrüssen. Ein Bursche, der treue Baruki, warf sich mir zu Füssen, die andern feuerten ihre Flinten ab und betrugen sich wie Verrückte in einem Anfall von Tobsucht. Auf allen Seiten hörte man den Ruf: „Willkommen!“
„Spazieren Sie hinein, Herr; dies ist jetzt Ihr Haus; hier sind die Quartiere für Ihre Leute. Hier können Sie die arabischen Grossen empfangen; hier ist das Kochhaus; hier das Vorrathshaus; dort das Gefängniss für die Widerspenstigen; da die Zimmer Ihres Weissen und hier Ihre eigenen. Sehen Sie, hier ist das Schlafzimmer, dort das Gewehr-, Badezimmer u. s. w.“ So sprach Scheikh Sayd, als er mir die verschiedenen Oertlichkeiten zeigte.
Auf Ehre, für Central-Afrika war dies ein sehr gemüthlicher Ort. Man hätte fast poetisch werden können, doch wollen wir derartige überschwängliche Ideen auf die Zukunft verschieben. Gerade jetzt müssen die Waaren ins Lager geschafft, die kleine Armee von Lastträgern muss bezahlt und entlassen werden.
Bombay erhielt Befehl, die feste Vorrathskammer zu öffnen, die Ballen daselbst in regelmässige Reihen aufzustapeln, die Perlen aufeinander zu schichten und dem Draht einen besondern Ort anzuweisen. Boote, Segeltuch u. s. w. sollten an einem so hohen Ort untergebracht werden, dass die weissen Ameisen sie nicht erreichen konnten, und den Munitionskisten und Pulverfässern war im Gewehrzimmer ausser aller Gefahr eine Stätte zu schaffen. Dann wurde ein Ballen Zeug aufgemacht und jeder Lastträger nach seinem Verdienst belohnt, damit er seinen Freunden und Nachbarn zu Hause erzählen könne, wie viel besser der Weisse sie behandelt, als der Araber.
Hierauf wurden die Berichte der Führer der ersten, zweiten und vierten Karavane entgegengenommen, ihre Vorräthe inspicirt und die einzelnen Erlebnisse auf ihren Märschen angehört. Die erste Karavane war in Kirurumo in Krieg verwickelt gewesen, hatte den Kampf mit Glück bestanden und Unyanyembé ohne irgendwelchen Verlust erreicht. Die zweite hatte einen Dieb im Walde zwischen Pembera Pereh und Kididimo erschossen. Die vierte hatte einen Ballen im Dickicht von Marenga Mkali verloren und der Lastträger dabei eine starke Kopfverletzung von einem Knotenstock erhalten, den einer der Diebe, die in den Dschungels nahe der Grenze von Ugogo herumschleichen, gegen ihn geschwungen. Ich freute mich zu hören, dass sie nicht mehr Unglück gehabt und belohnte jeden Führer sofort mit einem schönen Stück Tuch und fünf Doti Merikani.
Gerade als ich wieder hungrig wurde, kamen von den Arabern mehrere Sklaven hintereinander mit Präsentirtellern voll vortrefflicher Speisen. Zuerst entwickelte sich eine grosse Schüssel Reis und ein Napf voll mit Curry gewürzter Hühner, dann ein Dutzend grosser Weizenkuchen, ferner dampfendheisse Schmalzkuchen, Papaws, Granaten und Limonen. Hierauf kamen Menschen, die fünf fette Höcker-Ochsen, acht Schafe und zehn Ziegen trieben, und noch ein Mann mit einem Dutzend junger Hühner und einem Dutzend frischer Eier. Dieses war echte, praktische, edle Höflichkeit, eine so grossartige Gastfreundschaft, dass sie meine Dankbarkeit mit Sturm eroberte.
Meine Leute, deren ich jetzt nur 25 hatte, waren über diese üppige Fülle, die auf meinem Tische und Hofe sichtbar wurde, so erfreut, wie ich selbst. Als ich sah, wie ihre Gesichter im Vorgefühl der zu erwartenden Genüsse erglänzten, liess ich ein Bullenkalb schlachten und unter sie vertheilen.
Am zweiten Tage nach der Ankunft der Expedition des „New York Herald“ in dem Lande, das ich nun als klassischen Boden ansah, seitdem Burton, Speke und Grant ihn vor Jahren besucht und beschrieben, kamen die arabischen Magnaten von Tabora, um mich zu beglückwünschen.
Tabora[6] ist die arabische Hauptniederlassung in Central-Afrika. Es besteht aus mehr als tausend Hütten und Tembés und man kann die aus Arabern, Wangwana und Eingeborenen zusammengesetzte Bevölkerung sicher auf 5000 Köpfe schätzen. Zwischen Tabora und der nächsten Ansiedlung Kwihara erheben sich zwei schroffe Bergkämme, die voneinander durch einen niedrigen Sattel getrennt sind, über welchen Tabora stets von Kwihara aus sichtbar ist.
Diese Araber waren stattliche, schöne Leute. Meist stammten sie aus Oman; einige jedoch waren Waswahili. Jeder meiner Gäste hatte ein ganzes Gefolge bei sich. In Tabora lebte man ganz luxuriös. Die Ebene, auf welcher die Colonie liegt, ist sehr fruchtbar, obgleich baumlos. Die reichen Weideplätze erlauben es, grosse Vieh- und Ziegenheerden zu halten, von denen sie grosse Quantitäten Milch, Sahne, Butter und Ghee (geklärte Butter) haben. Reis wird überall erbaut; ebenso sind süsse Kartoffeln, Yams, Muhogo, Holcus sorghum, Mais, Sesam, Hirse, Felderbsen oder Wicken, die Tschoroko heissen, billig und immer zu haben. Um ihre Tembés bauen die Araber etwas Weizen zum eignen Gebrauch und haben sich Orangen, Limonen, Papaws und Mangobäume gepflanzt, die hier sehr schön gedeihen. Zwiebeln und Knoblauch, Gurken, Tomaten und mancherlei anderes kann sich der Weisse von den wohlhabendern Arabern verschaffen, die in ihrer Art zweifellos Epikuräer sind. Wenigstens einmal im Jahre bringen ihnen ihre Sklaven von der Küste Vorräthe an Thee, Kaffee, Zucker, Gewürzen, eingemachten Säften, gewürzten Saucen, Wein, Branntwein, Zwieback, Sardinen, Lachs, feinen Tuchen und allem, was sie für ihren eigenen persönlichen Gebrauch bedürfen. Fast jeder Araber von Stande vermag einen Reichthum an persischen Teppichen, luxuriösen Betten, vollständigen Thee- und Kaffee-Servicen, schön verzierten Schüsseln von verzinntem Kupfer und messingnen Waschbecken aufzuweisen. Fast alle haben Uhren und Ketten, einige solche von Gold, andere aus geringerm Material. Und wie in Persien, Afghanistan und der Türkei die Harems einen wesentlichen Zug in dem Haushalte eines Arabers bilden, so tritt die Sinnlichkeit der Mohammedaner hier ebenso deutlich hervor wie im Orient. Jeder Araber hält sich je nach seinen Mitteln eine Anzahl Concubinen, denn er führt hier das Leben ganz ebenso, wie in der „Stadt des Sieges“. Das Auge, das zuerst das unklassische Gesicht der afrikanischen schwarzen Frau verachtete, verliert bald den Blick für schöne Contouren und sanften hellen Teint; es dauert nicht lauge, so haftet es lüstern an den unharmonischen, schwerfälligen Curven der negerartigen Gestalt und blickt liebend auf das breite, unintelligente Gesicht und die dunkeln Augen, welche nie das blendende Liebeslicht widerstrahlen, das die armen Menschenkinder erst schön macht.
Die Araber, welche jetzt vor der Vorderthür meines Tembé standen, waren die Geber der vortrefflichen Dinge, die ich am Tage vorher bekommen. Natürlich begrüsste ich, wie es mir die Pflicht gebot, zuerst Scheikh Sayd; dann Scheikh bin Nasib, den Consul Seiner Hoheit des Fürsten von Zanzibar in Karagwa; darauf den edelsten Trojaner unter der arabischen Bevölkerung, sowol was Haltung, als was Muth und Manneswürde betrifft, Scheikh Khamis bin Abdullah; ferner den jungen Amram bin Mussud, der jetzt Krieg gegen den König von Urori und sein aufrührisches Volk führt; sowie den stattlichen, muthigen Soud, den Sohn von Sayd bin Madschid; hierauf den geckenhaften Thani bin Abdullah, wie auch Massud bin Abdullah und seinen Vetter Abdullah bin Mussud, die Eigenthümer der Häuser, in denen früher Burton und Speke gewohnt, und schliesslich den bejahrten Suleiman Dowa, Sayd bin Sayf, sowie den alten Hetman von Tabora, Scheikh Sultan bin Ali.
Da der Besuch dieser Magnaten, unter deren gütigen Schutz weisse Reisende sich nothwendig begeben müssen, nur ein formeller war, wie ihn die echte arabische, stets steife Etikette verlangt, so ist es unnöthig, die Unterhaltung über meine Gesundheit und ihren Reichthum, meinen Dank und ihre Versicherungen loyaler Anhänglichkeit gegen mich zu erzählen. Nachdem wir unsern Vorrath an Beglückwünschungen und sonstigen Abgeschmacktheiten verbraucht, begaben sie sich fort, nachdem sie ihren Wunsch zu verstehen gegeben, ich möge sie in Tabora besuchen und an einem Fest, das sie im Begriff waren, mir zu geben, theilnehmen.
Drei Tage später begab ich mich aus meinem Tembé, von 18 stattlich gekleideten Männern als Gefolge begleitet, um in Tabora eine Visite zu machen. Nachdem wir den Sattel, über den der Weg vom Thale von Kwihara nach Tabora führt, überschritten, lag die Ebene, auf der sich die arabische Colonie befindet, als eine Fläche dunklen Weidelandes vor uns, das sich vom Fuss des uns zur Linken befindlichen Berges bis an die Ufer des nördlichen Gombé erstreckte, die sich einige Meilen jenseits Tabora zu purpurnen Hügeln und blauen Kegeln erheben.
Dreiviertel Stunden sassen wir auf der Lehm-Veranda des Tembé von Sultan bin Ali, der wegen seines Alters, Reichthums und seiner Stellung -- er ist Oberst in der nicht gerade lieblichen Armee des Seyyid Barghasch -- von seinen Landsleuten hoch und niedrig als Rathgeber und Helfer angesehen wird. Sein Boma oder eingehegtes Grundstück enthält ein vollständiges Dorf von bienenkorbförmig gestalteten Hütten und viereckigen Tembés. Von hier, wo wir eine Tasse Mokka und etwas Scherbet genossen, lenkten wir unsere Schritte nach Khamis bin Abdullah’s Haus, der, da er mich erwartet, ein Fest bereitet hatte, zu dem er einige Freunde und Nachbarn eingeladen. Die Gruppe stattlicher Araber in ihren langen, weissen Kostümen und grossen gewundenen, gleichfalls schneeweissen Kopfbedeckungen, welche dastanden, um mich in Tabora zu begrüssen, machte einen wirkungsvollen Eindruck auf mich. Ich kam noch zur rechten Zeit, um einem Kriegsgericht, das sie abhielten, beizuwohnen, und man bat mich, dazubleiben, da Selim, mein arabischer Dolmetscher, auch mit dabei war.
Khamis bin Abdullah, ein kühner, tapferer Mann, der stets bereit ist, für die Vorrechte der Araber einzutreten und ihr Recht, in jedem Lande ehrlich Handel zu treiben, zu vertheidigen, ist derselbe, von dem Speke in seiner „Entdeckung der Nilquellen“ uns erzählt, dass er Maula, einen alten Häuptling, der sich mit Manwa Sera während der Kriege von 1860 verbündet hatte, erschoss; und der darauf, nachdem er seinen unbarmherzigen Feind fünf Jahre lang durch Ugogo und Unyamwezi bis Ukonongo gejagt, die Befriedigung genoss, ihn zu köpfen. Dieser drang jetzt in die Araber, ihre Rechte gegen einen Häuptling, der Mirambo von Uyoweh hiess, in einer bevorstehenden Krisis zu behaupten.
Dieser Mirambo von Uyoweh war, wie es scheint, in den letzten Jahren in einem Zustand chronischer Unzufriedenheit mit der Politik der benachbarten Häuptlinge gewesen. Früher Lastträger eines Arabers, hatte er jetzt mit der gewissenlosen Schurken eigenen Gewandtheit, die sich nicht darum kümmern, wie sie zur Gewalt kommen, die Königswürde usurpirt. Als der Häuptling von Uyoweh starb, zog Mirambo, das Haupt einer die Wälder von Wilyankuru unsicher machenden Räuberbande, plötzlich in Uyoweh ein und machte sich mit Gewalt zum obersten Herrn. Einige glückliche Kriegszüge, welche er zur Bereicherung aller derer ausführte, die seine Autorität anerkannten, befestigten seine Stellung. Doch war dies nur der Anfang. Er trug den Krieg durch Ugara nach Ukonongo, durch Usagozi an die Grenze von Uvinza, und nachdem er die über drei Breitengrade zerstreute Bevölkerung vernichtet, plante er einen Ausfall gegen Mkasiwa und die Araber, weil sie ihn nicht in seinen ehrgeizigen Plänen gegen ihren Verbündeten und Freund, mit dem sie in Frieden lebten, unterstützen wollten.
Die erste Frevelthat, welche sich dieser verwegene Mann gegen die Araber erlaubte, bestand darin, dass er eine nach Udschidschi bestimmte Karavane aufhielt und von derselben fünf Fässer Schiesspulver, fünf Gewehre und fünf Ballen Tuch verlangte. Diese aussergewöhnliche Forderung wurde, nachdem man mehr als einen Tag im wildesten Streit zugebracht, bezahlt; wenn aber die Araber schon über die ungeheuere Abgabe, die ihnen abverlangt wurde, erstaunten, so waren sie noch mehr entsetzt, als sie den Befehl erhielten, sich wieder auf den Weg zurückzubegeben, auf dem sie hergekommen, und vernahmen, dass keine arabische Karavane mehr durch dieses Land nach Udschidschi ziehen solle, es sei denn über Mirambo’s Leiche.
Bei der Rückkehr der unglücklichen Araber nach Unyanyembé theilten sie diese Thatsachen Scheikh Sayd bin Salim, dem Gouverneur der arabischen Colonie, mit. Dieser alte Mann, der sehr gegen den Krieg war, versuchte natürlich jedes Mittel, Mirambo dazu zu bewegen, sich wie früher mit Geschenken zufrieden zu geben; Mirambo aber war diesmal hartnäckig und fest entschlossen, Krieg zu führen, wenn ihm die Araber nicht in seinen Kriegszügen gegen den alten Mkasiwa, Sultan der Wanyamwezi von Unyanyembé beiständen.
„So stehen die Angelegenheiten jetzt“, sagte Khamis bin Abdullah. „Mirambo sagt, Jahre lang wäre er gegen die benachbarten Waschensi im Kriege gewesen und immer siegreich dabei geblieben. Das jetzige sei ein grosses Jahr für ihn, er wolle die Araber und die Wanyamwezi von Unyanyembé bekämpfen und nicht eher innehalten, bis er alle Araber aus Unyanyembé vertrieben und über dieses Land an Stelle von Mkasiwa herrsche. Kinder von Oman, soll das so sein? Sprich, Salim, Sohn von Sayf, sollen wir diesem Mschensi (Heiden) entgegenziehen oder auf unsere Insel zurückkehren?“
Ein Beifallsmurmeln folgte der Rede des Khamis bin Abdullah, da die Mehrheit der Anwesenden junge Leute und begierig waren, den frechen Mirambo zu züchtigen. Salim, der Sohn Sayf’s, ein alter Patriarch, der langsam sprach, versuchte die Leidenschaften der jungen Leute, Sprösslinge der Aristokratie von Muscat und Muttrah und Beduinen der Wüste, zu besänftigen. Aber Khamis’ kühne Worte hatten einen zu tiefen Eindruck auf ihre Gemüther gemacht.
Soud, der stattliche Araber, von dem ich schon gesprochen habe als Sohn Sayd’s, des Sohnes Madschid’s, sagte: „Mein Vater pflegte mir zu erzählen, wie er sich der Tage erinnere, da die Araber durch das Land von Bagamoyo bis Udschidschi, von Kilwa bis Lunda, von Usenga bis Uganda nur mit Stöcken bewaffnet ziehen konnten. Jene Tage sind vorüber. Wir haben die Unverschämtheit der Wagogo lange genug geduldet. Swaruru von Usui nimmt uns geradezu ab, was er will; und jetzt haben wir es gar mit Mirambo zu thun, welcher, nachdem er fünf Ballen Tuch als Tribut von einem einzigen Manne abgenommen, uns erklärt, eine arabische Karavane solle nur über seine Leiche nach Udschidschi gelangen können. Sind wir bereit, das Elfenbein von Udschidschi, Urundi, Karagweh oder Uganda um dieses einen Mannes willen aufzugeben? Ich sage, Krieg -- Krieg, bis wir seinen Bart unter unsere Füsse getreten, Krieg, bis das ganze Uyoweh und Wilyankuru zerstört ist; Krieg, bis wir wieder durch jeden Theil des Landes nur mit dem Spazierstock in der Hand reisen können!“
Der allgemeine Beifall, welcher der Rede Soud’s folgte, bewies über allen Zweifel, dass wir im Begriff waren, Krieg zu bekommen. Ich dachte an Livingstone. Wenn dieser nun eben jetzt nach dem von Krieg überzogenen Unyanyembé zu marschiren im Begriffe war?
Als ich hörte, dass die Araber die Absicht hatten, den Krieg rasch innerhalb höchstens vierzehn Tagen zu beenden, da Uyoweh nur vier Märsche weit entfernt war, so erbot ich mich freiwillig dazu, sie zu begleiten, meine belasteten Karavanen bis Mfuto mitzunehmen, sie daselbst unter Bedeckung einiger Wachen zu lassen und mit den übrigen und der arabischen Armee weiter zu marschiren. Dann hoffte ich, es würde möglich werden, nach der Besiegung von Mirambo und seiner Waldbanditen -- der Ruga-Ruga -- eine Expedition auf dem jetzt versperrten Wege direct nach Udschidschi zu führen. Die Araber waren ihres Sieges sehr sicher und ich theilte ihre hoffnungsvolle Ansicht.
Der Kriegsrath wurde aufgehoben. Eine grosse Schüssel Reis und Curry reichlich mit Mandeln, Citronen, Rosinen und Corinthen gemischt, wurde hereingebracht, und es war wunderbar zu sehen, wie bald unsere Kriegslust vergessen war, nachdem unsere Aufmerksamkeit auf dieses vorzügliche Gericht gelenkt worden. Natürlich erhielt ich, als Nicht-Mohammedaner, eine besondere Mahlzeit ähnlicher Art, noch vermehrt durch Schüsseln voll Hühnerbraten, Kabobs, Schmalzkuchen, andern Kuchen, Zuckerbrot, Früchten, Scherbet und Limonade, Gummi-Bonbons und Süssigkeiten aus Muscat, Rosinen, Pflaumen und Nüssen. Ohne Zweifel bewies mir Khamis bin Abdullah, dass er neben seinem Kriegermuth doch auch dem gebildeten Geschmack, den er unter dem Schatten der Mangos auf seines Vaters Gütern auf Zanzibar sich angeeignet hat, sein Recht widerfahren lassen konnte.
Nachdem wir uns an diesen ungewöhnlichen Leckerbissen sehr satt gegessen, begleiteten mich einige der Hauptaraber nach andern Tembés in Tabora. Als wir Mussud bin Abdullah besuchten, zeigte er mir genau den Ort, wo Burton’s und Speke’s Haus gestanden hatte, das jetzt heruntergerissen und an dessen Stelle sein Büreau erbaut worden war. Sny bin Amer’s Haus war auch abgebrochen und auf dessen Platz die jetzt in Unyanyembé moderne Tembé erbaut worden, welche schön geschnittenes Gebälk, grosse geschnitzte Thüren mit Messingklopfern und hohe, schöne Zimmer hatte, ein Haus, das sowol zur Vertheidigung als zur Bequemlichkeit dienen konnte.
Das schönste Haus in Unyanyembé gehört Amram bin Mussud, der 60 Frasileh Elfenbein, d. h. mehr als 3000 Dollars dafür bezahlt hat. Man kann schon sehr schöne Häuser für 20-30 Frasileh Elfenbein haben. Amram’s Haus heisst „Baherein“ („Die beiden Meere“). Es ist 100 Fuss lang, 20 Fuss hoch und hat 4 Fuss dicke, zierlich mit Lehmmörtel beworfene Wände. Die Hauptthür ist ein Wunder von Schnitzarbeit für die Künstler von Unyanyembé. Ebenso ist auch jeder Balken im Hause schön geschnitzt. Vor der Front des Hauses befindet sich eine junge Pflanzung von Granatbäumen, die hier blühen, als ob sie auf heimischem Boden ständen. Ein Schaduf oder Ziehbrunnen, wie man sie am Nil sehen kann, dient dazu, die Gärten zu bewässern.
Gegen Abend gingen wir nach unserm schön gelegenen Tembé in Kwihara zurück, sehr befriedigt durch das, was wir in Tabora gesehen. Meine Leute trieben ein paar Ochsen vor sich her und brachten drei Säcke voll dortigen ausgezeichneten Reis als Gastgeschenk des freigebigen Khamis bin Abdullah heim.
In Unyanyembé fand ich die Livingstone-Karavane, von der meine Leser sich erinnern müssen, dass sie auf das blosse Gerücht hin, der englische „Balyuz“ Kirk käme nach Bagamoyo, erschreckt aufgebrochen war. Da alle Karavanen wegen des in Aussicht stehenden Kriegs jetzt in Unyanyembé hielten, äusserte ich zu Sayd bin Salim, es sei doch wol besser, dass die Leute von der Livingstone-Karavane mit der meinigen in meiner Tembé wohnten, damit ich die Güter des weissen Mannes bewachen könne. Da Dr. Kirk mir niemals dazu Vollmacht ertheilt, die für Livingstone bestimmten Waaren in meine Obhut zu nehmen, so konnte ich natürlich dem Leiter der Karavane keine Befehle geben. Zum Glück war Sayd bin Salim meiner Ansicht, und die Leute und Güter wurden sofort in mein Tembé gebracht.
Eines Tages brachte mir Asmani, der jetzt Führer der Livingstone-Karavane war, da der frühere kurz vorher an den Pocken gestorben, ein Zelt auf die Veranda heraus, in der ich schrieb und zeigte mir ein Briefpacket, das zu meinem Erstaunen die Adresse trug: „An Dr. Livingstone in Udschidschi. 1. November 1870. Recommandirte Briefe.“
Dies war der beste Beweis dafür, dass die Briefe an dem auf dem Beutel angegebenen Datum eingesiegelt worden waren. Vom 1. November 1870 bis zum 10. Februar 1871, gerade 100 Tage, hatten sie in Bagamoyo gelegen! -- Eine elende, kleine Karavane von 33 Menschen hatte sich 100 Tage in Bagamoyo, das nur 25 Meilen zu Wasser von Zanzibar entfernt ist, aufgehalten. Armer Livingstone! Wer weiss, ob er nicht gerade wegen des Mangels dieser Vorräthe, die so lange in der bequemen Nähe des britischen Consulats gelegen und jetzt auch in Unyanyembé, Gott weiss wie lange, aufgehalten werden, leidet! Die Karavane kam in Unyanyembé etwas vor Mitte Mai an. Ungefähr in der letzten Hälfte des Mai fand die erste Ruhestörung statt. Wäre diese Karavane bis Mitte März oder selbst April angelangt, so hätte sie ohne Mühe nach Udschidschi weiter reisen können. Ich fragte Asmani: „Wann sahen Sie Dr. Kirk zuletzt?“
„Ungefähr fünf oder sechs Wochen vor dem Ramadan.“
„Wann erhielten Sie dieses Briefpacket?“
„Am Tage ehe ich Zanzibar verliess, um nach Bagamoyo zu gehen.“
„Habt Ihr Dr. Kirk nicht in Bagamoyo gesehen, als er zur Jagd am Kingani kam?“
„Nein, wir hörten, dass er kommen würde, und verliessen Bagamoyo. Darauf erfuhren wir, er sei da gewesen. Zwei Tage jenseits Kikoka hielten wir uns eine Woche auf, um auf die vier Leute der Begleitung zu warten, welche noch nicht von Bagamoyo abgegangen waren.“
Am 7. Juli um 2 Uhr nachmittags sass ich auf dem Burzani, wie gewöhnlich. Ich war in apathischer, niedergeschlagener Stimmung; Schläfrigkeit überfiel mich. Zwar schlief ich nicht ein, doch schien mir alle Kraft aus den Gliedern geschwunden zu sein. Dennoch war das Gehirn beschäftigt; mein ganzes Leben zog im Geiste an mir vorüber. Waren diese Scenen aus meiner Vergangenheit ernst, so sah ich auch ernst aus; waren sie traurig, so weinte ich hysterisch; waren sie freudig, so lachte ich laut auf. In rascher Folge drängten sich Erinnerungen an die schweren Kämpfe und Drangsale eines noch jungen Lebens in meinem Geiste; Ereignisse der Knabenzeit, der Jugend und des Mannesalters; Gefahren, Reisescenen, Freuden und Bekümmernisse, Liebe und Hass, Freundschaften und gleichgültige Verhältnisse gingen wirr durcheinander. Meine Seele folgte den verschiedenen raschen Wechselfällen meines Lebenslaufs. Sie stellte sich die langen Irrfahrten, die krummen Pfade, die ich geführt worden, vor. Wenn ich ihre Contouren auf dem sandigen Boden hingezeichnet hätte, welche Räthsel hätten sich meiner Umgebung geboten und wie einfach und klar waren sie mir!
Die lieblichste Gestalt in diesem Bilde war mir die eines edeln, treuen Mannes, der mich Sohn nannte. Die lebhaftesten Eindrücke hatte ich von meinem Leben in den grossen Fichtenwäldern von Arkansas und Missouri. Die träumerischen Tage, die ich unter den ächzenden Tannen der Ufer des Ouachita verbracht, die neue Lichtung, das Blockhaus, unsere treuen schwarzen Diener, das Bild des Waldes und das prächtige Leben, das ich führte -- alles lebte in meiner Erinnerung wieder auf. Ich dachte daran, wie ich eines Tages, nachdem wir in die Nähe des Mississippi gezogen, Hunderte von Meilen mit wilden Gesellen, den riesigen Gestalten der Bootsleute dieses Flusses, hinuntersegelten und wie der liebe alte Mann mich bei meiner Rückkehr begrüsste, als ob ich vom Grabe heimgekehrt. Ich gedachte meiner Fussreisen durch das sonnige Spanien und Frankreich, sowie unzähliger Abenteuer in Klein-Asien unter den kurdischen Nomaden. Es schwebten mir die Schlachtfelder Amerikas und die stürmischen Scenen des tobenden Krieges vor. Goldminen und weite Prairien, Rathsversammlungen von Indianern, und manches Erlebniss in den neuen Ländern im Westen traten mir vor die Seele. Lebhaft erinnerte ich mich des Schreckens, den es mir verursachte, als ich, heimgekehrt aus einem barbarischen Lande, das Unglück erfuhr, das dem lieben Manne, den ich Vater nannte, zugestossen, und des angestrengten, wechselvollen Lebens, das nun folgte. Halt! -- Mein Gott, ist das der 21. Juli? -- Ja. Shaw theilte mir mit, es sei der 21. Juli, als ich von meinem schrecklichen Fieberanfall genesen. Das wirkliche Datum war der 14.; aber erst als ich mit Dr. Livingstone zusammenkam, entdeckte ich, dass eine Woche übersprungen war. Da erst prüften wir beide das Nautische Jahrbuch, das ich besass, und es stellte sich heraus, dass der Doctor sich um drei Wochen verrechnet und ich gleichfalls zu meinem grossen Erstaunen mich um eine Woche geirrt hatte, und zwar um acht Tage dem wirklichen Datum vorangeeilt war. Der Irrthum entstand dadurch, dass man mir gesagt, ich sei zwei Wochen krank gewesen. Da nun der Tag, wo ich wieder zu mir kam, ein Freitag war und Shaw sowie die übrigen Leute bestimmt glaubten, ich sei zwei Wochen im Bette gewesen, so datirte ich mein Tagebuch vom 21. Juli. Dass auch Shaw sich verrechnet, lässt sich leicht erklären, denn das Fieber war im Begriff, ihm nicht nur das Gedächtniss, sondern sogar den Verstand rasch zu zerstören. Selim hatte mich nach klaren schriftlich aufgesetzten Vorschriften, die ich ihm für einen solchen Fall gegeben, gepflegt. Vorher hatte ich ihn fleissig in der Kenntniss und dem Gebrauch jedes in meinem Kasten befindlichen Arzneimittels unterwiesen. Er theilte mir mit, er habe mich mit Thee und etwas Branntwein ernährt, auch habe mir Shaw drei- bis viermal etwas Sago-Abkochung gegeben. Am zehnten Tage nach dem Anfang meiner Krankheit war ich jedoch wieder ganz wohlauf, musste nun aber Shaw pflegen, welcher erkrankte. Am 22. Juli war Shaw wieder gesund, dagegen legte sich Selim und stöhnte vier Tage lang im Delirium; am 28. Juli jedoch waren wir sämmtlich wieder gesund und freuten uns der Aussicht auf die Abwechselung, die uns ein Marsch gegen Mirambo’s Veste darbieten sollte.
Am Morgen des 29. liess ich 50 Leute mit Zeugballen, Perlen und Draht beladen, die nach Udschidschi bestimmt waren. Als ich ausserhalb des Tembé Musterung über sie abhielt, fehlte blos Bombay. Während einige Leute fortgingen, ihn aufzusuchen, begaben sich andere weg, um noch einen Blick und einen Kuss von ihren schwarzen Delilas zu erhalten. Man fand Bombay ungefähr um 2 Uhr nachmittags; sein Gesicht drückte deutlich widerstreitende Leidenschaften aus, die ihn heimsuchten, -- Schmerz über die Trennung von den Fleischtöpfen Unyanyembés, -- Bedauern darüber, dass er seine Dulcinea von Tabora verlassen und alle Genüsse aufgeben müsse, -- die Aussicht auf anstrengende, lange Märsche, -- auf Krieg und vielleicht -- den Tod. Es war daher kein Wunder, dass Bombay, voll derartiger Empfindungen, sich widerspenstig zeigte, als ich ihn an seine Stelle hinwies, und ich selbst war in einer furchtbar schlechten Gemüthsverfassung, da ich von 8 Uhr morgens bis 2 Uhr nachmittags auf ihn zu warten gehabt hatte. Ein Wort und ein wüthender Blick, und heraus fuhr mein Stock auf Bombay’s Schulter, als ob es jetzt mit ihm zu Ende gehen sollte. Ich glaube, dass die gewaltige Wuth meines Zuschlagens seinen Eigensinn rascher brach, als irgend sonst etwas, denn ehe ich ihm ein Dutzend Streiche beigebracht, flehte er um Pardon. Bei diesem Worte hörte ich auf ihn zu bearbeiten, denn es war das erste mal, dass er es gesprochen. Bombay war also schliesslich besiegt.
„Marsch!“ -- Den Führer voran, zogen die 49 Mann ihm in feierlicher Ordnung nach, jeder eine schwere Last afrikanischer Tauschwerthe, sowie Flinte, Beil, Munitionsvorrath und Ugalitopf tragend. Wir boten einen grossartigen Anblick dar, wie wir in Stille und Ordnung mit fliegenden Fahnen abmarschirten, und die rothen wollenen Gewänder der Leute im ziemlich starken, uns gerade in die Flanke wehenden Nordost nachflatterten.
Auch schienen die Leute es zu wissen, dass sie nach etwas aussahen, denn ich bemerkte, wie mehrere von ihnen eine martialischere Haltung annahmen, als sie ihr vorzügliches Dschohotuch im Nacken vor dem Winde herfliegen fühlten. Maganga, ein grosser Mnyamwezi, stolzirte daher wie ein Goliath, der im Begriff ist, Mirambo und seine tausend Krieger ganz allein zu bekämpfen. Der muntere Khamisi ging einem Löwen gleich unter seiner Last einher, und der rohe Spassmacher, der unverbesserliche Ulimengo, nahm den leisen Tritt einer Katze an. Sie konnten jedoch nicht lange still bleiben, dazu war ihre Eitelkeit zu sehr angeregt, die rothen Mäntel tanzten beständig vor ihren Augen, und es wäre ein Wunder gewesen, wenn sie ein ernstes oder gar unzufriedenes Gebahren länger als eine halbe Stunde hätten beibehalten können.
Ulimengo brach das Schweigen zuerst. Er hatte sich zum Kirangozi oder Führer gemacht und war Träger der amerikanischen Flagge, von der die Leute meinten, dass sie sicherlich Schrecken in das Herz des Feindes tragen werde. Plötzlich wurde aus seinem Selbstvertrauen Tapferkeit und Uebermuth; er blickte die Armee, die er führte, an und schrie: „Hoy! Hoy!“, worauf der Chor ebenso antwortete: „Hoy! Hoy!“ Dieses „Hoy! Hoy!“ wiederholte sich dann abwechselnd noch mehrfach.
„Wo zieht Ihr hin?“
Chor: „Wir ziehen in den Krieg.“
„Gegen wen?“
Chor: „Gegen Mirambo.“
„Wer ist Euer Herr?“
Chor: „Der weisse Mann.“
„Uff, Uff!“
Chor: „Uff, Uff!“
„Hyah! Hyah!“
Chor: „Hyah! Hyah!“
Diesen lächerlichen Gesang stimmten sie ohne Unterbrechung den ganzen Tag an.
Am ersten Tag campirten wir in Bomboma’s Dorfe, das eine Meile südwestlich von der natürlichen Bergveste Zimbili liegt. Bombay hatte sich ganz von seinen Prügeln erholt und war die grämlichen Gedanken, die meinen Zorn erregt, losgeworden. Da nun die Leute sich so gut betragen, liess ich einen fünf Gallonen haltenden Topf mit Pombé bringen, um die Tapferkeit, von der sie alle beseelt waren, noch weiter anzuspornen.
Am zweiten Tage kamen wir in Masangi an. Bald darauf besuchte mich Soud, der Sohn von Sayd bin Madschid, und theilte mir mit, die Araber warteten auf mich und wollten nicht nach Mfuto marschiren, bis ich angekommen sei.
Nach einem sechsstündigen Marsch, am dritten Tage nachdem wir Unyanyembé verlassen, wurde Ost-Mfuto erreicht. Hier erkrankte Shaw, legte sich auf die Strasse und erklärte, er müsse sterben. Diese Nachricht wurde mir ungefähr um 4 Uhr nachmittags durch einen der Nachzügler überbracht. Ich musste also Leute abschicken und ihn zu mir ins Lager bringen lassen, obgleich ein jeder nach dem langen Marsche recht ermüdet war. Eine Belohnung spornte ein Halbdutzend an, gerade zur Dämmerung sich in den Wald zu wagen, um Shaw aufzusuchen, von dem man annahm, dass er wenigstens drei Stunden vom Lagen entfernt sei.
Etwa um 2 Uhr morgens kamen meine Leute mit ihm zurück, nachdem sie ihn das ganze Stück auf dem Rücken getragen hatten. Ich wurde aufgeweckt und liess ihn in mein Zelt bringen, untersuchte ihn und überzeugte mich, dass er durchaus kein Fieber habe. Auf meine Frage, wie er sich befände, erwiderte er, er könne weder gehen noch reiten, fühle sich so ungemein schwach und matt, dass er unfähig sei, sich weiter zu bewegen. Nachdem ich ihm ein Glas Portwein in einem Napf Sagogrütze gegeben hatte, schliefen wir beide ein.
Am nächsten Morgen in der Frühe kamen wir in Mfuto, dem Stelldichein der arabischen Armee, an. Für den nächsten Tag war ein Halt anbefohlen, damit wir uns an den Ochsen, deren wir viele geschlachtet, stärken könnten.
Unsere Armee bestand aus folgendem Personal:
Scheikh Sayd bin Salim 25 Halbblutleute Khamis bin Abdullah 250 Sklaven Thani bin Abdullah 80 „ Mussud bin Abdullah 75 „ Abdullah bin Mussud 80 „ Ali bin Sayd bin Nasib 250 „ Scheikh Nasur bin Mussud 50 „ „ Hamed Kimiani 70 „ „ Hamdam 30 „ „ Sayd bin Habib 50 „ „ Salim bin Sayf 100 „ „ Sunguru 25 „ „ Sarboko 25 „ „ Soud bin Sayd bin Madschid 50 „ „ Mohammed bin Mussud 30 „ „ Sayd bin Hamed 90 „ Die Herald-Expedition 50 Soldaten Mkasiwa’s Wanyamwezi 800 „ Halbblutleute und Wangwana 125 „ Unabhängige Häuptlinge und deren Leute 300 „
Das machte zusammen 2255 Menschen nach den mir von Thani bin Abdullah gegebenen und von einem von Scheikh bin Nasib besoldeten Belutsch bestätigten Zahlen. Von diesen Leuten waren 1500 mit Flinten und Feuerschlossmusketen, deutschen und französischen Doppelflinten, einigen englischen Enfield- und amerikanischen Springfieldgewehren bewaffnet. Ausserdem hatten sie meist Speere und lange Messer, um die Todten enthaupten und aus Rache verstümmeln zu können. Pulver und Kugeln waren reichlich vorhanden; einige der Leute hatten je hundert Schuss und von meinen Leuten erhielt jeder sechzig.
Als wir hinauszogen aus der Veste Mfuto, mit fliegenden Bannern, welche die verschiedenen Befehlshaber bezeichneten, mit schallenden Hörnern und fünfzig lärmenden Basstrommeln oder Gomas, unter reichlichen Segnungen der Mollahs und glücklichen Prophezeiungen der Wahrsager und Korandeuter, -- wer hätte da vorhersagen können, dass diese grosse Macht noch ehe eine Woche verflossen in dieselbe Veste Mfuto vollständig entmuthigt und demoralisirt so rasch wie möglich zurückkehren würde?
Das Datum, an dem wir Mfuto verliessen, um in den Krieg mit Mirambo zu ziehen, war der 3. August. Alle meine Güter waren in Mfuto aufgespeichert und fertig, um nach Udschidschi transportirt zu werden, sobald wir über den afrikanischen Häuptling gesiegt haben oder wenigstens für alle Fälle gesichert sein würden.
Lange ehe wir Umanda erreichten, befand ich mich in meiner Hängematte von wüthenden Wechselfieberanfällen heimgesucht, die erst spät in der Nacht aufhörten.
In dem sechs Stunden von Mfuto entfernt liegenden Umanda beschmierten sich die Krieger mit der Medizin, welche die Weisen für sie fabrizirt hatten und die aus einer Mischung von Matama-Mehl und dem Saft eines Krautes bestand, dessen Eigenschaften nur den Waganga der Wanyamwezi bekannt sind.
Am 4. August um 6 Uhr morgens waren wir wiederum marschfertig; vorher wurde jedoch das „Manneno“ oder die Rede von dem Redner der Wanyamwezi gehalten:
[Illustration: ANGRIFF AUF MIRAMBO.
I. S. 269.]
„Worte, Worte, Worte! Hört, Ihr Söhne von Mkasiwa, Ihr Kinder von Unyamwezi! Der Marsch liegt vor Euch, die Diebe des Waldes erwarten Euch. Ja, sie sind Diebe, denn sie plündern Euere Karavanen, sie stehlen Euer Elfenbein, sie morden Euere Frauen. Sieh da, die Araber sind bei Euch, die El Wali des arabischen Sultans, und der weisse Mann sind bei Euch. Geht hin, der Sohn von Mkasiwa ist bei Euch! Kämpft, tödtet, macht Sklaven, nehmt Tuch, nehmt Vieh, tödtet es, esst es und macht Euch satt. Geht!“
Lautes, wildes Geschrei folgte dieser kühnen Anrede. Die Thore des Dorfes wurden geöffnet und blau, roth und weiss gekleidete Soldaten stürzten hinaus wie Gymnasten und feuerten ihre Flinten beständig ab, um sich durch den Lärm zu ermuthigen oder Schrecken in das Herz derer zu jagen, die uns in dem stark umhegten Zimbizo, der Ortschaft des Sultans Kolongo, erwarteten.
Da Zimbizo nur fünf Stunden von Umanda entfernt ist, kamen wir um 11 Uhr in Sicht desselben. Wir hielten am Rande des bebauten Landes, welches dasselbe sammt seinen Nachbardörfern umgibt, im Schatten des Waldes. Strenger Befehl war von den verschiedenen Häuptlingen ertheilt worden, nicht eher zu feuern, als bis sie in Schussweite von der Boma entfernt seien.
Khamis bin Abdullah schlich durch den Wald nach dem Westen des Dorfes. Die Wanyamwezi nahmen ihre Stellung vor dem Hauptthore und wurden von den Truppen von Soud, dem Sohn Sayd’s, auf der Rechten und dem Sohn von Habib auf der Linken unterstützt. Abdullah, Mussud, ich selbst und andere trafen Vorbereitungen, die Ostpforte anzugreifen, wodurch das ganze Dorf, mit einziger Ausnahme der Nordseite, wirksam eingeschlossen war.
Plötzlich wurde ein Gewehrfeuer auf uns eröffnet, während wir aus dem längs des Weges nach Unyanyembé sich hinziehenden Walde herauskamen, in der Richtung, wo man den Anblick des Feindes erwartet hatte, und sofort begannen die Angriffstruppen in prächtigster Weise darauf loszufeuern. Es kamen zwar einige lächerliche Scenen vor, wo Leute sich anstellten, als ob sie feuerten, dann aber mit der Behendigkeit hüpfender Frösche auf die Seite, vor- oder rückwärts sprangen. Die Schlacht wurde jedoch darum nicht weniger im Ernst geliefert. Die Hinterlader meiner Leute verschlangen meine Metallpatronen viel schneller, als ich es gern sah; zum Glück jedoch liess das Feuern nach und lustig stürzten wir vom Westen, Süden, Norden ins Dorf, durch Thore und über hohe Umzäumungen, die es umgaben. Die armen Bewohner flohen aus dem Gehege durch die nördliche Pforte ins Gebirge, von den raschesten Läufern unserer Truppe verfolgt und von hinten mit Kugeln aus den Hinterladern und Jagdflinten beschossen.
Das Dorf war stark vertheidigt, und es fanden sich nicht mehr als 20 Leichname darin, da die feste, dicke Holzumzäumung eine vortreffliche Schutzwehr gegen unsere Kugeln gebildet hatte.
Von Zimbizo zogen wir, nachdem wir eine hinreichende Truppenmacht daselbst zurückgelassen, weiter und hatten in einer Stunde die Umgebung vom Feinde gesäubert und noch zwei Dörfer genommen, die geplündert und den Flammen übergeben wurden. Einige Elfenbeinzähne und etwa 50 Sklaven, sowie eine Masse Korn bildete die Beute, welche den Arabern zufiel.
Am 5. durchstreifte eine Abtheilung Araber und Sklaven, in Stärke von 700 Mann, die Umgegend und trug Feuer und Verwüstung bis in das Boma von Wilyankuru hin.
Am 6. führte Soud bin Sayd und etwa zwanzig junge Araber eine Truppe von 500 Mann gegen Wilyankuru selbst, wo man annahm, dass Mirambo sich aufhalte. Eine andere Abtheilung zog in die niedrigen von Wald bestandenen Berge, die etwas nördlich von Zimbizo liegen, wo sie einen jungen Walddieb im Schlaf überraschten, dem sie den Kopf vollständig umdrehten und darauf abschnitten. Eine dritte Abtheilung machte sich nach Süden auf und brachte einem Theil von Mirambo’s Buschräubern eine Niederlage bei, wie wir gegen Mittag erfuhren.
Am Morgen war ich nach Sayd bin Salim’s Tembé gegangen, um ihm vorzustellen, wie nöthig es sei, das lange Gras im Walde von Zimbizo niederzubrennen, da es doch vielleicht Feinde verbergen könne. Bald darauf jedoch bekam ich einen Anfall von Wechselfieber, der mich niederwarf und nöthigte, mich in mein Lager zu begeben und in wollene Decken zu hüllen, um zu schwitzen, was ich aber nicht eher that, als bis ich Shaw und Bombay verboten, irgendeinen meiner Leute aus dem Lager zu lassen. Ich hörte jedoch bald darauf von Selim, dass mehr als die Hälfte derselben ausgezogen war, um mit Soud bin Sayd Wilyankuru anzugreifen.
Etwa um 6 Uhr abends wurde das ganze Lager von Zimbizo von der Nachricht erschreckt, dass alle Araber, die Soud bin Sayd begleitet, getödtet und mehr als die Hälfte seiner Mannschaft erschlagen worden seien. Einige meiner Leute kehrten zurück, und von ihnen erfuhr ich, dass Uledi, der frühere Diener Grant’s, Mabruki Khatálabu (der Vatermörder), Mabruki (der Kleine), Baruti von Useguhha und Ferahan gefallen seien. Auch erzählten sie mir, es sei ihnen gelungen, Wilyankuru in kurzer Zeit zu nehmen; Mirambo und sein Sohn seien dagewesen; ersterer habe aber, nachdem sie eingezogen, seine Leute versammelt und das Dorf verlassen. Hierauf habe er sich in das Gras zu beiden Seiten des Weges zwischen Wilyankuru und Zimbizo in den Hinterhalt gelegt und die Angreifer, als sie mit mehr denn 100 Elfenbeinzähnen, 60 Ballen Zeug und 2 bis 300 Sklaven auf dem Heimwege gewesen, plötzlich auf beiden Seiten angegriffen und mit den Speeren niedergemacht. Der tapfere Soud habe seine doppelläufige Flinte abgeschossen und damit zwei Leute getödtet; wie er aber eben im Begriff gewesen, abermals zu laden, habe ihn ein Speer getroffen und durchbohrt. Alle übrigen Araber hätten dasselbe Schicksal erlitten. Dieser plötzliche Angriff eines Feindes, den man für besiegt gehalten, hatte die Mannschaft so demoralisirt, dass sie ihre Beute im Stich liess und insgesammt davonlief. Erst nachdem die Leute einen weiten Umweg durch die Wälder gemacht, kehrten sie nach Zimbizo zurück, um ihre traurige Geschichte zu erzählen.
Die Wirkung dieser Niederlage ist gar nicht zu beschreiben. Es war unmöglich, vor dem Geschrei der Weiber, deren Männer gefallen waren, zu schlafen. Die ganze Nacht heulten und wehklagten sie, und dazwischen hörte man das Stöhnen der Verwundeten, denen es gelungen war, vom Feinde unbemerkt durch das Gras davon zu schleichen. Neue Flüchtlinge kamen während der ganzen Nacht beständig an; von keinem meiner Leute aber, die todt gesagt waren, wurde je wieder etwas gehört.
Am 7. zogen wir uns traurig und mistrauisch zurück; die Araber beschuldigten sich gegenseitig, dass sie den Krieg angefangen, ohne vorher alle friedlichen Mittel erschöpft zu haben. Stürmische Kriegsversammlungen fanden statt, worin einige den Vorschlag machten, sofort nach Unyanyembé zurückzukehren und in den Häusern zu bleiben. Khamis bin Abdullah tobte als beschimpfter Fürst gegen die elende Feigheit seiner Landsleute los. Diese stürmischen Versammlungen und Vorschläge zum Rückzug wurden alsbald im ganzen Lager bekannt und trugen mehr als irgendetwas anderes dazu bei, die verbündeten Truppen der Wanyamwezi und Sklaven vollständig zu demoralisiren. Ich sandte Bombay zu Sayd bin Salim mit dem Rath, nicht an einen Rückzug zu denken, da dies nur Mirambo ermuthigen würde, den Kriegsschauplatz nach Unyanyembé zu verlegen.
Nachdem ich Bombay mit dieser Botschaft abgeschickt, schlief ich ein, wurde aber ungefähr um ½2 Uhr nachmittags von Selim mit den Worten aufgeweckt: „Herr, stehen Sie auf; alles läuft fort und Khamis bin Abdullah zieht selbst auch davon.“
Mit Hülfe von Selim kleidete ich mich an und wankte zur Thür. Mein erster Anblick war der, wie Thani bin Abdullah fortgeschleppt wurde. Als er mich erblickte, rief er: „Bana, rasch, Mirambo kommt!“ Dann machte er sich ans Laufen und zog sich seine Jacke an, während ihm die Augen vor Schrecken fast aus den Augenhöhlen zu treten schienen. Khamis bin Abdullah war auch im Begriff, als letzter Araber abzuziehen. Zwei meiner Leute wollten ihm eben folgen; doch gab ich Selim den Befehl, diese mit einem Revolver zum Bleiben zu zwingen. Shaw sattelte seinen Esel mit meinem Sattel, in der Absicht, mich zu verlassen und der Barmherzigkeit Mirambo’s anheimzugeben. Es blieben mir nur Bombay, Mabruki-Speke und Dschanda, welcher sein Mittagessen mit Gemüthsruhe verzehrte, Mabruk Unyanyembé, Mtamani, Dschuma und Sarmian, also nur sieben von fünfzig. Alle andern waren weggelaufen und jetzt schon über alle Berge, ausser Uledi (Manwa Sera) und Zaidi, welche Selim mit dem geladenen Revolver zurückgebracht hatte. Selim erhielt nun den Befehl, meinen Esel zu satteln, und Bombay musste Shaw beim Satteln des seinigen behülflich sein. In wenigen Augenblicken befanden wir uns auf dem Wege, wobei die Leute sich immer nach dem verfolgenden Feinde umsahen und die Esel mit Erfolg tüchtig antrieben, denn diese gingen im scharfen Trabe, was mir grosse Schmerzen verursachte. Gern hätte ich mich hingelegt, um zu sterben, das Leben hatte aber doch noch Reiz für mich und ich hatte noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, meine Mission glücklich zu Ende führen zu können. Mein Geist war lebhaft mit allerlei Plänen beschäftigt während der langen, einsamen Nachtstunden, die wir dazu brauchten, um Mfuto zu erreichen, wohin die Araber sich zurückgezogen. In dieser Nacht fiel Shaw von seinem Esel und wollte nicht aufstehen, obgleich wir ihn dringend darum baten. Da ich selbst nicht verzweifelte, so wünschte ich auch nicht, dass Shaw alle Hoffnung aufgeben solle. Er wurde also wieder auf sein Thier gehoben und je ein Mann ihm zur Seite gestellt, um ihn zu unterstützen. So ritten wir durch die Dunkelheit. Um Mitternacht erreichten wir Mfuto sicher und wurden sofort in das Dorf hineingelassen, aus dem wir so tapfer hinausgezogen und in das wir so schmachbeladen zurückkehrten.
Ich fand, dass alle meine Leute vor Eintritt der Dunkelheit hier angekommen waren. Ulimengo, der kühne Führer, der über seine Waffen und unsere Streitmacht so sehr gefrohlockt hatte und des Sieges so gewiss gewesen war, hatte den elfstündigen Marsch in sechs Stunden zurückgelegt. Der stämmige Tschaupereh, den ich als den getreuesten meiner Leute betrachtete, war nur eine halbe Stunde nach Ulimengo angekommen, und der muntere Khamisi, der Geck, Redner und wilde Demagoge, war als dritter dagewesen. Speke’s „Getreue“ hatten sich ebenso feige bewiesen, wie irgendein anderer armer Neger. Nur Selim, der junge Araber aus Jerusalem, war tapfer und treu gewesen. Denn Shaw, obwol geborener Europäer, hatte sich als eine mindestens ebenso niedrige, gemeine Seele wie irgendein Neger, wenn nicht noch schlimmer gezeigt.
Ich fragte Selim: „Warum bist Du nicht auch fortgelaufen und hast Deinen Herrn dem Tode überlassen?“
„O“, sagte der junge Araber naiv, „ich fürchtete, dass Sie mich peitschen würden.“
[6] Es gibt keinen Ort, der Kazeh heisst.
[Illustration: GRUPPE VON WANYAMWEZI.]