ZEHNTES KAPITEL.
+Nach Mrera in Ukonongo.+
Aufbruch aus Kwihara. -- Bombay bekommt Prügel. -- Shaw wünscht zurückzubleiben. -- Ich zwinge ihn weiterzuziehen. -- Ein neuer Fieberanfall. -- Livingstone’s Briefträger fehlt. -- Ankunft in Kasegera. -- Shaw kann nicht mehr weiter und wird nach Kwihara zurückgeschickt. -- Die herrlichen Wälder von Unyamwezi. -- Wir kommen nach Ugunda. -- Das Mukunguru. -- Beschreibung dieses Fiebers. -- Eine prächtige Sykomore. -- Ein Opfer der Pocken. -- Zahlreiche Skelete auf dem Wege. -- Ankunft in Manyara. -- Streit mit dem Sultan über den Tribut. -- Er besucht mich. -- Eine Dosis Ammoniak. -- Verwunderung des Sultans. -- Das Paradies des Jägers. -- Meine erste Jagdbeute, eine Antilope. -- Zebrajagd. -- Abenteuer mit einem Krokodil. -- Zwei Jagdtage. -- Meuterei. -- Asmani und Mabruki legen auf mich an. -- Der Frieden wiederhergestellt. -- Bombay erhält wieder Prügel und wird in Ketten gelegt. -- Charakteristik meiner wichtigsten Leute. -- Ankunft in Ziwani. -- Der Honigvogel. -- Utende. -- Mwaru. -- Ankunft in Mrera. -- Allerlei Arbeit. 297
VERZEICHNISS DER ABBILDUNGEN.
Seite
Lager in Bagamoyo 46
Bombay und Mabruki 73
Frau beim Kornmahlen 109
Shaw und Farquhar 122
Unser Lager in Tschunyo 168
Mann und Frau aus Ugogo 216
Plan 221
Thor eines Dorfes 231
Kriegswaffen 233
Junge Wasagara 239
Ein Tembé aus der Vogelschau 243
Ansicht von meinem Tembé aus 248
Gruppe von Wanyamwezi 275
Lager unter einer Riesen-Sykomore 313
SEPARATBILDER.
Zanzibar (Titelbild). Seite
James Gordon Bennett, Eigenthümer des „New York Herald“ 1
Bagamoyo 46
Simbamwenni, die „Löwenstadt“ 117
Der Makata-Sumpf 136
Shaw auf dem Marsche 151
See Ugombo 152
Der Berg Kibwe und das Thal des Mukondokwa 236
Angriff auf Mirambo 269
Kwihara 297
Mamanyara nimmt Medicin 319
Meuterei am Gombé-Fluss 328
Selim, der Dolmetscher 334
[Illustration: JAMES GORDON BENNETT.
Eigenthümer des „New York Herald“.
I. S. 1.]
EINLEITUNG.
Am 16. October 1869 war ich von den Kämpfen bei Valencia soeben in Madrid angekommen. Um 10 Uhr vormittags überreicht mir Jacopo, in Nr. -- Calle de la Cruz, ein Telegramm, welches lautet: „Kommen Sie sofort nach Paris wegen wichtiger Geschäfte“.
Das Telegramm ist von James Gordon Bennett jun., dem jungen Director des „New York Herald“.
Schleunigst nehme ich meine Bilder von den Wänden meiner im zweiten Stock belegenen Zimmer, packe meine Bücher und Andenken, meine hastig zusammengerafften theils halbgewaschenen, theils noch nicht getrockneten Kleider in meine Koffer, und nach ein paar Stunden eiliger und angestrengter Arbeit ist mein Gepäck geschnürt und nach Paris signirt.
Der Eilzug nach Hendaye verlässt Madrid um 3 Uhr nachmittags; ich habe also noch Zeit, meinen Freunden Lebewohl zu sagen. Einer derselben, Berichterstatter für verschiedene londoner Zeitungen, wohnt Nr. 6 Calle Goya im vierten Stock. Er hat mehrere Kinder, an denen ich ein warmes Interesse nehme. Der kleine Karl und Willy sind intime Freunde von mir; sie hören meine Abenteuer gern und es war mir ein Vergnügen mich mit ihnen zu unterhalten, jetzt aber muss ich ihnen Lebewohl sagen.
Dann habe ich noch Bekannte bei der nordamerikanischen Gesandtschaft, mit denen ich gern verkehre. Alles das ist jetzt plötzlich zu Ende.
„Ich hoffe, Sie werden uns schreiben, wir werden uns stets freuen, von Ihrem Wohlergehen zu hören.“
Wie oft habe ich nicht während meines aufgeregten Lebens als unsteter Journalist die gleichen Worte gehört und wie oft habe ich denselben Schmerz beim Scheiden von ebenso lieben Freunden empfunden.
Aber ein Journalist wie ich muss das schwerste ertragen lernen; wie ein Gladiator in der Arena muss er stets zum Kampf bereit sein; wenn er feige zurückweicht, ist er verloren. Der Gladiator muss sich dem auf seine Brust gezückten Schwert aussetzen; der reisende Journalist oder herumstreichende Correspondent muss dem Befehle gehorchen, der ihn seinem Verhängniss entgegenschicken kann; zur Schlacht wie zum Banket lautet er immer gleich: „Mache dich fertig und geh!“ --
Um 3 Uhr nachmittags war ich unterwegs und da ich in Bayonne einige Stunden Aufenthalt hatte, kam ich in Paris erst in der folgenden Nacht an. Ich ging direct ins Grand Hôtel und klopfte an Herrn Bennett’s Thüre.
„Herein!“ rief eine Stimme.
Bei meinem Eintritt fand ich Herrn Bennett im Bett.
„Wer sind Sie?“ fragte er.
„Mein Name ist Stanley“, antwortete ich.
„Ach ja! Nehmen Sie Platz. Ich habe ein wichtiges Geschäft für Sie.“
Nachdem er sich den Schlafrock umgeworfen, fragte mich Herr Bennett: „Wo glauben Sie, dass Livingstone sich aufhält?“
„Ich weiss es wirklich nicht.“
„Glauben Sie, dass er am Leben ist?“
„Kann sein, kann aber auch nicht sein“, antwortete ich.
„Ich erlaube, er ist am Leben und man kann ihn finden, und ich will Sie ausschicken, um ihn aufzusuchen.“
„Was?“ sagte ich, „Sie meinen wirklich, dass ich im Stande bin, Dr. Livingstone aufzufinden? Sie meinen, dass ich nach Central-Afrika gehen soll?“
„Ja wohl, ich meine, dass Sie hingehen und ihn aufsuchen sollen, wo Sie ihn nur immer vermuthen können, dass Sie dann alle Nachrichten, die Sie von ihm erhalten können, sammeln. Und vielleicht“, fügte er in nachdenklichem Tone hinzu, „ist der alte Mann in Noth. Nehmen Sie genug mit sich, um ihm beizustehen, wenn er dessen bedarf. Natürlich werden Sie nach eigenem Plane handeln und das thun, was Sie für das Beste halten, aber -- +finden Sie Livingstone+!“
„Aber“, sagte ich in Verwunderung über den kaltblütigen Befehl, mit dem man einen Menschen nach Central-Afrika schickte, um einen Mann aufzusuchen, den ich wie die meisten für todt hielt, „haben Sie ernstlich die grosse Ausgabe überlegt, der Sie sich für diese kleine Reise aussetzen?“
„Was wird es kosten?“ fragte er kurz.
„Burton’s und Speke’s Reise nach Central-Afrika hat 3000 bis 5000 Pfd. St. gekostet, und ich denke man kann die Reise nicht für weniger als 2.500 Pfd. St. machen.“
„Gut, da will ich Ihnen sagen, was zu thun. Erheben Sie zunächst 1000 Pfd., und wenn Sie dies verbraucht haben trassiren Sie wieder über 1000 Pfd., und wenn diese verausgabt sind abermals 1000 Pfd., und wenn Sie damit zu Rande sind noch 1000 Pfd. u. s. w., aber -- +finden Sie Livingstone+!“
Erstaunt aber nicht irre gemacht durch diesen Befehl, -- denn ich wusste, dass wenn Herr Bennett einmal zu etwas entschlossen, er nicht leicht von seinem Plane abging,-- meinte ich doch, da es ein solches Riesenunternehmen war, dass er noch nicht völlig die Gründe und Gegengründe bei sich erwogen habe, und sagte: „Ich habe gehört, dass, wenn Ihr Vater stirbt, Sie den «Herald» verkaufen und sich vom Geschäft zurückziehen wollen.“
„Wer Ihnen das gesagt hat, hat Sie falsch berichtet, denn es gibt gar nicht Geld genug in New York, um den «New York Herald» zu kaufen. Mein Vater hat ihn zu einer grossen Zeitung gemacht, aber ich gedenke ihn noch bedeutend zu vergrössern. Ich wünsche, dass er eine Zeitung in dem wahren Sinne des Wortes werde. Ich meine, dass er alles bringen soll, was die Welt interessirt, gleichviel was das kosten möge.“
Ich erwiderte ihm: „Dann habe ich nichts weiter zu sagen. -- Meinen Sie, dass ich direct nach Afrika gehen soll, um Dr. Livingstone aufzusuchen?“
„Nein; ich wünsche, dass Sie sich zuerst zur Einweihung des Suez-Kanals begeben und dann den Nil hinaufgehen. Ich höre, dass sich Baker gerade nach Oberägypten begibt; suchen Sie alles über seine Expedition zu erfahren, was Sie können, und wenn Sie den Nil hinaufgehen, beschreiben Sie möglichst genau alles, was für Touristen von Interesse ist. Schreiben Sie einen Führer, einen recht praktischen, für Unterägypten, in dem Sie uns alles berichten, was es dort Sehenswerthes gibt und wie man es zu sehen hat.
„Dann könnten Sie auch nach Jerusalem gehen, Kapitän Warren soll dort eben einige interessante Entdeckungen machen. Besuchen Sie darauf Konstantinopel und berichten Sie über die zwischen dem Khedive und dem Sultan herrschenden Schwierigkeiten. Dann können Sie ja wol auch die Krim und die alten Schlachtfelder dort besuchen. Gehen Sie durch den Kaukasus ans Kaspische Meer, dort sollen die Russen eine Expedition gegen Chiwa ausrüsten. Von da können Sie durch Persien nach Indien gehen und uns einen interessanten Bericht aus Persepolis schreiben. Bagdad liegt dicht an Ihrem Wege nach Indien; wie wäre es, wenn Sie dort hingingen und uns etwas über die Euphratthal-Eisenbahn berichteten. Wenn Sie dann in Indien gewesen sind, können Sie sich nach Livingstone umschauen. Vermuthlich werden Sie bis dahin gehört haben, dass er sich auf dem Rückwege nach Zanzibar befindet, wenn nicht, so gehen Sie ins Innere und suchen Sie ihn dort. Wenn er am Leben ist, versuchen Sie es, von ihm soviel Nachrichten als möglich über seine Entdeckungen zu erlangen, und wenn er todt ist, bringen Sie alle möglichen Beweise für seinen Tod mit. Das ist alles. Gute Nacht und Gott sei mit Ihnen!“
„Gute Nacht“, sagte ich, „ich will alles thun, was in der Menschenmöglichkeit liegt, und Gott wird bei einer Aufgabe, wie sie mir gestellt ist, mit mir sein.“
Ich wohnte mit dem jungen Edward King zusammen, der sich einen so grossen Namen in Neuengland macht. Er war gerade der Mann, der sich gefreut haben würde, seiner Zeitung zu erzählen, was der junge Herr Bennett triebe und was für eine Aufgabe mir gestellt worden sei. Ich hätte gern meine Ansichten über die wahrscheinlichen Resultate meiner Reise mit ihm ausgetauscht, aber ich wagte das nicht. Obgleich schwer von meiner grossen Aufgabe gedrückt, musste ich mir doch das Ansehen geben, als ob ich nur zur Einweihung des Suez-Kanals ginge. Der junge King begleitete mich an den marseiller Eilzug und wir trennten uns auf dem Bahnhofe, er, um die Zeitungen in Bowles’ Lesezimmer zu lesen, ich, um nach Central-Afrika und wer weiss wohin sonst noch zu gehen.
Ich brauche hier gar nicht aufzuzählen, was ich gethan habe, ehe ich nach Central-Afrika ging: ich zog den Nil hinauf, sah den Oberingenieur der Baker’schen Expedition, Herrn Higginbotham, in Phylae und verhinderte ein Duell zwischen ihm und einem tollen jungen Franzosen, der sich mit Herrn Higginbotham auf Pistolen duelliren wollte, weil er die Zumuthung übelnahm, für einen Aegypter gehalten zu werden, obgleich er ein Fes trug. Ich habe mich mit Kapitän Warren in Jerusalem unterhalten und bin dort mit einem Unteringenieur in eine der Gruben gefahren, um die Merkzeichen der tyrischen Arbeiter auf den Grundsteinen des Salomonischen Tempels zu besehen. Ich habe die Moscheen von Stambul in Gesellschaft des nordamerikanischen Ministerresidenten und Generalkonsuls besucht, ich bin über die Schlachtfelder der Krim gereist, Kinglake’s berühmtes Werk in der Hand; ich habe mit der Witwe des Generals Liprandi in Odessa gespeist; ich habe in Trapezunt den arabischen Reisenden Palgrave und in Tiflis den Civilgouverneur des Kaukasus, Baron Nicolay besucht; in Teheran bin ich mit dem russischen Gesandten zusammengewesen, habe überall auf meiner Reise durch Persien die grösste Gastfreundschaft von den Herren der indoeuropäischen Telegraphen-Gesellschaft erfahren, und nach dem Beispiel vieler berühmter Männer meinen Namen auf die Monumente von Persepolis eingeschrieben. Im Monat August 1870 kam ich in Indien an, am 12. October fuhr ich auf der Barke „Polly“ von Bombay nach Mauritius. Da die „Polly“ ein langsames Schiff war, dauerte die Ueberfahrt 37 Tage. Am Bord der Barke befand sich ein gewisser William Lawrence Farquhar aus Leith in Schottland als erster Steuermann. Er war ein ausgezeichneter Schiffer, und da ich meinte, dass er mir von Nutzen sein könnte, nahm ich ihn in Dienst unter der Bedingung, dass sein Sold von dem Tage angehen solle, wo wir von Zanzibar nach Bagamoyo abreisen würden. Da ich keine Gelegenheit hatte, direct nach Zanzibar zu fahren, so ging ich zu Schiff nach den Seychellen. Drei oder vier Tage nach meiner Ankunft in Mahé, einer Insel der Seychellen, hatte ich das Glück, auf einem amerikanischen Walfischfahrer mit William Lawrence Farquhar und Selim, einem arabischen Christenknaben aus Jerusalem, der als Dolmetscher fungiren sollte, nach Zanzibar zu segeln, in welchem Hafen wir am 26. Januar 1871 ankamen.
Soweit habe ich also meine Reisen nur oberflächlich berührt, weil sie den Leser nicht interessiren; sie haben mich durch viele Länder geführt, aber dieses Buch ist nur eine Beschreibung der Reise, auf welcher ich Livingstone, den grossen Afrikareisenden, suchte. Sie ist, ich gestehe es zu, ein Ikarusflug des Journalismus, einige haben sie sogar für ein Donquixotiade erklärt; diese Bezeichnung kann ich jetzt aber von mir abweisen, wie der Leser zugeben wird, noch ehe er an das Ende des Buches kommt.
Ich habe mich des Wortes „Soldaten“ in diesem Buche bedient. Die bewaffnete Begleitung, welche ein Reisender in Sold nimmt, damit sie ihn nach Ostafrika geleite, besteht aus freien Schwarzen, Eingeborenen von Zanzibar, oder befreiten Sklaven aus dem Innern, welche sich Askari nennen, ein indisches Wort, das in seiner Uebersetzung „Soldaten“ bedeutet. Sie sind wie Soldaten bewaffnet und ausgerüstet, obgleich sie sich auch als Dienstboten vermiethen, aber es würde anmassender von mir sein sie Bediente zu nennen, als das Wort „Soldaten“ dafür zu gebrauchen, und da ich mehr gewohnt gewesen bin sie Soldaten, als meine Watuma Diener zu nennen, so konnte ich mir das nicht mehr abgewöhnen; deshalb habe ich den Ausdruck „Soldaten“ stehen lassen, schicke jedoch dieses Wort der Entschuldigung voran.
Auch habe ich vielleicht das persönliche Fürwort der ersten Person singularis „ich“ häufiger gebraucht, als die Bescheidenheit es eigentlich gestattet, aber man darf nicht vergessen, dass ich eine Erzählung meiner eigenen Abenteuer und Reisen schreibe und dass ich annehme, dass das grösste Interesse bis zu dem Punkt, wo ich mit Livingstone zusammenkomme, sich an mich, meine Märsche, meine Schwierigkeiten, meine Gedanken und Eindrücke knüpft. Trotzdem folgt daraus, dass ich hin und wieder von +meiner+ Expedition oder +meiner+ Karavane spreche, noch keineswegs, dass ich mir dieses Recht anmasse, denn ich bemerke ausdrücklich, dass es die Expedition des „New York Herald“ ist, dass ich nur den Befehl über dieselbe von Herrn James Gordon Bennett, dem Besitzer des „New York Herald“, erhalten habe und von diesem Herrn besoldet worden bin.
Noch eins: ich habe die erzählende Form für die Darstellung meiner Reise gewählt, weil sie ein grösseres Interesse zu besitzen scheint als die Form des Tagebuches, und ich glaube, dass ich auf diese Weise den grossen Fehler der Wiederholung vermeide, den man vielen Reisenden zum Vorwurf macht.
Nach diesen Auseinandersetzungen halte ich es nicht für nöthig, noch irgendetwas in der Einleitung zu sagen und beginne daher meine Erzählung.
~London~, 8, Duchess Street, Portland Place, October 1872.
HENRY M. STANLEY.