Chapter 17 of 18 · 6696 words · ~33 min read

NEUNTES KAPITEL.

DAS LEBEN IN UNYANYEMBÉ. (Fortsetzung.)

Die Araber ziehen sich nach Tabora zurück. -- Ich ziehe weiter. -- Ankunft in Kwihara. -- Ich versuche eine andere Route. -- Meine Lage wird sehr ernst. -- Farquhar’s Tod wird berichtet. -- Niederlage der Araber in Tabora. -- Tod des Khamis bin Abdullah. -- Tabora in Flammen. -- Vorbereitungen zur Vertheidigung. -- Der philosophische Scheikh bin Nasib. -- Ich entschliesse mich, eine fliegende Karavane nach Udschidschi zu führen. -- Tod des Baruti. -- Meine Leute verlieren den Muth. -- Der kleine Bursche Kalulu. -- Taufe desselben. -- Mirambo greift Mfuto an und wird zurückgeschlagen. -- Selim im Fieber-Delirium. -- Zwei Führer: Asmani und Mabruki. -- Mein Entschluss, Livingstone bestimmt aufzufinden.

Es fiel den arabischen Grössen nicht ein, dass ich Ursache habe, mich über sie zu beklagen, dass ich ein Recht habe, mich durch ihre schnöde Desertion verletzt zu fühlen; ich, der ich aus Freundschaftspflicht zu ihren Gunsten zu den Waffen gegriffen. Am nächsten Morgen nach dem Rückzuge liessen sie mir ihre Salaams zutheil werden, als ob gar nichts passirt sei, das die guten Beziehungen zwischen uns gestört haben könnte.

Kaum hatten sie aber Platz genommen, als ich ihnen erklärte, sie möchten, da der Krieg nur zwischen ihnen und Mirambo ausgebrochen sei und wol bedeutend mehr Zeit in Anspruch nehmen werde, als ich daran wenden könne, namentlich wenn sie nach jedem kleinen Unfall weglaufen wollten, mich, nachdem sie ihre Verwundeten und Kranken auf dem Felde sich selbst überlassen, nicht mehr als Verbündeten ansehen. „Ich bin überzeugt“, sagte ich, „nachdem ich Euere Art zu kämpfen angesehen, dass der Krieg nicht in so kurzer Zeit beendet sein wird, als Ihr es glaubt. Es hat Euch, wie ich höre, fünf Jahre gekostet, Manwa Sera zu besiegen und zu tödten, und Ihr werdet gewiss Mirambo nicht in weniger als einem Jahre überwältigen. Ich bin als Weisser an eine andere Art der Kriegführung gewöhnt und verstehe etwas vom Kämpfen, habe aber noch nie Leute aus einem Lager wie das unsrige in Zimbizo aus einem so geringfügigen Grunde, wie bei Euch, weglaufen sehen. Dadurch habt Ihr Mirambo aufgefordert, Euch nach Unyanyembé zu folgen, und Ihr könnt Euch darauf verlassen, er wird es thun.“

Die Araber versicherten einer nach dem andern, sie hätten nicht die Absicht gehabt, mich zu verlassen; die Wanyamwezi von Mkasiwa aber hätten geschrien, der Musungu sei fort, und dieses Geschrei hätte einen panischen Schrecken unter ihren Leuten hervorgerufen, der sich nicht habe aufhalten lassen.

Später an demselben Tage setzten die Araber ihren Rückzug bis Tabora fort, welches 22 Meilen von Mfuto entfernt ist. Ich beschloss, langsamer zu reisen, und am zweiten Tage nach der Flucht von Zimbizo marschirte meine Expedition mit allen Vorräthen zurück nach Masangi, und erst am dritten nach Kwihara.

Die hier folgenden Auszüge aus meinem Tagebuche werden am besten die Gefühle und Gedanken an den Tag legen, die mich um diese Zeit, nach unserer schmachvollen Flucht, bewegten.

+Kwihara, Freitag, 11. August 1871.+ Heute aus Zimbili, dem Dorfe Bomboma’s, angekommen. Ich bin ganz enttäuscht und fast entmuthigt, habe aber einen Trost: ich habe den Arabern gegenüber meine Pflicht gethan und zwar weil ich glaubte, dass ich es ihnen wegen der Güte, mit der sie mich empfangen, schuldig sei. Jetzt jedoch habe ich meine Schuld abgetragen und fühle mich wieder frei, kann wieder meinen eigenen Weg gehen. Ich freue mich aus mehrfachen Gründen, dass ich meine Schuld mit so geringen Opfern losgeworden. Hätte ich mein Leben bei diesem Unternehmen eingebüsst, so wäre das nur eine gerechte Strafe gewesen. Aber ausser meiner Verpflichtung gegen die Araber lag die Nothwendigkeit vor, alles zu versuchen, um Livingstone rasch zu erreichen. Dieser Weg, den der Krieg mit Mirambo versperrt, führt von hier in einem Monate nach Udschidschi, und wenn er durch meine Beihülfe rascher als ohne dieselbe wieder frei werden konnte, warum sollte ich sie verweigern? Zum zweiten male ist der Versuch gemacht worden, nach Udschidschi zu kommen und -- beide sind fehlgeschlagen. Jetzt werde ich einen andern Weg versuchen, denn durch den Norden hinzuziehen würde Thorheit sein. Mirambo’s Mutter und Volk und die Wasui liegen zwischen mir und Udschidschi, ganz abgesehen von den Watuta, die seine Verbündeten und Räuber sind. Die südliche Route scheint mir die praktischere zu sein. Zwar wissen nur wenige Menschen etwas von dem Lande im Süden und die, welche ich darum befragt habe, sprechen von Wassermangel und räuberischen Wazavira als ernstlichen Hindernissen, sowie dass es dort nur wenige Ansiedlungen gibt und diese weit auseinanderliegen.

Ehe ich es aber wagen kann, diese neue Route einzuschlagen, muss ich mir neue Leute miethen, da die, welche ich nach Mfuto mitgenommen, ihre Verpflichtung als erloschen ansehen und der Tod von fünf Kameraden ihre Reiselust etwas gedämpft hat. Es ist unnütz zu hoffen, dass ich Wanyamwezi bekommen werde, denn es ist gegen ihre Gewohnheit, Karavanen während Kriegszeiten als Lastträger zu begleiten. Daher ist meine Lage eine sehr ernste und ich hätte Entschuldigung genug, nach der Küste zurückzukehren, aber mein Gewissen gestattet mir dies nicht, nachdem ich so viel Geld ausgegeben und man so grosses Vertrauen auf mich gesetzt hat. Fürwahr, ich fühle es, dass ich lieber sterben als zurückkehren muss.

+Sonnabend, 12. August.+ Meine Leute sind, wie ich vorausgesehen, fortgelaufen. Sie behaupteten, ich hätte sie gemiethet, um über Mirambo’s Weg nach Udschidschi zu gehen. Jetzt habe ich nur 13 übrig. Wohin kann ich mit diesem kleinen Trupp gehen? Mehr als 100 Lasten habe ich in meiner Vorrathskammer. Livingstone’s Karavane ist auch hier; seine Güter bestehen aus 17 Ballen Tuch, 12 Kisten und 6 Beuteln Perlen. Seine Leute schwelgen hier im besten, was das Land nur bietet.

Wenn Livingstone in Udschidschi ist, so ist er jetzt wegen Mangel an Subsistenzmitteln ausser Stande, fortzuziehen. Auch ich kann mich als in Unyanyembé eingeschlossen ansehen und werde wol kaum nach Udschidschi gehen können, bis der Krieg mit Mirambo vorüber ist. Livingstone kann seine Waaren nicht bekommen, denn sie sind hier bei mir. Nach Zanzibar kann er auch nicht zurückkehren und der Weg nach dem Nil ist ihm ebenfalls versperrt. Zwar könnte er vielleicht, wenn er Leute und Vorräthe hat, Baker erreichen, indem er nach Norden durch Urundi, Ruanda, Karagwah, Uganda, Unyoro und Ubari nach Gondokoro zieht. Pagazi kann er aber nicht bekommen, denn die Quellen, aus denen man sie bezieht, sind verstopft. Es ist durchaus falsch, anzunehmen, Livingstone könne, trotz aller seiner Energie, ohne Begleitung und einen ausreichenden Vorrath von marktüblichem Zeug und Perlen durch Afrika reisen.

Heute erzählte mir ein Mann, Livingstone sei, als er vom See Nyassa nach dem Tanganika reiste (gerade zur Zeit, wo man ihn für ermordet hielt), mit Sayd bin Omar’s Karavane zusammengetroffen, die nach Ulamba zog. Damals reiste er mit Mohammed bin Gharib. Dieser Araber, der von Urungu kam, sah Livingstone in Tschi-cumbi’s- oder Kwa-tschi-kumbi’s Lande und reiste mit ihm später, wie ich höre, nach Manyuema oder Manyema. Manyema liegt 40 Märsche nördlich vom Nyassa. Livingstone ging damals zu Fuss und war in amerikanischer Leinwand gekleidet. Er hatte all sein Tuch im See Liemba verloren, als er in einem Boot über denselben setzte. Damals hatte er drei Nachen bei sich. In dem einen befand sich sein Tuch, im andern seine Kisten und einige Mannschaft, ins dritte war er selbst mit zwei Dienern und zwei Fischern gestiegen. Das Boot mit dem Tuch schlug um. Von Nyassa ging Livingstone nach Ubissa, von dort nach Uemba und von da nach Urungu. Er trug eine Mütze, hatte einen doppelläufigen gezogenen Hinterlader bei sich, für Sprengkugeln eingerichtet. Auch war er mit zwei Revolvern bewaffnet. Die Wahiyau, welche bei Livingstone waren, hatten diesem Manne erzählt, ihr Herr habe viele Leute bei sich gehabt, mehrere davon seien ihm aber desertirt.

+13. August.+ Heute kam eine Karavane von der Seeküste an. Sie berichtete, dass William Lawrence Farquhar, den ich in Mpwapwa in Usagara krank zurückgelassen hatte, und sein Koch gestorben seien. Farquhar sei einige Tage, nachdem ich in Ugogo eingezogen, gestorben, sein Koch ein paar Wochen später. Mein erster Impuls war der Gedanke an Rache. Ich glaubte nämlich, dass Leukole falsch gegen mich gehandelt und ihn vergiftet habe oder dass er sonst irgendwie ermordet worden sei. Eine persönliche Unterredung mit dem Mswahili jedoch, der mir die Nachricht überbrachte und erzählte, Farquhar sei seiner schrecklichen Krankheit erlegen, befreite mich von diesem Verdacht. Soweit ich ihn verstehen konnte, hätte Farquhar an dem Morgen des Tages sich für wohl genug gehalten, weiterzuziehen, war aber beim Versuche aufzustehen, zurückgefallen und gestorben. Auch erfuhr ich, dass die Wasagara, da sie manche abergläubische Ansichten in Bezug auf die Todten haben, Dschako beauftragt hätten, den Körper zur Beerdigung hinauszuschaffen und dass dieser, ausser Stande, ihn zu tragen, ihn in ein Dickicht geschleppt und daselbst, ohne ihn mit Erde oder sonstwie zuzudecken, nackt hätte liegen lassen.

„Da ist also einer von uns dahin, mein lieber Shaw! Wer wird wol der nächste sein?“ sagte ich an dem Abend zu meinem Gefährten.

+14. August.+ Einige Briefe nach Zanzibar geschrieben. Shaw wurde gestern Abend sehr krank. Ob es Fieber ist oder was sonst, weiss ich nicht. Ich glaube nicht, dass es Fieber ist. Ich fürchte, es ist eine durch Ansteckung zugezogene Krankheit. Ich habe keine Arzneien dafür; daher habe ich drei Soldaten nach Zanzibar geschickt, nachdem ich ihnen je 50 Dollars versprochen, damit sie sich recht beeilten.

+19. August, Sonnabend.+ Meine Soldaten sind damit beschäftigt, Perlen aufzureihen. Shaw liegt noch zu Bett. Wir hören, dass Mirambo im Begriff ist, gegen Unyanyembé zu ziehen. Eine Abtheilung Araber ist mit ihren Sklaven heute Morgen ausgezogen, um sich des Pulvers zu bemächtigen, das der gefürchtete Scheikh Sayd bin Salim, der Oberbefehlshaber der arabischen Ansiedlungen, dort gelassen hat.

+21. August, Montag.+ Shaw noch krank. 100 Fundo Perlen sind aufgezogen. Die Araber bereiten sich auf einen neuen Ausfall gegen Mirambo vor. Heute Morgen hat Sayd bin Salim geleugnet, dass Mirambo gegen Unyanyembé vorgeht.

+22. August.+ Als wir heute Morgen Perlen aufreihten, hörten wir ungefähr um 10 Uhr ein beständiges Feuern aus der Gegend von Tabora. Wir stürzten von unserer Arbeit an die Vorderthür, von wo aus man nach Tabora sieht und hörten deutlich bedeutendes Kleingewehrfeuer und zerstreutes Schiessen. Als ich auf das Dach meiner Tembé stieg, sah ich mit meinen Gläsern den Rauch der Flinten. Einige meiner Leute, die ich ausschickte, um die Ursache zu ermitteln, kamen mit der Nachricht zurück, Mirambo habe Tabora mit mehr als 2000 Mann angegriffen und eine Schar von mehr als 1000 Watuta, die sich mit ihm des Raubes wegen verbündet, habe plötzlich Tabora auch von andern Seiten angegriffen.

Später am Tage, ungefähr gegen Mittag, sahen wir, als wir den niedrigen Sattel, über welchem man Tabora erblicken kann, beobachteten, denselben von Flüchtlingen aus jener Colonie dicht besetzt, die zu uns nach Kwihara um Schutz flohen. Von diesen Leuten erhielten wir die traurige Nachricht, dass der edle Khamis bin Abdullah, sein kleiner Schützling Khamis, Mohammed bin Abdullah, Ibrahim bin Raschid und Sayf, der Sohn Ali’s, des Sohnes von Scheikh, des Sohnes von Nasib, erschlagen worden seien.

Als ich mich nach den Einzelheiten des Angriffs und der Todesart dieser Araber erkundigte, hörte ich, Khamis bin Abdullah sei nebst einigen gerade bei ihm anwesenden Hauptarabern nach dem ersten Feuer, das die Einwohner von Tabora von dem feindlichen Ueberfalle benachrichtigte, auf das Dach seines Tembé gestiegen und habe mit dem Fernglase nach der Richtung geschaut, woher das Feuern kam. Zu seiner grossen Verwunderung habe man die Ebene von Tabora von heranrückenden Wilden erfüllt gesehen und etwa zwei Meilen davon, nahe bei Kazima, ein aufgeschlagenes Zelt erblickt, von dem er wusste, dass es Mirambo gehöre, weil es ihm von den Arabern von Tabora, als sie noch in guten Beziehungen zueinander standen, geschenkt worden war.

Khamis bin Abdullah sei nun mit den Worten ins Haus hinabgestiegen: „Lasst uns ihm entgegenziehen. Bewaffnet Euch, meine Freunde, und begleitet mich!“ Seine Freunde riethen ihm sehr, sein Tembé nicht zu verlassen, denn solange ein jeder Araber sich in seinem Tembé hielte, seien sie den verbündeten Ruga-Ruga und Watuta über und über gewachsen. Khamis aber rief ungeduldig aus: „Würdet Ihr uns rathen, aus Furcht vor diesem Mschensi (Heiden) in unsern Tembés zu bleiben? Wer geht mit mir?“ -- Sein kleiner Schützling, Khamis, der Sohn eines todten Freundes, bat um die Erlaubniss, ihm seine Flinte zu tragen; Mohammed bin Abdullah, Ibrahim bin Raschid und Sayf, der Sohn Ali’s, lauter junge Araber aus guten Familien, die stolz darauf waren, mit dem edlen Khamis zusammenzuleben, erboten sich auch, ihn zu begleiten. Nachdem er hastig 80 Sklaven bewaffnet hatte, machte er sich, entgegen dem Rathe seiner vorsichtigeren Freunde, auf den Weg und befand sich bald seinem schlauen und entschlossenen Gegner Mirambo gegenüber. Als dieser die Araber auf sich zukommen sah, liess er Befehl zu langsamem Rückzug geben. Khamis, hierdurch getäuscht, stürzte sich mit seinen Freunden hinter Mirambo her. Plötzlich aber liess dieser seine Leute in geschlossener Ordnung gegen sie vorrücken und bei dem Anblick des rasch gegen sie unternommenen Sturmlaufs ergriffen Khamis’ Sklaven die wilde Flucht und überliessen, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen, ihren Herrn dem Schicksal, das ihn jetzt ereilte. Die Wilden umgaben nämlich die fünf Araber und schossen, wennschon einige von ihnen auch von den Schüssen der Araber fielen, so lange auf die kleine Schar, bis Khamis bin Abdullah selbst eine Kugel ins Bein bekam, sodass er auf die Knie sank. Jetzt erst kam er zur Erkenntniss, dass er von seinen Sklaven verlassen sei. Trotz seiner Wunden fuhr der tapfere Mann fort zu schiessen, bald darauf aber traf ihn eine Kugel ins Herz. Der kleine Khamis rief darauf, als er seinen Adoptivvater fallen sah: „Mein Vater Khamis ist todt, ich will mit ihm sterben,“ und kämpfte weiter, bis auch er bald darauf seine Todeswunde bekam. Einige Augenblicke später war kein einziger Araber mehr am Leben.

Spät am Abend kamen uns einige Einzelheiten über diese tragische Scene zu. Leute, welche die Körper gesehen hatten, erzählten mir, dass die Leiche des edlen, tapfern, stattlichen Khamis bin Abdullah von den wilden Verbündeten Mirambo’s arg verstümmelt worden sei. Man habe ihm die Stirnhaut, Bart und Haut von dem untern Theil des Gesichts, die Nasenspitze, das auf dem Magen und Unterleib befindliche Fett, die Genitalien und schliesslich ein Stück von den Fersen abgeschnitten. In demselben Zustand fand man die Leiche seines Adoptivsohnes und seiner gefallenen Freunde. Die auf solche Weise den Leichnamen entnommenen Fleisch- und Hautpartien hatten natürlich die Waganga oder Medicinmänner sich angeeignet, um aus ihnen das kräftigste Gebräu zu fabriziren, das nach ihrer Ansicht einen Menschen gegen seine Feinde stark macht. Dieses Getränk wird mit ihrem Ugali und Reis zusammengemischt und dann mit dem vollkommensten Vertrauen auf seine Wirksamkeit als feiendes Mittel gegen Kugeln und sonstige Geschosse getrunken.

Es war ein sehr trauriger Anblick, von unserm aufgeregten Kwihara aus fast ganz Tabora in Flammen zu erblicken und Hunderte von Leuten zu uns strömen zu sehen.

Da ich die Bereitschaft meiner Leute, zu mir zu halten, wahrnahm, so machte ich Vorbereitungen zur Vertheidigung, indem ich Schiessscharten für die Musketen in die starken Lehmmauern meines Tembé bohrte. Wir machten sie so rasch und sie schienen so vortrefflich für eine wirksame Vertheidigung des Tembé geeignet zu sein, dass meine Leute ganz kampflustig wurden und mit Flinten bewaffnete aus Tabora vertriebene Wangwana-Flüchtlinge darum baten, in unser Tembé eingelassen zu werden, um bei seiner Vertheidigung mitzuwirken. Auch Livingstone’s Leute wurden versammelt und aufgefordert, ihres Herrn Güter gegen Mirambo’s vermeintlichen Angriff zu vertheidigen. Zur Nacht hatte ich 150 Bewaffnete in meinem Hofraum, welche an jedem Punkt aufgestellt waren, an dem ein Angriff zu erwarten war. Mirambo hat gedroht, er werde morgen nach Kwihara kommen. Ich hoffe zu Gott, er wird kommen und wenn er ins Bereich eines amerikanischen gezogenen Gewehrs sich verläuft, so will ich doch sehen, welche Kraft in amerikanischem Blei liegt.

+23. August.+ Wir haben im Thale von Kwihara einen sehr angstvollen Tag verlebt. Unsere Augen waren beständig auf das unglückliche Tabora gerichtet. Man hat uns gesagt, dass nur drei Tembés die Hitze des Angriffs ausgehalten haben. Abid bin Suliman’s Haus ist zerstört und mehr als 200 Elfenbeinzähne, die ihm gehörten, sind das Eigenthum dieses afrikanischen Bonaparte geworden. Mein Tembé ist so gut ausgerüstet, als seine Bauart und Vertheidigungsmittel es gestatten. Schiessgruben umgeben das Haus von aussen, und alle Hütten der Eingeborenen, welche die Aussicht behinderten, sind niedergerissen, alle Bäume und Sträucher, die als Schutz für einen Feind hätten dienen können, sind abgehauen. Wasser und Vorräthe für sechs Tage sind hereingebracht. Ich habe Munition genug auf zwei Wochen und, ohne zu prahlen, glaube ich nicht, dass 10,000 Afrikaner das Haus nehmen könnten, obwol 4-500 Europäer es leicht ohne Kanonen zu thun vermöchten. Mit Kanonen wären 50 Europäer im Stande, es zu bewältigen. Die Mauern sind 3 Fuss dick und die Gemächer liegen so ineinander, dass eine verzweifelte Männerschar lange kämpfen könnte, bis der letzte Raum genommen wäre.

Meine Nachbarn, die Araber, bemühen sich, tapfer zu erscheinen; es ist jedoch offenbar, dass sie in Verzweiflung sind. Gerüchtweise verlautet, dass die Araber von Kwihara, wenn Tabora genommen ist, in Masse zur Küste eilen und das Land Mirambo überlassen wollen. Wenn dies ihre Absichten sind und sie dieselben wirklich ausführen, so werde ich mich in einer schönen Situation befinden. Wenn sie mich jedoch wirklich verlassen, so wird Mirambo keinen Vortheil von meinen und Livingstone’s Vorräthen haben, denn ich werde das ganze Haus und alles, was sich darin befindet, verbrennen. Das ist mein Entschluss. Aber was in aller Welt wird aus Shaw werden? In einer solchen kritischen Lage würde ihn niemand tragen.

+24. August.+ Die amerikanische Flagge weht noch über meinem Hause und die Araber sind noch in Unyanyembé.

Ungefähr um 10 Uhr morgens kam ein Bote von Tabora mit der Frage, ob wir sie nicht gegen Mirambo unterstützen wollten. Anfangs fühlte ich mich sehr geneigt, ihnen zu helfen; nachdem ich aber die Sache gründlich erwogen und mir die Fragen vorgelegt hatte: ob es klug sei? ob ich verpflichtet sei zu gehen? was aus meinen Leuten werden würde, wenn ich getödtet sei? ob sie mich wieder im Stich lassen würden? und an das Schicksal des Khamis bin Abdullah dachte, liess ich ihnen sagen, dass ich nicht kommen werde; sie müssten sich ja in ihren Tembés gegen die Truppenmacht Mirambo’s völlig sicher fühlen; ich würde mich sehr freuen, wenn sie ihn dazu bringen könnten, nach Kwihara zu kommen, in welchem Falle ich es versuchen würde, ihn todtzuschiessen.

Mirambo und seine Hauptoffiziere sollen Schirme über den Köpfen tragen und er selbst langes Haar wie ein Mnyamwezi-Pagazi und einen Bart haben. Sollte er kommen, so werden alle mit Schirmen versehenen Leute von einem Regen von Kugeln überschüttet werden in der Hoffnung, dass eine so glücklich sei, ihn zu treffen. Nach den Vorstellungen des Volkes sollte ich mir eine Kugel aus Silber giessen; ich habe aber kein Silber bei mir. Allenfalls könnte ich mir eine aus Gold anfertigen.

Um 12 Uhr ging ich zu Scheikh bin Nasib und liess ungefähr 100 Leute in meinem Hause, um es während meiner Abwesenheit zu bewachen. Dieser alte Mann ist in seiner Art ein vollständiger Philosoph. Ich möchte ihn einen Professor der praktischen Philosophie nennen. Gewöhnlich ist er voll Sentenzen und Aphorismen und ein sehr bedächtiger Charakter. Ich war also erstaunt, ihn in Verzweiflung zu finden, seine Aphorismen haben ihn im Stich gelassen, seine Philosophie ist nicht im Stande gewesen, sich im Unglück zu bewähren. Er hörte mir mehr wie ein Sterbender, als wie ein Mann zu, der alle Mittel zur Vertheidigung und zum Angriff besitzt.

Ich habe ihm seinen Zweipfünder mit Kugeln, Schrot und kleingehackten Eisenstücken geladen und ihm den Rath ertheilt, denselben nicht früher abzufeuern, als bis Mirambo’s Leute vor seinen Thoren wären.

Um 4 Uhr nachmittags hörte ich, dass Mirambo sich nach Kazima, einem einige Meilen nordwestlich von Tabora belegenen Ort, begeben habe.

+26. August.+ Heute Morgen zogen die Araber aus, um Kazima anzugreifen, gaben es aber wieder auf, weil Mirambo um einen Tag Frist gebeten hatte, um das Fleisch, das er ihnen gestohlen, verzehren zu können. Er hat sie unverschämterweise eingeladen, morgen früh zu kommen, zu welcher Zeit er sie gründlich durchklopfen werde.

Kwihara hat sein friedfertiges Aussehen wieder erlangt; Flüchtlinge drängen sich nicht mehr verzweifelt in der engen Räumlichkeit umher.

+27. August.+ Mirambo hat sich während der Nacht zurückgezogen, und als die Araber sich mit einer Truppenmacht auf den Weg machten, um das Dorf Kazima anzugreifen, fanden sie es leer.

Die Araber halten heute Kriegsrath und Zusammenkünfte, die sie sehr zu lieben scheinen, nach denen sie aber nur langsam zur That schreiten. So z. B. waren sie im Begriff, sich mit den Watuta des Nordens zu verbünden; Mirambo ist ihnen jedoch darin zuvorgekommen. Ferner sprachen sie davon, Mirambo’s Gebiet zum zweiten mal zu überfallen; Mirambo aber hat Unyanyembé mit Feuer und Schwert überzogen, manchem Haushalt den Tod gebracht und ihre Edelsten erschlagen.

Die Araber bringen ihre Stunden mit blossen Reden zu, während doch die Strassen nach Udschidschi und Karagweh ihnen unzugänglicher denn je sind. In der That sprechen viele einflussreiche Araber davon, nach Zanzibar zurückzukehren, indem sie behaupten: Unyanyembé sei zu Grunde gerichtet. Ich habe alle Achtung vor ihnen verloren.

Da ich die Unmöglichkeit einsehe, mir Wanyamwezi-Pagazi zu verschaffen, miethe ich mittlerweile zu meiner Reise nach Udschidschi Wangwana-Ueberläufer, die in Unyanyembé wohnen, zu dreifachen Preisen; habe aber nicht viel Erfolg dabei. Einem jeden werden 30 Doti angeboten, während der gewöhnliche Miethpreis eines Lastträgers nur 5-10 Doti bis nach Udschidschi beträgt. Ich brauche 50 Menschen und beabsichtige 60-70 Lasten hier unter der Obhut einer Wache zurückzulassen. Mit Ausnahme eines kleinen Koffers werde ich mein ganzes persönliches Gepäck hier lassen.

+28. August.+ Heute keine Nachricht von Mirambo. Shaw wird wieder kräftiger.

Scheikh bin Nasib hat mich heute besucht, hatte mir aber, ausser seinen kleinen philosophischen Aussprüchen, nichts zu sagen.

Ich habe mich entschlossen, nachdem ich mir das Land angesehen, eine fliegende Karavane auf einer südlichen Strasse durch das nördliche Ukonongu und Ukawendi nach Udschidschi zu führen. Heute Abend hat Scheikh bin Nasib diesen Entschluss erfahren.

+29. August.+ Shaw ist heute aufgestanden, um ein wenig zu arbeiten. Doch ach! alle meine schönen feingesponnenen Pläne, zu Boot über den Victoria-Nyanza und dann den Nil hinabzugehen, sind, wie ich fürchte, an diesem Kriege mit Mirambo, dem schwarzen Bonaparte, vollständig gescheitert. Zwei Monate schon sind hier vergeudet. Die Araber nehmen sich so viel Zeit, um schlüssig zu werden. Rathschläge und Worte haben sie genug, so viel wie Grashalme in unserm Thal, aber es fehlt an Entschlossenheit. Die Hoffnung und Stütze der Araber ist todt, seitdem Khamis bin Abdullah nicht mehr ist. Wo sind jetzt die Krieger, von denen die Barden der Wangwana und Wanyamwezi singen? Wo ist der mächtige Kisesa -- der grosse Abdullah bin Nasib? Wo ist der Sayd, der Sohn des Madschid? Kisesa ist in Zanzibar und Sayd, Sohn des Madschid, befindet sich in Udschidschi und weiss noch gar nicht, dass sein Sohn im Walde von Wilyankuru gefallen ist.

Shaw wird rasch besser. Es gelingt mir noch immer nicht, Soldaten zu bekommen. Fast verzweifle ich daran, je im Stande zu sein, von hier fortzukommen. Es ist ein so schläfriges, träumendes, langsames Land. Die Araber, Wangwana, Wanyamwezi sind alle gleich; niemand von ihnen bekümmert sich um die Flüchtigkeit der Zeit. Ihr „Morgen“ bedeutet bisweilen einen Monat. Für mich ist das geradezu zum Tollwerden.

+30. August.+ Shaw will nicht arbeiten. Ich kann ihn nicht dazu bewegen, sich zu rühren; habe ihn mit Bitten und Schmeicheleien bestürmt, ihm sogar kleine Leckerbissen gekocht. Während ich aber jeden Nerv anspanne, um nach Udschidschi zu kommen, begnügt sich jener damit, theilnahmlos zuzusehen. Wie hat sich doch der kühne, gewandte Mann seit Zanzibar verändert!

Heute setzte ich mich mit meiner Handarbeit an seine Seite, um ihn zu ermuthigen und habe ihm zum ersten mal die eigentliche Aufgabe meiner Mission mitgetheilt. Ich erzählte ihm, dass mir die Geographie des Landes nicht halb so sehr am Herzen liege, als das Auffinden Livingstone’s. Zum ersten mal sagte ich ihm: „Nun, mein lieber Shaw, Sie glauben wol, dass ich hergeschickt bin, um die Tiefe des Tanganika zu messen? Durchaus nicht, mein Freund; man hat mir befohlen, Livingstone aufzusuchen. Um Livingstone’s willen bin ich hier, nur seinetwegen habe ich mich auf die Reise begeben. Sehen Sie nicht, alter Freund, die Wichtigkeit dieser Mission ein? Begreifen Sie nicht, dass Sie einen grossen Lohn von Herrn Bennett bekommen werden, wenn Sie mir helfen? Ich bin fest überzeugt, dass, wenn Sie je nach New York kommen, Sie nie um eine 50 Dollarnote verlegen sein werden. Also werden Sie munter, tummeln Sie sich und sehen Sie heiter aus! Sagen Sie sich, Sie wollen nicht sterben, das ist schon der halbe Kampf. Lachen Sie über das Fieber, dann will ich Ihnen garantiren, dass das Fieber Sie nicht tödtet. Ich habe Medizin genug für ein Regiment bei mir.“

Umsonst, -- ich sprach wie zu einer leblosen Mumie. Zwar wurden seine Augen etwas heller, aber das Licht derselben wurde bald schwächer und schwand. Ich wurde ganz entmuthigt; machte etwas starken Punsch, um ihm Feuer in die Adern zu giessen, auf dass ich wieder Leben in ihm sähe. Ich bereitete den Punsch mit Zucker und Eiern und machte ihn mit Limonen und Gewürz schmackhaft. „Trinken Sie doch, Shaw“, sagte ich, „und vergessen Sie Ihre elenden Leiden. Athmen Sie mir doch nicht so ins Gesicht, als ob Sie im Begriff wären, zu sterben. Lassen Sie diese Grimassen. Sie sind nicht krank, theurer Freund; es ist blosse Langeweile, die Sie fühlen. Sehen Sie sich den Selim an. Ich will um sonst etwas wetten, dass er nicht stirbt und dass ich ihn sicher zu seinen Freunden nach Jerusalem zurückbringe. Sie werde ich auch wieder in die Heimat führen, wenn Sie es mir gestatten wollen.“

Er rauchte seine widerliche Pfeife weiter. Wenn man seinen Athem hörte, so meinte man, er sei im Sterben, aber er ist nicht einmal krank. Erst neulich sagte er mir, er kenne alle die Manöver alter Seeleute, die sie anwenden, um sich auf dem Meere von der Arbeit zu drücken. Ich bin überzeugt, dass er auch mir solch einen Streich spielt. Dieses Wechselfieber! -- ich kenne ja jedes Stadium desselben und bin überzeugt, dass er es nicht hat.

Bestimmt glaube ich, dass, wenn ich einen Stock nehme, ich ihm diesen Unsinn ausprügeln könnte.

+1. September.+ Nach dem Bericht von Thani bin Abdullah, den ich heute in seinem Tembé in Maroro besucht habe, hat Mirambo bei seinem Angriff auf Tabora 200 Mann verloren. Der Verlust der Araber besteht aus 5 Arabern, 13 Freien und 8 Sklaven; ausserdem sind 3 Tembés und mehr als 100 kleine Hütten verbrannt und 280 Elfenbeinzähne, 60 Kühe und Bullenkälber weggenommen.

+3. September.+ Ein Packet Briefe und Zeitungen von Kapitän Webb in Zanzibar erhalten. Wie schön ist es, dass Freunde selbst im fernen Amerika des Abwesenden in Afrika gedenken! Man sagt mir, dass niemand eine Ahnung davon hat, dass ich schon in Afrika bin.

Ich habe mich heute an Scheikh bin Nasib gewandt, damit er Livingstone’s Karavane unter meiner Führung nach Udschidschi gehen lasse; er wollte aber gar nichts davon hören und ist überzeugt, ich gehe meinem Tode entgegen.

+4. September.+ Heute ist Shaw ganz wohl, wie er sagt, aber Selim liegt am Fieber darnieder. Die Zahl meiner Leute mehrt sich allmählich, obgleich einige meiner alten Soldaten fortfallen. Umgareza ist blind; Baruti hat die Pocken in sehr hohem Grade; Bilali eine merkwürdige Krankheit, ein Geschwür oder so etwas am Rücken, und Sadala hat das Mukunguru (Wechselfieber).

+5. September.+ Heute Morgen ist Baruti gestorben. Er war einer meiner besten Soldaten und gehörte zu den Begleitern Speke’s in Aegypten. Dies ist der siebente Todte, den ich seit Zanzibar habe.

Heute haben mir die Berichte der Araber über den Zustand des Landes, durch das ich zu reisen beabsichtige, das Leben schwer gemacht. „Die Wege sind schlecht und sämmtlich versperrt; die Ruga-Ruga schwärmen in den Wäldern; die Wakonongo kommen vom Süden, um Mirambo zu helfen; die Waschensi befinden sich untereinander im Kriege.“ Meine Leute werden entmuthigt, sie sind von den Befürchtungen der Araber und Wanyamwezi angesteckt. Bombay fängt an zu meinen, dass ich besser daran thäte, jetzt zur Küste zurückzukehren und später einen neuen Versuch zu machen.

Wir haben Baruti unter dem Schatten des Bananenbaumes, einige Schritt westlich von meinem Tembé begraben. Das Grab wurde 4½ Fuss tief und 3 Fuss breit gemacht. Am Grunde desselben wurde auf einer Seite ein schmaler Graben ausgehöhlt, in den der Leichnam auf die Seite gerollt wurde, das Gesicht nach Mekka gewandt. Die Leiche war in 1½ Doti neue amerikanische Leinwand gekleidet. Nachdem sie richtig in ihr enges Bett gebracht worden, wurde ein herabhängendes Dach aus Stöcken gebaut, das mit Matten und altem Segeltuch bedeckt wurde, um zu verhindern, dass Erde auf den Körper falle. Dann wurde das Grab unter dem lustigen Gelächter der Soldaten zugeschüttet; darauf ein kleiner Busch auf dasselbe gepflanzt und in ein kleines mit der Hand gemachtes Loch Wasser gegossen für den Fall, dass er, wie sie sagten, auf seinem Wege ins Paradies durstig werde. Schliesslich wurde das ganze Grab mit Wasser bespritzt und der Kürbis gebrochen. Nachdem diese Ceremonie beendet, sagten die Leute das arabische Fat-hah her, worauf sie das Grab ihres todten Kameraden verliessen, um nicht weiter an ihn zu denken.

+7. September.+ Ein Araber, namens Mohammed, hat mich heute mit einem kleinen Sklaven beschenkt, der Ndugu M’hali (meines Bruders Reichthum) heisst. Da ich den Namen nicht liebte, rief ich die Hauptleute meiner Karavane zusammen und ersuchte sie, ihm einen bessern zu geben. Der eine meinte, Simba (ein Löwe), der andere sagte, Ngombe (eine Kuh) würde geeignet für den kleinen Jungen sein. Wieder ein anderer meinte, er solle Mirambo heissen, was ein lautes Gelächter hervorrief. Bombay meinte, Bombay Mdogo würde für meinen kleinen Schwarzen sehr passend sein. Ulimengo aber bezeichnete, nachdem er sich die raschen Augen und flinken Bewegungen des Kleinen angesehen, den Namen Ka-lu-lu als den geeignetsten, „denn“, sagte er, „sehen Sie sich nur seine hellen Augen, seine schlanke Gestalt, seine raschen Bewegungen an; ja, Kalulu ist sein Name.“ -- „Ja, Bana“, sagten die andern, „lassen Sie ihn Kalulu heissen.“ Kalulu ist nämlich ein Kiswahili-Ausdruck für das Junge der blauen Antilope (perpusilla).

„Gut“, sagte ich, nachdem Wasser in einer grossen Zinnpfanne gebracht worden und Selim, der bereit war, sein Pathe zu sein, ihn über dasselbe gehalten, „möge sein Name von jetzt an Ka-lu-lu heissen und niemand ihm denselben rauben!“ So kam Mohammed’s kleiner Schwarzer zu dem Namen Kalulu.

Die Expedition nimmt an Zahl zu, sie besteht jetzt aus zwei Weissen, einem arabischen Knaben, einem Hindu, 29 Wangwana, einem Jungen von Londa (Cazembés), einem von Nganda und einem von Liemba oder Uwemba.

Ehe es dunkelte wurden wir stark alarmirt. Wir hörten nämlich viel Feuern in Tabora, was uns einen Angriff auf Kwihara fürchten liess. Es erwies sich aber, dass es nur Salutschüsse zu Ehren der Ankunft von Sultan Kitambi waren, der dem Sultan von Unyanyembé, Mkasiwa, einen Besuch abstatten wollte.

+8. September.+ Gegen Abend hat Scheikh bin Nasib einen Brief von einem Araber in Mfuto erhalten mit dem Bericht, dass dieser Ort von Mirambo und seinen Watutaverbündeten angegriffen worden sei. Auch rieth er ihm, die Leute von Kwihara bereit zu halten, denn wenn es Mirambo gelänge, Mfuto zu erstürmen, so würde er direct auf Kwihara losmarschiren.

+9. September.+ Gestern wurde Mirambo mit grossem Verlust bei seinem Angriff auf Mfuto zurückgeschlagen. Es gelang ihm zwar, ein kleines Wanyamwezi-Dorf anzugreifen, als er aber Mfuto stürmte, wurde er mit schweren Verlusten zurückgeworfen. Er hat dabei drei seiner vorzüglichsten Leute eingebüsst. Nachdem er seine Truppen zurückgezogen, machten die Einwohner einen Ausfall und folgten ihm bis an den Wald von Umanda, wo er abermals völlig in die Flucht geschlagen wurde und selbst in schmählicher Weise vom Felde floh.

Die Köpfe seiner im Angriff erschlagenen Hauptleute wurden nach Kwikuru, dem Boma von Mkasiwa, gebracht.

+11. September.+ Shaw ist ein sentimentaler Schwätzer und hat eine gute Portion von Joseph Surface’s Grundsätzen an sich. Zu Zeiten kann er ganz beredt über die Laster der Menschen, namentlich der Reichen, sprechen. Seine Philippiken über diesen Gegenstand verdienten eine bessere Zuhörerschaft als ich.

Er ist häufig ganz in sich selbst vertieft und in dieser Beziehung das gerade Gegentheil von Jack Bunsby. Statt den Horizont anzusehen, blickt er auf den Boden mit einem Blick, der zu sagen scheint, es ist irgendwo etwas nicht richtig, ich suche es eben festzustellen, wo es ist und wie man es in Ordnung bringen kann.

Heute erzählte er mir, sein Vater sei Kapitän in der britischen Marine und er selbst bei vier Levées der Königin Victoria anwesend gewesen. Dies ist jedoch kaum der Fall, da ich mir nicht vorstellen kann, dass der Sohn eines Marinekapitäns so wenig mit der Feder Bescheid weiss, dass er kaum im Stande ist, seinen eigenen Namen zu schreiben. Auch sehe ich nicht ein, wie es möglich ist, dass er der Königin vorgestellt sei, denn man hat mir immer gesagt, der Hof von St. James sei der aristokratischste von Europa.

Auf mich ist er aber sehr böse, weil ich ihn auslache, und er hat soeben eine Batterie von seinen Sentimentalitäten auf mich losgelassen, die mich fast zur Verzweiflung darüber bringt, dass ich mich mit einem solchen Narren belastet habe.

+14. September.+ Selim, der junge Araber, delirirt vor anhaltendem Fieber. Shaw ist wieder krank oder simulirt es zu sein. Diese beiden nehmen meine Zeit hauptsächlich in Anspruch. Ich bin geradezu Krankenwärter geworden, denn ich habe niemand, der mich bei der Pflege unterstützt. Wenn ich es versuche, Abdul Kader in der Kunst sich nützlich zu machen, zu unterrichten, so ist sein Kopf von den schrecklichen Dünsten des Unyamwezischen Tabacks so benebelt, dass er ganz verwirrt herumläuft, Schüsseln zerbricht und gekochte Leckerbissen umwirft, bis ich so ärgerlich werde, dass ich auf eine ganze Stunde meine Gemüthsruhe verliere. Wenn ich Feradschi, der jetzt förmlich als mein Koch installirt ist, darum bitte, mir beizustehen, so gelingt es seinem dicken Holzkopf nicht, einen Gedanken zu fassen, und ich bin daher genöthigt, selbst die Rolle des Küchenmeisters zu übernehmen.

+15. September.+ Der dritte Monat meines Aufenthalts in Unyanyembé ist fast zu Ende und ich bin noch hier, hoffe aber doch, binnen acht Tagen endlich abziehen zu können.

Die ganze Nacht hindurch bis morgens 9 Uhr haben meine Soldaten getanzt und gesungen zu Ehren ihrer todten Kameraden, deren Gebeine jetzt in den Wäldern von Wilyankuru bleichen. Zwei oder drei grosse Töpfe voll Pombé genügten nicht, um den wüthenden Durst, welchen diese lebhafte Bewegung erzeugt hatte, zu stillen. Daher wurde ich heute Morgen zeitig darum gebeten, ein Schukka für einen weitern Topf dieses kräftigen Getränks herzugeben.

Heute war ich damit beschäftigt, die Last für jeden Soldaten und Gepäckträger auszusuchen. Um ihnen ihre Mühe so viel wie möglich zu erleichtern, habe ich jede Last statt 70 blos 50 Pfund schwer gemacht, wodurch ich hoffe, lange Märsche machen zu können. Ich bin im Stande gewesen, während der letzten Tage 10 Pagazi zu miethen.

Einige meiner Leute sind noch sehr krank und es ist fast unnütz zu erwarten, dass sie im Stande sein werden, irgendetwas zu tragen; ich hoffe aber, andere Leute an ihrer Stelle zu bekommen, ehe der Tag der Abreise da ist, der sich jetzt rasch zu nähern scheint.

+16. September.+ Wir haben unsere Arbeit fast beendet und werden, so Gott will, am fünften Tage von jetzt ab, marschiren. Ich habe noch zwei Pagazi sowie zwei Führer angenommen, die Asmani und Mabruki heissen. Wenn eine ungeheuere Gestalt irgend jemand erschrecken könnte, so müsste Asmani’s Aussehen diese Wirkung hervorrufen. Er ist mehr als sechs Fuss hoch ohne Schuhe und hat Schultern, die für zwei gewöhnliche Menschen breit genug sind.

Morgen beabsichtige ich, den Leuten einen Abschiedsschmauss zu geben, um ihren Fortgang von diesem abstossenden, unglücklichen Lande zu feiern.

+17. September.+ Das Bankett ist vorüber. Ich habe zwei Bullenkälber schlachten, ein ganzes Schwein rösten und ausserdem noch 3 Schafe, 2 Ziegen, 15 Hühner, 120 Pfund Reis, 20 grosse, aus Mais bestehende Laibe Brot, 100 Eier, 10 Pfund Butter und 5 Gallonen süsser Milch zum Bankett geben lassen. Die Leute luden sich ihre Freunde und Nachbarn ein und etwa 100 Frauen und Kinder nahmen daran theil.

Als das Bankett beendet war, wurde Pombé, das hiesige Bier, in fünf Töpfen von je einer Gallone aufgetragen und die Leute fingen an zu tanzen und thun das noch jetzt, wo ich schreibe.

+19. September.+ Heute hatte ich einen leichten Fieberanfall, der unsere Abreise verzögert hat. Selim und Shaw haben sich beide erholt. Der erstere erzählt mir, Shaw habe gemeint, ich werde wie ein Esel sterben, und dann werde er meine Tagebücher und Koffer in Verwahrung nehmen und sofort zur Küste eilen. Heute Nachmittag soll er gesagt haben, er beabsichtige nicht, nach Udschidschi zu gehen, sondern wolle, wenn ich fort sei, sich einen Vorrath von Hühnern auf dem Hofe und eine Kuh anschaffen, um jeden Tag frische Eier und Milch zu haben.

Abends kam Shaw, als mein Fieber seinen Höhepunkt erreicht hatte, zu mir, um mich zu fragen, an wen er im Falle meines Todes schreiben solle. „Denn“, sagte er, „selbst die stärksten Leute können sterben.“ Ich befahl ihm, sich zu entfernen, um seine eigenen Sachen zu kümmern und nicht stets um mich herumzukrächzen.

Etwa um 8 Uhr abends kam Scheikh bin Nasib zu mir und bat mich, morgen nicht fortzuziehen, da ich so krank sei. Thani Sakhburi meinte sogar, ich könne noch einen Monat dableiben; worauf ich ihm sagte, die Weissen seien nicht gewohnt, ihr Wort zu brechen. Ich habe gesagt, ich werde gehen und daher würde ich es auch thun.

Scheikh bin Nasib gab alle Hoffnung auf, mich dazu zu bewegen, noch einen Tag zu bleiben, und ist mit dem Versprechen fortgegangen, Seyyid Barghasch zu schreiben und ihm zu berichten, wie eigensinnig ich sei und dass ich entschlossen sei, mich tödten zu lassen. Dies bot eine kleine Abschiedsscene.

Um 10 Uhr abends war das Fieber vorüber. Ausser mir schlief alles im Tembé und ein Gefühl unaussprechlicher Einsamkeit überkam mich, wie ich an meine Lage und Absichten dachte und den vollständigen Mangel an Sympathie bei allen, die mich umgaben, wahrnahm. Selbst mein weisser Gehülfe, mit dem ich mir so viele Mühe gegeben, empfand noch weniger Sympathie für mich, als mein kleiner schwarzer Knabe Kalulu. Es gehört mehr Kraft als ich besitze dazu, alle dunkeln Vorahnungen des Gemüths zu zerstreuen. Doch ist das, was ich Vorahnung nenne, wol einfach die Folge der Warnungen, welche diese treulosen Araber mir so häufig ausgesprochen haben. Diese Melancholie, dieses Gefühl der Verlassenheit, rühren wol auch davon her. Auch ist das einzelne Licht, das die Dunkelheit meiner Stubenecken kaum erhellt, gerade kein Mittel, mich heiterer zu stimmen. Es ist mir zu Muthe, als sei ich in Steinmauern gefangen. Warum soll ich mich aber durch Warnungen und Gekrächze dieser dummen Araber quälen lassen? Ein Verdacht steigt in mir auf, während ich dies schreibe, dass noch irgendein anderes Motiv dahinterstecke. Ich möchte wol wissen, ob diese Araber mich in der Hoffnung hier behalten wollen, dass ich dazu gebracht werden könnte, ihnen noch einmal in ihrem Kriege mit Mirambo beizustehen! Wenn sie das glauben, so irren sie sich sehr; denn ich habe einen feierlichen Eid geschworen, den ich halten will, solange mir noch eine Lebenshoffnung bleibt, mich von dem gefassten Entschluss nicht abbringen zu lassen, solange zu suchen, bis ich Livingstone lebendig oder todt aufgefunden habe und nicht ohne die stärksten Beweise für dessen Leben oder Tod nach Hause zu kehren. Kein Lebender soll mich daran hindern; nur der Tod kann es. Doch nein! selbst der nicht, denn ich werde, will und kann nicht sterben! Ein gewisses, unbekanntes Etwas, sei es nun die mir eigene stets rege Hoffnungsseligkeit oder eine aus einer grossen Lebenskraft entspringende natürliche Kühnheit oder das Produkt eines überschwänglichen Selbstvertrauens -- gleichviel -- ein Etwas sagt mir heute Abend: +ich werde ihn ganz bestimmt finden+. Schon diese blossen Worte inspiriren mich. Ich fühle mich glücklicher. Habe ich gebetet? Heute Nacht werde ich ruhig schlafen. -- --

* * * * *

Die obigen Notizen habe ich mich veranlasst gesehen, aus meinem Tagebuch abzuschreiben, da sie, als zur Zeit an Ort und Stelle geschrieben, am besten die Wechselfälle meines Lebens in Unyanyembé darstellen. Mir scheinen sie dies viel besser zu thun, als irgendeine noch so plastische Beschreibung mein dortiges Leben charakterisiren könnte. Sie sind gerade durch ihre Buchstäblichkeit nicht übertrieben, sondern geben meine derzeitigen Empfindungen genau wieder. Sie wissen von zahllosen Fiebern zu erzählen, die ich selbst und meine Leute durchgemacht, ohne auf die Diagnose oder Untersuchung derselben einzugehen, und berichten unsere Gefahren und kleinen Freuden, unsere Qualen und Vergnügungen, wie sie gerade vorkamen.

[Illustration: KWIHARA.

I. S. 297.]