Chapter 18 of 18 · 14507 words · ~73 min read

ZEHNTES KAPITEL.

NACH MRERA IN UKONONGO.

Aufbruch aus Kwihara. -- Bombay bekommt Prügel. -- Shaw wünscht zurückzubleiben. -- Ich zwinge ihn weiterzuziehen. -- Ein neuer Fieberanfall. -- Livingstone’s Briefträger fehlt. -- Ankunft in Kasegera. -- Shaw kann nicht mehr weiter und wird nach Kwihara zurückgeschickt. -- Die herrlichen Wälder von Unyamwezi. -- Wir kommen nach Ugunda. -- Das Mukunguru. -- Beschreibung dieses Fiebers. -- Eine prächtige Sykomore. -- Ein Opfer der Pocken. -- Zahlreiche Skelete auf dem Wege. -- Ankunft in Manyara. -- Streit mit dem Sultan über den Tribut. -- Er besucht mich. -- Eine Dosis Ammoniak. -- Verwunderung des Sultans. -- Das Paradies des Jägers. -- Meine erste Jagdbeute, eine Antilope. -- Zebrajagd. -- Abenteuer mit einem Krokodil. -- Zwei Jagdtage. -- Meuterei. -- Asmani und Mabruki legen auf mich an. -- Der Frieden wiederhergestellt. -- Bombay erhält wieder Prügel und wird in Ketten gelegt. -- Charakteristik meiner wichtigsten Leute. -- Ankunft in Ziwani. -- Der Honigvogel. -- Utende. -- Mwaru. -- Ankunft in Mrera. -- Allerlei Arbeit.

UNYAMWEZI.

Von Kwihara nach: St. M. Mkwenkwe 1 30 Inesuka 2 -- Kasegera 3 -- Kigandu 2 45 Ugunda 7 -- Benta 3 15 Kikuru 5 -- Ziwani 4 -- Manyara 6 30

UKONONGO.

Von Manyara nach: St. M. Gombéfluss 4 15 Ziwani 5 20 Tongoni 1 30 Lager 5 15 Marefu 3 -- Utende 7 15 Mtoni 4 -- Mwaru 5 15 Mrera 5 13

Der 20. September war da. An diesem Tage hatte ich beschlossen, mich von den Leuten, die mich mit ihren Zweifeln, Befürchtungen und Meinungen quälten, zu trennen und den Marsch nach Udschidschi auf einem südlichen Wege anzutreten. Ich war sehr schwach vom Fieber, das mich am Tage vorher gepackt hatte, und es war höchst thöricht, unter solchen Umständen einen Marsch anzufangen. Ich hatte aber gegen Scheikh bin Nasib damit renommirt, dass ein weisser Mann sein Wort nie bricht, und mein Ruf als Weisser wäre ruinirt gewesen, wenn ich zurückgeblieben oder den Marsch infolge von Schwäche verschoben hätte.

Ich musterte die ganze Karavane ausserhalb meines Tembé; unsere Fahnen und Flaggen wurden entfaltet, die Leute hatten ihre Lasten auf die Mauern abgelegt und lachten und schrien ihre Neger-Prahlereien gehörig hinaus. Alle Araber, mit Ausnahme von Scheikh bin Nasib, den ich durch meine eigensinnige Opposition gegen seine Wünsche verletzt, hatten sich aus Neugierde versammelt, um Zeugen unserer Abreise zu sein. Der alte Scheikh dagegen legte sich zu Bette, schickte aber seinen Sohn, um mir noch ein Stückchen philosophischer Sentimentalität zu überbringen, die ich als die letzten Worte des patriarchalischen Scheikh, des Sohnes von Nasib, des Sohnes von Ali, des Sohnes von Sayf aufbewahren solle. Armer Scheikh! hättest du gewusst, was diesem Eigensinn, dieser eselhaften Störrigkeit, den falschen Weg einzuschlagen, zu Grunde lag, was würdest du erst dann gesagt haben? Der Scheikh aber tröstete sich mit dem Gedanken, dass ich wol besser wisse als er, was ich vorhabe. Auch ist das sehr wahrscheinlich; doch wird weder er noch irgendein Araber ganz genau das Motiv erfahren, das mich überhaupt zum Marsch nach Westen trieb, wo doch der Weg nach Osten soviel leichter war.

Meine Tapfern, die ich für einen raschen Marsch nach einem unbestimmten Ziele ausserhalb Unyanyembé angeworben, hiessen wie folgt:

1. John William Shaw aus London. 2. Selim Heschmy aus Jerusalem. 3. Sidy Mbarak Mombay aus Zanzibar. 4. Mabruki Speke „ 5. Ulimengo „ 6. Ambari „ 7. Uledi „ 8. Asmani „ 9. Sarmian „ 10. Kamua „ 11. Zaidi „ 12. Khamisi „ 13. Tschaupereh aus Bagamoyo. 14. Kingaru „ 15. Belali „ 16. Ferous aus Unyanyembé. 17. Rodschab aus Bagamoyo. 18. Mabruk Unyanyembé aus Unyanyembé. 19. Mtamani aus Unyanyembé. 20. Tschanda aus Maroro. 21. Sadala aus Zanzibar. 22. Kombo „ 23. Saburi der Grosse aus Maroro. 24. Saburi der Kleine „ 25. Marora „ 26. Feradschi (Koch) aus Zanzibar. 27. Mabruk Salim „ 28. Baraka „ 29. Ibrahim aus Maroro. 30. Mabruk Ferous aus Maroro. 31. Baruti aus Bagamoyo. 32. Umgareza aus Zanzibar. 33. Hamadi (Führer) aus Zanzibar. 34. Asmani „ „ 35. Mabruk „ „ 36. Hamdallah (Führer) aus Tabora. 37. Dschumah aus Zanzibar. 38. Maganga aus Mkwenkwe. 39. Muccadum aus Tabora. 40. Dasturi „ 41. Tumayona aus Udschidschi. 42. Mparamoto „ 43. Wakiri „ 44. Mufu „ 45. Mpepo „ 46. Kapingu „ 47. Maschischauga „ 48. Muheruka „ 49. Missossi „ 50. Tufum Byah „ 51. Madschwara (Knabe) aus Uganda. 52. Belali (Knabe) aus Uemba. 53. Kalulu (Knabe) aus Lunda. 54. Abdul Kader (Schneider) aus Malabar.

Das sind die Männer und Jünglinge, die ich mir ausgewählt, damit sie als meine Gefährten auf der anscheinend unnützen Mission, den verlorenen Reisenden David Livingstone aufzusuchen, sich die Krone der Unsterblichkeit verdienten. Die Waaren, mit denen ich sie belastet, bestanden aus 1000 Doti oder circa 4000 Meter Zeug, sechs Beutel Perlen, vier Lasten Munition, einem Zelt, einem Bett, Kleidern, einem Kasten Medicin, einem Sextanten und Büchern, zwei Lasten Thee, Kaffee und Zucker, einer mit Mehl und Lichten, einer mit eingemachten Fleischsorten, Sardinen und verschiedenen Bedürfnissen und einer mit Kochgeräth.

Die Leute waren alle am Platz ausser Bombay. Dieser war fort und nicht zu finden. Ich schickte also einen Mann aus, um ihn aufzutreiben. Man fand ihn weinend in den Armen seiner Delila.

„Warum bist Du fortgegangen, Bombay, da Du doch wusstest, dass ich abreisen wollte und wartete?“

„O Herr, ich sagte meiner Geliebten Lebewohl.“

„Wirklich?“

„Ja, Herr. Thun Sie das nicht, wenn Sie weggehen?“

„Still!“

„Zu Befehl.“

„Was fehlt Dir denn, Bombay?“

„Nichts.“

Da ich sah, dass er wol in der Laune war, sich mit mir vor den ausserhalb meines Tembé als Zuschauer versammelten Araber zu zanken und ich durch nichts in meinen Absichten gestört werden wollte, so war ich veranlasst, Bombay mit meiner Peitsche einige Streiche zu versetzen, was seinen heissen Zorn alsbald abkühlte, auf mein Haupt jedoch laute einstimmige Einwendungen seitens meiner angeblichen arabischen Freunde herabzog. „Aber, Herr, thun Sie das doch nicht, halten Sie doch ein. Der arme Mensch weiss besser als Sie, was Ihnen und ihm auf dem Wege, den Sie einschlagen wollen, bevorsteht.“

Wenn irgendetwas geeignet war, mich noch mehr in Wuth zu versetzen als Bombay’s Unverschämtheit vor dieser Menge, so war es diese ungebetene Einmischung in meine eigenen Angelegenheiten. Ich hielt aber an mich und sagte ihnen nur mit lauter Stimme, ich wünschte nicht, dass sie sich in meine Sachen mischten, wenn sie sich nicht mit mir zanken wollten.

„Nein, nein, Bana“, riefen sie alle, „wir wünschen nicht mit Ihnen zu streiten. Im Namen Gottes! schlagen Sie Ihren Weg in Frieden ein.“

„Leben Sie wohl“, sagte ich und drückte ihnen die Hand.

„Adieu, leben Sie wohl, Herr! Wir wünschen Ihnen alle gut Glück. Gott sei mit Ihnen und führe Sie!“

„Marsch!“ Eine Abschiedssalve wurde abgefeuert, die Flaggen wurden von den Führern in die Höhe gehoben, jeder Pagazi stürzte auf seine Last zu und in kurzer Zeit war der vordere Theil der Expedition mit Gesang und Geschrei um das westliche Ende meines Tembé die Strasse nach Uganda entlang abgezogen.

„Nun, Herr Shaw, ich warte auf Sie. Steigen Sie auf Ihren Esel, wenn Sie nicht zu Fuss gehen können.“

„Bitte, Herr Stanley, ich fürchte, ich kann nicht mitgehen.“

„Wieso?“

„Ich weiss es nicht; ich fühle mich aber sehr schwach!“

„Das bin ich auch. Wie Sie wissen hat mich das Fieber erst spät gestern Abend verlassen. Ziehen Sie sich doch nicht vor diesen Arabern zurück. Bedenken Sie, dass Sie ein Weisser sind. Hier Selim, Mabruki, Bombay, helft Herrn Shaw auf seinen Esel und geht neben ihm.“

„O Bana, Bana, nehmen Sie ihn nicht mit! Sehen Sie denn nicht, dass er krank ist?“ sagten die Araber.

„Ihr bleibt mir davon! Nichts kann mich daran hindern, ihn mitzunehmen. Er soll mit. Bombay! vorwärts!“ --

So war der Rest meiner Gesellschaft auf den Weg gebracht. Das bis vor kurzem noch so geschäftige Tembé hatte ein ödes, verlassenes Aussehen gewonnen. Ich wandte mich gegen die Araber, lüftete meinen Hut und sagte noch einmal Lebewohl. Dann kehrte auch ich mich in Begleitung meiner vier jungen Flintenträger Selim, Kaluli, Madschwara und Bilali gen Süden.

Ehe wir 5 Kilometer gegangen erhob der wilde Unyamwezi-Esel, der von hinten vom schlauen Mabruki gekitzelt wurde, die Hinterbeine und John Shaw, der nie ein guter Reiter gewesen, lag der Länge lang in der Nähe eines Dornbusches auf dem Boden. Er schrie auf und wir liefen alle hin, um ihm zu helfen.

„Was gibt’s, mein lieber Freund?“ fragte ich, „haben Sie Schaden genommen?“

„O mein Gott, mein Gott! Lassen Sie mich doch umkehren, Herr Stanley!“

„Etwa weil Sie von einem Esel heruntergefallen sind? Fassen Sie nur Muth. Es würde mir sehr leidthun, wenn ich sagen müsste, dass Sie zurückgeblieben. In vier bis fünf Tagen werden Sie selbst über dies kleine Misgeschick lachen. Fast alle Menschen fühlen sich etwas weichherzig, wenn sie einen angenehmen Ort verlassen. Steigen Sie nur wieder auf Ihren Esel, alter Freund! Entschliessen Sie sich doch mitzugehen! Dann geht’s auch.“

Noch einmal halfen wir ihm hinauf; trotzdem überlegte ich mir aber die ganze Zeit, ob es nicht viel besser sei, den Menschen zurückzuschicken, als ihn wider seinen Willen fast mit Gewalt mehrere hunderte Meilen, die zwischen mir und Udschidschi liegen mussten, mitzuschleppen. Wenn er nun unterwegs stürbe? Vielleicht war er wirklich krank? Nein, das ist er nicht, er stellt sich blos so. Ich gestehe aber, ich hätte ihn an Ort und Stelle zurückgeschickt, wenn ich nicht der Ueberzeugung gewesen wäre, dafür von den Arabern ausgelacht zu werden.

Nach einem halbstündigen Marsche wurde die Situation belebter. Shaw fing an sich zu amüsiren. Bombay hatte unsern Zank vergessen und versicherte, wenn ich durch Mirambo’s Land ziehen könne, so würde auch ich den Tanganika erreichen. Dasselbe glaubt Mabruki-Speke. Selim freute sich, Unyanyembé zu verlassen, wo er soviel vom Fieber gelitten, und in dem kühnen Aussehen der Hügel, die sich über schöne Thäler erhoben, lag etwas, das auch mich belebte und zu meiner Reise ermuthigte.

In 1½ Stunden kamen wir in unserm Lager in dem Kinyamwezi-Dorfe Mkwenkwe an, dem Geburtsort unsers berühmten Sängers Maganga.

Mein Zelt wurde aufgeschlagen und die Güter in einem der Tembés zusammengelegt; die Hälfte der Leute war aber nach Kwihara zurückgegangen, um sich noch einmal von ihren Frauen und Freundinnen zu verabschieden.

Gegen Abend wurde ich wieder einmal vom Wechselfieber befallen. Vor dem Morgen war es zwar wieder fort, hatte mich aber schrecklich schwach und matt gemacht. Ich hatte die Unterhaltung der Leute untereinander bei ihren Lagerfeuern über die wahrscheinlichen Aussichten für den nächsten Tag mit angehört. Unter ihnen war die Frage aufgeworfen worden, ob ich den Marsch weiter fortsetzen würde. Fast alle waren der Ansicht, dass, da der Herr krank sei, ein Marsch nicht stattfinden werde. Mich trieb dagegen ein höchster Grad von Eigensinn an, ihrer Lässigkeit Trotz zu bieten. Als ich aber zu meinem Zelt hinaustrat, um ihnen zu befehlen, sich fertig zu machen, fand ich, dass wenigstens zwanzig von ihnen fehlten. Auch war Livingstone’s Briefträger Kaif-Halek -- oder „Wie befinden Sie sich?“ -- noch nicht mit dem Briefbeutel desselben angekommen.

Ich suchte zwanzig der stärksten und treuesten Leute aus und schickte sie nach Unyanyembé zurück, um die fehlenden Leute aufzusuchen, und Selim sollte zugleich von Scheikh bin Nasib eine lange Sklavenkette borgen oder kaufen.

Zur Nacht kehrten meine Polizisten mit neun der fehlenden Leute zurück. Die Wadschidschi aber waren alle zusammen desertirt und liessen sich nicht auffinden. Selim kam auch heim mit einer starken Kette, mit der man wenigstens zehn Leute in die daran befindlichen Halsbänder schliessen konnte. Auch Kaif-Halek erschien mit seinem Briefbeutel, den er unter meinem Geleit an Livingstone bringen sollte. Darauf hielt ich eine Anrede an die Leute und zeigte ihnen die Sklavenkette vor. Ich sagte ihnen, ich sei der erste Weisse, der eine Sklavenkette auf die Reise mitgenommen habe; da sie sich aber alle so sehr fürchteten, mich zu begleiten, sei ich gezwungen, davon Gebrauch zu machen, da es das einzige Mittel sei, sie zusammenzuhalten. Die Guten brauchten keine Furcht vor der Kette zu haben, nur die Deserteure, die Diebe, die ihren Lohn nebst Geschenken, Flinten und Munition erhielten und dann doch wegliefen, hätten sie zu fürchten. Diesmal werde ich noch keinen in Ketten legen, wenn aber für die Folge wieder jemand desertire, so werde ich halten lassen, den Marsch nicht eher aufnehmen, bis ich ihn gefunden, und dann solle er mit der Sklavenkette um den Hals nach Udschidschi marschiren. „Hört Ihr?“ „Ja“, lautete die Antwort. „Versteht Ihr?“ „Ja.“

Um 6 Uhr abends brachen wir auf und schlugen den Weg nach Inesuka ein, wo wir um 8 Uhr abends ankamen.

Als wir am nächsten Morgen im Begriff waren den Marsch anzutreten, entdeckten wir, dass wiederum zwei weggelaufen waren. Sofort wurden Baraka und Bombay nach Unyanyembé geschickt, um die beiden fehlenden Leute Asmani und Kingaru zurückzubringen, mit dem bestimmten Befehl, nicht ohne sie heimzukehren. Kingaru war, wie der Leser sich erinnern wird, jetzt schon zum dritten mal davongelaufen. Während diese Verfolgung vor sich ging, hielten wir im Dorfe Inesuka, hauptsächlich um Shaw’s willen.

Am Abend wurden die unverbesserlichen Deserteure zurückgebracht und, wie ich gedroht hatte, tüchtig geprügelt und in Ketten gelegt, um sie vor einer nochmaligen Versuchung zu sichern. Bombay und Baraka hatten eine romantische Geschichte über ihre Gefangennahme zu erzählen, und da ich bei sehr guter Stimmung war, so wurden ihre Dienste mit je einem schönen Tuch belohnt.

Am folgenden Morgen verschwand wieder ein Lastträger, welcher seinen Miethslohn von 15 neuen Tuchen sowie auch noch eine Flinte mitnahm. Aber noch irgendwo in der Nähe von Unyanyembé halt zu machen war eine Gefahr, die nur dadurch vermieden werden konnte, dass wir ohne Aufenthalt durch die südlichen Dschungelländer weiter reisten. Man wird sich erinnern, dass ich den gefürchteten Schneider Abdul Kader in meinem Gefolge hatte, welcher von Bagamoyo mit glänzenden Hoffnungen auf die Elfenbeinschätze auszog, die er sich im Innern von Afrika erwerben könne. An diesem Morgen flehte Abdul Kader aus Furcht vor den angeblich drohenden Gefahren um seine Entlassung. Er schwor mir zu, er sei krank und ausser Stande, weiter zu gehen. Da ich seiner ohnehin ziemlich überdrüssig war, zahlte ich ihn in Tuch aus und liess ihn laufen.

Ungefähr auf dem halben Wege nach Kasegera erkrankte Mabruk Salim plötzlich an Erbrechen, Diarrhöe und einem beständigen Abgang von Würmern. Ich behandelte ihn mit einem Gran Kalomel und einigen Unzen Branntwein. Da er ausser Stande war zu gehen, so versah ich ihn mit einem Esel. Ein anderer Mann, namens Zaidi, wurde vom Rheumatismus befallen. Shaw stürzte auch zweimal von dem Thiere, das er ritt, und es bedurfte sehr vieler guter Worte, um ihn wieder zum Aufsteigen zu bewegen. Wahrhaftig, meine Expedition wurde vom Misgeschick verfolgt und es schien, als ob die Schicksals-Göttinnen unsere Rückkehr beschlossen hätten. Es sah wirklich so aus, als ob alles zu Grunde ginge. Wenn ich nur 14 Tage weit von Unyanyembé wäre, so wäre ich, meiner Ansicht nach, gerettet.

Kasegera bot am Nachmittag und Abend unserer Ankunft eine Freudenscene dar. Es waren eben Leute, die an der Küste gewesen, heimgekehrt und die junge Welt hatte sich in neuen Barsatis, Soharis und langen Kleidern von glänzendem neuen Kaniki aufgeputzt, welche sie hinter einem Busch angezogen., ehe sie in vollem Staat erschienen. Die Frauen schrien „Hihi“, wie Mänaden, und „Lutulu“ ertönte es häufig und laut den ganzen Nachmittag. Sylphidenartige Mädchen blickten voll Bewunderung auf die jugendlichen Helden; alte Frauen liebkosten sie ungemein und vom Alter gebeugte Patriarchen an Stöcken segneten sie. So geberdet sich der Ruhm in Unyamwezi. Alle die glücklichen Jünglinge mussten ihrer Zunge bis zu den Frühstunden des nächsten Morgens freien Lauf lassen, um die Wunder zu erzählen, die sie in der Nähe des grossen Meeres und auf „Ungudscha“, der Insel Zanzibar, gesehen hatten. Sie mussten berichten, wie sie die Schiffe der weissen Männer und eine grosse Anzahl Weisse gesehen, welche Gefahren und Prüfungen sie auf ihrer Reise durch das Land der wilden Wagogo bestanden und was sie sonst noch erlebt hatten, kurz Dinge, die dem Leser und mir jetzt schon genau bekannt sind.

Am 24. hoben wir unser Lager auf, marschirten durch einen Wald von Imbiti-Holz in süd-südwestlicher Richtung und kamen nach ungefähr drei Stunden nach Kigandu.

Als wir bei diesem Dorf anlangten, das von einer Tochter Mkasiwa’s beherrscht wird, theilte man uns mit, wir dürften dasselbe nicht betreten ohne Zoll zu zahlen. Da wir dies nicht thun wollten, waren wir genöthigt, in einem verfallenen, von Ratten heimgesuchten Boma zu campiren, das eine Meile links von Kigandu liegt, nachdem wir von den feigen Eingeborenen dafür tüchtig beschimpft worden, dass wir Mkasiwa in der Stunde der Noth verlassen hätten. Man beschuldigte uns, des Krieges wegen ausgerissen zu sein.

Fast unmittelbar vor unserm Lager verlor Shaw bei seinem Versuch, vom Esel zu steigen, die Steigbügel und fiel aufs Gesicht zur Erde. Dieses kleine Nebenspiel des Herrn Shaw kam mir jetzt zu häufig vor. Daher befahl ich den Leuten, als sie hinstürzten, ihm aufzuhelfen, ihn liegen zu lassen. Der dumme Mensch blieb factisch in der heissen Sonne eine ganze Stunde lang auf dem Boden liegen und als ich ihn gelassen fragte, ob er sich da nicht etwas ungemüthlich fühle, setzte er sich auf und weinte wie ein Kind.

„Wünschen Sie umzukehren, Herr Shaw?“ „Ich bitte darum. Ich glaube nicht, dass ich weiter mit kann; und wenn Sie so gut sein wollen, so wünsche ich sehr, umzukehren.“ „Gut, Herr Shaw, ich bin zu dem Schluss gelangt, dass es das beste für Sie ist, zurückzukehren. Meine Geduld ist zu Ende. Ich habe es treulich versucht, Ihnen über das kleinliche Elend, dem Sie sich so ganz hingeben, hinweg zu helfen. Sie leiden einfach an Hypochondrie und bilden sich nur ein, krank zu sein, und offenbar kann Sie nichts von dieser Ueberzeugung abbringen. Hören Sie auf meine Worte: nach Unyanyembé zurückkehren, heisst sterben. Sollten Sie in Kwihara krank werden, wer versteht es wol, Sie dort mit Arznei zu behandeln? Nehmen wir an, dass Sie deliriren, wie kann einer meiner Soldaten wissen, was Ihnen fehlt oder was Ihnen gut sein würde. Noch einmal wiederhole ich es, wenn Sie zurückkehren, so sterben Sie.“ „Ach, mein Gott! ich wünschte, ich hätte es nie gewagt herzukommen. Ich dachte mir das Leben in Afrika so ganz anders, als es ist. Ich will doch lieber heimkehren, wenn Sie es mir gestatten.“

Am nächsten Tage hielten wir und trafen Einrichtungen, um Shaw nach Kwihara zurück zu transportiren. Ich liess eine starke Tragbahre anfertigen und miethete vier kräftige Pagazi in Kigandu für seinen Transport, liess Brot backen, eine Kanne mit kaltem Thee füllen und für seinen Lebensunterhalt unterwegs ein Ziegenviertel braten.

Den Abend vor unserer Trennung verbrachten wir gemeinschaftlich. Shaw spielte einige Melodien auf einem Accordion, das ich für ihn in Zanzibar gekauft. Zwar war es nur ein elendes Ding für zehn Dollars, doch kamen mir die heimatlichen Klänge, die er dem Instrumente entlockte, an jenem Abend wie himmlische Melodien vor. Das letzte Lied, das er spielte, ehe wir uns zurückzogen, war: „Home, sweet home!“ und es schien mir, dass wir, ehe es zu Ende war, weicher gegeneinander gestimmt waren.

Am Morgen des 27. standen wir alle früh auf. Es lag eine bedeutende Energie in unsern Bewegungen. Ein langer, langer Marsch stand uns an jenem Tage bevor; ich musste ja aber alle Kranken und Schwächlichen zurücklassen. Nur die Gesunden, die rasch und lange marschiren konnten, sollten mich begleiten. Mabruk Salim liess ich in der Obhut eines eingeborenen Doctors, der ihn für ein Tuch, das ich ihm im voraus gab, behandeln sollte.

Das Horn erklang zum Aufbruch. Shaw wurde auf die Tragbahre gelegt, welche die Träger auf die Schultern nahmen. Meine Leute stellten sich mit erhobenen Fahnen in zwei Reihen auf und mitten durch diese und die glänzenden Fahnen, die über den Wassern des Tanganika flattern sollten, ehe Shaw sie wieder zu Gesicht bekam, wurde dieser nach Norden zu fortgetragen. Wir zogen nach Süden mit rascheren und elastischeren Schritten, als ob uns ein Alp abgenommen sei.

Wir stiegen einen Bergrücken hinan, welcher von ungeheuern Syenitblöcken starrte, die sich über einem Walde von Zwergbäumen zeigten. Der Anblick war ein solcher, wie wir schon anderweitig oft gesehen. Ein unbegrenzter Wald erstreckte sich in grossen Wellen weit über den Gesichtskreis hinaus. Waldbewachsene Bergfirsten erhoben sich sanft übereinander, bis sie in der dunkeln purpurnen Ferne verschwanden. Ein warmer Nebel schwebte über ihnen, der, obwol klar genug in unserer Nähe, in der Ferne undurchdringlich blau wurde. Wald, Wald, nichts als Wald, Laubkugeln oder fallschirmartige Laubdächer von grüner, brauner oder welker Färbung! Die Wälder hoben sich schichtweise übereinander, ein wahrer Laubocean. Der Horizont bietet an allen Punkten denselben Anblick dar. In weiter Ferne mag sich wol die unbestimmte Contour eines Berges zeigen, oder hier und da ein hoher Baum, welcher die übrigen sichtlich überragte und sich scharf von dem durchsichtigen Himmel abhob. Mit dieser Ausnahme bleibt es immer dasselbe, immer der klare Himmel, der sich auf den dunkeln Wald herabsenkt, stets dieselben Umrisse, derselbe Wald, derselbe Horizont Tag für Tag, Woche für Woche. Wir eilen auf die Höhe eines Bergrückens in der Erwartung einer Veränderung, aber die ermüdeten Augen kehren zu der unmittelbaren Umgebung zurück, nachdem sie über die weite Fläche geschweift, von der Gleichartigkeit der Landschaft übersättigt. Carlyle sagt irgendwo in seinen Schriften, dass der Vatican trotz seiner Grösse sich doch nur wie eine Eierschale zu dem sternenfunkelnden Dom verhält, von dem Arcturus und Orion beständig herabstrahlen; und so sage ich, dass der Lustwald des Centralparks in New-York trotz seiner Grossartigkeit im Vergleich zu den armseligen Hainen, die man in andern grossen Städten sieht, dass der Forst von Windsor und die New-Forests in England trotz ihrer erhabenen Schönheit sich doch nur wie Gestrüpp im Vergleich zu diesen ewigen Wäldern von Unyamwezi ausnehmen.

Wir marschirten drei Stunden und hielten dann, um uns zu erfrischen. Ich bemerkte, dass die Leute sehr ermüdet, nach unserer langen Ruhe in Kwihara noch nicht an eine Reihe langer Märsche gewöhnt oder für ernste, angestrengte Arbeit gehörig eingeschult waren. Als wir unsern Marsch wieder aufnahmen, zeigte sich wiederholt Unmuth und Abgespanntheit, ein paar launige Bemerkungen über ihre Faulheit brachten die Leute jedoch wieder in gute Stimmung und wir erreichten Ugunda um zwei Uhr nachmittags, nach einem weitern Marsch von vier Stunden.

Ugunda ist ein sehr grosses Dorf im gleichnamigen Districte, der an die südliche Grenze von Unyanyembé stösst. Das Dorf besitzt wol 400 Familien oder 2000 Seelen. Es wird durch eine hohe und starke Pallisadenreihe von dreizölligem Bauholz geschützt. Ueber den Pallisaden hat man Gerüste mit kleinen Schiessscharten errichtet, die für die Musketen der Scharfschützen bestimmt sind, welche in diesem kastenartigen Gerüst ihre Zuflucht nehmen, um die Häupter einer angreifenden Truppe niederschiessen zu können. Innerhalb dient ein Graben, dessen Sandboden drei bis vier Fuss hoch gegen die Stakete aufgeworfen ist, als Schutz für die Hauptmasse der Vertheidiger, die in demselben niederknien und so im Stande sind, einer grossen Truppenmacht Widerstand zu leisten. Einige Meilen um das Dorf herum sind alle Hindernisse hinweggeräumt und die Belagerten werden von scharfäugigen Wächtern gewarnt, sich für die Vertheidigung bereit zu halten, ehe sich der Feind auf Musketenschussweite nähert. Mirambo hat seine Räubertruppen von diesem starkbefestigten Dorfe nach zwei bis drei erfolglosen Versuchen, es zu erstürmen, zurückgezogen und die Wagunda frohlocken seitdem darüber, dass sie diesen kühnsten Räuber, den Unyamwezi seit Generationen gesehen, zurückgeschlagen haben.

Die Wagunda haben ungefähr 3000 Quadratmorgen bebautes Land um ihr Hauptdorf, und dieses Terrain genügt, um das Korn nicht nur für ihren eigenen Bedarf zu erzeugen, sondern auch für den der vielen Karavanen, die auf diesem Wege nach Ufipa und Marungu ziehen.

Wie tapfer auch die Wagunda innerhalb der starken Einhegung sein mögen, mit der sie ihr Hauptdorf umgeben haben, so sind sie doch nicht frei von dem Gefühl der Unsicherheit, das die Seele eines Mnyamwezi während der Kriegszeit erfüllt. An diesem Ort pflegen die Karavanen ihre Leute aus dem Schwarm von Pagazi zu rekrutiren, welche sich freiwillig anbieten, die ersteren in die fernen Elfenbeingegenden des Südens zu begleiten. Ich konnte aber nicht einen einzigen dazu bewegen, mir zu folgen, so gross war ihre Furcht vor Mirambo und seinen Ruga-Ruga. Sie wussten auch viel von bevorstehenden Kriegen zu erzählen. Man behauptete, Mbogo ziehe gegen Ugunda mit 1000 Wakonongo; die Wazavira hätten vor vier Monaten eine Karavane angegriffen; Simba durchstreiche das Land mit einer Bande wilder Söldlinge, und noch manches ähnliche.

Am 28. kamen wir in einem kleinen netten Dorfe an, das in dem Benta genannten Walde liegt, 3¼ Stunden von Ugunda. Die Strasse führt durch die Kornfelder der Wagunda und tritt dann in die um die Dörfer des Kisari liegenden Lichtungen ein, wo wir den Besitzer einer Karavane antrafen, der Lastträger nach Ufipa zusammentrommelte. Er war gezwungen gewesen, hier zwei Monate halt zu machen und bemühte sich eifrig, meine Leute dazu zu bewegen, sich seiner Karavane anzuschliessen, was eben nicht dazu beitrug, Harmonie zwischen uns herzustellen. Einige Tage später fand ich, als ich wieder zurückkehrte, dass er den Gedanken, nach Süden zu ziehen, aufgegeben hatte. Nachdem wir Kisari verlassen, marschirten wir durch ein dünnes Gebüsch von schwarzem Jackholz, über ein Erdreich, das von der Sonnenhitze geborsten war, und hin und wieder an einer ausgetrockneten Pfütze vorüber, deren Boden die deutlichen Spuren von Elefanten, Rhinozeros, Büffeln und Zebras zeigte, was uns Hoffnung machte, dass wir bald auf Jagdthiere stossen würden.

Benta war gut mit Mais und einem Korn versehen, das die Eingeborenen Tschoroko nennen und das ich für Wicken halte. Ich kaufte mir einen guten Vorrath davon für meinen eigenen persönlichen Bedarf, da ich fand, dass es eine sehr gesunde Nahrung sei. Das Korn wurde auf den flachen Dächern der Tembés in grossen, aus der Rinde des Mtundu-Baumes angefertigten Kasten aufbewahrt. Hier habe ich den grössten Kasten erblickt, den ich je in Afrika gesehen; man hätte ihn für die Hutschachtel eines Titanen halten können. Er hatte sieben Fuss im Durchmesser und zehn Fuss Höhe.

Am 29. erreichten wir, nachdem wir in süd-südwestlicher Richtung gereist waren, Kikuru. Der fünfstündige Marsch führte über Ebenen, die von der Sonne geborsten waren, auf denen schwarzes Jack- und Ebenholz sowie Zwerggebüsche wuchsen, und auf denen sich zahlreiche Ameisenhügel von lichter kreidefarbener Erde wie Sanddünen erhoben.

Das Mukunguru, im Kiswahili der Name für Fieber, kommt in dieser Gegend von ausgedehnten Wäldern und flachen Ebenen häufig vor, da die Natur hier das Wasser nur sehr unvollkommen abfliessen lässt. In der trockenen Jahreszeit liegt nichts abschreckendes im Anblick des Landes. Das verbrannte Gras, das von den hartgewordenen Spuren der Thiere, die diese Ebenen während des letzten Theils der Regenzeit bewohnen, bedeckt ist, gibt aber dem Lande ein etwas düsteres Aussehen. Im Walde liegen zahllose Bäume im letzten Stadium der Verwesung umher und auf den hingestreckten Stämmen kann man zahllose Insektenarten arbeiten sehen. Unmerklich wird aber das Gift der todten und verwesenden Pflanzenwelt in den Organismus aufgenommen und von Folgen begleitet, die bisweilen tödlich sind wie die, welche aus der Nachbarschaft des Upasbaumes entstehen sollen.

Die ersten übeln Folgen, die aus der Malaria entstehen, sind Verstopfung und verstimmende Mattigkeit, ungemeine Schläfrigkeit und beständige Neigung zum Gähnen. Die Zunge nimmt eine gelbliche, krankhafte Färbung an und wird fast schwarz. Selbst die Zähne werden gelb und von einer übelriechenden Masse überzogen. Die Augen des Patienten glänzen hell und füllen sich mit Wasser. Dies sind sichere Symptome des beginnenden Fiebers, welches bald darauf den ganzen Organismus durchtobt und den Patienten zitternd vor Pein niederstreckt.

Bisweilen geht diesem Fieber ein heftiger Schüttelfrost voran, während welcher Zeit man wollene Decken über den Patienten legen kann, ohne die tödliche Kälte, die er empfindet, sehr zu mindern. Darauf folgt ein ungewöhnlich heftiger Kopfschmerz, furchtbare Schmerzen der Lenden und Rückensäule, die, sich über die Schulterblätter verbreitend, den Hals hinauflaufen und sich schliesslich im Hinter- und Vorderkopf fixiren. Gewöhnlich jedoch geht dem Fieber keine Kälte voran, sondern, nachdem Mattigkeit und Schwächegefühl, grosse Hitze und pulsirende Schläfe eingetreten, fangen Lenden und Rückgratsäule an zu schmerzen und ein wüthender Durst ergreift den Kranken. Das Gehirn wird von sonderbaren Phantasien angefüllt, die bisweilen die schrecklichsten Gestalten annehmen. Vor dem verdunkelten Gesicht des Leidenden schweben in einer glühenden Atmosphäre die Gestalten wirklicher und phantastischer Reptilien, die sich jeden Augenblick in sonderbarere Formen verwandeln und immer verworrener, zusammengesetzter, scheusslicher, entsetzlicher werden. Ausser Stande, diese nahezu toll machenden Bilder weiter zu ertragen, macht der Kranke eine Anstrengung und öffnet die Augen, bannt jedoch dadurch das Delirium nur, um bewusstlos in ein anderes Traumland hinüberzugleiten, wo sich ihm eine neue phantastische Hölle plastisch darstellt und neue Qualen beginnen. Ach, wie viele Stunden habe ich unter dem schrecklichen Alp gelitten, den Anfälle eines wirklichen Deliriums hervorgerufen! Wehe über die folternden Qualen des Körpers, denen ein Reisender in Afrika ausgesetzt ist, über die höhnische Reizbarkeit, die Marter des Geistes, welche die schrecklichen Bilder dieser Teufeleien erzeugen! Dem höchsten Grade von Geduld gelingt es nicht, den Kranken zu besänftigen; die aufmerksamste Pflege genügt ihm nicht, die grösste Unterwürfigkeit verfehlt völlig ihren Zweck. In diesen schrecklichen wechselnden Bildern, die einen wilden Wahnsinn hervorrufen, wäre Hiob selbst reizbar, wüthend und zornig geworden. Ein in diesem Zustande befindlicher Mensch betrachtet sich als den Mittelpunkt alles Elends. Wenn er sich davon erholt hat, fühlt er sich geläutert, wird leutselig und lächerlich liebenswürdig; dann versteht er allen Dingen Freuden zu entlocken, die ihm noch am vorhergehenden Tage Schrecken und Entsetzen einflössten; dann betrachtet er seine Leute mit Liebe und Freundlichkeit und sieht auch das gewöhnlichste mit Begeisterung an. Die Natur erscheint ihm reizend; in den todten, eintönigen Wäldern findet sein Geist eine stete Quelle neuer Freuden. Hier spreche ich aus eigener Erfahrung, wie ich sie aus einer sorgfältigen Analyse des Anfalls in seinen verschiedenen Stadien, dem hitzigen, jammernden und albernen, gewonnen; denn ich pflegte mich damit zu amüsiren, die humoristischen und entsetzlichen, phantastisch übertriebenen Bilder, die sich mir darboten, zu Papier zu bringen, selbst während ich an den Fieber-Paroxysmen litt.

Nach einem vierstündigen Marsche in süd-südwestlicher Richtung kamen wir am 1. October bei einer grossen Pfütze an, die als der Ziwani bekannt ist. Hier entdeckten wir ein altes, halb verbranntes Khambi, das von einem grossartigen Mkuyu (einer Sykomore), dem Riesen der Wälder von Unyamwezi, beschattet wurde und das wir binnen einer Stunde in ein herrliches Lager verwandelten.

Wenn ich mich recht besinne, so hatte der Baum 38 Fuss im Umfang. Es ist der schönste Baum seiner Art, den ich in Afrika gesehen. Unter der ungeheuern Laubkuppel desselben hätte ein Regiment Soldaten bequem zu Mittag rasten können. Der Durchmesser des von ihm geworfenen Schattens war 120 Fuss. Die kräftige Gesundheit, der ich mich zu dieser Zeit erfreute, setzte mich in den Stand, die Umgegend mit Bewunderung zu gemessen. Ein Gefühl von Wohlbehagen und vollständiger Zufriedenheit ergriff mich, wie ich es in Unyanyembé nicht gekannt, wo ich mein Leben in Unthätigkeit und Aerger verbracht hatte. Ich unterhielt mich mit meinen Leuten wie mit Freunden und meinesgleichen. Wir raisonnirten miteinander über unsere Aussichten in ganz kameradschaftlicher, geselliger Art und Weise.

[Illustration: LAGER UNTER EINER RIESEN-SYKOMORE.]

Wenn das Tageslicht dahinschwand und die Sonne rasch über dem westlichen Horizont herabsank, den Himmel mit Gold- und Silber-, Safran- und Opalfarben schmückend, wenn dieses prächtige Farbenspiel sich auf den Spitzen des ewigen Waldes widerspiegelte, die heilige Stille des Himmels auf allem ruhte und selbst die rohen Gemüther meiner Umgebung die ganze Herrlichkeit des Naturlebens mitten im ungeheuern, von allen andern menschlichen Wesen leeren Walde tief empfanden, dann trat die Zeit ein, wo wir alle nach vollendeter Tagesarbeit und völliger Sicherstellung des Lagers unsere Pfeifen hervor holten und so recht den Lohn unserer Mühen, die einem tüchtigen Tagewerk folgende Zufriedenheit gemessen konnten.

Draussen hört man nichts als das Geschrei eines umherirrenden Florikans oder Perlhuhns, das seine Genossen verloren, das heisere Quaken der Frösche in der nahgelegenen Pfütze oder das Zirpen der Heimchen, welche den Tag zur Ruhe zu lullen scheinen. In unserm Lager lässt sich das Geräusch der Kürbispfeifen vernehmen, aus denen die Leute den blauen Aether einziehen, den auch ich liebe. Ich liege glücklich und zufrieden auf meinem Teppich unter dem Dom lebendigen Laubes, rauche meine kurze Meerschaumpfeife und hänge trotz der Schönheit des stillen grauen Himmelslichts und der Heiterkeit, die mich überall umgibt, meinen Gedanken an die Heimat und die Freunde im fernen Amerika nach. Doch wenden sich diese Gedanken alsbald wieder zu meiner noch unvollendeten Aufgabe, zu dem Manne hin, der für mich noch immer ein Mythus ist, der sogar todt sein kann oder vielleicht, ob nah oder fern von mir, jetzt durch einen eben solchen Wald zieht, dessen Wipfel die Aussicht aus meinem Lager beschränken. Wir befinden uns beide auf demselben Boden, vielleicht in demselben Walde, wer weiss es? -- und doch ist er mir so fern, dass er ebenso gut in seiner kleinen Hütte in Ulva sein könnte. Obwol ich selbst jetzt noch nicht weiss, ob er überhaupt existirt, so fühle ich doch eine gewisse Ruhe, eine gewisse Genugthuung, die sich schwer beschreiben lässt. Warum ist der Mensch doch so schwach, dass er hunderte von Meilen ziehen muss, um die Zweifel, die sein ungeduldiges, stolzes Gemüth füllen, zu befriedigen? Warum kann mein Leib nicht dem kühnen Fluge meines Geistes folgen und das Sehnen stillen, das ich empfinde, die quälende Frage zu lösen, die sich mir stets auf die Lippen drängt: Lebt er noch? -- O, meine Seele, sei geduldig, du hast eine glückliche Ruhe, um die andere Leute dich beneiden könnten! Für die Gegenwart genügt das Bewusstsein, dass deine Mission eine heilige ist! Vorwärts und hoffe!

Am Montag den 2. October zogen wir durch den Wald und die Ebene, welche sich von dem Ziwani nach Manyara erstreckt. Das kostete 6½ Stunden. Die Hitze war furchtbar drückend; doch wuchsen die Mtundu- und Miombo-Bäume hier in Zwischenräumen, die gerade ausreichten, um jedem Baum sein freies Wachsthum zu gestatten, während ihr Laub sich zu einem Dache verband, das angenehmen Schatten warf. Der Pfad war frei und bequem, der zusammengestampfte, feste, rothe Boden bot keine Hindernisse dar. Nur litten wir sehr von den Angriffen der Tsetse- oder Panga (Schwert)-Fliege, die hier schwärmte. Wir wussten, dass wir uns einem ausgedehnten Aufenthaltsort von Wild näherten und passten beständig auf, was für Gattungen diese Wälder wol bewohnten.

Als wir, im Tempo von ungefähr drei engl. Meilen in der Stunde, weiter zogen, bemerkte ich, wie die Karavane vom Wege abbog und 50 Schritt jenseits eines auf demselben befindlichen Gegenstandes, der die Aufmerksamkeit der Leute auf sich gezogen, wieder auf denselben zurückkehrte. Als ich soweit gekommen war, fand ich, dass es der Leichnam eines Mannes sei, der als ein Opfer der furchtbaren Geissel Afrikas, der Pocken, gestorben war. Er gehörte zu der Räuber- oder Guerillabande Oseto’s, die in dem Dienste des Mkasiwa von Unyanyembé steht und diese Wälder nach den Guerillas Mirambo’s durchsuchte. Sie waren aus Ukonongo von einem Raubzug, den sie gegen den Sultan von Mbogo geführt hatten, zurückgekehrt und hatten ihren Kameraden am Wege liegen lassen, wo er gestorben war. Er war ungefähr einen Tag todt.

Beiläufig bemerkt ereignete es sich häufig, dass wir ein Skelet oder einen Schädel auf dem Wege fanden. Fast jeden Tag sahen wir einen, manchmal zwei dieser Ueberbleibsel todter vergessener Menschen.

Bald danach kamen wir aus dem Wald und traten in eine Mbuga oder Ebene, in der wir eine Menge Giraffen erblickten, deren lange Hälse man über einen Busch, an dem sie gefressen hatten, emporragen sah. Dieser Anblick wurde mit einem Freudenschrei begrüsst, denn jetzt wussten wir, dass wir in ein Land jagdbarer Thiere gekommen waren und dass wir in der Nähe des Flusses Gombé, wo wir halten wollten, viele dieser Thiere sehen würden.

Ein Marsch von drei Stunden über diese heisse Ebene brachte uns an die bebauten Felder von Manyara. Vor der Dorfpforte verbot man uns hineinzutreten, da das ganze Land sich im Kriegszustande befinde und es nöthig sei, sehr vorsichtig beim Einlass irgendeiner Truppe zu sein, damit die Dorfbewohner nicht dadurch compromittirt würden. Man wies uns jedoch nach einem rechts vom Dorfe, in der Nähe einiger klarer Wasserpfützen belegenen Khambi, wo wir ungefähr ein halbes Dutzend zu Grunde gerichtete Hütten erblickten, die für ermüdete Menschen sehr ungemüthlich aussahen.

Nachdem wir unser Lager errichtet hatten, gab ich dem Kirangozi einiges Zeug, um uns Nahrungsmittel für den Durchzug der vor uns liegenden Wüste, die 135 Meilen oder neun Märsche lang sein sollte, im Dorfe zu kaufen. Man sagte ihm, dass der Mtemi seinen Leuten aufs strengste verboten hätte, Korn zu verkaufen.

Das war offenbar ein Fall, in dem nur etwas Diplomatie uns helfen konnte, denn es hätte uns mehrere Tage aufgehalten, wenn wir genöthigt gewesen wären, Leute nach Kikuru zurückzuschicken, um uns Proviant zu holen. Ich öffnete also meine Ballen der besseren Waarensorten, suchte zwei hübsche Tücher aus und schickte Bombay mit ihnen an den Sultan mit dem Freundschaftsgruss des weissen Mannes. Der Sultan schlug es verdriesslich aus und befahl ihm, zum Weissen zurückzukehren und ihm zu sagen, er möge ihn nicht weiter belästigen. Alles Bitten blieb umsonst, er wollte nicht einlenken, und die Leute waren genöthigt, in sehr schlechter Laune und hungrig zu Bett zu gehen. Hier fielen mir die Worte Ndschara’s, eines Sklavenhändlers und Schmarotzers des grossen Scheikh bin Nasib, ein: „O Herr, Sie werden es erfahren, dass Sie dem Volk nicht gewachsen sein werden und werden zurückkehren müssen. Die Wamanyara sind schlecht, die Wakonongo sind sehr schlecht, die Wazavira sind die allerschlechtesten. Sie sind zu einer schlechten Zeit in dieses Land gekommen. Ueberall herrscht Krieg.“ Und wirklich, wenn man nach dem Inhalt der Unterhaltungen schliessen durfte, die um unsere Lagerfeuer geführt wurden, so schien dies nur zu klar zu sein. Es war alle Aussicht dazu vorhanden, dass meine Leute alle zusammen ausreissen würden. Ich suchte jedoch sie zu ermuthigen und sagte ihnen, ich werde ihnen morgen Nahrungsmittel verschaffen.

Am nächsten Morgen wurde der Ballen der besten Zeuge noch einmal aufgemacht und vier gute Tücher nebst zwei Doti Merikani ausgewählt und Bombay damit sammt Grüssen und höflichen Redensarten abgesandt. Es war nöthig, sehr höflich gegen einen so verdriesslichen Mann zu sein, der zu mächtig war, als dass man sich hätte ihn zum Feinde machen dürfen. Was wäre aus uns geworden, wenn er sich entschloss, das Beispiel des gefürchteten Mirambo, des Königs von Uyoweh, nachzuahmen! Die Wirkung meiner grossartigen Freigebigkeit liess sich jedoch bald in der Masse von Vorräthen sehen, die ins Lager gebracht wurden. Ehe eine Stunde vorüber war, kamen Kisten voll Choroko, Bohnen, Reis, Matama oder Dourra und Mais, die ein Dutzend Dorfbewohner auf dem Kopfe uns zutrugen, und bald darauf kam der Mtemi selbst mit einem Gefolge von etwa 30 Musketieren und 20 Speerträgern, um sich den ersten Weissen, der je hier erblickt worden, anzusehen. Hinter diesen Kriegern kam ein grossartiges Geschenk, das an Werth dem, das er erhalten, gleichkam und aus mehrern grossen Kürbissen voll Honig, Hühnern, Ziegen und hinreichend viel Wicken und Bohnen bestand, um meine Leute auf vier Tage zu verproviantiren.

Ich ging dem Häuptling bis an die Thüre meines Lagers entgegen, verbeugte mich tief und lud ihn ein in mein Zelt, das ich für seinen Empfang eingerichtet hatte so gut als es die Umstände erlaubten. Mein persischer Teppich und die Bärenhaut lagen ausgebreitet und ein grosses Stück funkelnagelneues Scharlachzeug bedeckte meine Kitanda oder Bettstelle.

Ich forderte den Häuptling und seine Hauptleute auf, Platz zu nehmen. Der Blick befriedigten Erstaunens, den sie auf mich, mein Gesicht, meine Kleider und Gewehre warfen, ist kaum zu beschreiben. Sie sahen mich einige Secunden sehr genau an, dann blickten sie auf sich selbst und brachen in ein unbezwingliches Gelächter aus, wobei sie mit ihren Fingern wiederholt Schnippchen schlugen. Sie sprachen die Kinyamwezi-Sprache und mein Dolmetscher Maganga musste den Häuptling von der grossen Freude benachrichtigen, die ich bei seinem Anblick empfand. Nach einer kurzen Zeit, in der wir Complimente wechselten und um die Wette über einander lachten, wünschte der Häuptling, dass ich ihm meine Flinten zeige. Der „Sechzehnschiesser“, das gezogene Winchestergewehr, rief Tausende von schmeichelhaften Bemerkungen des aufgeregten Mannes hervor und die kleinen tödlichen Revolver, deren schöne Arbeit die Leute für übermenschlich ansahen, machten sie so beredt und entzückt, dass ich gern zu etwas andern griff. Die doppelläufigen Gewehre, die mit schweren Pulverladungen abgefeuert wurden, veranlassten sie scheinbar beunruhigt aufzuspringen und sich darauf in convulsivischem Gelächter wieder zu setzen. Sowie die Begeisterung meiner Gäste zunahm, griffen sie sich gegenseitig an die Zeigefinger, schraubten und zogen an diesen herum bis ich fürchtete, dass sie verrenkt werden würden. Nachdem ich ihnen den Unterschied zwischen Weissen und Arabern auseinandergesetzt, zog ich meinen Medicinkasten hervor, der ihnen wieder wegen der sinnreichen und hübschen Anordnung der Flaschen begeisterte Seufzer entlockte. Der Häuptling fragte, was sie zu bedeuten hätten.

„Dowa“, antwortete ich bedeutungsvoll, ein Wort, welches mit Medicin übersetzt werden kann.

„Oh, oh“, murmelten sie voll Bewunderung. Es gelang mir sehr bald, ihre unbedingte Bewunderung zu gewinnen, und es war ihnen ganz klar, dass ich den ausgezeichnetsten Arabern, die sie gesehen, bedeutend überlegen sei. „Dowa, Dowa“, sagten sie.

„Hier“, meinte ich und entkorkte ein Flasche mit medicinischem Branntwein, „ist das Kisungu Pombé (das Bier des Weissen). Nehmt einmal einen Löffel davon und versucht es!“ Mit diesen Worten überreichte ich es ihnen.

„Hacht, hacht, oh hacht. Was? Ach, was für starkes Bier haben die Weissen. O, wie mein Hals brennt!“ „Ja, es ist aber gut“, sagte ich, „schon ein klein wenig davon bewirkt es, dass die Leute sich stark und gut fühlen; zuviel davon macht sie dagegen schlecht und lässt sie sterben.“

[Illustration: MAMANYARA NIMMT MEDICIN.

I. S. 319.]

„Geben Sie mir etwas davon“, sagte einer der Häuptlinge, dem die andern der Reihe nach folgten.

Darauf holte ich eine Flasche concentrirtes Ammoniak, von dem ich ihnen erklärte, dass es gut gegen Schlangenbisse und Kopfschmerzen sei. Sofort klagte der Sultan über Kopfschmerzen und wünschte etwas davon zu haben. Indem ich ihm befahl, seine Augen zu schliessen, entkorkte ich plötzlich die Flasche und hielt sie Seiner Majestät unter die Nase. Der Effect war magisch, denn er fiel rückwärts um, als ob er angeschossen sei, und die Verzerrungen seiner Gesichtszüge lassen sich nicht beschreiben. Seine Häuptlinge brüllten vor Lachen, klatschten die Hände zusammen, kniffen einander, schlugen Schnippchen mit ihren Fingern und betrugen sich sonst noch höchst lächerlich. Ich glaube bestimmt, dass, wenn eine solche Scene auf irgendeiner Bühne aufgeführt würde, die Wirkung auf das Publikum sofort wahrzunehmen wäre, dass dasselbe sich an meiner Stelle fast toll gelacht haben würde. Schliesslich erholte sich der Sultan; grosse Thränen rollten ihm die Wangen herab, seine Gesichtszüge bebten vor Lachen und er sprach langsam das Wort „Kali“, d. h. heisse, starke, rasche, brennende Medicin. Er wünschte nichts mehr davon; die andern Häuptlinge aber drängten sich danach, ein wenig daran zu riechen, und verfielen, sobald sie das gethan, in unbezwingliches Gelächter. Der ganze Morgen verging mit dieser Staatsvisite, von der alle Betheiligten ausserordentlich befriedigt waren.

„Ach“, sagte der Sultan beim Weggehen, „diese Weissen wissen alles, mit ihnen verglichen sind die Araber gar nichts!“

In dieser Nacht desertirte einer der Führer, Hamdallah, mit seinem aus 27 Doti bestehenden Lohn und einem Gewehr. Es wäre unnütz gewesen, ihm am Morgen zu folgen, da es mich viel länger als ich konnte aufgehalten haben würde; doch gelobte ich mir innerlich, dass Herr Hamdallah diese 27 Doti abarbeiten solle, ehe ich die Küste erreichte.

Der 4. October, Mittwoch, sah uns nach dem Gombéfluss reisen, der 4¼ Stunden von Manyara entfernt ist.

Kaum hatten wir die wogenden Kornfelder meines Freundes Mamanyara verlassen, als wir eine Heerde schöner Zebras erblickten. Zwei Stunden später waren wir in ein prächtiges weites Parkland getreten, das mit seiner weiten, grossartigen Aussicht, dem sich ausbreitenden grünen Teppich, der hier und dort mit kleinen Gruppen von dichtem Gebüsch und schattigen Bäumen besetzt war, ohne Zweifel eine der schönsten Landschaften Afrikas ist. Hierzu kommt noch, dass, als ich einen der zahlreichen kleinen Hügel bestieg, ich eine Menge Heerden Büffel, Zebras, Giraffen und Antilopen erblickte, was mir ebenso wie bei meiner ersten Landung auf dem Boden Afrikas einiges Herzklopfen vor Erregung machte. Wir krochen geräuschlos die Ebene hinauf bis zu dem Lager, das wir uns an den Ufern des trägen Gombé aufschlagen wollten.

Hier war denn endlich das Paradies des Jägers! Wie klein und unbedeutend erschienen meine Jagden nach kleinen Antilopen und wilden Ebern; welche thörichte Kraftverschwendung lag in den langen Spaziergängen durch feuchte Gräser und dornige Dickichte! Wie lebhaft erinnerte ich mich meiner ersten bittern Erfahrung in den afrikanischen Dschungels der Seegegend! Aber hier, welches Edelmanns Park hätte sich mit diesem Schauspiel vergleichen können? Hier hat man eine weiche, sammetartige Rasenfläche vor sich, dort angenehmen Schatten unter jenen ausgedehnten Baumgruppen, und in bequemer Schussweite weiden Heerden verschiedener grosser Wildarten. Jetzt, wo sich eine solche Aussicht meinen Blicken eröffnet, fühle ich mich vollständig für meinen langen Umweg nach Süden entschädigt. Hier gibt es keine dornigen Dickichte und durchdringend riechende Moore, die den Jäger erschrecken und seine Sehnsucht nach echtem Sport abschwächen. Kein Jäger könnte sich ein schöneres Feld für seine Thätigkeit ersehnen.

Nachdem ich die Oertlichheit des Lagers festgestellt, das eine der Pfützen, die in der Richtung des Gombéflusses liegen, überblickte, nahm ich meine doppelläufige glatte Flinte und schlenderte fort in das Parkland. Aus einer Baumgruppe hervortretend, sah ich drei schöne feiste Springböcke auf dem frischen Grase gerade hundert Schritt von mir entfernt weiden. Ich kniete nieder und feuerte; eine unglückliche Antilope sprang instinktiv in die Höhe und fiel todt nieder. Ihre Gefährten schnellten gleichfalls in die Luft und machten dabei Sprünge von ungefähr 12 Fuss Weite, gleich als ob diese Vierfüssler gymnastische Uebungen machen wollten, und eilten darauf fort, wie Gummibälle in die Höhe prallend, bis ein Hügel sie meinen Blicken entzog. Die Soldaten begrüssten mein Glück mit lautem Freudengeschrei und kamen sofort aus dem Lager gelaufen, als sie das Knallen meiner Flinte hörten. Mein Flintenträger zückte sein Messer gegen den Hals des Thieres und rief ein inniges „Bismillah“, als er den Kopf fast vollständig vom Körper trennte.

Jetzt sandte ich Jäger nach Osten und Norden aus, um uns Fleisch zu verschaffen, denn in jeder Karavane finden sich sogenannte Fundi, deren eigentliches Handwerk darin besteht, das Fleisch für das Lager zu erjagen. Einige von ihnen sind im Stellen des Wildes sehr gewandt, befinden sich aber oft in gefährlicher Lage wegen der nothwendigen Annäherung, da sie ihre sehr unzuverlässigen Gewehre nur in der Nähe mit einiger Sicherheit gebrauchen können.

Nach dem Frühstück, das aus gerösteten Springbockschnitten, heissen Kornkuchen und einer Tasse herrlichen Mokkakaffees bestand, wanderte ich gemeinschaftlich mit Kalulu und Madschwara, zwei jungen Flintenträgern, nach Südwesten. Die kleinen Perpusilla-Antilopen sprangen wie Kaninchen vor mir her, als ich mich durch das Unterholz dahinschlich; der Honigvogel hüpfte zirpend von Baum zu Baum, als ob er glaubte, dass ich den süssen Schatz, dessen Versteck er allein kannte, aufsuchte; doch wünschte ich weder Perpusillas noch Honig zu haben, denn ich suchte mir an diesem Tage etwas Grosses. Scharfsichtige Fischadler und Bussarde, die auf Bäumen an den Krümmungen des Gombé sassen, dachten und wol mit gutem Recht, dass ich ihnen nachstelle, wenn man nach dem raschen Fluge urtheilen darf, mit dem diese Vögel verschwanden, als sie mich ankommen sahen. Doch nein, heute will ich nichts als Hartebeests, Zebras, Giraffen, Elenn und Büffel! Nachdem ich dem Lauf des Gombé ungefähr eine Meile gefolgt war und meine Augen lange an den breiten, langen Wasserflächen erfreut hatte, die ich so lange nicht mehr gesehen, bot sich mir ein Schauspiel, das meine Seele im Innersten entzückte. Da befanden sich, ungefähr 150 Schritt von mir, zehn Zebras, mit den Schweifen die schönen gestreiften Körper peitschend und sich gegenseitig beissend. Der Anblick war so hübsch, so romantisch; nie hatte ich es mir vorher so klar gemacht, dass ich in Central-Afrika sei. Ich fühlte mich im Augenblick stolz darauf, ein so ungeheueres, von so edlem Gethier bewohntes Gebiet zu besitzen. Hier hatte ich im Bereich einer Bleikugel ein jedes der schönen Thiere, des Stolzes der afrikanischen Wälder, das ich zu haben wünschte. Ich konnte sie nach Belieben schiessen. Mir gehörten sie an, ohne dass ich Geld dafür zu zahlen hätte; dennoch liess ich meine Flinte zweimal sinken, da ich die herrlichen Thiere nicht verwunden wollte, aber Paff! -- und eins derselben lag auf seinem Rücken und kämpfte mit den Beinen in der Luft. O, wie schade war es! Doch rasch heraus mit dem scharfen Messer über die schönen Streifen, die sich um den Hals ziehen. Was für ein hässlicher Schnitt! Es ist geschehen, ich habe ein herrliches Thier zu meinen Füssen. Hurrah, heute Abend werde ich Ukonongo-Zebrabraten essen!

Ich hielt einen Springbock und ein Zebra ausreichend für das Jagdvergnügen eines Tages, namentlich nach einem langen Marsch. Der Gombé, ein sich lang hinstreckendes tiefes Gewässer, das sich still durch grüne Haine windet und Lotusblätter auf seiner Oberfläche leicht wiegt, sah hübsch, romantisch, friedlich wie ein Sommertraum aus und lud sehr zum Bade ein. Ich suchte mir den schattigsten Ort unter einer breiten Mimose aus, von wo der Boden sich platt wie eine Wiese an das steile Wasser hinabzog. Ich wagte es, mich zu entkleiden, war schon bis an die Knöchel ins Wasser gegangen und hatte beide Hände zum raschen Tauchersprunge zusammengelegt, als plötzlich meine Aufmerksamkeit durch einen furchtbar langen Körper angezogen wurde, der in Sicht schoss und gerade den Ort unter der Oberfläche einnahm, den ich mit einem Kopfsprung hatte untersuchen wollen. Gerechter Himmel, es war ein Krokodil! Instinktmässig sprang ich zurück, und das war meine Rettung, denn das Ungethüm wandte sich mit enttäuschtem Blick ab und ich konnte mir Glück wünschen, dass ich soeben seinen Kinnladen entkommen war und gelobte mir, mich nie wieder durch die verrätherische Ruhe eines afrikanischen Flusses verlocken zu lassen.

Sobald ich angekleidet war, wandte ich mich von dem jetzt abstossend erscheinenden Anblick des Stromes ab. Als ich durch das Dickicht meinem Lager zuschlenderte, entdeckte ich die Gestalten zweier Eingeborenen, die scharf um sich blickten. Ich gebot meinen jungen Begleitern vollkommene Ruhe, schlich mich an sie heran und wusste es mit Hülfe einer dichten Gruppe von Unterholz so einzurichten, mich ihnen unentdeckt bis auf ein paar Schritt Entfernung zu nähern. Ihre blose unerklärte Anwesenheit in dem grossen Walde bildete bei dem damaligen unruhigen Zustande des Landes eine Quelle der Besorgniss, und ich beabsichtigte, mich ihnen plötzlich zu zeigen, die Wirkung hiervon zu beobachten, und wenn diese irgendetwas meiner Expedition Feindseliges kundgab, die Sache sofort mit Hülfe meines doppelläufigen glatten Gewehrs zu erledigen.

Als ich auf der einen Seite des Busches ankam, erschienen beide verdächtig aussehende Eingeborene auf der andern, und wir waren nur ein paar Schritt auseinander. Ich that einen Sprung und wir standen uns dicht gegenüber. Die Eingeborenen warfen einen Blick auf die plötzliche Erscheinung eines weissen Mannes und schienen einen Augenblick wie versteinert, dann aber erholten sie sich und riefen aus: „Bana, Bana, Sie kennen uns nicht. Wir sind ja Wakonongo, die in Ihr Lager gekommen, Sie nach Mrera zu begleiten, und wir suchen Honig.“ „Ja, wahrhaftig, Ihr seid die Wakonongo. Gut, dann ist alles in Ordnung. Ich dachte, Ihr könntet Ruga-Ruga sein.“

Wir fingen nun beiderseits an laut zu lachen, statt uns feindlich entgegenzutreten. Die Wakonongo freuten sich sehr über den Zufall und lachten herzlich, als sie ihren Weg fortsetzten, um wilden Honig zu suchen. Auf einem Stückchen Rinde trugen sie etwas Feuer, mit dem sie die Bienen aus ihren in den grossen Mtundu-Bäumen gelegenen Nestern ausräucherten.

Die Abenteuer des Tages waren vorüber; das Blau des Himmels hatte sich in ein todtes Grau verwandelt; der Mond erschien gerade über den Bäumen; das Wasser des Gombé war wie ein silberner Gürtel; heisere Frösche quakten laut an dem Rande des Flusses; die Fischadler liessen aus den Wipfeln der höchsten Bäume ihr grabliedähnliches Geschrei ertönen; Elennthiere warnten ihre im Walde befindlichen Heerden durch ihr Wiehern, und leise schlichen sich verschiedene Raubthiere ausserhalb unseres Lagers durch die dunkeln Wälder. In dem hohen Gehege von Busch und Dorn, das wir um das Lager errichtet hatten, war alles heiter, lachend, fröhlich und wahrhaft gemüthlich. Um jedes Lagerfeuer sah man dunkle Männergestalten hocken, der eine nagte an einem saftigen Knochen; der andere sog das fette Mark aus dem Bein eines Zebras; ein dritter drehte einen mit ungeheuern Kabobs garnirten Stock an einem hellen Feuer; ein vierter hielt eine grosse Rippe über eine Flamme. Noch andere rührten fleissig in grossen schwarzen Töpfen voll Ugali herum und beobachteten sorgfältig das brodelnde Fleisch und das Aufwallen der Suppe, während das Feuer tüchtig flackerte und hüpfte, einen hellen Schein auf die nackten Gestalten der Männer warf und dem hohen Zelt, das in der Mitte des Lagers wie ein einem mysteriösen Gotte geweihter Tempel dastand, eine röthliche Färbung gab. Die Flammen warfen ihren Schein auf die massigen Zweige der Bäume, die sich über unser Lager ausdehnten, und im Dunkel ihres Laubes wurden die phantastischsten Schatten sichtbar. Es war eine wilde, romantische, ausdrucksvolle Scene. Doch kümmerten sich meine Leute wenig um Schatten und Mondlicht, Scharlachfärbung und tempelartige Zelte, vielmehr waren sie alle eifrig dabei beschäftigt, ihre verschiedenen Erlebnisse zu erzählen und sich mit den kräftigen Fleischspeisen, die unsere Flinten uns verschafft hatten, vollzustopfen. Der eine erzählte, wie er einen wilden Eber gestellt und wie er infolge des wüthenden Angriffs, den das verwundete Thier auf ihn gemacht, die Flinte habe wegwerfen und einen Baum hinaufklettern müssen. Er erinnerte sich noch des schrecklichen Grunzens des Thieres, und das ganze Firmament erdröhnte von dem Gelächter, das seine mimischen Darstellungen hervorrief. Ein anderer hatte ein Büffelkalb erschossen, ein dritter ein Hartebeest erlegt. Die Wakonongo erzählten ihre spasshafte Zusammenkunft mit mir im Walde und gaben weitläufige Beschreibungen von Honigvorräthen, die sich in den Wäldern befänden. Die ganze Zeit über versuchten Selim und seine jungen Untergebenen ihre scharfen Zähne an dem Fleisch eines Ferkels, das einer der Jäger erlegt, sonst aber niemand essen wollte, wegen der mohammedanischen Abneigung gegen Schweinefleisch, welche sich die Leute bei ihrer Umwandlung aus wilden Negern in brauchbare, gelehrige Zanzibarer Freie mit angeeignet hatten.

Die beiden folgenden Tage lagerten wir und machten häufige Streifzüge gegen die Heerden dieses schönen Landes. Am ersten Tage war ich wieder sehr glücklich bei meiner Jagd; denn ich erbeutete ein paar Antilopen, eine Kudu (Antilope strepsiceros) mit schönen gewundenen Hörnern und einen Pallah-Bock (Antilope melampus), ein röthlich braunes Thier, das ungefähr 3½ Fuss misst und breite Hinterbacken hat. Es wäre mir wol gelungen, Thiere zu Dutzenden zu schiessen, hätte ich nur ein genaues, schweres Gewehr gehabt, wie sie von Lancaster, Reilly oder Blissett fabricirt werden, bei denen nie ein Schuss versagt. Meine Gewehre waren aber, mit Ausnahme meiner leichten glatten Flinte, nicht für afrikanisches Wild, sondern mehr für Menschen geeignet. Mit dem gezogenen Winchestergewehr und dem Starr’schen Karabiner war ich zwar im Stande, alles zu treffen, was 200 Meter von mir entfernt war, aber die Thiere wussten, obwol verwundet, sich stets dem Messer zu entziehen, sodass ich die Erbsenkugeln satt bekam. Hier zu Lande braucht man ein grosses Kaliber; Nr. 10 oder 12 ist der eigentliche Knochenzerschmetterer, der jedes angeschossene Thier sofort zu Falle bringt, wodurch man alle Strapazen und Enttäuschungen vermeidet. Mehrere male wurde ich während dieser beiden Tage, nachdem ich mühevoll das Thier gestellt hatte und auf dem Boden herangekrochen war, enttäuscht. Einmal stiess ich plötzlich auf ein Elenn, während ich das gezogene Winchestergewehr in der Hand hatte; das Elenn sowie ich waren beide höchst erstaunt, da wir uns nur 25 Schritt voneinander befanden. Ich feuerte ihm auf die Brust, die Kugel ging richtig weit in die innern Theile hinein und das Blut quoll aus der Wunde hervor. In wenigen Minuten jedoch war das Thier weit fort und ich zu sehr enttäuscht, um ihm nachsetzen zu können. Alle Liebe zur Jagd schien vor diesen verschiedenen Misgeschicken zu verschwinden. Was waren denn zwei Antilopen für die Jagd eines Tages im Verhältniss zu den Tausenden, die auf der Ebene weideten?

Die Thiere, die während der Jagd von drei Tagen in unser Lager gebracht wurden, waren zwei Büffel, zwei wilde Eber, drei Hartebeest, ein Zebra und ein Pallah. Ausserdem wurden acht Perlhühner, drei Florikans, zwei Fischadler, ein Pelikan geschossen, und einer meiner Leute fing ein paar grosse Welse. Mittlerweile hatten die Leute diese reichlichen Vorräthe in Stücke geschnitten und getrocknet, damit sie uns bei unserm Durchzug durch die vor uns befindliche lange Wüstenei dienten.

Am Sonnabend den 7. October brachen wir unser Lager zum grossen Bedauern der fleischliebenden und gefrässigen Wangwana ab. Sie schickten Bombay früh am Morgen zu mir, um mich zu bitten, noch einen Tag länger da zu verweilen. Das war immer der Fall, sie hatten stets eine unüberwindliche Abneigung gegen die Arbeit, wenn sie Fleisch zu sehen bekamen. Ich schalt Bombay gründlich aus, dass er mir eine solche Bitte vortrug, nachdem wir eine Rast von zwei Tagen gehabt, während welcher Zeit sie sich mit Fleisch vollgestopft hätten. Bombay war daher keineswegs in bester Laune; denn gefüllte Fleischtöpfe waren mehr nach seinem Geschmack, als beständiges Marschiren und die damit verbundenen Strapazen. Ich sah, wie sich sein Gesicht in hässliche verdriessliche Falten zog und seine grossen Unterlippen herabhingen, was so viel bedeutete wie: „Bringen Sie die Leute selbst in Bewegung, Sie böser, grausamer Mann! Ich werde Ihnen dabei nicht behülflich sein.“

Eine unheilverkündende Stille folgte meinem dem Kirangozi ertheilten Befehl, das Horn ertönen zu lassen, und der gewöhnliche Singsang liess sich nicht vernehmen. Die Leute kehrten sich verdriesslich ihren Ballen zu, und ich hörte, wie Asmani, der gigantische Führer, unser Fundi, murrend sagte, er bedauere es, sich als Führer nach dem Tanganika vermiethet zu haben. Dennoch brachen sie, wenn auch widerwillig, auf. Ich blieb mit meinen Flintenträgern zurück, um die Nachzügler anzutreiben. Nach einer halben Stunde etwa sah ich aber, wie die Karavane vollständig stillhielt, die Ballen auf den Boden warf, wie die Leute in Gruppen herumstanden und sich ärgerlich und aufgeregt unterhielten.

Indem ich meine doppelläufige Flinte von Selim’s Schultern nahm, suchte ich mir ein Dutzend Ladungen Rehposten aus und ging, nachdem ich zwei davon in die Läufe gethan und meine Revolver bereit gemacht hatte, auf sie zu. Ich bemerkte, wie die Leute zu ihren Flinten griffen, als ich näher kam. Als ich 30 Schritt von den Gruppen entfernt war, sah ich die Köpfe von zwei Leuten über einem Ameisenhaufen zu meiner Linken erscheinen, ihre Flintenläufe nachlässig auf den Weg gerichtet.

Ich hielt an, warf den Lauf meiner Flinte in die Höhlung der linken Hand, zielte kaltblütig auf sie und drohte ihnen die Köpfe zu zerschmettern, falls sie nicht vorträten, um mit mir zu sprechen. Diese beiden waren der riesenhafte Asmani und sein getreuer Freund Mabruki, die Führer Scheikh bin Nasib’s. Da es gefährlich war, einem solchen Befehl nicht nachzukommen, so kamen sie sogleich; ich sah aber, als ich Asmani im Auge behielt, dass er seine Finger am Drücker seiner Flinte bewegte und dieselbe in Bereitschaft hielt. Wiederum erhob ich meine Flinte und drohte, ihn sofort zu erschiessen, wenn er nicht seine Flinte fortwerfe.

Asmani kam seitwärts mit grinsendem Gesicht heran, aus seinen schurkischen Augen jedoch blickte die unheimliche Absicht zum Morde so klar wie möglich hervor. Mabruki schlich sich hinter mich und legte bedächtig Pulver auf die Pfanne seiner Muskete; ich fuhr aber mit der Flinte scharf in die Runde, hielt die Mündung derselben ihm ungefähr zwei Fuss vor das boshafte Gesicht und befahl ihm, sein Gewehr sofort wegzuwerfen. Rasch liess er es aus der Hand fallen und ich gab ihm mit meiner Flinte einen kräftigen Stoss vor die Brust, der ihn taumelnd einige Fuss von mir niederstreckte. Hierauf wandte ich mich zu Asmani und befahl ihm, sein Gewehr niederzulegen, wobei ich eine kräftige Bewegung mit meiner Flinte machte und deren Stecher gleichzeitig leise andrückte. Nie war ein Mensch dem Tode näher als Asmani während dieser kurzen Augenblicke. Doch wollte ich nicht gern Blut vergiessen, sondern alle möglichen Mittel versuchen, es zu vermeiden; gelang es mir aber nicht, diesen Schurken einzuschüchtern, so war meine Autorität zu Ende. In Wahrheit fürchteten sich alle, weiter zu ziehen, und die einzige Möglichkeit, sie dazu zu bewegen, war durch Gewalt und die Ausübung meiner ganzen Willenskraft in diesem Falle, selbst wenn ein einzelner seinen Ungehorsam mit dem Tode zu büssen hätte. Als ich mir eben klar machte, dass Asmani seinen letzten Augenblick auf Erden verlebt habe, da er seine Flinte an die Schulter hob, trat eine Gestalt hinter ihm hervor, fegte sein Gewehr mit einer ungeduldigen kräftigen Bewegung zur Seite, und ich hörte, wie Mabruki-Speke in erschrecktem Tone sagte:

„Mensch, wie wagst Du es, Deine Flinte gegen den Herrn zu richten?“ Darauf warf sich Mabruki mir zu Füssen, versuchte sie zu küssen und bat mich, ihn nicht zu bestrafen. „Jetzt sei alles vorüber“, sagte er, „es würde keine Zänkerei mehr vorkommen, sie würden alle mit mir ohne irgendwelchen Streit nach dem Tanganika gehen und Inschallah! wir werden den alten Musungu in Udschidschi finden. Sprecht, Männer, freie Männer, wird das nicht geschehen? Werden wir nicht an den Tanganika gehen, ohne irgend weitere Unruhe? Sagt das dem Herrn einstimmig.“

Alle riefen laut: „Ay Wallah! ay Wallah! Bana yango! Hamuna manneno mgini!“ Buchstäblich übersetzt: „Ja, bei Gott! ja, bei Gott, mein Herr! Es gibt keine andern Worte!“

„Bitte den Herrn um Verzeihung, oder mach, dass Du fortkommst!“ sagte Mabruki gebieterisch zu Asmani, und dieser that es zu unser aller Freude.

[Illustration: MEUTEREI AM GOMBÉ-FLUSS.

I. S. 328.]

Es blieb mir nur noch übrig, einen allgemeinen Pardon an alle zu ertheilen, mit Ausnahme von Bombay und Ambari, welche die jetzt glücklich unterdrückte Meuterei angestiftet hatten. Denn Bombay als Hauptmann hätte, wenn er gewollt, durch ein Wort jede Aeusserung übler Laune im Keime ersticken können. Bombay war aber dem Marschiren noch abgeneigter als der feigste seiner Kameraden, nicht weil er feig, sondern weil er faul war und seinen Bauch zu seinem Gott machte. Ich ergriff also einen Speer und schlug ihn damit tüchtig auf die Schultern, sprang darauf auf Ambari, dessen höhnisches Gesicht bald eine merkliche Verwandlung erlitt. Darauf liess ich sie alle beide in Ketten legen und drohte ihnen, dass sie geschlossen bleiben sollten, bis sie wüssten, wie sie um Verzeihung zu bitten hätten. Asmani und Mabruki wurden verwarnt, ihren bösen Stimmungen nicht mehr nachzugeben, wenn sie nicht den Tod, dem sie jetzt glücklich entronnen, schmecken wollten.

Wiederum wurde der Befehl zum Marsch ertheilt und alle nahmen ihre Lasten mit erstaunlicher Munterkeit auf und entschwanden alsbald den Blicken, Bombay und Ambari in Ketten, zusammen mit den Deserteuren Kingaru und Asmani, mit den schwersten Lasten beladen, hinter uns her.

Kaum waren wir eine Stunde von dem Gombé entfernt, als Bombay und Ambari mit zitternder Stimme mich um Verzeihung baten; ich liess sie noch eine halbe Stunde bitten, dann gab ich schliesslich nach, befreite sie von ihren Ketten und setzte den erstern wieder vollständig in seine Würde als Hauptmann ein.

Da ich über Persönlichkeiten spreche, will ich hier eine kurze Charakterskizze eines jeden der wichtigsten Männer, deren Namen in den folgenden Kapiteln häufig erscheinen werden, einschalten. Dies sind ihrem Range nach Bombay, Mabruki-Speke, der Führer Asmani, Tschaupereh, Ulimengo, Khamisi, Ambari, Dschumah, der Koch Feradschi, der Mnyamwezi Maganga, der arabische Knabe Selim und der jugendliche Gewehrträger Kalulu.

Bombay ist von Burton, Speke und Grant sehr gelobt worden; es thut mir aber leid, dass ich nicht im Stande bin, dies ganz zu bestätigen. Burton bezeichnet ihn überschwenglich als die „Personification der Ehrlichkeit“. In Wahrheit war aber Bombay weder sehr ehrlich, noch sehr unehrlich, d. h. er wagte es nicht, viel zu stehlen. Wenn er das Fleisch vertheilte, wusste er es bisweilen schlau einzurichten, einen grossen Theil für sich zu verstecken, doch hat mich diese kleine Sünde nicht sehr gestört; als Hauptmann verdiente er eine grössere Portion als die übrigen. Man musste ihn aber genau bewachen, und wenn er wusste, dass dies geschah, so wagte er es selten, sich mehr Tuch anzueignen, als ich ihm aus freien Stücken gegeben hätte, wenn er darum gebeten. Als Kammerdiener wäre er tadellos gewesen, als Hauptmann oder Dschemadar über seine Genossen befand er sich jedoch nicht im richtigen Wirkungskreise. Man musste zu viel daran denken und sich zu viele Sorgen machen, um ihn in Ordnung zu halten. Bisweilen war er so dumm in seinen Bewegungen, dass ihm nicht zu helfen war; oft vergass er den Befehl im Augenblick, wo er ihm ertheilt worden, zerbrach oder verlor beständig irgendeinen werthvollen Gegenstand und liebte es, zu räsonniren; auch war er zum Aufbrausen geneigt. Bombay hält Hadschi Abdullah für einen der bösesten Weissen, die existiren, weil er es mit angesehen, wie dieser die Schädel von Menschen sammelte und sie in seine Beutel that, als ob er im Begriff sei, eine fürchterliche Medizin daraus zu bereiten. Er wollte wissen, ob sein früherer Herr alles niedergeschrieben habe, was er gethan, und als ich ihm sagte, dass Burton nichts darüber in seinem Buche mitgetheilt, dass er in Kilwa Schädel gesammelt, meinte er, ich würde ein gutes Werk thun, wenn ich diese wichtige Thatsache mittheilte[7]. Bombay beabsichtigt, einst noch an das Grab von Speke zu wallfahrten.

Mabruki, „Ras-bukra Mabruki“, der stierköpfige Mabruki, wie Burton ihn nennt, Mabruki-Speke, wie wir ihn zur Unterscheidung von den andern Mabrukis nannten, ist nach meiner Ansicht ein Mann, dem sehr grosses Unrecht geschehen ist. Der grosse Reisende pflegte ihn auf Arabisch zu rufen und in dem auserwählten Wörterverzeichniss von El Scham zu schimpfen. „Ji’ib el haleeb Bil-alek“, erzählte mir Mabruki, sei ihm oft zugerufen worden; d. h. „Bring mir die Milch, Du --“ Nun, ich muss gestehen, ich bin nicht hinreichend im Syrisch-Arabischen bewandert, um im Stande zu sein, das letzte Wort zu übersetzen. Es muss ohne Zweifel etwas schreckliches sein, denn es erregt noch heute Mabruki in hohem Grade. Mabruki sagt, er möchte gern mit seinem frühern Herrn kämpfen, ich glaube jedoch nicht, dass er ihm sehr viel Schaden thun würde. Mabruki ist aber, wenn auch dumm, doch treu; er ist als Kammerdiener durchaus nichts werth, ebenso gut könnte er Sekretär sein. Als Wache hingegen ist er unschätzbar und als zweiter Hauptmann oder Fundi, dessen Pflicht es ist, die Nachzügler wieder heranzubringen, ist er über alles Lob erhaben. Er ist hässlich und eitel, aber nicht feige.

Der Führer Asmani ist ein grosser Kerl, mehr als sechs Fuss hoch, mit dem Nacken und den Schultern eines Herkules. Neben seiner Function als Führer ist er ein Fundi, heisst auch bisweilen Fundi-Asmani, oder Jäger. Er ist ein sehr abergläubischer Mensch, der sein Gewehr und seinen als Talisman dienenden geflochtenen Riemen sehr in Acht nimmt, welchen letzteren er in das Blut aller Thiere, die er je geschossen, getaucht hat. Er fürchtet sich vor Löwen und wagt sich nie hinaus, wo er weiss, dass Löwen da sind. Alle andern Thiere betrachtet er als Jagdwild und ist unermüdlich beim Verfolgen derselben. Selten sieht man ihn ohne ein Lächeln auf dem Gesicht, das aber nicht freundlich, sondern mehr selbstentschuldigend, verrätherisch ist. Er könnte einem Menschen den Hals abschneiden und dabei lächeln.

Tschaupereh ist ein stämmiger, kleiner Mann von ungefähr dreissig Jahren, sehr gutmüthig und spassig. Wenn Tschaupereh in seinem trockenen Stile spricht, wie Mark Twain, so lacht das ganze Lager. Ich zanke mich nie mit Tschaupereh und habe es nie gethan. Ein freundliches Wort, das man an ihn richtet, wird bestimmt mit einer guten That vergolten. Er ist der Stärkste, Gesündeste, Liebenswürdigste und Treueste von allen, kurz, die Personification eines guten Trabanten.

Khamisi ist ein netter, reinlicher Junge von ungefähr zwanzig Jahren, thätig, laut, prahlerisch und der Feigste der Feigen. Er pflegt bei jeder Gelegenheit zu stehlen, hängt mit Vorliebe an seiner Flinte, ist immer sehr ängstlich, wenn eine Schraube losgeht oder ein Stein nicht Feuer geben will; doch bezweifle ich, dass er vor starkem Zittern im Stande sein würde, seine Flinte gegen einen Feind abzufeuern. Er würde sich wol eher auf seine Füsse verlassen, die klein und wohlgeformt sind.

Ambari ist ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, gehört zu Speke’s „Getreuen“ und auch zu den meinigen. Er würde nicht von mir weglaufen, ausser vor einem Feinde, und wenn er sich in grosser persönlicher Gefahr befinden sollte. In seiner Art ist er gescheit, aber nicht hinreichend, um als Hauptmann zu dienen; er könnte jedoch eine kleinere Abtheilung in seine Obhut nehmen und gewiss gut über dieselbe Bericht erstatten. Er ist faul, liebt das gute Leben und hasst das Marschiren, wenn er mehr als seine Flinte zu tragen hat.

Dschumah ist derjenige von den Leuten, auf den am meisten geschimpft wird, aber nicht von mir, denn ich streite mich selten mit ihm; er hat nämlich Alteweiber-Manieren und ist in seiner Weise geneigt, das beste für mich zu thun, obwol er nicht ein Pfund tragen kann, ohne über sein hartes Schicksal zu stöhnen. Mir gegenüber ist er sentimental und pathetisch; den unbedeutenderen Mitgliedern der Karavane gegenüber zeigt er sich streng und unnachgiebig. In Wahrheit hätte ich Dschumah sehr leicht entbehren können, er war unverbesserlich unbrauchbar und ass viel mehr, als er werth war. Im übrigen war er ein sehr streitsüchtiger und mürrischer Narr.

Ulimengo, ein starker, tapferer Bursche von dreissig Jahren, war der Tollste und Hirnverbrannteste meiner Gesellschaft. Obgleich ein Erzfeigling, renommirte er doch gewaltig; trotz seiner Liebe zum Spass und Vergnügen, war er nicht sehr gegen die Arbeit. Mit hundert Leuten seines Schlags hätte ich durch ganz Afrika reisen können, vorausgesetzt, dass man keine Gefechte zu bestehen hätte. Man wird sich wol erinnern, dass er der Kriegsheld war, der meine kleine Armee gegen Mirambo in den Krieg führte und den Schlachtgesang der Wangwana anstimmte, und dass ich erzählt habe, wie er, als der Rückzug beschlossen war, als erster von meiner Gesellschaft die Veste Mfuto erreichte. Er läuft rasch und schiesst gut. Ihm verdanke ich bei verschiedenen Gelegenheiten werthvolle Beiträge zu meiner Speisekammer.

Feradschi, ein früherer Tellerputzer von Speke, war mein Koch. Er wurde in dies Amt befördert, nachdem Bunder-Salaam ausgerissen war und Abdul Kader sich als völlig unbrauchbar erwiesen hatte. Feradschi’s Zwecken genügte es, wenn er kein Wischtuch hatte, die Schüsseln mit Kornähren, grünen Zweigen, einem Bündel Blätter oder Gras, was ihm gerade zur Hand war, zu reinigen. Wenn ich mir einen Teller bringen liess und ihm darauf eine schwarze, fettige, schmutzige Daumenspur zeigte, so hielt Feradschi ein Abreiben mit dem Finger für genügend, um alle Einwürfe zu erledigen. Wenn ich ihm andeutete, dass ein Löffel schmutzig sei, so glaubte er, der Peinlichste müsse damit zufriedengestellt sein, wenn er es mit etwas Speichel an seinem schmierigen Lendentuch abgerieben hatte. Jedes Pfund Fleisch und jeder dritte Löffel Schleim oder Grütze, den ich in Afrika gegessen, enthielt wenigstens zehn Gran Sand. Feradschi ärgerte sich ungemein, als ich ihm drohte, ich würde bei unserer Ankunft in Zanzibar mir den Magen vom grossen englischen Doctor öffnen und jedes in demselben gefundene Sandkorn zählen lassen, wo dann Feradschi für jedes derselben einen Dollar zahlen müsse. Das Bewusstsein, dass mein Magen eine grosse Anzahl Sandkörner enthalten müsse, wodurch er schweres Geld verwirkt habe, machte ihn zuweilen sehr traurig. Im übrigen war Feradschi ein guter, sehr fleissiger, wenn auch nicht perfekter Koch und konnte eine Tasse Thee sowie drei bis vier heisse Pfannkuchen innerhalb zehn Minuten, nachdem wir halt gemacht, fertig bringen, und dafür war ich ihm sehr dankbar, da ich nach einem langen Marsch gewöhnlich hungrig war. Feradschi hatte Baraka’s Partei gegen Bombay in Unyoro ergriffen, und da Speke sich für Bombay entschied, verliess Feradschi aus Liebe zu Baraka Speke’s Dienste und verwirkte so seinen Lohn.

Maganga war ein in Mkwenkwe geborener Mnyamwezi, ein starker, treuer Diener, ausgezeichneter Pagazi und von tadellosem Charakter. Er war es, der zu allen Zeiten auf dem Wege den lauten Gesang der Wanyamwezi-Träger anstimmte, der ohne Rücksicht darauf, wie heiss die Sonne brannte oder wie lang der Marsch war, mit Sicherheit unter den Leuten Munterkeit und Leben verbreitete. Zu solchen Zeiten sangen alle mit meilenweit zu hörenden Stimmen, dass die grossen Wälder laut erdröhnten und jedes Thier meilenweit in der Runde erschreckt aufgescheucht ward. Wenn wir uns einem Dorfe näherten, dessen Bewohner uns feindselig gesinnt sein konnten, so fing Maganga seinen Gesang an, alle andern stimmten im Chor ein und dadurch erfuhren wir, ob die Eingeborenen freundlich oder feindlich gegen uns seien. Waren sie feindlich oder verzagt, so pflegten sie ihre Pforten sofort zu schliessen und blickten uns finster von dem Innern aus an; waren sie dagegen freundlich, so stürzten sie aus den Pforten heraus, um uns zu begrüssen und einige freundliche Worte zu wechseln.

Das wichtigste Mitglied in der Expedition nach mir war Selim, der junge arabische Christ aus Jerusalem. Er war vom guten Bischof Gobat erzogen, und wenn alle arabischen Knaben aus seiner Schule so gut wie Selim einschlagen, so verdient der Bischof das höchste Lob für sein edles Wirken. Ohne Selim hätte ich in Mfuto zu Grunde gehen müssen; ohne ihn hätte ich mir nicht so leicht die Freundschaft der Hauptaraber des Innern erwerben oder mit ihnen so gut verkehren können, denn wenn ich auch Arabisch verstand, so konnte ich es doch nicht sprechen. Diesen Jungen habe ich im Januar 1870 in Dienst genommen; seit der Zeit ist er mit mir durch das südliche Russland, den Kaukasus und Persien gereist. Er war in meinem Dienste ehrlich und treu, selbst bis zum Tode, und ohne Furcht und Tadel. Während ich sein Lob hier verzeichne, fühle ich, dass es durchaus nicht hinreicht, um die Empfindungen auszudrücken, die ich für seine mir geleisteten Dienste hege.

[Illustration: SELIM, DER DOLMETSCHER.

I. S. 334.]

Ich habe bereits erzählt, wie Kalulu in meinen Dienst und zu seinem jetzigen Namen kam. Bald fand ich heraus, wie gewandt und rasch er beim Lernen war, und deshalb wurde er zum Range meines Leibdieners erhoben. Selbst Selim konnte es Kalulu nicht an Raschheit und Bereitwilligkeit zuvorthun, wenn er meine Bedürfnisse bei Tisch errathen sollte. Seine kleinen schwarzen Augen schweiften immer über die Schüssel und waren bemüht, herauszufinden, was ich noch brauche und was nicht.

In ungefähr 4½ Stunden, nachdem wir den Ort verlassen, der beinahe zum Schauplatz eines blutigen Conflicts geworden wäre, kamen wir an dem Ziwani an. Der Ziwani oder der Pfuhl enthielt nicht einen Tropfen Wasser, sodass meine Leute, deren Zungen ganz vertrocknet waren, weiter gehen mussten, um danach zu graben. Diese Ausgrabung wurde mittels starker, harter, scharf zugespitzter Stöcke in dem trockenen, hart zusammengebackenen Boden bewirkt; nachdem sie sechs Fuss tief gegraben hatten, wurden ihre Mühen durch den Anblick von einigen Tropfen schlammiger Flüssigkeit belohnt, welche an den Seiten des Loches durchsickerte. Diese verschluckten sie gierig, um ihren wüthenden Durst zu löschen. Freiwillig gingen einige mit Eimern, Kürbisflaschen und Kannen südlich nach einer verlassenen Lichtung, welche in Ukamba der „Tongoni“ genannt wird, und kehrten nach drei Stunden mit einem für den unmittelbaren Gebrauch gehörigen Vorrath guten klaren Wassers zurück.

Nach 1½ Stunde kamen wir bei diesem Tongoni oder der verlassenen Lichtung der Wakamba an. Hier waren drei oder vier Dörfer niedergebrannt und ein grosser offener Platz lag infolge der Zerstörung der Wa-Ruga-Ruga Mirambo’s verwüstet da. Die übrigbleibenden Einwohner waren nach der Plünderung und völligen Zerstörung ihrer blühenden Ansiedlung gen Westen nach Ugara ausgewandert. Eine grosse Heerde Büffel löscht jetzt ihren Durst an der Pfütze, welche die Ukambadörfer mit Wasser versehen hat.

Grosse Massen von Eisenblutstein kamen an der Oberfläche in diesen Wäldern zum Vorschein. Wildes Obst war reichlich vorhanden; der Holzapfel, die Tamarinde und eine kleine pflaumenartige Frucht versahen uns mit einem angenehmen Mahl.

Der Honigvogel ist in diesen Wäldern von Ukonongo sehr häufig. Sein Geschrei ist ein lautes rasches Zirpen. Die Wakonongo verstehen sich seiner Leitung zu bedienen, um zu dem süssen Honigschatz zu kommen, den die wilden Bienen in dem Spalt irgendeines grossen Baumes aufgehäuft haben. Täglich brachten mir die Wakonongo, die sich unserer Karavane angeschlossen hatten, ungeheure Stücken Honigwaben, die schönen weissen und rothen Honig enthielten. Gewöhnlich enthalten die rothen Honigwaben eine grosse Anzahl todter Bienen, doch kümmerten sich unsere ungemein gefrässigen Leute wenig darum, sondern assen nicht nur die Honigbienen, sondern auch eine gute Portion Wachs.

Sobald der Honigvogel einen Menschen bemerkt, gibt er sofort eine Reihe wilder aufgeregter Schreie von sich, hüpft von Zweig zu Zweig, von Ast zu Ast und dann auf einen andern Baum, indem er fortwährend sein Zirpen wiederholt. Der Eingeborene, der den Charakter des kleinen Vogels kennt, folgt ihm ohne Zaudern; wenn seine Schritte zu langsam für den unruhigen Rufer sind, so fliegt dieser zurück und dringt mit noch lautern, ungeduldigern Tönen in ihn, sich zu beeilen. Dann schnellt er sich rasch vorwärts, als ob er ihm zeigen wolle, wie rasch er sich an den Honigvorrath begeben könne, bis schliesslich der Schatz erreicht ist, der Eingeborene das Bienennest ausgeräuchert und den Honig in Sicherheit gebracht hat. Dann putzt sich der kleine Vogel und zirpt in triumphirender Melodie, als ob er dem Zweifüssler die Mittheilung mache, dass dieser ohne seine Beihülfe niemals den Honig gefunden haben würde.

Büffelmücken und Tsetses waren auf diesem Marsch sehr beschwerlich infolge der zahlreichen in der Nähe sich aufhaltenden Heerden von Jagdthieren.

Am 9. October machten wir einen langen Marsch nach Süden und schlugen unser Lager in der Mitte eines prächtigen Haines auf. Wasser war auf dem Wege sehr selten. Die Wamrima und Wanyamwezi sind nicht im Stande, lange den Durst auszuhalten; wenn viel Wasser da ist, so löschen sie denselben bei jedem Bach oder jeder Pfütze; ist es nur sparsam vorhanden, wie hier und in den Wüsten von Marenga und Magunda Mkali, so werden, nachdem die Leute vorher ihre Kürbisflaschen gefüllt, lange Nachmittagsmärsche unternommen, sodass sie im Stande sind, das Wasser früh am nächsten Morgen zu erreichen. Selim vermochte nie den Durst auszuhalten; es kam gar nicht darauf an, wie viel von dem köstlichen Nass er bei sich führte, gewöhnlich trank er den ganzen Vorrath aus, ehe das Lager erreicht war, und litt infolge dessen während der Nacht am Durst. Ausserdem gefährdete er sein Leben, indem er aus jeder schmutzigen Lache trank und gerade jetzt begann er auch darüber zu klagen, dass er blutigen Stuhlgang habe, was ich für ein Anfangsstadium der Ruhr hielt.

Während dieser Märsche, seitdem wir Ugunda verlassen, bildeten die Wa-Ruga-Ruga, deren Frevelthaten und die Möglichkeit, dass wir mit diesen kühnen Waldräubern zusammentreffen könnten, einen beliebten Gesprächsstoff an den Lagerfeuern. Ich glaube wahrhaftig, die ganze Karavane wäre, falls ein halbes Dutzend von Mirambo’s Leuten uns plötzlich angefallen hätte, davongelaufen.

Wir erreichten Marefu am nächsten Tage, nach einem kurzen Marsche von drei Stunden. Dort fanden wir eine von den Unyanyembischen Arabern an die südlichen Watuta abgeschickte Gesandtschaft, die mehrere Ballen an Geschenken mit sich führte und unter der Leitung des Mseguhha Hassan stand. Dieser tapfere Führer und Diplomat hatte hier wegen der Kriege und Kriegsgerüchte in dem vor ihm liegenden Lande etwas mehr als zehn Tage halt gemacht. Es hiess, dass Mbogo, der Sultan von Mbogo in Ukonongo, mit dem Bruder von Manwa Sera Krieg führe und da Mbogo ein grosser District von Ukonongo ist, der nur zwei Tagereisen von Marefu entfernt ist, so hielt die Furcht, in den Krieg verwickelt zu werden, den alten Hassan vom Weitermarsch ab. Er rieth auch mir, nicht weiter zu gehen, da es unmöglich sei, das zu thun, ohne in den Kampf hineingezogen zu werden. Ich sagte ihm aber, ich habe die Absicht, meinen Weg fortzusetzen und es dem Zufall anheimzugeben, und erbot mich freundlich, ihn bis an die Grenze von Ufipa zu begleiten, von wo er leicht und sicher seinen Weg zu den Watuta fortsetzen könne; er schlug dies aber aus.

Wir waren jetzt vierzehn Tage in südwestlicher Richtung gereist und hatten nur wenig mehr als einen Breitengrad zurückgelegt. Ich hatte die Absicht, etwas weiter nach Süden zu gehen, weil der Weg so gut war und wir auch in dieser Richtung nicht zu fürchten brauchten, mit Mirambo zusammenzutreffen; doch zwangen mich die Gerüchte von diesem in dem nur zwei Tagereisen vor uns liegenden Lande wüthenden Kriege, im Interesse der Expedition mich seitlich, in der Richtung West zu Nord, dem Tanganika zu, durch den Wald zu schlagen und, wo es vortheilhaft war, Elefantenspuren und Fusspfaden zu folgen. Nachdem ich mich mit dem Führer Asmani berathschlagt, nahm ich diesen neuen Plan an. Jetzt befanden wir uns nach Ueberschreitung des Gombé in Ukonongo.

Am folgenden Tage nach unserer Ankunft in Marefu, wandten wir uns nach Westen angesichts der Dorfbewohner und des arabischen Gesandten, der bis zum letzten Augenblicke uns wiederholte, wir begäben uns bestimmt in Gefahr.

Wir marschirten acht Stunden lang durch einen Wald, in welchem die Waldpfirsich oder „Mbembu“ reichlich vorkommt. Der Baum, der diese Frucht trägt, ähnelt sehr einem Birnbaum und ist ungemein fruchtbar. Ich sah einen Baum, dessen Früchte ich zu etwa 2½ Hectoliter abschätzte. An diesem Tage ass ich sehr viel solcher Pfirsiche. Solange der Reisende sich dieselben verschaffen kann, braucht er sich in diesen Gegenden nicht vor dem Verhungern zu fürchten.

Am Fusse eines anmuthigen Bergkegels fanden wir ein Dorf, Utende genannt, dessen Einwohner in grosser Unruhe waren, als wir plötzlich auf ihrem Bergkamme erschienen. Die Klugheit veranlasste mich, dem Sultan ein Geschenk von einem Doti zu übersenden; er nahm dasselbe jedoch nicht an, da er gerade von Pombé betrunken und folglich zur Unverschämtheit geneigt war. Da er mir sagen liess, dass er jedes Geschenk ausschlagen werde, wenn er nicht noch vier Stück Zeug bekäme, so liess ich sofort eine starke Boma auf dem Gipfel eines kleinen Berges aufbauen, der sich in der Nähe eines reichlichen Wasservorraths befand, und packte das Geschenk ruhig wieder in meinen Ballen ein. So nahm ich eine strategisch gewählte Stellung ein, da ich die Front des Berges und den ganzen zwischen seinem Fuss und dem Dorf der Watende befindlichen Raum hätte bestreichen können. Die ganze Nacht über blieben Wachen ausgestellt, glücklicherweise jedoch wurden wir bis zum Morgen nicht beunruhigt. Dann erst erschien eine Deputation der wichtigsten Einwohner, um mich zu fragen, ob ich fortzuziehen beabsichtige, ohne ihrem Häuptling ein Geschenk zu machen. Ich erwiderte ihnen, dass es nicht meine Absicht sei, durch irgendein Land zu ziehen, ohne mich mit dem Häuptling zu befreunden und wenn der ihrige ein gutes Tuch von mir annehmen wolle, würde ich es ihm gern geben. Anfangs erhoben sie zwar Einwendungen gegen die Geringfügigkeit der Gabe, schliesslich aber wurde die Meinungsverschiedenheit geschlichtet durch ein Fundo rother Perlen -- Sami-Sami -- ich für die Frau des Häuptlings hinzufügte.

Von der Hügelkette von Utende zog sich ein Wald meilenweit nach Westen hinab, der in einer grossen First mit glattem Gipfel sein Ende fand, die sich 5-600 Fuss über der Ebene erhob.

Ein Marsch von vier Stunden brachte uns am 12. October an ein dem Gombé ähnliches Nullah, das während der nassen Jahreszeit in den Gombé und von dort in den Malagarazi fliesst.

Kurz ehe wir unser Lager aufschlugen, sahen wir eine Heerde Nimba oder Gallah; ich hatte das Glück, eins zu schiessen, was eine willkommene Zugabe zu unserm rasch sich vermindernden Vorrath an getrocknetem Fleisch bildete, den wir uns in unserm Lager am Gombé gesammelt hatten. Nach den vielen Spuren schlossen wir, dass hier zahlreiche Büffel wie auch Elefanten und Rhinozeros hausten. Auch das Federvieh war durch Ibisse, Fischadler, Pelikane, Störche, Kraniche, einige schneeweisse Löffelreiher und Flamingos gut vertreten.

Von dem Nullah oder Mtoni zogen wir nach Mwaru, dem Hauptdorf des Districts Mwaru, dessen Häuptling Ka-mirambo ist. Unser Marsch führte uns über verlassene freie Plätze, die einst von Ka-mirambo’s Leuten besetzt gewesen, welche jetzt aber vor etwa zehn Jahren von Mkasiwa während seiner Kriegführung gegen Manwa Sera vertrieben worden waren. Niongo, der Bruder des letztern, führte jetzt eben Krieg mit Mbogo und war durch Mwaru am Tage vor unserer Ankunft durchgezogen, nachdem er von seinem Feinde eine Niederlage erlitten hatte.

Die Hügelkette, welche sich am westlichen Horizont dahinzog und von Utende aus sichtbar gewesen war, überschritten wir an diesem Tage. Der westliche Abhang windet sich hier schräg nach Südwesten und wird vom Flusse Mrera, der sich in den Malagarazi ergiesst, entwässert. Schon hier nahmen wir den Einfluss des Tanganika wahr, obwol wir noch zwölf bis fünfzehn Märsche von dem See entfernt waren: das Gebüsch wurde dichter und das Gras ungemein hoch. Dies erinnerte mich an die Seedistricte von Ukwere und Ukami.

An diesem Orte hörten wir von einer Karavane, die direct von Ufipa angekommen war, dass ein Weisser, den ich für Livingstone hielt, in „Urua“ sein solle.

Nachdem wir Mwaru verlassen, kamen wir in das Gebiet Mrera’s, eines Häuptlings, der einst viel Macht und Einfluss in dieser Gegend besass. Kriege haben jedoch seine Besitzungen auf drei bis vier Dörfer beschränkt, die in einem Dickicht versteckt liegen, dessen äusserer Rand so dicht ist, dass er wie eine Steinmauer alle Eindringlinge fernhält. Neun gebleichte Schädel staken an Pfählen, die sich vor dem Haupteingang befanden, und erzählten von den zwischen den Wakonongo und Wazavira bestehenden Kämpfen. Dieser letztere Stamm wohnt in einem Lande, das einige Märsche westlich von uns liegt. Sein Gebiet mussten wir vermeiden, wenn wir nicht wieder eine Gelegenheit aufsuchen wollten, uns im Kriege mit den Eingeborenen auszuzeichnen. Die Wazavira sind nämlich, wie wir von den Wakonongo von Mrera erfuhren, allen Wangwana feindlich gesinnt.

Auf einem schmalen Sumpfstreifen zwischen Mwaru und Mrera sahen wir eine kleine Heerde wilder Elefanten. Zum ersten mal geschah es, dass ich diese Thiere in ihrer natürlichen Wildheit erblickte und ich werde nicht leicht den ersten Eindruck vergessen, den sie auf mich machten. Nach meinem Dafürhalten verdient eigentlich der Elefant den Titel eines Königs der Thiere; seine ungeheure Gestalt, die majestätische Art, in welcher er jemand, der in sein Gebiet eindringt, anschaut, und sein ganzes machtbewusstes Wesen geben gute Gründe für seine Ansprüche auf diesen Titel ab. Diese Heerde hielt, als wir in der Entfernung einer Meile an ihr vorbeizogen, an, um sich die Karavane anzusehen und begab sich, nach Befriedigung ihrer Neugierde, insgesammt in den nach Süden die Sumpfebene begrenzenden Wald, als ob ihnen Karavanen alltägliche Erscheinungen seien, wogegen sie, die freien und unbesieglichen Herren des Waldes und Sumpfes nichts mit den feigen Zweifüsslern gemein hätten, die nie muthig genug sind, um sich ihnen im ehrlichen Kampfe zu stellen. Die Zerstörung, die eine solche Heerde in einem Walde anrichtet, ist geradezu furchtbar. Wenn die Bäume noch jung sind, so kann man sie in dichten Reihen entwurzelt auf der Erde liegen sehen; sie bezeichnen die Spur der Elefanten, die sich ihren Weg durch Wald und Dickicht mit wuchtigem Tritt gebahnt haben.

An diesem Orte wurde der junge Selim so krank, dass ich genöthigt war, seinetwegen drei Tage mit der Karavane halt zu machen. Er schien an einer Krankheit in den Gelenken zu leiden; er krümmte sich vor Schmerzen und zitterte beständig. Ausserdem hatte er einen Anfall von acuter Ruhr. Beständige Pflege und Sorgfalt stellte ihn jedoch bald wieder her und am vierten Tage war er im Stande, die Strapazen des Reitens zu ertragen.

Während unseres Aufenthalts in Mrera hatte ich Gelegenheit, mehrere Thiere zu schiessen. Der an das cultivirte Land stossende Wald ist reich an edeln Thieren. Zebras, Giraffen, Elefanten und Rhinozeros sind hier sehr gewöhnlich; Ptarmigans und Perlhühner kommen gleichfalls zahlreich vor.

Die Krieger von Mrera sind fast alle mit Musketen, bewaffnet, die sie sehr sorgfältig behandeln. Sie verlangten dringend nach Flintensteinen, Kugeln und Pulver, was ich aber grundsätzlich stets verweigerte, damit sie nicht, falls einmal ein Zwiespalt entstände, die so erhaltene Munition zu meinem eigenen Nachtheil verwenden könnten. Die Männer dieses Dorfes sind Faullenzer, sie spielen wie grosse Kinder und thun nichts weiter als Jagen, Gaffen und Schwatzen.

Während der Zeit, wo ich mich in Mrera aufhielt, beschäftigte ich mich damit, meine Schuhe auszubessern und die grossen Risse in meinen Kleidern zu flicken, welche die Dornbüsche während der letzten Märsche fast gänzlich ruinirt hatten. Im Westen über Mrera hinaus lag eine Wildniss, von der man uns vorhersagte, dass wir neun Tage brauchen würden, um sie zu passiren.

Es trat daher an uns die Nothwendigkeit heran, uns mit einem grossen Vorrath von Korn zu versehen, welches, ehe wir die vor uns liegende grosse unbewohnte Wüste betraten, zu mahlen und zu sieben war; es gab demnach reichliche Arbeit.

Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.

[7] Bei meiner Rückkehr nach England finde ich, dass Kapitän Burton die Welt von dieser „bösen, verabscheuenswerthen Handlung“ in seinem Buche über Zanzibar in Kenntniss gesetzt hat, und dass die interessante Sammlung im „Royal College of Surgeons“ in London zu sehen ist.