SECHSTES KAPITEL.
DURCH MARENGA MKALI, UGOGO, UYANZI NACH UNYANYEMBÉ.
Ankunft in Tschunyo. -- Bitterwasser. -- Marenga Mkali. -- Sechsunddreissig Stunden lang kein Wasser. -- Gefährlicher Fieberanfall. -- Ankunft in Ugogo. -- Wüthender Pöbel. -- Reichliche Lebensmittel in Mvumi. -- Tribut an den grossen Sultan. -- Der Sultan von Matamburu. -- Marsch nach Bihawana. -- Die Wagogo erhalten Peitschenhiebe. -- Besuch des Sultans von Mizanza. -- Die Wahumba sind ein stattlicher Menschenschlag. -- Ankunft in Mukonduku. -- Abreise. -- Berathschlagung mit den Arabern über die einzuschlagende Route. -- Streit und Trennung von denselben. -- Sie folgen mir. -- Ugogo ein Land voll Bitterniss. -- Ankunft in Kiti. -- Sultan bin Mohammed. -- Halt in Kusuri. -- Erschiessen eines Dieners. -- Schlammfische. -- Ruinen von Rubuga. -- Amir bin Sultan. -- Uebergang über das Mtoni. -- Ankunft in Unyanyembé.
Von Marenga Mkali nach
St. Min. Mvumi in Klein-Ugogo 12 30 Mvumi in Gross-Ugogo 4 -- Matamburu 4 -- Bihawana 4 -- Kididimo 2 -- Pembera Pereh 10 -- Mizanza 5 30 Mukondoku 6 30 Munieka 5 -- Mabunguru Mtoni in Uyanzi 8 -- Kiti in Uyanzi 6 30 Msalalo 6 30 Welled Ngaraiso 3 30 Kusuri 3 15 Mgongo Tembo 3 30 Mgongo Tembo Mtoni 3 30 Nghwhalah Mtoni 2 40 Madedita 2 30 Central Tura in Unyamwezi 3 -- Kwala-Fluss 7 -- Rubuga 7 15 Kigwa 5 -- Schisa 7 -- Kwihara 3 --
Der 22. Mai sah Thani’s und Hamed’s Karavanen mit der meinigen in Tschunyo, 3½ Stunden von Mpwapwa, vereinigt. Der Weg von letzterm Ort läuft längs des Saumes des Mpwapwa-Höhenzuges. An drei oder vier Stellen geht er über vorspringende Ausläufer, welche sich von dem Hauptstock des Gebirges abtrennen. Der letzte dieser Bergausläufer, der sich durch einen erhabenen Querfirst mit dem Mpwapwa verbindet, schützt das Dorf Tschunyo, das an der westlichen Seite liegt, vor den Stürmen, welche von den tiefen Abhängen herabbrausen.
Das Wasser von Tschunyo ist ganz besonders schlecht, sodass es durch seine salzige, salpeterhaltige Beschaffenheit der Wildniss, welche Usagara von Ugogo trennt, den Namen Marenga Mkali, Bitterwasser, gegeben hat. Obgleich es ausserordentlich widerlich schmeckt, trinken es Araber und Eingeborene ohne Furcht oder schlechte Folgen zu verspüren, halten aber ihre Lastthiere sorgfältig von den Wassergruben fern. Da ich seine Natur nicht kannte und nicht genau wusste, welche Oertlichkeit mit dem Namen Marenga Mkali bezeichnet wird, liess ich die Esel wie gewöhnlich nach einem Marsch ans Wasser führen und die Folge davon war in hohem Grade verderblich. Was das furchtbare Moor von Makata verschont hatte, vernichteten die Wasser von Marenga Mkali. In weniger als fünf Tagen nach unserer Abreise von Tschunyo oder Marenga Mkali fielen ihnen fünf von den neun Eseln, die mir damals noch übrigblieben, zum Opfer und zwar gerade die fünf gesündesten. Das Wasser schien Harnverhaltung hervorzurufen, denn der Tod von dreien der Thiere war auf diese Ursache zurückzuführen.
Wir bildeten eine ganz imposante Karavane, als wir aus dem ungastlichen Tschunyo ungefähr 400 Seelen stark fortzogen. Dazu hatten wir viele Flinten, Flaggen, Hörner, Trommeln, und machten viel Lärm. Durch Scheikh Thani’s Erlaubniss wurde Scheikh Hamed und mir die Aufgabe zutheil, diese grosse Karavane durch das gefürchtete Ugogo zu führen. Dies war, wie man später sehen wird, eine sehr unglückliche Wahl.
Endlich lag Marenga Mkali, in einer Breite von mehr als 30 Meilen vor uns. Diese Entfernung musste innerhalb 36 Stunden zurückgelegt werden, sodass die Strapazen eines gewöhnlichen Marsches dadurch mehr als verdoppelt wurden. Von Tschunyo nach Ugogo findet man nicht einen Tropfen Wasser. Da eine grosse Karavane von z. B. 200 Seelen selten mehr als 1¾ Meilen in der Stunde zurücklegt, so beansprucht ein Marsch von 30 Meilen eine siebenzigstündige Entbehrung von Wasser und gestattet nur wenig Ruhe. Da Ostafrika meist unbeschränkte Wassermengen besitzt, sind Karavanen nicht gezwungen, aus Mangel an diesem Element zum Muschok Indiens oder dem Khirbeh Aegyptens ihre Zuflucht zu nehmen. Weil sie im Stande sind, die wasserlosen Districte in einigen langen Märschen zu passiren, lassen sie sich für diese Zeit an kleinen Kürbisflaschen voll Wasser genügen und weiden ihre Phantasie an den grossen Mengen, welche sie nach ihrer Ankunft an einem wasserreichen Ort trinken werden.
Der Marsch durch diesen wasserlosen District war sehr eintönig und mich packte ein gefährliches Fieber, welches mir die Eingeweide geradezu zu verzehren schien. Die Wunder von Afrika, welche sich hier in Gestalt von Zebras, Giraffen, Elenn und Antilopen zeigten, die über die strauchlose Ebene gallopirten, hatten für mich keinen Reiz und vermochten es nicht, meine Aufmerksamkeit von der schweren Erkrankung, die mich befallen hatte, abzulenken. Gegen das Ende des ersten Marsches war ich nicht im Stande, auf dem Esel zu sitzen. Auch ging es nicht an, da wir erst den dritten Theil des Weges durch die Wüste hinter uns hatten, vor dem nächsten Tage Halt zu machen. Es wurden daher Soldaten commandirt, mich in einer Hängematte zu tragen, und als die Terekeza am Abend zu Ende war, lag ich in einem lethargischen, völlig bewusstlosen Zustande da. In der Nacht ging das Fieber vorüber und um 3 Uhr morgens, als der Marsch wieder aufgenommen wurde, war ich gestiefelt und gespornt und wieder als Mtongi meiner Karavane anerkannt. Um 8 Uhr morgens hatten wir die 32 Meilen zurückgelegt. Die Wildniss von Marenga Mkali war passirt und wir waren nach Ugogo gekommen, das für meine Karavane ein gefürchtetes, für mich ein gelobtes Land war.
Der Uebergang von der Wildniss in dasselbe war sehr allmählich und leicht. Nur nach und nach wurde das Dickicht dünner; es dauerte lange, bis wir an abgeholztes Land kamen, und als es schliesslich da war, sah man nicht eher Zeichen der Cultur, als bis wir Kräuter und Pflanzen an einigen zur rechten Hand parallel mit unserer Route verlaufenden Bergabhängen erkennen konnten. Dann erst erblickten wir Nutzholz auf den Bergen und weite bebaute Felder, und siehe da, als wir über eine röthliche Erdwelle schritten, die von hohem Unkraut und Rohr bedeckt war, lagen nur wenige Schritt von uns entfernt, gerade quer über unserm Weg, die Matama- und Kornfelder, nach denen wir ausgeschaut; wir waren schon seit einer Stunde in Ugogo.
Der Blick war nicht, wie ich ihn erwartet. Ich hatte mir ein Plateau, mehrere hundert Fuss höher als Marenga Mkali liegend, und eine ausgedehnte Aussicht vorgestellt, die mir Ugogo und seinen Charakter sofort offenbaren sollten. Statt dessen waren wir aber, als wir das hohe Unkraut, welches das vor den bebauten Strecken kommende abgeholzte Land bedeckt hatte, durchzogen, mitten in noch höhere Matamahalme hineingerathen und mit Ausnahme des Blicks auf einige ferne Berge in der Nähe von Mwumi, wo der grosse Sultan lebt, das Haupt des Stammes, dem wir Tribut zahlen sollten, war die Aussicht sehr begrenzt.
In der Umgegend des ersten Dorfes bekamen wir jedoch einige charakteristische Züge von Ugogo flüchtig zu sehen. Da lag eine weite Ebene, bald flach, bald sich leicht erhebend, hier platt wie ein Tisch, dort zu schroffen Hügeln geformt, welche von zahlreichen unebenen, riesigen Felsblöcken starrten, die einer über dem andern aufgeschichtet lagen, als ob Kinder eines Titanengeschlechts hier Häuserbauen gespielt hätten. Wirklich bildeten diese Haufen runder, eckiger und zerrissener Felsen kleine Hügel für sich und sahen so aus, als ob ein jeder von ihnen durch irgendeine heftig wirkende Kraft von unten hinaufgeworfen worden sei. Namentlich war einer derselben in der Nähe von Mvumi so gross und hatte, da er durch die ausgestreckten Zweige eines riesigen Baobab etwas den Blicken entzogen wurde, so grosse Aehnlichkeit mit einem ungeheuren viereckigen Thurme, dass ich längere Zeit die Idee hegte, etwas besonders Interessantes, was sich merkwürdigerweise der Beobachtung meiner Vorgänger in Ostafrika entzogen, entdeckt zu haben. Ein genaueres Hinsehen zerstörte die Illusion und bewies mir, dass es ein grosser Felsenwürfel war, der ungefähr 70 Fuss nach jeder Richtung mass. Die Baobab sind auch in dieser Landschaft besonders hervorstechend, da kein anderer Baum in diesen bebauten Gegenden zu sehen ist. Man hatte sie wol aus zwei Gründen stehen lassen: erstens aus Mangel an geeigneten Beilen, Bäume von so grossem Umfange zu fällen, und zweitens, weil die Frucht des Baobab ein Mehl gibt, das bei Hungersnoth, wenn es nichts besseres gibt, auch geniessbar und nahrhaft sein soll.
Die ersten Worte, die ich in Ugogo hörte, kamen von einem starkgebauten Wagogo-Aeltesten, der seine Heerde träge hütete, aber ein sichtliches Interesse an dem Fremdling bekundete, der in weissen Flanellkleidern, den in Ugogo höchst ungewöhnlichen Hawkes’schen Patent-Kork-Sommerhut auf dem Kopfe, vorbeizog.
„Yambo, Musungu! Yambo Bana, Bana!“ ertönte seine Stimme so laut, dass man sie eine ganze Meile weit hören konnte. Kaum hatte die Begrüssung stattgefunden, als das Wort „Musungu“ sein ganzes Dorf zu elektrisiren schien und die Bewohner andrer Dörfer, die hie und da nicht weit vom Wege lagen, nahmen, als sie die erste herrschende Aufregung bemerkten, an dem allgemeinen tollen Durcheinander theil, das alle plötzlich zu beherrschen schien. Meinen Weg vom ersten Dorf bis Mvumi betrachte ich als einen Triumphzug, denn ich wurde von einem wüthenden, aus Männern, Weibern und Kindern bestehenden Pöbelhaufen begleitet, die fast alle nackt, wie Mutter Eva waren, als sie die Welt zuerst im Garten von Eden erblickte. Sie zankten, stritten und stiessen sich, um den weissen Mann am besten sehen zu können, dergleichen man in diesem Theil von Ugogo noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Doch wurden die Ausrufe der Verwunderung, wie z. B. „Hi le“, die oft verwirrend an mein Ohr schlugen, von mir nicht mit Dank aufgenommen, da ich viele derselben für ungehörig hielt. Achtunggebietendes Schweigen und ein reservirteres Betragen würde mir mehr Hochachtung abgewonnen haben; aber ihr Mächte, die ihr in Usungu die Etikette regelt! -- respectvolles Schweigen, zurückhaltendes Benehmen und Werthschätzung, das sind drei Worte, die man in dem wilden Ugogo nicht kennt.
Bisher hatte ich mich mit einem Bagdader Kaufmann verglichen, der unter den Kurden von Kurdistan herumziehend seine aus Damaszenerseide, Kefiyehs u. dgl. bestehenden Waaren verkauft; aber jetzt musste ich ein niedrigeres Bild wählen und mich für nicht viel besser als den Affen in der zoologischen Sammlung des Central-Parks halten, dessen komische Grimassen so ungeheures Gelächter bei den jungen New-Yorkern hervorrufen. Einer meiner Soldaten bat sie, ihr furchtbares Geschrei und Lärmen etwas zu mässigen, aber das böse Gesindel gebot ihm, stillzuschweigen, da es unwürdig sei, so mit den Wagogo zu sprechen. Als ich mich flehentlich in dieser Verlegenheit an die Araber um Rath wandte, sagte der alte, stets weltkluge Scheikh Thani: „Beachten Sie jene nicht; es sind Hunde, die nicht nur bellen, sondern auch beissen.“
Um 9 Uhr morgens waren wir in unserm Boma in der Nähe des Dorfes Mvumi, aber auch hierher kamen Mengen von Wagogo, um sich den Musungu etwas anzusehen, dessen Anwesenheit alsbald im ganzen District von Mvumi bekannt wurde. Zwei Stunden später hatte ich ihre Bemühungen, mich zu sehen, ganz und gar vergessen; denn trotz wiederholter Dosen von Chinin hatte mich das Mukunguru fest gepackt. Am nächsten Tage fand ein Marsch von acht Meilen von Ost- nach West-Mvumi statt, wo der Sultan des Bezirks wohnt. Die Menge und Mannichfaltigkeit der in unser Boma gebrachten Lebensmittel straften die Berichte über die Erzeugnisse von Ugogo nicht Lügen. Saure und süsse Milch, Honig, Bohnen, Matama, Maweri, Mais, Ghee, Erbsennüsse und eine Sorte von Bohnennüssen, die grossen Pistazien oder Mandeln sehr ähneln, Wassermelonen, Kürbisse, Muss-Melonen und Gurken wurden uns gebracht und bereitwilligst gegen Merikani, Kaniki, weisse Merikaniperlen und Sami-Sami oder Sam-Sam umgetauscht. Das Handel- und Tauschgeschäft, das vom Morgen bis zur Nacht vor sich ging, erinnerte mich an die unter den Gallas und Abessiniern vorkommenden Gebräuche. Im Osten mussten Karavanen ihre Leute mit Tuch aussenden, um bei den Dorfbewohnern Einkäufe zu machen. Dies war in Ugogo nicht nöthig, wo die Leute jeden Verkaufsartikel, den sie besassen, aus freien Stücken ins Lager brachten. Das kleinste Stückchen weissen oder blauen Tuchs, ja sogar ein abgetragenes, fadenscheiniges Lendentuch liess sich verkaufen und nützlich beim Einkauf von Nahrungsmitteln verwerthen.
Am Tage nach unserm Marsch war Rasttag. Wir hatten ihn dazu bestimmt, dem grossen Sultan von Mvumi den Tribut zu überbringen. Der kluge und vorsichtige Scheikh Thani übernahm die Erledigung dieser wichtigen Pflicht, deren Unterlassung ein Zeichen zum Kriege gewesen wäre. Hamed und Thani schickten zwei treue, mit den Eigenthümlichkeiten des Wagogo-Sultans genau vertraute, redegewandte Sklaven, die eine grosse Zungenfertigkeit und wirklichen Instinct für den unter den Orientalen üblichen Handel besassen, zu ihm. Sie trugen 6 Doti Tuch, nämlich 1 Doti Dabwani Ulyah und 1 Doti Barsati von mir, 2 Doti Merikani Satine von Scheikh Thani und 2 Doti Kaniki von Scheikh Hamed als erste Abzahlung des Tributs hin. Sie blieben eine ganze Stunde fort, kehrten aber, nachdem sie ihre Ueberredungskunst umsonst angewandt hatten, mit dem Verlangen nach mehr zurück, was Scheikh Thani mir in folgender Weise mittheilte:
„Ach, dieser Sultan ist ein sehr, sehr böser Mann. Er sagt, der Musungu ist ein grosser Mann, ich nenne ihn sogar einen Sultan. Der Musungu ist sehr reich, denn mehrere seiner Karavanen sind schon vorbeigezogen. Der Musungu muss 40 Doti bezahlen und die Araber jeder 12 Doti, denn sie haben reiche Karavanen. Es ist unnütz, dass Ihr mir sagt, Ihr bildet alle eine Karavane, denn wozu habt Ihr dann so viel Flaggen und Zelte? Geht und bringt mir 60 Doti, mit weniger bin ich nicht zufrieden.“
Nachdem ich dieses unverschämte Verlangen erfahren, gab ich Scheikh Thani zu verstehen, dass ich 20 mit Winchester-Repetir-Gewehren bewaffnete Wasungu habe und den Sultan zwingen könne, mir Tribut zu zahlen. Thani aber bat mich dringend, vorsichtig zu sein, damit nicht böse Worte den Sultan reizen und dazu veranlassen könnten, einen doppelten Tribut zu fordern, wozu er wol im Stande sei; „und wenn Sie den Krieg vorzögen, so würden alle Ihre Pagazi desertiren und Sie sammt Ihrem Tuch den Wagogo auf Gnade und Ungnade überlassen.“ Ich beeilte mich aber, seine Befürchtungen zu beschwichtigen, indem ich Bombay in seiner Gegenwart sagte, ich habe dieses Verlangen seitens der Wagogo vorhergesehen, daher 120 Doti Tributtuche beiseite gelegt und werde mich nicht für sehr beeinträchtigt halten, wenn der Sultan mir 40 Doti Tuch abfordere und ich sie wirklich bezahle. Deshalb solle er den Hongaballen aufmachen und von Scheikh Thani die vom Sultan gewünschten Tuche herausnehmen lassen.
Nachdem Scheikh Thani sich die Mütze der Ueberlegung aufgesetzt und mit Hamed und seinen treuen Bedienten zu Rath gegangen war, meinte er, wenn ich 12 Doti bezahlen wolle, von denen 3 von Ulyah-Qualität wären, werde der Sultan wol geruhen, unsern Tribut annehmbar zu finden, in der Voraussetzung, dass er durch die beredten Worte der Getreuen sich überreden lassen werde, der Musungu habe nichts weiter bei sich, als das Maschiwa (Boot), das jenem von keinerlei Nutzen sein werde, es komme was da wolle. Auf diesen klugen Rath, von dessen Weisheit er überzeugt war, ging der Musungu ein.
Die Sklaven entfernten sich, diesmal mit 30 Doti und unsern besten Glückwünschen, aus unserm Boma. Nach einer Stunde kehrten sie zurück mit leeren Händen, aber ohne Erfolg. Der Sultan verlangte von dem Musungu noch 6 Doti Merikani und 1 Fundo Bubu, von den Arabern und andern Karavanen dagegen noch 12 Doti. Zum dritten male gingen die Sklaven ins Tembé des Sultans ab, mit 6 Doti Merikani und 1 Fundo Bubu von mir und 10 Doti von den Arabern. Doch wiederum kehrten sie mit den Worten des Sultans zurück: „Die Doti des Musungu hätten zu kurzes Maass und das Tuch der Araber wäre von elender Beschaffenheit, daher müsse der Musungu ihm noch 3 gut gemessene Doti und die Araber 5 Doti Kaniki senden.“
Meine 3 Doti wurden sofort mit dem längsten Vorderarm, dem Kigogo-Maasse, ausgemessen und durch Bombay abgesandt, aber die Araber erklärten fast verzweifelt, sie wären ruinirt, wenn sie sich solchen Anforderungen fügten, und schickten nur 2 von den 5 Doti mit der inständigen Bitte an den Sultan, er möge das Bezahlte als gerechtes und billiges Muhongo ansehen und nicht noch mehr verlangen. Der Sultan von Mvumi war jedoch keineswegs geneigt, diesen Vorschlag in Erwägung zu ziehen, sondern erklärte, er müsse noch 3 Doti bekommen und zwar 2 von Ulyahtuch und 1 von Kitambi Barsati, die ihm denn auch, da er durchaus darauf bestand, unter den heftigsten Verwünschungen Scheikh Hamed’s und den verzweifeltsten Seufzern Scheikh Thani’s übersandt wurden.
Ueberhaupt muss das Sultanat eines Districts in Ugogo sehr lohnend und eine prächtige Sinecure so lange sein, als der Sultan es mit feigen arabischen Kaufleuten zu thun hat, die sich scheuen, eine Spur von Unabhängigkeit und Selbstvertrauen an den Tag zu legen, um nur nicht noch mehr Strafe an Zeug zu zahlen. An einem Tage erhielt der Sultan von einem einzigen Boma 47 Doti, die aus Merikani, Kaniki, Barsati, Dabwani bestanden im Werthe von 35¼ Dollars, und ausserdem noch 7 Doti feiner Tuche (Rehani, Sohari und Daobwani-Ulyah), sowie 1 Fundo Bubu, im Werthe von 14 Dollars, zusammen also 49¼ Dollars, eine ganz anständige Summe für einen Mgogohäuptling.
Am 27. Mai schüttelten wir mit Freuden den Staub von Mvumi von den Füssen und setzten unsern Weg nach Westen fort. In der letzten Nacht waren fünf meiner Esel an den Wirkungen des Wassers von Marenga Mkali gefallen. Ehe ich das Boma von Mvumi verliess, ging ich, mir ihre Kadaver anzusehen, fand aber, dass ihr Fleisch von den Hyänen vollständig aufgefressen und die Knochen sich im Besitz einer grossen Schaar weisshalsiger Krähen befanden.
Als wir die zahlreichen Dörfer durchzogen und wahrnahmen, dass das ganze Land wie ein ungeheures Kornfeld aussah, und ferner die am Wege stehenden Leute zählten, die ihre gierigen Blicke am Musungu weiden wollten, wunderte ich mich nicht mehr über die Erpressungen der Wagogo. Denn offenbar durften sie blos ihre Hände ausstrecken, um sich den ganzen Reichthum meiner Karavane anzueignen, und ich fing an, besser von dem Volke zu denken, das seiner Kraft sich wohl bewusst, doch keinen Gebrauch von ihr macht, sondern intelligent genug ist zu begreifen, dass es in seinem Interesse liegt, Karavanen vorbeiziehen zu lassen, ohne eine Rechtsverletzung an ihnen zu versuchen.
Zwischen Mvumi und dem District des nächsten Sultans, Matamburu, zählte ich nicht weniger als 25 Dörfer, die über der lehmigen, farbenreichen Ebene ausgestreut lagen. Trotz der unwirthlichen Natur der Ebene waren sie besser gebaut, als irgendein Theil des Landes, das ich seit Bagamoyo gesehen hatte.
Als wir schliesslich in unserm Boma in Matamburu ankamen, erwarteten uns dieselben Gruppen neugieriger Leute, dieselben verwunderten Blicke, dieselben Ausrufe des Erstaunens, dasselbe Gelächter über Dinge, die sie an der Kleidung und Manier des Musungu lächerlich fanden, wie in Mvumi. Da die Araber „Wakonongo“-Reisende waren, die sie alle Tage sahen, waren diese vollständig befreit von den Belästigungen, die wir auszustehen hatten.
Der Sultan von Matamburu, ein Mann von herkulischer Gestalt und einem Kopf, der gut zu seinen Schultern passte, die sich mit denen des Milo vergleichen liessen, erwies sich als ein sehr verständiger Mann. Nicht ganz so mächtig wie der von Mvumi, besass er doch einen schönen Theil von Ugogo, etwa 40 Dörfer, und er hätte, wenn er dazu Lust gehabt, die feilen Seelen meiner arabischen Begleiter in derselben Weise, wie der von Mvumi, drücken können. Vier Doti Tuch wurden ihm als erster seiner Grösse dargebrachter Tribut hingesandt, die er anzunehmen versprach, wenn die Araber und der Musungu ihm noch vier schicken würden. Bei so billigem Verlangen wurde diese Angelegenheit bald zu jedermanns Zufriedenheit beendet, und nicht lange darauf liess Scheikh Hamed’s Kirangozi das Signal zum morgigen Marsche ertönen.
Auf Befehl eben dieses Scheikhs erhob sich der Kirangozi, um vor der versammelten Karavane eine Rede zu halten. „Worte, Worte von dem Bana!“ rief er aus. „Leiht mir Euer Ohr, Kirangozi! Hört es, Ihr Kinder von Unyamwezi! Morgen ist Reisetag! Der Weg ist krumm und schlecht, schlecht! Da liegen Dschungels und viele Wagogo sind darin verborgen! Wagogo tödten Pagazi mit Speeren und schneiden denen die Hälse ab, welche Mutumba (Ballen und Uschangaperlen) bei sich führen! Die Wagogo sind bei uns im Lager gewesen; sie haben Euere Ballen gesehen; heute Abend suchen sie die Dschungels auf; morgen wachet gut, o Wanyamwezi! Haltet Euch eng beisammen, bleibt nicht zurück! Die Kirangozi werden langsam gehen, damit die Schwachen, die Kranken und die Jungen mit den Starken Schritt halten können! Machen wir zweimal Rast auf dem Wege! Dieses sind die Worte des Bana (Herrn). Hört Ihr sie, Wanyamwezi?“ (Ein lautes bejahendes Geschrei erhebt sich aus allen Kehlen.) „Versteht Ihr sie wohl?“ (Wiederholter Zuruf.) „Dann Bas!“ Nach dieser Rede zog sich der beredte Kirangozi in die dunkle Nacht und seine Strohhütte zurück.
Der Marsch nach Bihawana, unserm nächsten Lager, war beschwerlich, führte uns durch ein ununterbrochenes Dickicht von Gummi- und Dorngebüschen, steile Berge hinauf und schliesslich über eine glühende Ebene, auf der die Sonne heisser und heisser wurde, wie sie sich dem Meridian näherte, bis sie schliesslich alles Leben aus der todten Natur herauszusengen schien und die ganze Landschaft in einer solchen weissen Glut dalag, dass sie den umsonst vor dem grellen Licht Schutz suchenden schmerzhaften Augen unerträglich wurde. Mehrere versandete Wasserläufe, auf denen manche Spur von Elefanten eingedrückt war, passirten wir auch auf diesem Marsche. Diese Strombetten neigten sich abwärts nach Südost und Süden.
In der Mitte dieser brennenden Ebene standen die Dörfer von Bihawana, die wegen der ungewöhnlichen Niedrigkeit ihrer Hütten fast gar nicht zu sehen waren. Sie erreichten nämlich nicht die Höhe des hohen ausgebleichten Grases, das in der übermässigen Hitze rauchend dastand.
Unser Lager befand sich in einem grossen etwa eine Viertelmeile von des Sultans Tembé gelegenen Boma. Bald nachdem ich im Lager ankam, wurde ich von drei Wagogo besucht, welche mich fragten, ob ich nicht unterwegs einen Mgogo mit einer Frau und einem Kinde gesehen hätte. Ich war im Begriff, ganz unschuldig ja zu sagen, als der vorsichtige und stets auf das Interesse seines Herrn bedachte Mabruki mich bat, ihm keine Antwort zu ertheilen, da die Wagogo mich wie gewöhnlich beschuldigen würden, jene beiseite gebracht zu haben und dafür eine Strafe von mir verlangen würden.
Wüthend über den Betrug, den sie mir eben spielen wollten, war ich im Begriff, meine Peitsche zu erheben, um sie aus dem Lager zu prügeln, als mir Mabruki wieder mit brüllender Stimme gebot, mich in Acht zu nehmen, denn jeder Schlag würde mich 3 oder 4 Doti Tuch kosten. Da ich keineswegs wünschte, meinem Zorn auf so kostspielige Weise Luft zu machen, so war ich gezwungen, ihn herunterzuschlucken, und die Wagogo kamen ohne Bestrafung davon.
Einen Tag hielten wir an diesem Ort, und dies war mir sehr lieb, da ich schwer am Wechselfieber litt, das in diesem Falle zwei Wochen dauerte und mich daran hinderte, mein Tagebuch vollständig zu führen, wie ich es sonst jeden Abend nach dem Marsche zu thun pflegte.
Der Sultan von Bihawana begnügte sich, obgleich seine Unterthanen übelgesinnt und zu Mord und Diebstahl bereit waren, mit 3 Doti Tuch als Honga. Von diesem Häuptling erhielt ich Nachrichten über meine vierte Karavane, die sich in einem Kampf mit einigen seiner geächteten Unterthanen ausgezeichnet. Meine Soldaten hatten zwei derselben getödtet, die, nachdem sie einigen Pagazi aufgelauert, einen Ballen Tuch und einen Beutel Perlen zu rauben versucht hatten. Da die Soldaten zur rechten Zeit herankamen, vereitelten sie diesen Versuch vollständig. Der Sultan meinte, es würden weniger Diebstähle unterwegs an den Karavanen verübt werden, wenn sie alle ebenso gut, wie die meinigen, bewacht würden. Mit dieser Ansicht stimmte ich von Herzen überein.
Das Tembé des nächsten Sultans, durch dessen Gebiet wir am 30. Mai marschirten, befand sich in Kididimo, und vier Meilen von Bihawana entfernt. Der Weg führte uns durch eine flache, längliche, zwischen zwei langen Bergkämmen befindliche Ebene, auf der sich zahlreiche, riesig gestaltete Baobab vorfanden. Kididimo sieht sehr traurig aus und selbst die Gesichter der Wagogo scheinen ein trauriges Gepräge von der allgemeinen sie umgebenden Freudlosigkeit angenommen zu haben. Das Wasser der Gruben in der Umgegend schmeckte nach warmem Pferdeurin, und zwei Esel erkrankten und fielen in weniger als zwei Stunden an den Wirkungen desselben. Der Mensch bekam davon Leibschmerzen, Uebelkeit und eine allgemeine Reizbarkeit des Organismus und rächte sich infolge dessen durch kräftige Verwünschungen gegen das Land und seinen albernen Herrscher. Ihren Höhepunkt erreichte indessen unsere Stimmung erst, als Bombay uns berichtete, dass der Kopf des Häuptlings, nachdem man über das Muhongo sich zu einigen versucht, sehr gross geworden sei, als er gehört habe, der Musungu sei angekommen und dass sich seine „Grösse“ nur verkleinern lasse, wenn er 10 Doti als Tribut bekäme. Obgleich die Forderung gross war, befand ich mich doch nicht in der Stimmung -- schwach und fast ohne Energie, wie ich es von den wiederholten Anfällen des Mukunguru war -- wegen dieser Summe Streit anzufangen. Daher wurde sie ohne viele Worte bezahlt. Die Araber hingegen brachten den ganzen Nachmittag mit Unterhandlungen zu und hatten schliesslich jeder 8 Doti zu bezahlen.
Zwischen Kididimo und Nyambwa, dem District des Sultans Pembera Pereh, befindet sich ein weiter, langer Wald und Dschungel, der von Elefanten und Rhinozeros, Zebras, Hirschen, Antilopen und Giraffen bewohnt wird. Mit dem Morgengrauen des 31. aufbrechend, kamen wir in die Dschungels, deren dunkle von Büschen bewachsene Contouren ganz deutlich von unserer Laube in Kididimo sichtbar gewesen waren, und hielten nach zweistündigem Marsche Rast zum Frühstück an Pfützen süssen Wassers, die, umrahmt von frischen grünen Streifen, einen Hauptzufluchtsort für die wilden Thiere der Dschungels abgaben, deren frische Spuren sich zahlreich daselbst vorfanden. Ein enges, vom Laube dicht beschattetes Nullah bot einen vorzüglichen Schutz vor dem grellen Sonnenschein dar. Zur Mittagstunde, nachdem unser Durst gelöscht, unser Hunger gestillt und die Kürbisflaschen wieder gefüllt waren, begaben wir uns aus dem Schatten in die furchtbare Glut des heissen Mittags hinaus. Der Pfad schlängelte sich durch Dschungel und dünnen Wald hinein und wieder heraus in offene Striche von Gras, das wie Stoppeln weissgedörrt war, und zog sich dann durch Dickicht von Gummi- und Dornbüschen, die einen penetranten Geruch, gleich einem Viehstalle, von sich gaben. Dann ging es durch Gruppen ausgebreiteter Mimosen, Colonien von Baobab und einem an edlem Wild reichen Landstrich weiter, welches letztere zwar häufig von uns erblickt, doch vor unsern Gewehren ebenso sicher war, als ob wir uns auf dem Indischen Ocean befunden hätten, denn eine Terekeza, wie wir sie jetzt machten, lässt keinen Aufenthalt zu. Das letzte Wasser hatten wir zur Mittagszeit verlassen; bis zum Mittag des nächsten Tages konnten wir keinen Tropfen bekommen, und wenn wir nicht rasch und lange an diesem Tage marschirten, so würde der wüthende Durst alle Bande der Zucht entfesseln. So mühten wir uns tapfer sechs lange ermüdende Stunden hindurch ab und lagerten bei Sonnenuntergang; es blieb dabei noch ein Marsch von zwei Stunden vor uns, den wir eine Stunde nach Sonnenaufgang machen mussten, ehe wir an unser Lager Nyambwa kommen konnten. An diesem Abend bivuakirten unsere Leute unter den Bäumen, von einem meilenweiten dichten Walde umgeben, und genossen die kühle Nacht, ohne von Kopfbedeckungen oder Zelten beschützt zu sein, während ich mich die Nacht hindurch in einem Fieberanfalle wälzte und stöhnte.
Der Morgen kam und die lange Karavane oder vielmehr die Kette von Karavanen war schon in erster Frühe unterwegs. Es war derselbe Wald, der auf dem schmalen Pfade, den wir betraten, nur für einen Mann Platz hatte. Ebenso beschränkt war die Aussicht. Zur Rechten und Linken war der Wald dunkel und tief. Ueber uns befand sich ein heller Himmelsstreifen, an dem einzelne Regenwolken schwebten. Wir hörten nichts weiter als hin und wieder Töne eines fliegenden Vogels oder den Lärm der Karavanen, deren Leute sangen, summten oder sich unterhielten und laut aufjubelten, wenn sie der Gedanke überkam, dass wir uns Wasser näherten. Einer meiner Pagazi fiel ermattet und krank nieder und erhob sich nicht wieder. Der letzte der Karavane ging an ihm vorüber, ehe er todt war. Das war ein Glück, sonst hätten wir die Barbarei begehen müssen, ihn unbeerdigt liegen zu lassen, wo wir doch wussten, dass er todt sei.
Um 7 Uhr morgens schlugen wir in Nyambwa unser Lager auf und tranken das vorzügliche Wasser, das wir dort vorfanden, mit der Gier durstiger Kamele. Ausgedehnte Kornfelder hatten uns die Nähe von Dörfern verkündet, bei deren Anblick wir uns bewusst wurden, dass die Karavane ihren Schritt beschleunigte, weil sie sich dem Halteplatz näherte. Als die Wasungu in die bevölkerte Gegend zogen, beeilten sich Massen von Wagogo, sie anzusehen, ehe sie vorbei waren. Jung und Alt beiderlei Geschlechts drängte sich um uns, ein heulender Pöbelhaufen. Dieses übermässig demonstrative Wesen entlockte meinem Aufseher, dem frühern Seemann, die charakteristische Bemerkung: „Nun wahrhaftig, das müssen echte Ugogier sein, denn sie gaffen einen in einer Weise an, -- mein Gott, sie hören gar nicht mit Gaffen auf! Ich hätte grosse Lust, ihnen ins Gesicht zu schlagen!“ Wirklich trieben es die Wagogo von Nyambwa noch toller als die übrigen Wagogo. Diejenigen, die wir bisher angetroffen, hatten sich damit begnügt, uns anzugaffen und zu schreien; diese aber überschritten alle Grenzen, und mein wachsender Zorn über ihre furchtbare Unverschämtheit machte sich darin Luft, dass ich den lärmendsten von ihnen am Nacken packte und ihm, ehe er sich von seinem Erstaunen erholen konnte, eine tüchtige Tracht Prügel mit meiner Hundepeitsche verabfolgte, was ihm nicht sonderlich behagte. Dies Verfahren rief aus der Masse der Gaffer eine ganze Flut von bösesten Schimpfworten hervor, wobei sie sich sehr eigenthümlich geberdeten; sie näherten sich nämlich wie wüthende Katzen und stiessen ihre Worte mit einem Geräusch, das halb Zischen, halb Bellen war, hervor. Ihr Ausruf lautete, um ihn phonetisch so gut wie möglich wiederzugeben, „Hahcht“, und wurde in einem grellen Crescendoton hervorgestossen. Sie traten vor und dann wieder zurück, mit der Frage: „Sollen die Wagogo wie Sklaven von diesem Musungu gepeitscht werden? Ein Mgogo ist ein Mgwana (freier Mann) und nicht daran gewöhnt, geschlagen zu werden. -- Hahcht!“ So oft ich mich jedoch anschickte, meine Peitsche gegen sie zu schwenken, fand dieses renommistische Volk es gerathen, sich von dem zornigen Musungu in eine respectvolle Entfernung zurückzuziehen.
Da ich bemerkte, dass etwas männliche Machtentfaltung den Wagogo gegenüber noththat und mich diesmal von Quälereien befreite, so nahm ich, so oft sie das Maass überschritten, Zuflucht zu meiner Peitsche, deren lange Schnur wie eine Pistole knallte. Solange sie sich darauf beschränkten, ihre Zudringlichkeit blos durch Gaffen und gegenseitige Mittheilung ihrer Ansichten über meine Farbe und sonstiges Aeussere auszudrücken, schwieg ich philosophisch resignirt, um ihr Vergnügen nicht zu stören; wenn sie aber auf mich zudrängten und mir kaum gestatteten, mich fortzubewegen, dann bahnten alsbald ein paar tüchtige, rasche, rechts und links ausgetheilte Peitschenhiebe mir in zweckmässigster Weise den Weg.
Pembera Pereh ist ein komischer alter Mann von sehr kleinem Wuchs; er würde gar nichts zu bedeuten haben, wenn er nicht der grösste Sultan von Ugogo wäre und theilweise Macht über viele andere Stämme besässe. Obgleich ein so bedeutender Häuptling, ist er von allen seinen Unterthanen am schlechtesten gekleidet, stets schmutzig, stets mit Fett beschmiert, beständig unsauber um den Mund. Das sind aber blose Sonderbarkeiten. Als kluger Richter steht er ohnegleichen da und hat immer irgendeinen Kniff in Bereitschaft, um den muthlosen arabischen Kaufleuten, die alljährlich mit Unyanyembé Handel treiben, Tuch abzuzwacken, und entscheidet mit grösster Leichtigkeit Rechtsfälle, die über den Horizont eines gewöhnlichen Menschen gehen würden.
Scheikh Hamed, der erwählte Führer der vereinigten Karavanen, die jetzt durch Ugogo zogen, war von so kleiner, gebrechlicher Gestalt, dass er für eine Copie seines berühmten Prototyps „Dapper“ gelten konnte; was ihm an Grösse und Gewicht abging, machte er jedoch durch Thätigkeit wieder gut. Kaum waren wir in einem Lager angekommen, als man seine niedliche, lebhafte Gestalt von einer Seite des grossen Boma zur andern hin- und herhüpfen sah, unruhig Anordnungen treffend und alles und alle störend. Er liess keinen Ballen oder Packen unter seine Sachen oder nur in zu grosse Nähe derselben bringen, hatte eine Lieblingsmethode, seine Waaren aufzustellen, die regelmässig durchgeführt werden musste, und ein specielles Auge für den für sein Zelt am besten passenden Ort, den er von keinem andern beeinträchtigen liess. Man hätte denken können, dass er nach einem Tagesmarsch von 10-15 Meilen derartige Kleinigkeiten seinen Dienern überlassen würde; aber nein, nichts konnte in Ordnung sein, wenn er nicht selbst die Oberaufsicht darüber geführt hatte. Bei dieser Arbeit war er unermüdlich und scheute keine Anstrengung.
Scheikh Hamed hatte noch eine andere nicht ungewöhnliche Eigenthümlichkeit: da er kein reicher Mann war, so gab er sich unendliche Mühe, jedes Schukka und Doti so gut wie möglich zu verwerthen, und jede neue Ausgabe schien an seinem Herzen geradezu zu nagen. Er war stets bereit, wie er selbst sagte, über die hohen Preise von Ugogo und die Erpressungen seiner Sultane zu weinen. Aus diesem Grunde konnten wir mit Bestimmtheit annehmen, dass er, als Leiter der Karavane, unsern Aufenthalt in Ugogo, wo Nahrungsmittel theuer waren, so viel wie möglich abkürzen werde.
Hamed wird, so lange er lebt, der Sorgen und Plagen, die er in Nyambwa erlitten und des Tages gedenken, an dem wir daselbst ankamen. Sein Unglück kam daher, dass er, während er sich eifrigst im Lager etwas zu schaffen machte, seine Esel in die Matamafelder des Sultans Pembera Pereh hineingerathen liess. Stundenlang suchten er und seine Diener nach den abhanden gekommenen Eseln, kehrten aber unverrichteter Sache am Abend zurück, und er bejammerte, wie es nur ein Orientale thun kann, wenn er von harten Schicksalsschlägen heimgesucht wird, den Verlust seiner Muskat-Esel, die an 100 Dollar werth waren. Der ältere, erfahrenere und weisere Scheikh Thani rieth ihm, seinen Verlust dem Sultan anzuzeigen. Auf diesen weisen Rath hin schickte Hamed zwei Sklaven an den Sultan ab, die ihm die Nachricht zurückbrachten, Pembera Pereh’s Diener hätten die beiden Esel beim Fressen von unreifem Matama angetroffen und wenn ihr Besitzer nicht 9 Doti Tuch erster Qualität bezahle, so werde Pembera Pereh sie bestimmt zurückbehalten, um sich für das von ihnen gefressene Matama bezahlt zu machen. Hamed war in Verzweiflung. 9 Doti erster Klasse, die in Unyanyembé einen Werth von 25 Dollars repräsentirten, für Korn, das höchstens ½ Schukka werth war, erschien ihm als eine lächerliche Forderung; wenn er sie aber nicht bezahlte, so waren seine Esel im Werthe von 100 Dollars verloren. Er begab sich also zum Sultan, um ihm die Abgeschmacktheit dieser Entschädigungsforderung zu beweisen und zu sehen, ob er nicht mit einem Schukka davonkommen könne, einer Summe, die mehr als den doppelten Preis des von den Eseln verzehrten Korns betrage. Der Sultan aber sass bei seinem Pombé, war betrunken, was er gewöhnlich zu sein scheint, und zwar zu sehr betrunken, um auf ernste Dinge eingehen zu können. Darum lieh sein Stellvertreter, ein Unyamwezischer Renegat, dem Ansuchen sein Ohr. Bei den meisten Wagogohäuptlingen existirt nämlich ein Unyamwezi als rechte Hand, Premierminister, Rath, Henker, kurz als Individuum, das zu allem bereit ist, nur nicht fürs allgemeine Beste zu sorgen. Ein derartiger Unyamwezischer Harlekin pflegt ein so rastloser, unzufriedener Intriguant zu sein, dass man, sobald man hört, dass ein solcher Mensch der hauptsächlichste Rath eines Mgogohäuptlings ist, sich versucht fühlt, ihm persönlich zu Leibe zu gehen. Die meisten der an den Arabern verübten Erpressungen werden von diesen schlauen Renegaten in Scene gesetzt.
Scheikh Hamed fand den Unyamwezi viel hartnäckiger als den Sultan; das Minimum, wofür er die Esel auslösen konnte, sollte 9 Doti Tuch erster Qualität sein. An dem Tage blieb daher das Geschäft unerledigt und die folgende Nacht war, wie man sich denken kann, für Hamed eine schlaflose. Schliesslich jedoch erwiesen sich der Verlust, die schwere Geldstrafe und die schlaflose Nacht als verkappte Segnungen, denn gegen Mitternacht besuchte ein Mgogoräuber sein Lager und wurde bei dem Versuch, einen Ballen Tuch zu stehlen, von dem vollständig wachen und erzürnten Araber auf frischer That ertappt und sofort durch eine in nächster Nähe seines Ohrs vorübersausende Kugel zum Verschwinden gebracht.
Von jedem der Eigenthümer der Karavanen hatte der Unyamwezi für seinen betrunkenen Herrn 15 Doti sich zahlen lassen, und von den übrigen 6 Karavanen je 6 Doti, zusammen 51 Doti. Bei unserm Abmarsch am nächsten Morgen war er aber trotzdem nicht im geringsten geneigt, ein einziges Tuch von der Hamed auferlegten Strafe abzuziehen und der unglückliche Scheikh war daher genöthigt, die Forderung zu bezahlen oder seine Esel dazulassen.
Nachdem wir durch die Kornfelder Pembera Pereh’s gezogen, kamen wir auf eine weite, flache Ebene, welche horizontal wie ein Wasserspiegel ist und die Wagogo mit Salz versieht. Von Kanyenyi erstreckt sich dieses Salzfeld auf der südlichen Strasse bis jenseits der Grenze von Uhumba und Ubanarama und enthält viele grosse Teiche von salzigem Bitterwasser, deren niedrige Ufer von einem salpeterhaltigen Schaum bedeckt sind. Zwei Tage später, als ich die Höhenkette, die Ugogo von Uyanzi trennt, bestiegen hatte, bekam ich einen Umblick über die ungeheure mehr als 100 engl. Quadratmeilen umfassende Salzebene. Möglicherweise war es eine Täuschung, doch glaubte ich grosse Flächen graublauen Wassers zu sehen, und dies lässt mich annehmen, dass diese Saline nur eine Ecke eines grossen Salzsees ist. Die Wahumba, deren es von Nyambwa bis zur Grenze von Uyanzi viele gibt, theilten meinen Soldaten mit, es existire ein „Madschi Kuba“ in nördlicher Richtung.
Mizanza, unser auf Nyambwa folgender Lagerplatz, liegt in einem Palmenhain, ungefähr 13 Meilen von dem letztgenannten Ort. Bald nach meiner Ankunft musste ich mich unter wollene Decken begraben wegen eines neuen Anfalls von Wechselfieber, wie ich solches zum ersten mal während unserer Reise durch Marenga Mkali gehabt hatte. Ueberzeugt, dass mich eine Tagesrast, die mich in den Stand setzte, regelmässige Dosen des unschätzbaren Chinins zu nehmen, wiederherstellen werde, bat ich Scheikh Thani, Hamed einen Halt für den morgenden Tag vorzuschlagen, da ich völlig unfähig sei, die wiederholten Anfälle der bösartigen Krankheit, die mich rasch in ein blosses Skelett von Haut und Knochen verwandelte, ferner zu ertragen. Hamed, der sehr nach Unyanyembé eilte, um sein Tuch dort loszuwerden, ehe andere Karavanen auf dem Markt erschienen, erwiderte zuerst, er könne und wolle wegen des Musungu nicht halten lassen. Nachdem mir Thani diese Antwort mitgetheilt, ersuchte ich ihn, Hamed zu sagen, der Musungu wünsche weder ihn noch eine andere Karavane aufzuhalten, sondern es sei seine ausdrückliche Bitte, Hamed möge ohne Rücksicht auf ihn weiter marschiren, da er hinreichend mit Gewehren versehen sei, um allein durch Ugogo marschiren zu können. Aus welchem Grunde nun der Scheikh seinen Entschluss abgeändert und den dringenden Wunsch, weiter zu reisen, aufgegeben haben mag, jedenfalls erschallte an dem Abend sein Marschsignal nicht, sondern er war am nächsten Morgen noch da.
Früh am Morgen fing ich meine Chinindosen an, um 6 Uhr nahm ich schon die zweite, und bis 12 Uhr mittags hatte ich noch vier weitere genommen, im ganzen gegen 50 gut gemessene Gran, deren Wirkung sich in reichlichem, all mein Flanell-und Leinenzeug sowie die wollenen Decken durchnässendem Schweisse kundthat. Nachmittags erhob ich mich, wahrhaft dankbar, dass die Krankheit, die mich volle vierzehn Tage heimgesucht hatte, schliesslich dem Chinin gewichen war.
An diesem Tage zog unser hohes Zelt und die amerikanische Flagge, die immer von der Mittelstange herabflatterte, die Aufmerksamkeit des Sultans von Mizanza auf sich und wurde die Ursache eines Besuches, mit dem er mich beehrte. Da er unter den Arabern dafür berufen ist, Manwa Sera in seinem Kriege gegen Scheikh Sny bin Amer beigestanden zu haben, welchen letztern Burton und später Speke so sehr gepriesen, war er für mich natürlich ein Gegenstand besonderer Neugierde, zumal er der zweitmächtigste Häuptling in Ugogo ist.
Als die Thüre des Zeltes aufgemacht worden, damit der alte Herr eintreten könne, erstaunte er über die Höhe und innere Einrichtung desselben so sehr, dass er das schmierige Barsatituch, das seinen einzigen Schutz gegen Nachtkühle und Tageshitze bildete, aus Zerstreutheit herunterfallen liess und dadurch den ungeweihten Blicken des Musungu seinen traurigen, gealterten Körper zeigte, der früher von gewaltiger, imponirender Gestalt gewesen sein musste. Sein Sohn, ein Jüngling von ungefähr 15 Jahren, der dies bemerkte, beeilte sich im Gefühle seiner Kindespflicht ihn auf seine Nacktheit aufmerksam zu machen, worauf der Alte, mit albernem Kichern über den Vorfall, sein spärliches Kostüm wieder aufnahm und sich hinsetzte, um weiter zu kauen und seine Bewunderung über das Zelt und die merkwürdigen Dinge, die zu den eigenen Effecten des Musungu gehörten, in kindischer Weise an den Tag zu legen. Ein warangischer Soldat, der zum ersten mal die glänzende Pracht des kaiserlichen Palastes von Byzanz zu Gesicht bekommen, hätte über dieselbe nicht erstaunter sein können als der Sultan von Mizanza über die Ausrüstung meines Zeltes. Nachdem er in einfältiger Verwunderung den Tisch angeglotzt, auf dem einige Steingutwaaren sowie die paar Bücher standen, die ich bei mir führte, und die Hängematte besichtigt, von der er meinte, sie sei durch eine Zaubervorrichtung aufgehängt, wie auch die meinen Kleidervorrath enthaltenden Koffer angeschaut, rief er aus: „Hi le! Der Musungu ist ein grosser Sultan, der von seinem Lande hergekommen ist, um Ugogo zu sehen!“ Dann betrachtete er mich und gerieth abermals in das grösste Erstaunen über meine blasse Hautfarbe und mein schlichtes Haar, wobei er die Frage aufwarf: „Wie in aller Welt kann er so weiss sein, da doch die Haut meiner Landsleute von der Sonne schwarz gebrannt ist?“
Nun liess ich ihm meinen Korkhut zeigen, den er sich zu seinem und unserm grossen Vergnügen auf den wolligen Kopf setzte. Hierauf kamen die Gewehre, namentlich das wundervolle Winchester-Repetirgewehr an die Reihe, das, um seine mörderischen Eigenschaften zu beweisen, dreizehnmal in rascher Aufeinanderfolge abgefeuert wurde. War er vorher erstaunt gewesen, so wurde er es jetzt noch tausendmal mehr und sprach seine Meinung dahin aus, dass die Wagogo vor dem Musungu nicht Stand halten könnten, da wo sich ein Mgogo sehen lasse, eine solche Flinte ihn bestimmt tödten müsse. Schliesslich liess ich ihm die übrigen Feuerwaffen bringen und den Mechanismus jeder einzelnen auseinandersetzen, bis er in Enthusiasmus über meine Macht und Reichthum ausbrach und mir erklärte, er wolle mir ein Schaf oder eine Ziege zusenden und mein Bruder sein. Ich dankte ihm für diese Ehre und versprach ihm, alles anzunehmen, was er mir schicken wolle. Auf Scheikh Thani’s Rath, der als Dolmetscher fungirte und mir sagte, Wagogohäuptlinge dürften nicht mit leeren Händen entlassen werden, schnitt ich ein Schukka Kaniki ab und beschenkte ihn damit. Dies Geschenk schlug er jedoch aus, nachdem er es untersucht und gemessen, und zwar aus dem Grunde, dass der Musungu als grosser Sultan sich doch nicht so gemein machen könne, ihm nur ein Schukka zu geben. Nach den zwölf Doti, die er als Muhongo von den Karavanen bekommen hatte, schien mir dies etwas stark, da er mir jedoch ein Schaf oder eine Ziege zu schenken im Begriff stand, kam es am Ende auf ein Schukka mehr nicht an.
Bald darauf zog er ab und schickte mir seinem Versprechen gemäss ein grosses, schönes, breitschwänziges, sehr fettes Schaf, mit der Meldung zu: „Ich müsse ihm, da ich jetzt sein Bruder sei, drei Doti gutes Tuch senden.“ Da der Preis eines Schafes nur 1½ Doti beträgt, so schlug ich dasselbe und die Ehre der Brüderschaft aus, weil die Gaben alle nur einseitig seien und ich, der ich ihm Muhongo bezahlt und ein Doti Kaniki geschenkt habe, nicht noch mehr Tuch ohne entsprechendes Entgeld fortgeben könne.
An diesem Nachmittag fiel noch einer meiner Esel, und zur Nacht kamen die Hyänen in grosser Zahl, um sich an dem Leichnam gütlich zu thun. Ulimengo, der Jäger und beste Schütze unter meinen Wangwana, stahl sich heraus und hatte das Glück zwei zu erschiessen, die mit zu den grössten ihrer Art gehörten. Die eine mass 6 Fuss von der Nasen- bis zur Schwanzspitze und 3 Fuss um den Leib.
Am 4. Juni brachen wir unser Lager ab und schlugen, nachdem wir etwa drei Meilen nach Westen gezogen und an mehrern Salzwasserteichen vorbeigekommen waren, die Richtung nach Nordwesten ein, am Saum der Kette niedriger Hügel vorüber, die Ugogo von Uyanzi trennen.
Nach einem Marsch von drei Stunden hielten wir eine kurze Zeit in Klein-Mukondoku, um dem Bruder des Beherrschers des eigentlichen Mukondoku Tribut zu zahlen. Drei Doti genügten dem Sultan, dessen District nur zwei Dörfer enthält, die meist von Wahumbahirten und Ueberläufern von den Wahehe bewohnt sind. Die Wahumba leben in kegelförmigen Hütten, die mit Kuhmist beworfen und wie die Tatarenzelte in Turkestan geformt sind.
Die Wahumba sind, soweit ich sie gesehen, ein schöner, wohlgestalteter Menschenschlag. Die Männer sind geradezu stattlich, hochgewachsen, und haben kleine Köpfe mit bedeutend vorspringendem Hinterhaupt. Man sieht sich umsonst nach einer dicken Lippe oder platten Nase unter ihnen um, im Gegentheil ist der Mund besonders zart, klein und schön geschnitten. Sie haben eine griechische Nase, und zwar ist dieser Zug so allgemein, dass ich sie sofort die Griechen Afrikas nannte. Ihre untern Extremitäten haben nicht die Schwere wie bei den Wagogo und andern Stämmen, sondern sind lang, wohlgestaltet und rein, wie die der Antilopen. Ihr Hals ist lang und dünn und der kleine Kopf ruht anmuthig auf demselben. Von Jugend auf Athleten, als Hirten auferzogen und unter sich heirathend, halten sie ihre Rasse rein. Jeder von ihnen könnte daher ein gutes Modell für den Bildhauer abgeben, der einen Antinoos, Hylas, Daphnis oder Apollo in Marmor darstellen wollte. Die Frauen sind in ihrer Art ebenso schön, wie die Männer. Sie haben eine reine Ebenholzhaut, die nicht kohlschwarz, sondern von tintenfarbigem Ton ist. Ihre Zierrathen bestehen aus spiralförmigen Messingringen, die von den Ohren herabhängen, aus Halsbändern von demselben Material, und einem spiralförmigen Messinggürtel um die Lenden, der dazu dient, ihre Kalb- und Ziegenfelle festzuhalten, die, um den Körper gefaltet, von der Schulter herabhängen, eine Hälfte der Brust bedecken und bis an die Knie reichen.
Die Wahehe können die Römer Afrikas genannt werden.
Nachdem wir eine Stunde gehalten, nahmen wir unsern Marsch wieder auf und kamen nach vier Stunden im eigentlichen Mukondoku an. Dieser äusserste Theil von Ugogo ist sehr bevölkert; die Dörfer, welche die Mitteltembé umgeben, wo der Sultan Swaruru lebt, zählen nicht weniger als 36. Die Leute kamen massenhaft heraus, um sich die wunderbaren Männer anzuschauen, deren Gesichter weiss, deren Körper so eigenthümlich bekleidet, und deren Waffen so merkwürdig waren. Namentlich erregten die Flinten ihr Erstaunen, die so rasch knallten, dass man kaum an den Fingern abzählen konnte, und sie sammelten sich zu solchen Haufen und heulten so wild, dass ich einen Augenblick glaubte, es stecke noch etwas anderes als blose Neugier hinter dieser Bewegung, die solche Massen an die Strassen lockte. Ich hielt und fragte, was los sei, was sie wünschten und warum sie solchen Lärm machten? Ein stämmiger Kerl, der meine Worte für eine Erklärung von Feindseligkeiten hielt, spannte sofort seinen Bogen; so rasch aber, wie er seinen Pfeil aufgelegt, war auch mein treues mit 13 Schüssen geladenes Winchestergewehr gerichtet und wartete nur darauf, den Pfeil fliegen zu sehen, um die bleiernen Boten des Todes in die Menge zu entsenden. Diese jedoch verzog sich so rasch, wie sie gekommen war und liess den stämmigen Thersites mit zwei oder drei unentschlossenen Stammesgenossen in Pistolenschussweite von meiner angelegten Flinte stehen. Ein solch plötzliches Auseinanderlaufen des Pöbels, der noch einen Augenblick vorher überwältigend an Zahl war, veranlasste mich, mein Gewehr zu senken und in ein herzliches Gelächter über die schmähliche Flucht dieser Helden auszubrechen. Die Araber, die ebenso sehr über ihre lärmende Zudringlichkeit beunruhigt waren, kamen jetzt, um einen Waffenstillstand zu schliessen, was ihnen zu jedermanns Befriedigung gelang. Einige erklärende Worte genügten, um den Pöbel noch zahlreicher als vorher zurückkehren zu lassen; und der Thersites, der die Ursache der augenblicklichen Störung gewesen, sah sich genöthigt, sich vor dem Druck der öffentlichen Meinung beschämt zurückzuziehen. Nun kam ein Häuptling heran, der, wie ich später erfuhr, der zweite nach Swaruru war, und hielt dem Volke seine Behandlung des weissen Fremdlings vor.
„Wisst Ihr nicht, Ihr Wagogo, dass dieser Musungu ein Sultan (Mtemi, ein sehr hoher Titel) ist? Er ist nicht nach Ugogo gekommen, wie die Wakonongo (Araber), um Elfenbeinhandel zu treiben, sondern nur uns zu sehen und uns Geschenke zu bringen. Warum belästigt Ihr ihn und seine Leute? Lasst sie in Frieden ziehen! Wenn Ihr ihn zu sehen wünscht, kommt näher, aber höhnt ihn nicht. Möge der Erste, der eine Störung verursacht, sich in Acht nehmen; unser grosser Mtemi wird es dann erfahren, wie Ihr seine Freunde behandelt.“ Dieses Stückchen rhetorischer Kraftanstrengung seitens des Häuptlings wurde mir an Ort und Stelle von dem alten Scheikh Thani übersetzt. Nachdem ich dies vernommen, bat ich den Scheikh, den Häuptling wissen zu lassen, dass ich, nachdem ich geruht, mich freuen werde, ihn in meinem Zelt zu empfangen.
Nachdem wir in dem Khambi angekommen, das in Ugogo immer um einen grossen Baobab ungefähr eine halbe Meile vom Tembé des Sultans entfernt liegt, drängten sich die Wagogo in so grosser Zahl ins Lager, dass Scheikh Thani sich entschloss, alles zu versuchen, um diese Plage loszuwerden oder sie doch zu mildern. In seinem besten Anzuge begab er sich zum Sultan, um diesen um Schutz gegen sein Volk anzurufen. Der Sultan war sehr betrunken und beliebte zu sagen: „Was willst Du, Du Dieb? Du bist hergekommen, um mir Elfenbein oder Zeug zu stehlen. Mach’, dass Du fort kommst, Dieb!“ Der verständige Häuptling aber, den wir eben dem Volke Vorwürfe wegen seiner Behandlung der Wasungu machen hörten, winkte Scheikh Thani, zum Tembé hinauszukommen und begleitete ihn an das Khambi. Das Lager war in grossem Aufruhr; die neugierigen Wagogo hatten fast das ganze Terrain für sich in Anspruch genommen; es war nirgends Platz, sich zu bewegen. Die Wanyamwezi stritten sich mit den Wagogo, die Waswahili-Diener schrien laut, die Wagogo drückten ihre Zelte zusammen und das Eigenthum ihrer Herren wäre in Gefahr, während ich, im Zelte bei meinem Tagebuche beschäftigt, mich um den Lärm und die Verwirrung draussen so lange nicht kümmerte, als sie sich auf die Wagogo, Wanyamwezi und Wangwana beschränkten.
Der Anwesenheit des Häuptlings im Lager folgte jedoch eine so tiefe Stille, dass ich mich bewogen fühlte hinauszugehen, um zu sehen, wodurch sie veranlasst sei. Derselbe machte wenig, aber treffende Worte. Er sagte nämlich: „In Eure Tembés, Wagogo, in Eure Tembés! Warum kommt Ihr her, um die Wakonongo zu belästigen? Was habt Ihr mit ihnen zu schaffen? Macht, dass Ihr in die Tembés kommt! Jeder Mgogo, der in dem Khambi angetroffen wird, ohne Fleisch und Vieh verkaufen zu wollen, soll dem Mtemi Zeug oder Kühe bezahlen. Fort mit Euch!“ Mit diesen Worten ergriff er einen Stock und trieb die Hunderte aus dem Khambi, die ihm wie Kinder gehorchten. Während der zwei Tage, die wir noch in Mukondoku halt machten, sahen wir nichts mehr vom Pöbel, sondern hatten Frieden.
Das Muhongo des Sultans Swaruru wurde mit weniger Worten abgemacht, denn der Häuptling, der für den Sultan als Premier-Minister fungirte, nahm, nachdem er durch ein Doti Rehani Ulyah von mir erfreut worden, den gewöhnlichen Tribut von sechs Doti an, von denen nur eins aus Zeug erster Qualität bestand.
Jenseits Mukondoku blieb nur noch ein Sultan übrig, dem Muhongo zu zahlen war, und dies war der Sultan von Kiwyeh, dessen Ruf so übel ist, dass Karavanenführer, welche Macht über ihre Pagazi haben, selten durch Kiwyeh ziehen, sondern die Strapazen grosser Märsche durch die Wildniss der Rohheit und den unverschämten Forderungen des Häuptlings von Kiwyeh vorziehen. Die Pagazi hingegen, die ausser den zu tragenden Lasten keine Verantwortlichkeit oder sonstige Beschwerlichkeit davon haben, sondern im Fall eines feindlichen Angriffs ihre Beine brauchen und davonlaufen können, marschiren lieber durch Kiwyeh, als dass sie Durst und Strapazen einer Terekeza aushalten. Und oft siegte die Vorliebe der Pagazi ob, wenn ihre Herren furchtsame, unentschlossene Leute, wie Scheikh Hamed, waren.
Der 7. Juni war der Tag, der für unsere Abreise von Mukondoku bestimmt war; daher kamen die Araber am Tage zuvor in mein Zelt, um mit mir über den einzuschlagenden Weg zu berathschlagen. Nachdem wir die Kirangozi der verschiedenen Karavanen und die ältern Wanyamwezi-Pagazi zusammengerufen hatten, erfuhren wir, dass es drei Wege von Mukondoku nach Uyanzi gäbe. Erstens einen südlichen, der aus den oben angeführten Gründen gewöhnlich gewählt wurde und über Kiwyeh führte. Gegen diesen erhob Hamed Einwendungen. „Der Sultan wäre schlecht“, sagte er, „er verlange bisweilen 20 Doti von einer Karavane; unsere Karavane würde etwa 60 Doti zu bezahlen haben. Der Weg über Kiwyeh ginge also durchaus nicht an. Ausserdem“, meinte er, „müssen wir eine Terekeza machen, um nach Kiwyeh zu gelangen, und dann werden wir es nicht vor übermorgen erreichen.“ Zweitens gab es einen Mittelweg. Auf diesem sollten wir am nächsten Tage in Munieka ankommen; am darauf folgenden Tage würde eine Terekeza von Mabunguru Nullah bis zu einem Lager in der Nähe von Unyambogi stattfinden müssen, und nach zwei Stunden würden wir am darauf folgenden Tage in Kiti sein, wo es viel Wasser und Nahrungsmittel gäbe. Da aber keiner der Kirangozi oder Araber diesen Weg kannte und er nur von einem meiner alten Pagazi beschrieben wurde, meinte Hamed, er vertraue die Führung einer so grossen Karavane nicht gern einem alten Mnyamwezi an und möchte deshalb lieber etwas genaueres über den dritten Weg hören, ehe er sich entscheide. Dieser ging nördlich und führte die ersten beiden Stunden lang an zahlreichen Wagogodörfern vorüber, dann würden wir durch Dschungels und nach einem Marsche von drei Stunden nach Simbo kommen, wo zwar Wasser, aber kein Dorf sei. Wenn wir am darauf folgenden Morgen früh aufbrächen, so hätten wir sechs Stunden zu reisen, um an eine Wasserpfütze zu kommen. Nach kurzer Rast an diesem Orte würde uns ein Nachmittagsmarsch von fünf Stunden an einen Ort bringen, der nur drei Stunden von einem Dorfe entfernt sei. Da dieser letztere Weg vielen bekannt war, sagte Hamed: „Scheikh Thani, sagt dem Sahib, dass ich diesen für den besten halte“. Nachdem mich Scheikh Thani davon benachrichtigt, sagte ich ihm, meine Karavane werde, da ich mit ihnen durch Ugogo marschirt sei, sie auch ferner begleiten, wenn sie sich entschlössen, über Simbo zu gehen.
Nachdem man nach vielfachen Verhandlungen über die Wege übereingekommen war, bestimmte ich die Lage der verschiedenen Punkte mit dem Kompass. Man wird sich erinnern, dass ich gesagt habe, wir hätten Mukondoku nach einem dreistündigen, direct von Mizanza nach Westen gehenden Marsche erreicht und seien darauf ungefähr 4¼ Stunde Nord zu West an dem Saume einer Hügelkette gereist, die sich aus der Umgegend von Kanyenyi Nord zu West an der Grenze von Uhumba hinzieht und als Grenzlinie zwischen Ugogo und dem anliegenden Lande der Wayanzi dient. Mukondoku befindet sich nur zwei Meilen von der östlichen Seite dieser Bergkette; Kiwyeh liegt südsüdwestlich von Mukondoku und von dort hat man einen Marsch von sieben Tagen nach Kusuri. Die Richtung von Simbo ist nordnordwestlich, von dort nach Kusuri hat man sechs Tage zu marschiren. Hieraus geht deutlich hervor, dass der kürzeste Weg der über Kiti ist, und der einzige Einwand gegen denselben bestand darin, dass er keinem der Araber und Kirangozi bekannt war.
Unmittelbar nach dieser unter den Häuptern stattgehabten Discussion in Bezug auf die Vortheile der verschiedenen Wege erhob sich eine unter den Pagazi, welche auf ein hartnäckiges Geschrei gegen den Weg über Simbo hinauslief, da er eine lange Terekeza bedinge und wenig Aussicht auf Wasser darbiete. Die Abneigung gegen den Weg über Simbo theilte sich alsbald allen Karavanen mit und wurde durch Berichte über eine Wildniss, die sich von Simbo nach Kusuri hinziehe, vergrössert, in der man weder Nahrungsmittel noch Wasser bekommen könne. Hamed’s Pagazi und die der arabischen Diener erhoben sich wie ein Mann und erklärten, sie könnten den Marsch nicht einschlagen, und wenn Hamed darauf bestände, so würden sie ihre Packen niederlegen und er möge dann dieselben allein tragen.
Hamed Kimiani, wie er von den Arabern genannt wurde, stürzte nun zu Scheikh Thani und erklärte ihm, er müsse den Weg über Kiwyeh wählen, da sonst seine sämmtlichen Pagazi weglaufen würden. Dieser erwiderte darauf, ihm seien alle Wege gleich und werde Hamed überall hin folgen, wohin es ihm zu gehen beliebe. Dann kamen sie in mein Zelt und benachrichtigten mich von dem Entschluss, zu dem die Wanyamwezi gekommen seien. Sofort rief ich meinen alten Mnyamwezi, der mir den günstigen Bericht abgestattet hatte, noch einmal in mein Zelt und befahl ihm, mir eine genaue Schilderung des Weges über Kiti zu geben. Dieser lautete so günstig, dass ich Hamed erwiderte, ich sei der Herr meiner Karavane. Sie habe dorthin zu gehen, wohin ich es dem Kirangozi befehle, nicht aber, wohin die Pagazi wollten. Wenn ich ihnen zu halten befehle, so müssten sie halten, und wenn ich einen Marsch anordnete, müsste ein Marsch stattfinden, und da ich ihnen gut zu essen und nicht viel zu arbeiten gäbe, so möchte ich wol den Pagazi oder Soldaten sehen, der mir nicht gehorche. „Sie hatten sich eben entschlossen, über Simbo zu reisen, und wir hatten das abgemacht. Nun sagen Ihre Pagazi, sie wollen über Kiwyeh gehen oder weglaufen. Gehen Sie über Kiwyeh und zahlen Sie Ihre 20 Doti Muhongo. Ich und meine Karavane werden morgen den Weg über Kiti einschlagen, und wenn Sie finden, dass ich einen Tag früher in Unyanyembé bin als Sie, so wird es Ihnen schon leidthun, dass Sie nicht denselben Weg genommen haben.“
Diese Erklärung von mir hatte die Wirkung, abermals Hamed’s Ansichten umzustossen, denn er sagte sofort: „Das wird denn doch wol der beste Weg sein, und da der Sahib entschlossen ist, ihn einzuschlagen und wir alle zusammen durch das schlechte Land der Wagogo gereist sind, Inschallah, so wollen wir auch jetzt alle denselben Weg ziehen!“ Da der gute alte Thani keine Einwendungen dagegen erhob und Hamed sich entschlossen hatte, so gingen sie beide wohlgemuth aus dem Zelt, um diese Nachricht ihren Leuten mitzutheilen.
Am 7. Juni wurden die Karavanen, die dem Anschein nach einstimmig darüber waren, dass man über Kiti reise, wie gewöhnlich von Hamed’s Kirangozi geführt. Kaum waren wir jedoch eine Meile gegangen, als ich bemerkte, dass wir den Weg über Simbo verlassen, die Richtung nach Kiti eingeschlagen, aber durch einen schlau gewählten Umweg uns jetzt rasch dem vor uns liegenden Bergpass näherten, der den Zutritt zu dem höher gelegenen Plateau von Kiwyeh gestattete. Sofort liess ich meine Karavane halten, den alten Pagazi, der über Kiti gereist war, kommen und fragte ihn, ob wir jetzt nicht nach Kiwyeh gingen. Er bejahte die Frage. Nun rief ich meine Pagazi zusammen und liess ihnen durch Bombay sagen, der Musungu ändere nie seine Entschlüsse ab; da ich beschlossen, meine Karavane solle über Kiti marschiren, so müsse sie dies auch thun, ob die Araber mitkämen oder nicht. Darauf hiess ich den Alten seine Last aufnehmen und dem Kirangozi den richtigen Weg nach Kiti zeigen. Da legten denn die wanyamwezi’schen Pagazi ihre Ballen nieder und es gab Anzeichen einer Empörung. Den Wangwana-Soldaten wurde hierauf der Befehl ertheilt, ihre Flinten zu laden, sich zur Seite der Karavane aufzustellen und den ersten Pagazi, der einen Desertions-Versuch machen würde, niederzuschiessen. Ich selbst stieg ab, ergriff meine Peitsche, ging auf den ersten Pagazi, der seine Last niedergelegt, zu und befahl ihm, dieselbe wieder aufzunehmen und zu marschiren. Weiter brauchte ich nicht zu gehen; ohne Ausnahme marschirten sie alle dem Kirangozi nach. Ich stand im Begriff, Thani und Hamed Lebewohl zu sagen, als Thani mir sagte: „Warten Sie ein wenig, Sahib, ich habe genug von diesem Kinderspiel, ich werde mit Ihnen gehen“, und er liess auch seine Karavane der meinigen folgen. Hamed’s Karavane war inzwischen dicht an den Engpass gelangt; er selbst befand sich eine ganze Meile hinter derselben und weinte wie ein Kind über unsere Desertion, wie er es zu nennen beliebte. Da ich Mitleid mit seiner üblen Lage empfand -- denn er war fast von Sinnen, wenn er an den erpressungssüchtigen, rohen Sultan von Kiwyeh dachte --, rieth ich ihm, seiner Karavane nachzueilen und dieselbe an eben diesen Sultan zu erinnern mit Hinweis auf den Umstand, dass die übrigen den andern Weg eingeschlagen hätten. Bevor ich den Pass von Kiti erreicht hatte, sah ich auch, dass uns Hamed’s Karavane nachfolgte.
Der Weg den Berg hinauf war uneben und steil; ausserordentlich spitze Dornen peinigten uns schwer. Die Acacia horrida war hier schrecklicher denn je, die Schotendorne streckten ihre Zweige aus und hielten die Lasten auf, und die Mimosa mit ihrem regenschirmartigen Dach beschattete uns zwar vor der Sonne, verhinderte aber ein rasches Fortkommen. Steile, durch vieles Klettern glatt gewordene Vorsprünge von Syenit und Granit mussten wir hinaufsteigen; ferne Schüsse, die durch den Wald ertönten, vermehrten die Unruhe und allgemeine Unzufriedenheit, und wäre ich nicht unmittelbar hinter meiner Karavane gewesen und hätte jede ihrer Bewegungen beobachtet, so wären meine Wanyamwezi bis auf den letzten Mann desertirt.
Obwol die Höhe, die wir erstiegen, kaum 800 Fuss über der Salzebene, die wir eben verlassen, lag, so brauchten wir doch zwei Stunden, um heraufzukommen.
Nachdem wir das Plateau erreicht und die grössten Schwierigkeiten überwunden, hatten wir einen verhältnissmässig guten Weg, der durch Dschungel, Wald und kleine offene Striche führte, die uns nach weiteren drei Stunden nach Munieka brachten, einem kleinen Dorf, das inmitten einer fruchtbaren, bebauten Lichtung von einer Colonie von Unterthanen Swaruru’s von Mukondoku bewohnt wird.
Als wir in dem Lager angekommen, hatte ein jeder seinen guten Humor und zufriedene Stimmung wieder bekommen, mit Ausnahme von Hamed. Zufälligerweise hatten Thani’s Leute das Zelt desselben zu nahe an den Baum gestellt, um welchen Hamed’s Ballen zusammengepackt lagen. Ob der kleine Scheikh den ehrlichen alten Thani für fähig hielt, einen davon zu stehlen, ist unbekannt, gewiss aber ist, dass er sich über die grosse Nähe des Zeltes seines besten Freundes wüthend geberdete, bis Thani den Befehl gab, dasselbe 100 Meter weiter zu transportiren. Selbst dieses Verfahren befriedigte, wie es schien, Hamed nicht, denn es wurde Mitternacht, wie mir Thani erzählte, ehe Hamed kam, um ihm die Hände und Füsse zu küssen und ihn fussfällig um Verzeihung zu bitten, die ihm natürlich Thani, eine gutmüthige Seele, gern gewährte. Hamed gab sich jedoch nicht eher zufrieden, als bis er mit Hülfe seiner Sklaven des Freundes Zelt wieder dorthin hatte schaffen lassen, wo es ursprünglich gestanden.
In Munieka kam das Wasser aus einer tiefen, in einer Syeniterhebung befindlichen Senkung und war klar wie Krystall, kalt wie Eiswasser, ein Hochgenuss, den wir seit Simbamwenni nicht gehabt hatten.
Jetzt befanden wir uns an der Grenze von Uyanzi oder „Magunda Mkali“, dem heissen Grunde oder heissen Felde, unter welchem Namen es besser bekannt ist. Wir waren bei dem von Wagogo bewohnten Dorfe vorübergezogen und im Begriffe, den Staub von Ugogo von unsern Füssen zu schütteln. In dieses Land waren wir voll Hoffnung eingetreten, indem wir es für ein liebliches Land, in welchem Milch und Honig fliessen, gehalten hatten, waren aber schwer enttäuscht worden; denn es war uns ein Land voll Galle und Bitternissen, voll Sorgen und Plagen geworden, wo uns auf Schritt und Tritt Gefahren drohten und wir den Launen betrunkener Sultane ausgesetzt gewesen. Kann es dann Wunder nehmen, dass wir uns alle in diesem Augenblicke sehr glücklich fühlten? Trotz der vor uns liegenden Aussicht auf ein Land, das wir für eine wirkliche Wildniss hielten, wurde unsere gute Stimmung nicht vermindert, sondern gestärkt, denn die Wildniss in Afrika ist in vielen Fällen freundlicher, als das bevölkerte Land.
Der Kirangozi blies sein Kuduhorn viel fröhlicher an diesem Morgen, als er in Ugogo zu thun pflegte. Wir standen im Begriff, in Magunda Mkali einzutreten. Um 9 Uhr morgens, drei Stunden, nachdem wir Munieka verlassen, und zwei Stunden, seitdem wir die äussersten Grenzen von Ugogo hinter uns hatten, hielten wir in Mabunguru Nullah. Das Nullah läuft südwestlich, nachdem es seinen Ursprung in den Bergketten, die Ugogo von Magunda Mkali trennen, verlassen hat. Während der Regenzeit muss es wegen der ausserordentlichen Steilheit seines Bettes kaum passirbar sein. An den Syenit- und Basaltblöcken, welche seinen Lauf hemmen, sieht man Spuren der Gewalt des Stromes. Ihre unebenen Ecken sind geglättet und es befinden sich tief ausgehöhlte Becken im Felsenbette, die in der trockenen Jahreszeit als Wasserbehälter dienen. Obgleich das in ihnen enthaltene Wasser schleimig und grünlich aussieht und von Fröschen stark bevölkert wird, ist es doch durchaus schmackhaft.
Zu Mittag nahmen wir unsern Marsch wieder auf, die Wanyamwezi jubelten und sangen, die Wangwana-Soldaten, Diener und Pagazi wetteiferten mit ihnen, was Lärm und Geschrei betraf, und liessen den dunkeln Wald, den wir passirten, von ihren Stimmen widerhallen.
Die Landschaft war viel malerischer, als wir sie seit Bagamoyo gesehen hatten. Der Boden erhob sich in grössern Wellen, hier und da traten Hügel hervor und grosse Berge von Syenit, welche dem Walde ein sonderbares, zauberhaftes Aussehen verliehen. Aus der Ferne schien es fast, als ob wir uns einem Stückchen England, wie es während der Feudalzeit ausgesehen haben mag, näherten, so sonderbare, phantastische Gestalten nahmen die Felsen an. Hier erhob sich abgerundetes Geröll übereinander, das scheinbar keinem Windstoss hätte widerstehen können; dort thürmte es sich wie stumpfe Obelisken, welche die höchsten Bäume überragten; hier wiederum nahm es die Gestalt mächtiger in Glas verwandelter Wogen an; dort bildete es ein kleines Häufchen zerrissener, zerklüfteter Felsmassen, während es anderwärts zu grossartigen Bergen anschwoll.
Um 5 Uhr nachmittags hatten wir 20 Meilen zurückgelegt und das Signal zum Halten erscholl. Schon um 1 Uhr morgens, als der Mond noch schien, hörte man Hamed’s Horn und Stimme durch das ganz stille Lager tönen und seine Pagazi zum Marsch wecken. Offenbar war Scheikh Hamed vollständig verrückt geworden, warum sollte er sonst zu so früher Stunde so wüthend auf den Marsch erpicht sein? Der Thau fiel schwer und man war durchfröstelt; von allen Seiten antwortete ein unheilvolles Gemurmel tiefer Unzufriedenheit dem frühen Allarmruf. Da wir jedoch annahmen, dass er bessere Kunde erhalten als wir, beschlossen Scheikh Thani und ich, uns danach zu richten, ob er durch den Verlauf der Sache gerechtfertigt war oder nicht.
Da alle unzufrieden waren, wurde dieser Nachtmarsch in tiefem Stillschweigen abgemacht. Das Thermometer stand auf 9° R., da wir uns etwa 4500 Fuss über dem Meeresspiegel befanden. Die fast nackten Pagazi gingen rasch, um warm zu bleiben und dadurch bekamen viele von ihnen wunde Füsse, indem sie gegen vorspringende Wurzeln und Felsen stolperten und auf Dornen traten. Um 3 Uhr morgens kamen wir in dem Dorf Unyambogi an, wo wir uns hinwarfen, um uns durch Schlaf auszuruhen, bis die Morgendämmerung uns kundthäte, was den hart mitgenommenen Karavanen noch bevorstehe.
Es war helles Tageslicht, als ich erwachte. Die Sonne schoss glühende Strahlen in mein Gesicht. Scheikh Thani kam bald darauf, um mir zu sagen, Hamed sei vor zwei Stunden nach Kiti abgegangen, er aber habe seine Aufforderung, ihn zu begleiten, rundweg abgeschlagen, sie als Thorheit und völlig nutzlos bezeichnet, und er fragte mich nun um meine Meinung. Ich sagte, das Ganze wäre reiner Unsinn und fragte ihn meinerseits, wozu denn ein Terekeza überhaupt gemacht werde; würde nicht etwa ein Nachmittagsmarsch die Karavanen auch in den Stand setzen, zu Wasser und Nahrungsmitteln zu gelangen. Thani bejahte dies. Dann legte ich ihm die Frage vor, ob etwa in Unyambogi Wasser und Nahrungsmittel nicht zu haben seien? Darauf erwiderte derselbe, er habe sich gar keine grosse Mühe gegeben, danach Erkundigungen einzuziehen, aber von den Dorfbewohnern die Auskunft erhalten, dass Matama, Hindi, Maweri, Schafe, Ziegen und Hühner in ihrem Dorfe in reichlicher Fülle und zu so billigen Preisen zu haben seien, wie man sie in Ugogo gar nicht kenne.
„Nun denn“, sagte ich, „wenn Hamed durchaus ein Narr sein und seine Pagazi in Lebensgefahr bringen will, wozu brauchen wir das zu thun? Ich habe ebensoviel Ursache zur Eile wie Scheikh Hamed, aber Unyanyembé ist noch weit und ich will mein Vermögen nicht durch ein unsinniges Vorgehen in Gefahr bringen.“
Wie Thani uns berichtet, fanden wir eine Fülle von Provision im Dorfe selbst und gutes, süsses Wasser in einigen nahebei gelegenen Brunnen. Ein Schaf kostete ein Schukka; sechs Küchlein waren für denselben Preis zu haben; sechs Maass Matama, Maweri oder Hindi desgleichen; kurz, schliesslich waren wir in das Land des Ueberflusses gekommen.
Am 10. Juni erreichten wir nach einer Reise von vier ein halb Stunden Kiti, wo wir den unaufhaltsamen Hamed in schweren Sorgen antrafen. Er, der ein Cäsar hatte sein wollen, erwies sich als ein unentschlossener Antonius. Er hatte den Tod einer Lieblingssklavin, den Verlust von fünf Dischdasch (arabischen Hemden) und von goldgestickten Jacken mit silbernen Aermeln zu beklagen, mit denen er in Unyanyembé in vollem Staat, wie es einem Kaufmann seines Standes geziemte, einzuziehen gedacht. Alles das war mit drei fortgelaufenen Dienern verschwunden, und ausserdem noch kupferne Präsentirteller, Reis- und Pilauschüsseln, sowie zwei Ballen Tuch, welche desertirende Wangwana-Pagazi mitgenommen. Mein arabischer Dolmetscher Selim fragte ihn: „Was machen Sie hier, Scheikh Hamed? Ich dachte, Sie wären schon ein gut Stück weiter auf dem Wege nach Unyanyembé.“ Darauf antwortete er: „Konnte ich wol meinen Freund Thani zurücklassen?“
Kiti hat sehr viel Vieh und Korn, und wir konnten Nahrungsmittel zu mässigen Preisen bekommen. Die Wakimbu, Auswanderer aus Ukimbu, nahe bei Urori, sind ein ruhiger Volksstamm, der die friedlichen Künste des Ackerbaues dem Kriege vorzieht, und lieber seine Heerden weidet, als auf Eroberungen ausgeht. Beim geringsten Kriegsgerücht ziehen sie mit Familie und Eigenthum in die ferne Wildniss, wo sie das Land zu lichten anfangen und den Elefanten des Elfenbeins willen jagen. Trotzdem fanden wir, dass es ein stattlicher, gut bewaffneter Menschenschlag ist, der in Bezug auf Zahl und Waffen es wol mit manchem andern Stamme aufnehmen kann. Hier aber wie anderweitig macht die Zwietracht sie schwach. Sie bilden nämlich nur kleine Kolonien, von denen jede von ihrem eigenen Häuptling beherrscht wird; wogegen sie, wenn sie sich vereinigen würden, eine ganz ansehnliche Mannschaft einem Feinde entgegenstellen könnten.
Unser nächster Bestimmungsort war das 15 Meilen von Kiti entfernte Msalalo. Hamed folgte uns, nachdem er vergeblich nach seinen Deserteuren und werthvollem Eigenthum geforscht, und versuchte noch einmal, als er uns im Lager von Msalalo fand, vorbeizuziehen; seine Pagazi jedoch versagten ihm den Dienst, da ihr Marsch so lang gewesen war.
Welled Ngaraiso erreichten wir am 13. nach einem Marsch von drei ein halb Stunden. Es ist ein blühender kleiner Ort, wo man Lebensmittel fast zweimal so billig haben kann, wie in Uynambogi. Zwei Stunden südlich liegt Dschiweh la Mkoa an dem alten Wege, auf welchem die Strasse, die wir eingeschlagen, seitdem wir Bagamoyo verlassen, uns jetzt rasch dahinführt.
Da Unyanyembé nahe war und die Pagazi und Soldaten sich während der langen Märsche, die wir in letzter Zeit gemacht, vorzüglich aufgeführt hatten, kaufte ich für drei Doti ein Bullenkalb und liess es speciell für sie schlachten. Auch gab ich einem Jeden ein Khete rother Perlen, damit er seine Lust nach irgend einem kleinen Genuss, den das Land biete, stillen könne. Milch und Honig gab es in Menge und drei Frasileh süsser Kartoffeln waren für ein Schukka zu haben, d. h. für ungefähr 1 M. 60 Pf.
Der 15. Juni brachte uns nach einem kurzen Marsche von acht und drei viertel Meilen in das letzte Dorf von Magunda Mkali, im Districte von Dschiweh la Singa. Kusuri, wie es die Araber nennen, heisst bei den Wakimbu, die es bewohnen, Konsuli, was nur ein Beispiel unter vielen ist, wie die Araber die Landesnamen der Dörfer und Districte umgetauft oder corrumpirt haben.
Zwischen Ngaraiso und Kusuri kamen wir durch das Dorf Kirurumo, das jetzt ein blühender Ort ist und manches ebenso gedeihende Dorf in seiner Umgegend aufzuweisen hat. Als wir durchzogen, kamen die Leute, um den Musungu zu begrüssen, dessen Ankunft durch seine grosssprecherischen Karavanen schon lange vorher verkündet worden und dessen Soldaten ihnen geholfen, eine Schlacht gegen ihre rebellischen Brüder von Dschiweh la Mkoa zu gewinnen.
Etwas weiter kamen wir durch ein grosses Khambi, das Sultan bin Mohammed, ein Omani-Araber von hoher Abkunft, besetzt hatte, der, sobald er meine Ankunft erfuhr, herauskam, um mich zu begrüssen und zu sich einzuladen. Da sich sein Harem im Zelt befand, wurde ich natürlich nicht aufgefordert in dasselbe zu treten, sondern es lag draussen für den Gast ein Teppich bereit. Nachdem die gewöhnlichen Fragen nach meiner Gesundheit, den Erlebnissen der Reise und den letzten Nachrichten von Zanzibar und Oman erledigt waren, erkundigte er sich, ob ich viel Tuch bei mir habe. Diese Frage hört man häufig von Eigenthümern zurückkehrender Karavanen, weil die Araber in ihrer Gier, an den am Tanganika liegenden Elfenbein-Plätzen so viel Nutzen wie möglich aus ihrem Tuch zu ziehen, leicht vergessen, einen Theil für ihren Rückweg zurückzubehalten. Da ich thatsächlich nur einen Ballen von dem Provisionstuch besass, das ich mir an der Küste zum Unterhalt meiner Karavane besorgt, konnte ich, ohne zu erröthen, die Sache verneinen. Einige Minuten später wurde Scheikh Hamed angekündigt, erschien auch sofort mit einer tiefen Verbeugung vor dem grossen Manne und mit dem lebhaften Wunsche, die Hand zu küssen, legte auch durch sein „Kaif halek“ grosse Besorgniss an den Tag zu erfahren, ob Sultan bin Mohammed auch „wohl -- wirklich ganz wohl“ sei. Ungefähr fünf Minuten lang tauschten die Araber Fragen über ihre Gesundheit und allgemeine Aussichten aus, dann gab es eine kleine Erholungspause, und dieselbe Frage, die mir wegen meines Tuches vorgelegt worden, wurde auch an Hamed gerichtet. „Sehr wenig“ erwiderte der Scheikh; und doch wussten Sultan bin Mohammed und ich, dass er 55 Ballen in seiner Karavane hatte.
Der fremde Araber schickte seinen Diener mit einer Ziegenhaut voll schönem weissen unyanyembischen Reis in mein Khambi in Kusuri, welche Gabe ich eigentlich ausschlagen wollte, nachdem ich gezwungen gewesen, seine Frage zu verneinen. Auch erbot er sich, mir Briefe oder kleine Packetchen, die ich nach Zanzibar schicken wolle, mitzunehmen, und als er erfuhr, dass ich einen Weissen in Mpwapwa krank habe liegen lassen, versprach er mir, diesen nach Zanzibar zu bringen.
Bald nachdem wir in Kusuri angekommen, besuchte mich eine Anzahl in Dschiweh la Singa wohnender Waswahili-Elefantenjäger, unter der Führung eines alten Mannes, der einst Diwan von Bagamoyo gewesen war. Obgleich sie mir nichts zum Geschenk mitgebracht, verfehlten sie doch nicht, mich um Papier, Curry und Seife anzugehen, drei Dinge, die ich nur schlecht missen konnte, da der Makatasumpf meinen Vorrath sehr geschmälert hatte.
Ich hielt einen Tag in Kusuri, um meiner Karavane nach ihrer langen Reihe von Märschen Ruhe zu gönnen, ehe ich mich auf den zweitägigen Marsch durch die unbewohnte Wildniss begab, die den District von Dschiweh la Singa in Uyanzi von dem von Tura in Unyanyembé trennt. Hamed zog voran und versprach mir, Said bin Salim von meiner Ankunft zu benachrichtigen und ihn darum zu bitten, mir ein Tembé zu besorgen.
Am 15., nachdem ich festgestellt, dass Scheikh Thani mehrere Tage in Kusuri werde aufgehalten werden, weil sehr viele seiner Leute an der schrecklichen Plage Ostafrikas, den Pocken, krank darniederlagen, verabschiedete ich mich von ihm und verliess mit meiner Karavane Kusuri, um wieder einmal in die Wildniss und die Dschungels zu ziehen. Kurz vor Mittag hielten wir im Khambi von Mgongo Tembo oder Elefantenrücken, das seinen Namen von einer Felsenwelle führt, deren von der Atmosphäre dunkelbraun gefärbter Grath nach dem Urtheil der Eingeborenen dem blaubraunen Rücken jenes Waldungethüms ähnlich sehen soll. Meine Karavane hatte hier geradezu einen Disput mit mir, ob wir unsere Terekeza an diesem Tage oder am nächsten abmachen sollten. Die Mehrheit war der Ansicht, dass der folgende Tag sich besser dazu eigne; ich aber als Bana handelte nach meinem Interesse und bestand darauf, nicht ohne einigemal meine Peitsche schwingen zu müssen, dass dieselbe am heutigen Tage stattfinden solle.
Mgongo Tembo war, als Burton und Speke es durchzogen, eine vielversprechende Kolonie, die manchen schönen Morgen Landes bebaute. Vor zwei Jahren jedoch war ein Krieg wegen irgendeines vom hiesigen Volk an den Karavanen verübten Frevels ausgebrochen und die Araber kamen von Unyanyembé mit ihren Wangwanadienern, verbrannten die Dörfer und verwüsteten die Arbeit von Jahren. Seit der Zeit besteht Mgongo Tembo nur aus schwarzen Häuserresten und sind die Felder daselbst sprossende Dschungels.
Eine Gruppe von Dattelpalmen, die einen dichten Hain nahe bei dem Mtoni von Mgongo Tembo überragen, rief mir die Erinnerung an Aegypten zurück. Die Ufer des Baches mit ihrem grünen Laub bildeten einen sonderbaren Contrast gegen das braune, verdorrte Aussehen der zu beiden Seiten liegenden Dschungels.
Um 1 Uhr nachmittags nahmen wir unsere Lasten und Wanderstäbe wieder auf und waren in kurzer Zeit auf dem Wege nach Nghwhalah Mtoni, das 8¾ Meilen von dem Khambi entfernt liegt. Die Sonne brannte heiss; wie ein Feuerball schickte sie ihre sengenden Strahlen uns gerade auf die Köpfe herab und dörrte, als sie sich nach Westen neigte, die Luft aus, ehe sie von den sich nach ihr sehnenden Lungen eingeathmet wurde. Kibuyus voll Wasser wurden rasch geleert, um die furchtbare Hitze, die Gaumen und Lungen verbrannte, zu lindern. Ein Pagazi, der schwer von den Pocken befallen war, erlag denselben und warf sich an den Rand des Weges, um zu sterben. Wir haben ihn nicht wieder gesehen, denn die Reise einer Karavane auf einer Terekeza gleicht einigermassen der eines Schiffes in einem Orkane. Die Karavane muss weiterziehen, wehe dem, der zurückbleibt, denn Hunger und Durst werden ihn überfallen -- ebenso muss auch das Schiff vor dem wilden Sturm dahineilen, um nicht zu scheitern, wehe dem, der über Bord fällt!
Gutes kaltes, süsses Wasser wurde in Ueberfluss in dem Bett des Mtoni in tiefen Steinbehältnissen angetroffen; hier waren auch, wie bei Mabunguru, die Spuren reissender Sturzbäche deutlich sichtbar.
Der Nghwhalah fängt im nördlich belegenen Ubanarama an, einem Lande, das wegen seiner schönen Esel bekannt ist, und kreuzt sich, nachdem er südlich und dann südsüdwestlich gelaufen, mit dem Wege nach Unyanyembé, von welchem Punkt an er sich mehr nach Westen wendet.
Am 16. kamen wir in Madedita an, einem Orte, der seinen Namen von einem frühern, jetzt nicht mehr existirenden Dorfe führt. Madedita ist 12½ Meilen von dem Nghwhalah Mtoni entfernt. Eine Pfütze guten Wassers, die einige hundert Schritt vom Wege abliegt, ist das einzige, was Karavanen hier bekommen können, ehe sie nach Tura in Unyamwezi gelangen. Die Tsetse- oder Tschufwafliege, wie sie die Waswahili nennen, stach uns furchtbar, was ein Zeichen ist, dass grosses Wild bisweilen die Pfützen besucht, aber nicht als Beweis dafür zu nehmen ist, dass sich dergleichen in der unmittelbaren Nähe des Wassers gerade befindet. Eine einzelne so häufig von vorüberziehenden Karavanen besuchte Pfütze, an der diese zu halten gezwungen sind, kann nicht oft von Thieren des Waldes besucht werden, die in diesem Theil von Afrika die Aufenthaltsorte des Menschen scheu fliehen.
Mit der Morgendämmerung des nächsten Tages waren wir auf dem Wege und zwar in rascherem Tempo, als an den meisten früheren Tagen, da wir im Begriff standen, Magunda Mkali mit dem bevölkertern, bessern Lande von Unyamwezi zu vertauschen. Der Wald behielt seinen Charakter eine ermüdend lange Zeit hindurch, aber nach zwei Stunden wurde er dünner, verwandelte sich dann in ein niedriges Gestrüpp und verschwand schliesslich ganz. So hatten wir den Boden von Unyamwezi erreicht, wo sich eine weite Ebene in langen grossen Wellen bis an den fernen purpurnen Horizont vor uns ausdehnte. Soweit die Ebene reicht erblickten wir Felder von reifem Korn, die munter im kühlen von Usagara her wehenden Morgenwinde rauschten.
Um 8 Uhr morgens kamen wir bei dem Grenzdorf von Unyamwezi, Ost-Tura, an, in das wir einzogen ohne weitere Rücksicht auf die Stimmung seiner spärlichen Einwohner. Hier fanden wir Nondo, einen Speke’schen Deserteur, der zu denen gehörte, die für Baraka gegen Bombay Partei genommen hatten. Da er bei mir in Dienst zu treten wünschte, war er so liebenswürdig, seine früheren Kameraden und schliesslich auch die Pagazi mit Honig und Scherbet zu versehen. Wir machten hier nur eine kurze Erholungspause, da wir blos noch eine Stunde zu marschiren hatten, um Central-Tura zu erreichen.
Der Weg von Ost-Tura führt durch ausgedehnte Felder von Hirse, Mais, Holcus Sorghum, Maweri oder Panicum oder Bajri, wie die Araber es nennen, durch Gärten von süssen Kartoffeln und grosse Strecken von Gurken, Wassermelonen, Mussmelonen und Erbsennüssen, welche in den tiefen Furchen zwischen den Holcushecken wachsen.
Einige breitblättrige Platanenpflanzen waren auch in der Umgegend der Dörfer zu sehen, die, je weiter wir kamen, sehr zahlreich wurden. Die Dörfer der Wakimbu sind, wie die der Wagogo, viereckig, mit flachen Dächern und schliessen einen offenen Platz ein, der bisweilen durch Zäune von Matamastengeln in drei bis vier Theile getheilt wird.
In Central-Tura, wo wir unser Lager aufschlugen, bekamen wir ausreichende Beweise für die Schurkenhaftigkeit der Wakimbu von Tura. Hamed nämlich, welcher trotz seiner Bemühungen, Unyanyembé zeitig zu erreichen, um seine Tuche daselbst zu verkaufen, ehe andere Araber mit Tuchvorräthen hinkämen, ausser Stande war, seine Pagazi dazu zu zwingen, ihre Tagesmärsche zu verdoppeln, lagerte zugleich mit den arabischen Dienern, die Hamed’s thörichte Hast dem vorsichtigen Vorgehen Thani’s vorgezogen, gleichfalls in Central-Tura. Unsere erste Nacht in Unyamwezi war nun sehr aufregend; denn das Lager des Musungu wurde von zwei schleichenden Dieben aufgesucht, die jedoch bald durch das unheilverkündende Geräusch eines Gewehrdrückers davon in Kenntniss gesetzt wurden, dass das Lager des weissen Mannes gut bewacht sei.
Sie zogen nun nach Hamed’s Lager; doch auch hier vereitelte die Ruhelosigkeit des Besitzers ihre Versuche; denn er schritt mit einer geladenen Flinte in der Hand in demselben auf und ab und die Diebe sahen sich gezwungen die Aussicht, etwas von seinen Ballen stehlen zu können, aufzugeben. Von Hamed’s Lager begaben sie sich in das Hassan’s (eines der arabischen Diener), wo es ihnen glückte, einige Ballen in die Hände zu bekommen; zu ihrem Unglück aber machten sie ein Geräusch, sodass der wachsame und scharfhörende Sklave aufwachte, seine geladene Muskete ergriff und im Nu einen von ihnen durchs Herz geschossen hatte. Das waren unsere Erlebnisse bei den Wakimbu von Tura.
Am nächsten Morgen erfuhren die umliegenden Dörfer den traurigen Vorfall, der einen der Ihrigen befallen hatte. Obgleich aber die Bewohner zur Nacht kecke Diebe waren, so erwiesen sie sich doch bei Tage als feige Memmen und ahndeten die That weder durch Worte, noch selbst durch Blicke. Es war ein Rasttag, und die Bewohner von Tura brachten so grosse Vorräthe von Honig und Ghee, süssen Kartoffeln und Korn in unser Lager, dass ich im Stande war, meinen Leuten für zwei Doti ein Fest zur Feier unserer Ankunft in Unyamwezi zu bereiten.
Am 18. verliessen die drei Karavanen Hamed’s, Hassan’s und meine eigene Tura auf einem Wege, der sich nach allen Richtungen im Zickzack durch die hohen Matamafelder hinzog. In Zeit von einer Stunde waren wir durch Tura Perro oder West-Tura gezogen und wieder in den Wald gekommen, aus dem die Wakimbu von Tura ihren Honig beziehen und wo sie tiefe Fallen für die Elefanten aushöhlen, an denen der Wald reich sein soll. Ein einstündiger Marsch von West-Tura brachte uns zu einem Ziva oder Teich. Es gab deren zwei inmitten einer kleinen offenen Mbuga oder Ebene, die selbst in dieser späten Jahreszeit noch von dem Wasser durchweicht war, das während der Regenzeit über dieselbe hinwegfliesst. Nach dreistündiger Rast begaben wir uns auf die Terekeza oder den Nachmittagsmarsch.
Es war derselbe Wald, den wir bald nach unserm Abgange aus West-Tura betreten hatten, durch den wir jetzt reisten, bis wir Kwala Mtoni, oder wie Burton es auf seiner Karte fälschlich genannt hat, „Kwale“ erreichten. Das Wasser dieses Mtoni ist in zwei grossen Teichen oder tiefen Senkungen der weiten, gekrümmten Rinne des Kwala enthalten. In demselben fanden wir eine Art Schlammfisch; ich liess mir einen davon zu einem Mahle herrichten, das durchaus nicht von jemand zu verachten war, der seit Bagamoyo keinen Fisch zu kosten bekommen hatte. Wenn ich die Wahl gehabt, hätte ich mir diesen Schlammfisch allerdings wol nicht ausgesucht, da mein Geschmack bei geeigneter Gelegenheit etwas wählerisch ist.
Von Tura nach dem Kwala Mtoni sind 17½ Meilen, eine Entfernung, die, obgleich leicht zurückzulegen, wenn man vierzehn Tage dazu verwendet, ungeheuer erscheint, sobald man einen Tag um den andern reisen soll. So wenigstens erschien es meinen Pagazi, Soldaten und dem sonstigen Gefolge, die sehr laut zu murren anfingen, als ich das Marschsignal geben liess. Auf diesem Marsche wäre Abdul Kader, der Schneider, der sich mir als ein zu allen Dingen geschickter Mensch angeschlossen hatte, fast erlegen. Nach seinen eigenen Angaben konnte er sowol Hosen flicken, als gutes Essen kochen und Elefanten schiessen, im Innern Afrikas aber erwies er sich als Schwächster der Schwachen, der nichts als essen und trinken konnte.
Schon lange war der kleine Vorrath von Waaren, die Abdul aus Zanzibar in einem Schnupftuch mitgebracht und mit denen er die Absicht gehabt, Elfenbein und Sklaven zu kaufen, sowie sein Glück in dem berühmten Lande Unyamwezi zu machen, verschwunden und zwar zugleich mit den grossen Hoffnungen, die er auf dieselben gebaut hatte, ebenso wie es Alnaschar im arabischen Märchen ergangen. Als wir uns auf den Marsch vorbereiteten, kam er zu mir mit einer kläglichen Erzählung über seinen Tod, den er in den Knochen und dem müden Rücken herannahen fühle, er könne kaum noch auf den Beinen stehen, sei ganz und gar zusammengefallen, -- würde ich nicht Erbarmen mit ihm haben und ihn abziehen lassen? -- Ursache dieser ausserordentlichen Bitte, die so wenig zu dem Geiste, mit dem er Zanzibar verlassen, und dem Bestreben passte, sich Elfenbein und Sklaven aus Unyamwezi zu verschaffen, bestand darin, dass ich ihm befohlen hatte, zwei Sättel von den auf dem letzten Marsche gefallenen Eseln bis nach Unyanyembé zu tragen. Obwol ihr Gewicht nur 16 Pfund betrug, wie die Federwage zeigte, so wurde Abdul Kader doch lebensmüde, als er die langen Märsche zählte, die zwischen das Mtoni und Unyanyembé fielen. Der Länge nach fiel er auf den Boden, um meine Füsse zu küssen und mich im Namen Gottes zu bitten, ihn abziehen zu lassen.
Da ich einige Erfahrungen mit Hindus, Malabaresen und Kulis in Abessinien gemacht hatte, so wusste ich genau, wie ich diesen Fall zu behandeln hatte. Ohne Zögern gewährte ich ihm die Bitte, sobald er sie mir vorgetragen; denn ebenso wie Abdul Kader angeblich sein Leben, hatte ich seine Unbrauchbarkeit satt. Der Hindu wollte jedoch nicht, wie er sagte, in den Dschungels, sondern erst nach unserer Ankunft in Unyanyembé entlassen sein. „„Nun“, sagte ich, „dann müssen wir ja erst nach Unyanyembé kommen. Mittlerweile wirst Du diese Sättel für das Essen, das Du erhalten musst, tragen.“ „Haben Sie kein Erbarmen?“ flehte er. „Nein, keins für einen so unverbesserlich faulen Schlingel wie Du“, erwiderte ich und begleitete meine Worte mit kräftigen, sehr nothwendigen Hieben meiner Eselspeitsche, die den Sterbenden wieder zu einem thätigen und nützlichen Leben auferweckten.
Ich gestehe, ich war am Morgen des 18. etwas übel gelaunt und müde, und hatte auch Veranlassung meinen Kirangozi gehörig auszuschelten. Ich hatte nämlich keinen energischen Muinyi Kidogo, wie Burton, den ich gewiss weit besser als dieser zu schätzen gewusst haben würde. Wie manches mal habe ich nach einem solchen Menschen geseufzt, wenn ich meine Zuflucht zu Drohungen und bisweilen zu Prügeln nach rechts und links nehmen musste, um die Pagazi und Soldaten anzuspornen, nachdem alle meine Beredtsamkeit nicht ausreichte, die Karavanen zum Marsch zu ermuthigen. Jedesmal, wenn eine Terekeza nöthig wurde, musste ich dieselbe anordnen; niemals nahm ein anderer Veranlassung, mich darum zu bitten, sondern ich musste ihre Nothwendigkeit und Nützlichkeit beweisen; ich selbst musste Bombay die thörichten Bitten verweisen und die Pagazi durch mahnendes Peitschenknallen zum Aufbruch anstacheln.
Höchst leidenschaftlich waren meine dem Kirangozi gemachten Vorwürfe, dass er so hartnäckig dumm wie ein Esel sei und nicht einsehen wolle, dass, wenn ich bei unserer Ankunft in Unyanyembé denen, die mir gefallen, ein Bakschisch geben würde, ich nicht umhinkönne daran zu denken, dass der Kirangozi, anstatt auf meinen Befehl zu marschiren, immer sich nach den Rathschlägen der Pagazi gerichtet habe. Ich fragte ihn, mit wie viel Doti er von den Pagazi bestochen worden sei, um kurze Märsche und lange Stationen zu machen. Er erwiderte, kein einziger der Pagazi habe seines Wissens die Absicht, ihm Tuch zu geben. „Nun also“, sagte ich, „wie viel Tuch könnte ich Euch geben, wenn Ihr mir zu Gefallen meine Befehle ausführtet?“ „Sehr, sehr viel“, erwiderte er. „Nun gut, dann nehmt Eure Last und lasst mich von hier bis Unyanyembé sehen, wie rasch Ihr marschiren könnt.“ Hiernach versprach er mir feierlichst, sich meinen Anordnungen zu fügen und gehörig zu marschiren, wenn ich es für nöthig hielte.
Da der Marsch nach Rubuga 18¾ Meilen beträgt, marschirten die Pagazi rasch und lange, ohne zu rasten. Der Kirangozi hatte, seinem Versprechen treu, Beine und Arme mit aller Macht angestrengt, denn er legte die ganze Entfernung bis Central-Rubuga zurück ohne halt zu machen, zum grossen Entsetzen seiner Pagazi, welche glaubten, er sei verrückt geworden. Bisher waren wir vom Kirangozi gezwungen worden, einen Nachmittagsmarsch zu machen, wenn die Entfernung nur 15 oder 16 Meilen betrug.
Rubuga war zur Zeit Burton’s, nach dessen Schilderung, ein wohlhabender Bezirk. Selbst als wir durchzogen, waren die Spuren von Reichthum, den es früher besessen, deutlich genug sichtbar in der weiten Ausdehnung seiner Kornfelder, die sich rechts und links an der Strasse nach Unyanyembé viele Meilen weit hinzogen. Das waren jedoch eben nur Beweise, dass hier früher zahlreiche Dorfschaften und ein wohlbebauter, an Viehherden und Kornvorräthen reicher District gewesen sei; denn jetzt waren alle Dörfer niedergebrannt, die Bevölkerung drei bis vier Tagereisen von Rubuga nach Norden vertrieben, das Vieh gewaltsam geraubt, und die Kornfelder unbeackert liegen geblieben und bereits von Dickicht und üppigem Unkraut überwuchert. Wir zogen durch ein verbranntes Dorf nach dem andern, das nur aus schwarzen Haufen von verkohltem Bauholz und verräuchertem Lehm bestand. Ein Feld nach dem andern lag da, auf denen noch seit Jahren gereiftes Korn in der Mitte eines Nachwuchses von Dornen, Gummibäumen, Mimosen und Kolquall dastand.
Wir kamen in einem Dorfe an, in dem ungefähr 60 Wangwana leben, die sich hier niedergelassen haben, um sich vom Elfenbeinhandel zu nähren. Ihren Unterhalt beziehen sie von den verlassenen Feldern der Bewohner von Rubuga. Vom langen Marsche waren wir zwar sehr müde und erhitzt, aber sämmtliche Pagazi hatten doch um 3 Uhr nachmittags das Dorf erreicht.
In dem Wangwanadorf trafen wir Amer bin Sultan, der nach zehnjährigem Aufenthalt in Unyanyembé nach Zanzibar zurückkehrte. Dies war der echte Typus eines alten arabischen Scheikh, wie man ihn in Büchern beschrieben findet, mit schneeweissem Bart und reinem, ehrwürdigem Antlitz. Er schenkte mir eine Ziege und eine Ziegenhaut voll Reis, ein für mich sehr annehmbares Geschenk an einem Orte, wo eine Ziege fünf Schukka kostet.
Nachdem wir einen Tag in Rubuga halt gemacht, von wo ich Soldaten an Scheikh Seyd bin Salim und Scheikh bin Nasib, die beiden Hauptwürdenträger von Unyanyembé, abschickte, um ihnen meine Ankunft anzumelden, nahmen wir am 21. Juni unsern Marsch nach dem fünf Stunden entfernten Kigwa auf. Der Weg zog sich wieder durch einen Wald, ähnlich wie der, welcher Tura von Rubuga trennt. Hier senkt sich das Land rasch nach Westen zu. Kigwa war, wie wir sahen, von derselben Rache heimgesucht worden, die Rubuga so verwüstet hatte.
Am nächsten Tage überschritten wir nach einem raschen Marsche von 3½ Stunden das Mtoni, das eigentlich gar kein Mtoni war, welches Kigwa von dem Bezirke Unyanyembé trennt, und kamen, nachdem wir einen kurzen Halt gemacht, um unsern Durst zu löschen, in nochmals 3½ Stunden in Schiza an. Es war zwar ein langsamer Marsch, er entzückte uns aber sowol durch die malerischen Landschaften, die uns beständig zu Gesicht kamen, als auch durch die Beweise von dem friedlichen und fleissigen Charakter des Volkes, die wir überall wahrnahmen. Eine kurze halbe Stunde hinter Schiza erblickten wir die wellenförmige Ebene, die sich die Araber ausgesucht haben, um darauf das Centraldepot, das ein so grosses, ausgedehntes Handelsgebiet beherrscht, anzulegen. Ueberall liess sich das Brüllen der Rinder, das Blöken von Ziegen und Schafen hören und alles verlieh dem Lande ein glückliches idyllisches Ansehen.
Der Sultan von Schiza wünschte, dass ich meine Ankunft in Unyanyembé mit einem fünf Gallonen enthaltenden Topf voll Pombé feiere, den er zu diesem Zwecke mitgebracht hatte.
Da dasselbe an Geschmack schalem Bier und an Aussehen Milch und Wasser glich, so reichte ich es, nachdem ich ein kleines Glas davon getrunken, den Soldaten und Pagazi. Auf meine Bitte brachte der Sultan ein schönes, fettes Bullenkalb, wofür er 5½ Doti Merikani annahm. Dieses wurde sofort geschlachtet und der Karavane zum Abschiedsfest aufgetragen.
Niemand schlief viel in jener Nacht; lange vor Morgengrauen waren die Feuer angezündet und grosse Fleischstücke brodelten, damit die Leute, ehe sie sich von dem Musungu trennten, dessen Freigebigkeit sie so oft genossen, sich noch einmal gütlich thun könnten. Sechs Ladungen Pulver wurden jedem Soldaten und Pagazi, der eine Flinte hatte, gegeben, um sie abzubrennen, wenn wir uns den arabischen Häusern näherten. Der gemeinste Pagazi hatte sich sein bestes Tuch um die Hüfte gegürtet und einige von ihnen stolzirten in prächtigem Ulyah „Cumbisa Punga“ und scharlachrothem „Dschawah“, schwarzglänzendem „Rehani“ und nettem „Dabwani“. Die Soldaten zogen mit neuem Tarbusch und den langen weissen Hemden, wie solche an der Mrima und auf Zanzibar getragen werden, auf, denn dies war ja der grosse, glückliche Tag, der stets in unserm Munde gewesen war, seitdem wir die Küste verlassen, für den wir in der letzten Zeit die bekannten Märsche gemacht hatten, nämlich 178½ engl. Meilen in 16 Tagen mit Einschluss der Pausen, also etwas mehr als 11 Meilen den Tag.
Das Signal ertönte und die Karavane zog fröhlich mit fliegenden Bannern und schallenden Trompeten und Hörnern aus. Ein kurzer Marsch von 2½ Stunden brachte uns in Sicht von Kwikuru, das ungefähr zwei Meilen südlich von Tabora, der grössten arabischen Stadt, liegt. Vor der Stadt erblickten wir eine lange Reihe von Männern in reinen Hemden, worauf wir unsere geladenen Batterien eröffneten und ein Kleingewehrfeuer losliessen, wie es Kwikuru wol selten gehört hat. Die Pagazi formirten sich und nahmen das renommirende Aussehen von Veteranen an, die Soldaten trompeteten ohne Unterbrechung fort, während ich, da ich die Araber mir entgegenkommen sah, die Reihen verliess und meine Hand ausstreckte, die sofort von Scheikh Said bin Salim und darauf von etwa zwei Dutzend Menschen ergriffen wurde. Dies war unser Einzug in Unyanyembé.
[Illustration: MANN UND FRAU AUS UGOGO.]
SIEBENTES KAPITEL.
GEOGRAPHISCHE UND ETHNOGRAPHISCHE BEMERKUNGEN.
Die Geographie des Landes, durch das wir eben gezogen sind, ist schon auf den vorhergehenden Blättern in verschiedenen Beziehungen beschrieben worden, wie wir sie theils aus den Berichten der Eingeborenen erfahren, theils selbst gesehen haben. Es wird aber wol gut sein, so klar wie möglich in einem Kapitel, das ausschliesslich der Geographie und Ethnographie des Landes gewidmet ist, die Summe davon zu ziehen, welche neuen Kenntnisse wir über das Innere Afrikas gewonnen haben.
Es gab drei Routen von Bagamoyo nach Unyanyembé, zwischen denen unsere Expedition zu wählen hatte; zwei derselben waren aber schon durch die genaue Beschreibung bekannt, die wir von meinen Vorgängern in diesem Theil Afrikas, den Herren Burton, Speke und Grant, erhalten haben. Es war aber noch ein nördlicherer und directerer Weg nach Unyanyembé, welcher durch das nördliche Uzaramo, Ukwere, Ukami, Udoe, Useguhha oder Usegura, Usagara, Ugogo, Uyanzi und von da nach Unyanyembé führen sollte, und dies war der Weg, den ich wählte.
Der Luftlinie nach beträgt die Entfernung von Bagamoyo nach Unyanyembé fast sechs Längengrade oder 360 engl. Meilen. Die Krümmungen des Weges, den die Karavanen einschlagen, der in Afrika der Lage des Landes angepasst ist und der leichtern, weniger gefährlichen, vortheilhaftern Richtung folgt, vergrössert die zurückzulegende Entfernung auf mehr als 520 Meilen. Hierbei rechne ich natürlich nach der Zeit, die zu den Märschen gebraucht worden, und nach unserm Marschtempo, das ich genau zu 2½ engl. Meilen pro Stunde abschätze.
Der Theil des Landes, der sich von Bagamoyo nach Kikoka hinzieht, heisst „Mrima“, der Berg; er kann auch Swahili oder Zanguebar genannt werden. Den letztern Namen finden wir auf unsern alten Karten mit Vorliebe als die Bezeichnung eines länglichen Seeküstenstrichs aufgeführt, der sich von der Mündung des Juba nach Cap Delgado oder vom Aequator nach 10° 41′ südl. Br. erstreckt. Swahili bedeutet die „Seeküste“, daher heisst das Volk, das auf der Seeküste von Zanguebar wohnt, die Waswahili und ihre Sprache Kiswahili. Hier erwähne ich zugleich, dass das Präfix U das Land, Wa die Bewohner im Plural, M den Singular der einzelnen Person bezeichnet. So bedeutet denn Uzaramo das Land Zaramo; Wazaramo die Leute von Zaramo; Mzaramo eine Person aus Zaramo; Kizaramo die Sprache von Zaramo.
Bagamoyo ist ein kleiner Hafen an der Mrima, Swahili- oder Zanguebarküste, der fast gegenüber dem Hafen von Zanzibar liegt, wo die nach Unyanyembé bestimmten Karavanen gewöhnlich landen. Einige Meilen höher nach Norden liegen die Häfen von Whinde und Sa’adani, welche beide je an einem Ufer des Flusses Wami liegen. Vier Meilen südlich von Bagamoyo befindet sich Kaole, ein kleines Dorf, das ein Gurayza oder Fort mit einer aus etwa einem Dutzend Belutschen bestehenden Garnison enthält. Südlich von Kaole liegt Kondutschi, und noch südlicher Dar Salaam, ein von dem verstorbenen Sultan neu gegründeter Hafen. Südlich von Dar Salaam befindet sich Mbuamadschi, ein ganz bedeutender Sammelplatz für nach dem Innern bestimmte Karavanen. Ungefähr 60 Meilen südlich von Mbuamadschi befindet sich die nördlichste Mündung des Rufidschiflusses gegenüber der Insel Mafia oder Monfia, und einen Grad weiter südlich kommen wir zu dem berühmten Hafen Kilwa, dem grossen Stapelplatz der Sklavenhändler.
Der als Mrima bekannte Strich Landes hat in den Augen der civilisirten Welt eine grosse Bedeutung, denn bei allen Verhandlungen über die Sklavenfrage muss sich unsere Aufmerksamkeit allen Ernstes auf diesen Punkt concentriren. Seine Bedeutung liegt für uns in der Thatsache, dass mit Hülfe der in demselben befindlichen Häfen Mombasah, Bueni, Sa’adani, Whinde, Bagamoyo, Kaole, Kondutschi, Dar Salaam, Mbuamadschi und Kilwa drei Viertel der gefangenen, geraubten oder im Innern gekauften Sklaven ins Ausland verschifft werden. Diese Thatsache darf man nicht vergessen.
Wenn wir einmal den Fluss Kingani auf unserm Wege nach Unyanyembé passirt haben, so kann man sagen, dass wir das Land der Wamrima verlassen haben und in den nördlichsten Theil von Uzaramo gelangt sind. Der Sultan von Zanzibar hat in Kikoka, vier Meilen westlich von Kingani, einen Posten etablirt und hierdurch seine Ansprüche auf den Besitz der zehn Meilen Land von Bagamoyo nach Kikoka geltend gemacht. Da es zwischen dem Fluss und Kikoka keine Einwohner gibt, so wird auch dieser Anspruch nicht in Frage gestellt.
Zur Rechten, d. h. nördlich von dem Wege nach Unyanyembé, erstreckt sich Ukwere, zwei Tagemärsche oder 25 Meilen lang. Nach Westen dehnt sich Ukwere von Rosako bis Kisemo 60 Meilen weit aus. Von Kisemo westlich, auf dem halben Wege nach Mikeseh, oder östlich von dem Kira-Pic liegt Ukami. Dieses Land dehnte sich früher bis nach Simbamwenni aus und schloss diese Hauptstadt der Waseguhha in sich; die Wadoe aber, ihre nördlichen Nachbarn, besiegten die Einwohner und eroberten das Land, wurden aber ihrerseits wieder von dem mächtigen Stamme der Waseguhha unterworfen. Unter dem Namen Udoe existirt noch ein grosses Land zwischen dem Kira-Pic und Ulagalla, das sich im Norden über Ukami, im Osten noch über Ukwere hinaus nach der Mrima oder Küste zu hinzieht. Dieser Theil zwischen dem Kira-Pic und Ulagalla ist das südwestlichste Ende des Gebiets der Wadoe.
Useguhha fängt bei Ulagalla an, und sein westliches Ende befindet sich am östlichen Ufer des Makata.
Dieses ganze Land, das die Districte von Ukwere, Ukami, Udoe und Useguhha umschliesst, wird vom Kingani und seinen Nebenflüssen durchzogen, oder ich sollte eigentlich sagen, von seinem Hauptnebenflusse, dem Ungerengeri. Indem ich diese nördliche Route einschlug, wurde ich in den Stand gesetzt, den Hauptnebenfluss des Kingani im Ungerengeri zu entdecken, der von den Eingeborenen da wo er sich in den Hauptfluss ergiesst, Rufu genannt wird. Speke und Grant haben den Mgeta, einen andern Zufluss, entdeckt, der westlich von dem Mkambaku-Gebirge kommend, nach Süden zu einen Bogen bildet und das ganze Ukutu und Uzaramo durchfliesst. Das Areal, welches vom Kingani und seinem Nebenflusse entwässert wird, lässt sich höchstens auf 12,000 engl. Quadratmeilen schätzen.
Wer die Geographie Afrikas studirt hat, wird es bemerken, dass Speke auf seiner Karte nahe bei 37° östl. L. einen Gebirgszug als Mkambaku-Kette verzeichnet hat, der sich mindestens einen Grad nach Norden hinzieht. Den Theil dieses Gebirgszugs, der „Mkambaku“ heisst, hat unsere Expedition gesehen; seine nördlichste Partie ist als Uruguru-Gebirge bekannt. Am Fusse seines nördlichsten Endes, wo es sich nach Osten umwendet, liegt die Hauptstadt des südlichen Useguhha, Simbamwenni.
Speke sagt: „Wo der Kingani selbst entspringt, konnte ich nie ausfindig machen; doch habe ich gehört, dass sein Ursprung in einer sprudelnden Quelle auf der östlichen Seite des Mkambaku zu finden sei, wonach der Mgeta der längere Arm wäre.“ Mit welchem Namen wir nun auch diesen Fluss bezeichnen, ob als Kingani oder Hamdallah, wie ihn die Wamrima nennen, oder als Rufu, wie er bei den Wakwere, Wakami, Wadoe und Waseguhha heisst, so kann seine Quelle jetzt nicht mehr zweifelhaft sein. Speke hat die Entdeckung gemacht, dass der Mgeta, einer der beiden Hauptzuflüsse, am westlichen Abhange des Mkambaku entspringt, und hat ihn um den Süden von Khutu dahinfliessen sehen. Ich habe entdeckt, dass der zweite Hauptzufluss, der Ungerengeri, westlich von dem Mkambaku oder eigentlich von den Uruguru-Bergen entspringt, und dass er nordwärts durch Useguhha und Udoe in das südliche Ukwere und Ukami und von dort in den Kingani fliesst. Dieser Fluss ist den Eingeborenen als Rufu von da ab bekannt, wo er in Ukwere eintritt, bis an den Punkt, wo er, drei Meilen nördlich von Bagamoyo, in den Ocean mündet. Bei den Arabern jedoch heisst derselbe von dem Punkt an, wo sich die verschiedenen Zuflüsse vereinigen, Kingani. Unter diesem Namen wird er Leuten, welche die Karten afrikanischer Reisenden studirt haben, am besten bekannt sein.
Die grösste Höhe, die unsere Expedition zwischen Bagamoyo und Simbamwenni in Useguhha erreicht hat, betrug nicht mehr als 1000 Fuss, und mit Ausnahme einiger hier und dort nördlich von Kingaru Hera und in der Umgegend von Mikeseh sichtbaren Kegel, die als Dilima-Pics bekannt sind, sieht man das Land sich allmählich in einer Reihe länglicher parallel verlaufender Hügelketten erheben, die stark bewaldet und mit Gestrüpp bewachsen sind, oder glatte, grasbestandene Bergrücken bilden, deren Abhänge nach Osten und Westen zu welligen Senkungen abfallen, durch welche die Wasserläufe sich nach Süden und Südwest in den Ungerengeri ergiessen.
Jenseits Simbamwenni und westlich vom Ungerengeri stehen wir plötzlich vereinzelten, hoch aufgethürmten Kegeln mit abgestumpften Spitzen gegenüber, die untereinander durch niedrige Sättel oder Bergfirsten zu einer isolirten Gebirgsgruppe verbunden sind, die sich wenigstens 2000 Fuss über den Ungerengeri erhebt. An ihrem Fusse, an der nördlichen Seite dieses Stromes, zieht sich östlich ein langer bewaldeter Bergrücken hin, der den Ungerengeri von dem Wami trennt.
Diese imposante Landschaft erfreut das Auge des Fremdlings sehr, der sich der Hoffnung hingibt, bald bedeutendere Höhen zu ersteigen und dadurch vor den Fiebern bewahrt zu bleiben, welche der der Natur des Innern von Afrika Unkundige nur den Dschungels und Mooren der Seegegend zuschreibt.
[Illustration]
In einem Marsche von Simbamwenni kommt man jedoch durch einen Engpass der Berggruppe nach Simbo, wo man einen deutlichen Blick in das breite Thal des Grossen Makata gewinnt, das von der hohen, kühnen, rückwärts nach Osten zu liegenden Gruppe, und der herrlichen Bergkette von Usagara begrenzt wird, deren stolze Pics und hochstrebende Gipfel in den Wolken begraben sind.
Ich habe der Klarlegung des Unterschieds, der zwischen dem Kingani und dem Wami existirt, viel Zeit gewidmet. Erst nachdem ich mich selbst überzeugt, habe ich es gewagt festzustellen, dass der Unterschied zwischen diesen beiden Flüssen klar und bestimmt vorhanden ist. Die Araber, Wamrima und Eingeborenen und meine eigene persönliche Kenntniss des Landes und der Gestaltung seiner Oberfläche erheben es über allen Zweifel, dass der Kingani und Wami zwei völlig voneinander verschiedene Flüsse sind. Der erstere tritt drei Meilen nördlich von Bagamoyo ins Meer, wogegen der letztere sich ungefähr auf dem halben Wege zwischen den Häfen Whinde und Sa’adani in dasselbe ergiesst.
Der vorstehende Plan wird am besten das Flusssystem dieser Gegend klarlegen.
Es hat sich also herausgestellt, dass der Ungerengeri aus Südwesten in den Kingani fliesst. Von dem Punkte, wo wir uns befinden (Simbo), ist die Formation des Landes deutlich zu überblicken. Zur Rechten, das Gesicht nach Westen gewandt, befindet sich das Thal des Makata oder des Wami, der nach Norden und Osten fliesst; zur Linken haben wir das Thal des Ungerengeri, welcher, nachdem er eine kühne Schwenkung nach Norden gemacht hat, nach Südosten strömt. Unsere Marschlinie von Bagamoyo hierher ist ungefähr gleich weit von beiden Flüssen entfernt gewesen, wobei der Wami rechts und der Ungerengeri oder Kingani links liegen bleibt.
Sieht man sich die vorstehende Kartenskizze an, so wird man finden, wie ein und derselbe Fluss drei bis vier ganz verschiedene Namen trägt, wodurch Reisende bei Verfolgung ihrer geographischen Forschungen sich leicht täuschen lassen. Ebenso wie der Kingani eine Reihe verschiedener Namen führt, heisst auch der Fluss, welcher zwischen den mohammedanischen Häfen Whinde und Sa’adani ins Meer mündet, abwechselnd Wami, Rudewa, Makata und Mukondokwa.
Der erste bedeutende Fluss, auf den man stösst, wenn man in die weite Ebene, das Thal von Makata, tritt, ist der Kleine Makata, der, obwol zu allen Jahreszeiten passirbar, in der Höhe der Masikazeit ein reissender, für Reisende gefährlicher Strom wird. Hinter demselben kommt man an ein tiefes Nullah, das während der Regenzeit von Wasser überfliesst, und einige hundert Meter weiter an den Grossen Makata, den Wami oder Mukondokwa, einen Fluss, der im Stande ist, sich zu einem mächtigen Strom von 500-600 Meter Breite zu erweitern. Jenseits des Grossen Makata gelangt man an den Mbengerenga, einen Zufluss des Rudewa, welcher hier parallel mit unserer Marschroute fliesst und sich in den Wami, unmittelbar oder doch sehr nahe am Zusammenfluss des Grossen und Kleinen Makata, ergiesst. Nachdem man den Mbengerenga überschritten, kommt man sofort zu einem andern kleinen Zufluss des Rudewa und sieht den letztern selbst wie er sich der Strasse nähert und scharf nach Osten wendet. Weiter nach Süden gewandt kommt man an den Uronga, einen Fluss, der in Mundu, im nördlichen Usagara, entspringt und hinter dem Lager in Rehenneko, über eine vorspringende Gebirgskette hinweg, wieder zum Makata gelangt, der hier bei den Wasagara den Namen Mukondokwa führt. Verfolgt man den Weg den Mukondokwapass hinauf, dieselbe Strasse entlang, die Burton und Speke eingeschlagen, so gelangt man an einen Punkt in diesem Thal, wo unsere Wege auseinandergehen, indem der von Burton und Speke den Gipfel der Rubehokette hinauf und dieselbe entlang führt, während der unsrige sich bedeutend nach Norden wendet, jedoch so, dass er sich parallel mit der andern Route in einem Zwischenraume von 20-30 Meilen hinzieht.
Burton kam bald, nachdem er das Thal des Mukondokwa verlassen, auf ein Plateau, das mit steilen Abhängen über Berggefälle, Felsenstufen und Gerölle hinweg in dem Becken des Flusses Rumuma endet. Dies ist ein südlicher Zufluss oder eine Gabelung des Mukondokwa und leitet das Wasser von den Hügeln nach dem Südwesten des Rumuma-Districts, während der Hauptstrom, der in den Hochlanden von Wahumba oder Wamusai entspringt, das Wasser dieser Länder nach Westen führt.
Noch nicht elf Meilen von der Furt, wo Burton’s und Speke’s und mein Weg sich trennten, kam ich an einen See, den Ugombo-See, der, obgleich von beschränkten Dimensionen, eine gewisse Rolle in dem Wassersystem Ostafrikas spielt. Denn dieser kleine See, der kaum drei Meilen lang ist, nimmt den Rumuma auf und entlässt ihn durch einen engen Spalt in den Mukondokwa. Der Hauptstrom entspringt +nicht+ in den Hochlanden der Wahumba oder Wamusai und führt das Wasser aus den westlichen Ländern +nicht+ mit sich, sondern er entsteht wenigstens einen Grad nördlich von der Breite von Ugombo in den Gebirgen von Kema-Kaguru, in dem Lande, das in Kisagara als Mundu bekannt ist, welches auch die Ursprungsstätte des Stromes Uronga oder Ulonga bildet.
Unter den übrigen Zuflüssen dieses Mukondokwa-Flusses befinden sich ausser dem Rumuma die in Kivya entspringenden Flüsse Rufuta und Mdunku, sowie der Myombo und Mdunwi.
Die Länder im Westen von dem Längengrad von Rubeho wurden -- wenigstens auf unserer Route -- vermittelst Nullahs entwässert, die wegen der allgemeinen Dürre in dieser trockenen Region das Wasser nicht in einen Strom führen. Diese Nullahs oder trockenen Wasserläufe oder vertiefte Fiumaras, die man in Amerika Gulches (Wasserschluchten) nennen würde, absorbiren alles Wasser, das aus den unfruchtbaren, jenseits oder westlich von den Usagara-Bergen liegenden Gegenden in sie hineinfliesst. Der Mukondokwa-Fluss läuft von Norden nach Süden durch die Berge von Usagara, schlägt sich dann nach Osten und entsendet die ihm vom Rufuta, Rumuma, Myombo und Mdunwi zugeführten Wasser östlich in den Indischen Ocean.
Der Regen fällt westlich von Usagara so spärlich, dass die sandigen Fiumaras oder Wasserschluchten selten dem Rufidschi Wasser zuführen. Denn westlich von Ugogi bis nach Tura in Unyamwezi fällt das Wasser nach Süden in den Ruhwha oder Rufidschi.
Jene unfruchtbare Gegend, die das nördliche Marenga Mkali, das ganze Ugogo, südliche Uhumba oder Umasai, Ihange und Mbogwe umschliesst, hat keinen Wasserabfluss. Aller Regen, der hier fällt, wird von den seichten Pfuhlen oder Seen aufgefangen, die über das Innere dieser Gegend so dicht ausgestreut sind. Während der trockenen Jahreszeit findet Verdunstung statt, und das Wasser wird aus diesen Pfuhlen durch die beständigen, von Nordosten kommenden Monsuns in die grössern Behältnisse der Seen geführt, welche der Victoria-Nyanza einnimmt, und von dort in den Nil. Nachdem die Verdunstung stattgefunden, zeigt die Oberfläche dieser unfruchtbaren Gegend grosse Landstrecken, die von Salzen oder Salpeter inkrustirt sind. Die, welche man im Westen von Tschaga, im District Angaruka, sieht, die Salzlagunen von Balibali, westlich von Kikui, und die, welche ich selbst nördlich von Mizanza gesehen, dienen dazu, diese Theorie zu begründen.
Jenseits Ugogo sind die einzigen nennenswerthen Ströme der Mdaburu und der Mabunguru, die südlich in den Kisigo fliessen, dessen Lage einen Grad südlich von Kiwyeh angenommen wird. Er soll, nach den Berichten der Wagogo von Kiwyeh, ein bedeutender und raschfliessender, von zahlreichen Flusspferden und Krokodilen heimgesuchter Strom sein. Der Kisigo fliesst in den Rufidschi.
Von unserm Marsche nach Unyanyembé kann man in Kürze sagen, dass sein erster Theil über das Becken des Kingani, der zweite über das des Wami, der dritte über die Wasserscheide des Wami, der vierte über den nördlichsten Theil des Ruhwha-Beckens und die wasserlose Gegend, der fünfte in die Grenzen der Wasserscheide des Tanganika-Sees führte.
Nun kann der Leser und zwar mit Recht fragen: „Was nützen mir alle diese langweiligen Beschreibungen von Flüssen, die so sonderbare, unverständliche Namen haben?“
Geduld! lieber Leser, gerade auf diesen Punkt will ich jetzt kommen. Wenn man sich die Karte von Afrika näher ansieht, so wird man begreifen, worauf meine Beschreibung zweier besonderer Ströme hinweisen soll.
Erstens ist, wie mir scheint, der Fluss Wami für den Handel benutzbar. Ich weiss, dass man ihn durch leichte Dampfschiffe von einem niedrigen Tiefgang von 2-3 Fuss eine Strecke von 2° in gerader Linie oder fast 200 Meilen zu Wasser vom Hafenort Whinde nach Mbumi in Usagara befahren kann. Alle Hindernisse, die sich der Schifffahrt entgegenstellen, z. B. die Mangelbäume, die an einigen Stellen, namentlich in der Nähe des Dorfes in Kigongo’s District, an beiden Ufern ihre weitausgebreiteten Zweige miteinander verbinden, lassen sich leicht mit dem Beil entfernen.
Mbumi liegt nur ein paar Meilen vom Fusse der Usagara-Berge, dem gesundesten Theile Ostafrikas. Die Entfernung von Whinde nach Mbumi liesse sich mit einem Dampfer leicht in vier Tagen zurücklegen.
Wer Afrika zu civilisiren wünscht, wer direct mit Usagara, Useguhha, Ukutu, Uhehe Handel zu treiben wünscht, Elfenbein, Zucker, Baumwolle, Orseillewurzel, Indigo und Korn aus diesen Ländern beziehen will, dem eröffnet sich hier eine schöne Gelegenheit.
Vier Tage bringen den Missionär auf einem Dampfer in die Hochlande von Afrika, wo er unter den sanften Wasagara ohne Furcht und Unruhe leben und sich alle Genüsse des civilisirten Lebens gönnen kann, ohne Angst, ihrer beraubt zu werden, inmitten der schönsten, malerischsten Scenen, die eine poetische Phantasie auszumalen vermag! Hier gibt es das herrlichste Grün, das reinste Wasser; hier sind Thäler, die von Kornhalmen, von Wäldern von Tamarinden, Mimosen und Kopalbäumen strotzen. Hier findet sich der gigantische Mvule, der stattliche Mparamusi, die schöne Palme, kurz, eine Landschaft, wie sie nur ein tropischer Himmel bedecken kann. Gesundheit und reichliche Nahrungsmittel sind dem Missionär hier sicher; ein sanftes Volk lebt zu seinen Füssen, das ihn gern willkommen heisst. Mit einziger Ausnahme von civilisirter Gesellschaft fehlt hier nichts, was die Seele des Menschen sich wünschen kann.
Vom Dorfe Kadetamare lassen sich eine ganze Zahl prächtiger Plätze zu Missionsstationen benutzen, über welche heilsame Lüfte wehen, in denen Wasser reichlich dahinfliesst, die unvergleichliche Fruchtbarkeit umgibt und wo überall ein gelehriges, gutmüthiges Volk wohnt, das mit sich und allen Reisenden und Nachbarn in Frieden lebt.
Wie die Pässe des Olympos die Pforten des oströmischen Reiches den Horden Othman’s eröffneten, wie die Pässe von Kumaylé und Suru den Briten den Zutritt zu Abessinien verschafften, so können die Pässe des Mukondokwa das Evangelium und seinen wohlthätigen Einfluss ins Herz des wilden Afrika einführen.
Ich kann mir den alten Kadetamare vorstellen, wie er sich die Hände vor Vergnügen über den Anblick des Weissen reibt, der da kommt, um seinem Volke die Worte des Mulungu, des Himmelsgeistes, zu lehren, es zu unterweisen, wie es säen, ernten und Häuser bauen, wie es die Kranken curiren und sich ein angenehmes Dasein verschaffen kann, kurz, wie es civilisirt wird. Der Missionär muss jedoch, um Erfolg zu haben, seine Pflichten ebenso gründlich kennen, wie ein Matrose die seinigen. Es darf kein Mensch in Glacéhandschuhen, kein Weichling, kein Zeitungsschreiber, kein zanksüchtiger Polemiker oder nur auf Ceremonien bedachter Priester, sondern es muss ein ernster Arbeiter im Weinberge des Herrn sein, ein Mann wie David Livingstone oder Robert Moffatt.
Der andere Fluss, der Rufidschi oder Ruhwha, ist noch wichtiger als der Wami, denn er ist viel länger und entsendet zweimal so viel Wasser in den Indischen Ocean. Er entsteht in der Nähe einiger Berge, die ungefähr 100 Meilen südwestlich von Ubena liegen. Man nimmt vom Kisigo, dem nördlichsten und wichtigsten Zufluss des Ruhwha, an, dass er sich nahe beim 35. Grad östlicher Länge in diesen ergiesst. Von dem Zusammenfluss bis zum Meere hat der Ruhwha eine Länge von vier Längengraden in gerader Richtung. Diese Thatsache beweist an sich schon die Wichtigkeit und den Rang desselben unter den Flüssen Ostafrikas. Man weiss sehr wenig über ihn, als dass er für kleine Boote 96 Stunden oder ungefähr 60 Meilen hinauf schiffbar ist, denn Banyanen treiben auf dieser Strecke Handel den Fluss hinauf und sammeln Elfenbein ein von den an seinen Ufern wohnenden Stämmen.
Der Reisende bemerkt zwischen den niedrigeren und höheren, oder den See- und den unfruchtbaren Gegenden einen auffallenden Contrast in Bezug auf die Vegetation. In den Thälern des Ungerengeri und Wami ist die Productionskraft des Bodens merkwürdig. Der üppige schwarze Alluvialboden, der seit vielen Jahrhunderten von diesen Flüssen abgelagert ist, hat, was die Fruchtbarkeit betrifft, gar keine Grenze. Jede Art Pflanze schiesst hier in gigantischen Proportionen auf. Die Grashalme erreichen die Grösse eines gewöhnlichen Bambus, und die Bäume, wie z. B. der Mparamusi und der Mvulebaum, haben 100 Fuss hohe Stämme. Der in diesen Thälern wachsende Mais übertrifft den schönsten, der in den Gründen von Arkansas, Missouri und Mississippi wächst. Das Holcus sorghum oder Matama hat Stengel, die an Dicke das schönste Zuckerrohr übertreffen und von denen manche 12 Fuss hoch werden. Die Dichtigkeit der Dschungels ist geradezu schreckenerregend und die Verschiedenheit der Pflanzen- und Baumarten würde die Kenntnisse des gelehrtesten Botanikers auf die Probe stellen.
In meinen täglichen Berichten über unsere Märsche und Erlebnisse habe ich versucht, die Natur des Landes, wie es sich mir darstellte, während der Zeit unseres Durchzugs zu skizziren. Durch die Seegegend kamen wir in der Masikazeit und konnten auf derselben die Wirkung dieser Jahreszeit auf das Gras beobachten.
Wenn die Masikazeit anfängt, sind diese Gräser kaum kniehoch; gegen Ende derselben haben sie dagegen ihre volle Höhe erreicht. Einen Monat nach der Masikazeit, wo sie ganz verdorrt aussehen, zünden die Eingeborenen sie an und tagelang ertönt das Land noch von dem Toben der wüthenden Brände, über denen ein dicker schwarzer Rauch sich wie eine Wolke erhebt, die dem Himmel selbst eine trübe Färbung verleiht.
Wenn diese Feuer durch die Wälder gewüthet und das Gras verzehrt haben, dann tritt die beste Reisezeit ein. Man kommt leicht fort und kann fast doppelt soviel marschiren, als wenn das Gras durch seine Dichtigkeit und Höhe beständig Hindernisse in den Weg legt. Dann kann das Auge frei über die schwellenden Umrisse und niedrigen Hügel schweifen, ohne dass der Blick gehemmt würde durch einen jungen Wald dicker Gräser, der gerade zwischen dem Beschauer und der reizenden Aussicht liegt, über deren Spitzen nur ein Mann von 15 Fuss Höhe seine Liebe für Naturschönheiten befriedigen könnte.
Es wäre eine schwere Aufgabe, feine ethnische Unterschiede zwischen den Wamrima und den westlicheren Waschensi aufzustellen. Ich wundere mich immer, wie Kapitän Burton im Stande gewesen ist, solch feine Linien zu ziehen, die, wie ich den Leser versichern kann, von einem gewöhnlichen Menschen, wie ich es bin, nicht bemerkt werden.
Nach Zanzibar tritt man zuerst über Bagamoyo in Afrika ein. An diesem Orte kann man Wangindo, Waswahili, Warori, Wagogo, Wanyamwezi, Waseguhha und Wasagara sehen; dennoch würde es für jedermann eine schwierige Aufgabe sein, beim blossen Anblick ihrer Züge oder Kleidung Unterschiede zu erkennen. Man könnte nämlich nur an gewissen Gewohnheiten oder Unterscheidungsmerkmalen, wie z. B. am Tätowiren, Durchstechen der Ohrläppchen, an Zierathen oder der Haartracht, die im Anfange zu unbedeutend erscheinen, als dass man sie bemerkt, Unterschiede unter den verschiedenen Stämmen herausfinden. Gewiss gibt es deren; sie sind aber nicht so gross oder markirt, wie man sie angegeben hat.
Die Waswahili stellen uns eine Rasse vor, die natürlich durch den Verkehr mit halbcivilisirten Menschen beeinflusst und daher besser angezogen sind und vortheilhafter aussehen als ihre wilderen, weiter westlich wohnenden Brüder. Wie man sagt, dass in der Haut eines Russen der Tartare steckt, so lässt sich auch behaupten, dass man unter dem schneeweissen Dischdascheh oder Hemd des Mswahili den echten Barbaren finden wird. Auf der Strasse, im Bazar erscheint er halb arabisirt; seine freundlichen Manieren, sein demüthiges Fussfallen, seine Kniebeugungen, sein Jargon, alles beweist, dass er mit der herrschenden Rasse, der er unterworfen, in Berührung gekommen ist. Ist er jedoch aus den Seestädten hinaus in die Waschensidörfer gegangen, so wirft er das Hemd ab, das ihn halb civilisirt hat, und er erscheint in der ganzen tiefen Schwärze seiner Haut, mit hervorstehendem Unterkiefer und dicken Lippen als reiner Neger und Barbare. Selbst das schärfste Auge könnte einen Unterschied zwischen ihm und dem Mschensi nicht erkennen, wenn man nicht besonders darauf aufmerksam macht, dass die beiden Leute verschiedenen Stämmen angehören.
Der nächste Stamm, den wir kennen lernen, sind die Wakwere, die einen begrenzten Landstrich zwischen den Wazaramo und Wadoe einnehmen. Sie sind die ersten Repräsentanten des reinen Barbaren, auf welche der Reisende stösst, wenn er nur zwei Tagereisen von der Küste entfernt ist, -- ein furchtsamer Stamm, die wol nie des Raubes wegen einen Angriff auf eine Anzahl zusammengehöriger Menschen machen wird. Unter den arabischen und waswahilischen Händlern haben sie keinen guten Ruf, sondern gelten für sehr unehrlich, was ich durchaus nicht bezweifle, denn sie haben auch mir guten Grund gegeben, an diese Berichte zu glauben, als ich in Kingaru-Hera und Imbiki lagerte. Die Häuptlinge des östlichem Theils von Ukwere sind nominell den Diwans der Mrima unterworfen. Sie haben sich die dichtesten Dschungels als Orte für ihre Dörfer ausgesucht. Jeder Zugang in eins ihrer Thäler wird aufs eifersüchtigste durch starke, enge Holzthüren geschützt, die selten mehr als 4½ Fuss hoch und bisweilen so eng sind, dass man nur seitlich hinein kann.
Diese Inselchen in den Dschungels, die besonders durch ganz Ukwere zahlreich sind, bieten einem nackten Feinde furchtbare Hindernisse. Die Pflanzen, Büsche und jungen Bäume, welche ihren natürlichen Schutz bilden, sind gewöhnlich Aloë- und Dorn-Arten, die so dicht wachsen und sich miteinander verflechten, dass der kühnste und verzweifeltste Räuber der furchtbaren Phalanx scharfer Dornen, von denen sie überall starren, kaum Trotz bieten dürfte.
Einige dieser Dschungel-Inselchen sind von Banditenbanden besetzt, die es selten verabsäumen, von der Schwäche eines einzelnen Wanderers Vortheil zu ziehen, besonders wenn es ein Mgwana, ein Freier von Zanzibar ist, wie ein jeder Neger, der auf Zanzibar wohnt, von den eingeborenen Waschensi des Innern bezeichnet wird.
Ich möchte die Bevölkerung von Ukwere, in dessen Gebiet (das nicht mehr als 30 engl. Meilen im Geviert hat und südlich vom Rufufluss, nördlich vom Wami begrenzt wird) ungefähr hundert Dörfer anzunehmen sind, zu nicht mehr als 5000 Seelen schätzen. Wären diese sämmtlich unter dem Befehle eines Häuptlings verbunden, so könnten die Wakwere immerhin ein mächtiger Stamm werden.
Nach den Wakwere kommt man zu den Wakami, den Resten eines einst grossen Volks, das die Länder vom Ungerengeri bis zum Grossen Makataflusse inne hatte. Häufige Kriege mit den Wadoe und Waseguhha haben sie auf einen engen Landgurt beschränkt, der in gerader Richtung zehn Meilen beträgt und von dem man sagen kann, dass er zwischen dem Kira-Pic und der steinigen Felsenkette liegt, die an das Thal des Ungerengeri im Osten, einige Meilen vom östlichen Ufer des Flusses, grenzt.
Im Ungerengeri-Thale sind sie so zahlreich wie Bienen. Die unübertroffene Fruchtbarkeit desselben ist für dieses Volk eine Hauptursache gewesen, ihren Stammesunterschied zu bewahren. Mit einem Fernrohr kann man, wenn man von dem steinigen Bergrücken hinab ins schöne Thal blickt, Haufen brauner Hütten inmitten von Gebüschgruppen wahrnehmen und ungefähr 100 Dorfschaften zählen, welche überall grossen Wohlstand zeigen.
Von Ukami kommt man ins südliche Udoe und findet ein kriegerisches, stattlich aussehendes Volk von viel intelligenteren Gesichtszügen und etwas hellerer Hautfarbe als die Wakami und Wakwere, -- ein Volk, das voll von Rassentraditionen steckt, das sich kühn wegen der kleinsten Verletzung ihres Gebiets in den Kampf gestürzt und tapfer gegen die Waseguhha und Wakami, sowie gegen nomadische Räuber aus Ukumba vertheidigt hat.
[Illustration: THOR EINES DORFES.]
Udoe gehört seinem Aeussern nach zu den malerischsten Ländern zwischen dem Meere und Unyanyembé. Grosse Kegel schiessen über die unendlichen Wälder in die Höhe und über ihnen schweben leichte flockige Wolken dahin, durch welche die heissglühende Sonne ihre Strahlen entsendet und das Ganze in Licht badet, welches diesen sich reihenweise bis an die Gipfel der Berge erstreckenden Laubkugeln Farbentöne entlockt, die den Nachbildungsversuchen des strebsamsten Malers Trotz bieten würden. Erst Udoe ruft des Reisenden Liebe zur Naturschönheit wieder wach, nachdem er das Meer verlassen. Hier führen ihn die Wege längs der scharfen Kanten von Bergketten, von denen er hinabsehen kann auf waldbewachsene Abhänge, die sich zu beiden Seiten in tiefe Thäler senken, um sich jenseits in hochstrebende Kegel zu erheben, welche den Himmel küssen, oder in eine hohe Bergkette mit tiefen, concentrischen Schluchten zu verwandeln, die durch ihr herausfordernd geheimnissvolles Aussehen fast in Versuchung führt, auf die Erforschung derselben viel Mühe zu verwenden. Wenn ein Byron diese Landschaft von Udoe erblickte, so würde er geneigt sein zu sagen:
„Der Morgen auf Udoes Hügeln graut, Und Urugurus Felsen, Kiras Höhen, Vom Nebel halbverhüllt und bachbethaut, Sie lassen sich im dunkeln Purpur sehen.“
Was könnte dieser Stamm uns nicht alles über die Thaten der Sklavenhändler erzählen! Von der verbündeten Macht der Waseguhha aus West und Nord und den Sklavenhändlern von Whinde und Sa’adani im Osten angegriffen, haben die Wadoe es wol hundertmal erlebt, dass ihre Weiber und Kinder fortgeschleppt, ein Bezirk nach dem andern von ihrem Lande fortgerissen und mit Useguhha verbunden worden ist. Denn das Volk von Useguhha wurde von den Sklavenhändlern in Whinde gemiethet und mit Waffen und Munition versehen, um ihre Nachbarn, die Wadoe, anzugreifen und sie wiederholt in grossen Massen zu Sklaven zu machen. Denn Individuen dieses Stammes, namentlich Weiber und Kinder, die so wol in physischer als geistiger Beziehung den knechtischen Rassen, die sie umgeben, so überlegen sind, waren bei den sinnlichen Mohammedanern als Concubinen und Diener sehr gesucht.
An diesem Stamme bemerkt man zuerst, dass er unterscheidende Stammesabzeichen hat, die in einer sich der Länge nach an beiden Seiten des Gesichts herabziehenden Linie von Punkten und in dem Abfeilen der innern Seiten der beiden Mittelzähne des Oberkiefers bestehen. Die Waffen dieses Stammes ähneln denen der Wakami und Wakwere und bestehen aus einem Bogen, einem Schilde, einigen leichten Speeren oder Assegais, einem langen Messer, einer kleinen handlichen Schlachtaxt und einem Knüttel, der an dem einen Ende einen grossen Knopf hat, welcher mit vielem Geschick um das Haupt eines Feindes geschwungen wird und diesem einen betäubenden, bisweilen sogar tödlichen Schlag versetzt.
[Illustration: KRIEGSWAFFEN.]
Wenn man aus den Wäldern von Mikeseh heraustritt, kommt man in das Gebiet der Waseguhha oder Wasegura[4], wie die Araber dies Land fälschlich nennen. Useguhha erstreckt sich in der Länge über zwei Grade und seine grösste Breite ist 90 engl. geographische Meilen. Es hat zwei Hauptabtheilungen, Süd-Useguhha, von Uruguru bis zum Wami, und Nord-Useguhha, unter dem Häuptling Moto, vom Wami bis Umagassi und Usumbara.
An der Erhebung dieses Stammes zu bedeutender Macht haben wir ein Beispiel der Wechselfälle, welche die barbarischen Rassen im Verlaufe der Zeit erlebt haben. Vor 30 Jahren waren die Waseguhha auf einen engen Landgürtel zwischen den Wasambara und den Wadoe beschränkt. Die Wadoe waren der Hauptstamm im Osten der Usagara-Gebirge, aber die Sklavenhändler brachten ihnen Verderben, verriethen sie an organisirte Banditenbanden, die aus vagabondirenden Wamrima, fortgelaufenen Sklaven, Verbrechern aus Zanzibar und Menschenräubern bestanden und die Wälder zwischen Usagara und dem Meere unsicher machten. Diese Banden überzogen die den Wadoe unterworfenen Stämme mit Krieg, und da Sklaven dieses Stammes sehr gesucht und sowol wegen der Schönheit ihrer Gestalt, als ihrer physischen sowie sonstigen Vorzüge halber gern gekauft wurden, nahmen diese Raubzüge gegen den Stamm so zu, dass nach einigen Jahren die Wadoe fast gänzlich aus ihren schönen Thälern und dem herrlichen Lande am Ungerengeri vertrieben waren. Unter diesen Räubern war der berüchtigte Kisabengo einer der hervorragendsten, dessen schändliches Leben ich schon bis zu der Zeit gekennzeichnet habe, wo er seine Veste in Simbamwenni in der Nähe des Ungerengeri erbaute.
Fast alle Waseguhha-Krieger sind mit Musketen bewaffnet und die Araber versehen sie mit ausreichender Munition, wofür sie dann die Waruguru, Wadoe und Wakwenni angreifen, um Sklaven für den arabischen Markt zu bekommen. Es ist erst fünf Jahre her, dass die Waseguhha einen glücklichen Raubzug ins Herz der Wasagara-Berge ausführten, in welchem sie die bevölkerten Theile der Makataebene verwüsteten und mehr als 500 Sklaven erbeuteten. Früher wurden Kriege in diesem Lande durch Blutfehden zwischen den verschiedenen Häuptlingen verursacht; jetzt werden sie durch die Sklavenhändler der Mrima angezettelt, damit diese Menschenwaare auf den Markt nach Zanzibar gebracht werden könne.
Das ostafrikanische Geschwader hat die Macht, dieses Hornissennest zu vernichten und dem unmenschlichen Handel mit Sklaven, insoweit Useguhha im Stande ist, ihn aufrecht zu erhalten, ein Ende zu machen. Wenn ein langes Dampfboot mit 50 Mann an Bord zu diesem Zweck den Wamifluss bis an Kigongo’s Wohnsitz hinauffährt, so würde es bis 20 Meilen vor der Stadt Simbamwenni gelangen können. Diese Strecke liesse sich in einer Nacht zurücklegen und am Morgen könnte man den Ort angreifen und niederbrennen und somit diesen Kernpunkt des Sklavenhandels in Ostafrika auf immer zerstören. Die von den Sklavenhändlern unterstützten Waseguhha sind die eigentliche Pest dieses Theils von Ostafrika, und wenn einmal ihr fester Platz genommen und zerstört ist, würden sie ausser Stande sein, weiteres Unheil anzustiften.
Die Waseguhha sind wol die blindesten Anhänger der Zauberei; dennoch fahren die Jünger dieser dunkeln Kunst bei ihnen sehr schlecht. Sehr häufig sieht man Aschenhäufchen am Wege und Kleidungsstücke an Baumzweigen darüber schweben; dies bezeichnet das Schicksal der unglücklichen „Waganga“ oder Medicin-Männer. Solange ihre Vorhersagungen richtig sind und glücklich auslaufen, werden diese Sachverständigen der „Utschavi“ oder Zauberkunst günstig vom Volke angesehen. Wenn aber ein ungewöhnliches Unglück eine Familie trifft und diese beschwören kann, dass es die Folge der Kunst des Zauberers ist, so bildet sich alsbald ein unbarmherziges Richtercollegium und es erwartet jenen ein Schicksal, wie es die Hexen in den dunkelsten Tagen von Neu-England erfahren haben. In diesen afrikanischen Wäldern findet sich bald hinreichend viel dürres Holz und der Unglückliche stirbt den Flammentod. Sein Lendentuch wird als Warnung für alle falschen Jünger seiner Kunst über dem Ort, wo er von seinem Geschick ereilt worden, aufgehängt.
Die Wasagara sind Bergbewohner. Das Land, das sie bewohnen, ist die Gebirgskette und ihre unmittelbare Umgebung, die sich vom Makata-Flusse nach der Wüste von Marenga Mkali ausdehnt und 75 engl. geographische Meilen breit und fast 3 Breitengrade lang ist.
Die Gebirgskette liegt der Länge nach in einer nordöstlichen Richtung. Die höchste Spitze hat wol eine Höhe von 6000 Fuss über dem Meeresspiegel. Der Berg Kibwe muss ungefähr 2500 Fuss über dem Mukondokwathale bei Kadetamare und dieses letztere 2000 Fuss über dem Meere liegen. Es gibt aber Gipfel in der Ngurugruppe bei Ugombo, die ich wenigstens 1500 Fuss höher als den Berg Kibwe schätze. Wenn man sich der Kette vom Makata aus nähert, erheben sich die Berge im Norden zu einer viel bedeutenderen Höhe als diejenigen, die an dem Pass von Mukondokwa liegen. Auf den Gipfeln und Abhängen dieser Berge lassen die Dünste, welche von den Monsunwinden hierher getrieben werden, ihre Wasserlast fallen und werden zu Flüssen, die als Bäche die Bergabhänge hinabrieseln und sich in den Thälern am östlichen Abhange vereinigen.
Wie sehr auch Geographen von mir abweichen mögen, so geht doch meine Ansicht dahin, dass diese Gebirgskette für Ostafrika das ist, was die Rocky-Mountains für Central-Nordamerika sind. Ich betrachte sie als das Rückgrat von Ostafrika. Reisende verlegen Kilima-Ndscharo nach 37° 27′, den Berg Kenia nach 37° 35′ östl. Länge; ich stelle den Berg Kibwe nach 36° 50′, und Burton glaubt, dass dieselbe Gebirgskette von Usagara „ihren höchsten Punkt in Ndschesi-Uhiyou habe“. Wenn das Ruhwhathal, durch welches der Rufidschi von dem jenseits liegenden Hochlande ins Meer fliesst, nur eine Spalte in der Usagarakette ist, warum soll das Mukondokwathal dies nicht ebenfalls sein? Warum kann denn die niedrige Ebene von Uhumba oder Masai nicht auch ein Spalt sein? Warum sollen die Ngaserai-Berge, die Gebirgsgruppe des Kilima-Ndscharo, der Schneegipfel des Kenia, sein südlicher Nachbar, der Doeno Camwea, und sein nördlicher, der Berg Msarara, die sich sämmtlich auf demselben Längengrade erheben, nicht eben dieser Usagarakette angehören?
[Illustration: DER BERG KIBWE UND DAS THAL DES MUNKONDOKWA.
I. S. 236.]
Derselbe Einfluss, den man auf den Ebenen östlich und westlich von den Rocky-Mountains wahrnimmt, wird auch zu beiden Seiten der Usagarakette sichtbar. Im westlichen Nordamerika besitzen bekanntlich die Ebenen von Colorado, Wyoming und ein grosser Theil von Nebraska im Osten und der am westlichen Fusse der Rocky-Mountains belegene Theil von Colorado und Utah nicht die merkwürdige Fruchtbarkeit, welche man in der Nähe des Missuriflusses und östlich oder westlich von Utah antrifft. Diese nackten Regionen Amerikas ziehen sich 5-800 Meilen breit zu beiden Seiten der Rocky-Mountains hin und haben eine Länge von fast 2000 Meilen. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass dieses Felsengebirge eine Durchschnittshöhe von 11-12000 Fuss über dem Meeresspiegel hat. So gigantische Züge zeigt die Natur in Ostafrika nicht. Ich schätze die Durchschnittshöhe des östlichen Theils der Usagarakette zu 3500 Fuss über dem Meeresspiegel, während der westliche noch 1000 Fuss höher ist. Die Ebene oder das Thal des Makata, im Osten von Usagara, hat dasselbe kahle Aussehen, das unsere westlichen Ebenen darbieten, und ebenso lässt sich die Region im Westen von Usagara, welche das ganze Marenga Mkali und Ugogo umfasst, ihres nackten unfruchtbaren Aeussern und ihrer Salzablagerungen wegen mit Utah und dem westlichen Colorado vergleichen.
In Uyanzi aber, im Westen von Ugogo, erhebt sich das Land der Länge nach zu einer Höhe von ungefähr 1000 Fuss über der Ebene von Ugogo und erscheint infolge davon, dass es die von den Monsuns nach Westen getragenen Dämpfe auffängt, fruchtbarer, sodass es in dieser Beziehung gleich nach dem Thal des Mukondokwa kommt. Diese unfruchtbare Region, die das Marenga Mkali umfasst, hat zwar nur eine Breite von etwa 100-150 engl. geographischen Meilen, ist aber doch 600 Meilen lang oder vielleicht noch mehr.
Im südlichen Usagara ist das Volk sehr freundlich; im Norden aber, in den Districten, die an die Wahumba stossen, hat das Volk mehr den wilderen Charakter seiner Nachbarn. Wiederholte Angriffe von den menschenraubenden Waseguhha, den räuberischen Wadirigo oder Wahehe im Südwesten, den Wagogo im Westen und den Wahumba im Norden haben sie dazu gebracht, Fremde mit Argwohn anzusehen, nach kurzer Bekanntschaft jedoch erweisen sie sich als offene, freundliche und tapfere Leute. In der That haben sie ausreichende Ursache, den Arabern und Wangwana von Zanzibar zu mistrauen. Mbumi, in Ost-Usagara, ist zweimal innerhalb weniger Jahre von menschenraubenden Arabern und Waseguhha niedergebrannt worden; Rehenneko hat dasselbe Schicksal erfahren, und erst vor wenigen Jahren hat Abdullah bin Nasib das Land von Misonghi bis Mpwapwa mit Feuer und Schwert verheert. Kanyaparu, der Herr der Berge um Tschunyo oder Kunyo, welcher früher den vierten Theil von Marenga Mkali cultivirte, hat sich jetzt aus Furcht vor den Wadirigo-Räubern ganz in die hohen Berge zurückgezogen.
In Ost-Usagara sind die grossen Unterschiede zwischen reinen Wasagara und den Waseguhha nicht sichtbar. Man findet dieselben erst in den Dörfern der Mpwapwa. Hier erst erblickt man die langen, dünnen, mit Messing- und Kupferbehängseln, Kugeln und glänzenden Pice[5] aus Zanzibar geschmückten Löckchen, durch welche sich hier und da eine dünne Reihe kleiner Perlen zieht. Ein junger Msagara, der sich das stumpfe Schwarz seines Gesichts leicht mit Ocker gebräunt und vier oder fünf kupferne Münzen um die Stirn gebunden, der sich die Spitze eines kleinen Flaschenkürbis in jedes Ohrläppchen gesteckt und es dadurch ausgereckt hat, sowie tausende von gutgefetteten, mit kleinen Kupfer- und Messingstückchen verzierte Locken trägt, stellt mit seinem hocherhabenen Kopf, der vorragenden Brust, den muskulösen Armen und wohlproportionirten Gliedern das Ideal eines stattlichen, jungen afrikanischen Wilden dar.
Die Wasagara beider Geschlechter tätowiren sich Stirne, Brust und Arme. Ausser dem in jedes Ohr hineingesteckten Kürbishalse, in welchem sich ein kleiner Vorrath von „Tumbak“ oder Taback und aus dem Verbrennen von Landmuscheln gewonnener Kalk befindet, trägt ein jeder Msagara eine Anzahl primitiver Zierathe um den Hals, als da sind: ein paar schneeweisse Muschelschalen, geschnitzte Holzstückchen, ein kleines Ziegenhorn, eine von dem Medicinmanne des Stammes geweihte Arznei, ein Fundo weisser oder rother Perlen, zwei bis drei durchlöcherte Sungomazi-Eierperlen, eine Schnur Kupfermünzen und hin und wieder kleine Messingketten, die billigen Uhrketten ähneln. Diese Dinge haben sie sich entweder selbst gemacht oder von den arabischen Händlern gegen Hühner und Ziegen eingehandelt. Die Kinder gehen alle nackt; Jünglinge tragen ein Ziegen- oder Schaffell; erwachsene Männer und Frauen, die Kinder haben, entweder ein baumwollenes oder aus Kaniki oder Barsati, einem in Usagara besonders beliebten Zeuge, bestehendes Lendentuch. Häuptlinge haben Mützen, wie sie von den Wamrima-Diwans getragen werden, oder das arabische Tarbusch.
[Illustration: JUNGE WASAGARA.]
Es folgen nun auf unserer Marschlinie die Wagogo, ein mächtiger Stamm, der die Gegend westlich von Usagara nach Uyanzi zu bewohnt, die ungefähr 80 Meilen breit und 100 Meilen lang ist. Der Reisende muss bei seinem Verkehr mit ihnen sehr klug und kritisch verfahren. Hier hört er zuerst das Wort „Honga“, welches jetzt, nachdem er Simbamwenni passirt, Tribut, vorher ein Geschenk an einen Freund bedeutet. Da dasselbe unter Androhung von Krieg, falls man nicht freiwillig bezahlt, abgefordert wird, so ist die beste Deutung des Wortes „mit Gewalt erpresster Tribut oder Zoll“.
Unter nachfolgenden drei Routen durch Ugogo, mit Angabe der Summe des Tributs, die eine Karavane von 150 Mann zu zahlen hat, steht dem Reisenden die Wahl frei:
--------------+---------+------------+---------+-----------+-------- Nördlicher | Tribut. | Mittlerer | Tribut. | Südlicher | Tribut. Weg. | | Weg. | | Weg. | | Tücher. | | Tücher. | | Tücher. --------------+---------+------------+---------+-----------+-------- Mvumi | 35 | Mvumi | 35 | Kifukuru | 25 Matamburu | 24 | Muhalata | 25 | Kisewah | 30 Bihawana | 10 | Mafanya | 15 | Kanyeni | 40 Kididimo | 26 | Kanyenyi | 40 | Sanza | 15 Pembera Pereh | 30 | Sanza | 15 | Usekke | 21 Mizanza | 22 | Khonse | 20 | Khonko | 20 Mukondoku | 32 | Khonko | 20 | Kiwyeh | 27 +---------+ Kiwyeh | 27 | +-------- | 179 | +---------+ | 178 | | | 197 | |
Diese Stoffe werden nur von den Binnenland-Karavanen bezahlt; den nach der Küste zurückkehrenden werden dagegen gewöhnlich Hacken und Elfenbein abverlangt.
Es versteht sich von selbst, dass, wenn der Reisende wünscht, um noch grössere Summen gestraft zu werden, er die Wagogo stets bereit findet, jeden Fetzen Stoff, den er ihnen gibt, anzunehmen. Mvumi verlangt z. B. 60 Zeuge und wundert sich über seine eigene Grossmuth, eine so kleine Zahl von einem grossen Musungu (Weissen) zu fordern. Der Reisende jedoch wird klug daran thun, die Unterhandlungen seinen tüchtigsten Leuten zu überlassen, nachdem er ihnen eingeschärft, sich in Acht zu nehmen und nicht zu rasch auf eine bestimmte Zahl einzugehen.
Die Wagogo sind in physischer und intellectueller Beziehung die beste Rasse zwischen Unyamwezi und dem Meere. Ihre Farbe ist ein kräftiges braunschwarz. Von vorn gesehen haben sie etwas löwenartiges an sich. Ihre Gesichter sind breit und intelligent, die Augen gross und rund, die Nase platt und der Mund sehr gross, die Lippen jedoch sind zwar dick, indess nicht in so ungeheuerlichem Grade, wie wir sie uns in unserer Caricatur eines Negerideals vorstellen. Bei alledem ist der Mgogo, wennschon ein wilder Mann, der bei der geringsten Versuchung vor keiner Unthat zurückschreckt, doch für den Weissen eine anziehende Figur. Er ist stolz auf seinen Häuptling und auf sein Land, obwol dieses unfruchtbar und reizlos ist; stolz auf sich selbst, seine Macht, seine Waffen, seine Habe; eitel, sehr egoistisch, ein Renommist und Tyrann, aber auch zur Freundschaft und zu Opfern für einen Freund fähig. Ein grosser Fehler in seinem Charakter, der ihn den Reisenden gegenüber in ein schlechtes Licht setzt, ist seine ausserordentliche Habgier; wenn dieser unter derselben zu leiden hat, so stimmt ihn das eben nicht besonders freundlich gegen den Bewohner von Ugogo.
Dagegen ist dieser kräftige Eingeborene mit der dunkeln Hautfarbe, der Löwenstirn, dem drohenden Aussehen und bramarbasirenden Charakter, dieser stolze, hochmüthige und zanksüchtige Mensch ein blosses Kind einem andern gegenüber, der sich die Mühe nicht verdriessen lässt, seinen Charakter zu studiren und seine Eitelkeit zu schonen. Er ist leicht zu amüsiren, da seine Neugierde leicht angeregt wird. Ein Reisender von schroffem Charakter wird bestimmt mit ihm Streit bekommen; in Gegenwart dieses rohen Kindes der Natur jedoch, zumal wenn es die Macht hat, gereicht es dem Reisenden zu Vortheil und eigener Sicherheit, seine Schroffheiten abzulegen. Der Mgogo Räuberheld befindet sich auf seinem eigenen Grund und Boden und hat einen entschiedenen Vortheil vor dem weissen Fremdling. Jener ist zwar nicht tapfer, kennt aber doch die Schwäche des Reisenden und ist geneigt, davon Vortheil zu ziehen, wird aber durch das Interesse, das er am Frieden hat, daran verhindert, irgendein Verbrechen zu begehen. Denn jede gegen einen Reisenden verübte Gewaltthat würde den Weg sperren, die Karavanen veranlassen, sich andere Wege aufzusuchen und somit den Häuptlingen grosse Einbussen an ihren Einnahmen verursachen.
Der Mgogo-Krieger trägt als Waffen einen Bogen und einen Köcher voll mörderisch aussehender spitzer, mit Zinken und Widerhaken versehener Pfeile, ein paar leichte, schön gearbeitete Assegais, einen breiten, schwertartigen Speer mit einer mehr als zwei Fuss langen Klinge, eine Streitaxt und ein Rungu oder mit einem Knauf versehenen Knüttel. Auch hat er einen ovalen Schild aus Rhinoceros-, Elefanten- oder Stierhaut, der mit schwarzen und weissen Figuren bemalt ist. Seit seiner frühesten Kindheit ist er mit diesen Waffen vertraut und vom 15. Jahre an weiss er sie vortrefflich zu gebrauchen.
In sehr kurzer Zeit ist er für die Schlacht gerüstet; der Bote des Häuptlings eilt von Dorf zu Dorf und bläst sein Ochsenhorn als Signal zum Kriege. Der Krieger hört es, wirft seine Hacke über die Schulter, tritt in sein Haus und kommt nach einigen Secunden wieder in Kriegsfarben und vollem Kampfkostüm heraus. Ueber seinem Haupte wallen Strauss-, Adler- oder Geierfedern; hinter ihm her flattert sein langes, scharlachrothes Gewand; auf dem linken Arme befindet sich sein Schild; in der linken Hand sein schnellender Assegaispeer und in der rechten hält er sein wuchtiges Beil, das zweischneidig und spitz auf einem starken Griffe steckt. Um Knöchel und Knie sind klingende Ketten gebunden; mit den seine Arme zierenden elfenbeinernen Armbändern zeigt er seine Ankunft an. Mit der Hacke des arbeitsamen Bauers hat er auch das Aeussere desselben abgelegt und ist jetzt der stolze, eitle, übermüthige Krieger, der wie ein Athlet aufspringt und begierig nach dem Schlachtfelde schnaubt.
Die Stärke und Macht der Wagogo kommt von ihrer Zahl her. Denn obwol man bisweilen Wagogokaravanen auf dem Wege nach Unyamwezi hin und zurück trifft, so werden sie doch nicht so sehr wie die Wanyamwezi im Handel beschäftigt. Daher sind ihre Dörfer stets voll von Kriegern. Schwache Stämme oder Reste anderer Stämme freuen sich sehr, unter ihren Schutz aufgenommen zu werden. Auch einzelne Individuen von andern Stämmen, die wegen irgendeiner Gewaltthat gezwungen sind, dieselben zu meiden, finden sich oft in den Dörfern der Wagogo. Im Norden sind die Wahumba sehr zahlreich, im Süden die Wahehe und Wakimbu und im Osten finden sich manche Familien aus Usagara. Auch kommen Wanyamwezi häufig in diesem Lande vor. Diese letzteren sind wie die Schotten; man kann sie fast überall in Mittelafrika finden und sie verstehen es, sich eine hervorragende Stellung zu schaffen.
[Illustration: EIN TEMBÉ AUS DER VOGELSCHAU.]
Wie in West-Usagara sind auch die Häuser der Wagogo viereckig und um die vier Seiten eines Hofes gereiht, nach welchem sich alle Thüren öffnen. Die Dächer sind alle flach und Korn, Kräuter, Taback und Kürbisse liegen auf denselben ausgebreitet. Die Rückseite jedes Gemachs ist von Löchern durchbohrt, welche zur Beobachtung und Vertheidigung dienen.
Das Tembé wird in Ugogo sehr leicht gebaut; es besteht nur aus einer Reihe dünner Stöcke, die mit Lehm beworfen sind. Drei bis vier starke Stangen werden in Zwischenräumen in der Erde befestigt, um die Längs- und Querbalken, auf welchen das flache Lehmdach ruht, zu stützen. Eine Musketenkugel kann die geflochtenen Wände eines Ugogotembé völlig durchbohren. In Uyanzi dagegen ist das Tembé stärker, weil sie dort sehr viele schöne Bäume haben, die heruntergeschlagen und in Bohlen von drei bis vier Zoll Dicke zerspalten werden.
Das Tembé ist in Gemächer getheilt, die durch eine geflochtene Wand voneinander getrennt werden. Jedes Gemach enthält eine Familie von erwachsenen jungen Leuten beiderlei Geschlechts, die sich ihre Betten aus gegerbten Häuten auf dem Boden machen. Nur der Vater der Familie hat eine Kitanda oder feste Schlafstelle, die aus einem mit Ochsenhaut bespannten Gestell oder aus der Rinde des Myombobaumes hergestellt ist. Der Boden besteht aus glatt verstrichenem Lehm, ist sehr schmutzig und riecht stark nach den abscheulichsten Dingen. In den Winkeln befinden sich an den Balken die schönen luftigen Wohnungen der schwarzen, gewaltig grossen Spinnen und anderer Ungeheuer von Insekten.
Eine besonders langköpfige, dunkelfarbige Gattung Ratten sucht jedes Tembé heim. Kühe, Ziegen und Schafe sind die einzigen Hausthiere, denen es gestattet wird, im Tembé zu wohnen. Hunde von der Pariah-Rasse hausen draussen bei dem Vieh.
Die Wagogo glauben an das Dasein eines Gottes oder Himmelsgeistes, den sie Mulungu nennen. Sie beten gewöhnlich zu ihm, wenn ihre Eltern sterben. Nachdem ein Mgogo seinen Vater dem Grabe übergeben hat, bringt er dessen Habe, sein Tuch, Elfenbein, Messer, Dschembe (Hacke), Bogen und Pfeile, Speere und Vieh an einen Ort zusammen, kniet davor nieder und spricht einen Wunsch aus, Mulungu möge seine weltlichen Reichthümer vermehren, seine Arbeit segnen und ihm im Handel Glück bescheeren.
Folgende Unterredung fand zwischen mir und einem Mgogohändler statt:
„Wer hat nach Eurem Glauben Eure Eltern erschaffen?“
„Das hat Mulungu gethan, Weisser!“
„Gut. Wer hat denn Dich erschaffen?“
„Wenn Gott meinen Vater erschaffen, so hat er auch mich erschaffen, nicht wahr?“
„Sehr wohl. Wo meinst Du wol, dass Dein Vater jetzt hingegangen ist, da er todt ist?“ --
„Die Todten sterben“, sagte er feierlich, „sie sind nicht mehr. Der Sultan stirbt, dann wird er zu nichts, dann ist er nicht besser als ein todter Hund; er ist zu Ende, seine Worte sind zu Ende; es gibt keine Worte mehr von ihm. Es ist wahr“, sagte er, da er ein Lächeln auf meinem Gesicht erblickte, „der Sultan wird zu nichts. Wer etwas anderes sagt ist ein Lügner. Das steht fest!“
„Er ist aber doch ein sehr grosser Mann, nicht wahr?“
„Nur solange er lebt; nach dem Tode fährt er in die Grube und da kann man von ihm nicht mehr sagen als von einem andern.“
„Wie begrabt Ihr einen Mgogo?“
„Man bindet ihm die Beine zusammen, den rechten Arm an den Körper und legt den linken unter den Kopf. Dann rollt man ihn auf seine linke Seite ins Grab. Das Zeug, das er während seines Lebens getragen, wird über ihn ausgebreitet. Darauf legen wir Erde auf ihn und Dornbüsche darüber, damit die Fizi (Hyänen) nicht an ihn heran können. Ein Weib wird auf ihre rechte Seite in ein vom Manne gesondertes Grab gelegt.“
„Was macht Ihr mit dem Sultan, wenn er gestorben ist?“
„Wir begraben ihn auch. Nur wird er in der Mitte des Dorfes begraben und wir bauen ein Haus über ihn. Jedesmal, wenn ein Ochse geschlachtet wird, so geschieht das vor seinem Grabe. Wenn der alte Sultan stirbt, so verlangt der neue einen Ochsen und schlachtet ihn vor jenem Grabe unter Anrufung von Mulungu als Zeugen, dass er der legitime Sultan sei. Dann vertheilt er das Fleisch in seines Vaters Namen.“
„Wer folgt dem Sultan? Etwa der älteste Sohn?“
„Ja, wenn er einen Sohn hat. Wenn er aber kinderlos ist, so folgt der ihm an Rang zunächst stehende grosse Häuptling. Der Msagira ist der nächste nach dem Sultan; sein Geschäft besteht darin, die Beschwerden anzuhören und dem Sultan vorzutragen. Auch übt er die Gerechtigkeit im Namen des letztern, empfängt das Honga, bringt es dem Mtemi (Sultan), stellt es vor ihn hin und behält soviel davon, als der Sultan nicht für sich beansprucht. Die Häuptlinge heissen Manya-Para und der Msagira ist der oberste Manya-Para.“
„Wie heirathen die Wagogo?“
„Sie kaufen sich ihre Frauen.“
„Was kostet ein Weib?“
„Ein sehr armer Mann kann seine Frau schon für ein paar Ziegen von ihrem Vater kaufen.“
„Wieviel muss der Sultan dafür zahlen?“
„Er hat ungefähr 100 Ziegen oder ebenso viel Kühe, Schafe und Ziegen an den Vater seiner Braut zu zahlen. Natürlich ist der Vater ein Häuptling; der Sultan würde sich kein gemeines Weib kaufen. Des Vaters Einwilligung muss erlangt und ihm dann das Vieh übergeben werden. Viele Tage gehören dazu, um die Unterhandlungen hierüber zu beendigen. Die ganze Familie und alle Freunde der Braut müssen sich darüber unterhalten, ehe sie ihres Vaters Haus verlässt.“
„Was geschieht im Falle eines Mordes dem Manne, der einen andern getödtet hat?“
„Der Mörder muss 50 Kühe bezahlen. Ist er zu arm, um zu bezahlen, so gibt der Sultan den Verwandten des Ermordeten das Recht, ihn zu tödten. Wenn sie ihn fangen, so binden sie ihn an einen Baum und werfen Speere nach ihm und zwar zuerst immer einen auf einmal; dann springen sie auf ihn zu, schneiden ihm den Kopf ab und später die Arme und Gliedmassen und streuen dieselben im Lande umher.“
„Wie bestraft Ihr einen Dieb?“
„Wenn man ihn beim Stehlen ertappt, so wird er sofort todtgemacht und man spricht weiter nicht davon. Ist es nicht ein Dieb?“
„Aber im Falle, dass Ihr nicht wüsstet, wer der Dieb ist?“
„Wenn uns jemand vorgeführt wird, der des Diebstahls bezichtigt ist, tödten wir ein Huhn. Sind die Eingeweide desselben weiss, so ist er unschuldig, sind sie aber gelb, so ist er schuldig.“
„Glaubt Ihr an Zauberei?“
„Das versteht sich von selbst und wir bestrafen den Mann mit dem Tode, der Vieh verzaubert oder den Regenfall hindert.“
Zunächst an Ugogo liegt Uyanzi oder das „Magunda Mkali“ -- das heisse Feld. In frühern Zeiten, ehe das Magunda Mkali von den Auswanderern aus Ukimbu bewohnt war, beklagten sich die Lastträger über die fürchterliche Hitze und den Durst, den sie auf der Reise durch dasselbe erleiden mussten. Wasser war auf dem Wege, den sie einschlugen, sehr spärlich und volle Tagemärsche häufig. Daher wurde es von den Wanyamwezi-Pagazi das „heisse Feld“ genannt.
Uyanzi oder Magunda Mkali ist jetzt sehr bevölkert; längs der nördlichen Strasse, die über Munieka führt, ist Wasser reichlich vorhanden, befinden sich zahlreiche Dörfer, und die Reisenden fangen an zu bemerken, dass der Name nicht mehr passt. Die Leute, die das Land bewohnen, sind Wakimbu aus dem Süden. Es sind gute Ackerbauer und ein sehr fleissiger Menschenschlag. Sie ähneln den Wasagara etwas im Aeussern, erfreuen sich aber nicht eines grossen Rufs in Bezug auf Tapferkeit. Ihre Waffen bestehen aus leichten Speeren, Bogen und Pfeilen und Schlachtbeilen. Ihre Tembés sind stark gebaut und sie zeigen bedeutende Gewandtheit in der Kunst, Vertheidigungswerke anzulegen. Die Bomas derselben sind so gut, dass man Kanonen nöthig hätte, um den Eingang zu erzwingen, wenn die Dörfer gehörig vertheidigt würden. Sie sind auch sehr geschickt in der Anfertigung von Fallen für Elefanten und Büffel; hin und wieder verfängt sich auch ein vereinzelter Löwe oder Leopard in denselben.
Nachdem man durch Magunda Mkali marschirt ist, kommt man nach Unyamwezi, dem Lande des Mondes; ich werde jedoch eine Beschreibung des Volkes, das diesen interessanten District bewohnt, einem spätern Kapitel überlassen.
[4] Alle Stämme des Innern kennen diese nur als Waseguhha. Burton aber nimmt den von den Arabern verdorbenen Namen Wasegura an. Krapf, New, Wakefield und ich haben die Aussprache der Eingeborenen, Waseguhha, angenommen.
[5] Kleine Kupfermünzen.
[Illustration: ANSICHT VON MEINEM TEMBÉ AUS.]