Chapter 10 of 17 · 3918 words · ~20 min read

Part 10

So war es. Die Bäckerei und die Konditorei mußten den Schaden gutmachen. Senjor Doux tat etwas für Reklame. Er ließ in den Kinos und in den Zeitungen inserieren, was für gute Brötchen er backe, wie gut seine Kuchen und Torten seien und wie vorzüglich das Kleingebäck.

Das hatte zur Folge, daß wir jeden Abend nun um elf, Samstags um zehn anfangen mußten, und daß es dann durchging bis zum andern Tage nachmittags um vier oder fünf. Das wurde nun schon die Regel. Wem es nicht gefiel, der hörte auf. Das war Senjor Doux recht angenehm. Dann erklärte er, daß niemand wegen Arbeit nachfragen käme, und wir mußten eine Weile für den einen oder gar zwei, die aufgehört hatten, noch mitarbeiten.

In Wahrheit aber war es so, daß Senjor Doux so lange wie nur irgend möglich den fehlenden Mann nicht ersetzte, um den Lohn für ihn zu sparen. Denn wir schickten ihm Leute zu, die er nicht annahm, und zu denen er sagte, es sei nichts frei. Das ging dann so lange, bis wir einfach Bestellungen liegen ließen. Wenn es sich um Bestellungen handelte, die für einen Geburtstag oder einen Namenstag sein sollten, dann gab es immer Unannehmlichkeiten für Senjora Doux. Er drückte sich, und sie hatte sich mit der Kundschaft herumzuschlagen. Endlich wurde es ihr zu bunt, und sie selbst nahm einen oder zwei neue Leute an, immer die billigsten, die nichts von der Bäckerei verstanden und auch nicht genügend Intelligenz besaßen, es rasch zu begreifen.

Mit Senjor Doux hatte der Meister auch jeden Tag seine Auseinandersetzungen. Den einen Tag fehlte der Zucker. Der Meister ging zum Doux und sagte ihm, daß wir zweihundert Kilo Zucker benötigten.

„Gut, gut,“ erwiderte Senjor Doux, „werde ich gleich bestellen.“

Aber er bestellte nicht, nur um ein paar Tage länger das Geld in der Tasche behalten zu können. Dann kam eine Stunde, in der überhaupt kein Zucker da war und wir uns mit den Kellnern herumschlugen, die in die Backstube kamen, um auch noch den letzten Rest von Zucker für das Café herauszuholen, wo die Gäste vor leeren Zuckerdosen saßen. Dann sauste Senjor Doux los, um rasch den Zucker heranzuschaffen. Wir konnten mit unsrer Bäckerei dann stehen und warten, konnten nicht weiterarbeiten, bis der Zucker da war, konnten aber auch nicht zu Bett gehen, weil die Ware noch fertig werden mußte und wir auf den Zucker zu warten hatten.

So ging es mit den Eiern. Da waren fünfhundert Kisten bestellt. Die kamen auch. Dann, wenn wir an den letzten fünfzig Kisten arbeiteten, sagte der Meister dem Senjor Doux: „Eier müssen bestellt werden.“

„Hat es nicht Zeit bis morgen?“ fragte Doux.

„Ja, bis morgen hat es Zeit, aber dann müssen sie bestellt werden.“

„Gut denn“, sagte Doux, und er war recht zufrieden, daß er bis morgen warten durfte.

Am folgenden Vormittag hatte der Meister dann wieder reinzulaufen. „Es wird aber höchste Zeit, übermorgen sind wir fertig mit den Eiern.“ Diesmal fragte Doux nicht, ob es Zeit habe bis morgen, sondern er wartete selbst auf eignes Risiko bis morgen. Und dann kam richtig die Stunde, wo wir umherstanden und auf die Eier zu warten hatten.

Und ebenso ging es mit dem Eis. Das Speiseeis sollte bis zwei Uhr fertig sein. Die Masse hatten wir längst fertig. Aber das Roheis kam nicht, weil Doux es zu spät bestellt hatte. Dann kam es statt um eins um drei oder um vier, und wir hatten zu warten und umherzustehen, weil wir nicht Schluß machen konnten, ehe das Eis fertig war für das Café.

So wurde mit unsrer Zeit gewüstet. Es war nicht alles reine Arbeitszeit, nein, es war verwüstete Zeit, die wir nutzlos vergeuden mußten, nur weil Senjor Doux ein paar Stunden länger sein Geld behalten wollte, und weil unsre Arbeitszeit, unsre Lebenszeit ja nicht für Stunden, sondern für die ganze Woche von ihm gekauft wurde. Und jede Minute unsres Lebens gehörte ihm, nicht uns. Er bezahlte dafür.

Wenn es uns nicht gefiel, gut, wir konnten ja gehen. Wir konnten gehen und verhungern. Arbeitsgelegenheit war rar. Und die Arbeit, die zu haben war, wurde von den Eingeborenen weggeschnappt, die es für einen Lohn taten, von dem man nicht leben kann, selbst wenn man Eingeborene davon mit ihren Familien leben sieht. Was blieb einem übrig? Verhungern oder tun, was dem Herrn beliebte. Mit den Kellnern konnte er nicht mehr tun, was ihm beliebte. Wir hatten jetzt alles das mit zu übernehmen, was er an ihnen nicht verüben konnte. Wir waren Gesindel. Wenn wir gingen, zwanzig andre warteten, überselig, in eine Bäckerei zu kommen, wo es nicht nur Brot reichlich zu essen gab und Kuchen, nein, wo es sogar Mahlzeiten gab, so gut, wie sie diejenigen, die als Arbeiter für die Bäckerei in Frage kamen, nie auf ihrem Tische gesehen hatten.

Die Kellner waren Mexikaner oder Spanier, intelligente Burschen, aufgeweckt und rührig. Aber wir in der Bäckerei waren zusammengelesenes Gesindel, ohne Familie, ohne Wohnort. Einige konnten nicht einmal Spanisch sprechen. Die Arbeitsverhältnisse und Löhne boten auch nicht die geringste Anziehungskraft für Arbeiter, die Klassenstolz haben. Bürgerstolz hatten wir schon. Aber mit Bürgerstolz kann man die Lebensverhältnisse des Arbeiters nicht verbessern. Denn Bürgerstolz hat der Unternehmer selbst genug, und er weiß, wie er ihn zu seinen Gunsten zu gebrauchen hat. Das ist sein Schlachtfeld, wo er jeden Kniff kennt und jeden Angriff mit Erfolg zu parieren versteht. Wir strebten nur danach, etwas zu sparen und dann einen kleinen Handel anzufangen oder das Reisegeld zusammenzubekommen, um nach Colombia zu gehen. Wir versuchten aus dem Acker, den wir bebauten, soviel herauszuholen wie nur möglich. Ob die, die nach uns auf diesem Acker sich ansiedeln mußten, darauf verreckten, das war uns gleichgültig. Jeder ist sich selbst der Nächste. Ich grase einmal ab und ziehe auch noch die Wurzeln mit heraus, wenn das Gras nicht langt. Nach uns die Sündflut. Was gehen mich meine Mitsklaven an?

Senjor Doux und alle seine Geschäftskollegen in der Stadt verstanden es schon, uns jede Möglichkeit zu nehmen, nachdenken zu lernen. Es ist ja hier Neuland. Jeder hat nur einen Gedanken: Reich zu werden, recht rasch reich zu werden; ohne Rücksicht darauf, was aus dem andern wird. So machen es die Ölleute, so die Minenleute, so die Kaufleute, so die Hotelbesitzer, so die Cafeterios, so jeder, der ein paar Kröten hat, etwas auszubeuten. Wenn er kein Ölfeld, keine Silbermine, keine Ladenkundschaft, keine Hotelgäste ausbeuten kann, so beutet er den Hunger der zerlumpten Arbeiter aus. Alles muß Geld bringen, und alles bringt Geld. In den Muskeln und Adern hungernder Arbeiter liegt das Gold genau so gut aufgespeichert wie in den Goldminen. Goldminen auszubeuten, erfordert oft große Kapitalien und ist häufig mit einem großen Risiko verknüpft. Die Goldminen, die hungernde Arbeiter in ihren Kadavern tragen, sind bequemer auszubeuten als unsichere Ölfelder, wo man zehnmal auf zweitausendfünfhundert Fuß bohren kann mit großen Kosten und nichts als tote Brunnen macht. Solange der Arbeiter seine Knochen rühren kann, ist er kein toter Brunnen. Da ist der Ungar Apfel. Er kam her mit einigen hundert Pesos und fand keine Arbeit. Dann mietete er sich eine kleine Baracke und kaufte sich bei einem Althändler Werkzeuge und bei einem andern Althändler altes Blech. Davon machte er Eimer und Wassertanks.

Eines Tages kam ein Amerikaner vorbei und sagte: „Können Sie mir nicht einen Tank machen?“

„Den kann ich machen, wenn Sie mir hundert Pesos Vorschuß geben“, erwiderte Apfel.

Er konnte ihn aber nicht machen.

Dann traf er in einer chinesischen Speisewirtschaft einen hungrigen und zerlumpten Landsmann aus Budapest, der vor der Blutgier des Herrn Horthy hatte fortrennen müssen. Der kam in die Wirtschaft und kam auch an den Tisch Apfels und fragte bescheiden mit einem paar Brocken Spanisch, ob er nicht das halbe Brötchen da haben könne, das Apfel noch auf dem Teller liegen habe, und das abgeräumt werden sollte.

„Nehmen Sie es“, sagte Apfel. „Was sind Sie denn für ein Landsmann?“

„Ungar“, antwortete der Mann.

Und nun sprachen sie Ungarisch.

„Suchen Sie Arbeit?“ fragte Apfel.

„Ja, schon lange, aber es ist nichts zu kriegen.“

„Nein, es ist nichts zu kriegen“, bestätigte Apfel. „Aber ich kann Ihnen Arbeit verschaffen.“

„Wirklich?“ sagte der Mann erfreut. „Ich wäre Ihnen ja so dankbar dafür.“

„Aber es ist vierzehnstündige Arbeitszeit.“

„Das macht nichts,“ erwiderte der Mann, „wenn es nur Arbeit ist und ich zu essen habe.“

„Der Lohn ist auch nicht hoch. Nur gerade zwei Pesos fünfzig.“

„Damit wäre ich schon zufrieden.“

„Dann kommen Sie nur morgen früh dort hin“, sagte Apfel und machte dem Manne klar, wo er seine Werkstatt habe. „Da arbeite ich auch, ich habe da einen kleinen Kontrakt übernommen.“

„Da bin ich ja recht froh, daß ich mit einem Landsmann zusammenarbeiten kann.“

„Das dürfen Sie auch,“ sagte Apfel, „denn irgend jemand anders stellt Sie nicht ein. Es ist durchaus keine Arbeit zu haben.“

Der Mann kam und fing an zu arbeiten. Und er arbeitete tüchtig. Vierzehn Stunden am Tage. In tropischem Lande. In einer Holzbaracke unter einem Wellblechdach. Man kann eine solche Arbeit nicht beschreiben. Man kann nur dabei zusammenbrechen oder ein Skelett werden.

Zwei Pesos fünfzig den Tag. Fünfzig Centavos für die Nacht in einem Bett, nein, kein Bett, ein Holzgestell, über das ein Stück Segeltuch gespannt ist. In einer Lumpenherberge, wo Wanzen und Tausende von Moskitos die Nacht zur Hölle machen. Fünfzig Centavos für Mittagessen beim Chinesen und fünfzig Centavos für Abendessen beim Chinesen. Zwanzig Centavos für ein Glas Kaffee und zehn Centavos für zwei trockene Brötchen. Ein paar Zigaretten den Tag. Ein Glas Eiswasser für fünf Centavos oder auch zwei oder drei im Laufe des Tages. Dann geht auch das Hemd in die Brüche, die Schuhe waren schon hinüber, ehe er anfing zu arbeiten, und ein Paar neue kosten einen vollen Wochenlohn, ein Hemd zwei Tage Lohn, vorausgesetzt, man ißt nichts. Das geht zwei Wochen, das geht drei Wochen, das geht vielleicht sogar vier Wochen. Dann muß er ins Hospital gebracht werden. Als Landarmer. Vielleicht kann man den Konsul zahlen machen, vielleicht nicht. Malaria, Fieber, wer weiß was. Zwei Tage darauf kommt er in eine Holzkiste und wird verscharrt.

Apfel hat aber seinen Kontrakt erfüllt und drei neue Tanks in Auftrag bekommen. Er findet immer wieder hungernde Landsleute. Wenn es keine Ungarn sind, dann Österreicher, oder Deutsche, oder Polen oder Böhmen. Sie schwirren ja nur so herum. Alle sind ihm ja so dankbar dafür, daß er ihnen Arbeit gibt, jetzt nur noch zwölf Stunden den Tag, weil er modern wird und kein Ausbeuter ist. Aber zwei Pesos fünfzig und dem Antreiber drei Pesos fünfzig. Denn den Antreiber braucht er, weil er – es sind nur gerade vier Jahre, seit er den ersten Tank baute – im eignen Auto spazierenfährt und sich im amerikanischen Viertel ein schönes Haus bauen ließ.

Auch die Knochen der Landsleute, denen man Wohltaten erweist, und die infolge der Wohltaten, infolge der Überarbeit, infolge der Schlafhöhlen, in denen sie ihre Nächte verbringen, infolge der schlechten Ernährung dutzendweise am Fieber verrecken und als Niemand verscharrt werden, kann man zu Gold machen.

In Budapest schreiben die Zeitungen: „Unser Bürger Apfel hat durch Tatkraft und Unternehmungsgeist da drüben in wenigen Jahren ein Riesenvermögen gemacht.“ Möchten doch die Zeitungen immer so genau die Wahrheit drucken wie in diesem Falle. Reichtümer über Nacht werden hier gemacht! Das ist richtig. Man hat nichts weiter nötig, als die Goldminen auszubeuten.

Und die Fremden können es am leichtesten. Wenn ihnen von den Nichtlandsleuten ein Strich durch die Rechnung gemacht werden soll, dann stehen sie unter dem Schutze ihrer Hohen Gesandtschaft, und das freie Amerika droht mit dem militärischen Einmarsch.

8

Wir schliefen nicht in einer Lumpenherberge, aber doch auch in einer Schlafhöhle. Haus konnte man es nicht gut nennen. Es war eine große Holzkiste mit einem Blechdach. Das Licht kam nur durch die Tür herein und durch die Fensterluken, die weder Glas noch Drahtgaze hatten. Es führte eine Holztreppe hinauf in den Raum, sechs Stufen. Unter dem Hause lagen alte Eierkisten und leere Schmalzdosen, alte Stricke und morsche Lumpen. In der Regenzeit war das alles ein wüster Schlamm und eine wundervoll ideale Brutstätte für Hunderttausende von Moskitos.

Der Raum war gerade groß genug, daß man zwischen den Klappgestellen, die man Betten nennen muß, weil sie es vorstellen sollen, vorbeigehen und sich dazwischen ankleiden konnte. Der Raum diente nicht nur uns zum Aufenthalt, sondern auch großen Eidechsen und fingerlangen Spinnen. Außerdem trieben sich da noch immer drei Hunde herum. Einer von ihnen war immer krank und hatte die Räude oder so etwas Ähnliches. Er sah grauenerregend aus. Wenn er sich besserte, bekam der andre die Krankheit. Aber die Hunde liebten uns sehr, und darum jagten wir sie nicht fort. Sie waren oft unser einziges Vergnügen, wenn wir keine Zeit hatten, mal auf die Straße zu gucken, sondern nur gerade so auf die Segelleinwand fielen und vor Übermüdung nicht einschlafen konnten.

Hin und wieder wurde der Raum von einem von uns ausgefegt. Gescheuert wurde er nie. Da aber das Dach leckte, so bekamen wir reichlich Wasser in die Bude, wenn ein tropischer Wolkenbruch losging, was im letzten Monat der Regenzeit alle halbe Stunde geschah. Wir wurden dann natürlich auch naß, und unser Schlafen bestand dann darin, daß wir immerfort aufstehen mußten, um das Schlafgestell unter eine Stelle des Daches zu schieben, wo wir glaubten, daß da kein Regen hindurch käme. Aber der Regen folgte uns mit beharrlicher Bosheit, wohin wir uns auch verkrochen.

Wir hatten jeder ein Moskitonetz. Aber das klaffte an einem halben Dutzend Stellen auseinander. Und die Moskitos fanden nicht nur die klaffenden Stellen sehr leicht, sondern ebenso leicht und sicher jene Stellen, wo wir glaubten, da könne kein Loch sein. Wir nähten an den Netzen herum, so gut wir konnten. Aber am nächsten Tage war es neben dem alten Loch wieder aufgerissen. Man darf ruhig sagen, jedes Netz bestand nur aus großen Löchern, die durch morsche Stoffetzen zusammengehalten werden, damit die Löcher auch wissen, wo sie hingehören.

Außerdem besaßen wir jeder ein sehr schmutziges Kopfkissen. Und jeder hatte eine zerlumpte Decke. An der Wand hing ein alter Spiegel in einem Weißblechrahmen und einige Photographien von nackten, ganz nackten Mädchen und andre Photographien von Vorgängen, die in vielen Ländern von dem Staatsanwalt beschützt werden. Diese Photographien hier hätte keine noch so moderne Kunstkommission verteidigen können, weil sie mit Kunst absolut nichts, dagegen mit Naturvorgängen alles zu tun hatten. Aber in einem Lande, wo man solche schönen Sachen in jedem anständigen Laden kaufen kann, und wo sie ein zehnjähriger Junge genau so leicht kaufen kann wie ein alter Seemann, macht niemand damit Geschäfte, weil sie niemand interessieren, und weil sie niemand kauft. Nur Verbotenes interessiert. Wir sahen auch nichts Besonderes daran, wir hatten keine Zeit dazu.

Zwischen neun und zwei Uhr konnte man sich in dem Schlafraum nicht aufhalten, man wäre sofort Dörrfleisch geworden. Aber in dieser Zeit hatten wir ja darin nichts verloren, sondern da arbeiteten wir vor den Backöfen. Und gerade dann immer, wenn es so schön kühl zu werden begann, daß man herrlich schlafen konnte, mußte man raus.

Die Arbeit an sich war nicht schwer, das könnte ich nicht sagen. Aber fünfzehn bis achtzehn Stunden ununterbrochen auf den Beinen sein, unausgesetzt hin und her rennen, sich bücken und strecken, Dinge da hinstellen und dort forttragen, macht viel mehr müde, als wenn man acht Stunden sehr schwer arbeitet und an eine Stelle gebunden ist. Dann ging es immerwährend: „Flink, flink, das Rundgebäck aus dem Ofen. Rasch, Teufel noch mal, die Bleche gefettet. Kreuzdonner, den Schläger in die Rührmaschine geschraubt, schnell, schnell, ich muß Schnee haben. Die Masse ist versalzen, fix, fix, weg damit, neue angesetzt. Ich brauche zwei Kilo Glasur, habe ich Ihnen doch vor einer Stunde schon gesagt. Ja, Himmelelement, haben Sie denn die Zuckerlöse nicht gestern eingekocht? Jetzt sind wir aufgeschmissen! Heiliger Nepomuk, nun rutscht auch noch der José mit der Eismasse aus, und die Suppe schwimmt auf dem Zement. Danke schön, José, das geht heute wieder bis sechs, wenn solche Schweinereien gemacht werden.“

Das war ein immerwährendes Hetzen und Jagen und Kommandieren und Rennen. Ich bin sicher, daß ich täglich meine vierzig Kilometer da bin und her raste. Und dann der ewige Wechsel. Kaum war ein neuer angelernt, schon ging ein andrer wieder fort. Das Anlernen hielt am meisten auf. Senjor Doux sagte dann: „Nun habt ihr zwei neue Leute bekommen, die ich bezahlen muß, und ihr schafft doch nicht mehr. Was hat es da für Zweck, überhaupt neue einzustellen? Es kommt ja nichts heraus dabei.“

Er hatte schon recht, aber es kam doch nie einer, der etwas vom Backen verstand. Man mußte ihnen jeden einzelnen Griff zeigen, sogar wie sie ein Blech oder den Mehllöffel anzufassen hatten. Und ehe man es ihnen zeigte, hatte man es zehnmal selbst gemacht. Manche begriffen es ja rasch. Manche aber standen ewig im Wege herum und hielten nur auf. Wir bekamen einen Konditor, der mit dem einfachsten Blätterteig nicht fertig wurde, und doch konnte er Zeugnisse vorzeigen, daß er in ersten Konditoreien gearbeitet hatte.

Es waren nur die Fremden, die ausländischen Arbeiter, an denen Senjor Doux verdienen und die er ausbeuten konnte. Die mexikanischen Arbeiter ließen sich nicht so ausbeuten. Sie machten das zwei, drei, höchstens vier Wochen mit, dann sagten sie: „Das ist zu viel Arbeit“ und hörten auf. Dann hatten sie aber auch genügend Geld, daß sie einen kleinen Handel mit Zigaretten, Kaugummi, Ledergürteln, Revolvertaschen, Backwaren, Zuckerwaren, kandierten Früchten, frischem Obst oder ähnlichen Dingen anfangen konnten. Der Handel brachte ihnen vielleicht nur einen Peso durchschnittlich im Tag, aber sie richteten sich damit ein und waren freie Männer, die nicht andern Leuten ihre Knochen verkauften. Manche dieser kleinen Händler kamen immer höher rauf, bis sie sich in einer winkligen Nebengasse ein dunkles kleines Lokal mieten konnten, das sie zu einem Laden einrichteten. Wir dagegen blieben immer versklavt. Wir gaben uns mit dem Peso Reingewinn, den wir als freie Männer hätten machen können, nicht zufrieden. Wir verdienten ja auch viel mehr. Einen Peso und fünfzig Centavos den Tag und Essen und Wohnung. Und wir stellten höhere Ansprüche an das Leben. Jene Leute, die nur gerade so lange arbeiteten, bis sie genügend verdient hatten, um sich selbständig zu machen, gaben sich mit einer Zwirnhose für drei Pesos fünfzig Centavos zufrieden. Eine solche Hose war uns natürlich nicht gut genug. Unsre mußte sieben oder acht Pesos kosten. In einer andern glaubten wir uns nicht sehen lassen zu können, ohne unsre Würde als Weißer zu verlieren. Jene freien Leute kauften rohe Stiefel für sieben oder acht Pesos. In solchen Stiefeln konnten wir nicht über die Straße gehen. Wie hätte denn das ausgesehen? Schon der Mädchen wegen konnten wir das nicht tun. Unsre Stiefel kosteten nie unter sechzehn oder achtzehn Pesos. Wir waren ja auch Weiße. Und um das bleiben zu können in den Augen der übrigen Weißen, der Amerikaner, der Engländer, der Spanier, mußten wir Sklaven bleiben. Adel verpflichtet. Nirgends mehr als in tropischen Ländern, die eine eingeborene Bevölkerung haben so groß, daß die Weißen nur einen kleinen Prozentsatz ausmachen.

Freilich, wenngleich wir uns auch die größte Mühe gaben, Kaste zu behalten, wir lebten dennoch in einer merkwürdigen Schwebestellung. Die Amerikaner, Engländer und Spanier zählten uns nicht zu ihresgleichen. Für die waren wir doch nur das dreckige Proletariat, und das blieben wir auch. Zu den Mischblütigen gehörten wir auch nicht. Für die waren wir die fremden Bettler, der Schlamm, der den wohlhabenden Weißen in der ganzen Welt nachfolgt und ihnen an den Fersen haftet, wohin sie auch immer gehen. Diese Großen machen natürlich den Schlamm, aber wenn sie ihn wegräumen sollen, dann gehen sie heim.

Zu den reinblütigen Eingeborenen gehörten wir auch nicht. Auch diese wollten nichts mit uns zu tun haben. Alle diese und sieben Achtel der Halbblütigen waren Proleten wie wir, aber es trennte uns doch eine Welt voneinander, die nicht überbrückt werden konnte. Sprache, Volksvergangenheit, Sitten, Gebräuche, Anschauungen, Ideen waren so trennend, daß sich kein gemeinsames Band zeigen konnte.

Laßt es gehen, wie es will. Laßt uns leben. Und das wollen wir.

9

Wir hatten wieder mal Lohn ausbezahlt bekommen. Osuna und ich gingen einkaufen. Er kaufte einen neuen Hut, Hemd und neue Stiefel; ich legte mir eine neue Hose und ein Paar schöne braune Schuhe zu. Wir gingen gleich nach Hause und zogen das an. Dann sagte Osuna: „Was tun wir denn mit dem Geld, das wir jetzt noch übrig haben?“

„Das möchte ich wissen“, sagte ich. „Ich habe mir auch schon Gedanken darüber gemacht. Überflüssige Sachen zulegen, hat gar keinen Zweck.“

„Nein, das hat gar keinen Zweck“, bestätigte Osuna.

„Das Geld hier in der Tasche behalten, wäre eine Dummheit“, fuhr ich fort.

„Das wäre gewiß eine sehr große Dummheit“, gab Osuna zu. „Es wird einem ja doch gleich gestohlen.“

„Es auf die Bank zu tragen, halte ich auch nicht für gut“, erklärte ich.

„Wir würden uns damit nur lächerlich machen, wenn wir mit unsern paar Pesos da angerückt kommen und sagen, daß man uns damit ein Konto eröffnen soll“, sagte Osuna, und er hatte recht.

„Zweifellos würden wir uns damit unsterblich blamieren“, unterstrich ich die kluge Bemerkung Osunas. „Außerdem ist die Bank jetzt schon geschlossen. Während der Geschäftsstunden haben wir auch gar keine Zeit hinzugehen.“

„Was sollen wir nur tun mit dem Geld? Auf Tequila habe ich gar keinen Appetit.“ Das sagte Osuna.

„Ich kann ihn nicht riechen.“ Das sagte ich.

„Wissen Sie, was wir tun könnten?“ fragte Osuna.

„Ja?“

„Wir könnten runtergehen zu den Senjoritas.“

„Das Beste, was wir tun können“, antwortete ich. „Dann wissen wir wenigstens, wo unser Geld geblieben ist, und wir können es auch gar nicht besser anlegen.“

„Richtig“, sagte Osuna. „Da sprechen Sie die Wahrheit. Wir sehen ja jetzt ganz anständig aus und können uns da sehen lassen. Immer die Backstube vor Augen oder die Kammer, da wird man noch ganz verrückt.“

„Ja,“ sagte ich, „und die Photographien tun es auch nicht für immer. Ich glaube überhaupt, wir müssen uns mal nach einigen neuen Photographien umsehen. Ich kann diese Frauenzimmer nun bald nicht mehr angucken.“

„Ich auch nicht“, gab Osuna zu. „Es ist beinahe so, als ob man mit ihnen verheiratet wäre. Sie mischen sich bereits in alles rein, und sie scheinen sich in der Tat um alles zu bekümmern, was wir tun. Ich bin es nun leid. Man kennt sie schon zu gut, und ich will mal andre Gesichter sehen.“

Osuna stand auf von dem Rand des Bettgestells, ging zur Wand und riß die ganzen schönen nackten Frauen herunter. Dann legten wir jeder einen Peso beiseite, versteckten die beiden Pesos in einem alten Schuh und machten aus, daß wir morgen nachmittag neue Frauen und neue „Vorgänge“ kaufen würden, um unsre einsamen Kammerwände damit zu zieren und unsre Phantasie nicht verhungern zu lassen. Um auch die richtige Auswahl treffen zu können und zu wissen, was am eindrucksvollsten auf unsre Phantasie wirken könne, machten wir uns jetzt elegant und suchten nach den Wirklichkeiten des Lebens, wo es nicht nüchtern, sondern schön ist, ohne der Betäubung durch den Tequila zu bedürfen.

Es war bereits Abend geworden. Wir hatten ziemlich weit zu gehen, denn die Senjoritas wohnten am Rande der Stadt. Sie bewohnten ein ganzes Viertel für sich allein. Das war ihnen ebenso lieb wie den Männern, die nach der Schönheit des Lebens suchten, ohne Verpflichtungen dafür übernehmen zu müssen, wenn sie die Schönheiten genießen dürfen.

Es tönte uns gleich Musik entgegen und frohes Lachen. Mit jedem Schritt, den wir näher kamen, vergaßen wir mehr und mehr die Trockenheit und die Stumpfheit des Lebens. Die entsetzliche Nüchternheit des Lebens kann man auch im Tequila vergessen, aber doch nicht so. Es bleibt immer ein wüster Strudel im Kopf zurück und ein dickes dreckiges Gefühl im Munde. Nein, Schönheit ist, wo Musik ist und rotbemalte Mädchenlippen lachen.