Chapter 14 of 17 · 3961 words · ~20 min read

Part 14

„Als die erste Woche herum war, wollten wir unsern Lohn haben. Da sagte der Farmer, er könne nur jedem einen Peso geben. Wenn wir Ware brauchten, so könnten wir das aus seinem Laden beziehen. Da nahmen wir auch Ware, weil wir sie brauchten. Von dem Tage an gab er uns überhaupt kein Geld mehr, sondern immer nur Bons für seinen Laden. Und da setzte er uns Preise an, doppelt so hoch als in der Stadt. Tabak, den wir in der Stadt für achtzig Centavos kauften, berechnete er uns mit einem Peso vierzig. Ein Hemd, das in der Stadt drei Pesos kostete, berechnete er mit fünf Pesos. So ging das mit Mehl, mit Bohnen, mit Kaffee, na, kurz mit allem. Als wir dann mit der Ernte fertig waren, wollten wir abrechnen und unser Geld haben. Da sagte er ganz trocken, er hätte selber kein Geld, wir könnten für das ganze Geld, das uns noch zustände, Ware haben. Was sollten wir aber mit der Ware machen? Geld brauchten wir vor allem, um wieder zur Stadt zurückkommen zu können.“

„Und bekamt ihr das Geld?“

„Nein, wir mußten laufen. Er blieb uns den ganzen Lohn schuldig. Er sagte, wir sollten unsre Adresse einschicken, dann wolle er uns das Geld im Oktober schicken. Er hat nie einen Centavo geschickt, ist den Lohn heute noch schuldig. Wir haben gerade für das lausige Essen die acht Wochen gepflückt. Und was für Essen? Sie wissen ja, was man sich da kocht, und was man ißt. Sie haben ja gepflückt.“

„Da läßt sich auch gar nichts dagegen tun“, sagte ich.

„Nein, die kriegen immer wieder Leute. Immer wieder andre. Immer wieder andre Dumme, immer wieder andre, die in der Stadt vor dem Verhungern stehen, und die ehrlich arbeiten wollen. Wir haben ja nun in einigen Staaten sehr tüchtige Gouverneure, die von den Arbeitern gewählt wurden, von den Sozialisten und von den Syndikaten. In San Luis Potosi und in Tamaulipas. Die Gouverneure haben nun vor kurzem in den Arbeiterversammlungen gesprochen und zugesagt, daß sie hier energisch eingreifen wollen. Der Gouverneur von Tamaulipas arbeitet ein Dekret aus, daß jeder Baumwollfarmer fünfundzwanzig Pesos hinterlegen muß für jeden Pflücker, und daß er für jeden Pflücker das Bahngeld für die Hin- und Rückreise bezahlen muß. Das ist wenigstens ein Anfang. Bis jetzt konnten die mit den armen Teufeln machen, was sie gerade wollten. Wenn sie dann keine Pflücker kriegen und überall herumschreien, daß ihnen die Ernte verfault, dann sagen sie, das Landarbeitersyndikat sei schuld und das müßte ausgerottet werden. Dann reden sie von den faulen Indianern und den Peons, die lieber als Banditen leben, als daß sie anständig arbeiten wollen. Mich fängt keiner mit dem Schwindel. Baumwollpflücken? Ich? Ich denke nicht, daß Sie mich für einen solchen Dummkopf halten. Lieber stehlen oder krepieren. Haben Sie schon einmal hier einen armen Farmer gesehen? Ich nicht. In den ersten drei Jahren vielleicht, da geht es ihm etwas hart. Aber wenn er das Land erst einmal durch hat, dann ist es sicherer als eine Goldmine. Dann aber wollen sie auch gleich noch Diamantminen daraus machen dadurch, daß sie die Arbeiter um den Lohn betrügen. Cabrones!“

Ich denke, daß Osuna durchaus recht hatte. Und ich nahm mir vor, meine Laufbahn als Baumwollpflücker für immer abzuschließen. Es kam nichts dabei heraus. Und es war so zwecklos. Was kümmerte mich denn der Baumwollbedarf Europas? Wenn sie Baumwolle da drüben haben wollen, so mögen sie herüberkommen und sie sich selber abpflücken, damit sie einmal erfahren, was es heißt: Baumwolle pflücken. Mit dieser neuerkämpften Lebensweisheit belastet, verließ ich Osuna und ging rüber zu der Kaffeebar, um Kaffee zu trinken und zwei Hörnchen zu essen.

Neben mir saß ein Amerikaner, ein älterer Mann, sicher Farmer.

„Suchen Sie nach was?“ fragte er, als ich über die Bar hin und her guckte.

„Ja, nach dem Zucker“, sagte ich. Er reichte mir die emaillierte Zuckerbüchse.

„Das meinte ich eigentlich nicht, als ich fragte“, sagte der Mann lächelnd. „Ich meinte vielmehr, ob Sie etwas verdienen wollen?“

„Das will ich immer“, erwiderte ich.

„Haben Sie schon mal Rinderherden blockiert?“ fragte er jetzt.

„Ich bin auf einer Viehfarm groß geworden.“

„Dann habe ich Arbeit für Sie.“

„Ja?“

„Eine Herde von tausend Köpfen, achtzig Stiere darunter, dreihundertfünfzig Meilen über Land bringen. Abgemacht?“

„Abgemacht!“ Ich schlug in seine Hand. „Wo sehe ich Sie?“

„Hotel Palacio. Um fünf. In der Halle.“

15

Einfach mit der Bahn können Viehherden nicht befördert werden. Das Land ist groß, die Strecken sind so weit, daß die Frachten die Herden auffressen. Das Füttern und Tränken hat gleichfalls seine Schwierigkeiten. Es muß herangeschafft werden zu den Stationen, Futterleute müssen angenommen werden. Durch den langen Transport geht das Vieh auch herunter. Es kann am Ende so kommen, daß der Viehzüchter noch draufzahlen darf, wenn die Reste der Herde am Bestimmungsmarkte angelangt sind.

So bleibt nichts andres übrig, als die Herden über Land zu treiben. In den europäischen Ländern ist das eine ziemlich einfache Sache. Aber hier gibt es keine Straßen. Es müssen Gebirge überstiegen werden, Sümpfe umgangen, Flüsse gekreuzt werden. Man muß stets Wasser zu finden verstehen, weil die Herden sonst zugrunde gehen, und man muß täglich Weidegründe erreichen.

„Was, dreihundertfünfzig Meilen?“ fragte ich Mr. Pratt, als wir uns zur Verhandlung niedergesetzt hatten. „Luftlinie?“

„Ja, Luftlinie.“

„Verflucht. Das können dann sechshundert Meilen werden.“

„Das glaube ich nicht“, erwiderte Mr. Pratt. „Soweit ich Erkundigungen einziehen konnte, läßt es sich nahe an der Luftlinie halten.“

„Was mit der Bezahlung?“ fragte ich.

„Sechs Pesos den Tag. Ich stelle Pferd und Sattelzeug. Beköstigen müssen sie sich selbst. Ich gebe Ihnen sechs von meinen Leuten mit, Indianer. Der Vormann, ein Halbblut, geht auch mit. Er ist ein ganz tüchtiger Mann. Verläßlich. Ich könnte ihm die Herde vielleicht anvertrauen. Aber besser nicht. Wenn er alles unterwegs verkauft und wegrennt, kann ich nichts machen. Seine Frau und seine Kinder wohnen bei mir auf dem Rancho. Aber das ist keine Sicherheit. Suchen Sie mal hier jemand im Lande. Und ich möchte ihm auch nicht soviel Geld mitgeben. Ohne Geld kann ich ihn nicht abschicken; da sind so viele Ausgaben unterwegs. Es ist nicht gut, die Leute zu verführen. Selber kann ich nicht so lange fortbleiben vom Rancho. Wenn man es weißt, dauert es nicht lange, und die Banditen sind herum. Nun hätte ich gern einen weißen Mann, der den Zug übernimmt.“

„Ob ich so ehrlich bin, wie Sie denken, das weiß ich nicht. Noch nicht“, sagte ich lachend. „Ich verstehe es auch, mit einer Herde durchzubrennen. Sie haben mich doch gerade hier auf der Straße aufgegriffen.“

„Ich sehe den Leuten ins Gesicht“, sagte Mr. Pratt. „Aber, um ganz ehrlich zu sein: So auf gut Glück gehe ich ja nun auch nicht. Ich kenne Sie.“

„Sie mich? Ich wüßte nicht woher.“

„Haben Sie denn nicht bei einem Farmer mit Namen Shine gearbeitet?“

„Allerdings“, bestätigte ich.

„Da habe ich Sie gesehen. Sie gingen dann zu den Ölleuten zur Ablösung eines Drillers. Na?“

„Stimmt. Ich erinnere mich aber nicht, daß ich Sie gesehen hätte.“

„Tut nichts. Aber Sie sehen, daß ich Sie kenne. Und Mr. Shines Wort, daß ich mich auf Sie verlassen kann, trotzdem Sie sich immer um Streiksachen kümmern –“

„Ich? Fällt mir gar nicht ein. Was kann ich denn dafür, daß immer zufällig da, wo ich bin, die Hölle losgeht. Ich mische mich nie rein.“

„Lassen wir das beiseite. Bei mir haben Sie keine Gelegenheit. Sie haben den Kontrakt und sind kein Arbeiter. Sie übernehmen es, die Herde zu transportieren, und ich übernehme es, Ihnen das Geld vorzustrecken und Ihnen Tagesdiäten zu zahlen.“

„Kontrakt? Ganz gut. Aber was mit der Kontraktprämie?“ fragte ich.

Mr. Pratt schwieg eine Weile, dann nahm er sein Notizbuch, rechnete und sagte: „Ich habe zwei Meilen vom Markt, wo ich sie zum Verkauf bringen will, eine Weide gepachtet. Sie ist aufgezäunt. Wenn ich die Herde in der Weide halten kann, brauche ich nicht die Preise zu nehmen, sondern kann meinen Vorteil wahrnehmen, bis man mir kommt. Wahrscheinlich kriege ich mehrere Schiffsladungen in Auftrag. Andernfalls verkaufe ich dutzendweise. Macht bessern Preis, als wenn ich die ganze Herde auf einmal losschlagen muß. Ich werde mal sehen. Ich habe einen guten Kommissionär da, der schon jahrelang mit mir arbeitet und immer gute Preise geholt hat.“

„Das ist alles ganz gut,“ flocht ich ein, „aber das alles hat nichts mit meinem Kontrakt und meiner Prämie zu tun.“

„Well, für jeden Kopf, den Sie gesund durchkriegen, bezahle ich Ihnen extra sechzig Centavos. Wenn Sie weniger als zwei Prozent Verlust haben, noch einmal hundert Pesos.“

„Und das Risiko?“

„Was Sie mehr verlieren als zwei Prozent, dafür ziehe ich Ihnen pro Kopf verlorenes Vieh fünfundzwanzig Pesos ab“, sagte Mr. Pratt.

„Warten Sie einen Augenblick“, sagte ich. Ich rechnete rasch auf einem Zeitungsrand und antwortete dann: „Abgemacht. Einverstanden. Geben Sie mir den Kontraktzettel.“

Er riß ein Blatt aus seinem Büchlein aus, schrieb mit Bleistift die soeben vereinbarten Bedingungen auf, unterschrieb den Zettel und gab ihn mir. „Ihre Adresse?“ fragte er.

„Meine Adresse?“ sagte ich. „Ja, meine Adresse, das ist so eine Sache. Sagen wir hier, sagen wir: Hotel Palacio.“

„Gut.“

„Wie ist denn das? Ist der Transport schon ausblockiert?“ fragte ich.

„Nein, es ist noch nicht ein Kopf ausblockiert. Wir nehmen einen kleinen Prozentsatz Einjährige und in der Masse Zwei- und Dreijährige. Vierjährige habe ich nicht viel. Ein paar können Sie mithaben. Beim Ausblockieren helfe ich Ihnen.“

„Ist alles gebrannt mit Ihrem Zeichen?“

„Alles, damit haben wir nichts zu tun.“

„Was mit den Leitstieren?“

„Das ist die Sache. Da müssen Sie zusehen, wie Sie die kriegen.“

„Ist recht. Werden wir schon einangeln.“

Mr. Pratt stand auf: „Nun wollen wir erst einen gießen, und dann lade ich Sie zum Abendessen ein. Nachher habe ich Privatgeschäfte.“ Diese Privatgeschäfte kümmerten mich nicht.

Als wir uns nach dem Abendessen trennten, fragte Mr. Pratt, wieviel ich Vorschuß haben wolle. Ich sagte ihm, daß ich nichts brauche.

„Was, Sie brauchen keinen Vorschuß?“ fragte er erstaunt. „Das kommt mir aber doch recht merkwürdig vor. Wo haben Sie denn das Geld gemacht?“

„In der Spielbank.“

„Da werde ich heute abend später auch mal hingehen, vielleicht gewinne ich Ihren Lohn und Ihre Prämie.“

„Von mir aber nicht,“ sagte ich, „denn ich komme nicht. Ich halte, was ich habe.“

„Von Ihnen wollte ich es auch nicht holen. Den andern will ich es abnehmen. Da sind immer so verrückte Kerle drin, die aus den Kamps hereinkommen, die können es nicht schnell genug hergeben. Ich mache Solotisch mit zweien oder dreien dieser Vögel. Wenn Sie lernen wollen, wie das gemacht wird, dann kommen Sie hin und sehen Sie zu“, riet er mir.

„Ich habe kein Interesse“, sagte ich und ging meiner Wege.

16

Am nächsten Morgen früh um fünf reisten wir ab. Wir hatten sechzehn Stunden mit dem Schnellzug zu fahren. Die Züge haben nur erste und zweite Klasse, weil man hier nicht so viele Kastenunterschiede macht wie in vierklassigen Ländern. Die erste Klasse kostet wenig mehr als das Doppelte der zweiten. Man reist aber in der zweiten ebenso rasch wie in der ersten und keineswegs sehr unbequem. In der ersten Klasse sind die Sitze an den Längsseiten, aber man sitzt quer zur Zugrichtung. In der Mitte ist der Gang, der durch den ganzen Zug führt. In der zweiten Klasse, wo die eingeborene ärmere Bevölkerung reist, sind an beiden Längsseiten durchgehende Bänke, und man sitzt mit dem Rücken gegen die Wand des Abteils. In der Mitte sind Quersitze, und an jeder Seite zwischen den langen Bänken und den Quersitzen führt der Gang. Die Lokomotiven, gigantische Maschinen, werden nur mit Öl geheizt. Hinter dem Tender folgt der Expreßgutwagen und ferner der Gepäckwagen mit der Post. Dann folgen zwei lange Wagen zweiter Klasse, dann ein langer Wagen erster Klasse und endlich der Pullman-Wagen für die Schlafgäste.

Im ersten Wagen zweiter Klasse sitzt in jedem Zuge eine Abteilung Soldaten von etwa zwölf bis achtzehn Mann mit geladenen Gewehren, geführt von einem Offizier. Wegen der Banditenüberfälle auf Züge sind die Soldaten notwendig. Es kommt trotzdem vor, daß die Züge von Banditen überfallen werden. Dann entwickelt sich zwischen den Soldaten und den Banditen eine Schlacht, die einige Stunden dauert und eine gute Anzahl Tote kostet. Bei diesen Überfällen werden die Reisenden ausgeraubt, jedoch nie getötet, es sei denn, daß sie bewaffneten Widerstand leisten. Abgesperrte Bahnübergänge, Bahnwärter und so etwas gibt es nicht. Die Züge sausen mit rasender Geschwindigkeit durch das unübersehbare Land, durch Dschungel und Busch, über Prärien und über Gebirge, die mit ewigem Schnee bedeckt sind. Über weite Schluchten sind Brücken gezogen, vierzig, fünfzig, sechzig Meter hoch, viele Kilometer lang. Und die Brücken sind nur aus Holz, und der Zug rast in schwindelnder Höhe darüber hinweg.

Die Bahnstrecke ist nicht abgezäunt. Rinderherden, Pferde, Esel, Maultiere und Wild treiben sich in der Nähe der Bahnstrecke umher und weiden oder ruhen mitten auf dem Geleise. Dann heult der Zug schauerlich, um die Tiere zu verscheuchen. Manchmal stehen sie auf und rennen davon; manchmal rühren sie sich nicht, und der Zug muß halten, und ein Zugbeamter steinigt die Tiere hinweg. Dann wieder laufen die Tiere direkt in den rasenden Zug oder sie werden übersehen. An der ganzen langen Zugstrecke sieht man zu beiden Seiten der Geleise die Skelette der Tiere liegen. Verwundete, denen die Füße abgefahren sind oder der Leib aufgerissen wurde, liegen verdurstend, den Tod erwartend in der tropischen Sonnenglut. Niemand, der vorbeikommt, tötet sie und erlöst sie von ihren Qualen, weil der Besitzer vielleicht irgendwo lauert; denn wenn man das Tier tötet, muß man ihm das Tier bezahlen, als ob es lebend wäre, und er darf einen außerdem noch zum Gericht schleppen, wo man wegen unerlaubter Tötung eines Tieres mit fünfzig oder hundert Pesos oder gar mehr bestraft wird.

Wenn man annimmt, daß man nicht beobachtet wird, hält man dem armen Tier den Revolver ans Ohr. Dann aber muß man laufen. Mitleid an Tieren üben ist kostspielig. Ich habe einmal einem Esel, der neben dem Bahngleise im Busch lag und dem der eine Huf abgefahren war, eine Schüssel mit Wasser gebracht, als die Sonne im Mittag stand. Die dankbaren Augen des Tieres sind mir unvergeßlich. Aber ob ich es ein zweites Mal tun werde, wenn Hütten nicht weit entfernt sind, weiß ich nicht. Am Abend, als die Sonne unterging, starb das Tier. Es hatte auch noch innere Verwundungen. Ich stand in der Tienda und trank eine Limonade. Da kam ein Halbblut rein und sagte zu mir: „Der Esel da drüben am Geleise gehört mir. Sie haben ihm heute mittag vergiftetes Wasser gegeben. Der Esel ist jetzt tot. Sie werden mir den Esel bezahlen. Sie haben ihn vergiftet. Sie haben ja hier den ganzen Nachmittag zu den Leuten herumerzählt, es sei eine Schmach, daß man dem Tier nicht einen Erlösungsschuß gebe.“

Das Wasser war natürlich nicht vergiftet, denn ich hatte es aus dem Trinkwasser-Tank der Familie des Tienda-Besitzers genommen. Und der Besitzer der Tienda bestätigte das auch dem Halbblut. Dieser Bursche wußte natürlich recht gut, daß ich dem armen Tier kein Gift gegeben hatte. Schließlich einigten wir uns, daß ich ihm fünf Pesos für seinen Esel bezahlte und eine Flasche Bier und ein Päckchen Tabak. Wenn nicht der Tienda-Mann und einige Indianer, die in der Kantine waren, mir beigestanden hätten, wäre mein angewandtes Mitleid eine teure Sache geworden.

Entlang der Geleise hocken die Geier in Schwärmen und warten auf die Beute. Sie begnügen sich auch mit Katzen, Hunden, Schweinen. Weite Strecken dient das Bett der Eisenbahn ganzen Maultier- und Eselskarawanen als Straße, weil die Straße, die nebenher führt, oft nicht mehr zu finden ist, denn der Dschungel oder der Busch hat sie verschlungen.

Die Bahn hat nur ein Geleise. Etwa je fünfzig Kilometer voneinander entfernt sind große Wassertanks errichtet, wo die Lokomotiven wieder frisch aufgefüllt werden können. An vielen Stationen wird kaum gehalten, besonders wenn keine Reisenden aussteigen oder einsteigen. Dann fliegt nur der Postsack heraus, und der andre wird hineingepfeffert. Auch die Eisblöcke, die in Säcke eingenäht sind und festumpackt mit Hobelspänen und Sägespänen, um das Eis vor dem Zerschmelzen zu schützen, werden einfach hinausgefeuert. Der Empfänger wird sich schon darum kümmern.

Die Fahrkarten kann man auf den Stationen kaufen oder im Zuge. Kauft man sie im Zuge, muß man fünfundzwanzig Prozent mehr zahlen. Diesen Aufschlag braucht man nicht zu zahlen, wenn die Station keinen Fahrkartenverkauf hat. Viele Stationen brauchen nach fünf Uhr abends keine Karten zu verkaufen, damit sie nach Eintreten der Dunkelheit kein Geld im Gebäude haben, was den Agenten das Leben kosten kann. Auch in diesem Falle wird im Zuge nur der Normalpreis erhoben. Die Karte wird einem nach einer Weile im Zuge wieder abgenommen, und der Schaffner steckt einem ein kleines Kärtchen in das Hutband, auf das er die Kilometerzahl geschrieben hat. So hat er seine Gäste alle unter schöner Kontrolle.

Die Soldaten sitzen meist mit ihren Lesefibeln da, in denen sie buchstabieren. Sie sind ausschließlich Indianer und können nur in ganz seltenen Fällen lesen und schreiben. Aber sie haben einen brennenden Ehrgeiz, es zu lernen. Einer hilft dem andern, und wenn der eine nur gerade gelernt hat, wie man „eso“ schreibt, so ist er ganz aufgeregt, es seine Kameraden auch zu lehren.

Um acht oder halb neun wird zum Frühstück gehalten auf einer Station, die schon eine belebte Stadt genannt werden darf. Wir stiegen aus und gingen in das Bahnhofslokal. Natürlich wieder ein Chinese. Wenn man doch endlich mal ein Restaurant finden möchte, das keinem Chinesen gehört.

„Da wundern sich die Leute noch,“ sagte Mr. Pratt, während uns chinesische Kellner den Kaffee und die gebackenen Eier mit Schinken hinstellten, „daß die Anti-China-Bewegung hier in dem Lande, wo man sonst keinen Rassenhaß kennt, immer größeren Umfang annimmt. Aber jedes Restaurant, das sie nur ergattern können, erwerben sie, und gierig warten sie auf jeden Neuen, der Pleite machen muß, weil er sich gegen sie nicht halten kann. Sie nisten sich ein wie Ungeziefer. Sollen sich nicht wundern, wenn das mal eine blutige Nacht gibt.“

„An der Pazifikküste habe ich eine erlebt“, erzählte ich ihm. „Kostete achtundzwanzig Chincs das Leben. Und niemand wußte, wer es getan hat. Aber sie sind nicht gegangen. Sie übernehmen das Risiko.“

„Das ist es ja eben,“ erwiderte Mr. Pratt, „was ich mit Ungeziefer sagen wollte. Sie sind wie die Läuse.“

Wir standen auf, zahlten und gingen ein wenig auf dem Bahnsteig spazieren. Dutzende von Händlern liefen herum und boten alles mögliche an, von dem man nicht glauben möchte, daß es auf Bahnsteigen angeboten werden könnte. Papageien, junge Tiger, Tigerfelle, lebende Rieseneidechsen, Blumen, Singvögel, Apfelsinen, Tomaten, Bananen, Mangos, Ananas, Zuckerrohr, kandierte Früchte, zerbröckelnde Schokolade, Tortillas, gebratene Hühnchen, geröstete Fische, gekochte Riesenkrebse, die in ihrer runden, spinnenähnlichen Gestalt grauenerregend aussehen, aber sehr gut schmecken, Flaschen mit Kaffee, mit Zitronenwasser, mit Pulque. Zerlumpte und barfüßige Indianermädchen liefen am Zuge entlang und boten sich als Dienstmädchen und Köchinnen an. Es ist für die zwanzig oder dreißig Minuten, während der Zug hier steht, ein Leben auf der Station wie auf dem tollsten Jahrmarkt. Der Gegenzug kommt meist am Abend hier vorbei, aber da warten die Gäste schon auf die nahe Großstadt und sind müde und abgespannt von der Fahrt. Während der übrigen Zeit des Tages ist eine solche Station, die augenblicklich sinnverwirrend erscheint, totenstill. Sie glüht müde in der Sonne. Nur die Güterzüge bringen ein wenig Bewegung unter die Beamten; aber alles ist träge und schläfrig. Das Leben ist konzentriert auf die zwanzig Minuten am Morgen. Wer in diesen zwanzig Minuten sein Geschäft nicht gemacht hat, muß diesen Tag aus seinem Leben als einen erfolglosen Tag streichen.

Mittags kamen wir in eine größere Station, wo der Zug etwa vierzig Minuten zum Mittagessen hielt. In der Bahnhofswirtschaft – richtig wieder Chinesen – standen an mehreren großen Tischen schon dreißig Gedecke bereit. Die halbe Anzahl Teller war schon mit Suppe gefüllt. Mit einem raschen Blick hatte der Inhaber heraus, auf wieviel Gäste er rechnen könne. Manche aßen kein Dinner, sondern sie ließen sich nach der Karte bedienen. Sie kamen schlechter dabei weg. Die Portionen waren weder größer noch besser, aber teurer, als wenn sie im Dinner gingen.

Dann kam der lange, der ermüdend lange Nachmittag der Fahrt. Der Zug sauste immer durch die gleiche Landschaft. Dschungel, Prärie, Busch. Der Gegenzug, der hier an der Mittagsstation kreuzte, hatte die Morgenzeitungen der entgegengesetzten Stadt mitgebracht. Sie wurden im Zuge verkauft. Man konnte sonst noch alles mögliche im Zuge haben: Bier, Wein, Limonade, Schokolade, Früchte, Süßigkeiten, Zigaretten, Zigarren. Alle Getränke waren geeist, und wer kein Geld hatte, bekam gutes reines Eiswasser umsonst, das er sich selbst holte.

Abends um neun stiegen wir auf einer kleinen Station aus. Es war die Heimatstation des Mr. Pratt. Wir gingen in die Kantina, die gleichzeitig das Hauptpostamt war. Mr. Pratt begrüßte den Kantina-Besitzer, einen Senjor Gomez, und stellte mich ihm vor.

Na, zu essen, was man woanders essen nennen würde, gibt es in solchen Kantinas nicht. Aber man kann nicht verhungern. Man kann sich das schönste Essen zusammenstellen. Wir nahmen eine Büchse Vancouver Salm, einige Büchsen spanische Ölsardinen, einige Büchsen Wiener Würstchen (gemacht in Chikago), eine Büchse Kraftkäse (die Marke heißt Kraft, aber der Käse ist trotzdem gut und kräftig, wenn auch teuer wie ein Stück Gold), und endlich nahmen wir noch ein Paket Crackers, weil es Brot oder Brötchen nicht gibt. Was sollte man damit auch auf dem Lande anfangen? Den Tag darauf ist es wie Stein oder völlig verschimmelt oder innen und außen voll von kleinen roten Ameisen. Diese Crackers sind viereckige Biskuits, so groß wie eine Handfläche, und ich habe den Fabrikanten sehr stark im Verdacht, daß er mit diesen Crackers die Christen an den Geschmack der Matze gewöhnen will. Als mir mal jemand Matze zu kosten gab, sagte ich zu ihm: „Schwindeln Sie mich doch nicht an, das ist ja ein Klotz-Cracker.“ Ja, also so schmeckt das Zeug. Entsetzlich nüchtern und nichtssagend. Aber was andres gibt es nicht. Und wenn man nicht zu den indianischen Tortillas hält, sind diese Crackers wohl das gesündeste Brot in den Tropen; denn europäisches oder gar deutsches Brot würde einem hier den Magen umdrehen und in einer Woche auf den Cementerio bringen. Der Cementerio ist der Platz, wo man hier die Toten begräbt, ein Platz, den man woanders Friedhof nennt.

Aber an Friedhof dachten wir nicht, denn wir machten uns mit dem Senjor Gomez über seinen Bier- und Tequila-Vorrat her. Wir waren zwar nach einer angemessenen Frist dann auch tot, jedoch nicht reif zum Begraben. Wir wickelten uns in unsre Decken und legten uns auf den Boden des Billardraumes in der Kantina. Senjor Gomez hatte es besser. Er ging zu seiner Frau und lag weicher als wir.

17

Mit diesem Gedanken an eine Frau oder an die Frau im allgemeinen – so genau weiß ich das nicht mehr – schlief ich ein, und mit dem Gedanken an eine bestimmte Frau wurde ich am nächsten Morgen geweckt. Diese Frau war Mrs. Pratt. Sie war vom Rancho mit dem Ford gekommen, um in der Kantina einiges einzukaufen. Bei dieser Gelegenheit fand sie ihren Ehegatten, den sie noch nicht erwartet hatte, und sie fand ihn in einer Verfassung, die sie am allerwenigsten erwartet hätte.

Wie das immer so geht, solange die Welt aufgebaut ist, es ist stets der Unschuldige, der leiden muß. Ich war der Unschuldige, und ich mußte infolgedessen leiden. Mr. Pratt war das Muster eines Ehemannes, und ich, den er irgendwo im Schlamm aufgelesen hatte, war der nichtswürdige Bube, der ihn verlockt, verführt und ihn in den Sumpf geworfen hatte. Denn er, der brave Mr. Pratt, tat so etwas nie.

Als wir gingen, gab Mr. Pratt Senjor Gomez einen Wink. Männer verstehen den Wink sofort, besonders wenn die beiden, zwischen denen der Wink ausgetauscht wird, Ehemänner sind, die mit ihren Frauen gern in Frieden leben.

„Sie hatten also so viele Ölsardinen und dann noch das und das und –“

Der Wink kam wieder.

„– und Sie hatten zwei kleine Flaschen Bier, und hier der Mr. Gale hatte vier. Ja, das ist alles. Ich habe die Flaschen genau angekreuzt.“