Chapter 13 of 17 · 3983 words · ~20 min read

Part 13

„Wir“, antwortete Osuna. „Vielleicht was dagegen? Nur sagen. Wir sind gerade in der Stimmung. Ich denke doch, daß wir mit unsern Bildern machen können, was wir wollen.“

„Das habe ich nicht gewußt, daß das eure Bilder waren. Die hättet ihr doch nicht zu zerreißen brauchen“, sagte ein andrer.

„Solche unanständigen Bilder mag ich nicht leiden“, antwortete Osuna. „Wenn ihr so etwas vor Augen haben wollt, kauft sie euch. Wir brauchen keine Bilder, was Gale?“

„Nein, wir haben solche Bilder nicht nötig, glücklicherweise nicht“, unterstützte ich Osuna. Und ich tat es mit voller Überzeugung.

Dann gingen wir zu Senjor Doux und verlangten unser Geld, das wir noch zu kriegen hatten. Er gab es uns nicht und sagte, wir sollten morgen wiederkommen.

„Ihr Morgen kennen wir reichlich“, gab ich ihm zur Antwort.

Osuna stellte seinen Sack auf den Boden, lehnte sich ein wenig über das Büfett, hinter dem Senjor Doux stand, und sagte ziemlich laut:

„Wollen Sie uns jetzt sofort unser Geld geben oder nicht? Oder soll ich erst die Polizei hereinholen, daß Sie uns unsern verdienten Lohn auszahlen?“

„Schreien Sie doch nicht so, daß die Gäste aufmerksam werden“, sagte Senjor Doux leise und griff in die Hosentasche, um das Geld herauszunehmen. „Ich zahle Ihnen ja, ich bin Ihnen doch nie einen Centavos Lohn schuldig geblieben. Wollen Sie noch eine Flasche Bier trinken?“

„Können wir machen“, erwiderte Osuna. „Wir sind nicht zu stolz dazu.“ Wir setzten uns an einen Tisch, und ein Kellner brachte uns zwei Flaschen Bier.

„Das Bier wollen wir ihm nicht schenken, diesem Geizkragen“, sagte ich. „Er hat sicher geglaubt, wir würden nein sagen, sonst hätte er es uns nicht angeboten.“

„Sicher nicht,“ meinte Osuna, „deshalb habe ich ja auch ja gesagt. Ich habe gar keinen Appetit darauf.“

Warum wir gingen, danach fragte Senjor Doux nicht. Solche plötzlichen Abschiede kamen bei ihm zu häufig vor, als daß er sich darüber aufgeregt hätte. Ebensowenig fragte er uns, ob wir nicht bleiben möchten. Er wußte wohl, daß es bei uns ebenso erfolglos gewesen wäre wie bei früheren Abschieden.

Er ging zur Kasse, wo seine Frau stand, und holte das Geld für uns. Dann brachte er es an unsern Tisch, legte es hin und verschwand wieder hinter dem Büfett, ohne noch etwas zu sagen, und ohne nochmals zu uns rüberzusehen.

Dann gingen wir zu einem indianischen Kaffeestand, wo wir ein Glas Kaffee tranken und die Frau fragten, ob wir nicht unsre Säcke hier bis zum Morgen unterstellen könnten. Dann würden wir wiederkommen, bei ihr frühstücken und die Säcke abholen.

Danach gingen wir wieder zu den Senjoritas, wo es angenehmer war als in der Backstube.

Am nächsten Tage, nachdem wir den Vormittag über uns auf den Bänken der Plaza herumgedrückt hatten, gingen wir zu einer Casa de Huespedes, wo wir jeder ein Bett belegten für fünfzig Centavos und unsre Säcke in dem Kofferraum abgaben.

Bett ist ja nun auf keinen Fall richtig. Einzelne jener Betten waren von dem Muster unsrer Bäckerbetten, also Hängematten aus Segelleinen, die in einem Scherengestell aufgespannt waren. Wir aber bekamen bessere Betten. Das waren Drahtmatratzen, die durchgelegen waren, so daß man immer in einer Höhle lag, wo man so zusammengepreßt war, daß man kaum atmen konnte. Die Unterlage war so dünn und zerschlissen, daß man den Draht fühlte, und da man ja nicht viel Fleisch am Körper hatte, kerbte sich der Draht in die Knochen. Und das war ein recht angenehmes Gefühl. Diese Betten könnten in einer Folterkammer gute Dienste leisten.

Da war ein weißüberzogenes Kopfkissen und ein weißes Leinenlaken in jedem Bett. Aber da diese weiße Leinenwäsche nur jede Woche oder alle drei Wochen gewechselt wurde, während der Bettgast jeden Tag wechselte, so waren die Sachen eigentlich nicht weiß, sondern fettig, fleckig und streifig. Außerdem gehörte zu jedem Bett eine Decke, die sicher nie gewaschen und nie geklopft wurde. Es wurde nicht gelaust, und niemand wurde untersucht, ob er krank sei. Wer sein Bett bezahlte, durfte darin schlafen, ob er von den Läusen bald aufgefressen wurde, ob er Syphilis, Tuberkulose, Malaria, Leprose, Krätze, schwarze Pocken oder sonst etwas hatte.

Die Schlafräume lagen zu ebener Erde. Türen hatten sie nicht, oder es waren nur noch die Reste ehemaliger Türen vorhanden. Man trat vom Hofe unmittelbar in den Schlafraum. Jeder Schlafraum hatte sechs bis acht Betten. Die Betten standen kreuz und quer im Raum, gerade wie sie am besten Platz fanden. Ein Raum lag neben dem andern, so daß die Räume eine lange Reihe bildeten. Am Ende der Reihe schloß sich im rechten Winkel wieder eine Reihe an und an diese wieder eine Reihe, so daß also der ganze viereckige Hof mit Schlafräumen eingezäunt war. Die Vorderfront bildete ein großes zweistöckiges gemauertes Haus mit der stolzen Inschrift „Continental-Hotel. – Bäder zu jeder Tages- und Nachtzeit“. Hier in diesem Vordergebäude waren die Zimmer für einen Peso; in jedem Raume standen zwei Betten. Diese Betten hatten Moskitonetze, während die billigen keine hatten.

Viel wert waren die Netze nicht, weil sie große Löcher hatten. Außerdem war in dem Gewebe der Atem von Tausenden von verschiedenen Menschen aufbewahrt.

Bäder konnte man in der Tat zu jeder Nachtzeit bekommen. Es waren Brausebäder, und jedes Bad kostete fünfundzwanzig Centavos. Dafür bekam man Seife und Handtuch und einen Bastwisch zum Abreiben dazu geliefert. In diesen Baderäumen wimmelte es von riesengroßen Schaben. An der Wasserrohrleitung war kein Hahn, den man einstellen konnte, so daß das Wasser laufen konnte. Man hatte eine Kette zu ergreifen und an der zu ziehen. Beim Baden konnte man also nur immer eine Hand zum Waschen gebrauchen, während man mit der andern an der Kette ziehen mußte. Wusch und seifte man sich mit beiden, so mußte man die Kette loslassen und das Wasser hörte auf zu laufen. Das wurde getan, um Wasser zu sparen; denn Wasser ist hier ein kostbarer Artikel.

In den billigen Schlafräumen gab es alles erdenkliche Ungeziefer und alle möglichen Insekten der Tropen, alles natürlich in tropischen Ausmaßen, nur die Moskitos waren klein. Die großen widerlichen Schaben liefen in den Betten umher und an den Wänden auf und ab, als ob ihnen die Räume gehörten.

Die Reihen der billigen Schlafräume waren alle aus dünnen Brettern erbaut, die halb zerfault waren. Die Dächer waren aus Wellblech und bei manchen Räumen aus Pappe. Ob sie aber aus Blech oder aus Pappe waren, alle leckten, wenn es regnete, so fürchterlich, daß an ein Schlafen nicht zu denken war.

Die Gäste alle rauchten. Und da es ja nicht ihr Haus war, so flogen die ganze Nacht hindurch die glühenden Zigarettenstummel und brennenden Zündhölzer in den Räumen herum. Die Zündhölzer hier sind aus Wachs und brennen schön weiter, wenn man sie weggeworfen hat. Aber trotzdem sind Feuer sehr selten. Wenn sie ausbrechen, brennt alles nieder, weil die Feuerwehr zwar die modernsten Löschmaschinen besitzt und sehr gut gedrillt ist, aber kein Wasser hat. Nur gerade so viel Wasser, wie in den fahrbaren Maschinen mitgeführt wird.

Die Fußböden waren alle zertreten und morsch und faul. Ratten und Mäuse hatten ideale Heime und trugen die Beulenpest umher.

Die billigen Schlafräume waren immer voll besetzt, die teuren für einen Peso standen zur Hälfte immer leer.

Wir kamen, gaben einen Namen an, der eingeschrieben wurde, und erhielten unsre Raum- und unsre Bettnummer. Dann legten wir uns schlafen, nachdem wir ein Brausebad genommen hatten.

Gegen acht Uhr abends standen wir auf und gingen wieder in die Stadt. Das Bett gehörte uns noch für die kommende Nacht, und wir brauchten nicht noch einmal dafür zu bezahlen.

Bedürfnisanstalten gibt es hier nicht, dafür müssen alle Wirtschaften, die darauf eingerichtet sind, jedem, auch wenn er nichts verzehrt, die Benutzung gestatten. Aber manche Wirtschaften haben selbst keine Einrichtung dafür, weil sie keinen überflüssigen Raum haben. Dann muß sogar der Besitzer in ein Nachbarrestaurant gehen.

Das war der Grund, daß ich in eine Bar kam. Ein Riese von einem Mann stand an dem Büfett und trank Tequila. Er hatte hohe Reitstiefel an mit Sporen. Sein Gesicht war sehr roh, und er trug einen mächtigen Hindenburgbart.

„Hallo!“ rief er, als ich wieder hinausgehen wollte. „Suchen Sie Arbeit?“

„Ja. Was für welche? Wo?“

„Baumwolle pflücken. In Concordia. Mr. G. Mason. Zahlt den üblichen Pflückerlohn. Bahnstation. Kostet drei Pesos sechzig.“

„Sind Sie beauftragt, Leute anzunehmen?“

„Natürlich, sonst würde ich es Ihnen doch nicht sagen.“

„Gut, geben Sie mir einen Zettel.“

Er ließ sich ein Stück Papier von dem Wirt geben, nahm ein Bleistiftstümmelchen aus seiner Hemdtasche und schrieb den Zettel aus.

Ich las den Zettel: Mr. G. Mason, Concordia. Dieser Mann kommt zum Pflücken. L. Wood.

Als ich später Osuna traf und ihn fragte, sagte er mir, daß er nicht mitkäme. Am nächsten Morgen fuhr ich ab.

Ich kam an und fand Mr. Mason. Auf dem Felde waren viele Pflücker tätig, und die Arbeit hatte schon tüchtig angefangen.

Als Mr. Mason meinen Zettel sah, sagte er: „Mr. L. Wood? Kenne ich nicht. Hat keinen Auftrag von mir, Pflücker anzunehmen. Kann gar keine brauchen. Habe genug.“

„Sie sind doch Mr. G. Mason?“ fragte ich.

„Nein, ich bin W. Mason.“

„Wohnt hier in der Nähe ein Mr. G. Mason?“ fragte ich.

„Nein“, antwortete der Farmer.

„Dann sind Sie doch damit gemeint“, sagte ich. „Das mit dem G. ist dann nur ein kleiner Irrtum. Sie pflücken doch. Wie kann denn Mr. Wood oder ganz gleich wie er heißt wissen, daß hier ein Mr. Mason wohnt, der Baumwolle baut und jetzt gerade mit dem Pflücken beginnt?“

Der Farmer machte ein unbestimmtes Gesicht und sagte dann: „Das weiß ich auch nicht. Jedenfalls kenne ich keinen Mann namens Wood, und mein Vorname ist nicht G., sondern W.“

„Schöne Sache,“ sagte ich, „einem so das Geld aus der Tasche zu lotsen für die Eisenbahnfahrt, wenn man schon so gut wie nichts hat. Ich will Ihnen etwas sagen, Mr. Mason, etwas stimmt hier nicht, und es ist an dieser Stelle hier schwer herauszukriegen, wer der verfluchte Gauner ist, der einen um seine Zeit und sein Geld betrügt.“

„Wenn Sie wollen, können Sie ja hier anfangen zu pflücken,“ lenkte Mr. Mason nun ein, „aber Sie kommen nicht aufs Geld. Ich habe nur Eingeborene zum Pflücken, und die tun es billig. Sie können auch hier nirgends wohnen.“

„Verstehe auch ohne Hörrohr, was los ist“, sagte ich.

„Haben Sie schon einmal als Zimmermann gearbeitet?“ fragte nun Mr. Mason.

„Ja, das habe ich, ich bin ein geübter Zimmermann.“

Wenn man hier nicht verhungern will, muß man alles sein können, auch wenn man nie eine Axt oder ein Zieheisen in der Hand gehabt hat. Ich jedenfalls hatte keine blasse Ahnung von der Zimmerei. Aber ich dachte, wenn ich erst einmal vor der Arbeit stehe und mir eine Axt gegeben wird, dann geht das übrige schon von selbst. Es kann jemand in England oder in Frankreich oder in Deutschland vier oder fünf Jahre Buchbinder oder Gelbgießer oder sonst was gelernt haben und ein Meister in seinem Fache sein. Das ist hier gar nichts wert, weil selten oder nie ein Buchbinder oder Gelbgießer verlangt wird. Wer bei seinem Handwerk bleiben will wie der Schuster beim Leisten, der bekommt hier nicht einmal verschimmeltes Brot in den Magen. Heute ein Auto reparieren, morgen einen guten Maurer machen, übermorgen Stiefel besohlen, die folgende Woche ein Bohnenfeld pflügen, dann Tomaten in Blechbüchsen konservieren und verlöten, hierauf Werkzeuge schmieden und Drillmaschinen in Ordnung bringen in den Ölfeldern, dann ein Kanu, mit Papayas gefüllt bis zum Sinken, über Stromschnellen und Sandbänke, zwischen Alligatorenherden und durch undurchdringliches Dornengestrüpp tagereisenweit die Flüsse hinunterpaddeln, wenn man das nicht alles nebenbei kann, ist das so mühevoll gelernte Handwerk und das lange Studium des Ingenieurs oder des Arztes nicht so viel wert, daß man sich fünfzig Centavos für ein chinesisches Mittagessen verdienen kann.

„Wenn Sie Zimmermann sind, kann ich Ihnen Arbeit besorgen“, erläuterte Mr. Mason. „Da baut ein Farmer ein neues Haus, und er wird nicht gut damit fertig, weil er nichts von Holzarbeit versteht. Ich gebe Ihnen einen Zettel mit. Es ist nur eine Stunde von der Bahnstation entfernt.“

Ich bin alt genug und lange genug aus den Windeln, um zu wissen, daß niemand einen Zimmermann brauchte, und daß Mr. Mason nur nach einer Gelegenheit suchte, mich recht rasch loszuwerden, damit ich nicht etwa das Reisegeld von ihm verlange. Denn es war kein Zweifel, daß er den Mr. Wood beauftragt hatte, sich nach Pflückern umzusehen. Inzwischen aber hatte er indianische Pflücker angeworben, die es billiger machten, weil sie von Frijoles und Tortillas leben konnten. Das ist der Trick, den sie mit den Arbeitslosen spielen. Überall wird angeworben, weil sie nicht wissen, wer kommt und wer nicht kommt. Überallhin, wo sie einen Bekannten haben, schreiben sie Briefe, daß sie Pflücker brauchen, und von überallher finden sich immer wieder Gutgläubige und Verhungernde, die den letzten Peso für die Bahnfahrt wagen. Der Farmer hat dann die Auswahl, sich die billigsten auszusuchen und den Pflückerlohn zu pressen, weil der arme Teufel nicht mehr fort kann; er muß pflücken und wenn ihm nur drei Centavos für das Kilo geboten werden. Es war zwecklos, sich mit dem Manne lange herumzustreiten. Die einzige Abrechnung wäre gewesen, ihm ein paar in die Fresse zu hauen. Aber er hatte den Revolver in der hinteren Tasche, und Fausthiebe, auch wenn sie noch so gut gezielt sind, bleiben gegen Revolverkugeln zu sehr im Nachteil, als daß es sich lohnte, es mit der nackten Faust gegen nickelplattierte Bleikerne aufzunehmen.

Zur Station mußte ich sowieso zurück. Da konnte ich ja gut bei jenem Farmer einmal vorsprechen. Es war aber schon so, wie ich vermutet hatte. Der Farmer brauchte keinen Zimmermann, er war selbst Zimmermann genug, um mit drei Peons sein Haus wunderschön und dauerhaft aufzubauen. Immerhin, die Nachfrage nach Arbeit brachte mir ein gutes Essen ein. Und der Farmer bestätigte mir auch, daß Mr. Mason ein ganz niederträchtiger Lump sei und jedes Jahr diesen Trick mit der Anwerbung von Pflückern vollführe, um durch die arbeitsuchenden weißen Arbeiter noch mehr auf die Pflückerlöhne der Indianer zu pressen. Denn diese armen Teufel, die kaum eine andre Einnahme an Geld das ganze Jahr hindurch haben, werden ganz klein und duldsam gegenüber den Lohnpressungen, wenn sie selbst Weiße um diese Arbeit betteln gehen sehen.

14

Als ich zur Stadt zurückkam, waren mir von meiner monatelangen Arbeit in der Bäckerei gerade zwei Pesos übriggeblieben.

Was tun?

Ich ging zum Casa, wo ich hoffte, Osuna zu finden. Aber er war nicht da. Vor zwölf ging er nicht zu Bett. Abends war ja das Leben am schönsten, wenn es kühl war und die hübschen Mädchen auf den Plazas promenierten, während die Musikbanden spielten.

Auf keinem der Plazas sah ich Osuna. Also konnte er nur im Spielsaal sein. Der Spielsaal war im oberen Stockwerke eines großen Hauses, das zu ebener Erde eine Bar hatte. Im Spielsaal selbst wurden keine Getränke verabreicht. Es gab nur Eiswasser, das man umsonst erhielt. Gesellschaftskleidung war nicht vorgeschrieben. Ich ging hin, gerade wie ich war, ohne Jacke und ohne Weste. Den Leitern der Spielbank kam es nicht darauf an, was die Besucher auf dem Leibe hatten, sondern was sie in den Taschen hatten, und der, der ohne Jacke und Weste erschien, konnte drei oder sechs oder gar neun Monate Drillerlohn in der Tasche haben. Je verölter und verspritzter seine Hosen, sein Hemd und sein Hut, je verlehmter seine Stiefel waren, desto wahrscheinlicher war es, daß er zwei- oder dreitausend Pesos lose in der Hosentasche trug und zur Spielbank kam, um diese Summe zu verdoppeln.

Auf dem Treppenabsatz war ein kleines Tischchen, wo zwei Männer saßen, die jeden, der hinaufging, beobachteten. Sie kannten jeden Besucher, und sie hatten eine feines Gedächtnis für die, denen der Besuch untersagt war, weil sie sich nicht zu benehmen verstanden. Es kam vor, daß jemand behauptete, der Bankhalter habe ihn übervorteilt. Ohne zu streiten, zahlte der Bankhalter die fünf, zehn oder zwanzig Pesos, um die der Streit ging, sofort aus, auch wenn die Bank durchaus im Recht war. Aber der Mann durfte nie wieder den Saal betreten. Die Bank betrog nicht. Es waren nur immer die Gäste, die zu betrügen versuchten. Die Bank wußte, daß sie bessere Geschäfte machte, wenn sie grundehrlich spielte, Karten und Würfel wechselte, sobald ein Spieler nur den leisesten Zweifel äußerte, als wenn sie versucht hätte, durch geschickte Manipulationen den Spielern das Geld aus der Tasche zu holen.

Der Saal war gedrängt voll. Und wären nicht die vielen Ventilatoren gewesen, würde eine unerträgliche Hitze den Aufenthalt unmöglich gemacht haben. Es waren Tische da, an denen Roulette gespielt wurde, an andern wurde gepokert, wieder an andern gab es „Meine Tante – deine Tante“, oder man konnte sein Glück mit „Siebzehn und vier“ wagen. Eine Bank wurde von einem Chinesen gehalten, der Vorstandsmitglied des Jockeiklubs war. Die Spielbank arbeitete unter dem Namen Jockeiklub, und sie war nur Mitgliedern des Jockeiklubs zugänglich. Mitglied des Jockeiklubs war man, sobald man den Saal betrat. Die Regierung schrieb zwar vor, daß jeder Besucher eine ausgeschriebene, auf seinen Namen lautende Mitgliedskarte haben müsse. Aber nach dieser Karte wurde nie jemand gefragt, jedenfalls nie ein Weißer. Nur von den Indianern verlangte man Karten zu sehen, aber die hatten keine, und deshalb wurde ihnen der Zutritt nicht erlaubt. Die farbige Rasse war durch die Chinesen reichlich vertreten, und zwar so reichlich, daß an manchen Abenden die Chinesen die Hälfte der Gäste ausmachten.

Ich hatte schon richtig vermutet. Osuna war anwesend. Er stand an der Würfelbank, wo ein Locker spielte, der von der Bank angestellt und bezahlt wird, um an den Banktischen zu spielen, wo augenblicklich keine Gäste sind. Durch sein Spielen, bei dem er nach jedem Wurf den Einsatz erhöht und endlich Einsätze von fünfundzwanzig Pesos macht, lenkt er die Aufmerksamkeit von Spielgästen, die sich an andern Tischen drängen, zu dieser Bank. Der hohe Einsatz macht die Leute aufgeregt, sie kommen näher, umdrängen den Tisch, um den waghalsigen Spieler zu beobachten. Natürlich gewinnt der Spieler und verliert, genau nach den Gesetzen des Spielerglücks. Aber es ist ja nicht sein Geld, es ist das Geld der Bank, das er setzt. Und die Gäste wissen nicht, daß er zur Bank gehört und nur Anreizspiele macht. Aber es dauert nur wenige Minuten und der Tisch ist von einem Dutzend erregter Männer belagert, die das Fallen der Würfel belauern und in ihrem Innern sofort die Kombinationen ausrechnen, in welchen Intervallen die Zahlen wiederkehren. Sobald sie glauben, die Kombination errechnet zu haben, fangen sie zu setzen an und spielen. Die Würfelbank, die vor kaum zehn Minuten nicht einen Spieler hatte, sondern müßig lag, nur mit dem Bankhalter hinter dem Tisch, ist jetzt der Mittelpunkt des Spielsaales. Jedes Feld ist drei- und viermal besetzt.

Dadurch wurde die Bank mit „Meine Tante – deine Tante“ müßig, und der Bankhalter konnte abrechnen, die Chips auswechseln und die neuen Kartenpacks aufschichten. Wenn er fertig war und der Bankhalter bei den Würfeln vor den Strömen des Schweißes zu keuchen begann, setzten bei der Tanten-Bank zwei Locker ein. Und allmählich ging der Würfelkorb immer langsamer, weil immer langsamer und seltener hier gesetzt wurde, während bei der Tante das Gedränge unheimlich wurde.

In einer Ecke wurde jetzt eine Bank versteigert. Sie wurde angeboten mit fünf Pesos, überboten mit zehn, und sie ging endlich fort mit sechzig Pesos. Ich sah rüber zu dem, der sie gekauft hatte.

„Hölle noch mal, Leary, Mann, wo kommen Sie denn her?“ rief ich hinüber. Es war in der Tat Leary, mit dem ich in Campeche in einem Ölcamp gearbeitet hatte. „Ich drücke den Daumen für Sie, Leary, bis auf dreihundert gegen zwanzig. Einverstanden?“ rief ich ihm zu.

„Einverstanden, Gale“, rief er zurück.

Die Amerikaner, die anwesend waren und es gehört hatten, lachten und kamen alle zu dem Tisch, wo Leary sich jetzt niedersetzte, um die Bank zu übernehmen, die er ersteigert hatte.

Es wurde losgespielt. Leary mußte bluten. Hundert, zweihundert, dreihundert. Er packte das Gold nur immer so raus und schob es fort. Seine Chips waren längst zu Ende.

„Verflucht noch mal, Gale, drücken Sie denn auch, oder was ist?“

„Nur keine Angst, Leary, hauen Sie nur drauf, alles was Sie haben.“

„Gut, mache ich“, rief Leary herüber. „Aber ich schneide ihn ab, wenn Sie mich abflattern lassen.“

„Gehen Sie drauf! Ich stehe Ihnen mit dreihundert gegen Gentleman-Agrément, drauf!“ Ich hatte zwei Pesos in der Tasche.

Und Leary ging los. Vierhundert, fünfhundert, sechshundert, siebenhundert. Sein Gesicht wurde rot wie eine Tomate, und es sah aus, als ob es jeden Augenblick platzen wolle. Er zog ein Tuch aus der Tasche und wischte sich den Schweiß ab. Aufgeregt war er nicht. Es war nur die Emsigkeit der Arbeit, die ihn so stark mitnahm.

Siebenhundertfünfzig.

Die Karten fielen. Die Bank gewann.

Die Karten fielen abermals. Die Bank gewann.

Ich quetschte den Daumen. Die Bank gewann. Leary stand auf: „Ich gebe die Bank ab. Versteigere.“

„Wieviel haben Sie gemacht, Leary?“ fragte ich ihn, als er zu mir kam, um mir die Hand zu geben. Denn wir hatten uns ja nur über den Tisch und über das Gedränge hinweg begrüßt.

„Gemacht? Wieviel? Ich weiß nicht ganz genau. Aber da, nehmen Sie. Gehört Ihnen.“ Er gab mir zweihundert Pesos.

Ich hatte sie ehrlich verdient. Aber er sagte mir nicht, wieviel er gemacht hatte. Für zwanzig hatte er sich verbürgt, falls er gewänne; wenn er mir nun zweihundert geben konnte, so hatte er einen hübschen Haufen in der Hosentasche.

Man nimmt das Geld und fragt nicht, woher es kommt. Man kann doch nicht verhungern. Verhungern ist Selbstmord. Und Selbstmord ist eine Sünde. Aber Sünden soll man nicht begehen, das wird einen schon in der Jugend gelehrt.

Leicht gewonnenes Geld ist rasch ausgegeben. Aber diese zweihundert Pesos waren keineswegs leicht verdient, und ich hielt sie gut zusammen. Ich borgte Osuna fünfzehn Pesos, und er mietete sich einen kleinen Zigarettenstand. Er zahlte für das Tischchen, das mit einem Stück gestreiftem Segeltuch überspannt war, um die Sonnenstrahlen abzuhalten, neun Pesos Miete den Monat.

Jeden Tag einmal kam der städtische Steuereinnehmer vorbei, der den Standtribut einforderte, fünfzehn Centavos. Dafür bekam Osuna ein Zettelchen, das er vorzeigte, wenn der Beamte nachmittags wieder vorbeikam, um bei denen einzukassieren, die am Vormittage nicht bezahlt hatten. Diese Bezahlung des täglichen Tributs war alles, was man mit den Behörden zu tun hatte, wenn man ein Geschäft auf der Straße errichtete.

Wenn das Geschäft mal an einem Tage sehr schlecht ging, dann sagte Osuna zu dem Beamten: „Ich habe heute kaum ein Mittagessen verdient“, dann schenkte ihm der Beamte für diesen Tag die Steuer. Es wird dem Händler geglaubt, wenn er sagt, daß er kein Geschäft gemacht hat; dafür glaubt er auch bei einer andern Gelegenheit wieder der Behörde, wenn die etwas sagt. Vertrauen gegen Vertrauen.

Viel verdiente Osuna nicht. Manchen Tag einen Peso, manchen zwei Pesos. Über zwei Pesos kam er selten. Aber es war leichter als in der Bäckerei. Die Arbeitszeit war freilich die gleiche. Von frühmorgens um fünf bis nachts um zwölf oder eins stand er an seinem Tisch.

Ich holte mir jeden Tag ein oder zwei Pakete Zigaretten bei ihm und verringerte so seine Schuldsumme. Es ging sehr langsam; denn jedes Paketchen kostete nur zehn Centavos, und in jedem Paketchen waren vierzehn Zigaretten. In manchen Paketen war sogar noch ein Gutschein für zehn, zwanzig oder fünfzig Centavos, die Osuna freilich von der Fabrik ersetzt bekam, die er aber doch erst einmal auszulegen hatte. Die Fabrik zahlte ihm für diese ausgeliehene Summe fünf Prozent.

Eines Nachmittags, als ich bei ihm saß und auf der kleinen Kiste hockte, die sein Stuhl war, fragte ich ihn: „Warum sind Sie denn damals nicht mit zum Baumwollpflücken gekommen? Sie hatten doch das Reisegeld so gut wie ich.“

„Eben darum, weil ich das Reisegeld hatte, bin ich nicht mitgekommen. Ich hatte Sie gewarnt, aber Sie wollten mir ja nicht glauben. So leicht werden Sie nun wohl nicht mehr darauf hineinfallen.“

„Man kann nie im voraus wissen, ob es stimmt, oder ob es nicht stimmt. Im vorigen Jahre stimmte es“, erwiderte ich.

„Natürlich kann es auch mal stimmen und wirklich Arbeit da sein und richtiger Pflückerlohn“, bestätigte er mir. „Aber ich habe reichlich Erfahrung. Vor drei Jahren war ich pflücken, bei einem Amerikaner. Wissen Sie, wie es mir ergangen ist?“

„Nein, wie?“