Chapter 12 of 17 · 3994 words · ~20 min read

Part 12

Mit einer Handvoll Dollar kaufte Jeannette ihren Eltern ein Etagenhaus, das im Frieden wenigstens dreihunderttausend Mark wert gewesen war. Sie ließ es auf ihren Namen schreiben – so geschäftstüchtig war sie, das lernt man draußen –, aber alle Einkünfte aus dem Hause ließ sie den Eltern. Dann kaufte sie ihnen noch eine gute Anzahl solider Aktien, die den Kurs immer mitmachen mußten, und hinterlegte sie bei einer guten Bank mit der Anordnung, daß die Dividenden gleichfalls ihren Eltern an den Fälligkeitstagen ausgezahlt werden sollten.

Und dann machte sich Jeannette einige gute Wochen. Die hatte sie auch nach den anstrengenden Jahren ehrlich verdient.

Zum richtigen Genuß dieser guten Wochen gehörte natürlich auch die Mitwirkung des andern Geschlechts. Das gehört immer dazu, sonst kann man schwerlich von einem guten Leben oder von Vergnügen sprechen. Aber Jeannette machte kein Geschäft daraus, und sie suchte sich die Herren aus, mit denen sie sich erfreuen wollte.

Die Familie war in das große Haus gezogen und hatte, mit hoher obrigkeitlicher Genehmigung des Wohnungsamtes, die Mansardenwohnung einnehmen dürfen, die Jeannette auf ihre Kosten zuvor einbauen ließ. Eines Morgens, als der Vater zu ihr in das Schlafzimmer kam, das sie sich eingerichtet hatte, fand er einen Herrn in ihrem Bett. Die beiden Bettgäste hatten lange in einem Restaurant gesessen, reichlich Sekt getrunken, und so war es geschehen, daß der Herr nicht rechtzeitig erwacht war, um sich zu anständiger Stunde angemessen und schweigend zu empfehlen.

Der Vater wollte den Herrn verprügeln oder erschießen oder sonst irgend etwas Grauenhaftes mit ihm angeben. Der Herr hatte Takt, war gut erzogen, und mit äußerster Geschicklichkeit gelang es ihm, sich trotz der Angriffe des Vaters anzukleiden und dann mit Hilfe Jeannettes die Tür und die Treppe zu erreichen.

Damit war er in Sicherheit. Nicht so Jeannette, die nun allein den Angriffen ihres Vaters, der seine Kräfte nicht mehr nach zwei Fronten zu verausgaben brauchte, ausgesetzt war. Die Mutter sprang ihr bei.

Die guten, wohlsituierten Familien, die dort im Hause wohnten, würden von den Ereignissen gar nichts gehört haben, wenn nicht der Vater in seiner gekränkten und schwer beleidigten Bürgerehre sich so blöde betragen hätte, daß die Leute es erfahren mußten, auch wenn sie vielleicht gar kein Interesse daran gehabt hätten, ob Jeannette lieber allein oder in Gesellschaft schlafe.

„Bist du dazu hergekommen, du Hure, daß du uns solche Schande hier vor den Leuten antust?“ brüllte der alte Bartels auf Jeannette ein. „Da wollte ich doch lieber, daß ich mich hier anständig vergiftet hätte, als solche Schmach an meiner eignen Tochter zu erleben. Eine Hure bist du, nichts weiter. Ich verfluche dich, ich sage mich los von dir, ich verstoße dich aus meinem Hause.“

Die Mutter wollte schlichten, aber der Alte wurde dadurch nur noch verrückter. Die Ehre des Fabrikportiers war für ewig in den Kot getreten. Mit Ehren war er grau geworden, wie er hundertmal versicherte, und nun, während er schon mit einem Fuße im Grabe stand, mußte er noch so etwas an seiner Tochter erleben, die er wie einen Engel im Paradiese angesehen hatte.

Jeannette hörte sich das alles an, ohne zu antworten. Es kam ihr so fern vor, so fremd, so lächerlich und so unsagbar dumm zugleich. Es war ihr, als ob das irgendwo auf einer Theaterbühne geschehe, wo sie Zuschauerin sei, und sie fand das Stück herzlich abgeschmackt und unmodern.

Erst als der Vater zum dritten Male wiederholte: „Ich verstoße dich aus meinem Hause. Du bist nicht mehr meine Tochter!“ da begriff sie, daß sie selbst gemeint sei. Und nun legte sie los, und sie sprach viel weniger aufgeregt als der Vater. Sie regte sich überhaupt nicht auf dabei, sondern sagte es in Form einer erregten Unterhaltung: „Deine Tochter? Das Leben hast du mir allerdings gegeben. Aber ich habe dich nicht darum ersucht, und ob ich gerade dich gewählt haben würde, wenn ich gefragt worden wäre, das glaube ich kaum. Denn mit deiner mickrigen Ehrlichkeit und Wohlanständigkeit ist es nicht weit her, wenn sie dir nicht einmal einen Lebensabend verbürgt, wo du wenigstens satt zu essen hast. Dann schon lieber Schneppe, das sage ich dir ganz frei ins Gesicht, oder Bandit oder Einbrecher. – Mit welchem Recht willst du mich denn überhaupt verstoßen? Vielleicht mit dem Rechte meines zufälligen Vaters? Ein schöner Vater bist du mir. Noch niemals in meinem Leben hat jemand Hure zu mir gesagt. Ich hätte ihm das Gesicht zerfleischt. Aber es hat auch nie jemand gewagt, das zu mir zu sagen. Das konntest du nur fertigbringen. Und damit wir nun gleich ganz klar miteinander sind: Du hast recht, ich bin was du sagst. Aber wovon lebst du denn? Womit habe ich dir das Leben gerettet? Mit Hurengeld.“

Der Vater sagte nichts darauf. Er starrte sie nur an. Die Mutter hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und weinte leise vor sich hin. Sie als Frau mit dem feineren Empfinden, das Männern meist versagt ist, hatte wohl schon ein wenig von der Wahrheit geahnt. Aber eine schlichte Lebensklugheit, gewonnen in einem mühseligen arbeitsreichen Leben, hatte sie geleitet, die Dinge nicht unnötig anzutasten, die umfallen können. Die bestimmte Wahrheit nicht zu kennen und nicht zu erforschen, hielt sie für weise und für zweckmäßig. Das Leben ließ sich dann leichter ertragen.

Jeannette war im Zuge, ganze Arbeit zu machen und volle Klarheit zu verbreiten. Dieser Nimbus als Millionärswitwe hatte ihr von Anfang an nicht recht gefallen. Sie hatte es eigentlich auch nicht selbst erfunden, sondern es war so beim Ausfragen nach der Herkunft ihres Reichtums in sie hineingeredet worden. Und sie hatte es gehen lassen damit. Sie dachte sich, wozu große Trommeln rühren für die kurze Zeit, die sie hier auf Besuch war.

„Jawohl, mit Hurengeld“, wiederholte sie mit Nachdruck. „Jede zwei, drei, vier oder fünf Dollar bedeuten einen Mann, der bei mir war. Jetzt kannst du dir ja ausrechnen, wie viele ich hatte, und wie viele ich haben mußte, um dich vor der Gasvergiftung zu retten und deinen ehrlichen Namen zu schützen, damit du und Mutter nicht im Skandalanzeiger und in der Morgenpost als Selbstmörder erschienen. Das hätte dein langes, in Ehren verbrachtes Leben mit einem Schlage verdreckt, denn als Selbstmörder verrecken, ist keine große Ehre. Aber von allen den Männern, die mich besucht haben, hat keiner jemals Hure zu mir gesagt, weder Betrunkene, noch halb verrückte und halb tierische Seeleute, die von langer Fahrt kamen und wie die jungen Stiere sich benahmen. Alle sagten sie einen freundlichen und höflichen guten Abend zu mir, wenn sie mich verließen, und die meisten sagten sogar ein höfliches und ernstgemeintes ‚Herzlichen Dank, Senjorita!‘ Und warum? Weil ich nie jemand betrog. Das, was du vielleicht Ehre nennst, ist nicht meine Ehre. Meine Ehre und mein Stolz sind, daß jeder, der bei mir war, für sein gutes und oft sehr schwer verdientes Geld gute und echte Ware bekam. Ich war das Geld immer wert und bin es heute mit meiner reichen Erfahrung erst recht wert. Und das ist mein Stolz, und das ist meine Ehre, nie jemand zu betrügen.

Na gut, ich bin eine Hure. Aber ich habe Geld, und du mit deinen Ehren hast keins. Heute aber gibt dir niemand etwas für deine Ehre, noch nicht einmal eine gutbezahlte Vertrauensstellung; selbst da mußt du noch Kaution stellen, und wenn ich die nicht vorstrecke, kannst du hier den ganzen Tag in der Bude hocken und Muttern das Leben zur Hölle machen mit deinem ewigen Herumlamentieren. Wenn es dir Vergnügen macht, kannst du ruhig auf die Straße gehen und allen Leuten erzählen, daß die argentinische Millionenwitwe eine Schneppe ist. Ich mache mir nicht so viel daraus, nicht so viel. Ich habe bereits mein Visum. Ich wollte erst in drei Wochen reisen, aber nun fahre ich in einer Stunde schon. Mache mir noch ein paar schöne Wochen in Scheveningen und Ostende – ich kann es mir ja erlauben –, und dann geht es wieder los. Um mein Ziel zu erreichen, brauche ich nämlich noch fünfzehntausend Dollar. Und nun bitte, laß mich allein, ich ziehe mich an und packe meine Koffer.“

Der Vater verließ das Zimmer wie ein Automat; die Mutter blieb noch eine Weile. Aber als die Tochter ihr sagte: „Sieh nach dem Vater, laß ihn nicht allein. Er macht vielleicht Dummheiten. Er begreift ja so langsam, daß es in der Welt verschiedene Wege gibt, um sein Leben zu fristen“, da ging die Mutter auch, und Jeannette packte so rasch, daß sie in kaum einer halben Stunde angezogen und mit ihren beiden gepackten und verschlossenen Koffern in dem kleinen Korridor stand.

Dann sprang sie rasch zur vierten Etage hinunter, wo sie bat, das Telephon benutzen zu dürfen, um ein Auto zu bestellen.

Ehe die Alten überhaupt recht zur Besinnung kamen, was eigentlich los war, tutete unten das Auto, Jeannette rief den Chauffeur herauf, die Koffer zu holen, und als die Koffer heraus waren, öffnete sie ihre Handtasche, legte zweihundert Dollar auf den Tisch, umarmte und küßte ihre Mutter, dann nahm sie, ohne zu fragen, ihren Vater beim Schlafittchen, küßte ihn ab und sagte: „Na, lieber Vater, lebe wohl. Nimm es mir nicht so übel und sei nicht so tragisch. Ich wäre sonst am Typhus gestorben. Und um das Hospital bezahlen zu können und die Injektionen, brauchte ich Geld, und so fing es an. Und als ich raus kam, war ich zu schwach, um arbeiten zu können, und weil ich so abgezehrt aussah, gab mir auch niemand Arbeit, und so ging es dann weiter. Es hat mir das Leben gerettet und dir und Muttern. So, nun weißt du alles und kannst dir den Rest zusammenreimen. Na, lebe wohl. Wer weiß, ob ich dich noch einmal lebend wiedersehe.“

Da fing der Alte an zu weinen, nahm sie in seine Arme, küßte sie und sagte: „Leb’ wohl, Kind. Ich bin halt alt. Das ist alles. Es ist schon gut. Du mußt das besser wissen. Schreibe manchmal. Mutter und ich, wir werden uns immer freuen, wenn wir etwas von dir hören.“

Dann töffte sie ab. Die Alten haben sich mit der Zeit mit dem Hurengelde völlig abgefunden. Jeannette sendet vierteljährlich eine schöne Summer rüber, und die Annahme wird nie verweigert. Ehre entwickelt sich nur und erhält sich nur, wenn man nicht zu hungern braucht; denn das Ehrgefühl richtet sich nach den Mahlzeiten, die man hat, nach denen, die man sich wünscht, und nach denen, die man nicht hat. Darum gibt es drei Hauptklassen und drei verschiedene Ehrbegriffe.

„Und dann“, erzählte mir Jeannette weiter, „bin ich nach Santiago gekommen, darauf nach Lima und endlich hierher. Man muß schon etwas können und muß schon gute Männerkenntnis haben, wenn man hier Geschäfte machen will. Die Konkurrenz ist groß.“

„Das können Sie doch nicht für immer betreiben, dieses Geschäft“, sagte ich.

„Natürlich nicht“, erwiderte Jeannette. „Das Traurigste unter diesem Himmel ist eine alte Dame, die hier vor der Tür sitzen oder auf und ab wandern muß und sich zu Dingen hergeben muß, die wir mit energischer Handbewegung ablehnen. Ich mache mit, bis ich sechsunddreißig bin, und dann wird Schluß gemacht. Ich habe gespart und habe nie gelumpt. Wollen Sie wissen, wie hoch mein Bankguthaben hier auf der amerikanischen Bank ist? Sie würden es ja doch nicht glauben, und es tut ja auch nichts zur Sache. Dann kaufe ich mir ein Gut in Deutschland oder eine Farm in Kanada, und dann wird geheiratet.“

„Geheiratet?“ fragte ich.

„Was dachten Sie denn? Natürlich. Mit sechsunddreißig. Dann fängt doch die Freude am Leben erst an. Und ich werde schon etwas aus meinem Leben und aus meiner Ehe machen. Ich habe ja die Erfahrung und die Männerkenntnis, ich verstehe schon, meinem Manne ein Leben und ein Bett zu bereiten, daß er den Wert seines Schatzes erkennt.“

„Aber das ist doch etwas viel gewagt. Die Welt ist klein, sehr klein. Und es kann doch gelegentlich eine Begegnung mit einer, nun sagen wir es ruhig, mit einer Zwei- oder Fünf-Dollar-Bekanntschaft stattfinden, die das paradiesische Eheleben zerschmettert.“

Jeannette lachte und sagte: „Nicht mit mir. Da kennen Sie mich nicht. Ein solches Höllenleben führe ich nicht. Das überlasse ich den dummen Frauenzimmern. Ich habe damals meinem Vater gesagt: Meine Ehre ist, daß ich niemals jemand betrogen habe, und daß ich niemals jemand betrügen werde. Also vor allen Dingen nicht meinen Mann. Bevor wir zu ernsten Abmachungen kommen, werde ich ihm ohne irgendeine Einschränkung sagen, wo ich mein Geld herhabe. Steht er über dieser Angelegenheit, dann werde ich ihm sagen: Gut, wir heiraten unter folgender Bedingung: Du wirfst mir niemals vor, wie ich zu meinem Vermögen kam, und ich werfe dir niemals vor, daß du von diesem Gelde ein angenehmes Leben führen darfst. Denn das Geld behalte ich in der Hand, und er kriegt genug, daß er mich nicht anzubetteln braucht. Ich werde ihn mir vorher schon gut genug ansehen, daß ich nicht in den falschen Hut greife, wenn ich mein Los ziehe.“

Der Mann, der sie bekam, durfte dem Schicksal vielleicht dankbar sein. Denn wenn er kein Spaßverderber war, würde er nach einer Woche erfahren, daß Jeannette das Fünffache ihres Vermögens wert sei, weil sie die Ehe sicher nicht langweilig werden läßt. Sie gewißlich ließ keine Wünsche unerfüllt.

12

„Da sind Sie ja, Osuna“, rief ich ihm entgegen. „Ich habe Sie schon lange gesucht, glaubte, Sie seien bereits heimgegangen.“

„Nein,“ sagte er, „an Heimgehen dachte ich gerade nicht. Aber wir könnten jetzt einmal ein wenig zusammenbleiben und in den Pacifico Saloon gehen.“

„Gut, gehen wir, vamonos!“

Es war ein sehr großer weiter Raum, weiß, mit Gold verziert. An der einen Seite waren Nischen. In jeder Nische ein kleiner Tisch und drei gepolsterte Bänke herum. An der andern Seite, den Eingangstüren gegenüber, waren gepolsterte Bänke die ganze Front entlang. An der Seite, die der Wand mit den Nischen gegenüberlag, war das Büfett mit hohen Sitzen für die Gäste. In der Ecke war eine Jazzkapelle, die auf einem Podium saß. Die Wände waren mit Gemälden geschmückt. Diese Gemälde waren recht gut gemalt. Es waren die Darstellungen nackter Frauen in Lebensgröße. Diese schönen Frauen gebrauchten keine Feigenblätter, um jemand daran zu erinnern, daß es etwas zu verbergen gäbe, dessen Vorhandensein jedem Menschen bekannt ist, und das nur darum auf Gemälden und Statuen heuchlerischerweise abgelogen und abgeleugnet wird, damit man nicht vergessen soll, daß es unanständig ist. Und immer nur dann, wenn es unter einem Feigenblatt verborgen wird, bückt man sich, um nachzusehen, was darunter ist, weil man bei seiner Schwester oder bei seinem Bruder, wenn man mit ihnen in der Badewanne saß, nie bemerkt hatte, daß da ein Blatt aus dem Bauche wächst. Hier freilich wäre es lächerlich gewesen, den Leuten, ob sie nun Männer oder Frauen waren, einzureden, daß die Menschen am untern Ende des Bauches eingewachsene oder festgewachsene Blätter hätten. Sie würden es nicht geglaubt haben. Woanders glaubt man es offenbar oder hält wenigstens die Menschen für dumm genug, daß sie es glauben. Denn wären die Blätter nicht, würden die Menschen nie wissen, daß sich dieser Teil des menschlichen Körpers von den übrigen Teilen in irgendeiner Weise unterscheidet. Das aber muß den Menschen gelehrt werden, damit sie wissen, was Sünde ist, und damit sie die bezahlen und in Ehren halten, die behaupten, daß sie das Recht hätten, die Sünden vergeben zu dürfen. Was würden wir armen Menschen tun, wenn wir nicht wüßten, was Sünde ist! Das so schön aufgebaute Gebäude würde zusammenbrechen. Denn es ist ja nur auf Suggestion aufgebaut.

Auf der langen gepolsterten Bank saßen die Senjoritas und warteten auf ihre Tänzer. Die Herren saßen entweder an der Bar oder in den Nischen. Zwei oder drei der Herren hatten eine oder zwei der Senjoritas bei sich, mit denen sie sich sehr anständig unterhielten, ebenso geistvoll wie in einem Ballsaal der oberen Zweitausend von Neuyork. Es war nur interessanter, weil man, wenn man wollte, auch das sagen durfte, was man auf dem Herzen hatte, während man das bei jenen Zweitausend nur sagen darf, wenn angenommen wird, daß man die Landessprache nicht genügend versteht, um den wahren Sinn der Worte zu begreifen. Ein Onestep rasselte vom Podium herunter. Aber die Herren waren recht tranig. Nur da, wo alles verboten ist, weiß man immer, was man tun will, um sich zu amüsieren. Hier, wo alles erlaubt ist, was man sich nur denken kann, sind die Herren immer verlegen und schüchtern, und wenn die Senjoritas nicht gar so freundlich und aufmunternd herüberlächeln würden, kämen die Herren nicht zum Tanzen. Und trotz des schönen Lächelns: die Senjoritas müssen meist mit ihresgleichen tanzen, weil die Herren ihre Verlegenheit und Schüchternheit dadurch zu verbergen suchen, daß sie an der Bar sitzen und trinken und trinken, mehr trinken, als sie wollen. Durch das Trinken wollen sie den Senjoritas beweisen, daß sie Männer seien; es ihnen auf andere Weise zu zeigen, dazu fehlt ihnen in dieser ungezwungenen Umgebung der Mut. Und sie trinken, um hierbleiben zu können, in der Nähe der Senjoritas, deren Lächeln sie lieben, und deren schöne Gesichter sie gern sehen.

Dann aber raffen sich doch einige auf und bitten die Senjoritas um einen Tanz. Es ist zum Lachen. Sie tanzen überformell, die Herren. Und die Senjoritas, um es den Herren zu erleichtern, schmiegen sich ihrer ganzen Länge nach an ihre schüchternen Tänzer. Es ist fruchtlos. Und die Senjoritas tanzen nun ebenso formell wie die braven Herren. Aber das gefällt nun den Herren nicht, und jetzt beginnen sie, etwas schmiegsamer zu werden. Die Senjoritas lächeln ihr schönstes Lächeln. Aber die Herren drucksen und wissen nicht, was sie zu den Damen sagen sollen. Es ist wie in einer Tanzschule.

Die Senjoritas, die mit ihresgleichen tanzen, tanzen zuweilen in der überdeutlichsten Weise, um die Herren auf sich zu lenken. Aber merkwürdig, es zieht nicht. Sie erreichen ihre Absichten viel leichter, wenn sie elegant tanzen, ohne Wackelagen und Schmiegelagen. Die Künstlerinnen unter ihnen, die Weisen, wissen, daß sie die meisten Erfolge haben, wenn sie die Herren an deren Bräute oder deren Freundinnen aus der Gesellschaft erinnern können. Aus diesem Grunde sitzen auch viele der Senjoritas vor ihren Türen und häkeln feine Spitzen oder sticken feine Tücher. Es ist ein Trick, der seine Wirkung nicht verfehlt. Er erinnert die Herren, die hier in fremdem Lande sind, wochen- oder monatelang auf See, im Dschungel, im Busch waren, an traute Häuslichkeiten der heimatlichen Erde.

Manchmal führen die Herren ihre Senjoritas wieder zurück zu ihren Plätzen, während sie selbst wieder an die Bar gehen oder sich einen Platz in den Nischen nehmen. Dann aber ladet auch ein Herr eine oder zwei oder – besonders wenn er sich nicht recht traut, mit einer allein zu sitzen – drei oder vier Senjoritas an seinen Tisch.

„Was trinken Sie, Senjorita?“

„Ich, einen Whisky und Soda. Ich, einen Jugo de Naranja, einen Apfelsinensaft. Ich, eine Flasche Bier. Ich möchte ein Paketchen Zigaretten.“ Keine bestellt Sekt oder einen teuren Wein. Sie neppen nicht. Wenn freilich der Herr protzen will, oder er will durchaus seine vier Monate Arbeitslohn in einer Nacht verhauen, dann bestellt er Sekt und wer weiß was sonst noch und ladet mit einemmal sämtliche Senjoritas, die anwesend sind, zwanzig oder fünfundzwanzig, ein, an dem großen Gelage, das nun beginnt, teilzunehmen. Dann wird es lustig. Es ist nichts verboten, und Polizeistunde gibt es nicht. Der Saloonbesitzer hat seinen Stempelbogen mit den Steuermarken im Lokal hängen und hat das Recht, sein Geschäft so zu betreiben, daß es keinen Schaden leidet. Wo geneppt wird, geht morgen niemand mehr hin, die ganze Stadt weiß es in zwölf Stunden. Der Besitzer muß zumachen. Um das Neppen zu verhüten, hat er große Plakate im Saloon hängen: „Jedes Getränk ein Peso“ oder: „Jedes Getränk fünfzig Centavos“. Sie brauchen keine Polizeivorschriften. Gäste und Restaurateure regeln das selbst durch die Freiheit von Angebot und Nachfrage, durch die Freiheit der Konkurrenz und durch das Fehlen von Konzessionsverpflichtungen. Wenn zu viele einen Saloon aufmachen, braucht keine Behörde einzugreifen, die überflüssigen gehen von selbst pleite. Nur die Nichtnepper, nur die, die für gutes Geld gute Ware liefern, überleben. Vier Polizisten und ein Inspektor halten in diesem großen Viertel die Wache, und sie haben so selten etwas zu tun, daß es auffällt, wenn sie einmal eingreifen müssen. Sie brauchen nur ganz selten einen Betrunkenen in Sicherheit zu bringen, weil selten ein Betrunkener zu sehen ist. Und wenn man doch einen sieht, so ist es ein indianischer Arbeiter oder ein heruntergekommenes Halbblut. Im Streitfalle mit den Senjoritas und den Herren sind sie auf seiten der Schwächeren, der Senjoritas. Und nur, wenn der Herr zweifelsfrei im Recht ist, dann wird ihm beigestanden.

Zwei oder drei Detektive mischen sich unter die Leute. Sie suchen nach den Opium- und Kokainverkäufern, die hier in diesem Viertel ihre Kundschaft finden.

Osuna und ich, wir setzten uns an einen Tisch und bestellten Bier. Dann tanzten wir mit zwei Senjoritas und luden sie ein, sich zu uns zu setzen. Sie tranken ein Gläschen Whisky. Wir wußten nicht, was wir zu ihnen reden sollten. Und es tat mir leid um die Senjoritas, die sich die größte Mühe gaben, eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Ich war immer froh, wenn wieder ein Tanz einsetzte, weil man mit den Füßen leichter fortkonnte als mit der Zunge.

Um überhaupt zu reden, fragten wir die Senjoritas nach allen möglichen dummen Sachen. Ob sie jede Woche den Arzt sehen müßten oder nur alle zwei Wochen. Ob diejenigen, die nicht in den Saloons tanzten, für ihre Häuser hundertfünfzig oder zweihundert Pesos den Monat zu zahlen hätten. Wieviel sie durchschnittlich verdienten.

Sie hielten uns sicher für außerordentlich stupid, daß wir so blöde geschäftliche Fragen an sie richteten, statt von den mehr interessanten Dingen des Lebens zu sprechen. Aber sie verloren ihre gute Laune nicht. Das konnten sie auch nicht gut, weil sie keine Launen hatten. Die durften sie nicht haben, weil es dem Geschäft hinderlich werden könnte. Und weil sie keine Launen hatten, fühlten sich viele Herren, die Familie hatten, hier wohler als in ihrem Hause; denn es gibt nur wenige Männer, die launische und zänkische Frauen lieben. Die Erholung hier war für solche Herren die Geldausgabe wert. Hier waren die Herren immer vergnügt. Und ich glaube sicher, wenn sie zu Hause stets ebenso vergnügt wären wie hier, würden manche keine zänkischen und launischen Frauen daheim vorfinden.

Endlich sagte Osuna: „Es ist elf, ich glaube wir gehen.“

„Gut,“ sagte ich, „gehen wir.“

13

Wir kamen heim um halb zwölf. Um zu der Kammer zu gelangen, wo wir unsre Arbeitshose anziehen wollten, mußten wir an der Backstube vorüber. Sie waren feste am Arbeiten da drin. Wir guckten durch die Tür, und der Meister sah uns.

Er zog seine Uhr und sagte: „Es ist gleich zwölf.“

„Das weiß ich,“ erwiderte ich, „wir haben es eben an der Kathedrale gesehen. Und überhaupt, ich höre auf.“

„Wann?“ fragte der Meister.

„Jetzt“, sagte ich.

„Dann sagen Sie es dem Alten. Er ist vorn im Café.“

„Das habe ich gesehen. Das brauchen Sie mir nicht zu sagen. Ich bin ja durch das Café gekommen.“

„Ich höre auch auf“, sagte nun Osuna.

„Warum wollt ihr denn beide aufhören?“ fragte der Meister.

„Wir sind doch keine Blödhammel, daß wir hier jeden Tag fünfzehn und achtzehn Stunden arbeiten“, sagte Osuna.

„Ihr habt wohl getrunken?“ fragte der Meister.

Osuna ging gleich auf ihn zu: „Was sagen Sie?“

„Ich werde doch wohl noch sagen dürfen, daß es gleich zwölf ist,“ rechtfertigte sich der Meister, „wenn wir hier schon seit zehn arbeiten und so viel zu tun ist.“

„Sie können sagen, was Sie wollen,“ meinte ich, „aber nicht mehr zu uns. Sie sind nicht mehr unser Meister.“

„Gut,“ sagte der Meister darauf, „dann geht aber auch gleich. Dann braucht ihr hier auch nicht mehr zu schlafen, und morgen früh noch das Frühstück mitnehmen, gibt es auch nicht.“

„Darum haben wir Sie gar nicht gefragt,“ erwiderte Osuna, „und wenn wir das wollten, würden wir gerade Sie nicht darum anbetteln.“

Wir gingen in die Kammer, packten unsre Arbeitslumpen jeder in einen leeren Zuckersack und gingen.

Mit einmal sagte Osuna: „Wir haben ja unsre zwei Pesos in den alten Schuhen gelassen, nur gleich geholt. Wenn die Bilder haben wollen, dann mögen sie sich selber welche kaufen.“

Wir nahmen unsre zwei Pesos und kamen wieder vorbei an der Backstube.

„Wer hat denn die Bilder da zerrissen?“ fragte der Tscheche.