Chapter 9 of 17 · 3999 words · ~20 min read

Part 9

„Er wird einen Platz bekommen, wo er Ersparnisse machen kann, weil er keine Ausgaben hat. Ich habe schon einen Platz für ihn, eine Banditenregion. Wenn er etwas wert ist, da kann er es zeigen. Und wenn er nichts wert ist, werden wir ihn feuern. Er gehört immer noch zu dem alten Stock, die glauben, daß die Diktatur die einzig richtige Form des Regierens ist. Wir haben sie bald alle raus, und es ist ganz gut, wenn die Letzten, die wir drin haben, in alte Fehler verfallen und sich uns so zu erkennen geben.“

„Ha!“ rief der Sekretär aus, „in den Staaten drüben sind diese alten Fehler urmoderne Einrichtungen.“

„Weiß ich,“ erwiderte der Direktor, „aber wenn wir schon vieles nachmachen, so müssen wir doch nicht alles nachmachen, und besonders müssen wir nicht das nachmachen, was in unsre Zeit nicht mehr hineinpaßt. Diese Mittel waren einmal gut, vielleicht, heute sind sie die dümmsten Mittel, die man anwenden kann. Und sie werden auch drüben nur von Eseln angewandt; und Esel haben die da drüben ja viel mehr als wir, wenn es sich um zweibeinige handelt.“

5

Die beiden Beamten mit ihren grünen Schnüren am Rock kamen zu Senjor Doux und übergaben ihm das Dokument. Doux bekam einen heillosen Schreck und schrie zu seiner Frau: „Na ja, da haben wir ja die Bolschewistenregierung. Die haben mir einen netten Streich gespielt.“

„Was ist denn los?“ sagte seine Frau näherkommend.

„Die haben uns geschlossen.“

„Ich habe es dir ja immer gesagt, laß uns nicht hierhergehen. Das ist ein ganz verrücktes Land, wo es weder Recht noch Gesetz gibt. Du kannst nur immer Steuer zahlen, und zwar tüchtig, aber zu sagen hast du nichts.“

„Sie müssen gleich zumachen,“ sagte nun der Beamte, der das Protokoll überreicht hatte, „sonst gibt es ein Strafmandat über hundert Pesos.“

„Die Gäste werden doch wohl noch ihre Getränke austrinken dürfen?“ fragte Senjor Doux.

Der Beamte sah nach der Uhr und sagte: „Eine halbe Stunde, dann ist Schluß. Sie kriegen einen Wachtmann her, der aufpaßt, daß Sie keine Gäste aufnehmen für das Lokal. Den Wachtmann müssen Sie bezahlen. Das ist ein Beamter.“

„Ich auch noch den Wachtbeamten bezahlen?“

„Sie glauben doch nicht etwa, daß wir ihn bezahlen? Wir haben kein Geld dafür, um umsonst aufzupassen, daß Sie das Protokoll auch einhalten.“

Die beiden Beamten gingen raus und stellten sich vor die Tür, um die halbe Stunde Gnadenzeit abzuwarten. Als sie um war, riefen sie hinein, und Senjor Doux schloß wütend die Türen. Nur der Gang für das Hotel blieb offen, weil das Hotel ja die Ruhe und Sicherheit nicht gestört hatte. Im Lokal aber zog keine Ruhe ein, sondern es wurde lebhafter, als es je in den letzten Tagen gewesen war. Die Douxens gerieten sich in die Haare. Sie wurde wie eine Furie, jeder Centavo, der dem Geschäft verlorenging, fraß an ihrem Herzen. Sie watschelte in ihren Pantoffeln hin und her zwischen den Tischen und machte dem Manne das Dasein heiß. Sie trug nur Hänger, gerade so übergeworfen. Die dicken fleischigen Waden waren frei und steckten in hellgelben seidenen Strümpfen. Nacken und der Oberteil der Brust waren auch frei, fleischig und quabbelig. Nur ihre Jugend hielt diese ausgewachsenen Massen in einer Form, die nicht gerade häßlich wirkte, sondern mehr verlockend. Aber fünf Jahre mehr würden das Verlockende sicher auslöschen, und das Häßliche würde nicht nur bleiben, sondern verstärkt werden. Die Arme guckten ihrer ganzen Länge nach nackt aus den Ärmellöchern des Hängers. Sie hätte, nach dem Aussehen ihrer Arme zu urteilen, als Ringkämpferin auftreten können. Aber es war nur quabbeliges Fleisch, wie alles übrige ihres Körpers. Im Nacken hatte sie einen Fleischwulst, der vorläufig nur schüchtern sich hervorwagte, aber in einigen Jahren Landmarke sein würde. So wie sie jetzt herumlief, lief sie immer im Lokal herum. Wäre es ein andres Lokal gewesen, man hätte sie gut für eine Bordellmutter halten können, mit der nicht gut zu spaßen war. Die Hänger wechselte sie zuweilen. Sie hatte einen grauen, einen rosafarbenen, einen grünen, einen dunkelgelben und einen hellvioletten. Ob sie irgendein andres Kleid besaß, weiß ich nicht. Ich habe nie ein andres an ihr gesehen.

Senjor Doux lief auch stets in Hemd und Hose umher. Nur wenn er zum Markt ging, setzte er einen Hut auf. Er trug immer eine schwarze Hose, die er mit einem schmalen Ledergürtel hielt, ein weißes Hemd mit Kragen und schwarzem Schlips. Sein Bauch stand spitz vor, als ob er am Aufblasen sei. Auch die Senjora schien einen ähnlichen spitzen Bauch zu haben. Man konnte das nur nicht so beurteilen, weil der Hänger das ausglich. Aber was sie vorn zuviel hatte, fehlte ihr hinten. Das heißt, hinten war schon allerlei vorhanden; aber das proportionale Verhältnis zum Bauch war doch nicht kräftig genug, um der ganzen Figur die mollige Form zu geben. Und weil vorn viel mehr war als hinten, so sah es in dem Hänger immer so aus, als ob sie hinten nur das Allernotwendigste habe, und als ob selbst dieses Allernotwendigste gerade am Überlegen sei, ob es nicht auch noch nach vorn rutschen solle. Jedenfalls brauchte Senjor Doux nicht verlegen sein, er konnte gut etwas in den Händen halten und brauchte nicht zu befürchten, sich an Knochen wund zu stoßen. „Du bist ja rein verrückt gewesen,“ schrie sie auf ihn ein, „hier in dieses wahnsinnige Land zu gehen.“

„Ich?“ schrie er zurück. „Warst du es nicht, die jeden Tag mir die Ohren volljaulte, daß hier das Geld auf der Straße läge, und daß man es nur aufzuschaufeln brauche?“

„Du gemeiner Lügner, du,“ brüllte sie los, „du dreckiger Marseiller Zuhälter, der du bist, hast du nicht mein ganzes Geld abgehoben und mir gesagt, daß es hier tausend Prozent bringe in zwei Jahren?“

„Habe ich vielleicht nicht recht damit gehabt? Wir sind hierhergekommen mit nichts. Oder wieviel haben wir denn gehabt? Achthundert Pesos. Oder vielleicht mehr? Und jetzt haben sie mir schon achtundsechzig tausend Pesos für das Haus und Café geboten. Und ich verkaufe es nicht dafür, weil es viel mehr wert ist.“

„Mehr wert? Mehr wert?“ erboste sie sich. „Nicht einen Dreck ist es wert. Wo denn? Es ist zu. Die werden dir kaum die Ziegelsteine bezahlen. Aber das habe ich dir ja schon damals gesagt, als die neue Regierung herankam. Wie heißt denn der Hund, der Obregon, der Spitzbube! Da war es vorbei.“

„Wir haben doch erst seitdem angefangen, zu etwas zu kommen. Oder vielleicht vorher? Vorher vielleicht? Wo wir einhundert Pesos nach den andern schmieren mußten, um die Augen aufbehalten zu dürfen. Jeder hielt die offne Hand hin.“

„Und jetzt,“ widersprach sie ihm, „ist es jetzt anders? Jetzt stehen die Leute immer mit der offnen Hand da. Erst die Küche, nun die Kellner, und du wirst sehen, die Bäckerei kommt auch noch hintennach. Dann können wir heimfahren, bettelarm.“

„Laß mich jetzt in Ruhe, zum Donnerwetter nochmal“, schrie er in voller Wut. „Du verdirbst alles mit deiner Habgier und mit deinem verfluchten Geiz.“

„Ich geizig? Geizig ich? Wo ich doch das ganze Geld zusammenhalten muß, weil du es sonst verhuren würdest mit den Weibsbildern. Und das nennst du geizig? Du freilich kümmerst dich nicht um die Kinder und was daraus wird. Du gehst huren, und ich habe die Kinder am Halse.“

Da hörten wir ja feine Familiengeheimnisse. Ich glaube kaum, daß die Senjora recht hatte; denn ich wüßte nicht, wann er sich Zeit genommen hätte, Seitensprünge zu machen. Aber solche Auseinandersetzung war wohl das, was man „ein eheliches Zwiegespräch“ nennt. Denn die beiden lebten in durchaus glücklicher Ehe und Harmonie. Diese glückliche Ehe wurde nur eben dadurch gestört, daß Arbeiter anfingen, aufzuwachen und die Gewinne derer zu überrechnen, für die sie arbeiteten. Solches Überrechnen stört zuweilen Könige und ganze Staaten. Warum soll es nicht auch die Harmonie von Ehen stören?

Diese ehelichen Zwiegespräche wurden in den nächsten Tagen nicht nur heftiger, sondern auch häufiger. Sie füllten das ganze Tagesleben der beiden Doux aus und zogen sich die ganze Nacht hin, während die beiden nebeneinander im Bett lagen. Dadurch lernten wir das ganze Leben der beiden kennen, von dem Tage an, wo sie geboren wurden, bis zu der Stunde, wo sie sich im Bett schlugen, Lampen und Waschschüsseln und Nachttöpfe zerhämmerten. Das alles hatte ihr Freund, der Polizeiinspektor verursacht. Sie aber behaupteten, die junge Organisation, das „Syndikat der Hotel- und Restaurantangestellten“ sei schuld. Nicht schuld an den ehelichen Liebesgesprächen, wohl aber an der allmählichen Verschiebung der Machtverhältnisse im Lande.

Als sie beide jenes Stadium erreicht hatten, in dem sie mit der Absicht umging, ihm Rattengift in den Kaffee zu mischen, und er die ganze Nacht hindurch an das Rasiermesser dachte, mit dem er ihr die Kehle durchschneiden wolle, bewies er, daß der Mann der Frau überlegen ist.

Er ging zum Polizeidirektor und fragte, was zu tun sei, um die zweimonatige Schließung des Lokals aufzuheben. Der Polizeidirektor sagte ihm, daß er da gar nichts tun könne; die Schließung sei für zwei Monate angeordnet, der Gouverneur habe es bestätigt, und ehe die zwei Monate nicht vorüber seien, könne er nicht wieder öffnen.

„Dann bin ich bankrott“, sagte Senjor Doux. „Und dann haben die Kellner und Bäcker keine Arbeit mehr.“

„Machen Sie sich nur darum keine Sorge, Senjor,“ erwiderte der Direktor, „solange Leute Brot essen wollen, so lange werden auch Leute, die Brot backen, Arbeit finden, und solange jemand im Café sitzen und Erdbeereis löffeln will, wird man auch Kellner verlangen, die es ihm auf den Tisch stellen. Das sehen Sie ja an der ‚La Moderna‘, die ist jetzt immer gut besucht. Alle Ihre Gäste sind da. Aber ich kann nichts tun. Das Lokal ist geschlossen, und es bleibt zwei Monate geschlossen.“

Am Nachmittag dieses Tages traf Senjor Doux den Morales.

„Hören Sie, Morales, ich will alles bewilligen,“ sagte ihm Doux in bescheidener Ansprache, „können Sie nicht dafür sorgen, daß mein Lokal wieder aufgemacht wird?“

Morales sah ihn von oben bis unten an und gab ihm zur Antwort: „Wer sind Sie denn? Ach so, Sie sind ja der Doux vom Café La Aurora. Wir haben mit Ihnen nichts zu tun. Unsre Beziehungen sind nun gelöst. Wenn Sie was wollen, gehen Sie zum Syndikat. Aber uns geht das nichts an. Adios.“

Senjor Doux schrieb einen Brief an das Syndikat, daß er den Herrn Sekretär sprechen wolle, er bitte ihn höflichst, zu ihm zu kommen, um die Angelegenheit in dem Kellnerstreik mit ihm zu besprechen. Am andern Tage erhielt Senjor Doux die Antwort vom Syndikat. Es waren keine Höflichkeitsfloskeln darin enthalten, sondern nur in einem kurzen klaren Satze war gesagt: „Wenn Sie etwas vom Syndikat wünschen, das Bureau ist: Calle Madero Nr. 18. Segundo Piso. Der Sekretär.“

Er hielt es nicht einmal für nötig, der Sekretär, seinen Namen zu nennen. Was blieb Senjor Doux übrig, er mußte gehen; denn das Rasiermesser verfolgte ihn Tag und Nacht, und selbst wenn er aß, hatte er das Gefühl, daß sein Tischmesser ein Rasiermesser sei. „Setzen Sie sich da in den Vorraum“, sagte ein Arbeiter, der im Bureau aushalf. „Wir haben noch zu tun, eine Besprechung. Es wird nicht lange dauern.“ Es dauerte aber doch über eine halbe Stunde, und Senjor Doux hatte inzwischen Zeit, die Sinnsprüche, die an den Wänden hingen, auswendig zu lernen. Jeder dieser Sprüche erregte zuerst seine Wut. Je länger er sie aber studierte, desto mehr Angst bekam er vor den Dingen, die ihm hinter der Tür bevorstanden, wo er eine Schreibmaschine klappern hörte.

Endlich kam der Arbeiter und sagte: „Senjor, der Sekretär will Sie sprechen.“

6

Senjor Doux schluckte, als er den kleinen Raum des Sekretärs betrat. Er hatte beabsichtigt, dem Sekretär gleich fest in die Augen zu sehen; aber er kam nicht dazu. Denn hinter dem Sekretär war über die ganze Wand eine Fahne, zur Hälfte rot, zur andern Hälfte schwarz, gespannt und darüber stand in dicken Lettern:

¡Proletarios del mundo, unios! (Proletarier aller Länder, vereinigt euch!)

Das machte Senjor Doux ganz verwirrt. Er hatte plötzlich den Eindruck, als ob da vor ihm nicht der Sekretär sitze, sondern alle Kellner der ganzen Welt ihn wütend anblickten. Seine Stimme, die so fest sein sollte, wurde ganz zaghaft, als er nun sagte: „Guten Tag, ich bin Senjor Doux vom Café La Aurora.“

„Gut. Setzen Sie sich. Was wünschen Sie?“ fragte der Sekretär.

„Ich möchte gern wissen, ob Sie veranlassen können, daß mein Café wieder geöffnet wird.“

„Das können wir veranlassen“, erwiderte der Sekretär. „Sie brauchen nur die Bedingungen zu erfüllen.“

„Oh, ich bin bereit, alles zu bewilligen, was die Kellner fordern.“

Der Sekretär nahm einen kleinen Zettel, warf einen Blick darauf und sagte: „Die Forderungen sind nicht mehr die gleichen, die gestellt wurden, als die Kellner Ihnen die Mitteilung machten.“

„Nicht mehr die gleichen?“ schluckte Doux erschreckt.

„Nein. Es sind fünfzehn Pesos die Woche“, sagte der Sekretär geschäftsmäßig.

„Die forderten aber nur zwölf.“

„Das ist leicht möglich. Aber dann wurde gestreikt. Und Sie verlangen doch nicht etwa, daß die Leute umsonst streiken. Jetzt macht es fünfzehn. Hätten Sie gleich bewilligt, wäre es bei zwölf geblieben.“

„Gut,“ erwiderte Doux, sich aufrichtend, „ich bewillige die fünfzehn Pesos.“

„Freitag ist Zahltag. Freitags für die ganze Woche. Diese unpünktlichen Zahlungen können wir nicht mehr zulassen“, sagte der Sekretär.

„Aber das kann ich nicht so ohne weiteres machen. Wir haben das immer so gemacht, daß wir zahlten, wenn wir das Geld eben gerade dazu frei hatten.“

Der Sekretär sah auf: „Was Sie immer getan haben, geht uns nichts an. Wir bestimmen, was Sie von nun an zu tun haben. Mit dieser alten Wirtschaft, wie sie Hunderte von Jahren bestanden hat, wollen wir nun endlich ein Ende machen. Da ist die Arbeit, hier ist der Lohn, Ebenso pünktlich wie Sie die Arbeit von den Leuten verlangen, haben Sie den Lohn zu zahlen!“

„Das wird aber schwer gehen“, verteidigte Doux seine Position. „Dann fehlt mir oft das Geld für Einkäufe.“

„Das kümmert uns nichts. Löhne gehen vor, sonst fehlen den Leuten die Pesos, um _ihre_ Einkäufe zu machen. Und wir denken, es ist besser, daß Ihnen das Geld für Einkäufe fehlt als den Arbeitern.“

Senjor Doux atmete schwer. „Aber am Samstag ist doch erst die Woche um. Warum soll ich da Freitag schon den Lohn zahlen?“

„Warum? Warum? Ist Ihnen denn das nicht klar?“ Der Sekretär tat ganz erstaunt. „Der Arbeiter borgt Ihnen ja sowieso schon fünf Tage Lohn. Er gibt Ihnen seine Arbeitskraft fünf volle Tage, während Sie mit dem Kapital Geschäfte machen. Wie kommt denn der Arbeiter überhaupt dazu, Ihnen fünf Tage Arbeit zu borgen? Eigentlich sollten Sie Montag früh im voraus für die ganze Woche bezahlen, das würde sich gehören. Aber so weit wollen wir nicht gehen.“

„Gut, also damit bin ich auch einverstanden. Auch mit dem einen Vollessen und dem Kaffee mit Zugebäck. Dann ist ja wohl das alles in Ordnung?“ Senjor Doux stand auf.

„Setzen Sie sich nur noch einen Augenblick“, lud ihn der Sekretär ein. „Da sind noch einige Nebenfragen zu erledigen. Die Streiktage müssen Sie bezahlen.“

„Ich? Die Streiktage bezahlen?“ schrie Senjor Doux. „Ich soll auch noch die Faulenzerei bezahlen?“

„Streik ist keine Faulenzerei. Und wenn bei Ihnen gestreikt wird, müssen Sie den vollen Lohn weiter zahlen. Streik ist auch Arbeit. Sonst könnten Sie alle, die ganzen Hotelbesitzer und Kaffeehausbesitzer, uns ja zu einem langen Streik treiben, um unsre Kassen zu zerstören, so daß wir nie wieder streiken könnten. Nein, Senjor, darauf lassen wir uns nicht ein. Der Streik wird von uns finanziert. Wir sind nur die Lehnsbank für die Arbeiter. Aber zu zahlen haben Sie den Streik. Sie haben ja Zeit, reichlich, sich zu überlegen, ob Sie es zum Streik kommen lassen wollen oder nicht. Die Kriegskosten muß der bezahlen, der den Frieden braucht, um wieder Geschäfte zu machen.“

„Das ist die größte Ungerechtigkeit, die mir je vorgekommen ist“, rief Senjor Doux.

„Ich will Ihnen nicht die Ungerechtigkeiten hier vorzählen, die Sie und Ihresgleichen jahrelang verübt haben“, sagte der Sekretär.

„Es bleibt mir wohl nichts andres übrig, ich muß auch das bezahlen“, gestand Doux nun kleinlaut.

„Am besten gleich heute,“ erklärte der Sekretär, „denn morgen kostet es bereits einen Tag mehr.“

„Dann werde ich noch vor fünf Uhr herkommen und alles bezahlen“, sagte Senjor Doux und erhob sich abermals.

„Bringen Sie aber etwas mehr mit“, warf der Sekretär ein, während er sich gleichfalls erhob.

„Noch mehr?“ fragte Senjor Doux erschreckt.

„Ja, ich denke, Sie wollen doch das Café jetzt schon geöffnet haben und nicht erst nach zwei Monaten.“

„Ist denn das nicht damit verbunden, wenn ich alles bewillige?“ Senjor Doux wurde ganz nervös.

„Keineswegs“, erwiderte der Sekretär. „Das Schließen des Lokals hatte andre Gründe als den Streik. Das wissen Sie wohl recht gut. Sie haben den Inspektor aufgefordert, den Streikposten einen Denkzettel zu geben.“

„Das habe ich nicht getan“, wehrte sich Doux.

„Wir sind darüber andrer Meinung. Es ist jedenfalls in Ihrem Lokal geschehen, und Sie sind für die Vorgänge in Ihrem Lokal verantwortlich. Sie konnten es leicht verhindern, daß so etwas vorkommen konnte.“

„Dann sagen Sie doch schon, was ich noch zu tun habe“, drängte Senjor Doux.

„Sie haben zehntausend Pesos in die Kasse unsres Syndikats zu zahlen als Sühnegeld. Sobald Sie die Summe eingezahlt haben, werden wir für Sie die Garantie übernehmen, und dann kann das Café geöffnet werden, und die Siegel werden abgelöst.“

„Zehntausend Pesos soll ich zahlen?“ Senjor Doux war wieder in den Stuhl gefallen. Der Schweiß brach ihm aus.

„Sie brauchen es nicht zu bezahlen. Wir zwingen Sie nicht. Dann bleibt das Café zwei Monate geschlossen.“ Der Sekretär wurde ganz trocken und kaufmännisch. „Natürlich haben Sie nach zwei Monaten die Löhne für die Kellner für die vollen zwei Monate nachzuzahlen. Die können doch nicht verhungern. Und wir können ihnen leider nicht erlauben, andre Arbeit anzunehmen, weil sie sich bereit halten müssen, bei Ihnen wieder anzufangen, sobald Sie öffnen. Wir können doch nicht zugeben, daß Sie eines Tages, wenn Sie öffnen wollen, keine Kellner haben und vielleicht geschäftlichen Schaden erleiden. Und damit Sie gleich im klaren sind, ein für allemal: Es ist nicht unsre Absicht, das Geschäftsleben zu vernichten oder auch nur zu stören. Durchaus nicht. Aber es ist unsre Absicht, dafür zu sorgen, daß der Arbeiter von dem, was er produziert, nicht nur einen angemessenen Anteil erhält, sondern den Anteil, der ihm zukommt bis zu der höchsten Grenze, die das Geschäft tragen kann. Und diese Grenze ist viel höher, als Sie glauben. Damit beschäftigen wir uns augenblicklich besonders eingehend, die Tragfähigkeit jedes Arbeitszweiges zu errechnen. Arbeitszweige, die dem Arbeiter nicht so viel eintragen, daß er ein Leben führen kann, wie es einem Menschen von heute zukommt, sollen zugrunde gehen. Dabei wollen wir helfen. Und wenn solche Arbeitszweige wichtig sind für die Allgemeinheit, dann werden wir dafür sorgen, daß die Allgemeinheit dem Arbeiter ein menschenwürdiges Dasein gewährleistet. Daß Ihr Café für die Allgemeinheit so sehr wichtig wäre, bestreite ich. Aber es ist nun einmal da. Und solange Sie es dazu benutzen, Ihr Vermögen zu vergrößern, bringt es auch genügend ein, um anständige Löhne zu zahlen. Wenn Sie nichts mehr verdienen können, werden Sie schon von selber zumachen. – So, das habe ich Ihnen gesagt, damit Sie nicht denken, wir sind Erpresser. Nein, wir wollen nur, daß die Leute, die Ihnen ein Vermögen produzieren, den Anteil bekommen, auf den sie ein Recht haben. Für Sie bleibt noch genug übrig.“

Senjor Doux hatte das sicher nur zur Hälfte verstanden. Er saß ganz verdöst da. In seinem Kopfe surrten nur immer jene zehntausend Pesos herum, die er da auf den Tisch legen sollte. Er traute sich nicht ja zu sagen aus Angst vor seiner Senjora. Aber ebensowenig traute er sich ein glattes Nein hier hinzuwerfen, gleichfalls aus Angst vor der Senjora. Er wußte ja nicht, was sie vorziehen würde. Jeder Tag Zögerung kostete Geld. Schließlich kam es auf mehr heraus als auf diese zehntausend Pesos, wenn er zwei Monate geschlossen halten mußte und dann außerdem die Löhne nachzuzahlen hatte. So arbeitete er mit den Summen in seinem Kopfe, bis er halb verrückt wurde.

Er stand auf und sagte: „Ich werde es mir überlegen.“

Er verließ das Bureau, ging die Treppe hinunter und trat auf die Straße. Er wischte sich den Schweiß und schnappte nach Luft. Dann machte er sich auf den Heimweg. Dabei kühlte er ab und fing an, die Sache ruhig zu überlegen. Er rechnete auf einem Papierstückchen hin und her und kam endlich zu der Überzeugung, daß es billiger sei, sofort alles zu bezahlen.

Nun aber Senjora Doux. Ging er erst heim, so gab es die furchtbarsten Kämpfe. Sagte er ein bündiges Nein, würde sie sagen: „Warum hast du nicht ja gesagt?“ Umgekehrt hätte sie gesagt: „Warum hast du nicht nein geantwortet.“ Er konnte in diesem Falle tun, was er wollte, er würde es ihr nie recht machen, denn es kostete Geld, und zwar reichlich Geld. Und in allen Dingen, die Geld kosteten und nicht das Doppelte einbrachten, gab es Krakeel. Endlich aber packte ihn ein stolzer Mannesmut, einmal seinen Willen ganz allein, und ohne seine Frau zu fragen, durchzusetzen. Und er dachte das am besten in der Weise zu tun, wenn er eine Entscheidung traf, die sie in die hellste Wut treiben müßte. Und das war, sofort zur Bank zu gehen, das ganze Geld, das nötig war, abzuheben und sofort wieder, ohne auch nur seine Frau zu sprechen, zum Bureau zurückzugehen und alles glatt zu bezahlen.

Eine halbe Stunde später war er im Bureau, zahlte jeden Peso, der aufgesetzt war, und dann sagte ihm der Sekretär: „Abends um sieben dürfen Sie Ihr Café wieder aufmachen. Ich werde dafür sorgen, daß Ihnen bis dahin das Aufhebungsprotokoll zugestellt wird.“

Senjor Doux faltete die Quittungen zusammen, nachdem die Marken draufgeklebt waren, und sagte dann: „Ich habe nur eine kleine Einwendung zu machen.“

„Ja?“ fragte der Sekretär.

„Ich soll doch jetzt die Löhne Freitags zahlen für die ganze Woche?“

„Allerdings“, erwiderte der Sekretär.

„Was dann aber, wenn der Mann am Samstag nicht wiederkommt? Dann hat er ja einen Tag Lohn, mit dem er fortgelaufen ist.“

„Sehen Sie mal an,“ sagte der Sekretär lächelnd, „wie gut Sie rechnen können. Das hätte ich gar nicht von Ihnen erwartet. Sie sind ja bisher den Leuten manchmal sechs Wochen lang mit dem Lohn davongelaufen, nicht nur mit einem Tag, nein, mit sechs Wochen Lohn.“

„Aber die Leute haben doch dann immer ihren Lohn bekommen, und ich bin ihnen doch sicher.“ Senjor Doux warf sich in die Brust.

„Ob Sie so sicher sind, ist noch sehr die Frage. Sie können ja unter der Hand verkaufen und laufen davon mit den stehenden Löhnen. Aber das kommt vielleicht nicht vor. Was aber vorkommt, das ist, daß Sie immer einige Wochen lang die Löhne festhalten und mit diesem Gelde, das den Kellnern gehört, Geschäfte machen, ohne den Leuten Zinsen dafür zu zahlen. Wie kommen die Leute dazu, Ihnen Geld kostenlos vorzustrecken? Das wird nun aufhören. Sie können noch froh sein, daß wir nicht anordnen, die Löhne werden Mittwoch abend für die ganze Woche bezahlt, so daß also das Risiko auf halb und halb geht. Lassen wir es bei Freitag. Wenn Sie anständig zu den Leuten sind, läuft Ihnen schon keiner mit dem einen Tag Lohn davon. Und sollte es wirklich einmal einer tun, so werden Sie daran nicht zugrunde gehen. Also diese Frage ist nun geklärt. Besser, Sie beeilen sich, daß Sie bis um sieben mit allem fertig sind und Ihre Gäste zufriedenstellen können.“

Senjor Doux verließ das Bureau und ging heim.

7

„Das ist ganz vernünftig, daß du das gemacht hast“, sagte seine Senjora wider Erwarten. „Wenn es nach mir gegangen wäre, dann hätten wir das alles sparen können.“

„Nach dir?“ fragte Senjor Doux erstaunt. „Es ist ja alles nach dir gegangen. Du hast mir ja geraten, ich sollte die Kellner alle rausfeuern, es wären genug auf der Straße, die froh seien, wenn sie dafür arbeiten könnten.“

„Das ist doch auch richtig“, erwiderte Senjora Doux. „Sie laufen uns ja das Haus ein, um Arbeit zu kriegen. Daß mit einem Male niemand kommen würde außer diesen beiden Vagabunden, hatte ich nicht gedacht. Das war mein ganzer Fehler in der Rechnung. Laß nur gut sein, wir holen das Geld schon wieder herein; die Bäckerei und die Konditorei muß es bringen. Die sind ja anständiger als die Kellner, die sind ja keine Bolschewisten.“