Chapter 17 of 17 · 2499 words · ~12 min read

Part 17

Die Nächte in den Tropen haben für den Menschen, der, solange wir ihn kennen, ein Taggeschöpf ist, etwas unsagbar Unheimliches an sich. Viel unheimlicher noch sind die tropischen Nächte für die Tagtiere. Kleine Herden kommen des Abends zum Ranchohaus, um in der Nähe der Menschen zu sein. Sie wissen es ganz genau, daß der Mensch sie beschützt. In den Wochen nach der Regenzeit, in denen die Moskitos und die Beißfliegen in der Luft schwirren, dick wie aufgewirbelter Staub, kommen die Rinder selbst am Tage von den Prärien heim und drängen sich um das Ranchohaus, wo sie auf Hilfe hoffen. Man kann ihnen keine Hilfe gewähren, weil man selbst Kopf, Gesicht und Hände mit Tüchern umwickelt hat, um sich gegen die Geister der tropischen Hölle zu schützen.

Aber selbst die Riesenherden fangen an, unruhig zu werden, sobald die Sonne untergegangen ist. Sie umzirkeln die Hütten der Herdenaufseher und lagern sich rundherum. Die Wachleute umreiten die Herden während der ganzen Nacht. Abends, nach Sonnenuntergang, ziehen alle Männer herum und singen die Herde in den Schlaf. Dann erst beginnen die Tiere sich zu legen. Manche großen Viehzüchter überlassen es den Herdenmännern, den Cowboys, ob sie singen wollen oder nicht; sie halten es für überflüssig, für alten Kohl. Aber Vieh, das nicht eingesungen wird, ist nicht so gut wie andres, das in den Schlaf gesungen wird. Das Vieh bleibt die ganze Nacht hindurch unruhig, legt sich für zehn Minuten und springt wieder auf, um umherzuwandern und andres Vieh zu streifen und die Kameradschaft zu fühlen. Dieses Vieh ist am Morgen schläfrig, und weil es am andern Tage den verlorenen Schlaf nachholen muß, frißt es nicht so gut wie das gesungene. Es kommt infolgedessen viel langsamer in Form. Auf Transporten muß man erst recht singen; denn hier ist das Vieh viel unruhiger, weil es ja auf ungewohnten Prärien lagert. Würde man die Herde hier nicht in den Schlaf singen, hätte man es an der Marschzeit schwer zu büßen, weil die Herde dann am Tage mehr ruht, als es für den Marsch gut ist.

Ich jedenfalls ließ jeden Abend singen, und die Männer taten es mit Vergnügen. Sie ritten langsam und gemütlich, steckten sich zuweilen eine Zigarette an, und dann sangen sie wieder. Und bei dem Singen legten sich die Rinder in dem Bewußtsein absoluter Geborgenheit hin und ruhten. Schläfrig sahen sie dem reitenden Manne nach, brummten und begannen zu schlafen. Wird auch des Nachts ab und zu gesungen, so ist das den Tieren nur um so lieber. Sie wissen, daß ihnen dann nichts geschehen kann, denn der Mensch ist in der Nähe und beschützt sie gegen die Schrecknisse der Nacht. In der Tat verscheucht das Singen der Männer die Jaguare und Berglöwen. Daß dieses Singen der Kuhmänner auch alle Menschen verscheucht, die sich unter Singen eben Singen vorstellen, erwähne ich nicht. Man braucht mich nur singen zu hören, dann weiß man die letzten Geheimnisse der Welt.

Ich hatte die Kopfwache, die der Vormann hielt, auch hierher genommen, damit wir die letzten paar Abende noch alle zusammen sein konnten. Die Vorwache war überflüssig geworden, weil drüben der Fluß lag, der sich bis zur Stadt hinstreckte. Die Flanken konnten leicht gehalten werden von den beiden Wachen. Während die Leute rauchten und schwatzten, sattelte ich noch einmal auf und ritt die Herde ab, singend, pfeifend, summend und den Tieren zurufend.

Klar wie nur der Nachthimmel in den Tropen sein kann, lag die schwarzblaue Wölbung über der singenden Prärie. Wie kleine goldne Sonnen standen die strahlenden Sterne in der satten Nacht. Und Sterne flogen umher, hunderte, tausende, als wären sie heruntergekommen von dem hohen Dom der Welt, um Liebe zu suchen und Liebe zu spenden und dann wieder zurückzukehren in die stille einsame Höhe, wo keine Brücke führt von dem einen zum andern. Die Glühkäferchen waren das einzige sichtbare Leben hier unten. Aber das unsichtbare sang mit Milliarden Stimmen und Stimmchen, musizierte mit Geigen und Flöten und Harfen, mit Zimbeln und Glöckchen. Und da lag meine Herde. Ein schwarzer, dunkler Brocken neben dem andern. Brummend, atmend und einen warmen, vollen, schwer lastenden Hauch erdischer Gesundheit verbreitend, der so reich war in sich, in seinem Unbewußtsein, der so wohl tat und so unendlich zufrieden machte.

Mein Heer! Mein stolzes Heer, das ich über Flüsse führte und über Felsengebirge, das ich beschützte und behütete, dem ich Nahrung brachte und erfrischendes Wasser, dessen Streitigkeiten ich schlichtete und dessen Krankheiten ich heilte, und das ich Abend um Abend in den Schlaf sang, um das ich mich sorgte und härmte, um das ich zitterte, und das meinen Schlaf beunruhigte, um das ich weinte, wenn eines mir verlorenging, und das ich liebte und liebte, ach, so sehr liebte, als wäre es mein Fleisch und Blut! O du, der du ein Kriegerheer über die Alpen führtest, um in friedliche Länder den Mord und den Brand zu tragen, was weißt du von der vollkommenen Glückseligkeit, ein Heerführer zu sein!

23

Am nächsten Morgen kam der Salztransport heraus, und ich salzte die Tiere. Ich hatte ihnen nur einmal Salz gegeben während des ganzen Marsches. Man kann sich darauf nicht gut einlassen, wenn man nicht ganz genau weiß, daß man viel Wasser noch am selben Tag erreichen wird. Jetzt aber war das Salz von großem Wert. Sie konnten sich tüchtig danach volltrinken und kamen in Glanz und Pracht, als hätten sie neue Uniformen erhalten. Ihre Felle schimmerten, als wären sie mit Bronzelack übergossen worden. Ich konnte mich mit meinem Transport sehen lassen. Drei Tage später kam Mr. Pratt mit dem Kommissionär, der den Verkauf übernommen hatte.

„Donnerwetter! Donnerwetter nochmal!“ sagte er immer wieder. „Das ist Vieh. Das geht wie warme Butter fort.“

Mr. Pratt schüttelte mir die Hand und sagte: „Mensch, Gale, wie haben Sie denn das nur fertiggebracht? Ich habe Sie nicht vor Ende nächster Woche erwartet. Vierhundert habe ich schon verkauft. Dadurch, daß Sie so früh hier sind, rechne ich, daß wir innerhalb einer Woche das letzte Paar Hörner los sind. Es ist noch ein zweiter Transport von einem andern Züchter unterwegs. Und wenn Sie später gekommen wären, hätte das auf den Preis gedrückt; zweitausend Kopf in derselben Woche kann der Markt nicht tragen, ohne erheblich zu pressen. Kommen Sie nur mit zur Stadt gefahren, der Vormann kann den Rest jetzt allein schaffen.“

Die beiden Herren waren mit dem Auto herausgekommen, und wir waren am frühen Nachmittag schon in die Stadt zurück. Wir rechneten ab, und ich bekam ein recht nettes Sümmchen. Zwei Kälbchen waren noch hinzugeboren worden, und so hatte ich im ganzen fünf, die mir als volle Köpfe angerechnet wurden, wodurch meine Verluste sich um diese fünf Köpfe verringerten.

„Mache ich einen guten Preis,“ sagte Mr. Pratt, „dann gebe ich Ihnen noch einen Hunderter zur Belohnung. Sie haben ihn verdient. Mit den Banditen sind Sie ja billig losgekommen.“

„Kein Wunder,“ sagte ich, „den einen kannte ich gut, ein gewisser Antonio. Ich habe einmal Baumwolle mit ihm gepflückt, und wir waren gute Freunde. Er sorgte dafür, daß es billig wurde.“

„Ja, das ist es,“ meinte Mr. Pratt, „Glück muß man haben. Überall. Ob man Vieh züchtet, oder ob man sich eine Frau nimmt.“

Er lachte laut auf und sagte: „Sie, hören Sie einmal, Junge. Was haben Sie denn mit meiner Frau gemacht?“

„Ich? Mit Ihrer Frau?“ Mir blieb der Bissen im Munde stecken, und ich bin sicher, ich wurde etwas blaß. Frauen können so wundervoll unkontrollierbar sich benehmen. Sie kriegen zuweilen Einfälle und manchmal Anfälle. Fallen sogar ganz aus heiler Haut heraus in die Beichtwut. Die Frau wird ihm doch nicht etwa was geläutet haben? Sie sah mir gar nicht so aus, als ob sie alle ihre Geheimnisse an die Glocke hänge.

„Als Ihr Telegramm ankam, da war sie wie toll und rief: Da siehst du wieder einmal, was du für ein Nichtstuer bist, und was du für ein überflüssiges Werkzeug bist. Da bringt dieser Junge die Herde rüber, als ob er sie in seiner Basttasche habe, und als ob sie ihm am Sattelknopf hinge. Das schaffst du in deinem ganzen Leben nicht. Das ist ein andrer Bursche, dieser F-ing son of a bitch.“

„Um des Himmels willen, Mr. Pratt, Sie werden sich doch nicht etwa scheiden lassen.“

„Scheiden lassen? Ich? Warum denn? Wegen so einer Kleinigkeit?“

Er lächelte wieder so eigentümlich. Wenn ich doch nur wüßte, wie er das meint: „Kleinigkeit“? Das kann heißen, daß er alles weiß, und das kann auch ebensogut heißen, daß er überhaupt nichts weiß.

„Nein“, fuhr er fort. „Warum soll ich mich denn scheiden lassen? Haben Sie Angst, daß ich mich scheiden lasse?“

„Ja“, gestand ich.

„Warum denn aber?“

„Weil mich Ihre Frau dann doch heiraten würde. Sie hat es doch ganz offen erklärt.“

„Ach so, ja. Ich erinnere mich, das hat sie gesagt. Wenn meine Frau so was sagt, dann tut sie es auch. Da kommen Sie nicht los davon, Junge.“

Mir wurde ungemütlich zumute. Mr. Pratt merkte es, und er fragte:

„Warum haben Sie denn da eine solche Angst? Gefällt Ihnen denn meine Frau nicht? Ich denke doch, daß –“

Ich ließ ihn nicht zu Ende reden, denn vielleicht kam jetzt das heraus, was er wußte. Und ich hielt es für besser, diese Angelegenheit in der Schwebe und unentschieden zu lassen.

„Freilich. Ihre Frau gefällt mir sogar sehr gut“, gestand ich.

„Kann ich mir denken“, sagte Mr. Pratt.

Das war nun wieder so, daß es alles und nichts bedeuten konnte.

„Sehen Sie, Mr. Pratt,“ sagte ich nun, „es ist so eine dumme Sache. Ihre Frau gefällt mir sogar sehr. Aber, bitte, lassen Sie sich doch nicht scheiden. Sie vertragen sich doch so gut. Ich müßte sie ja dann heiraten. Es wäre ja vielleicht so übel nicht. Aber ich weiß doch gar nicht, was ich mit meiner Frau, entschuldigen Sie, bitte, was ich mit Ihrer Frau machen sollte.“

„Na, was man mit jeder Frau macht. Ihr die Freude machen, die sie gern hat.“

„Das ist es nicht. Es ist etwas andres. Ich weiß nicht, wie ich mit der Ehe fertig werde.“ Ich versuchte es ihm klarzulegen. „Ich weiß nicht, wie ich mich da benehmen soll. Ich halte das einfach nicht aus. Ich kann nicht stillhalten. Ich kann nicht stillsitzen auf dem Ursch, verstehen Sie. Ich muß vagabondieren. Da kann ich doch meine Frau nicht mitschleifen. Ich würde ausrücken, weil ich das nicht vertrage, den ganzen Tag und jeden Tag vor einem ordentlichen Tisch zu sitzen und jeden Tag ein richtiges Frühstück und Mittagessen zu bekommen. Das verträgt auch schon mein Magen nicht. Wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen –“

„Jeden. Schon erfüllt“, sagte Mr. Pratt gutgelaunt.

„Lassen Sie sich nicht scheiden von Ihrer Frau. Sie ist eine so gute Frau, eine so schöne Frau, eine so kluge Frau, eine so tapfere Frau. So eine kriegen Sie nie wieder, Mr. Pratt.“

„Das weiß ich. Deshalb lasse ich mich ja auch nicht scheiden. Ich habe nie daran gedacht. Ich weiß überhaupt gar nicht, wie Sie auf solchen Cabbage kommen. Hopp auf, wir gehen jetzt die Ablösung vom Kontrakt einweichen.“

Wir zogen ab.

Was ist denn da los? So viele Indianerweiber mit ihren Körben habe ich ja nie gesehen. So viele Tortillas zu verkaufen?

„Was ist denn eigentlich los hier?“ fragte ich Mr. Pratt. „Man sieht ja nichts weiter als Tortillas und Tortillas und Tortillas.“

„Die Bäcker streiken. Die Leute haben kein Brot und müssen alle Tortillas essen“, erklärte mir Mr. Pratt.

„He, Mr. Pratt,“ rief ich da laut, mitten auf der Straße stehenbleibend, „da sehen sie gleich an diesem Beispiel, wie bitter Unrecht Sie und Mr. Shine mir getan haben.“

„Mr. Shine und ich? Inwiefern?“

„Sie haben doch beide behauptet, daß ich mich immer nur um Streiksachen kümmere, und daß überall, wo ich arbeite, ein Streik losgeht. Hier an dem Bäckerstreik bin ich doch ganz und gar unschuldig. Ich war doch wochenlang gar nicht hier. Wie kann ich denn da etwas mit dem Bäckerstreik zu tun haben?“

„Das sagen Sie, Gale. Aber nun gehen Sie einmal in die La-Aurora-Bäckerei und hören Sie, was Senjor und Senjora Doux den Leuten erzählen.“

„Was können denn die Leute von mir erzählen?“ fragte ich.

„Die behaupten und erzählen es jedem Gast, daß Sie den Streik angezettelt haben.“

„Das sind nichtswürdige Verleumder, diese Douxens. Ich habe mit dem Streik gar nichts zu tun. Ich habe für Sie einen Transport gebracht und weiß gar nichts von einem Bäckerstreik.“

„Die Douxens aber behaupten, seit Sie dort gearbeitet haben, sind die Arbeiter in der Bäckerei mit nichts mehr zufrieden, nicht mehr mit dem Essen, nicht mehr mit dem Schlafen, nicht mehr mit dem Lohn und nicht mehr mit der langen Arbeitszeit. Und kaum waren Sie fort, ging es los. Zuerst in der La Aurora und dann am folgenden Tage in sämtlichen Bäckereien. Die wollen zwei Pesos Mindestlohn, luftige Schlafräume und achtstündige Arbeitszeit.“

„Nun will ich Ihnen aber doch die Wahrheit sagen, Mr. Pratt“, sagte ich darauf. „Mit dem Streik habe ich wirklich nichts zu tun. Ich habe Ihnen ja schon damals gesagt, als wir uns zum ersten Male trafen und Sie mir das mitteilten, was Mr. Shine über mich erzählt hat, daß rein zufällig immer da, wo ich arbeite oder wo ich gearbeitet habe, gestreikt wird, sobald ich mich da auch nur umgesehen habe. Dafür kann ich doch aber nicht. Das ist doch nicht meine Schuld, wenn es den Leuten nicht mehr gefällt und sie es besser haben wollen. Ich sage nie etwas. Ich bin immer ganz ruhig und lasse immer die andern reden. Aber weiß der Kuckuck, überall, wohin ich komme, behaupten die Leute, ich sei ein Wobbly, und ich versichere Sie, Mr. Pratt, das ist –“

„– die reine und unverfälschte Wahrheit“, beendete Mr. Pratt meinen Satz, den ich ganz anders zu beenden gedachte.

Aber so geht das immer, wenn einem die Leute die Worte aus dem Munde nehmen und dann gar noch herumdrehen. Da braucht man sich wahrhaftig nicht zu verwundern, wenn sich die Menschen falsche Meinungen bilden. Sie sollen einen andern auch einmal reden lassen. Aber stets und immer müssen sie sich in die Ansichten, die andern Leuten gehören, hineinmischen. Kein Wunder, daß dann lauter Unsinn herauskommt.

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 17]: (mehrfache Fälle) ... Da kam der Chink mit einer Literflasche voll kaltem Kaffee hervor. ... ... Da kam der Chinc mit einer Literflasche voll kaltem Kaffee hervor. ...

[S. 40]: ... „Mag sein, davon verstehe ich nichts“, wandte Mr. Gale ein. „Nun ist der ... ... „Mag sein, davon verstehe ich nichts“, wandte Mr. Shine ein. „Nun ist der ...

[S. 119]: ... wollte, sich mit ihr zu vereinen, und sie rief: „El amor y la algeria, ... ... wollte, sich mit ihr zu vereinen, und sie rief: „El amor y la alegria, ...

[S. 155]: ... und der Schaffner steckt einem eine kleines Kärtchen in das Hutband, ... ... und der Schaffner steckt einem ein kleines Kärtchen in das Hutband, ...

[S. 171]: ... Stämme ab, schälten Bast und bauten eine kleines leichtes Floß. Dann ... ... Stämme ab, schälten Bast und bauten ein kleines leichtes Floß. Dann ...