Part 11
An den Häusern entlang waren zementierte Fußwege, kaum zwei Schritte breit. Die Straße lag einen Meter oder zuweilen noch viel mehr tiefer als die Fußsteige. Es führten keine Stufen hinunter, sondern wenn man auf die Straße wollte, mußte man einen gewagten Sprung machen. Diese Straßen waren lehmige Moraste, Schlamm und große Wasserlachen füllten das Straßenbett. Und dieser Morast und die Wasserlachen waren dick und stinkig. Große Steine und irgendwo abgebrochene Zementbrocken lagen wahllos umher. Tiefe Löcher machten die Straßen so gut wie unpassierbar. Trotzdem arbeiteten sich Autos und Droschken durch diese Straßen, um Gäste zu bringen, zu erwarten oder abzuholen. Zuweilen blieben die Autos in den morastigen Löchern stecken. Und mit furchtbarem Geknatter, Heulen, Schießen, Knallen, Keuchen und Stampfen arbeiteten sie sich wieder heraus und weiter. Aber die Autoführer und die Droschkenkutscher schimpften nicht. Sie lachten nur und nahmen das alles als einen Spaß, der mit dazu gehöre, und ohne den das Viertel hier nicht das sein könnte, was es wirklich ist.
An Straßenecken standen kleine Musikkapellen, die sehr gut spielten, viel besser spielten als die Straßenkapellen in der Stadt, wo sie so dick herumwimmelten, daß sie sich die Füße gegenseitig abtraten. Jede dieser Kapellen hatte eine Geige, eine Baßgeige, eine Klarinette und eine Flöte. Manche hatten keine Flöte, sondern dafür eine Trompete. Andre wieder hatten nur Geige, Baßgeige und Gitarre. Die waren beinahe immer die besten. Wenn sie gespielt hatten, gingen sie einsammeln. Es gab selten jemand etwas. Meist gaben eigentlich nur die Senjoritas den Musikern etwas Geld.
Aber dann gingen die Kapellen auch wieder in die Restaurants und spielten dort. Dort bekamen sie schon eher etwas, häufig aber auch nichts. Das Dasein der Künstler. Dem die Musik am besten gefiel, dem sie am meisten sagte und am meisten gab, hatte kein Geld, um sie zu bezahlen. Und die andern, die zahlen konnten und es auch manchmal taten, sagten, es seien Bettelmusikanten, und sie sollten doch lieber „It ain’t goin’ rain’ no’ mo’ –“ spielen, statt diese blöden Opern. Es waren aber keine Opern, sondern es waren altmexikanische Lieder und Gesänge, die so süß klangen und doch so voller Kraft waren.
Eigentlich war die Musik ja überflüssig. Aber hier konnte nicht genug Musik sein. Schönheit und Liebe war doch überall herum. In jedem Lokal wurde getanzt. Jedes Lokal hatte seine Senjoritas, die mit den Herren lächeln und tanzen und trinken mußten, und deren Aufgabe es war, den Herrn zu veranlassen, daß er Geld ausgebe. Dafür bekamen die Senjoritas auch je einen Raum im Hinterhause des Restaurants, wo sie sich mit ihrem Herrn ungestört vergnügen konnten, und sie brauchten für den Raum keine Miete zu bezahlen, und die Wäsche wurde ihnen auch noch gestellt. Denn Wäsche wird viel gebraucht.
Und überall wurde getanzt. Jeder durfte tanzen, wie er wollte. Und jedes Paar durfte tanzen, wie es wollte. Es war kein Tanzordner da, und die Leutchen durften sich im Tanz alles sagen, was sie auf dem Herzen hatten, ohne sich der Sprache zu bedienen. Niemand hinderte sie daran, so zu tanzen, daß eigentlich, wenn es gerecht zuginge, jeder von ihnen zwanzig Jahre Zuchthaus bekommen müßte. Aber es ging ja eben nicht gerecht zu, und darum tanzten alle so, daß ihnen die Engel im Himmel hätten zuschauen dürfen, ohne zu erröten.
Zuweilen tanzte aber doch ein Paar in der Weise, daß des Satans Großmutter ihr Gesicht in der Schürze verbergen mußte, wenn sie es sah. Aber sie sah es ja nicht, und andre Leute kümmerten sich nicht darum, und die vorbeipatrouillierenden Polizisten steckten sich eine Zigarette an und sahen lächelnd zu oder gingen weiter, weil es sie langweilte. Das Paar langweilte es nach einer Runde selbst, und es tanzte wieder den Engeln zur Freude, weil es schöner war und das andre niemandem zum Ärgernis wurde.
Eine Negerin aus Virginia trat auf in der Casa Roja, wo wir gerade vorbeikamen. Sie tanzte mitten im Lokal. Bauchtanz. Aber der wahre Bauchtanz, der echte und unverfälschte. Der Bauchtanz war es, den Eva erfand, als sie das Paradies los war und sich frei bewegen konnte. Nicht nur alle Herren, sondern auch alle Senjoritas, die im Lokal waren, standen auf, um dieses Kunstwerk zu sehen und Gesten zu lernen, die ihnen von Nutzen sein konnten, wenn sie nicht allein schliefen. Und in alle Türen drängten die Herren und die Senjoritas, die auf der Straße waren; denn die Türen waren offen. Kunst ist das, was unsre Seele jubeln macht. Und der Bauchtanz der Negerin aus Virginia war reife und vollendete Kunst. Auch sie war eine Senjorita und hatte ihr Haus hier, um darin mit Herren zu plaudern. Aber keiner der Herren, der sie eben tanzen gesehen hatte, wagte sie anzusprechen. Sie war himmelhoch über alle die Senjoritas hier emporgeflogen. Sie war gottbegnadete Künstlerin, und keiner der Herren glaubte so viele Pesos in seiner Tasche zu haben, daß er es wagen dürfe, mit ihr zu gehen. Ein tosender Beifall brach aus, als sie geendet hatte und niedergesunken war auf den Fußboden. Dort kniete sie, die Arme zurückgeworfen, den Leib mit den quellenden Brüsten drehend und schiebend wie in einem letzten aushauchenden Seufzer, der dem letzten müden Tropfen einer sterbenden Bergquelle folgt. Dann mit einem kurzen, schmerzhaften Ruck zog sie den Unterleib zurück und ließ den Kopf matt und müde sinken, bis die Stirn den Boden berührte. Nun sprang sie auf mit einem jubelnden Schrei gesunder und vollbefriedigter Freude, stand schlank und gerade im Saal, die linke Hand in die Hüfte gepreßt, den rechten Arm in runder weicher Geste hochgeworfen. Ihre Augen blitzten, und ihre weißen Zähne leuchteten zwischen den vollen Lippen hervor. Und sie lachte ein sieghaftes Lachen, streckte ihren Leib hervor mit einer Geste, als ob sie einen Kontinent einladen wollte, sich mit ihr zu vereinen, und sie rief: „El amor y la alegria, senjores mios!“
Es folgte ein kurzes Schweigen, dann donnerte der Beifall aufs neue los, und die Musik setzte mit einem Schmettern ein, das einige Takte dauerte, während die Negerin, ihr dünnes Kleid zupfend und sich das Haar zurückstreichend, zu ihrem Platze ging, wo sie eine Flasche Bier und ein Glas stehen hatte. Alle Herren betrachteten sie mit einer scheuen Bewunderung, ohne sich ihr zu nähern und sie zu dem einsetzenden Foxtrott aufzufordern. Sie gingen zu den andern Senjoritas, die sich bescheidener benahmen und nicht Orkane erwarten ließen, die den gewandtesten Mann mit einer Fingerbewegung aus dem Sattel zu heben drohten. Die Senjoritas betrachteten die Negerin nicht als eine Nebenbuhlerin, die sich eines unlauteren Wettbewerbes bediente. Durchaus nicht. Sie gab dem Geschäft einen ganz ungeheuerlichen Schwung, der zehn Minuten vorher nicht zu spüren war. Die Herren hatten Feuer in den Augen, während sie bisher ziemlich gleichgültig und interesselos dreingeschaut hatten. Und die Senjoritas versuchten jetzt beim Tanzen einige der Bewegungen, die sie soeben gesehen hatten, nachzuahmen. Aber es sah häßlich aus und widerlich. Sie preßten sich hart an die Männer und spielten mit ihren hinteren Partien. Aber die Herren reagierten nur sehr schwach darauf und hielten sich auffallend steif zurück, bis die Senjoritas anfingen, die Gesten, die bei ihnen so aussahen, als ob ein kleiner Gemüsekrämer plötzlich die Reklame eines großen Warenhauses nachmachen möchte, aufzugeben und immer mehr zu lassen und in normaler Weise zu tanzen. Ja, nun benahmen sie sich wie die sogenannten anständigen Damen. Das gefiel den Herren viel besser und erinnerte sie sicher an ihre Bräute oder Frauen oder an begehrte Mädchen und brachte sie in die Stimmung, die allein für das Geschäft nutzbringend war.
Sie luden ihre Tänzerinnen ein, sich mit ihnen zu einer Flasche Bier oder einem Whisky an einen Tisch zu setzen. Sekt trinkt man nur, wo den Kleinen alles verboten und den Großen mehr erlaubt ist, als sie in normaler Weise leisten und genießen können. Wo Sekt getrunken werden muß, um lachen zu dürfen und sich der Schönheiten des Lebens zu erfreuen, artet die Unterhaltung häufig zur Schweinerei aus. Und an diesen Ausartungen mißt der Zensor seine Normalmeterstäbe ab, mit denen er den Kleinen die Länge des Vergnügens zumißt, die er ihnen zubilligt. Immer nur da, wo die Röcke nicht hochgehoben werden dürfen, begeht man Verbrechen und tut den törichten Unsinn, nachzusehen, was unter den Röcken ist.
10
Die Straßen waren voll von Händlern. Da waren Tische, wo es heiße Enchiladas gab. An andern gab es Kaffee. Wieder an andern kaltes Huhn oder gebratenen Fisch oder Roastbeef mit Brötchen oder mit Tortillas. Man konnte Salat kaufen, oder Bananen, Papayas, Äpfel, Weintrauben, Apfelsinen. Kleine Buden verkauften Zigaretten, Zigarren und Tabak. Andre Zeitungen und Zeitschriften. An vielen Tischen gab es Eiswasser in fünf oder sechs verschiedenen Sorten, Lemones, Hochata, Jamaica, Tamarindo, Pinja, Naranja, Papaya und was nicht noch. Dazwischen liefen Jungen und Frauen herum mit Körben oder Zigarrenkistchen. Sie verkauften Kaugummi, Süßigkeiten, getrocknete Kalavasaskerne, Peanuts, Obst und Blumen. Andre liefen herum mit Eimern mit Eiswasser, das sie glasweise abgaben. Hundert Menschen, wenn nicht mehr, fanden hier ihren Lebensunterhalt. Frauen trugen ihre Säuglinge auf den Armen oder führten kleine Kinder an der Hand, während sie ihrem Handel nachgingen. Weder die Sittlichkeit der halbwüchsigen Jungen, die ihre Zeitungen oder Zigaretten ausriefen, noch die der ehrbaren Handelsfrauen oder deren Kinder wurde vernichtet in dieser Umgebung. Wer Sittlichkeit hat, der verliert sie nicht, wenn er etwas sieht, das als Unsittlichkeit anzusehen ihn niemand gelehrt hat.
Hunderte von ehrbaren Frauen und Mädchen und Kindern und ganzen Familien hatten den ganzen Tag hindurch das Quartier der Senjoritas zu passieren, um zu ihren Wohnungen zu gelangen. Sie fühlten sich nicht gefährdet. Sie konnten einen andern Weg wählen, wenn sie wollten; aber der Weg durch das Quartier war kürzer. Und wenn man mit einer Frau, die etwas vom Leben verstand, darüber sprach, so sagte sie: „Einen Mann zu gewinnen und zu behalten, ist nicht so schwer; aber jeden Tag ein halbes Dutzend Männer zu gewinnen, ist eine Kunst. Warum soll ich mit Entrüstung auf die Senjoritas sehen? Ich glaube, die Entrüstung und das Ärgernis bei vielen ehrbaren Frauen kommt nur daher, weil es ihnen nicht gelänge, sich auf diese Art ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Herren wollen für ihr Geld etwas haben, und die Mehrzahl der ehrbaren Frauen ist zu langweilig, zu dumm, zu häßlich, um den Herren das geben zu können, wofür die Herren zahlen. Um ihre Nachteile zu verschleiern, nennen sie sich anständig, und sie haben große Mühe, ihrem eignen Manne zu gefallen.“ Und die Dame, die das sagte, war die ehrbar angetraute Frau eines wohlsituierten Kaufmannes in der Stadt, der einem vornehmen Klub als Mitglied angehörte. Und sie war eine schöne Frau, die sich gut und geschmackvoll zu kleiden verstand und sicher nie einem andern Manne als dem ihrigen auch nur die kleinste Gunstbezeigung erwiesen hatte. Aber sie war ja auch keine Puritanerin, sondern eine Tochter aus alter spanisch-mexikanischer Familie. In puritanischer Umgebung können solche Anschauungen nicht wachsen, und wenn sie auftauchen, sind sie widerwärtig.
Es kam ein junger Amerikaner eines Tages hierher. Er hatte eine sehr hübsche junge Frau und drei niedliche Kinderchen. Ich wurde bei ihm zum Dinner eingeladen. Vor Tisch und nach Tisch betete er, und Sonntags vergaß er nicht, mit seiner Frau die amerikanische Kirche zu besuchen. Als er mich bat, ihm die Stadt zu zeigen, sagte er: „Ich habe gehört, hier in diesen Ländern gibt es das und das. Wo ist denn das?“ Ich zeigte es ihm, und er besuchte mehr als eine der Senjoritas. Als er dann wieder zurückreiste, sagte er mir: „Das ist doch ein schrecklich unsittliches Land. Dem Himmel sei Dank, daß so etwas bei uns nicht gestattet ist.“
Da log er zum zweitenmal. Es war gestattet. Wie alles gestattet ist, was gegen die natürlichen Triebe des Menschen gerichtet ist. Es wurde gestattet durch Vergewaltigung von Frauen und Kindern, durch Verheiratung elfjähriger Mädchen an fünfzigjährige reiche Männer, die sich nach acht Wochen wieder scheiden ließen. Es wurde gestattet durch das Herumschleichen von Frauen und Mädchen in den Seitengassen zur Abend- und Nachtzeit. Es wurde gestattet dadurch, daß von hundert Männern wenigstens fünfzehn und von hundert Frauen und Mädchen achtzehn an üblen Krankheiten litten, die in den dunklen Seitengassen wucherten und wuchsen. Dann werden Millionen und aber Millionen von Dollar ausgegeben, um diesen Krankheiten, von denen zu sprechen schamlos ist, Einhalt zu gebieten, während hunderttausend Dollar genügten, sie auf das kleinste Maß zu beschränken, dadurch, daß man den Leutchen Gelegenheit gibt, sich innerhalb beleuchteter vier Wände guten Abend zu sagen, Wasser und Seife zur Hand zu haben und die ganze Sache ebenso als Geschäft zu betrachten wie die bezahlte Krankenpflege, das Dampfbad oder das Massieren. Aber wenn das von diesem natürlichen und gesunden Standpunkt aus betrachtet würde, hätten ja die alten Betschwestern, die kastrierten Traktätchenschreiber und die sabbernden Verkünder Goldner Regeln nichts mehr zu tun. Wohin mit ihnen so schnell? Man kann sie doch nicht eingraben. Sie würden ja nicht einmal Dung machen, weil sie zu trocken, zu ledern und zu saftlos sind.
Die Senjoritas sprachen alle mehrere Sprachen. Die nur Spanisch sprechen konnten, hatten wenig Erfolg. Sie mußten sich mit den Peons begnügen, und diese armen Teufel konnten nur gerade den denkbar kleinsten Betrag in diesen Spekulationen anlegen. Diese ungebildeten Senjoritas wohnten in den abgelegensten Teilen des Quartiers, wo die Zimmer am billigsten waren, am einfachsten möbliert, und wo die Musikkapellen nur so gelegentlich hinkamen, wenn in den andern Sektionen die Konkurrenz zu groß war. Hier in dieser Sektion trugen die Senjoritas Kleider so einfach, daß sie mit ihnen sofort zur Stadt hätten gehen können, ohne aufzufallen. Die Einnahmen reichten kaum zur Schminke und zum Puder; aber Wasser, Seife, antiseptische Lösung, für jeden Besucher reine Tücher mußten sie haben. Denn der Gast, der da vorbeikam, konnte ganz gut der Inspektor der Gesundheitskommission sein, der plötzlich das Zimmer betrat, nach dem Gesundheitspaß fragte und sich die Materialien für die Sauberkeit ansehen wollte, Puder, Schminke und Parfüm brauchten nicht in Ordnung sein, aber die andern Materialien mußten in vorschriftsmäßiger Verfassung sein, sonst gab es Quarantäne, und die war kostspielig und war mehr gefürchtet als Geldstrafe oder Gefängnis.
Es gab keine Sklaverei. Jede Senjorita war frei. Sie durfte morgen oder sofort das Haus verlassen. Keine alte Hökerin, kein Faulenzer hielt sie unter irgendeiner Form von Pfand für Mietschulden, Kostgeld oder Wäscherechnungen. Die Miete mußte eine Woche im voraus bezahlt werden. Wer nicht bezahlen konnte, mußte das Quartier verlassen. Wer auf der Straße zu Geschäftszwecken angetroffen wurde, kam in Quarantäne. Für Privatzwecke durfte sie aber auf den öffentlichen Straßen spazierengehen, soviel sie wollte, und wann sie wollte. In der Goldnen Sektion, die am Eingang des Quartiers war, wo alles im strahlenden Lichte der Tanzsalons lag, wohnten die Französinnen. Sie sprachen ein rasend schnelles Französisch, und sie alle schworen, daß sie aus Paris seien. Aber mehr als die Hälfte hatten Paris nie gesehen, sondern kamen aus London, aus Berlin, aus Warschau, aus Budapest, aus Petersburg oder aus Städten noch viel ferner von Paris. Keine von ihnen konnte die Erlaubnis erhalten, hier in dieses Land zu kommen, weil Damen, die sich diesem ehrenwerten Geschäft widmen oder widmen wollen, die Einreise nicht erlaubt ist. Aber sie waren alle hier und waren alle eingereist. Jede mit Hilfe eines andern Tricks.
Die Pariserinnen waren die Elegantesten; das mußten sie schon sein, um in dieser Sektion bestehen zu können. Sobald die Einnahmen für die notwendige Aufmachung nicht mehr ausreichten, was sehr rasch geschehen konnte und sehr häufig vorkam, mußte die Senjorita der drückenden Konkurrenz wegen in die nächst billigere Sektion verziehen. Und so kam es vor, daß manch eine, die das Geschäft nicht verstand und die Kunst nicht lernte, um es mit den Meisterinnen aufzunehmen, immer weiter von der Goldnen Sektion abrücken mußte, bis sie in dem dunkelsten Teil endlich landete, wo nur die Peons hingingen, die um fünfzig Centavos handelten.
Hier aber in der Goldnen Sektion erschienen die, die das Geld nicht ansehen, wenn sie herkommen. Die Ölleute, die sechs oder acht Monate im Busch oder im Dschungel gelebt hatten, wo sie nichts ausgeben konnten, und jetzt zweitausend Dollar in der Tasche hatten, von denen sie nur zwanzig auszugeben gedachten, von denen sie aber am Ende der Nacht nur noch so wenig hatten, daß sie sich einen Peso von einem Landsmann betteln mußten, um das Auto zu bezahlen, mit dem sie zum Hotel fahren wollten. Da kamen die Schiffskapitäne, die ein gutes Nebengeschäft am Tage gemacht hatten; die Spekulanten, die einigen Grünlingen Aktien für Ölfelder verkauft hatten, in denen man nur Öl sah, wenn man eine Kanne voll hinbrachte. Da waren die Riggers, die ihren Kontrakt gestern fertiggebracht und heute das Geld kassiert hatten. Diese Geldstrotzenden gingen von Haus zu Haus, von Senjorita zu Senjorita, augenscheinlich ausgestattet mit unverwüstlicher und unerschöpflicher Lebenskraft. Aber sie gingen ja zu Meisterinnen ihrer Kunst, die es wohl verstehen, aus dem trockensten Baumstamm eine muntere Quelle rieseln zu lassen, sicherer noch als der heiligste indische Fakir.
Die Häuser waren meist aus Holz gebaut. Jedes Haus hatte nur einen Raum. Ein Haus sah genau so aus wie das andre, und jedes Haus war dicht an das Nachbarhaus geklebt. Der Raum hatte nur eine Tür, die unmittelbar von der Straße in das Zimmer führte. Und jeder Raum hatte nur ein Fenster, das keine Glasscheiben hatte, manchmal jedoch statt der Scheiben Moskitodrahtgaze.
Auf der Fahrstraße konnte man nicht gehen, man mußte auf dem schmalen zementierten Wege gehen, der an der Häuserreihe entlang führte. Die Senjoritas saßen alle vor der offenen Tür auf einem Stuhl, oder sie standen herum, allein oder in kleinen Gruppen, schwatzend und lachend. An keiner Tür konnte man vorbeigehen, ohne daß man von der Senjorita, der diese Tür gehörte, festgehalten und mit den süßesten Worten eingeladen worden wäre, hineinzukommen und sich mit ihr zu unterhalten. Dabei machten sie so gewagte Versprechungen, daß die Versprechungen allein genügten, die eisernste Widerstandskraft und die teuersten Gelübde spielend über den Haufen zu werfen. Erreichte man das nächste Haus, ließ einen die Senjorita sofort los, denn das nächste Haus war das Bereich der Nachbarin, wo nur die das Recht besaß, Versprechungen zu machen, die noch um einige Grade weitergingen als die der eben verlassenen Dame.
Man konnte sich nur durch eine einzige Ausrede vor diesen fortgesetzten Angriffen retten: „Ich habe kein Geld.“ Dann war man sofort frei, vorausgesetzt, daß die Senjorita es glaubte. Meist glaubte sie es nicht und fühlte einem dann die Taschen ab. Aber keine hätte den Versuch gemacht, einem auch nur fünfzig Centavos wegzunehmen.
Ihre Menschenkenntnis bewiesen sie dadurch, daß sie ehrbare Bürger, die das Quartier zu passieren hatten, um zu ihren eignen Wohnungen zu gelangen, nie belästigten oder nur in ganz bescheidener, unaufdringlicher Weise. Viele suchten sich ihre Gesellschaft recht sorgfältig aus und berührten keineswegs jeden, der vorbeikam. Andre weigerten sich entschieden und liefen sich selbst durch überbotene Beträge nicht gewinnen, wenn ihnen der Herr aus irgendeinem Grunde nicht gefiel. Manche sahen keinen Chinesen an, andre keinen Neger, viele keinen Indianer. Und doch, wenn schlechte Geschäftstage kamen, wenn es zum Ende des Monats ging, zwang sich manche, jemand zuzulächeln, den sie zu Anfang des Monats oder noch drei Tage vorher entrüstet angesehen hätte, wenn er sie nur angetippt haben würde.
Die Großen des Reiches sprachen nicht nur fließend Französisch, sondern auch sehr geläufig Englisch, Spanisch, Deutsch. Manche Unterhaltungen bereiten nur dann Vergnügen, wenn die Begleitmusik die Muttersprache ist. Und gewisse Empfindungen kommen nur dann voll zur Entfaltung, wenn sie mit Worten erweckt werden, die bestimmte Gefühlsnerven treffen, die eine angelernte Sprache niemals treffen kann. Denn solche Worte bringen die Erinnerung an das erste Schamgefühl, die Erinnerung an das erste Mädchen, das man begehrte, die Erinnerung an die mysteriösen Stunden des ersten Reifegefühls zurück. Die Meisterinnen der Kunst wissen das recht wohl. Darum kommen die Stümperinnen, die nur eine Sprache kennen, nicht voran; sie bleiben immer die Centavoskrämer in den dunklen Sektionen.
Aber die Bajadere Goethes sucht man vergebens. Zeit ist Geld. Und zum süßen Tändeln, zum zarten Spielen, zum stundenlangen Heransehnen an die Erfüllung fehlt diesen Meisterinnen das, was man die Liebe einer angebeteten Frau nennt. Hier ist hohe und höchste Kunst, nichts mehr. Aber die bekommt man voll, und man wird für sein Geld nicht betrogen. Der Rest ist: Die süße heilige Sehnsucht nach der Geliebten. Hier wird der unbezahlbare Wert der geliebten Frau bestätigt. Das wissen die Künstlerinnen auch, und sie machen kein Hehl daraus. Darum verkaufen sie eben nur das, was die Herren wünschen. Mehr wird nicht verlangt für das Geld. Diese Künstlerinnen sind gute Kaufleute, die es verstehen, Kundschaft heranzuziehen und zu halten.
11
„Wenn Sie es gern hören, kann ich auch Deutsch sprechen“, sagte Jeannette. „Ich bin ja aus Charlottenburg.“
„Ich habe geglaubt, aus Paris.“
Darüber fühlte sie sich sehr geschmeichelt; denn die echten Französinnen riefen ihr „Boche“ entgegen, wenn sie sich zankten. Und die Senjoritas zankten sich gern und häufig. Wenn der Zank vorüber war – er war nicht immer wegen der Kundschaft, sondern häufiger wegen Preisdrückerei –, dann war Jeannette wieder „Meine Teure aus Straßburg“, für die sie ein Mitleid empfanden, das auf patriotischer Grundlage ruhte, ein Mitleid, das daheim in Frankreich bereits anfängt, andern Gefühlen Platz zu machen. Aber davon wußte man hier nichts; denn die Französinnen hatten Frankreich schon eine Reihe von Jahren nicht mehr gesehen.
Jeannette, die in Charlottenburg vielleicht Olga hieß, in ihrem Gesundheitspaß aber Jeannette genannt wurde – und dieser Name war durch Photographie beglaubigt –, hatte sich während des Krieges in Buenos Aires aufgehalten. Auch dort war sie sehr tätig in ihrem Beruf gewesen und war zu einem Vermögen gekommen.
„Ich bekam plötzlich Lust, einmal nach Hause zu fahren und zu sehen, wie es dort aussieht“, sagte sie.
Sie fand Vater und Mutter in den elendesten Verhältnissen. Der Vater war in Friedenszeiten ein geachteter Bürger gewesen, Fabrikportier bei einer großen Berliner Firma. Nach dem Kriege war er entlassen worden, weil ein Kriegsinvalide, den das Vaterland nicht unterhalten wollte, untergebracht werden mußte.
Die Leute hatten ihr ganzes Leben lang sich nichts gegönnt, immer nur gespart und gespart, um auf ihre alten Tage etwas zu haben. Sie hatten ihr Geld auf einer mündelsicheren Sparkasse. Als aber dann der Staat durch die Entwertung des Geldes die Mündel, die Dienstmädchen und die alten ehrbaren Leutchen um ihre kleinen Spargüter so gewissenlos betrog, wie es kein Privatmensch je hätte wagen dürfen, ohne daß die Menschen ihn in Stücke gerissen hätten, verwandelte sich das Goldgeld der Familie Bartels – Jeannette sagte mir, das sei ihr deutscher Name, aber ich glaube es nicht – in Papierschnitzel, die so wertlos waren, daß man sie nicht einmal auf verschwiegenem Ort mit Erfolg verwenden konnte.
Die Bartels beschlossen, sich mit Gas zu vergiften; aber von irgendeiner Wohltätigkeits-Vereinigung bekamen sie für zwei Wochen Graupen, Reis, Trockengemüse und eine Büchse Corned Beef. Damit hielten sie sich vier weitere Wochen am Leben, und da fuhr eines schönen Nachmittags Jeannette vor, die soeben von Hamburg und von Buenos Aires gekommen war, ohne sich vorher anzukündigen. Sie brachte so viel Geld mit, daß sie eine ganze Straße in Charlottenburg hätte kaufen können; denn sie hatte Dollars.
„Mädel, Mädel, wie kommst du nur zu so viel Geld?“ hatte die Mutter nur immer wieder gefragt.
„Ich habe einen Viehherdenbesitzer in Argentinien geheiratet, der zwei Millionen Stück Rindvieh hatte. Der ist nun gestorben und hat mir sein ganzes Vermögen hinterlassen.“
„Wer hätte das gedacht, Mädel, daß du einmal solches Glück im Leben haben würdest!“ sagte die Mutter, und Jeannette wurde in der Straße bald bekannt als die „Argentinische Millionenwitwe“. Das klang besser als zu sagen, die Olga Bartels, die in Argentinien einen Millionär geheiratet hat. Mit „Argentinischer Millionenwitwe“ konnte die Verwandtschaft, die Bekanntschaft und die Nachbarschaft besser prunken und mehr Geschwätz machen als mit Olga Bartels. Eine Olga Bartels in der Familie oder in der Nachbarschaft zu haben, das konnte jeder, eine argentinische Millionenwitwe zu kennen, das umgab einen mit einem Glorienschein.