Chapter 6 of 17 · 3978 words · ~20 min read

Part 6

Als ich das von den Wunden so langsam erzählte, ging in Antonio eine erschütternde Veränderung vor sich. Er wurde leichenblaß, starrte mich mit entsetzten Augen an, bewegte die Lippen und schluckte und schluckte, konnte aber kein Wort hervorbringen. Mit der linken Hand arbeitete er an seinem Gesicht und an seinem Halse, als ob er sich das Fleisch herunterreißen wollte, während er mit der rechten Hand wie im Traum nach meiner Schulter und nach meiner Brust tastete, als ob er sich vergewissern müsse, ob da jemand sitze oder ob das nur eine Wahnvorstellung sei.

Ich wußte nicht, was ich aus all dem machen sollte. Ich konnte mir jetzt überhaupt nichts mehr erklären. In Antonio zeigte sich plötzlich das ganze Schuldbewußtsein eines Menschen, dem seine Tat mit allen ihren Folgen klar zu werden beginnt. Und eben noch hatte er gelacht, als ich ihn des Mordes an Gonzalo verdächtigte. Wie sollte ich mir ein solches Verhalten zurechtlegen, um darüber nicht selbst meine Gedanken zu verschlingern und mir vielleicht gar noch einzuträumen, daß ich selbst Gonzalo erschlagen habe!

16

Die Lampen im Park flammten auf.

Die Nacht war blitzschnell über uns hereingebrochen in der kurzen Zeitspanne, wo der Kampf in Antonio begann. Denn es war im hellen Tageslicht gewesen, daß ich sein Gesicht offen und unbefangen zuletzt gesehen hatte. Und nun deckte die Nacht das in seinem Gesicht zu, was für mich der nackte, der natürliche, der wahre, der unverschleierte Mensch Antonio war. Das, was für mich ein unvergeßliches Ereignis hatte werden sollen, die Züge und Gesten eines Menschen zu studieren, den die finstersten Mächte überfallen haben, den sie schütteln und rütteln und dem sie jedes Härchen und jede Pore an seinem Körper in Aufruhr versetzen, wurde mir nun zerstört durch die grellen Lampen, die in das Gesicht Antonios Schatten und Linien hineinlogen, die in Wahrheit nicht darinnen waren.

Wahrheit allein war sein heißes Atmen, und Wahrheit allein waren seine tastenden und krallenden Finger. Alles andre wurde Rampenlicht. Auf der Nebenbank saß ein indianischer Arbeiter, zerlumpt wie zehntausende unsrer Klasse, weil der Lohn kaum für das Essen reicht, häufig nichts übrigbleibt für eine Dreißig-Centavos-Pritsche in einem der vielen Schlafhäuser, wo sich morgens fünfzig oder achtzig oder hundert Schlafgenossen aller Rassen und aller Völker der Erde, behaftet mit vielleicht ebenso vielen oder mehr Krankheiten, die von den Ärzten gekannt und nicht gekannt oder nicht einmal erahnt sind, alle in demselben Wascheimer waschen, alle an demselben Handtuch abtrocknen, alle mit demselben Kamm kämmen.

Der indianische Prolet war auf der Bank eingeschlafen. Seine Glieder entspannten sich, und der ganze ermüdete und abgearbeitete Körper sank zu einem Häuflein Lumpen mehr und mehr zusammen.

Da schlich sich ein indianischer Polizist heran. Er umkreiste die Bank wie ein Raubvogel seine Beute, die er aus seiner Höhe auf dem Erdboden kriechen sieht. Dann, als er wieder an der Rückseite der Bank war, zog er seine Lederpeitsche durch die Hand und hieb, mit bestialischer Brutalität und mit einem tückischen Grinsen auf dem Gesicht, dem Arbeiter die Peitsche über den Rücken. Ein furchtbarer Hieb. Mit einem unterdrückten ächzenden Schrei fiel der Oberkörper des Indianers kurz nach vorn über, als hätte man ihm den Rücken mit einem Schwert durchschnitten. Dann aber schnellte der Körper rasch nach hinten, und sich mit einem Gestöhn windend, griff er langsam mit der Hand nach dem gemarterten Rücken. Der Polizist trat jetzt nach vorn und grinste den Arbeiter mit einer teuflischen Grimasse an. Dem Gepeinigten liefen vor Schmerzen dicke Tränen über das Gesicht. Aber er sagte nichts. Er stand nicht auf. Er blieb ruhig auf der Bank sitzen. Denn das war sein Recht. Sitzen durfte er auf der Bank, er mochte noch so zerlumpt sein, es mochten noch so viele elegante Caballeros und Senjoras herumirren, um die Kühle des Abends auf einer der bequemen Bänke zu genießen und dem Konzert zuzuhören, das bald beginnen würde. Der Indianer wußte, er war der Bewohner und der Bürger eines freien Landes, wo der Millionär nicht mehr Recht hat, auf dieser Bank zu sitzen, und wäre es vierundzwanzig Stunden lang, als der arme Indianer. Aber schlafen durfte er nicht auf der Bank. So weit ging die Freiheit nicht, obgleich die Bank auf dem „Platze der Freiheit“ stand. Es war die Freiheit, wo derjenige, der die Autorität besitzt, den peitschen darf, der die Autorität nicht hat. Der uralte Gegensatz zweier Welten. Uralt wie die Geschichte von der Herauspeitschung aus dem Paradiese. Der uralte Gegensatz zwischen der Polizei und den Mühseligen und Beladenen und Hungernden und Schlafbedürftigen. Der Indianer war im Unrecht, das wußte er wohl, deshalb sagte er nichts, sondern stöhnte nur. Satan oder Gabriel – dieser hier hielt sich für das zweite – war im Recht.

Nein! Er war nicht im Recht! Nein! Nein! Mir stieg das Blut zu Kopfe. In allen Ländern der hohen Zivilisation, in England, in Deutschland, in Amerika und erst recht in den andern Ländern, ist es die Polizei, die peitscht, und ist es der Arbeiter, der gepeitscht wird. Und da wundert sich dann der, der zufrieden an der Futterkrippe sitzt, wenn plötzlich an der Krippe gerüttelt wird, wenn die Krippe plötzlich umgeschleudert wird und alles in Scherben geht. Aber ich wundere mich nicht. Eine Schußwunde vernarbt. Ein Peitschenhieb vernarbt nie. Er frißt sich immer tiefer in das Fleisch, trifft das Herz und endlich das Hirn und löst den Schrei aus, der die Erde erbeben läßt. Den Schrei: „Rache!“ Warum ist Rußland in den Händen der Bolsches? Weil dort vor dieser Zeit am meisten gepeitscht wurde. Die Peitsche der Polizisten ebnet den Weg für die Heranstürmenden, deren Schritte Welten erdröhnen und Systeme explodieren macht.

Wehe den Zufriedenen, wenn die Gepeitschten „Rache“ schreien! Wehe den Satten, wenn die Peitschenstriemen das Herz der Hungernden zerfressen und das Hirn der Geduldigen auseinanderreißen! Man zwang mich, Rebell zu sein und Revolutionär. Revolutionär aus Liebe zur Gerechtigkeit, aus Hilfsbereitschaft für die Beladenen und Zerlumpten. Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit sehen zu müssen, macht ebenso viele Revolutionäre wie Unzufriedenheit oder Hunger.

Ich sprang auf und ging zu der Bank, wo immer noch der Polizist stand, die Peitsche durch die Hand ziehend, sie ab und zu durch die Luft pfeifen lassend und mit funkelnden Augen auf sein sich windendes Opfer grinsend. Er nahm keine Notiz von mir, weil er glaubte, ich wolle mich auf die Bank setzen.

Ich ging aber dicht auf ihn zu und sagte: „Führen Sie mich sofort zur Wache. Ich werde Sie zur Meldung bringen. Sie wissen, daß Ihre Instruktion Ihnen nur das Recht gibt, sich der Peitsche zu bedienen, falls Sie angegriffen werden oder bei Straßenaufläufen nach wiederholtem Aufruf. Das wissen Sie doch?“

„Aber der Hund hat hier auf der Bank geschlafen“, verteidigte sich der kleine braune Teufel, der kaum höher war als fünf Fuß.

„Dann durften Sie ihn wecken und ihm sagen, daß er hier zu dieser Zeit nicht schlafen dürfe, und wenn er wieder einschlafen sollte, durften Sie ihn von der Bank verweisen, aber auf keinen Fall durften Sie ihn schlagen. Also kommen Sie mit zur Wache. Von morgen ab werden Sie keine Möglichkeit mehr haben, jemand zu peitschen.“

Der Bursche sah mich eine Weile an, sah, daß ich ein Weißer war, und sah, daß ich es im Ernst sagte. Er hing die Peitsche an den Haken in seinem Gürtel, und mit einem schnellen Satz war er verschwunden, als habe ihn die Erde verschluckt.

Der Indianer stand auf und ging langsam seiner Wege.

Ich schlenderte zurück zu Antonio.

Mörder hin, Mörder her! dachte ich. Es ist ja alles egal. Alles ist Busch. Überall ist Busch. Friß! oder du wirst gefressen! Die Fliege von der Spinne, die Spinne vom Vogel, der Vogel von der Schlange, die Schlange vom Coyote, der Coyote von der Tarantel, die Tarantel vom Vogel, der Vogel von –. Immer im Kreise herum. Bis eine Erdkatastrophe kommt oder eine Revolution und der Kreis von neuem beginnt, nur anders herum.

Antonio, du hast ganz recht gehabt! Du bist im Recht! Der Lebende hat immer recht! Du bist im Recht! Der Tote ist schuld. Hättest du nicht Gonzalo ermordet, hätte er dich ermordet. Vielleicht. Nein sicher. Es ist der Kreis im Busch. Man lernt es so schnell im Busch. Das Beispiel ist zu häufig, und die ganze Zivilisation ist ja nichts andres als die natürliche Folge seiner bewundernswerten Nachahmungsfähigkeit.

17

„Nein!“ sagte Antonio, ruhiger geworden, „es war ganz bestimmt nicht meine Absicht, Gonzalo zu töten. Es hätte mich genau so gut treffen können. Glauben Sie mir doch, oh, amigo, mio! Ich bin nicht schuld an seinem Tode.“

„Ich weiß, Antonio. Es konnte auch Sie treffen. Es kann Sie heute abend noch treffen. Es ist der Busch, der uns alle am Kragen hat und mit uns macht, was er will.“

„Ja!“ sagte er, „Sie haben recht, Gale, es ist der Busch. Hier in der Stadt wären wir auf so eine verrückte Idee gar nicht verfallen. Aber da singt der Busch die ganze Nacht, da schreit ein Fasan seinen Todesschrei, wenn er gepackt wird, da heult der Cougar auf seinem Mordwege. Alles ist Blut, alles ist Kampf. Im Busch sind es die Zähne, bei uns sind es die Messer. Aber es war doch nur Scherz, nur der reine Spaß. Wirklich nur Spaß. Nichts weiter.

Ob es nun die Würfel sind, oder die Karten, oder das Rädchen, oder die Messer! Wir hatten nach siebenwöchiger Arbeit keiner soviel Geld übrig, wie wir brauchten, um aus dieser verlassenen Gegend fortzukommen und was andres aufzusuchen.

Wir hatten ziemlich gleich viel Geld. Gonzalo hatte etwas über zwanzig Pesos, ich hatte fünfundzwanzig.

Es war am Sonntag abend. Montag früh wollten wir gehen.

Abraham war schon ein paar Tage fort, auch Charley war gegangen, Sie waren auch nicht mehr da. Wir waren nur noch drei, Gonzalo, Sam und ich.

Wir zählten unser Geld auf dem Erdboden. Wir hatten jeder Goldstücke, das kleine in Silber.

Und als das Geld nun da vor uns auf dem Erdboden lag, kaum zu sehen bei dem Schein unsres Feuers, da fing Gonzalo an zu fluchen.

Er sagte: „Was tu ich mit den paar lausigen Kröten? Da hat man nun sieben Wochen geschuftet wie ein verrückter Negersklave, in der Glut, von früh um vier bis Sonnenuntergang, dann heim. Und dann abgerackert, daß man kaum noch einen Knochen rühren kann, noch den elenden Fraß zu kochen und ’runterzuwürgen. Keinen Sonntag gehabt, kein Vergnügen, keine Musik, keinen Tanz, kein Mädchen, keinen Schnaps und den schlechtesten Tabak. Was soll ich mit dem Lausedreck da anfangen?“

Dabei schob er mit dem Fuß das Geld fort.

„Mein Hemd ist in Fetzen,“ schimpfte er weiter, „meine Hose ein Lumpen, meine Stiefel, guck’ sie dir an, Antonio, keine Sohle, kein Oberleder, kein Nischt, sogar die Riemen sind zwanzigmal geknotet. Und nischt bleibt übrig, und geschuftet wie ein Pferd. Ja, wären es wenigstens vierzig Pesos!“

Als er das sagte, heiterte sich sein Gesicht auf.

„Mit vierzig Pesos“, sagte er, „käme ich zurecht. Könnte nach Mexico Capitale fahren, mir neue Lumpen kaufen, damit man auch anständig aussieht, wenn man zu einem Mädchen ‚Buenos tardes!‘ sagen will. Und man hat noch ein paar Pesos übrig, um es ein paar Tage auszuhalten.“

„Du hast recht, Gonzalo,“ sagte ich nun, „vierzig Pesos sind es auch gerade, die ich haben müßte, um wenigstens das Notdürftigste zu kaufen.“

„Weißt du was?“ sagte darauf Gonzalo, „laß uns um das Geld spielen. Keiner von uns kann mit den paar Dreckgroschen etwas Rechtes anfangen. Wenn du mein Geld noch dazu bekommst oder ich das deine, dann kann doch einer von uns wenigstens etwas werden, denn so, wie es jetzt ist, ist jeder ein Bettler. Diese paar Groschen versäuft man doch gleich auf den ersten Sitz aus lauter Wut, daß man umsonst geschuftet hat.“

„Die Idee von Gonzalo war nicht schlecht“, erzählte Antonio weiter. „Ich hätte mein Geld auch gleich versoffen. Wenn man mit dem gottverfluchten Tequila erst einmal anfängt, hört man nicht eher auf, bis der letzte Centavos verwichst ist. Das geht dann durch, besoffen, nüchtern, besoffen, nüchtern, besoffen immerfort, bis alles hin ist. Und was man nicht selber durch die Gurgel rasselt, das helfen dann die Mitsäufer davon, und der Wirt beschwindelt einen ums Dreifache, und der schäbige Rest wird einem aus der Tasche gestohlen. Das kennen Sie doch, Gale?“

Und ob ich das kannte! Ob ich den Tequila kannte, der einem die Kehle so zerreißt, daß man sich nach jedem Glase schütteln muß und schnell ein paar eingemachte Bohnen, die einem der kluge Wirt mit einem spitzen Hölzchen zum Aufspießen hinstellt, hinterher schlucken muß, um den Petroleumgeschmack los zu werden. Aber man trinkt in einem fort wie besessen, als ob man behext wäre oder als ob dieser Rachenzerreißer ein Zaubertrank wäre, den man aus irgendeinem mysteriösen Grunde durch die Kehle jagen muß, ohne ihn mit der Zunge zu betasten. Und wenn man dann endlich glaubt, genug zu haben, hat man weder Hirn noch Körper, noch Blut. Man hört auf, zu existieren. Das Daseinsbewußtsein erlischt vollständig. Alles ist fortgewischt. Sorgen, Leid, Ärger, Zorn. Übrigbleibt nur das absolute Nichts. Welt und ich sind verweht. Nicht einmal Nebel bleibt.

Antonio brütete eine Weile vor sich hin wie in der Erinnerung suchend. Dann fuhr er in seiner Erzählung fort: „Wir hatten keine Karten und keine Würfel. Wir zogen Hölzchen. Aber der gesetzte Peso ging immer hin und zurück. Es wurden nie mehr als fünf Pesos, die überwechselten. Dann spielten wir Kopf und Wappen. Merkwürdig, es wurden nie mehr als ein paar Pesos, die aus der einen Tasche zur andern gingen. Sam spielte auch mit, und auch sein Geld wechselte nicht von Haus zu Haus.

Es war nun schon ziemlich spät in der Nacht geworden. Vielleicht zehn oder elf Uhr.

Da wurde Gonzalo wütend und fluchte wie ein Wilder, jetzt habe er genug von diesem Kinderspiel, jetzt wolle er endlich wissen, woran er morgen früh sei.

„Ja, weißt du denn einen andern Vorschlag?“ sagte ich zu ihm.

„Nein!“ erwiderte er, „das ist es ja gerade, was mich so wütend macht. Wir albern hier herum wie die kleinen Kinder, ohne zu einem Ende zu kommen. Immer hin und her. Es ist zum Verrücktwerden!“

Dann, als er eine Weile beim Feuer gehockt hatte, in die Glut starrend, sich eine Zigarette nach der andern drehend, die er, kaum angeraucht, ins Feuer warf, sagte er, plötzlich aufspringend: „Jetzt weiß ich, was wir tun. Wir machen ein Azteken-Duell um die ganze Summe.“

„Ein Azteken-Duell?“ fragte ich. „Was ist denn das?“

Gonzalo war aztekischer Abstammung. Er war aus Huehuetoca, und seine Vorfahren waren einst Caciques gewesen. Das ist so etwas wie Heerführer und Statthalter. Die Erinnerung an solche Adelsfamilien wird auf dem Lande durch Tradition festgehalten, so gut festgehalten, daß sehr selten ein Irrtum unterläuft.

„Ja, weißt du denn das nicht, was das ist, ein Azteken-Duell?“ sagte Gonzalo erstaunt.

„Nein,“ gab ich zur Antwort, „wie sollte ich denn? Wir sind doch spanischer Abkunft, wenn wir auch schon mehr als hundert Jahre hier sind, Vaters und Mutters Seite. Aber von einem Azteken-Duell habe ich nie gehört.“

„Aber das ist ganz einfach“, sagte Gonzalo. „Wir nehmen zwei junge, gerade gewachsene Bäumchen, binden oben unsre Messer fest daran und werfen sie dann gegenseitig aufeinander los, bis der eine aus Ermattung nachgeben muß. Einer von beiden muß ja zuerst ermüden. Und wer stehenbleibt, hat gewonnen, der kriegt dann das ganze Geld. Dann kommen wir doch wenigstens zu einem Ende.“

Ich überlegte mir das eine Weile, denn es schien mir eine ganz verrückte Idee zu sein.

„Du hast doch nicht Angst, Spanier?“ lachte Gonzalo.

Und weil in seinen Worten so ein merkwürdiger Ton von Verhöhnung lag, brauste ich auf:

„Angst vor dir? Vor einem Indianer? Ein Spanier hat nie Angst! Das will ich dir gleich beweisen. Los zum Azteken-Duell!“

18

Wir nahmen ein flammendes Holzscheit vom Feuer und krochen im Busch herum, bis wir zwei passende Stämmchen gefunden hatten.

Sam wurde beauftragt, genügend Holz heranzuschleppen, damit wir ein tüchtiges Feuer bekämen, um beim Kampfe auch Ziellicht zu haben. Wir befreiten die Stämmchen von den Ästen und banden oben unsre aufgeklappten spitzen Taschenmesser fest an.

„Selbstverständlich lassen wir nicht die ganze Messerklinge überstehen“, sagte Gonzalo. „Denn wir wollen uns ja nicht ermorden. Es ist ja nur um das Spiel. Das Messer braucht nicht weiter überstehen, als ein Fingerglied. So, das ist gut!“ fügte er hinzu, meinen Speer betrachtend. „Jetzt binden wir unten noch ein Stück Holz an, um dem Speer ein richtiges Schaftgewicht zu geben, damit er nicht flattert.“

Dann umwickelten wir unsern linken Arm mit Gras und einem Sack, um ein Abwehrschild zu haben. „Denn,“ erklärte Gonzalo, „der Schild ist wichtig. Das ist ja eben gerade das Vergnügen, aufzufangen und abzuwehren.“

Als wir mit allem fertig waren, sagte Sam: „Ja, und ich? soll ich vielleicht nur zugucken? Ich will auch mitspielen.“

Der Chinc hatte recht. Für seine Mühewaltung als Verwahrer der Spielsumme und als Zeuge mußte er seinen Lohn haben. Sie wissen ja, Gale, was für Spielratten die Chincs sind. Die würden die Frachtkosten für ihren Leichnam verspielen, wenn ihnen das nicht gegen alle Moral ginge.

„Ho!“ sagte Gonzalo zu Sam, „du kannst ja auf einen von uns wetten.“

„Fein!“ erwiderte Sam, „dann wette ich auf dich, Gonzalo. Fünf Pesos. Wenn du gewinnst, bekomme ich von dir fünf Pesos, und wenn du verlierst, kliegst du von mir fünf Pesos. Du hast ja kein Intelesse zu verlielen, weil du dann deine zwanzig Pesos los würdest.“

Wir deponierten jeder unsre zwanzig Pesos, die Sam vor sich auf einen Stein legte, und dann tat er selbst seine fünf Pesos Wetteinsatz hinzu. Sam schritt fünfundzwanzig Schritte ab, und wir legten jeder ein langes Stück Holz an die Marken, die keiner der Kämpfer überschreiten durfte, wenn er nicht sofort fünf Pesos an den andern verlieren wollte. Dann warfen wir die Speere aufeinander los. Zum Rückwerfen benutzte jeder den Speer des andern.

Bei dem flackernden, ab und zu qualmenden Feuer konnte ich Gonzalo nur in Umrissen sehen, und den Speer, wenn er auf einen zugeflogen kam, konnte man beinahe gar nicht sehen, denn rundherum war ja stockdunkle Nacht.

Gleich beim zweiten Gang bekam ich einen Stich in die rechte Schulter. Sie können hier die Wunde noch sehen, Gale.“

Dabei zog er sein Hemd von der Schulter, und ich sah den Stich, noch unvernarbt.

„Nach und nach kamen wir in Bewegung oder eigentlich in Aufregung. Ich bekam nach einigen weiteren Gängen noch einen Stich, der mir durch die Hose ins Bein ging.

Aber ich konnte ganz gut aushalten.

Wie lange wir warfen, weiß ich nicht. Aber weil keiner nachgeben wollte, wurde das Tempo immer rascher.

Es kam so mittlerweile ein gutes Stück Wildheit in die Sache, und jemand, der uns jetzt beobachtet hätte, würde niemals geglaubt haben, daß es nur ein Spiel sei.

Vielleicht warfen wir eine Viertelstunde, vielleicht eine halbe. Ich weiß es nicht. Ich wußte auch nicht, ob ich Gonzalo überhaupt schon einmal ernsthaft getroffen hatte oder nicht. Aber ich fing dann doch an, müde zu werden. Der Speer wurde mir bald so schwer, als ob er zwanzig Kilo wiege, und das Werfen wurde langsamer bei mir. Ich konnte mich bald kaum noch bücken, um den Speer aufzuheben, und einmal wäre ich beim Niederbücken beinahe zusammengesunken. Aber ich hatte doch das Gefühl, ich darf nicht niedersinken, sonst kann ich bestimmt nicht mehr aufstehen.

Gonzalo konnte ich nicht mehr sehen. Ich konnte überhaupt nichts mehr sehen. Ich warf den Speer immer nur in der Richtung, in der ich ihn bisher geworfen hatte und wo Gonzalo stehen mußte. Es wurde mir ganz gleichgültig, ob ich ihn traf oder nicht. Ich wollte nur nicht zuerst aufhören. Und weil von drüben immer wieder der Speer kam, warf ich ihn eben immer wieder zurück.

Plötzlich, als das Feuer einmal hell aufflammte, sah ich, daß Gonzalo sich umdrehte, um den Speer zu suchen, der offenbar weit an ihm vorbeigeflogen war. Er ging ein paar Schritte zurück, fand den Speer, hob ihn auf und, als er sich mir zuwandte, um ihn zu werfen, sank er auf einmal so heftig in die Knie, als habe ihn jemand mit großer Wucht niedergeschlagen.

Ich warf meinen Speer, den ich in der Hand hatte, nicht, weil ich froh war, ihn zu stellen und mich darauf zu stützen, sonst wäre ich umgefallen.

Wenn Gonzalo jetzt aufgestanden wäre und geworfen hätte, ich hätte meinen Arm nicht mehr heben können, um zu erwidern.

Aber Gonzalo blieb in die Knie gesunken.

Sam lief hin zu ihm und rief dann:

„Jetzt habe ich meine fünf Pesos verloren. Antonio, Sie haben gewonnen. Gonzalo gibt auf.“

Ich schleppte mich zu einer Kiste am Feuer, hatte aber nicht mehr die Kraft, mich drauf zu setzen. Ich sank neben der Kiste auf den Boden. Sam führte Gonzalo schleifend zum Feuer und gab ihm Wasser, daß er gierig hinuntergoß.

Ich sah jetzt, daß seine nackte Brust blutig war.

Aber ich hatte für nichts mehr Interesse. Mir fiel der Kopf schläfrig auf die Brust, und als ich gleichgültig die Augen aufschlug, bemerkte ich, daß mein Hemd und meine Brust ebenso voll Blut waren, wie die Gonzalos. Aber ich legte keinen Wert darauf. Es war mir alles egal.

Sam brachte mir die vierzig Pesos und schob sie mir in die Hosentasche. Ich hatte das Empfinden, als ob das alles irgendwo in ganz weiter Ferne geschähe. Wie durch einen Schleier sah ich, daß Sam dem Gonzalo die fünf Pesos ebenfalls in die Tasche steckte.

So hockten wir wohl eine halbe oder eine ganze Stunde. Das Feuer wurde kleiner und kleiner.

Da sagte Sam: „Jetzt lege ich mich schlafen.“

Ich wiederholte diese Worte, als wären sie meine eignen gewesen: „Ja, jetzt lege ich mich schlafen.“

Ich sah, wie sich auch Gonzalo erhob und ebenso schwankend und sich festkrallend wie ich die Leiter zum Hause raufkletterte.

Und als ich mich dort hingeworfen hatte und eben eindämmerte, hörte ich, wie Gonzalo sagte: „Wenn ihr morgen zeitig geht und ich bin noch nicht auf, braucht ihr mich nicht wecken. Ich will lange durchschlafen, ich bin furchtbar müde. Ich fahre ja doch nicht mit euch, ich habe ja kein Fahrgeld.“

Lange vor Sonnenaufgang stieß mich Sam an. Es war Zeit. Um acht Uhr abends mußten wir auf der Station sein, sonst verloren wir zwei Tage. Es war noch stockfinster. Ich konnte nichts in der Hütte sehen. Sah auch Gonzalo nicht, der noch fest in seiner Ecke schlief.

Wir weckten ihn nicht, sondern ließen ihn ruhig weiterschlafen.

Wir packten rasch unsre Bündel zusammen, und als gerade der Tag zu grauen anfing, gingen wir.

Ein paar Schritte weiter trafen wir den Indianer, der die Hühner kaufen wollte.

Ja, sehen Sie, Gale, das ist die Geschichte, die wahre Geschichte.“

„Ihr hättet Gonzalo an diesem Morgen auch gar nicht wach gekriegt“, sagte ich.

„Warum denn nicht?“ fragte Antonio, die Wahrheit schon halb ahnend.

„Weil er bereits tot war!“

„Aber das ist die Wahrheit, Gale. Wir können noch gleich jetzt zu Sam gehen, der weiß es auch.“

„Ist nicht nötig, Antonio. Lassen Sie nur sein. Ich glaube es. Es ist die Wahrheit!“

19

Die Musik im Park hatte angefangen zu spielen. „Die Ehre der Bauern in Sizilien.“ Was ging mich deren Ehre an!

Ich schloß die Augen, um die starren elektrischen Lampen nicht sehen zu müssen.

Aber ich sah Gonzalo auf dem Boden liegen. Vertrocknet. Ausgelöscht aus den Lebenden und Hoffenden. Seine Hand mit einem Knäuel roher, schwarz verfärbter Baumwolle auf die Brust gepreßt.

Die Baumwolle.

Antonio hatte mich offenbar eine Zeitlang schon angesehen, ohne daß ich es bemerkte.

„Warum weinen Sie denn, Gale?“ sagte er.

„Halten Sie’s Maul!“ rief ich wütend. „Ich glaube, Sie sehen Gespenster. Bilden Sie sich doch keine Dummheiten ein.“

Er schwieg.

„Diese himmelgottverfluchte Begräbnismusik!“ sagte ich ärgerlich. „Sollen lieber spielen ‚Lustige Witwe‘ oder ‚Kratz mir den Affen mal am Hintern‘. Es ist ja alles so lustig, die Witwen tanzen, und die Bananen, yes, die haben wir nicht. Das ganze Leben ist so lustig. Begräbnismusik für die Verreckten und dudelige Operetten für die Lebenden. Kommen Sie, Antonio. Es geht auf zehn. Was hat der Hundesohn gesagt? Seien Sie pünktlich, hat er gesagt. Für einen Peso fünfundzwanzig.“

ZWEITES BUCH. DER WOBBLY

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