Part 10
So wurde z. B. wenn eine Frau einer andern einen Staats-Besuch machen wollte, Tags zuvor ein Diener zu der letzteren gesandt, ihr anzumelden, daß die Besuchende zu einer bestimmten Stunde an dem Hause vorüber fahren würde. Sie kam dann zu dieser Zeit in großem Putze, jedoch in einer mit Vorhängen dicht verschlossenen Kutsche angefahren, die zu besuchende Frau saß schon bereit an dem ebenfalls wohlgeschlossenen Fenster. Vor dem Hause angelangt, hielt der Wagen einen Augenblick an, der Vorhang wurde auf die Seite geschoben, das Fenster geöffnet, die beiden Frauen begrüßten sich -- und sogleich wurden Vorhang und Fenster wieder geschlossen, und der Wagen fuhr weiter.
Die Frauen scheinen zu dieser Zeit eine solche Scheu vor Herren gehabt zu haben, daß diese bei den Besuchen der Frauen nicht zugegen sein durften. Kam eine Frau eine andere besuchen und es war zufällig ein Herr, selbst ein Verwandter, zugegen, so fuhr sie wieder fort, oder die Frau des Hauses ersuchte die Herren, fort zu gehen.
Noch lächerlicher ging es bei Hausbällen zu (öffentliche Bälle wurden gar nicht gegeben). Die weiblichen Gäste nahmen an dem Tanze selbst gar keinen Antheil, sondern saßen mit den Frauen und Töchtern des Hauses in einem an den Tanzsaal stoßenden Zimmer, und zwar im Finstern, um von den Herren nicht gesehen zu werden. Die Herren -- tanzten mit den Dienerinnen des Hauses und andern von der Ballgeberin geladenen Dienerinnen! --
Ich verweilte einige Monate auf St. Miguel und machte außer einigen Spaziergängen in die nahe Umgebung auch einen Ausflug nach dem Badeorte +Furnas+ (9 Leguas von Punta-del-Gada), berühmt durch seine heißen Quellen. Die vornehme Welt der Insel geht jedes Jahr auf einige Wochen oder Monate dahin, weniger um zu baden, als sich zu ergötzen, wie dieß überhaupt in den meisten Badeorten der Fall ist.
Wir machten die kleine Reise, wie es in diesem Lande Sitte ist, zu Esel, und nahmen unsern Weg über +Villa-Franca+ (5 Leguas), längs der Seeküste. Villa-Franca ist ein kleines Städtchen mit derselben reizenden Lage, wie Punta-del-Gada. Wir blieben hier die Nacht in dem Hause des Herrn +Gago+, wo alles freundlich zu unserer Aufnahme bereit war.
Am folgenden Morgen fuhren wir in einem Boote nach dem kaum zwei- bis dreihundert Schritte von dem Lande gelegenen „+Ilheo+,“ einer winzig kleinen Insel oder vielmehr Bay, von einem Felsengürtel umschlossen, in welchem nur eine ganz schmale Oeffnung frei geblieben, kaum breit genug, ein kleines Fruchtschiff einzulassen. Augenscheinlich stand hier unmittelbar in der See einst ein kleiner Vulkan, der ausgetobt hat und eingestürzt ist. Mit wenig Kosten könnte man aus dieser Miniatur-Bay einen herrlichen Dock zur Ausbesserung der Schiffe machen; doch für dergleichen Sachen hat man hier keinen Sinn.
Gegen Mittag setzten wir die Reise fort und langten nach einem angenehmen Ritte schon früh Nachmittags in Furnas an. Ungefähr eine Viertelstunde vor dem Orte liegt ein artiger See, von schön geformten Gebirgen umgürtet, an dessen nordöstlichem Ende gleichfalls heiße Quellen aufbrodeln, die wir aber nicht besahen, da uns gerade ein kleiner Regen überfiel.
Furnas selbst liegt in einem wunderlieblichen, freundlichen Thale, eingeschlossen von über einander aufsteigenden Gebirgen; schöne Waldungen, üppige Felder, Wiesen und Triften im frischesten Grün decken Berge, Hügel und Thal -- ich sah mich ganz in eines jener schönen Gebirgsthäler versetzt, an welchen Steiermark, Kärnthen und Tyrol so reich sind. Aufsteigende Rauchwolken verkünden die unweit des Dorfes gelegenen heißen Quellen (Caldeiras), und begierig eilt der Fremdling dahin, eine Erscheinung zu sehen, von welcher die ganze Bevölkerung St. Miguels mit Entzücken und zugleich mit Grausen spricht.
Meine Neugierde, meine Erwartung, ich gestehe es, waren eben nicht sehr groß, ich hatte in dieser Art das Vollkommenste was die bekannte Welt bietet, auf Island gesehen. Aber gerade, weil ich mir nicht zu viel versprach, ward ich überrascht. Eine der kochenden Quellen brodelt reich und gewaltig zu einer Höhe von vier bis sechs Fuß auf, eine zweite minder hoch, andere nicht mehr als gewöhnlich kochendes Wasser. Am merkwürdigsten unter allen ist die Schlammquelle „+Pedro Botelko+“ genannt. Schon ihre Umgebung ist pittoresk: sie ist von finstern Felsen eingefaßt, in welchen das Getöse wiederhallt, und gleicht einem wahren Höllenschlunde; ein großer Fels neigt sich weit über sie und hindert ihr senkrechtes Aufsteigen. Ihre Kraft schleudert den kochenden Schlamm nach allen Seiten in eine Weite von zwölf bis fünfzehn Fuß. Unbedeutende, kleine Quellen gibt es in der Umgebung viele; einige davon brodeln sogar in der Mitte eines kalten Bächleins auf. Auch eisenhaltige Quellen und ein Sauerbrunnen (+Aqua azeda+) kommen vor.
An einer glücklich gewählten Stelle des reizenden Thales hat Herr Vicomte +da Praia+, einer der größten Grundbesitzer der Insel, ein Landhaus gebaut und einen Garten angelegt. Beide waren noch nicht ganz vollendet. Das zierliche Gebäude steht auf einem kleinen Hügel und bietet von jedem Fenster die herrlichsten Ansichten des Thales und der es umgebenden Gebirgswelt; der Garten, im großen Style angelegt, mit Teichen, dunklen Baumparthieen und freundlichen Blumenbosketten, zeigt schon jetzt von dem guten Geschmacke seines Gründers.
Wir machten von Furnas aus auch noch eine kleine Parthie auf eine der Bergkuppen, ungefähr 2000 Fuß über der Meeresfläche. Wir sahen hier Gebirge über Gebirge vor uns aufsteigen, darunter den höchsten Berg der Insel, den „+Pico de Vara+“ (4000 Fuß); zu unsern Füßen lag das liebliche Thal von Furnas mit seinen Caldeiras, dem See, so wie auch einige andere Thäler mit freundlichen Ortschaften, und auf beiden Seiten der Insel breitete sich das Meer ins Unermeßliche aus. Auf der Südseite entdeckt man auch die Insel +Santa-Maria+, ungefähr vierzig Meilen von St. Miguel gelegen.
Den Rückweg nach +Punta-del-Gada+ nahmen wir längs der Nordküste über +Ribeira-Grande+. Als Weg ist er besser, als der längs der Südküste, aber an schönen Ansichten weniger reich und abwechselnd.
Die Karnevals-Zeit ging auf St. Miguel ganz unbeachtet vorüber. Nur in den letzten drei Tagen herrscht hier, wie in Brasilien die alberne Gewohnheit, sich gegenseitig mit Wasser zu übergießen. Statt sich während dieser drei Tage zu unterhalten, muß man sich in sein Zimmer einschließen, und kann nicht einmal an das offene Fenster treten, denn sogleich ist man der Gefahr ausgesetzt, von des Nachbars Fenster, von der Straße eine Ladung des nassen Elements zu erhalten. Die Leute blasen Eier aus, oder verfertigen von Wachs Orangen, Citronen, füllen sie mit Wasser und bewerfen sich damit, ja aus den Häusern schütten sie ganze Töpfe voll auf die Vorübergehenden. Keine Frau ist in diesen Tagen auf der Straße zu sehen, und die wenigen Herren, die auszugehen wagen, suchen sich durch aufgespannte Regenschirme zu schützen.
Erst am +21. Mai+ verließ ich St. Miguel. Die Fruchtschiffe für England hatten schon gegen Ende März aufgehört; ich war daher gezwungen, über +Lissabon+ nach London zu gehen.
Auf dem kleinen Portugiesischen Schiffe „+Michaelense+“ (110 Tonnen, Kapitän +Fonseca+) fand ich zu meiner höchsten Verwunderung alles so bequem eingerichtet, wie es auf manchem Dampfer kaum der Fall ist. Die Schlafstellen waren hoch und geräumig, die Kost reich und gut bereitet, der Tisch rein gedeckt, die Bedienung rasch. Es war dies das erste Portugiesische Schiff, auf welchem ich fuhr. Wenn alle ihm gleichen, kann man sie den Reisenden mit gutem Gewissen empfehlen.
Die Fahrt währte acht Tage (720 Meilen), und außer einem todten Wallfische, der gleich einem emporragenden Felsen an unserm Schiffe vorbeitrieb, und um welchen Hunderte von Raubvögeln schwärmten, unterbrach nichts ihre Einförmigkeit. Wir sahen nicht eher Land als bis wir der Portugiesischen Küste nahe kamen.
Am +28. Mai+ liefen wir in den +Tajo+ ein, der an der Mündung nur durch die Farbe von der See zu unterscheiden war. Die Stadt Lissabon liegt zwei Leguas stromaufwärts; doch geht die Fahrt beinahe noch eine Legua weiter, da die Schiffe an der Düne im Mittelpunkt der Stadt vor Anker gehen. An diesen drei Leguas segelten wir sieben bis acht Stunden; allein man konnte dies keinen Zeitverlust nennen, da die Fahrt wirklich gar zu reizend ist. Der Strom entfaltet eine mächtige Breite, sein Rücken ist voll von schaukelnden Fahrzeugen, zwischen welchen hie und da ein Dampfer eilt, und die Ufer bestehen aus freundlichen Hügelketten, welchen man den einzigen Vorwurf machen kann, daß weder Bäume noch Gebüsch sie decken.
An der Mündung steht auf der einen Seite das Fort St. Julian, hinter welchem sich in geringer Entfernung die schön geformten Berge der +Serra de Cintra+ erheben; auf der andern Seite steigt ein Leuchtthurm, umgeben von einer Batterie (Torre de Bugia) unmittelbar aus der See. An malerisch gelegenen Ortschaften, kleinen Festungen vorüber gleitend, gelangt man nach Belem, wo der Strom von seiner Breite etwas abnehmend, die Mauern eines prachtvollen Thurmes bespült, der in Gothisch-Maurischem Style gehalten, ein herrliches Schaustück der älteren Zeiten ist. Während nun auf der Südseite noch immer einzelne Ortschaften mit zum Theile schon halbverfallenen Kastellen und Festungswerken wechseln, breitet sich auf der Nordseite die Stadt Lissabon aus, nicht nur den schmalen ebenen Gürtel zwischen dem Strome und der Hügelkette, sondern auch die Höhen und Seiten der Hügel selbst deckend. Dem Mittelpunkte der Stadt gegenüber treten die Ufer des Stromes weit zurück, und dieser bildet eine große Bay, an deren Rande man in der Entfernung Ortschaften, Baumgruppen und im Hintergrunde einzelne Berge entdeckt. Stundenlange saß ich später an den Fenstern des am Meere liegenden Gasthofes, in welchem ich abstieg, und betrachtete mit unendlichem Gefallen das großartige und doch dabei lieblich schöne Rundgemälde. --
Anmuthig sind bei der Ankunft in Lissabon die Plackereien mit den Beamten. Schon bei Belem kömmt der Besuch des Gesundheits-Offiziers an Bord, dann jener des Zollamtes, der Schiffspolizei, des Hafenmeisters, der Paß-Besichtigung -- das nimmt kein Ende. Wir kamen von einer Portugiesischen Besitzung und wurden so strenge behandelt, als wären wir aus dem Monde gekommen. Für die Pässe hat man ein schweres Geld zu entrichten, und die Zollgesetze sind so strenge, daß man nicht den kleinsten Nachtsack mit sich nehmen darf. Wahrlich es ist unglaublich, daß gerade in dem auf sein Fortschreiten so stolzen Europa die Regierungen den Leuten das Reisen auf alle Art zu verleiden suchen!
Von der Stadt Lissabon sah ich nur sehr wenig, obgleich ich zwölf Tage daselbst verweilte; ich kam unwohl an und war gezwungen, den größten Theil dieser Zeit mein Zimmer zu hüten. Mit Mühe erstieg ich einige der steilen hügeligen Straßen, welche die Eigenthümlichkeit Lissabons bilden, um vollkommene Ansichten über Stadt, Strom und Umgebung zu haben; ich sah, daß die Stadt auch jenseits der Hügelkette sich fortzieht und ausbreitet. Die Häuser haben keine eigenthümliche Bauart, die Kirchen weder schöne Thürme noch Kuppeln. Reizend liegen hie und da auf hohen Hügeln mitten in der Stadt noch Ruinen halb eingestürzter großer Paläste und Kirchen aus der schaurigen Zeit des Jahres 1755, in welchem bekanntlich ein furchtbares Erdbeben den größten Theil der Stadt in Schutt legte, und wobei Tausende von Menschen ihr Grab fanden.
Die öffentlichen Gärten zeichnen sich durch schöne Blumenparthien, jener in der untern Stadt auch durch alte ehrwürdige Bäume aus. Die Portugiesen scheinen überhaupt große Blumenfreunde zu sein; schon auf St. Miguel hatte ich dieß bemerkt, und hier sah ich diese lieblichen Frühlingsboten überall in Menge, selbst auf Plätzen, wie z. B. in dem Hofe und an dem Landungsplatze des Zollgebäudes.
Eine Fahrt nach der +Serra de Cintra+, berühmt durch die reiche Vegetation und als Sommersitz der königlichen Familie, konnte ich nicht unternehmen. Ich brachte mehrere Tage im Bette zu und verließ erst am 9. Juni mein Zimmer, um mich auf dem Dampfer +Iberia+ nach +Southampton+ (900 Meilen) einzuschiffen.
Dieser Dampfer gehörte leider keiner Amerikanischen oder Holländischen, sondern einer Englischen Gesellschaft an, ich mußte daher bezahlen, und zwar zehn £ St. für eine kleine Schlafstelle in einer kleinen, dumpfen, finstern Kabine, in welcher sich außer mir noch elf Frauen nebst vier Kindern befanden. Wie ungleich bequemer hatte ich es auf dem kleinen Portugiesischen Segelschiffe, wo ich für eine beinah eben so weite Fahrt nur 3½ £. St. bezahlte. Meinem Sohne wurde die Schlafstelle gar auf dem zweiten Platze angewiesen, dafür aber nichts destoweniger die volle Bezahlung des ersten abgenommen.
Am +14. Juni+ Morgens langten wir in Southampton an, denselben Tag fuhr ich mit der Eisenbahn nach London, wo ich abermals von der lieben Familie Waterhouse auf das herzlichste aufgenommen wurde, und somit war meine Reise glücklich vollendet.
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Sollten in meinem Tagebuche gegen das eine oder das andere Volk, gegen Sitten und Gebräuche der verschiedenen Länder, die ich durchwandert, zu starke Ausdrücke vorkommen, sollten unrichtige Ansichten geäußert sein, so bitte ich meine Leser um große, sehr große Nachsicht. Ich rufe ihnen wie bei Gelegenheit meiner ersten Reise nach dem gelobten Lande zu, daß ich weit entfernt bin, mich zu der Zahl der glücklich begabten Personen zu rechnen.
Mein Wesen ist Einfachheit, mein ganzes Streben schlichte Wahrheit und Vermeidung jeder Uebertreibung. Der Zweck meiner Schriften kann unter diesen Umständen kein anderer sein, als das von mir Gesehene und Erlebte ganz so wiederzugeben, wie es sich meinem Geiste und Gefühle darstellte.
[25] Ich nahm wieder Brandy mit rothem Pfeffer, und das Fieber blieb endlich ganz weg.
[26] Die Azoren-Gruppe besteht aus neun Inseln, von welchen St. Miguel die größte. Die Azoren werden zu Afrika gerechnet und sind von den Portugiesen im Jahre 1446 entdeckt und in Besitz genommen worden.