Chapter 9 of 10 · 3993 words · ~20 min read

Part 9

Mit tiefer Ehrfurcht der Vergangenheit gedenkend, betrat ich die Halle: sie war geschmackvoll ausgeziert und reich erleuchtet, auf der Gallerie befand sich ein Musikchor. Die Tafeln waren für 800 Personen gedeckt. An Gerichten gab es eine große Auswahl; statt der geistigen Getränke aber wurde Wasser, Kaffee und Thee gereicht. Der Staat Massachusetts gehört nämlich dem Temperance-Vereine an. Die Mahlzeit war in einer Stunde abgethan. Dann wurden durch zwei Stunden Gelegenheitsreden gehalten. Herr Mayor Smith hatte die große Aufmerksamkeit, in seiner Rede von mir sehr schmeichelhafte Erwähnung zu machen und mich der Gesellschaft vorzustellen. Als ich seinem Wunsche zufolge aufstand, empfing mich sogleich ein lautes Beifallklatschen, und wenn ich bisher nie bedauert hätte, der Englischen Sprache nicht vollkommen mächtig zu sein, so wäre es in diesem Augenblicke der Fall gewesen; ich konnte der Gesellschaft meinen Dank für ihr freundliches Wohlwollen nur durch stumme Verbeugungen bezeugen.

Zwischen den Reden wurden Hymnen, Arien und das berühmte Volkslied „Yankee-Doodle“ vorgetragen. Um elf Uhr ging die Gesellschaft auseinander.

Die öffentlichen Anstalten in Boston sind durchgehends musterhaft eingerichtet.

Das Blindeninstitut, welches zu den ausgezeichnetsten seiner Art gehören soll, fand ich leider geschlossen, die Ferien waren noch nicht beendet. Ich hatte aber dennoch das Vergnügen, den Direktor desselben, Herrn +Howe+ kennen zu lernen, der sich hinsichtlich der Erziehung und Behandlung der Blinden einen großen Ruf erworben hat.

Unweit des Blinden-Institutes steht jenes der Blödsinnigen. Wahrhaft bewundernswürdig ist hier die Macht der Erziehung. Alle diese Blödsinnigen waren rein in Kleidung und Haltung, viele unter ihnen konnten lesen, wenige auch schreiben, manche hatten sogar Begriffe von der Erdbeschreibung.

Ein Geschwister-Paar fiel mir durch die auffallend kleine Bildung des Kopfes auf. Dieser Form und dem Gesichtsausdrucke zufolge, hätte man die Unglücklichen für vollkommen dumm halten mögen; sie konnten jedoch ein wenig lesen, die Farben unterscheiden, die Tage der Wochen hersagen u. s. w. Ein bildschönes, blondlockiges, sechsjähriges Mädchen war irrsinnig. Man sah diesem Kinde weder in den Augen noch in den Gesichtszügen an, daß es der Vernunft beraubt war. Das feurige blaue Auge schien eher das Gegentheil zu verrathen; aber außer kleinen Gesängen war ihm bisher nichts beizubringen gewesen -- es hatte eine rastlose Beweglichkeit.

So lange diese Armen in der menschenfreundlichen Anstalt sind, geht es ihnen freilich gut; aber wenn sie in die Welt hinausgestoßen werden, in deren Kette sie kein Glied bilden, dann ist ihr Schicksal schrecklich. Und leider erreichen solche unglückliche Geschöpfe gewöhnlich ein hohes Alter, denn keine Sorge, keine Leidenschaft trübt ihre Ruhe.

Das Massachusetts-General-Hospital ist unstreitig das schönste und best eingerichtete, das ich in den Vereinigten Staaten sah. Ich stelle es beinahe den Hospitälern in +Surabaya+ und +Samarang+ auf Java gleich -- das höchste Lob, das ich ihm ertheilen kann.

Das Bostoner Gefängniß gehört ebenfalls zu den prachtvollsten, die ich sah. Von außen sieht es einer herrlichen Kirche mit einer schönen Kuppel ähnlich. Das Innere bildet eine lange, hohe Halle, in deren Mitte ein schmales, dreistöckiges Gebäude steht, welches auf beiden Seiten durch alle Stockwerke in kleine Zellen getheilt ist. Jede Zelle hat ein Fenster und eine Thüre, die durch eiserne Gitter geschlossen sind und auf die ringsum laufenden Gallerien münden. Das Ganze gleicht einem eisernen Käfige.

Die Gefangenen erhalten hinlänglich Licht und Luft von der Halle und finden auch einige Zerstreuung, da es in der Halle immer etwas zu sehen gibt. Mit einander können sie nicht verkehren. Der Gefangenwärter sitzt unten in der Halle, von wo er alle Zellen mit einem Blicke übersieht. Ich war in der Küche bei der Austheilung der Kost gegenwärtig, und fand diese sehr gut. Es gibt fünfmal in der Woche Fleisch nebst guter Suppe, die andern zwei Tage Fische. Jeder Mann erhält Morgens Kaffee nebst einem Pfund Brot, Mittags ein Pfund Fleisch, drei große Kartoffeln und ein Stück gutes Brot, Abends Thee und Brot. Es sollte mich nicht wundern, wenn die Leute kleine Verbrechen begingen, blos in der Absicht, auf einige Zeit hierher zu kommen. Sie essen und wohnen gut und haben nichts zu arbeiten.

Das Hospital für Irre besteht aus drei Gebäuden, jedes mit einem abgeschlossenen, schönen Garten. Die beiden Seitengebäude sind nur für wohlhabende Leute errichtet, das eine für acht Herren, das andere für acht Frauen. Jeder Kranke hat zwei überaus prachtvoll eingerichtete Zimmer, einen Badeplatz, einen eigenen Aufwärter und eine sehr gewählte, gute Kost. Für dieß alles, die ärztliche Pflege mit einbegriffen, werden per Woche zwanzig Dollars gefordert.

Das dritte Gebäude enthält billigere Plätze, für drei Dollars per Woche, und sehr viele unentgeldliche Plätze.

Von den Schulen, die ich in Boston besuchte, kann ich nur dasselbe wiederholen, was ich von jenen in Neu-York gesagt habe: sie sind alle als Musterschulen aufzustellen. Großes Vergnügen machte es mir, hier auch die farbigen Kinder so gut unterrichtet zu finden, daß man farbige Mädchen und Jünglinge als Lehrerinnen und Lehrer gebrauchen kann.

In der großen Volksschule, welche über 600 Schüler zählt und unter der Leitung Herrn +Bernard’s+ steht, sah ich zum ersten Male, daß den Mädchen auch weibliche Handarbeiten, Nähen, Sticken u. s. w. gelehrt wurden. So viel ich glaube, ist diese vernünftige Einrichtung Frau Bernard zu danken, welche die Oberaufsicht über die Mädchen hat. Während der Tagesstunden wird die Schule von Kindern besucht, und drei bis vier Mal in der Woche sind zwei Stunden Abends (von sieben bis neun Uhr) für solche junge Leute bestimmt, die in ihren Kinderjahren keinen Unterricht genossen haben.

Herr Bernard ist von seinen Zöglingen so geliebt und geachtet, daß sie ihn nicht nur in der Schule freudig begrüßen, sondern ihm überall entgegen eilen, wo sie ihm begegnen. Häufig sah ich dieß mit eigenen Augen auf unsern Wanderungen durch die Stadt.

Der Gefälligkeit meines unermüdlichen Freundes verdanke ich auch zwei interessante Ausflüge in Boston’s Umgebung, den ersten nach +Cambridge+, den andern nach +Lowell+.

+Cambridge+ (4 Meilen von Boston) ist das größte und bedeutendste Kollegium[23] in den Vereinigten Staaten. Die Zahl der Schüler betrug in diesem Jahre 900, von welchen 700 in Kost und Wohnung aufgenommen waren. Dieses Kollegium gleicht einer kleinen Kolonie: es besteht nicht aus einem einzigen Gebäude, sondern aus vielen Häusern, die auf Wiesenplätzen oder in niedlichen Gärten liegen. In einigen Häusern befinden sich die Lehrsäle für die verschiedenen Gegenstände, die andern dienen den Studenten zu Wohnungen; auch jeder Professor bewohnt ein eigenes Häuschen.

Die Bibliothek ist ebenfalls die größte und interessanteste in den Vereinigten Staaten: sie enthält 80,000 Bände, darunter zwei geschriebene Bibeln, von welchen die eine aus dem neunten, die andere aus dem vierzehnten Jahrhundert datirt, viele andere werthvolle alte Bücher mit schönen Handzeichnungen und Malereien, so wie auch die Kopie eines kleinen Werkchens von Hypokrates, mit der Feder dem Original so täuschend nachgeahmt, daß man sie davon nicht zu unterscheiden vermag. Man soll für dieses Kunstwerk 1500 £ St. geboten haben.

Ich lernte in Cambridge den Professor und rühmlichst bekannten Naturforscher Herrn +Agassiz+ kennen, der, als er noch in seinem Vaterlande, der Schweiz, lebte, die vorzüglichsten Berge und Gletscher, darunter auch den Montblanc, bestiegen hat. Die Bekanntschaft dieses ausgezeichneten Mannes war mir um so werther, als ich auf meiner ersten Reise um die Welt im Jahre 1847 in China (+Canton+) von einem seiner nahen Verwandten, auch einem Herrn Agassiz, gar freundlich aufgenommen worden war.

Hier beschäftigt sich Herr Agassiz außer der Ausübung seines Lehramtes mit Sammeln von Insekten, Reptilien und allem, was in das Naturreich gehört. Er soll eine der reichsten Sammlungen von Insekten und Schmetterlingen, die in Nordamerika vorkommen, haben. Ich konnte leider wenig davon sehen, da gerade alles gepackt war, um in ein anderes Lokal gebracht zu werden.

Lowell, die berühmteste Fabrikstadt der Vereinigten Staaten, mit einer Bevölkerung von 33,000 Seelen, liegt 25 Meilen von Boston. Man verfertiget hier die ausgezeichnetsten Teppiche, Weiß- und Druckwaaren. Im Ganzen sind 11 Fabriken im Gange, welche 8476 Mädchen und 4507 Männer beschäftigen, und deren Betriebskapital man auf 14 Millionen Dollars schätzt.

Die Mädchen wohnen beinahe durchgehends in Boarding-Houses, die zu den Fabriken gehören, und in welchen eben so wie in den Fabriken die wohlgeordnetste Aufsicht über sie geführt wird. Ein Mädchen bezahlt per Monat für gute Kost und Wohnung 5 Dollars, ihr Erwerb beläuft sich auf 13 bis 14. Jene, die nicht in den Kosthäusern leben, müssen sich einen wöchentlichen Abzug von 25 Cents (¼ Dollar) gefallen lassen. Man will sie durch diesen Abzug zu bewegen suchen, in den Kosthäusern zu wohnen, wo sie mehr unter Aufsicht sind.

Die Arbeiterinnen haben hier ein so sittiges Aussehen und Benehmen, daß viele Eltern, der wohlerzogenen Klasse angehörend, keinen Anstand nehmen, ihre Töchter in die Fabriken zur Arbeit zu senden. Dieses schöne, sittige Benehmen der Arbeiterinnen war mir so neu, daß es mich bei weitem mehr überraschte als das Maschinenwesen, welches allerdings in den Vereinigten Staaten auf einen sehr hohen Punkt gebracht ist, von dem ich aber viel zu wenig verstehe, um darüber etwas sagen zu können.

Am +19. Oktober+ ging ich wieder nach Neu-York zurück, wo ich noch bis zum +10. November+ blieb.

Am +7. November+ hatte in Neu-York die Wahl des Bürgermeisters, Gouverneurs und noch einiger Beamten statt. Man fürchtete, daß es bei dieser Gelegenheit sehr stürmisch hergehen würde, man war sogar auf kleine Gefechte gefaßt, denn nie standen sich die Partheien bisher so schroff gegenüber: es handelte sich um die Einführung oder Ausschließung des Temperance-Gesetzes. Ich ging einen großen Theil des Tages in der Stadt, besonders in den +five Points+ und auf dem sechsten +Ward+[24] umher, um das stimmende Volk zu sehen. Der Anblick der Wähler war gerade nicht geeignet, das Gemüth zu beruhigen: der anständigen Leute gab es nur wenige auf den Wahlplätzen.

Glücklicherweise gestaltete sich die Wahl diesmal ruhiger als je, und zwar selbst in den „five Points“ und in der sechsten Ward, welche Plätze sich bei derlei Gelegenheiten stets durch fürchterliche Schlägereien auszeichnen, besonders letztere, die dadurch den Namen „blutige Ward“ errungen hat.

Die Ursache dieser unerwarteten Friedlichkeit war gerade, daß jedermann sich auf das ärgste gefaßt, und daher sein Haus nicht ohne Schuß- oder Stich-Waffen verlassen hatte. Jede der Partheien hütete sich, den Anfang zu machen, und so ging der Tag, einen Todten und ein Paar schwer Verwundete in Williamsburg ausgenommen, ohne blutige Ereignisse vorüber.

Am +10. November+ verließ ich Neu-York auf dem prachtvollen Amerikanischen Dampfer „+Pacific+,“ der von hier nach +Liverpool+ fährt.

Ich hatte nun das Land gesehen, dessen Besuch schon lange einen meiner sehnlichsten Wünsche bildete. Weniger reich an Naturschönheiten als die Länder der südlichen Hemisphäre, ist es mehr durch das industrielle und geschäftige Treiben seiner Bewohner, und vor allem durch seine Verfassung interessant.

Manches fand ich wohl anders, als ich es mir gedacht hatte, anders als es sein sollte und sein könnte, wenig übereinstimmend mit den Grundsätzen von Freiheit und Gleichheit, die den Grundpfeiler seiner Einrichtungen bilden. So die Sklaverei in den Sklavenstaaten -- so in den freien Staaten die Ausschließung des freien Negers und Farbigen von aller Gesellschaft, von jeder bürgerlichen Bedeutung -- so das grausame Gesetz, welches entflohene Sklaven gleich wilden Thieren aufzufangen und ihren barbarischen Peinigern auszuliefern befiehlt -- so die nicht zu entschuldigende Nachsicht der Richter und Jury-Männer mit den weißen Verbrechern, die, wie die Amerikanischen Zeitungen selbst schreiben, ohne, oder mit höchst geringen Strafen davon kommen, sobald sie Geld oder gute Freunde haben -- so die streng gebotene Feier des Sonntags, die den Armen, der die ganze Woche an seine Arbeit gefesselt ist, jeder Erheiterung beraubt.

Aber bei allen diesen Gebrechen und Unvollkommenheiten kann man doch nicht umhin, zu bekennen, daß (die Sklavenstaaten ausgenommen) das Gleichgewicht durch das Gute, welches der großen Mehrzahl der Menschen aus den freien Einrichtungen und Gesetzen erwächst, nicht nur hergestellt, sondern bei weitem überwogen wird, und daß die Vereinigten Staaten als Staat bisher einzig in der Welt dastehen.

Mit Recht ist der Amerikaner stolz auf sein Vaterland, in welchem der Mensch auf jener Stufe der Gleichberechtigung steht, auf die ihn Gott gestellt, und die in der Geschichte ihres gleichen nicht findet.

[21] Man sagt in den Vereinigten Staaten, daß ein Omnibus nie voll wird.

[22] In den Amerikanischen Schulen sind statt der Lehrer sehr häufig Lehrerinnen angestellt, selbst bei den unteren Schulen der Knaben. Man sucht in diesen Staaten auf alle mögliche Weise dem weiblichen Geschlecht Mittel und Wege zu verschaffen, sich anständig fortzubringen.

[23] Es wurde noch unter der Englischen Regierung gestiftet.

[24] Die Stadt ist in zwölf Wards eingetheilt.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Ankunft in Liverpool. -- Reise nach St. Miguel. -- Punta-del-Gada. -- Sonderbare alterthümliche Gebräuche. -- Villa-Franca. -- Das Ilheo. -- Der Badeort Furnas. -- Die heißen Quellen. -- Abreise von St. Miguel. -- Die Einfahrt des Tajo. -- Lissabon. -- Ankunft in England. -- Nachruf.

Durch die freundliche Fürsprache des würdigen Greises Herrn +Curtis+ erhielt ich für die Fahrt von Neu-York nach Liverpool (3200 Meilen) von der Amerikanischen Linie der Herrn +Collins+ und Komp. eine Freikarte.

Die Amerikaner fand ich in dieser Beziehung ungleich galanter als die Engländer -- auf keinem Englischen Schiffe, weder Segler noch Dampfer, gab man mir, selbst für ganz kurze Reisen, einen freien Platz. Ich sage den Amerikanern wiederholt meinen herzlichen Dank; durch ihre und der nicht minder galanten Holländer Unterstützung allein ward es mir möglich, meinen Reisen eine Ausdehnung zu geben, auf die ich Anfangs nicht zu hoffen wagte.

Nach einer raschen Fahrt von 10½ Tagen trafen wir glücklich in Liverpool ein. Kapitän +Nye+ hatte die ausnehmende Gefälligkeit, mich persönlich in den „+Adelphi+-Gasthof“ (wo man keine Bezahlung von mir annahm) zu führen, und von diesem am folgenden Morgen bis auf die Eisenbahn zu begleiten. Er gehört auch zu jenen Menschen, von welchen mir der Abschied schwer wurde, wie von lang bewährten Freunden.

In London ward ich herzlich von Herrn +Waterhouse+ (einem der Direktoren im Britischen Museum) bewillkommnet, und verweilte einige Wochen in dem Kreise seiner freundlichen Familie, mich erholend von den Fieberanfällen, die mich auf der Seereise wieder heimsuchten[25]. Aber noch war meine Reise nicht zu Ende, noch wollte ich vor der Rückkehr in die Heimath einen meiner Söhne besuchen, der auf der Insel +St. Miguel+, einer der Azoren, lebte. Lange fand ich keine Gelegenheit dahin, bis endlich ein kleines Fruchtschiff (Schooner), deren jährlich gegen 200 von Englands Häfen nach St. Miguel gehen, daselbst Orangen zu holen, mich aufnahm. Diese Schiffe sind zwar nicht im geringsten für Reisende eingerichtet, und der Kapitän Herr +Livingston+ sagte mir selbst, daß er mir durchaus keine Bequemlichkeit anbieten, und nur das Loch einräumen könne, in welchem der Koch schlafe. Was war aber zu machen? Nach St. Miguel wollte ich, ich setzte mich daher über diese Unannehmlichkeiten hinaus und entschloß mich zu der Reise. Sie dauerte leider 20 Tage, und während dieser langen Zeit konnte ich nicht einmal mein Kleid ablegen -- der enge Raum, in welchem ich schlief, gestattete mir hierzu keine Möglichkeit. Dazu das fürchterliche Rollen des kleinen Schiffes in der beinahe fortwährend stürmischen See, der Kohlendampf vom Kamine, die schlechte Luft in der winzig kleinen Kabine, die der Kälte und des Sturmes wegen stets geschlossen bleiben mußte -- ich dachte wahrhaftig kaum die Ankunft in St. Miguel zu erleben.

Doch über alles dies klage ich nicht, das hatte man mir im vorhinein gesagt; aber das Benehmen des Eigenthümers, oder eines der Eigenthümer des Schiffes (+Royal Blue Jacket+), des Herrn +Chessel+ aus Bristol kann ich nicht ungerügt lassen: es war gar zu grob und gemein. Ich hatte die Ueberfahrt mit dem Kapitän und dem Rheder oder Agenten Herrn +Chessel’s+, Herrn +Burnett+, für 3 Livres St. ohne Kost abgeschlossen. Als ich am Tage der Abreise mit meinem Gepäck an Bord kam, sagte mir der Kapitän, wie es schien mit einiger Verlegenheit, daß ich nochmals auf das Office des Rheders gehen solle. Ich ging hin und traf da Herrn Chessel, der mich in ziemlich rauhem Tone anfuhr, mir erklärend, daß ich die Ueberfahrt unter 5 Livres St. ohne Kost nicht machen könne. Vergebens erwiderte ich ihm, daß der Vertrag bereits abgeschlossen sei, er fuhr in demselben höflichen Tone fort, daß das nichts zu sagen habe, ich möge entweder die 5 Livres St. zahlen, oder mein Gepäck wieder holen. Ich hätte nun freilich nur zum Richter zu gehen gebraucht, und das Recht wäre mir zugesprochen worden; allein das Schiff lag zum Absegeln bereit, die Zeit drängte, ich war deshalb gezwungen, mir diese unverschämte Prellerei gefallen zu lassen. Ich hatte nur die 3 Livres St. mit mir genommen und gab sie ab, mit dem Bemerken, daß ich den Rest an den Kapitän erlegen würde. Allein der edle Herr Chessel mochte mich für seines gleichen halten: er traute meinem Worte nicht und kam selbst an Bord, die 2 Livres St. in Empfang zu nehmen. Mit vielen Menschen haben mich meine Reisen in Berührung gebracht, aber Leute mit solchem Charakter sind mir glücklicher Weise nur wenige vorgekommen.

Am +31. December+ wurden wir der freundlichen Insel +St. Miguel+[26] ansichtig. Ich schmeichelte mir schon mit der Hoffnung, den Sylvester-Abend mit meinem Sohne feiern zu können, den ich seit sechs Jahren nicht gesehen hatte; allein die stets feindlichen Winde zwangen uns, hin und her zu kreuzen und gegen Einbruch der Nacht sogar das Weite zu suchen.

Am +1. Januar+, obwohl die Winde noch heftig waren, gelang es uns, der Hauptstadt +Punta-del-Gada+ nahe zu kommen, wir sahen schon das Boot des Arztes aus dem Hafen laufen und auf uns zurudern, und es stand unserer Meinung nach der Landung nichts mehr im Wege. Aber wie schmerzlich wurden wir durch den Schreckensruf überrascht, daß wir auf einige Tage der Quarantaine unterworfen seien -- der Cholera wegen, die in England schon lange aufgehört hatte!

Glücklicher Weise kam schon am nächsten Tage, +2. Januar+, der Arzt wieder, uns verkündend, daß die Quarantaine aufgehoben und daß wir frei seien.

Später erfuhr ich, daß an demselben Tage, an welchem wir ankamen (1. Januar), zu derselben Zeit, ja noch etwas früher, ein Schiff aus Lissabon anlangte, welches der Gesundheits-Behörde die offizielle Nachricht überbrachte, die Quarantaine sei aufgehoben. Um zehn Uhr Morgens waren, wie man mir sagte, schon alle Briefe und Zeitungen ausgetheilt und folglich wohl auch die offiziellen Befehle. Ob der Arzt aus Nachlässigkeit dieselben nicht geöffnet oder aus irgend einem andern Grunde vorsätzlich verschwiegen, weiß ich nicht; nur das weiß ich, daß ihm jeder Besuch eines Schiffes vier bis fünf Thaler einträgt, und daß er auf diese Art Gelegenheit bekam, zwei Besuche zu machen, den einen, das Schiff in Quarantaine zu erklären, den andern, die Quarantaine wieder aufzuheben. Ob aus Nachlässigkeit oder Eigennutz, ist eine solche Handlungsweise gleich unverzeihlich, und besonders an einem Platze, wie St. Miguel, wo es keinen Hafen, keine sichere Rhede gibt, und wo zur Winterszeit plötzliche und anhaltende Stürme die Schiffe oft wochenlang vom Lande abhalten. Was mich sehr bei dieser Sache wunderte, war, daß niemand, nicht einmal der Englische Konsul, den Arzt hierüber zur Rechenschaft zog.

Die Insel St. Miguel ist sehr hübsch: sie besitzt eine Fülle von Hügeln und Gebirgen, die mit frischem Grün bedeckt und in reizender Unordnung durcheinander geworfen sind. Auf den ersten Blick sieht man, daß diese Insel vulkanischen Ursprungs ist; die Form der Gebirge, die dunklen Meeresgestade hie und da (Lava) bezeugen es. Aber kein rauchender Krater ist mehr vorhanden, und lange müssen die Vulkane ausgetobt haben, denn schon ist die Lava so verhärtet, daß sie wieder halb zu Stein wurde, und beinahe überall mit Erde so bedeckt, daß die herrlichsten Orangenhaine, die üppigsten Getreide-Felder darauf wuchern.

Die Insel hat achtzehn Leguas (eine Legua = drei Meilen) in der Länge, drei bis vier in der Breite und eine Bevölkerung von 90,000 Seelen. Ihr Handel ist bedeutender, als man ihrer Größe nach vermuthen würde. Die Hauptausfuhr besteht in Orangen, jährlich zwischen 120,000 bis 140,000 Kisten, deren jede durchschnittlich 800 Stücke enthält, was die ungeheure Summe von mehr als hundert Millionen Orangen gibt. Ueber 200 Englische Schiffe kommen jährlich von dem Monate November bis gegen Ende März an, um die Frucht zu laden. Alle Orangen gehen nach England, ein einziges Schiff wird nach Hamburg, eines, höchstens zwei nach den Vereinigten Staaten gesendet.

Den nächst bedeutenden Artikel bildet das Türkische Korn, und nebstdem werden noch viele Getreidearten und Bohnen ausgeführt. Im Ganzen besuchen diese Insel jedes Jahr bei 450 Schiffe, und der Werth der jährlichen Ausfuhr beträgt an 500 Contos de Reis (90,000 £. St.)

Trotz dieses großen Verkehrs ist doch das Volk sehr arm, was hauptsächlich davon herrührt, daß der Bauer nicht Eigenthümer des Bodens, sondern Pächter ist, und das nicht einmal für seine Lebenszeit, sondern nur für eine bestimmte kurze Anzahl von Jahren.

Von dem Städtchen Punta-del-Gada (mit 12,000, die nahe Umgebung inbegriffen 16,000 Seelen) ist nicht viel zu sagen. Die Bauart ist der Europäischen ähnlich, die Häuser sind meistens unansehlich mit kleinen Balkons und abscheulich großen umfangsreichen Rauchfängen. Doch gibt es auch einige hübsche Gebäude. Den Nutzen der großen Rauchfänge konnte ich mir nicht erklären, um so weniger, als das Küchenfeuer das einzige im Hause ist. Kamine fand ich zu meinem Bedauern nicht im Gebrauche, obwohl die Wintermonate November bis März ziemlich rauh, regnerisch und stürmisch sind. Ich hatte das Unglück, einen, wie man mir sagte, außergewöhnlich strengen Winter zu finden und litt viel von der Kälte. Es gab zwar weder Schnee noch Eis; doch fehlten hiezu wenige Grade. Die fürchterlichsten Stürme hausten, und freundliche Tage gehörten zu den Seltenheiten; selbst noch zu Anfang des Maimonates war die Wärme nicht viel bedeutender, als in meinem Vaterlande. Daß dieß jedoch nicht immer so ist, davon zeigen außer den Orangen noch viele Früchte der wärmeren Zone, von welchen besonders die Banane hier zur vollkommenen Reife gelangt, weniger der +Custod-apple+, der hart und unschmackhaft bleibt. Die Ananas-Frucht gedeiht in Glashäusern ohne Beihülfe einer Heizung und erreicht einen außerordentlichen Umfang. Eine Portugiesische Dame, die Gemahlin des Herrn Dr. +Agostinho Mochado+, sandte mir einen Ananas, der an Größe alle übertraf, die ich in Indien gesehen; doch stand er ihnen an Süßigkeit nach. Die Europäischen Gemüse, Rüben, Kohl, Erbsen u. s. w. kommen ohne besondere Pflege fort.

Die Azorianer, von den Portugiesen abstammend, haben schöne dunkle Augen und Haare. Ich fand hier im Gegensatze zu allen Ländern, die ich bereist habe, das Volk hübscher, als die höhere Klasse. Die Tracht der letzteren ist die französische; das Volk trägt sich auch nach Europäischer Sitte, jedoch mit Ausnahme der Kopfbedeckung. Diese besteht bei den Männern aus steifen Tuchkappen mit einem weit hervorragenden, komisch ausgeschnittenen Schilde und rings herum mit einem acht bis zehn Zoll breiten Tuch- oder Sammtstreifen, der über die Achsel herunter hängt und den Hals gegen Sonne und Regen schützt. Noch grotesker ist die Kopfbedeckung der Weiber, eine Art Kapuze von blauem Tuche, bei zehn Zoll hoch und gewiß einen und einen halben Fuß lang, welcher Tracht mittelst eines starken Fischbeines ungefähr die Form eines mehr als riesenhaften Hahnenkammes gegeben ist. Außer diesem sinnreichen Kopfputze tragen sie über die Europäischen Kleider auch noch einen langen schweren Männermantel, durchgehend von blauem Tuche, der bis auf die Erde reicht und nie, auch bei der größten Hitze, abgelegt wird. Diese lächerliche, geschmacklose Kleidung hat namentlich den Uebelstand, daß eine Mutter ihre Tochter darin nicht erkennen würde, denn den großen Hahnenkamm, in welchem der Kopf steckt, ziehen sie nach vorne, so daß man von dem Gesichte beinahe nichts sieht, und die Mäntel gleichen einer dem andern. Kein Frauenzimmer aus dem Volke würde sich ohne Mantel und Kapuze auf die Straße begeben; jeder Pfennig wird emsig zusammen gespart, sich diese Kleinodien zu verschaffen; die nicht so glücklich ist, sie zu besitzen, sucht sie von Freundinnen oder gegen Bezahlung auszuborgen.

Nicht minder sonderbar ist die Sitte hier, daß kein Mädchen, kein junges Weib allein ausgehen darf; keine Magd würde allein über die Straße gehen, viel weniger etwas holen oder einkaufen. In jedem Hause muß man einen Diener halten, die Einkäufe und Ausgänge zu besorgen. Ich bedauerte wirklich die armen Mägde, die hier wie in einem Gefängniß eingesperrt sind; wenn sie nicht irgend eine alte Verwandte haben, die sich ihrer erbarmt und sie von Zeit zu Zeit ein halbes Stündchen auf die Straße führt, können sie das ganze Jahr zu Hause sitzen bleiben, denn nicht einmal Sonntags wagen sie es, allein nach der Kirche zu gehen.

Ueberhaupt sollen auf dieser Insel, wie man mir erzählte, vor noch kaum vierzig Jahren selbst unter der sogenannten gebildeten Welt gar sonderbare Gebräuche geherrscht haben.