Chapter 3 of 10 · 3967 words · ~20 min read

Part 3

Die Fahrt auf dem Arkansas gefiel mir ungleich besser, als jene auf dem Mississippi. Der Arkansas ist zwar als Fluß mit jenem gar nicht zu vergleichen; im Gegentheil ist sein Wasserreichthum so geringe, daß die Dampfer häufig auf Sandbänke auffahren und nur mit großer Mühe wieder flott gemacht werden können. Das Auge aber hat hier, wegen der vielen und häufig aufsteigenden Hügel- und Bergketten (wenn auch diese von keiner bedeutenden Höhe), einen weiten und abwechselnden Spielraum; es herrscht nicht die tödtende Einförmigkeit wie auf dem Mississippi. Die Umgebung ist hier ebenfalls noch wilde Natur -- Wald, wohin das Auge blickt; nur hie und da erscheint ein kleines Maisfeld, gleich einem vorgeschobenen Posten der Cultur. Aermliche Holzhütten liegen unter den Bäumen halb versteckt; selten wird man einen ihrer Bewohner ansichtig. Niedere Hügelreihen treten auf, höhere Berge hinter ihnen. Schön nimmt sich eine Felsenparthie aus, sechs bis acht Meilen hinter Little Rock, von den Amerikanern mit Unrecht „+Big-Rock+“ (großer Felsen) genannt, denn ihre Höhe übersteigt nicht dreißig bis vierzig Fuß. Noch schöner sind die +Dardanellen+[5]. Felsen von ungefähr vierzig bis fünfzig Fuß Höhe stehen gleich Soldaten in Reihen an beiden Seiten des Flusses. Die Reisenden waren alle entzückt von diesem großen Naturwunder und meinten, daß es in der Welt nichts Schöneres geben könne. Im Hintergrunde zeigt sich der 500 Fuß hohe Berg +Magazine+, der höchste der ganzen Umgebung; er zeichnet sich durch einen langen, schmalen, ebenen Rücken von allen andern Bergen aus.

In diesen Gegenden, wo man selten an einem Städtchen oder Oertchen vorüberfährt, wo alles noch wilde Natur ist, wo man nicht einmal die fällende Axt hört, hier machte es auf mich einen eigenthümlich erhabenen Eindruck, das große Kunstwerk menschlichen Schaffens, den Dampfer, stolz dahinbrausen zu sehen. Wenn seine Schaufelräder inne hielten, herrschte Todtenstille rings umher.

Obwohl die Wälder überall dicht und üppig stehen, die wenigen Maisfelder schöne Früchte tragen, behauptet man dennoch, daß der Staat Arkansas nicht unter die fruchtbaren zu zählen sei, und daß es deßhalb so wenig Ansiedlungen gäbe. Einst, wenn Amerika das traurige Schicksal Europa’s haben und übervölkert sein wird, dürften sich die Züge der Einwanderer auch nach Arkansas wenden. Jetzt hat man es noch nicht nöthig, mit dem Lande zu sparen, da es für den üppigsten Boden noch zu wenig Hände gibt.

Die Gesellschaften, die ich bisher auf den Dampfern traf, schienen eben nicht zu den gebildetsten zu gehören. Allgemein lachte man mich aus, wenn ich, während Holz geladen wurde, in den Wald ging, um Insekten zu fangen. Von einem Museum hatte selten jemand einen Begriff. Den ganzen Tag über wurde nichts als geplaudert; was die Leute in den Gasthöfen zu wenig sprachen, brachten sie hier ein. Man forschte mich mit großer Neugierde über meine Familienverhältnisse aus, man fragte mich, zu welcher Religion ich gehöre, wer mir das Geld zum Reisen gäbe, warum ich so große Reisen mache u. s. w. Nebstbei waren die Leute etwas gar zu ungezwungen. Wenn ich in einem Buche las, nahm man mir es ohne zu fragen aus der Hand, um den Titel, oder, wenn es Bilder enthielt, diese anzusehen. Während ich las, oder auf der Gallerie war, ging man ohne Umstände in meine Kabine, nahm die Insekten in die Hand und besah sie nicht bloß, sondern verdarb mir auch gar vieles. Am lästigsten aber waren die Kinder: die schrieen und lärmten um die Wette, wenn die Eltern nicht gleich thaten und erlaubten, was sie wünschten. Ich finde nichts schlechter, als Kindern die Erfüllung ihrer Wünsche erst zu verweigern, und wenn sie recht schreien und lärmen, dieselben am Ende doch zu gestatten. Sagt man den Kleinen: „Ja“ oder „Nein,“ so soll es dabei bleiben; das Kind wird dann schnell begreifen lernen, daß ihm die Unarten zu nichts helfen.

Ein anderer Fehler der Amerikanischen Erziehung ist es, den Kindern so frühzeitig das Benehmen und die Gewohnheiten der Erwachsenen beizubringen. In manchen Ländern Europa’s bleiben die Kinder zu lange Kinder, was auch nicht gut, aber doch besser ist, als sie um ihre Kindheit ganz zu betrügen. Hier benimmt sich das achtjährige Mädchen schon wie eine angehende Frau, der zehnjährige Knabe wie ein erwachsener Jüngling. Das Mädchen heirathet in den südlichen Staaten oft schon im zwölften Jahre, die Knaben treten mit demselben Alter in das Geschäftsleben ein. In einigen der südlichen Staaten erlaubt sogar das Gesetz die Trauung zwölfjähriger Mädchen, welche dem elterlichen Hause entlaufen sind. Das Kind hat nur zu sagen oder zu beschwören, daß es dieses Alter habe, und wird von dem Priester getraut. Solche Ehen, die nicht selten vorkommen, heißen „~Run away matches~.“

Eine natürliche Folge dieser Kinder-Emancipation ist, daß nicht nur die wissenschaftliche Ausbildung der Jugend vernachlässiget wird, sondern daß auch bei den Mädchen die Kindlichkeit, Bescheidenheit, bei den Frauen die zarte Weiblichkeit, die größten Zierden unseres Geschlechtes, nur zu häufig verloren gehen.

Es gibt vielleicht in keinem Lande der Welt so viel öffentliche und Privat-Unterrichts-Anstalten, wie in den Vereinigten Staaten; dennoch kamen mir, wenigstens bisher, nicht viele gründlich gebildete Mädchen oder Frauen vor; denn ein Bischen Klavier klimpern, singen oder einige Französische Worte herplappern, nenne ich keine Bildung. Die größere Zahl begnügt sich mit einem oberflächlichen Anflug des Wissens, womit sie aber die echt republikanische Kühnheit verbindet, denselben überall zur Geltung zu bringen. So erschrack ich immer, wenn ich ein Klavier auf einem Dampfer sah. Jung und Alt setzte sich ohne Scheu hinzu; das Geklimper, der sogenannte Gesang nahmen den ganzen Tag kein Ende. Eben so wenig Kenntniß hatten sie von der Geographie. Wenn man mich fragte (was Hunderte thaten), von welchem Lande ich nach den Vereinigten Staaten gekommen, wo ich geboren sei u. s. w., und ich antwortete, ich sei von Peru gekommen, in Wien geboren, wußten sie weder wo Peru, noch wo die Stadt Wien liegt. Außer ihrem eigenen Lande kennen sie wenig von der Welt, von Europa kaum mehr als Paris und London, vielleicht einiges von Deutschland, und seit dem Kriege der Russen mit den Türken wohl auch St. Petersburg und Constantinopel. In den vielen Schulen, in welchen ich von den untersten bis zu den obersten Klassen Prüfungen aus der Geographie beiwohnte, hörte ich nichts als Fragen über die Vereinigten Staaten; man hätte glauben mögen, daß es gar keine andern Länder gäbe.

Zu Anfange befremdete mich dieses oberflächliche Wissen sehr, um so mehr, als mich die Eltern versicherten, daß ihre Kinder schon mit vier Jahren die Schulen besuchten. Später sah ich wohl, woher es kam. Die meisten Eltern besitzen selbst keine höhere Bildung und glauben für die Erziehung ihrer Kinder genug zu thun, wenn sie dieselben nach der Schule senden. Die Mütter in der wohlhabenden Klasse sind wenig für Häuslichkeit erzogen; sie verbringen den größten Theil des Tages im Rocking-chair schaukelnd, eine Novelle lesend, oder einen Spaziergang machend, die Kaufläden besuchend, in welch letzteren sie Stunden zubringen, um die schönen Waaren zu besehen. Für Kinder-Erziehung Sorge zu tragen, dieselbe zu überwachen, haben sie weder Lust noch Zeit. In der Schule selbst werden die Kinder nicht sehr zum Arbeiten angehalten, denn beklagt sich das Kind über die Schule, über den Lehrer, so wird ihm stets Recht gegeben, und wünscht es die Schule, die es besucht, mit einer andern zu vertauschen, so erfüllt man seinen Willen. In Folge dieses Verfahrens sind die Lehrer gezwungen, gegen die Kinder weder Strenge noch Ernst zu gebrauchen, und sie wie erwachsene Leute zu behandeln. Thäten sie es nicht, so würden ihre Schulen bald leer sein.

Als ich dieß alles gesehen und beobachtet hatte, befremdete mich das oberflächliche Wissen der Kinder nicht mehr; im Gegentheile, es wunderte mich, sie doch noch so unterrichtet zu finden, als es der Fall war.

In Fort Smith angekommen, fand ich keine Gelegenheit mehr, die Reise zu Wasser fortzusetzen; der Fluß war schon zu seicht geworden. Ich miethete ein Pferd, um nach Fort Gibson (achtzig Meilen), in dessen Nähe die +Cherokee+-Indianer leben, zu reiten; allein in der Nacht hatte ich wieder einen Anfall des hartnäckigen Sumatra-Fiebers und mußte der Reise entsagen.

Die Cherokee-Indianer zeichnen sich vor allen übrigen durch Schönheit und Bildung aus. Sie leben in Ortschaften und Städtchen, haben eine konstitutionelle Regierungsform, gute Schulen und senden ihre Söhne häufig in Amerikanische Handelshäuser; sie geben sogar eine Zeitung heraus. Ihr Häuptling ist mit einem weißen Mädchen aus guter Familie verheirathet. -- Eine Ehe mit einem Indianer wird nicht als entehrend angesehen.

Ich traf in Fort Smith viele dieser Indianer, die theils in Handelsgeschäften, theils zum Vergnügen dahin gekommen waren. Mehrere speisten in dem Gasthofe, in welchem ich wohnte. Sie sprachen etwas Englisch und benahmen sich recht anständig; nur nahmen sie manchmal einzelne Stücke aus der Schüssel und führten sie gleich zum Munde; sie aßen mit Messer und Gabel. Ihre Gestalt und Gesichtsbildung war durchgehend hübsch; man hätte die meisten für Europäer halten können, wäre ihre Hautfarbe etwas lichter gewesen; diese aber war nicht hübsch, entweder lederartig oder schmutzig lichtbraun. Männer wie Weiber trugen Europäische Kleidung, manche der Männer über die Kleider eine Art weite, kurze Blouse mit reich garnirten großen Krägen; einer hatte ein zusammengedrehtes Tuch gleich einem Kranze um den Kopf geschlungen. Die Männer waren alle hübscher, als die Weiber.

Während meines Aufenthaltes zu Fort Smith, am 4. Juli, wurde das Fest der Unabhängigkeit-Erklärung gefeiert, bei welcher Gelegenheit ein Negerball statt fand, an dem Freie wie Sklaven Theil nahmen. Sie waren alle Europäisch gekleidet, die Männer schwarz mit weißen Halsbinden und Westen, die Weiber und Mädchen in Tüll und andern hübschen weißen Stoffen; auch an Goldketten und Geschmeiden fehlte es nicht, eben so wenig an Bändern und Blumen in den Haaren. Der Saal war schön geschmückt und beleuchtet, der Speisen gab es in Fülle. Es machte einen höchst komischen Eindruck, alle die farbigen und schwarzen Gesichter in dem Europäischen Putze zu sehen.

Von dem bösen Fieber befreit, ging ich nach wenigen Tagen wieder nach Napoleon zurück, wo ich mich auf dem prachtvollen Dampfer „Crescent-City“ auf dem Mississippi einschiffte; der Kapitän Mr. +John+ nahm ebenfalls keine Bezahlung von mir an.

Die Ufer des Mississippi blieben fortwährend von gleicher Einförmigkeit -- dichte unermeßliche Waldungen deckten die Ebenen; man hatte gar keinen Anhaltspunkt einer hübschen Ansicht; nirgends bedeutende Pflanzungen. Dem Vorübersegelnden zeigten sich nur erbärmliche hölzerne Hütten, bei welchen Holz für die Dampfer zum Verkaufe aufgeschichtet lag.

Oberhalb des Städtchens +Memphis+ stiegen die Ufer des Mississippi in senkrechten Sandwänden zu einer Höhe von fünfzig Fuß empor. Diese Strecke gilt als eine der schönen Scenen des Stromes. Der gute Kapitän John rief mich auf die Gallerie, dieses Naturwunder zu besehen; die Entzückungen unter den Reisenden nahmen kein Ende. Nach einer Strecke von einigen hundert Schritten fällt die Natur schon wieder erschöpft in ihre frühere Einförmigkeit zurück.

Bei +Jeddo+ (300 Meilen unterhalb St. Louis, also 1000 Meilen von der Mündung des Flusses), einem Städtchen mit einem großen, schönen katholischen Collegium, einer katholischen Kirche in Gothischem Style und mehreren bedeutenden Ziegelhäusern, hat man zum ersten Male hübschere Ansichten. Der Strom wird durch liebliche Inselchen in Arme getheilt, bildet hie und da große Buchten gleich einem See, und kleine Hügelketten erscheinen im Hintergrunde. Leute, die in ihrem Leben nichts anderes als die unteren Gegenden des Mississippi gesehen haben, mögen freilich diese Ansichten hinreißend schön finden; aber mit den Donau-Gegenden z. B. halten sie keinen Vergleich aus.

Bei dem Städtchen +Cairo+ (280 Meilen unterhalb St. Louis) mündet der +Ohio+ in den Mississippi. Sein Wasser ist rein, von schöner, grünlicher Farbe. Eine gute Strecke noch vor der Mündung kann man den Kampf der beiden Gewässer beobachten. Erst tauchen nur einzelne Wogen des trüben Mississippi in dem klaren Ohio auf, bald werden sie häufiger und häufiger und endlich geht das Reine ganz verloren. Das böse Princip erringt hier, wie meistens im irdischen Leben, die Oberhand.

Das Städtchen Cairo liegt auf einer Erdzunge zwischen den beiden Strömen. Alle diese Amerikanischen Städtchen oder Ortschaften gleichen sich: man sieht ihnen die Eile, die Hast an, mit der sie gegründet wurden. Sie bestehen meistens aus zerstreut umherliegenden Häuschen, die von einfachen Bretterwänden zusammen gezimmert, klein und beschränkt, mit Zimmerchen gleich Zellen versehen sind. Die dünnen Bretterwände halten weder im Winter die Kälte, noch im Sommer die glühende Hitze ab[6]. Aber an diesem und jenem Platze will sich der Amerikaner ansiedeln, mit dem Willen beginnt er auch schon die That und baut natürlich nur, was die höchste Notwendigkeit erfordert. Steigt sein Bedarf, so vergrößert er allmählich seinen Bau; auch findet er oft nach kurzer Zeit den Platz seinen Wünschen und Hoffnungen nicht entsprechend, oder sein spekulirender Geist sehnt sich nach etwas anderem; er verläßt plötzlich alles, selbst wenn es ihm gut ergangen war, um sich an einem andern Orte niederzulassen. Die Amerikaner nennen dieß „~move~.“ Ich traf auf dem Dampfer mehrere dergleichen „movende Familien,“ die mir selbst gestanden, daß sie ihre Ansiedelungen aus keinem anderen Grunde verließen, als weil sie schon einige Jahre darin gelebt hatten.

Am +14. Juli+ erreichten wir die Stadt St. Louis, die erst einige Meilen früher sichtbar wird, da der Strom beständig große Krümmungen macht. Der Anblick der gleichförmigen Häusermasse, die sich dem Strome entlang an einer kleinen Erhöhung ausbreitet, bietet eben nichts überraschendes. Die großen Amerikanischen Städte besitzen wohl schöne Gebäude und viele Kirchen; aber man sieht diese erst, wenn man durch die Straßen wandelt; hervorragende schöne Kuppeln, hohe, majestätische Thürme gibt es nur sehr wenige. Die nahe Umgebung von St. Louis ist sandig, die Waldungen liegen mehrere Meilen entfernt; das Land ist eben.

Ich stieg hier bei Herrn +Charles Boyce+, Richter (~judge~) in Louisiana ab. Ich hatte diesen Herrn, wie seine Familie, in Neu-Orleans kennen gelernt, bei welcher Gelegenheit er so gütig war, mich in sein Haus einzuladen, weil er wußte, daß ich im Sinne hatte, nach St. Louis zu gehen.

Die Stadt St. Louis zählt gegen 120,000 Einwohner, eine überraschend große Bevölkerung für die kurze Zeit ihrer eigentlichen Entwicklung, denn noch vor zehn bis fünfzehn Jahren hatte sie kaum einige Tausend. Unter den Gebäuden sind, wie in allen Amerikanischen Städten, die Banken, die Gasthöfe, das Zollhaus u. s. w. die bedeutendsten; auch unter den Privatgebäuden gibt es schöne; so steht z. B. in der vierten Straße[7] ein Haus, ganz aus weißem Marmor gebaut, der in der Nähe der Stadt gebrochen wird. Die katholische Kirche ist einfach, aber sehr hübsch. Mein erster Gang war dahin, denn ich hatte von ihr in dem Directory of St. Louis vom Jahre 1854 folgendes gelesen: „Die Kathedrale von St. Louis hat keine Nebenbuhlerin in den Vereinigten Staaten hinsichtlich ihrer Pracht, des Werthes und der Zierlichkeit ihrer heiligen Gefäße, ihrer Gemälde und Verzierungen, und gewiß haben wenige Kirchen in Europa werthvollere Gegenstände aufzuweisen. Sie besitzt Gemälde von Rubens, Raphael, Guido, Paul Veronese und eine Zahl anderer von den neuesten Meistern der Italienischen Schule.“ -- Ich hoffte dieser Beschreibung nach eine kostbare Bildergallerie nebst andern großen Schätzen zu sehen; aber zu meinem Erstaunen fand ich von allen diesen Kostbarkeiten und Meisterwerken nichts, vier Oelgemälde ausgenommen, von welchen jedoch nur eines der älteren Zeit zuzuschreiben sein mochte. Ich weiß, daß wohl gar manche Reisende die Gewohnheit haben, mehr Poesie als Wahrheit in ihre Beschreibungen zu flechten; aber eine ähnlich starke Lüge ist mir bisher doch noch nicht vorgekommen.

Das Gefängniß ist aus massiven Steinen aufgeführt. Das Innere besteht aus einer großen Halle, um welche die Zellen in zwei Stockwerken laufen. Die Zellen sind für zwei Personen; sie besitzen gar keine Einrichtung, nicht einmal einen Schragen zum Schlafen -- eine Kuhhaut vertritt dessen Stelle. Der Gefangene kann sich, so lange er nicht abgeurtheilt ist, mit seiner Börse alle Annehmlichkeiten verschaffen, was nach gefälltem Urtheil nicht mehr erlaubt ist. Allein ich sah doch bei manchen Abgeurtheilten mehr Comfort als bei andern. Leider ist der goldene Schlüssel in den freien Staaten so mächtig, wie überall in der Welt.

Die Gefängnißkost wäre nicht schlecht gewesen; allein die Bereitung und die Art, auf welche man die Speisen den Leuten gab, fand ich unsauber und unpassend -- man fütterte sie wie Hunde ab. Ein großer Kübel, in welchem alles zusammen geschüttet war, wurde in die Halle gebracht, ein ekelhaft schmutziger Neger faßte vor jeder Zelle mit einem Löffel, wohl auch mit der Hand einige Brocken heraus, warf sie in ein Geschirr, und schob dieses durch eine kleine Oeffnung in der Thüre dem Verbrecher zu.

Die Luft in der Halle war sehr unrein: wenn man an die Zellen kam, mußte man die Nase zuhalten. Die Hinrichtungen (Aufhängen) finden in dem Hofe des Gefängnisses statt.

Von Lehr- und andern Anstalten, als: für Kinder, die man von der Straße aufliest, für alte arme Leute, für Mädchen und Frauen, die sich bessern wollen u. s. w., besah ich manche, die ich alle sehr zweckmäßig und trefflich eingerichtet fand. In dieser Hinsicht, besonders was die Anstalten für Arme anbelangt, wird in den Vereinigten Staaten sehr viel gethan. Viele Vereine bilden sich unter den Frauen, die emsig nachsehen und alles sehr genau überwachen. In diesem Punkte kann man den Amerikanischen Frauen wahrhaftig des Lobes nicht genug nachsagen.

Die Zuckerraffinerie des Herrn +Belcher+ ist sehenswerth, da sie die größte im Westen ist: es werden wöchentlich bei 600 Tonnen[8] Syrup (Melasses) in raffinirten Zucker verwandelt. Herr Belcher beschäftigt gegen 700 Menschen nebst 140 Pferden und Maulthieren. Ich sah hier einen der tiefsten artesischen Brunnen, die bisher gegraben wurden: seine Tiefe beträgt 2200 Fuß. Man war zwar auf eine sehr starke Quelle gekommen, sie enthielt aber so viel Schwefel, daß man sie nicht benützen konnte; es wird daher mit der Bohrung des Brunnens noch fortgefahren.

Die Markthalle ist groß und hübsch, steht aber jener von Neu-Orleans weit nach.

Der Friedhof +Belle Fontaine+ ist einer der schönsten von allen, die ich bisher gesehen. Er besteht aus einem prachtvollen Naturparke von vielen hundert Acres Landes, in welchem die Kunst nichts anderes zu thun hatte, als das Untergebüsch zu vertilgen, den Wald ein wenig zu lichten und den Grasboden zu cultiviren. Auf diesem Friedhofe werden nur Plätze für Familiengräber um theure Preise verkauft. Die Plätze sind mit zierlichen leichten Eisengittern eingefaßt und mit Blumen geschmückt, in deren Mitte kunstvolle Marmor-Monumente aufsteigen, von welchen manche in Italien gearbeitet worden sind. Bis jetzt gibt es noch wenige Grabesplätze. Der ganze Park ist von schönen Fahr- und Gehwegen durchschnitten, und ein Spaziergang dahin sehr lohnend. Schade, daß es keine Bänke gibt, um sich mit einem Buche allda länger aufhalten zu können.

Ich blieb einige Wochen in dem Hause des Herrn Boyce und war während dieser Zeit sehr aufmerksam auf die Behandlung der Dienerschaft, die aus lauter Sklaven bestand. Zu meiner großen Freude fand ich, daß die Leute behandelt wurden, als gehörten sie zur Familie, ja meiner Ansicht nach wurden sie sogar zu wenig mit Arbeit beschäftiget: ein Halbdutzend Sklaven arbeitete nicht so viel, als bei uns zwei Dienstleute. Die Kleidung, die Kost war gut und hinreichend. Freilich gehörten auch Herr und Frau Boyce zu den trefflichsten Menschen und ihre Kinder zu den sehr wohl erzogenen. Glücklich wäre das Loos der Sklaven, würden sie überall so gehalten!

Ich machte von St. Louis einen kleinen Ausflug nach dem Städtchen +Highland+ (32 Meilen) in dem Staate +Illinois+, jenseits des Mississippi gelegen. Zu diesem Ausfluge mußte ich einen Platz in der Postkutsche (Stage-coach) nehmen, welche Art zu reisen die unbequemste und lästigste ist. Der sonst mit der Zeit so geizende Amerikaner hat da eine mehr als himmlische Geduld. So ist es z. B. gebräuchlich, daß sich die Reisenden nicht an dem Orte der Abfahrt einfinden, sondern der Wagen fährt vor jedes Haus sie abzuholen, eine Einrichtung, die sehr langweilig ist und in großen Städten vielen Zeitverlust verursacht. Man fährt oft ein Paar Stunden kreuz und quer, ohne daß die eigentliche Reise begonnen hat. Eben so zeitraubend geht das Umspannen vor sich: die Pferde sind nicht bereit, die Herren treten in die Schenke, und so vergeht eine halbe Stunde, bevor man weiter kommt. Unterweges werden die Pferde noch überdies getränkt.

Das Städtchen Highland mit 5000 Einwohnern ist vor fünfzehn Jahren von Deutschen und Schweizern gegründet worden. Vor dieser Zeit war das Land rings umher noch Prairie; jetzt ist der größte Theil schön cultivirt und mit üppigen Weizen-, Hafer- und Mais-Feldern bedeckt.

Man erwies mir in Highland sehr viele Ehren[9]. Herr +Bernais+, ehemals bei der französischen Gesandtschaft in Wien angestellt, erwartete mich schon an der Station, und führte mich sogleich in sein Haus. Am ersten Abende brachten mir die Mitglieder des Musikvereins, am zweiten die Sänger ein Ständchen. Die Freundlichkeit und Herzlichkeit, mit welcher man mir entgegen kam, die Deutsche Sprache, die ich von allen Seiten hörte, die heimathlichen Lieder und Kompositionen, auf wirklich ausgezeichnete Weise vorgetragen, machten es mich beinahe vergessen, daß ich mich in einem fremden Welttheile befand: es war mir, als sei ein Stück von Deutschland hieher gezaubert worden.

Fünf bis sechs Meilen von Highland landeinwärts sind die Prairien noch im Naturzustande zu sehen. Man führte mich dahin; meine Begriffe waren aber anders gewesen: ich hatte sie mir, den Beschreibungen zufolge, als unübersehbare Flächen vorgestellt, mit sechs bis sieben Fuß hohem Grase bedeckt, durch welches der Durchgang höchst beschwerlich sei. Dem war indeß nicht so. Das Land hatte eine wellenförmige Bildung, der Boden war zwar reich bewachsen; allein selten überstiegen die Pflanzen die Höhe von zwei bis drei Fuß, und überall konnte man leicht zu Fuße oder zu Wagen durchkommen. Die Aussicht von den zwanzig bis dreißig Fuß hohen Hügeln war reizend; ich hätte nie geglaubt, daß eine Landschaft ohne Gebirge, ohne Flüsse und Seen so schön sein könnte. Die wellenförmige Bildung gestattete dem Auge eine weite Fernsicht und brachte dabei doch hinreichende Abwechslung hervor. Nette Farmhäuschen standen auf manchen Höhen, in Mitte blühender Pflanzungen; im Vordergrunde breitete sich das Städtchen aus, kleine Boskette von Frucht- und anderen Bäumen bildeten die Schlagschatten, und dunkle Waldungen faßten in weiter Ferne das ganze Bild ein!

Auf der großen Besitzung des Herrn +Köpfli+ wurden vor einigen Jahren sogar Weingärten angelegt. Der Versuch gelang vortrefflich; allein es zeigte sich, daß der gewonnene Wein nicht die Kosten deckte und billiger aus fremden Ländern zu beziehen war; es wurde daher die Weincultur vor der Hand aufgegeben.

Ich besuchte mehrere Farms, um die Lebensweise der Farmer (Grundbesitzer, Bauern) kennen zu lernen. Wer so viel besitzt, sich Grund und Boden zu kaufen, ein Häuschen zu bauen und seinen Bedarf für das erste Jahr zu decken, hat in den Vereinigten Staaten gewiß die schönste Zukunft vor sich. Die Ländereien, die man in noch uncultivirten Ländern von dem Staate kauft, kosten per Acre 1¼ Dollar. Auf seinem Grunde kann der Farmer schaffen und bauen, was er nur immer will: nichts ist in diesem schönen, freien Lande Monopol, nichts ist verboten oder hoch besteuert; außer einer ganz unbedeutenden Abgabe gibt es gar keine andern Leistungen und Pflichten.

Die Farmers besorgen mit den Knechten die äußeren Geschäfte, denn nie sieht man in den Vereinigten Staaten ein Bauernweib auf dem Felde arbeiten, Gras für das Vieh heimschleppen, die Erzeugnisse nach dem Markte bringen u. dgl. Der Amerikaner hat für das weibliche Geschlecht zu viel Schonung, um ihm dergleichen schwere Arbeiten aufzubürden. Die Frauen besorgen die Hauswirthschaft, das Melken der Kühe, das Buttern u. s. w. Sie leben sehr gut und sind durchschnittlich sauber gekleidet, ja letzteres artet bei den Frauen oft nur zu sehr aus; sie erscheinen Sonntags in stattlichem Putze mit goldenen Ketten, Uhren und Ringen.

Die Kost der Farmers besteht Morgens gewöhnlich aus kaltem Fleische oder Schinken, Brot, Butter und Thee oder Kaffee, Mittags aus gebratenem Fleische und Kartoffeln, Abends wie Morgens aus kaltem Fleische, Thee u. s. w. Was am ersten Tage erscheint, kommt das ganze Jahr hindurch, so daß die Küche den Frauen weder viel Kopfzerbrechen noch Arbeit verursacht.

Beinahe jeder Farmer hat in seinem Hause ein nettes Zimmerchen, seine Freunde zu empfangen; trotzdem darf man aber von Gastfreundschaft nicht zu viel erwarten. Kommt man gerade zu einer ihrer Mahlzeiten, so wird man zwar eingeladen; aber außer den Eßstunden wird den Besuchern nicht einmal ein Glas Milch angeboten. Man sagte mir, daß jedermann auf Farms aufgenommen werde, aber gewöhnlich zahle, wenn er über Nacht bleibe, -- worin besteht dann die gerühmte Gastfreundschaft? --