Part 4
Ich kann von Highland nicht scheiden, ohne auch der liebenswürdigen Familie +Bandelier+ zu gedenken. Jedermann, mit dem ich bekannt wurde, lernte bald meine Leidenschaft für Insekten kennen. Seit ich aber die Holländisch-Indischen Besitzungen verlassen hatte, war man nirgends so gütig gewesen, mir deren weder aus Gefälligkeit noch gegen Bezahlung zu verschaffen oder abzulassen; ja ich mußte wirklich oft über die Angst lachen, mit der man mir zuweilen ein Paar elende Stücke zeigte: die Leute fürchteten sich, mir ein Käferchen, einen Schmetterling anbieten zu müssen. Vergebens gab ich den geehrten Sammlern schon im voraus mein Wort, nichts zu begehren, mich mit dem Ansehen zu begnügen; aber wie es schien, trauten sie meinem Worte nicht, und jeder hatte seine Sammlung gerade vor einigen Tagen irgend einem Museum oder einem Freunde als +Geschenk+ gesandt.
Nur der fünfzehnjährige Sohn des Herrn Bandelier machte eine Ausnahme; er zeigte mir seine Sammlung mit größter Freude, und bat mich mit wirklich rührender Innigkeit, davon zu nehmen, was ich brauchen könne.
Von Highland fuhr ich nach +Libanon+ (10 Meilen), einem neu angelegten Städtchen, das bis jetzt noch aus nichts als aus einer kleinen Reihe hölzerner Häuschen besteht, die am Waldsaume liegen. Der größte Theil des Weges führt durch Prairien. Vier Meilen weiter liegt die Farm des Herrn +Hecker+. Mit Erstaunen sah ich diesen talentvollen, hochgebildeten Mann, den bekanntlich die politischen Verhältnisse zwangen, sein Vaterland (Baden) zu verlassen, sich in das Landleben fügen, als wäre er von Geburt an ein Farmer gewesen. Wenn er in seinem Farmeranzuge, mit seinem langen Barte mitten unter seine Landsleute, ja unter seine Freunde träte, niemand würde ihn erkennen. Beinahe noch mehr bewunderte ich seine Frau: sie hat sich mit derselben Ergebung und Fassung in die neue Lebensweise geschickt. Wie hart mag es beiden fallen, mit nichts als Feld und Vieh zu schaffen zu haben, von nichts anderem sprechen zu hören, jedes geistigen Umgangs zu entbehren?! --
Ich kehrte von diesem Ausfluge wieder nach St. Louis zurück, wo ich noch einige Tage verweilte. Am +29. Juli+ setzte ich meine Reise auf dem schönen Dampfer „+Excelsior+“ fort, der von hier nach +St. Paul+ (825 Meilen) ging.
Kaum dreißig Meilen oberhalb St. Louis mündet der Missouri in den Mississippi, und dieser Fluß ist es, welcher dem Mississippi das schmutzige Gewässer bringt; oberhalb der Einmündung des Missouri ist der Mississippi klar und rein.
Am +30. Juli+ früh Morgens legten wir an dem winzigen, aus höchstens einem Dutzend kleiner Häuser bestehenden Städtchen +Hamburg+ an, das sich ungemein reizend um einen ungefähr hundert Fuß hohen Hügel lagert.
Noch schöner ist die Lage des Städtchens +Clarksville+. Wir kamen an mehreren Ortschaften vorüber, die alle, wenn auch nur einige hölzerne Häuschen zählend, in der Hoffnung auf die zukünftige Größe und Bevölkerung schon jetzt „Städte“ genannt werden. Der Amerikaner lebt überhaupt so sehr in der Zukunft, daß er von der Gegenwart wenig genießt.
Von Hamburg bis zu dem Städtchen +Quincy+, welches wir am +31. Juli+ erreichten, wird die Fahrt auf dem Mississippi angenehmer. Der Strom ist reich an größeren und kleineren Inseln; es zeigen sich abwechselnd Hügelketten, und die Waldungen sind ungleich schöner, da die Bäume an Höhe und Umfang zunehmen. Bei Quincy treten die Flächen wieder in den Vordergrund. Bei +Keokuk+ wurde der Wasserstand schon so niedrig, daß der größte Theil der Ladung auf ein Schleppschiff übertragen werden mußte.
Das Städtchen +Madison+ mit dem Fort gleichen Namens gehört schon zu den größeren und mag 3-4000 Einwohner zählen. Bedeutender noch ist +Burlington+, mit ziemlich großen Backsteinhäusern und breiten Straßen. +Rock-Island+ und +Davenport+, einander gegenüber gelegen und nur durch den Mississippi getrennt, tragen den Namen „Stadt“ schon mit Recht. Doch haben alle diese Städte und Städtchen nichts Eigenthümliches oder Anziehendes. Das Land war auf beiden Seiten des Stromes noch wenig aufgebrochen, die Waldung nur an den Stellen gelichtet, auf welchen die Ortschaften standen; entweder wird noch wenig Land bebaut oder es geschieht dieß mehr im Innern.
Wir blieben die Nacht vor Davenport liegen. Gegen 11 Uhr erhob sich ein starker Sturm, der in einen Orkan auszuarten drohte. Die Blitze folgten sich unausgesetzt, der Donner grollte wild durch das Brausen des Windes. Der Kapitän und die Offiziere eilten aus ihren Kabinen auf der obersten Terrasse in die tieferen hinab, befürchtend, der Sturm möchte jene sammt dem Schornstein der Maschine mit sich fortführen, wie es bei einem ähnlichen Sturme drei Wochen früher der Fall gewesen war. Wir sahen noch am Ufer die zerstörten Kamine liegen, und am Lande ein Backsteinhaus, das durch den Orkan seines Daches beraubt worden war. Wir kamen jedoch dießmal mit der bloßen Angst davon, schon nach einer Stunde zügelte der Sturm seine Wuth und hatte bald gänzlich ausgetobt. In der heißen Jahreszeit sollen diese Gegenden öfter von Orkanen heimgesucht werden.
Am +4. August+ Morgens lenkten wir in das +Fieber-Flüßchen+ und landeten unfern seiner Mündung an dem Städtchen +Galena+. Die Lage dieses Städtchens ist reizend: ein Theil windet sich an dem Fuße eines schönen Hügels fort, während der andere sich in malerischen Gruppen bis an dessen Spitze zieht.
Von Galena kehrten wir wieder in den Mississippi zurück, der nun schon bedeutend an Breite abnimmt, dessen Ufer aber dafür an Reiz gewinnen.
Von Neu-Orleans bis hierher bietet dieser Strom der großen, schönen Scenen wahrhaftig so wenige, daß ein Maler in Verzweiflung gerathen müßte, würde ihm die Aufgabe gestellt, irgend eine überraschende, reizende Ansicht davon zu liefern. Der Reisende hat für die lange Fahrt (von der Mündung bis hierher 1600 Meilen) keine andere Entschädigung, als sich an dem Gedanken zu laben, daß es doch großartig ist, zwischen diesen Urwäldern und Prairien den Rücken eines der mächtigsten Ströme der Erde von Hunderten von Dampfern befahren, in diesen Gegenden, die noch vor zwanzig Jahren größtentheils von wilden Indianern, von Bären und anderen Bestien bewohnt waren, überall Städte und Ortschaften gleich Pilzen aus der Erde entstanden zu sehen. Allerdings ist dieser Gedanke mächtig; aber schon nach wenig Tagen wird man mit den sich ewig wiederholenden Wundern so vertraut, daß man ihrer am Ende gar nicht mehr gedenkt und nur von der Einförmigkeit der Naturscenen gelangweilt wird.
In Galena vermehrte sich unsere Gesellschaft um zwei Mädchen oder Frauen von etwa zwanzig Jahren, deren Benehmen gleich zu erkennen gab, zu welcher Klasse sie gehörten. Sie sprangen umher, liefen einander nach, haschten sich u. s. w. Ich hielt mich fern von ihnen, denn noch war ich so albern, die Menschen nicht nach Farbe und Blut, sondern nach Bildung und Sittlichkeit zu schätzen. Als diese beiden Geschöpfe den nächsten Tag den Dampfer verließen, gingen sie ganz nahe an mir vorüber, klopften mir lachend auf die Achsel und schrieen mir in die Ohren, als wäre ich taub gewesen: „Sie gleichen unserer Großmutter auf ein Haar.“ Den Jahren nach hätte dieß wohl sein können: ich verläugne mein Alter nicht; allein die Art und Weise, in welcher mir die Mädchen dieß sagten, war so auffallend beleidigend, daß ich nicht umhin konnte, ihnen zu antworten: „Und Sie gleichen zwei Affen, die ich von meinen Reisen nach Hause gebracht habe, so vollkommen, daß ich schon dachte, Sie seien mir entsprungen.“
Ueberhaupt befand sich auf diesem Dampfer wieder eine sehr gemischte Gesellschaft. Ein Paar andere junge Frauen warfen sich bei Tische mit den abgenagten Maiskolben -- die Nebensitzenden waren nicht sicher, daß ihnen ein Stück davon an den Kopf flog. Und Abends erst, wenn sich alle in den Schaukelstühlen (~Rocking-chairs~) wiegten, da hätte ich ein Maler sein mögen, um den Frauen ein Bild zu zeichnen, wie anmuthig sie sich in diesen Stellungen ausnahmen. Es waren zehn solcher Stühle, die Frauen schoben sie in einen Kreis zusammen, setzten sich recht tief hinein, streckten die Füße weit vor, ja manche hielten auch noch den Arm über den Kopf, und so schaukelten sie sich, so viel es der Stuhl zuließ. Wie unzart, wie unweiblich das aussah, ist nicht zu beschreiben.
Man sagte mir freilich, daß ich die Amerikaner nicht nach dem Benehmen auf den Dampfern beurtheilen solle.
Das will ich gern glauben. In den Gesellschaften in Neu-Orleans oder Neu-York hätte ich sie nicht so in ihrem natürlichen Gehenlassen gesehen wie auf den Dampfern. In den Gesellschaften hätte ich nicht gesehen, daß die Herren es sehr lieben, die Füße auf Stühle, ja selbst auf Tische zu strecken -- ein eben so reizendes Bild, wie das der weiblichen Jugend in den Schaukelstühlen. In den Gesellschaften hätte ich nicht gesehen, wie die Leute die Achtung für sich und die Gesellschaft so ganz außer Augen setzen, daß sie in beschmutzten, ja selbst zerrissenen Kleidern, mit schmutziger Wäsche, ungeputzten Stiefeln an die Tafel kommen. In den Gesellschaften hätte ich nicht gesehen, daß selbst nett gekleidete Herren gleich Matrosen beständig Tabak kauen, daß sich gar viele ihrer Finger statt des Taschentuches bedienen, und daß sie bei Tische die Knochen des Geflügels, die Schalen der Kartoffeln u. s. w. auf das Tischtuch neben den Teller legen. In den Gesellschaften hätte ich nicht gesehen, wie unartig und naseweis sich die Kinder benehmen. Und schwerlich hätte ich in den Gesellschaften Gelegenheit gefunden, zu bemerken, daß die Leute gar so orthodox und von der Sucht befallen sind, alles bekehren zu wollen, was in ihr Bereich kommt. Kaum war ich oft auf das Deck eines Dampfers gestiegen, so kam schon eine Frau oder ein Herr mit der Frage daher. „Zu welcher Kirche gehören Sie?“ Ich fand diese Frage so unhöflich, so unbescheiden, daß ich meistens zur Antwort gab: „Ich bekümmere mich nichts, zu welcher Sekte Sie gehören, folgen Sie meinem Beispiele.“ Wünschte ich ein Buch zu haben, so gab man mir nicht selten religiöse Abhandlungen oder die Bibel. Ich finde nichts ungeschickter, als, wie man zu sagen pflegt, sogleich mit der Thüre in das Haus zu fallen: es gibt dieß einen ungünstigen Begriff von den Leuten, und man hört gar nicht oder mit Unwillen auf ihre Worte. Ich für meinen Theil floh diese Bekehrer wie das böse Fieber, denn nichts ist mir unerträglicher, als ein von seinem Glauben aufgeblasener Fanatiker.
+6. August.+ Früh Morgens fuhren wir in einen kleinen See, aus dessen Mitte ein Inselchen steigt. Die Gegend war so still und romantisch, das Inselchen von der Welt so abgeschieden, daß nichts als eine Klause sammt dem Eremiten fehlte, das Bild vollkommen zu machen. Dieser kleine See ist das Vorspiel eines größern, des +Pipin-Sees+ (zwanzig Meilen lang vier Meilen breit); beide werden von dem Mississippi gebildet. Die Ansicht des letzteren entschädigte mich zum großen Theile für die lange, einförmige Strom-Reise. Südwestlich ist sein Becken von einer hohen Hügelkette eingefaßt, die oft in steilen Felswänden von drei- bis vierhundert Fuß Höhe abfällt. An eine derselben, „+Maiden’s-Rock+“ (Mädchen-Fels) genannt, knüpft sich eine traurige Sage. Ein Indianisches Mädchen war bestimmt, mit einem ihrer Landsleute verheirathet zu werden. Da kam zufällig ein Weißer, der sich in der Gegend verirrt hatte, in den Wig-wam (Dorf) des Mädchens. Er hielt sich da einige Zeit auf, lernte das Mädchen kennen und lieben und fand Gegenliebe. Als die Eltern so wie der Bräutigam dieß bemerkten, verfolgten sie das Mädchen mit Vorstellungen und Drohungen, und suchten die Hochzeit zu beeilen, um der Geschichte ein Ende zu machen. Eines Tages, als das arme Geschöpf von dem Bräutigam besonders stark gepeinigt wurde und sich nicht zu retten wußte, floh es auf den Fels und stürzte sich in den See, der den Körper nur als Leiche wiedergab.
Die anderen Seiten des Sees sind theils von Hügeln, theils von sanft aufsteigenden, gut kultivirten Flächen umgeben, deren Hintergrund eine niedere Bergkette bildet. Städtchen, einzelne Farms liegen an den Ufern. Ich konnte des Anblicks der reizenden Landschaft, des schönen Wasserspiegels nicht müde werden, und zu schnell fuhren wir in den dritten See ein, den +St. Croix+, welcher von dem Flusse gleichen Namens gebildet wird und noch länger, aber bedeutend schmäler als der Pipin-See ist. Gleich einem langen, weißen Tuche schlingt er sich zwischen Hügeln, Flächen und Wäldern durch, und gestattet kaum einigen kleinen Inseln Raum in seinem Bette. Auch +seine+ Ufer sind schön und abwechselnd.
Am +7. August+ Morgens trafen wir in +St. Paul+ ein.
[4] Später, als ich auf dem Ohio fuhr, rief eines Morgens eine junge Dame einen Herrn in den Damensalon, mit welchem sie keineswegs in naher Verwandtschaft stand, denn sie nannte ihn „Mister“ (Herr) und er sie „Miß“ (Fräulein), und ließ sich von ihm ohne Umstände das Kleid zuschnüren, obwohl eine Dienerin und viele Frauen da waren, die ihr denselben Dienst hätten leisten können.
[5] Die Amerikaner pflegen Gegenden, Berge, Städte, Ortschaften mit den Namen der berühmtesten Gegenden, Gebirge, Städte oder selbst Personen der ganzen Welt aus alter und neuer Zeit zu benennen.
[6] Bekanntlich ist in den Vereinigten Staaten im Sommer die Hitze, im Winter die Kälte viel heftiger als in andern Ländern, die unter denselben Breitegraden liegen.
[7] Viele Straßen sind in den Amerikanischen Städten durch Nummern bezeichnet.
[8] Eine Tonne gleich zwanzig Centner.
[9] Man verzeihe mir, wenn ich dergleichen erwähne; es geschieht aber nur in der Absicht, allen den guten Menschen, deren ich auf meinen Reisen unter allen Nationen so viele traf, meine dankbare Erinnerung zu bezeigen.
Zwanzigstes Kapitel
St. Paul. -- Die St. Antony-Fälle. -- Die Pelzjäger. -- Die Fahrt in der Postkutsche. -- Stillwater. -- St. Croix. -- Rückkehr nach Galena. -- Amerikanische Geduld. -- Chicago. -- Der Michigan-See. -- Milvaukee. -- Die unterirdische Eisenbahn. -- Die Mormonen. -- Der Lake Superior. -- Die Indianer. -- Der Huron- und Erie-See. -- Cleveland. -- Niagara-Falls-Village.
+St. Paul+ ist das Hauptstädtchen des +Minnesota-Distriktes+. Es besteht aus zwei Theilen, von welchen der eine, der untere, an dem Ufer, der andere (obere) auf Hügelland liegt. Dieses Städtchen, erst vor fünf Jahren entstanden, nimmt, wie fast alle Anlagen in diesem Distrikte, mit überraschender Schnelligkeit zu: es zählt bereits über 5000 Einwohner, und zwischen den hölzernen Häuschen stehen schon gar manche stattliche Backsteingebäude. Bis auf zwei Meilen im Umkreise gibt es hübsche Landhäuser, die in jung gepflanzten Gärten, in neu aufgebrochenem Lande liegen.
Der Distrikt Minnesota ist den Vereinigten Staaten noch nicht als Staat eingereiht. Eine Masse Landes muß, um als Staat anerkannt zu werden, von einer gewissen Anzahl Weißer bewohnt sein (sechzig- bis hunderttausend). So lange dieß nicht der Fall ist, bleibt sie „Distrikt.“ In den Distrikten kann sich jedermann ansiedeln, Land aufbrechen so viel und wo es ihm gefällt, man bedarf keiner Bewilligung hierzu, hat nicht das geringste dafür zu bezahlen und ist ganz steuerfrei; wird aber der Distrikt als Staat erklärt, so muß man für das in Besitz genommene Land 1¼ Dollar per Acre bezahlen oder es abgeben. Bevor der Distrikt zum Staate wird, entscheiden die Einwohner durch Stimmenmehrheit für oder gegen die Einführung der Sklaverei. Von Minnesota weiß man schon jetzt, daß die Sklaverei nicht eingeführt wird, was nicht so sehr aus Menschenliebe geschieht, als in Folge der klimatischen Verhältnisse. Das Klima ist gesund und für die Europäischen Einwanderer vollkommen geeignet; sie können hier so gut alle Feldarbeit bestellen, wie in ihrer Heimath, und wo dieß der Fall ist, kommt die Arbeit billiger zu stehen, als mit Sklaven.
Der Distrikt Minnesota hat 166,000 Quadratmeilen oder 106 Millionen Acres Land; er wurde, obwohl den Weißen schon seit mehr als hundert Jahren bekannt, doch eigentlich erst im Jahre 1849 von der Regierung mit einiger Aufmerksamkeit untersucht und für sehr fruchtbar erklärt. Sie kaufte den Eingebornen das Land ab, kleine Strecken ausgenommen, und schickte sie größtenteils nach dem Indianer-Territorium. Die Regierung bezahlt den Indianischen Häuptlingen gewöhnlich per Acre fünf bis sechs Cents, ungefähr eben so hoch belaufen sich die Kosten der Bemessung, Unterhandlung, Versendung der Eingeboren, Geschenke u. s. w., so daß ihr der Acre Landes auf zehn bis zwölf Cents zu stehen kommt. Sie verkauft ihn dann, wie gesagt, zu 1¼ Dollar.
Seit einigen Jahren bevölkert sich Minnesota mit reißender Schnelligkeit und dürfte in kurzer Zeit zum Staate wenden. Im Jahre 1852 zählte man kaum zwanzigtausend Weiße; in dem darauf folgenden Jahre ergab sich schon beinahe die doppelte Zahl.
Bisher sind die einzigen Ausfuhrartikel Bretter und Bauhölzer aller Gattung, die erst nach St. Louis verflößt werden, von wo man sie weiter versendet. Man kann sagen, daß in diesem Lande Dampf- und Wasser-Sägemühlen an Stellen arbeiten, wo man beinahe noch die rauchende Hütte des Indianers, die Spuren des wilden Büffels, des flüchtigen Hirsches gewahrt. Hier ist der Menschenfleiß mit der Natur im regsten Kampfe. Ich glaube kaum, daß je ein Land so schnell angegriffen wurde, wie Minnesota. Es wird zwar noch viel an Getreide, Kartoffeln u. s. w. von den Nachbarstaaten eingeführt, weil die Ansiedler noch zu sehr mit der Lichtung der Wälder, mit den Sägemühlen beschäftigt sind; doch hofft man schon in wenig Jahren nicht nur den eigenen Bedarf zu decken, sondern sogar auszuführen, da der Boden sich als außerordentlich fruchtbar zeigt.
Schönes, glückliches Land, das jedem Auswanderer mit gutem Gewissen zu empfehlen ist, besonders solchen, die kräftige Hände, Arbeitsliebe und Ordnungssinn mitbringen! Hier kann der Ansiedler auf baldigen Lohn hoffen, das Klima ist nicht tödtend, die Arbeit nicht so beschwerlich und langjährig, wie in manchen andern Ländern, wo oft erst die Kinder den Fleiß der Eltern ernten.
Ich kam nach St. Paul mit einem Empfehlungsbriefe an Herrn +Holingshead+, der sich sein Haus eine kleine Strecke von der Stadt auf einem Hügelchen gebaut hat, von welchem er das reizendste Rundgemälde überblickt. Das ganze Land ist wellenförmig und noch von großen Prairien und mächtigen Wäldern bedeckt. Die wellenförmige Bildung gestattet ausnehmend weite Fernsichten. Ein Hügel, welchen mir Herr Holingshead zeigte, soll hundert Meilen im Umkreise sichtbar sein und den verirrten Wanderern als Leitstern dienen.
Herr Holingshead war so freundlich, mich sogleich zu einer Fahrt nach den berühmten Wasserfällen des Mississippi (den +St. Antony-Fällen+, 9 Meilen) einzuladen. Die lieblichsten Wege führen dahin über Ebenen und Hügel, zwischen Prairien, Bosketten und neu aufgebrochenen Feldern, in deren Mitte der kürzlich angekommene Farmer vorläufig seine Bretterhütte aufgeschlagen hat. Jeder Schritt, der mich den Fällen näherbrachte, steigerte meine Neugierde, denn ich hatte sie von den Amerikanern als höchst merkwürdig schildern hören. Ich konnte zwar keine mächtige Wassermasse erwarten, da der Fluß so seicht war, daß wir kurz vor seinen Fällen durchfahren konnten; doch war seine Breite noch ziemlich bedeutend; was an Wasserfülle mangeln mochte, hoffte ich an Höhe ersetzt zu sehen. Bald stand ich vor den Fällen, über alle Maßen erstaunt -- aber nicht über deren Großartigkeit, sondern über deren Unbedeutendheit. Ueberdieß gab es nicht mehrere, sondern nur einen Fall. Die Höhe des Sturzes mochte kaum zwanzig Fuß betragen, die Breite war zwar bedeutend, aber eben dadurch verlor sich die Höhe noch mehr. Zudem war der Fall durch eine Brettermühle und durch eine Menge angeschwemmter Baumstämme sehr verunstaltet. Das schönste ist die Felswand, über die er sich stürzt: sie schien wie mit einem Meisel senkrecht abgeschnitten. Die nahe Umgebung bot nichts Romantisches: sie bestand aus Waldungen, die alle Aussicht versperrten.
Und so sah ich abermals eine Naturscene, aus welcher die Amerikaner ein Wunder machen, und abermals muß ich gestehen, daß nur Leute, die nichts weiter gesehen haben, so urtheilen können. Aus Gefälligkeit in das allgemeine Horn zu blasen, wie viele Reisende es thun, ist meine Sache nicht; ich schreibe wie ich sehe und fühle, bin jedoch weit entfernt zu glauben, daß meine Ansichten und Gefühle immer die richtigen sind.
Von dem Falle des Mississippi fuhren wir mit einem kleinen Umwege an dem Falle des +Minne-ha-ha+ (lachendes Wasser) vorüber, nach St. Paul zurück. Dieses Wässerchen hat kaum drei Fuß in der Breite, stürzt sich jedoch senkrecht über eine Wand von sechzig Fuß, in ein Becken, das von dicht bewachsenem Hügeln, oder eigentlich Felswänden, enge umschlossen ist. Das Ganze gleicht einem eingestürzten Krater, allein keine ausgeworfene Lava ist sichtbar. Man kann zwischen dem Falle und der Felswand durchgehen. Mir gefiel beinahe dieser Miniatur-Wasserfall besser, als jener gerühmte des Mississippi; von ersterem erwartete ich nichts, von letzterem sehr viel. Besonders reizend waren die Ansichten von den kleinen Höhen: der Blick schweifte ungefesselt weit hin über das wellenförmige Prairien-Land, auf der einen Seite den Fluß Minnesota, auf der andern den Mississippi verfolgend, der nach dem Sturze seinen Lauf in einem engen Felsbette fortsetzt.
Auch an dem Fort +Snelling+ kamen wir vorüber, das auf erhöhtem Felsgrunde steht, aus Stein gebaut und mit seinen vier Eckthürmen für Indianer gewiß uneinnehmbar ist. Bei diesem Fort ergießt sich der Minnesota in den Mississippi.
Wir fanden hier einige der sogenannten „Pelzjäger“ gelagert. Diese Leute führen ein ganz eigenthümliches Leben. Sie halten sich beständig unter den Indianern auf, wählen ihre Weiber aus ihnen und beschäftigen sich nur mit Jagd und Tauschhandel. Sie halten sich Wochen und Monate lang in den dichtesten Wäldern auf, wandern hoch nach dem Norden hinauf und suchen mit allen Stämmen in Verbindung zu kommen. Sie nehmen von den Eingeborenen Pelzwerk gegen Glasperlen, Messing, gefärbte Stoffe u. s. w. Wenn sie der Waaren genug gesammelt haben, beladen sie damit kleine, zweirädrige Karren, mit einem Pferde bespannt, und ziehen nach den großen Städten, um zu verkaufen. Zurück bringen sie Kaffee, Zucker, Thee u. dgl. für ihren Bedarf, und andere Waaren für die Indianer. Während der Reise lagern sie stets in kleinen Zelten unter Gottes freiem Himmel. Sie gewinnen ihre Lebensweise meistens so lieb, daß sie dieselbe gegen die bequemste und angenehmste nicht vertauschen würden. Obwohl sie oft viel Geld für ihre Pelze lösen, kehren sie doch häufig arm zurück, da sie wie die Minenarbeiter in Californien sind, und in kurzer Zeit den schwer verdienten Gewinn durchbringen. Glücklich noch jener, der davon so viel erübrigt, einige Waaren für den Tauschhandel mit nach Hause zu bringen. Die meisten dieser Pelzjäger sind Franzosen.
Mit trefflichem Appetit kamen wir von diesem Ausflug zurück nach Herrn +Holingshead’s+ Haus, wo ein ausgezeichnetes Mittagsmahl unsrer harrte. Nach Tische führte mich noch Frau Holingshead nach einer kleinen Grotte, zwei Meilen von St. Paul, die eine halbe Meile weit in einen Sandhügel dringt. Ein Bächlein, das seinen Lauf durch die Grotte nimmt und kein eigentliches Bett hat, verbreitet überall Nässe und Feuchtigkeit, so daß der Gang in das Innere sehr unangenehm und dabei nicht lohnend ist, denn nirgends wird die Gestaltung eines Tropfsteins sichtbar. Das hübscheste ist eine unregelmäßige Halle am Eintritte, welche die Städter manchmal an heißen Tagen zu geselligen Vergnügungen benützen.
Am +9. August+ verließ ich St. Paul, um nach dem Lake +Superior+ zu gehen. Diese Reise wird theils auf dem Flusse +St. Croix+ und theils zu Lande gemacht. Ich hatte mich zu St. Paul mit einem Herrn, der gleichfalls dahin wollte, besprochen, den Ausflug gemeinschaftlich zu unternehmen, und sollte zu Stillwater (16 Meilen von St. Paul) zwei Tage auf ihn warten.
Nach Stillwater fuhr ich mit dem Postwagen. Ich fand da einen jungen Mann, der kein Wort sprach, und eine junge Frau, die keinen Augenblick schwieg. Schon in der ersten Viertelstunde hatte sie uns alle ihre Verhältnisse erzählt. Nachdem wir kaum zwei Meilen gefahren waren, vermehrte sich unsere Gesellschaft um eine dritte Person, eine junge Frau, dem Putze nach zur reichen Klasse gehörend, denn sie war in Seide gekleidet und mit Schmuck reichlich versehen. Allein ihr Benehmen verrieth sie nur zu schnell. Die eine Seite ihres Gesichtes wies noch große blaue Flecken, die sie vermuthlich in irgend einer Schenke erbeutet hatte. Sie kaute Tabak trotz dem derbsten Amerikaner, zog ein Fläschchen mit Branntwein aus der Tasche, labte sich ohne Umstände damit und lud uns freundschaftlich zum Mitgenuß ein. Sie richtete an uns alle das Wort. Von dem stummen Herrn und mir erhielt sie zwar keine Antwort; aber mit dem geschwätzigen jungen Weibe gerieth sie alsbald in tiefes Gespräch. Doch diese Gesellschaft genügte der Dirne nicht, sie rief dem Kutscher zu, anzuhalten, stieg aus und gesellte sich zu einigen Männern, die oben auf dem Wagen saßen. Mittags wurde an einem Gasthofe angehalten, wir setzten uns an die Tafel und mußten diese Person in unserer Mitte dulden -- sie war ja +eine Weiße+! -- Nach Tische kam ein hübscher, junger Mann in unsere Kutsche, und als die edle Dame dieß sah, stieg auch sie wieder ein. Die beiden Leutchen wurden bald so vertraut mit einander, daß man bedauern mußte, Ohren und Augen zu haben. Ich erzähle dieses schöne Intermezzo nur, um zum Nachdenken darüber aufzufordern, ob man die Menschen nach ihrer Hautfarbe, oder nach ihrem Benehmen beurtheilen solle.