Chapter 7 of 10 · 3990 words · ~20 min read

Part 7

Doch auf der Spitze des Kaps angekommen, vergaß ich schnell der erfahrenen Unhöflichkeiten, -- lange schon hatte sich mir kein so überraschendes Bild dargeboten, wie ich es hier überblickte. Die ehrwürdige Stadt lag zu meinen Füßen, sich terrassenförmig um das Kap lagernd. Eines der schönsten, lachendsten Thäler verfolgte ich bis an die Ausläufer der grünen Gebirge (25 Meilen), deren Kuppen und langgezogene Rücken einen Theil desselben umfaßten, und der Lorenzostrom, der an der Stadt eine mächtige Bucht bildet, schlängelte sich andererseits durch mit Wald und Triften bedeckte Hügelketten fort.

Von dem Kap herabgestiegen, besuchte ich des Gouverneurs niedlichen Garten, der dem Volke geöffnet und mit vielen Bänken versehen ist -- ein wahrhaft schöner Ruhepunkt, denn auch hier hat man das herrliche Amphitheater vor sich.

Unter den Gebäuden fielen mir besonders die katholische Kirche und das Parlamentshaus auf, welch’ letzteres einen sehr schönen Sitzungssaal hat.

Schon um 5 Uhr Abends mußte ich wieder auf den Dampfer zurückkehren. Obwohl ich den ganzen Tag umher gelaufen und davon sehr ermüdet war, hielten mich dennoch die reizenden Scenerieen des Lorenzostromes bis tief in die Nacht auf dem Deck gefesselt. Ich glaube bestimmt, daß die Ufer dieses Stromes an Naturschönheiten so reich und wechselnd sind, wie jene des Rheins; doch fehlt hier der Zauber der Romantik, das Ohr des Reisenden kann keiner Sage lauschen, kein Schloß, keine Ruine zeigt sich seinem Auge. Merkwürdig und eigentümlich ist dafür das Farbenspiel, welches im Herbst die Baumblätter haben. Da gibt es rothe und braune, gelbe und grüne Blätter von allen Abstufungen und Uebergängen; dazwischen schimmern weiße durch, die oft wie Silber glänzen. Ich sah von diesen Blättern ganz allein gemachte Kränze, die sich herrlich ausnahmen.

Am +20. September+ Morgens traf ich wieder in Montreal ein, und schon Nachmittags setzte ich meine Reise nach Neu-York fort.

Beinahe alle Fahrten auf den Dampfern Nordamerika’s, von Neu-Orleans bis St. Louis, von Milvaukee über alle Seen und bis Montreal, von Montreal nach Quebek und zurück hatte ich bisher unentgeldlich gehabt. In den Vereinigten Staaten genügte die Nennung meines Namens; jeder Kapitän nahm mich zuvorkommend auf, ohne erst eine Bittschrift an einen Agenten oder Direktor einzureichen. In Montreal war es Dr. +Visher+, dessen Verwendung ich die freie Fahrt nach Quebek und zurück verdankte (es war, wie ich glaube, ebenfalls ein Amerikanischer Dampfer). Er versuchte auch, mir eine Freikarte auf dem Englischen Dampfer „+Canada+“ zu verschaffen, der den kleinen +Champlain-See+ befährt; allein hier half keine Empfehlung, es hieß: „Bezahlen.“

Ich setzte bei Montreal in einem kleinen Dampfer über den Lorenzostrom, fuhr dann auf der Eisenbahn nach +Rouses point+ (60 Meilen), von da auf dem schönen Dampfer „Canada“ über den Champlain-See und eine kleine Strecke den +Hudson-Strom+ abwärts bis +Whitehall+, und von Whitehall wieder auf der Eisenbahn nach Neu-York, im ganzen eine Reise von ungefähr dreihundert Meilen, die man in 24 Stunden zurücklegt.

Die Fahrt auf dem Hudson hat viel ähnliches mit jener auf dem Lorenzo. Die Eisenbahn von Whitehall nach Neu-York läuft beständig längs des Flusses. Leider fährt sie so rasch, daß man kaum flüchtige Blicke auf die schnell wechselnden Landschaften werfen kann.

Man macht auf den Amerikanischen Eisenbahnen mit dem Postzuge sechzig, mit den gewöhnlichen Zügen fünfundzwanzig bis dreißig Meilen per Stunde. Die Wagen sind sehr bequem eingerichtet, die Preise ungemein billig. Die Geleise laufen, wie auf der Bahn von Callao nach Lima, durch Städte und Ortschaften, ohne durch ein Geländer von Geh- und Fahrwegen abgesondert zu sein. Daß dieß zu manchen Unglücksfällen Veranlassung gibt, ist nicht zu wundern. Aber Gefahr, Achtung für das Menschenleben kennt der Amerikaner nicht[17].

Die Einfahrt in die Weltstadt Amerikas (Neu-York) ist, wenigstens von dieser Seite, so unter aller Beschreibung, daß ich mich schon lange in dem Stadtgebiete befand und noch immer des Eintritts gewärtig war. Man fährt beständig über Plätze, wo nichts als Bauholz aufgeschichtet liegt, an hölzernen Hütten vorüber, zwischen welchen hie und da ein Steinhaus wie verloren steht, durch schmutzige, von Unrath strotzende Straßen.

Auf dem Bahnhofe wird die Dampfmaschine mit Pferden gewechselt; Schienen laufen durch einen großen Theil der Stadt, auf welchen die Reisenden nicht nur von einem Bahnhofe zu dem andern gebracht werden, sondern auch, wie ich später sah, Waggons die Stelle der Omnibus vertreten und nach verschiedenen Richtungen verkehren. Diese höchst zweckmäßige Einrichtung ist durchaus gefahrlos, da die Waggons langsam gehen, jeden Augenblick angehalten werden können, und die Geleise in den breiten Straßen kein Hinderniß sind, um so mehr, als die anderen Wagen kreuz und quer über sie hinfahren, als wären die Geleise gar nicht vorhanden.

Der Eintritt in eine große Stadt, wo man weder Oertlichkeit noch Menschen kennt, ist besonders für eine Frau überaus lästig. Ich war so glücklich, gleich für den ersten Augenblick eine freundliche Aufnahme bei Herrn +Wutschel+ zu finden, und des folgenden Tages schon von Herrn Dr. +Krakowitzer+ auf die zuvorkommendste Weise in das Haus eingeladen zu werden. Da dieses jedoch in +Williamsburg+ lag, von der eigentlichen Stadt Neu-York zu weit entfernt, und ich in der Folge auch von Herrn +Aigner+, so wie von dem österreichischen Consul Herrn +Loosey+, die beide in der Mitte der Stadt wohnten, Einladungen erhielt, so verweilte ich abwechselnd bei diesen liebenswürdigen Familien, die mir den Aufenthalt so angenehm machten, als hätte ich unter lang bewährten Freunden gelebt.

Die Stadt Neu-York, mit einer Bevölkerung von beinahe 600,000 Seelen liegt, wie bekannt, auf einer Insel, die im Westen und Osten von dem Hudson, im Norden von dem Harlem-Flusse und im Süden von der Bay bespült wird.

Ich kann von dieser Stadt nicht viel mehr sagen, als daß sie schön gelegen und größer und bevölkerter ist, als alle Städte, die ich bisher in den Vereinigten Staaten gesehen, und daß mir das Geschäftsleben in den Hauptstraßen, besonders in +Broad-way+ und +Wall-Street+ noch bedeutender vorkam, als in der City in London. Das Gedränge von Menschen, Omnibus, Waggons, Lastwagen, macht jeden Gang durch diese Straßen beschwerlich, und sonderbarer Weise lieben es die Frauen sehr, sich gerade auf dem Broad-way, in Mitte der Geschäftsstunden im vollsten Putze zu zeigen, wodurch das Gedränge noch vermehrt wird, da sie langsam gehen und vor den Laden stehen bleiben, die Auslagen zu betrachten.

Die Straßen sind sehr breit und häufig mit großen Bäumen besetzt, was ihnen viel Reiz verleiht; die Gehwege sind von den Fahrwegen wie in London durch einige Zoll hohe Trottoirs geschieden. Ueberall, die Hauptstraßen nicht ausgenommen, herrscht sehr viel Schmutz, und dieß muß auf die Gesundheit, besonders im heißen Sommer, höchst schädlich einwirken. So ist es z. B. hier üblich, den Kehricht jeden Morgen in Kisten oder Kübeln vor das Haus zu setzen. Die Wagen, die das wegfahren sollen, kommen oft erst gegen Mittag und noch später, daher stößt man bei jedem Schritte darauf. Darneben gibt es viele kleine Pfützen, die sich in den schmalen Rinnen zwischen den Fahr- und Gehwegen sammeln und eben keine aromatischen Gerüche verbreiten.

Gebäude sieht man viele und sehr bedeutende; doch besteht ihre Schönheit hauptsächlich in der Größe, höchstens, daß einige einen Portikus, von Säulen getragen, besitzen. Die ausgezeichnesten sind auch hier wieder die Börse, die Banken und die ersten Gasthöfe, als +Metropolis+, +St. Nicolas+, +Irvinghouse+ u. s. w. Von den Kirchen sieht die +Trinidad-Kirche+ mit ihrem hohen Thurme viel versprechend aus; das Schiff ist jedoch weder lang noch hoch. Unter den Häusern gibt es einige von Eisen, auch ein Paar von Marmor, dazwischen aber gar manche hölzerne Hütte.

Die meisten Familien wohnen hier wie in England, in schmalen hohen Häusern, die sie für sich allein haben; doch fangen sie mitunter schon an einzusehen, daß es etwas unbequem sei, beständig Treppen auf- und nieder zu steigen, denn gespeist wird für gewöhnlich eine Treppe tief unter dem Erdgeschoß, neben der Küche, die Empfangszimmer liegen zu ebener Erde, die Schlafzimmer in den obern Stockwerken. Die neuen Häuser sind allerdings mit allen Einrichtungen versehen, das Wasser, kalt wie warm, wird bis in die obern Stockwerke geleitet, die Speisen werden mittelst eines Aufzuges in das erste Stockwerk gebracht, und von jedem Stockwerke kann man, vermöge kleiner Oeffnungen, welche die Wände durchziehen, bis unter das Erdgeschoß mit den Dienstleuten auf die leichteste Art verkehren: man spricht, den Mund an die Oeffnung haltend, ganz leise hinein, und erhält eben so die Antwort. Das ganze Haus ist mit Gas erleuchtet.

Von Museen, Bildergallerien u. dgl. ist in Neu-York nicht viel zu sehen. Das Privat-Museum des Herrn +Barnum+, als Museum nicht viel zu beachten, ist jedoch eines Besuches werth; man findet da bald einen Zwerg, bald irgend ein seltenes Thier, bald eine Komödie nebst einer Zusammenstellung von ausgestopften Vögeln, Thieren, Kleidungsstücken der Chinesen, ja sogar eine gut erhaltene Mumie, kurz von allem etwas. In diesem Museum sind überall Tafeln angeschlagen, welche die Besucher vor den Taschendieben warnen. Auch in manchen großen Verkaufslokalen gibt es derlei Plakate. Für mich war dieß ganz neu, ich hatte bisher an solchen Orten noch keine ähnliche Warnung gelesen.

Verkaufslokale besitzt Neu-York in großer Menge und zwar der prachtvollsten Art. Das großartigste ist jenes des Herrn +Steward+. Da können sich Frauen und Herren Stoffe und Luxusartikel jeder Art verschaffen; außer Schmuck und Schuhzeug ist alles zu haben. Ein großer Theil der Waaren ist in großen schönen Sälen auf das zierlichste aufgestellt -- es kam mir hier beinahe wie in einer kleinen Industrie-Ausstellung vor. Mehr als 250 Leute finden bei diesem Geschäfte Anstellung.

Nicht minder großartig ist Herrn +Taylors+ Zuckerbäckerei- und Erfrischungs-Lokal. Hier kann man nicht nur alle möglichen Bäckereien, Eis und Getränke haben, sondern auch Mittags- und Abend-Mahlzeiten. Bei Nacht bei der glänzenden Gasbeleuchtung sieht es wahrhaft feenartig aus.

Die Druckerei der „Tribune“ (das am meisten gelesene Zeitungsblatt in den Vereinigten Staaten, 35,000 Exemplare, und von dem Wochenblatte 120,000), nimmt ein ganzes Haus von vier Stockwerken ein und beschäftiget 293 Personen. Das Interessanteste ist hier die von Herrn +Hoe+ erfundene Cylinder-Presse, welche vier Seiten zu gleicher Zeit in weniger als vier Sekunden druckt. Herr Hoe hat auch für Paris eine solche Maschine verfertiget. In England soll jedoch, wie man mir sagte, in der Druckerei der „Times“ schon seit längerer Zeit eine ähnliche Cylinder-Presse im Gebrauche sein, man kann daher diese Erfindung eigentlich nicht ganz Herrn Hoe zuschreiben, wahrscheinlich hat er sie nur bedeutend verbessert.

Ueberhaupt ist es hier zu Lande ebenso gut wie in Europa der Fall, daß, wenn an irgend einer Maschine oder Erfindung eine Verbesserung angebracht wird, man das Ganze gleich als eine ganz neue Erfindung rühmen hört.

Bei dem Besuche der Druckerei hatte ich das Vergnügen, einen der Theilhaber an der „Tribune,“ Herrn Bayard +Taylor+ kennen zu lernen. Dieser noch junge Mann hat sich nicht nur als Poet ausgezeichnet, sondern mit gleichem Talente auch den Orient, Indien, Abyssinien beschrieben, welche Länder er kürzlich bereiste. Selten liefert ein Poet getreue Reisebilder, gewöhnlich reißt ihn seine Phantasie hin, -- nicht so bei Herrn Taylor; er wußte das Gesehene wahr, ohne Uebertreibung darzustellen, und doch den Zauber der Poesie darüber zu hauchen.

Auch die +Novelty-Iron-Works+ der Herrn +Stillman+, +Allen+ und Komp. besuchte ich. Sie sind die größten Amerika’s: nicht nur alle denkbaren Dampfmaschinen werden in ihnen verfertiget, sondern die größten Dampfschiffe gebaut und vollkommen ausgerüstet und eingerichtet. Tausend Menschen finden daselbst Beschäftigung, von welchen die geringen Arbeiter 1 Dollar per Tag, die Meister bis zu 4 Dollars verdienen; 400,000 Tonnen Roheisen werden jedes Jahr verarbeitet. Als Herr Stillman die Güte hatte, mich in dieser Riesen-Anstalt umher zu führen, lag gerade ein halbfertiger Dampfer auf der Werfte; seine Größe betrug 3400 Tonnen, er enthielt 1000 Schlafstellen und wird den Namen „+Metropolis+“ führen.

Was die großen Gasthöfe Neu-Yorks betrifft, so kann ich nur wiederholen, was ich von jenen in Neu-Orleans erwähnte: sie sind die prachtvollsten, die ich je gesehen habe. Aber auch hier geht, wie auf den Amerikanischen Dampfschiffen, vor lauter Pracht und Herrlichkeit gar mancher Comfort verloren. So findet man z. B. nirgends ein Fleckchen, um ruhig und bequem schreiben zu können. In den Empfangssälen berauben die großen, schweren, damastenen Vorhänge, welche mehr als das halbe Fenster beschatten, das Gemach des Lichtes, die Tische sind mit Marmorplatten überlegt, auf welchen in der kalten Jahreszeit der darauf ruhende Arm beinahe selbst zu Marmor wird. In den Schlafzimmern findet man alles, nur keinen Schreibtisch, und jeden andern Tisch ebenfalls mit Marmorplatten belegt. Ich sah zu verschiedenen Malen die Leute ihr Schreibbuch auf den Knieen haltend, so auf die mühevollste Weise schreiben. Heißt das doch dem Luxus Opfer bringen! -- Wie gemüthlich saß ich dagegen in dem kleinen Hotel der Frau Teuscher an den Schnellen des Niagara. Mein Zimmerchen war auch mit Teppichen ausgelegt, es enthielt ebenfalls reine, zierliche Möbel, einen schönen Spiegel; aber ich hatte dabei nicht nöthig auf den Knieen zu schreiben -- ein bequemer Tisch, freilich ohne Marmorplatten, diente mir hiezu.

Das größte Gasthaus ist das +Neu-York-Hotel+, welches an 1000 Zimmer enthalten soll. Auch das +St. Nikolas-Hotel+, das +Irvinghouse+ haben bei 400 Gastzimmer und 300 Leute Dienerschaft. Das ganze Haus wird mittelst Dampf geheizt, überall genießt man einer angenehmen, gleichmäßigen Wärme. Die Kamine sind überflüssig und werden nur beibehalten, weil der Amerikaner gleich dem Engländer gerne ein lustiges Kaminfeuer sieht.

Neu-York besitzt mehrere schöne Theater, in welchen Englische, Französische und Deutsche Stücke, auch Italienische Opern aufgeführt werden. Am beliebtesten aber scheinen die sogenannten „schwarzen Minstrels“ zu sein. Die Schauspieler sind Weiße, aber schwarz gefärbt, und stellen Neger dar, die bemüht sind, sich in die Sitten und Gebräuche der Weißen hinein zu finden. In der Vorstellung, welcher ich beiwohnte, erschienen zehn Schauspieler in zierlich schwarzem Anzuge mit weißen Westen und Halsbinden; sie saßen im Halbkreise und sangen mit Begleitung eines Tamburins und einer Guitarre komische Lieder. Nach jedem Liede hielten zwei von ihnen witzig sein sollende Gespräche. Diese Unterhaltung währte eine ganze Stunde fort. Eine Art Komödie folgte darauf, bei welcher ich weder Sinn noch Zusammenhang heraus fand; dabei wurde auch ein wenig getanzt. Das Publikum (und sehr gewähltes, das verriethen nicht nur der geschmackvolle Anzug, sondern auch die Wagen in Menge, die vor dem Schauspielhause standen) schien sich sehr gut zu unterhalten und lachte fortwährend aus vollem Halse. Daß das schöne Geschlecht in diesem Lande eine ganz besondere Lachlust besitzt, wußte ich schon aus Erfahrung von den Dampfern her; aber an den Männern war es mir eine ganz neue Erscheinung.

Das +Castle-Garden-Theater+, in welchem gewöhnlich Ballete gegeben werden, gefiel mir durch seine Lage. Es steht an der südöstlichen Spitze der Stadt auf einer einstigen Batterie, die in die Bay etwas vorgeschoben und durch eine kleine Brücke mit der Stadt verbunden ist. Eine breite Gallerie läuft von außen rund umher, auf die man in den Zwischenakten treten kann, und von welcher man bei Mondbeleuchtung eine herrliche Uebersicht der Stadt und Bay genießt.

Wie ich bereits früher erwähnt habe, ist in den Vereinigten Staaten die Zahl der öffentlichen und Privat-Unterrichts-Anstalten außerordentlich groß. Neu-York selbst hat deren in Menge aufzuweisen. Ich besah mehrere, und unter anderen auch das +Free-College+ für Jünglinge. Es ist ein Gebäude in Gothischem Style, mit hohen, großen Lehrsälen und Gängen. Diesem Institute stehen die ausgezeichnetsten Professoren vor, es werden bis zu fünfhundert Zöglinge aufgenommen, aber nur zum Unterrichte, nicht in Kost und Verpflegung. Sie bringen sechs Stunden täglich in dem Kollegium zu, lernen alle Gegenstände, die zur höheren Ausbildung gehören, und erhalten sowohl den Unterricht als die nöthigen Bücher, Papier, Federn u. s. w. unentgeldlich. Bevor ein Zögling aufgenommen wird, muß er sich einer strengen Prüfung unterwerfen, besteht er sie nicht sehr gut, so nützt keine Verwendung. Um hierbei jedem Unterschleife vorzubeugen, sollen die Professoren die Namen der zu Prüfenden nicht wissen und auch der Geprüfte eben so wenig seinen Erfolg erfahren, als bis derselbe im Rathe entschieden ist. Möglich, daß auf diese Art Bevorzugungen ausgewichen wird; allein der Mensch bleibt überall Mensch, und der Mittel der Bestechung gibt es gar viele, deshalb gefällt es mir nicht, daß der Reiche mit dem Armen hier gleichsteht. Der Reiche könnte bezahlen; die fünfhundert Plätze sollten nur für Mittellose bestimmt sein.

In den Privat-Mädchen-Instituten, hier Seminarien genannt, können die Mädchen in allen Zweigen der Wissenschaften und Künste Unterricht erhalten, und lernen sogar die lateinische und griechische Sprache. Auf meine Frage, wie es komme, daß man die Mädchen mit diesen todten Sprachen quäle, hieß es: „Damit sie in der Folge die Töchtersprachen, Italienisch, Französisch u. s. w., desto leichter erlernen.“ Man sollte daraus schließen, daß alle Mädchen der letztgenannten Sprachen mächtig seien; doch weit davon entfernt -- ich hörte nirgends so wenig fremde Sprachen sprechen, als unter den Amerikanern.

Diese einseitige Erziehung, in welcher das Weibliche gänzlich vernachlässiget wird, möchte ich als Hauptursache jenes Hanges nach Emancipation betrachten, der die Amerikanischen Mädchen und Frauen so stark charakterisirt.

Ich sollte denken, daß die Frauen vorerst anfingen, sich in ihrem Hause vollkommen zu emancipiren. Die häuslichen Geschäfte müssen am Ende von jemanden verrichtet werden, und meiner Meinung nach sind dazu doch die Frauen passender als die Männer. Ich bin weit entfernt, damit sagen zu wollen, daß die Frauen die Dienste der Mägde leisten sollen; aber verstehen müssen sie dieselben, sonst sind die letzteren die eigentlichen Herren im Hause. Die Mädchen in meinem Lande studiren ebenfalls Sprachen, Musik, Geschichte u. s. w., finden aber dabei Zeit, sich auch mit den weiblichen Beschäftigungen bekannt zu machen.

Ich ging einst in Neu-York eine Frau besuchen und fand sie nicht zu Hause: die Magd sagte mir, sie sei auf das Land gegangen (da die Wohnung gewechselt werde) und werde erst wiederkommen, wenn in der neuen Wohnung alles in Ordnung gebracht sei. Und wer besorgte die Uebersiedlung? Natürlich der Gatte, der Geschäftsmann! --

Es sollte mich nicht wundern, wenn mit der Zeit der Mann es sein wird, welcher der neu eintretenden Magd zeigt, wie sie das Kind zu baden, anzukleiden, die Küche zu beschicken habe, mit einem Worte, wie ihre ganze Arbeit einzutheilen sei. Vielleicht kommt dieß jetzt schon vor!

Weil die Amerikanischen Frauen sich häufig von der Führung des Hauswesens emancipiren, die Männer nicht immer Zeit und Lust haben, die Pflichten ihrer Frauen zu übernehmen, gehen Eheleute nicht selten in Boarding-Houses, um da zu leben -- eine abscheuliche Gewohnheit, die oft die fürchterlichsten Folgen nach sich zieht. Müssiggang ist, wie bekannt, aller Laster Anfang. Eine junge hübsche Frau[18] wohnt da mit Leuten in Gemeinschaft, deren Charakter oft nicht der beste ist, das Hauswesen beschäftigt sie nicht, und hat sie Kinder, so sendet sie dieselben schon in dem Alter von vier Jahren nach der Schule.

Zu dem Lobe der Amerikanischen Frauen muß ich jedoch anführen, daß sie (ausgenommen in den Sklavenstaaten) ihre Kleinen selten einer Amme anvertrauen und die Mutterpflicht selbst verrichten. In dieser Hinsicht gebührt ihnen der Preis vor allen andern Nationen. Gott erhalte diese schöne Sitte!

Fühlen Mädchen einerseits Abscheu für die weiblichen Beschäftigungen, andrerseits einen besondern Drang nach einer Kunst oder Wissenschaft[19], die sie bis zur Vollkommenheit studiren und ausüben wollen, so mögen sie es thun, aber in diesem Falle nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern sich vollkommen emancipiren, und so lange sie Professoren, Doktoren u. s. w. sind, dem Ehestande entsagen, denn schwer, wo nicht unmöglich ist es, die Pflichten des Mannes und der Frau zu gleicher Zeit zu erfüllen.

Und möchten doch alle Emancipations-Proselytinnen bedenken, daß gerade der Beruf, von welchem sie sich emancipiren wollen, zu den schönsten und edelsten gehört. Oder kann es etwas Edleres geben, als den Beruf einer Mutter?[20] Liegt nicht in ihren Händen der kostbarste Schatz jedes Staates -- die Erziehung der Jugend? Ist es nicht die Mutter, die dem Kinde schon im zartesten Alter Liebe für Pflicht und Tugend einflößt, es auf den Weg leitet, ein würdiges Mitglied des großen Menschenvereines zu werden? Eine besonnene Hausfrau, eine vernünftige, liebende Mutter war und wird ewig das Ideal des Weibes bleiben.

Doch wieder zurück zu den Seminarien.

Das Schulgeld für ein Mädchen in den ersten Anstalten ist per Jahr (zehn Monate) 500 Dollars; dafür erhält es Kost, Wohnung und den Unterricht in den gewöhnlichen Lehrgegenständen. Musik- und Tanzunterricht, Nebenrechnungen belaufen sich auf 200-300 Dollars, und bei dieser hohen Bezahlung herrscht die schöne Gewohnheit, daß zwei sich ganz fremde Zöglinge eine Schlafstelle theilen müssen. Ich fand leider diesen Uebelstand schon in London; doch erstreckt er sich dort gemeiniglich nur auf ein Schwesterpaar; in den Vereinigten Staaten aber geht diese Manie so weit, daß Knaben und Männer sogar die Schlafstellen theilen. Ich sah in manchen Familien, die zu den wohlhabenden gehörten, eine Magd und zwei Kinder, oder auch drei Kinder zusammen schlafen. Ich konnte mich oft nicht enthalten, diese abscheuliche Gewohnheit zu rügen. Man gab mir zur Antwort, es geschehe aus Zeitersparniß. Immer hört man dieses Wort in jedermanns Munde, und doch fand ich, daß Frauen und Dienstleute hier ungleich weniger arbeiten, als bei uns in Deutschland. Und muß man, um ein wenig Zeit zu ersparen, die Sittlichkeit, die Gesundheit zum Opfer bringen?! --

Die Gerichtsverhandlungen besuchte ich einige Male. Es ging da ungefähr so zu, wie in meiner Vaterstadt (Wien) nach der Revolution im Jahre 1848: es gab Richter und Geschworne, Advokaten von beiden Theilen, Zeugen und ein sehr aufmerksames Publikum. Ich wohnte einem wichtigen Prozesse bei, in welchem es sich um die Verurteilung eines Mörders handelte. Der Sachverhalt war folgender:

Der Verbrecher Dr. Gr., ein Ausschweifungen jeder Art ergebener Mann, wohnte in dem +St. Nicolas+-Gasthofe; mit ihm zu gleicher Zeit Obrist +Loring+ sammt Frau. Dr. Gr. kam beinahe jede Nacht betrunken nach Hause. In einer Nacht, gegen drei Uhr Morgens ging er in die Gallerie und schellte mit Heftigkeit einem Diener, und zwar durch anhaltend lange Zeit. Obrist Loring trat endlich aus seinem Zimmer, den Doktor ersuchend, mit dem Schellen aufzuhören, da es vergebens sei, denn die Diener wohnten nicht in diesem Theile des Hauses, überdieß habe seine Frau starke Kopfschmerzen und könne den Lärm nicht vertragen. Doch nach kurzem ging das Schellen wieder an, und wie später Frau Loring bei dem Verhöre aussagte, ging ihr Mann abermals aus dem Zimmer mit dem Vorsatze, einen Diener zu holen und so der Ruhestörung ein Ende zu machen. Dr. Gr. aber behauptete, der Oberst habe ihm einige Scheltworte gesagt (eine Sache, die höchst natürlich gewesen wäre, und die der rohe Wüstling vollkommen verdient hätte). Kurz Dr. Gr. lief in sein Zimmer, kam mit einem Degenstocke wieder und stieß diesen Herrn Loring durch den Leib. Der Stich ging durch das Herz, und der Oberst wurde als Leiche in sein Zimmer zurück getragen.

Ich habe schon auf meiner Reise durch die südlichen Staaten erwähnt, daß in Amerika das Laster der Trunkenheit als große Entschuldigung gilt. Auch hier hörte ich viele, die das Benehmen des Mörder gerade durch seine Lebensweise entschuldigten. Sie sagten: „Er that dieß in der Trunkenheit, wer weiß, wie ihn Loring gereizt hat“ u. s. w.

Bei dem Verhör sah der Doctor so ruhig und unbefangen umher, als wäre er schuldlos gewesen. Die Zeitungen schrieben, daß er vermutlich ganz frei gesprochen werde, da er Geld und Freunde besitze. Er wurde zwar auf sieben Jahre Gefängniß verurtheilt, appellirte aber dagegen, und sogleich ward das Urtheil auf vier Jahre herabgesetzt. Ich verließ Neu-York vor der vollkommenen Entscheidung des Prozesses; allein die allgemeine Stimme sagte, daß wohl schon nach einigen Monaten gänzliche Verzeihung erfolgen dürfte. Nur müsse der Mörder in diesem Falle Neu-York verlassen, sonst würde er von dem Volke überall beleidigt werden.

Es gibt manche, die an dem Volke rühmen, daß es seinen Unwillen derart zu erkennen gibt, die dieses Gefühl für Gerechtigkeit in ihm bewundern. Aber wenn das Volk die Gerechtigkeit erkennt und liebt, warum gestattet es, daß so unrechtmäßige Nachsicht mit den Verbrechern geübt wird, warum wählt es nicht ehrliche, unbeugsame Männer zu Richtern und Geschwornen? -- An der Macht hierzu fehlt es ihm in einem freien Lande, wie die Vereinigten Staaten es sind, doch gewiß nicht! --

[15] Ich las in Beschreibungen, daß man das Getöse 40 Meilen weit höre. Ich vernahm es kaum mehr in der Entfernung von einer Meile. -- Der Hufeisen-Fall ist 2100 Fuß breit, die Höhe 149 Fuß. Der Amerikanische ist 1140 Fuß breit, 164 Fuß hoch. Man schätzt die Wassermasse, die von beiden Fällen per Minute herabstürzt, auf 670,250 Tonnen.

[16] Die Franzosen gründeten in Canada die erste Kolonie im Jahre 1607; sie blieben im Besitz des Landes bis 1759, wo es ihnen von den Engländern abgenommen wurde.