Chapter 2 of 10 · 3848 words · ~19 min read

Part 2

Herr G..., Erzieher bei einer Pflanzerfamilie, die den Ruf der Milde hatte, schreibt im Juli 1832 ungefähr folgendes: „Eines Morgens, als das Tischgebet vor dem Frühstücke beendet war, verlangte eines der Kinder Syrup (Molasses). Die Sklavin gab ihm eine Portion auf den Teller, vielleicht ein wenig größer wie sonst, doch nicht mehr, als das Kind häufig zu essen pflegte. Der Herr ward darüber so aufgebracht, daß er aufstand, die Hände der Sklavin mit einer Hand festhaltend, sie mit der andern so lange aus allen Kräften schlug, bis er von der Anstrengung ermüdet auf den Stuhl sank und sagte, seine Hand sei zu schwach, um fortzufahren. Er zog hierauf seinen Schuh aus, und begann mit dem Absatze desselben auf die Arme loszuschlagen. Sie konnte sich endlich nicht enthalten zu schreien und suchte mit den Ellbogen den Kopf zu schützen. Der Herr rief einen Neger herbei, und ließ ihn die Hände der Sklavin hinter dem Rücken festhalten, damit er ungestört fortprügeln konnte. Die Sklavin fiel endlich vor Schmerzen zu Boden und rief Herrn G. um Hilfe an. Nichts desto weniger wurde mit dem Schlagen fortgefahren. Herr G. meinte schon, daß sie den Geist aufgeben müsse. Sie stand jedoch auf, ging hinaus, um sich vom Blute zu reinigen, und kam, bevor man vom Tische aufstand, wieder in den Saal. Kein Mensch würde sie erkannt haben, der Kopf war ganz aufgeschwollen, die Ohren handdick, die Augen mit Blut unterlaufen u. s. w.“

Für dergleichen Kleinigkeiten hat sich der Pflanzer gar nicht zu verantworten.

Eine andere Geschichte:

Herr P. erzählt von einem Herrn +Benjamin Jakob Harris+, Sklavenhalter in Richmond, daß er ein Negermädchen von 15 Jahren zu Tode gepeitscht habe. Während er sie schlug, machte seine Gattin ein Eisen glühend und brannte sie damit an verschiedenen Theilen des Körpers. Das Verdikt lautete: „Gestorben in Folge zu harter Schläge“ -- und der Mörder wurde losgesprochen.

Einige Jahre später peitschte derselbe +Harris+ einen Sklaven zu Tode. Er wurde abermals losgesprochen, da außer Sklaven niemand Zeuge dieser That war.

Ein Kapitän von der Marine der Vereinigten Staaten zürnte einst über seinen Negerjungen. Er stellte ihn auf einen Stuhl, band ihm die Hände mit einem Stricke vorne zusammen, schlang den Strick um einen Balken, zog den Jungen so hoch auf, daß er gerade mit den Zehen auf dem Stuhle stehen blieb, und peitschte ihn in dieser Stellung mit kurzen Unterbrechungen so lange, bis er ohnmächtig wurde und starb.

Auch dieser feige Henker wurde losgesprochen.

In +Goochland+ (Virginia) band ein Aufseher einen Mann an einen Baum, schlug ihn in kurzen Zwischenräumen auf das grausamste, umgab den Baum hierauf mit Strauchwerk, zündete es an und verbrannte langsam das arme Schlachtopfer. Weil der Thäter ein Farbiger, nicht ein Weißer war, wurde er zwar nicht aufgehenkt, wie er es verdient hätte, aber doch wenigstens auf einige Monate eingesperrt.

* * * * *

Mehr als tausend ähnliche Fälle enthält das Buch. Wenn man solche Unthaten sieht und erzählen hört, könnte man versucht werden zu wünschen, daß die Neger sich zusammenrotten und auch einmal an ihren grausamen Henkern das Richteramt ausüben, ihnen gleiches mit gleichem vergelten möchten! --

Dasselbe Buch sagt auch, daß die Sklavenhalter eine Zusammenkunft gehabt hätten, um zu berathen, was mehr Nutzen brächte, die Sklaven gut zu halten und dadurch das Kapital zu schonen, oder sie zu überarbeiten und nach sieben bis acht Jahren zu verlieren. Leider soll das letztere als mehr Nutzen bringend befunden worden sein. Und so sterben viele Sklaven im Uebermaße körperlicher Anstrengung frühzeitig dahin. Das Gesetz erlaubt in +Süd-Karolina+, den Sklaven im Sommer fünfzehn, im Winter vierzehn Stunden täglich zur Arbeit anzuhalten, während der Verbrecher durchschnittlich nur neun Stunden zu arbeiten hat. Die meisten Sklavenstaaten haben jedoch keine Gesetze in dieser Beziehung; der Pflanzer kann seine Sklaven ungestraft zu Tode arbeiten lassen.

Um den Unterricht der Sklaven bekümmern sich diese weisen und menschenfreundlichen Gesetze nur in so ferne, daß sie denselben verbieten. +Einen Sklaven lesen oder schreiben zu lehren, wird von dem Gesetze strenge bestraft[3].+ -- Hier ist das Gesetz kein Spion!

Man ist aus allen Kräften bemüht, die Neger auf jener Stufe zu erhalten, auf der sie waren, als man sie aus ihrem Vaterlande riß.

Auch über den Religionsunterricht ist nichts vorgeschrieben. Hie und da befaßt sich eine Pflanzersfrau damit und hält eine Sonntagsschule, d. h. sie liest den Sklaven aus der Bibel vor, lehrt sie Psalmen und heilige Lieder singen -- die Moral mögen sie selbst herausfinden (eine gewiß sehr schwierige Sache, da sie das christliche Betragen ihrer Herren stets vor Augen haben). Auch Priester gehen zeitweise auf die Pflanzungen, um zu lehren, d. h. zu predigen. Mehr darf nicht geschehen.

Höchst sonderbar finde ich es, daß die Weißen die Sklaven einerseits den Thieren gleich stellen, und andererseits ihnen das Theuerste, die Kinder, anvertrauen. Die Negerin säugt sie, pflegt ihre erste Kindheit, ja bleibt nicht selten die Vertraute des herangewachsenen Mädchens. Hiezu finden die Eltern die Schwarzen vollkommen geeignet. Muß dieser nahe Umgang mit so rohen sinnlichen Menschen nicht sehr schädlich auf Sitten, Charakter und Bildung der Kinder einwirken? Muß das Sittlichkeitsgefühl des Kindes, Mädchens oder Jünglings durch das Beispiel, durch die Redensarten dieser Leute nicht gänzlich untergehen? Ist dieß nicht von Seite der Eltern ein grenzenloser Leichtsinn, ein gänzliches Vergessen ihrer Pflichten? Aber weil +sie+ so erzogen wurden, mögen es ihre Kinder auch wieder werden: es ist gar zu bequem, diese schwere Sorge andern zu überlassen. Daß es unter den Eltern auch Ausnahmen gibt, versteht sich von selbst.

Ich möchte beinahe glauben, daß sich das Sklavenwesen durch seine Folgen in manchen Beziehungen an den Weißen selbst rächt. Die Kinder werden gewöhnt, sich jeden Dienst leisten zu lassen: es wäre eine Schande, sich selbst auch nur ein Band zu binden, oder etwas von dem Boden aufzuheben, -- der Sklave ist des Kindes Hand. Natürlicher Weise werden die Kinder dadurch launenhaft, befehlshaberisch, träge, boshaft; jede Energie, die Kraft zu handeln, ja selbst zu denken, geht verloren und leider das Gefühl auch. Ein in den Sklavenstaaten erzogener Jüngling, ein daselbst erzogenes Mädchen unterscheidet sich sehr zu seinem Nachtheile von der in den freien Staaten erzogenen Jugend. Und wirkt die Erziehung, die man in der Kindheit genießt, nicht auf das ganze Leben?

Nicht minder hart als Sklaverei ist das Loos der freien Neger und Farbigen, und zwar eben sowohl in den freien wie in den Sklavenstaaten. Sie sind theils durch das Gesetz, theils durch die albernen Vorurtheile der +duldsamen Christen+ von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, gehören eigentlich gar keinem Stande zu, weder dem Sklaven- noch dem Bürgerstande, und sind die Parias der Vereinigten Staaten.

Um ihnen das Erniedrigende ihres Schicksals noch tiefer fühlen zu lassen, gab man ihnen die Erlaubniß, Schulen zu besuchen, sich zu bilden. Es ist dieß eine raffinirte Quälerei, der despotischsten Regierung unwürdig. Durch die Bildung wird der Ehrgeiz erweckt, der Neger und Farbige lernt sich als Mensch, lernt die Rechte der Menschheit kennen -- wozu? -- um zu sehen, daß er von den Menschen ausgestoßen, daß er der Rechte derselben beraubt ist. Denn das Gesetz läßt ihn nicht Bürger des Staates werden, gibt ihm keine Stimme bei den Wahlen, erkennt ihn nicht als Zeuge, ja ein Neger oder Farbiger darf sogar keine Ehe mit einer Weißen eingehen. Muß der Arme nicht zum Menschenfeinde werden? Muß durch so harte, widersinnige Gesetze nicht jedes bessere Gefühl in ihm erstickt werden? Und ist es nicht die erste Pflicht einer Regierung, mag sie was immer für einen Namen haben, auf die Moral, auf die Sittlichkeit der Menschen zu wirken? Hier ist es gerade das Gesetz, das der Moral Hohn spricht, und seine Verachtung des menschlichen Gefühls geht so weit, daß wenn ein Weißer Kinder mit einer Negerin oder Farbigen zeugt, er sie nicht einmal anerkennen darf. Will er die Achtung seiner Mitbürger erhalten, so muß er ihnen die Erziehung verweigern; verkauft er sie aber, allein oder sammt der Mutter, was nicht selten vorkommen soll, so bleibt er ein +Ehrenmann+.

Oft sprach ich über das Schicksal dieser Unglücklichen, hörte aber die Amerikaner stets behaupten, daß das vollkommen in der Ordnung sei, und daß, wenn es den Leuten nicht gefalle, sie in ihr Vaterland gehen oder nach Europa auswandern könnten.

In ihr Vaterland gehen?

Wo ist denn ihr Vaterland? Etwa in Afrika? Sind sie dort geboren? Haben sie dort ihre Familie? Sprechen sie die Landessprache? Nichts von alle dem. Seit fünfzig Jahren darf kein Sklave mehr eingeführt werden. Die heutige Nachkommenschaft ist in Amerika geboren, Amerika ist ihr Vaterland, und nicht Afrika, denn meiner Meinung nach haben die in Amerika gebornen Neger so gut Anspruch auf den Namen „Amerikaner,“ als die von den Europäischen Einwanderern abstammenden Weißen. Das ihnen von den Amerikanern aufgedrungene Vaterland kennen sie nicht einmal dem Namen nach.

Nach Europa auswandern?

Wer gibt ihnen die Mittel dazu? Und was sollen sie in einem Welttheile machen, der übervölkert ist, der jährlich Hunderttausende von Auswanderern nach allen Weltgegenden sendet? Europa ist nicht Amerika. In Amerika bedarf man noch sehr der Hände und Köpfe. Die Einwanderung ist es, welcher die Vereinigten Staaten die Stufe der Macht und Bedeutung verdanken, auf der sie heut zu Tage stehen.

Kaum sollte man glauben, daß es Leute gibt, die behaupten, daß das Sklavensystem in seinen Folgen sehr wohlthätig auf die Eingebornen Afrika’s einwirke. Die freien Neger, sagen sie, werden erzogen, erhalten guten Unterricht in der Religion. Sendet man sie dann nach der Neger-Republik +Liberia+ in Afrika, so können sie dort ihre Landsleute bekehren und gleichsam Missionär-Dienste verrichten.

Eine sehr kluge, +fein erfundene+ Entschuldigung des Sklavensystems! --

Wenn diese Abgesandten ihren Landsleuten erzählen, welches Heil ihnen durch die Christen widerfahren ist, wie sie, so lange sie Sklaven waren, von den meisten Weißen schlechter als deren Lastthiere behandelt wurden, wie man sie für die kleinsten Vergehungen grausam marterte und züchtigte, aus Spaß oft zu Tode prügelte, wie man sie mit Arbeiten bis zum Hinsinken überlud und als Belohnung für die geleisteten Dienste im Alter halb verhungern und verderben ließ, wie sie als freie Leute noch immer von den Weißen verachtet, aus der menschlichen Gesellschaft verstoßen, aller Rechte beraubt wurden, wie sie jedem weißen Schurken nachstanden, sich an keine Tafel, in keinen Omnibus setzen durften, im Theater abgesonderte Plätze hatten, als wären sie Aussätzige! -- ja, wenn von diesen Erzählungen ihre Landsleute nicht begeistert und hingerissen werden und nicht haufenweise zum Christenthume übergehen, so müßte man ihnen wahrhaftig allen Verstand absprechen. Ewig schade, daß es nicht auch für uns Christen irgend wo einen Staat gibt, in welchem wir derselben menschenfreundlichen Behandlung theilhaftig werden könnten, gleich den Negern und Farbigen in den Vereinigten Staaten! Es wäre nur der höchst wohlthätigen Folgen wegen, die sie auf das Christenthum haben müßte.

Es gibt bisher dreizehn Sklavenstaaten, nämlich: +Florida+, +Georgia+, +Texas+, +Karolina+, +Virginia+, +Kentucky+, +Tennessee+, +Alabama+, +Mississippi+, +Louisiana+, +Arkansas+, +Missouri+, +Maryland+, nebst einem Theile von +Kolumbia+. Vielleicht werden mit der Zeit noch einige zuwachsen, es wäre nur wegen des Glückes, welches Afrika daraus bevorstünde!! --

Den schroffsten Gegensatz zu der Behandlung der schwarzen und farbigen Amerikaner bildet die Nachsicht der Regierung mit den weißen Verbrechern.

Ich war drei Wochen in Neu-Orleans, und während dieser Zeit vergingen wenige Tage, an welchen nicht ein Mord, eine Brandlegung stattfand.

Ich sprach einst empört über einen Mord, der in einer Nacht verübt wurde. Ein Arbeiter schnitt in Streit und Trunkenheit seinem Weibe den Hals ab. Man lachte mich über meine Gefühls-Aeußerungen beinahe aus, und sagte, daß wenn ich fünf bis sechs Monate hier bliebe, ich an dergleichen Dinge gewöhnt werden und gar nicht mehr darüber sprechen würde.

Wirklich fand kaum einige Nächte später schon ein zweiter derartiger Fall statt, bei welchem der Mann nach verübter That sich aufzuhängen versuchte.

Ein in Trunkenheit, Eifersucht oder Streit verübter Mord wird selten hart bestraft, und ganz besonders gilt das Laster der Trunkenheit als große Entschuldigung. Aber auch selbst nicht betrunkene Verbrecher kommen leicht durch, wenn sie reich sind und sich Freunde zu machen verstehen. So hatte z. B. vor mehreren Monaten in Kentucky ein gar schändlicher Mord statt, und der Mörder wurde dennoch gänzlich freigesprochen.

Die Sache war folgende: Ein Knabe besuchte eine Schule, blieb häufig aus, machte die Aufgaben gar nicht oder schlecht und entschuldigte sich stets mit Lügen. Der Lehrer, hierüber aufgebracht, nannte ihn einst einen Lügner. Der Knabe erzählte dieß, wahrscheinlich seiner Gewohnheit nach mit Lügen und Uebertreibungen, seinem Vater und Bruder. Letzterer, ein Jüngling von achtzehn bis zwanzig Jahren, bewaffnete sich mit einer Pistole, gab seinem Bruder ein großes Messer, ging mit ihm nach dem Schulhause und schoß nach kurzem Wortwechsel den Lehrer nieder. Der Vater, ein reicher Mann, erkaufte die Jury, und der Mörder kam ohne die geringste Strafe davon. Dieser Fall war so empörend, daß das Volk die Jury-Männer, den Mörder und seinen Vater öffentlich beschimpfte, wodurch erstere gezwungen wurden, ihre Stellen aufzugeben, letztere ihre Besitzungen zu verkaufen und nach einem andern Staate überzusiedeln. Traurig, wenn das Volk den Richter machen muß! --

Brandlegungen geschehen häufig von den Eigenthümern selbst, welche die kostbaren Waaren erst in Sicherheit bringen, Gebäude, Waarenlager u. s. w. überschätzen und auf diese Art aus derlei Schurkereien einen schönen Gewinn ziehen.

Wenn ich über solche Gegenstände Bemerkungen machte, hieß es: „Was wollen Sie? Amerika ist noch ein junges Land; es wird mit der Zeit schon anders werden.“

Ich weiß nicht, ich möchte glauben, daß es in seiner Kindheit, zur Zeit des großen +Washington+ besser war, als es jetzt in seiner Jugend ist. Gute Gerechtigkeitspflege ist die erste Pflicht eines Staates und vom größten Einflusse auf die Moralität seiner Bürger; schlechte Gerechtigkeitspflege verdirbt das Volk. Wo die Leute nach Aemtern und Stellen aus der einzigen Absicht streben, sich zu bereichern, wo der Reiche alles durchsetzen, alles erkaufen und ungestraft, oder doch beinahe so, Verbrechen begehen kann, gehen Vaterlandsliebe und Moralität verloren. Amerika war nach der Trennung von England mit einem reinen, makellosen Bogen Papier zu vergleichen -- Europa mit einem mit Tintenflecken besudelten. Was hätte auf diesem schönen Bogen nicht alles geschaffen werden können, und zwar um so leichter, als das alte Europa leider nur zu deutlich die Fehler und Mißbräuche aufweist, welche einer vollkommenen Gestaltung im Wege liegen. Was hätte aus einem Lande wie Amerika werden können, das von der Natur so reich ausgestattet ist und gegen keins der großen Uebel Europa’s zu kämpfen hatte! Leider aber ward der reine Bogen nicht so heilig bewahrt und ist mit der Zeit ziemlich stark besudelt worden!

Der Eindruck, den die Vereinigten Staaten bei meinem ersten Eintritte auf mich machten, konnte nach dem, was ich hier in Neu-Orleans sah, unmöglich ein sehr günstiger sein. Obwohl ich mich über meine persönliche Aufnahme nicht zu beklagen hatte, und besonders von Herrn +Dürmayer+ und der Familie +Höffer+, in deren Hause ich die letzten acht Tage zubrachte, viele Freundschaftsdienste erfuhr, so war ich doch herzlich froh, dieser Stadt den Rücken zu kehren, die man mit vollem Rechte auch eine Stadt der Wunder nennen könnte, denn wunderbar klingt es, Sklavenhändler, Sklavenbesitzer von Freiheit und Menschenrechten sprechen zu hören.

[1] Die Straßen in den Amerikanischen Städten bilden gleichmäßige Vierecke, „Blocks“ genannt.

[2] Das Maine-Gesetz verbietet den Genuß geistiger Getränke. Es entstand zuerst in dem Staate Maine, und erhielt daher seinen Namen. Die Staaten, die dem Maine-Gesetze beigetreten sind, werden Temperance-Staaten genannt.

[3] Ein Kind eines Pflanzers hatte einst den Einfall, seiner Gespielin, einem Negermädchen, die Buchstaben kennen zu lehren. Als die Mutter dieß zufällig sah, erschrack sie sehr darüber und verbot ihrem Kinde streng, damit fortzufahren, -- ja die Angst der Mutter war so groß, daß das Negermädchen aus dem Bereich der Familie geschafft wurde, um das Bischen Wissen so schnell als möglich zu vergessen.

Neunzehntes Kapitel.

Abreise von Neu-Orleans. -- Napoleon. -- Fahrt auf dem Arkansas. -- Little Rock. -- Gesellschaft auf den Dampfern. -- Amerikanische Ungezwungenheit. -- Kinder-Emancipation. -- Fort Smith. -- Die Cherokee-Indianer. -- St. Louis. -- Highland. -- Die Farmer. -- Pipin- und St. Croix-See.

Am +23. Juni+ verließ ich Neu-Orleans auf dem prachtvollen Dampfer „+Belfast+,“ der den Mississippi aufwärts ging. Kapitän +Taylor+, Eigenthümer des Schiffes, war so artig, keine Bezahlung von mir anzunehmen; mein Name war ihm durch die Zeitungsberichte bekannt.

Die innere Einrichtung dieses Dampfers war sehr kostbar. Schwere Teppiche deckten den Boden, große Spiegel zierten die Wände, mit Sammt überzogene Möbel, ein schönes Piano die Säle. Die Kost bestand aus vier überaus reichen Mahlzeiten mit Backwerk, Eis u. s. w. Speisesaal, Schlafkabinen, Betten ließen an Pracht und Bequemlichkeit nichts zu wünschen übrig, und dabei war der Preis sehr billig: von Neu-Orleans bis St. Louis (1200 Seemeilen) 25 Dollars, stromabwärts gar nur 20. Die Amerikaner finden aber sogar diesen geringen Preis übertrieben.

Ich fuhr nur den halben Weg nach dem Städtchen +Napoleon+, um von da aus auf dem +Arkansas+, der in den Mississippi mündet, nach Fort +Smith+ zu gehen.

Unterwegs wurde häufig an Städten und Ortschaften angehalten, von welchen die bedeutendste +Baton-Rouge+ mit ungefähr 30,000 Einwohnern. Obwohl viel kleiner als Neu-Orleans, wird diese Stadt als die Hauptstadt von Louisiana betrachtet, da sie mehr im Mittelpunkte liegt. Das Gouvernements-Gebäude gleicht einem Palaste; es steht auf einem kleinen Hügel, um welchen sich die Stadt lagert, und besitzt ein schönes Säulenportal.

Die Stadt +Vicksburg+ scheint an Größe um ein geringes Baton-Rouge zu übertreffen; sie liegt auf niedrigen Hügeln.

Am +26. Juni+ Abends gelangte ich nach +Napoleon+.

Ich hatte nun von der Mündung des Mississippi bis Napoleon an 700 Meilen gemacht, ohne auf dieser langen Strecke eine Ansicht zu finden, die mich nur im geringsten angesprochen, viel weniger bezaubert hätte. Der Strom als solcher ist erhaben: er gleitet majestätisch zwischen den reichen Urwäldern dahin; allein die fortdauernde Einförmigkeit seiner Ufer wird nur zu bald ermüdend, und man ist froh, die Fahrt auf dem raschen Dampfer zu machen. Die ersten hundert Meilen von Neu-Orleans an bieten nichts als große Pflanzungen von Zucker, Mais, Baumwolle in weiten Ebenen, die im Hintergrund von Waldungen begrenzt sind. Später werden die großen Pflanzungen seltener und kleiner, die Waldungen vorherrschend. Letztere sind zwar dicht und hübsch, aber Riesenstämme haben sie nicht aufzuweisen. Bei Baton-Rouge zeigen sich die ersten Hügelbildungen, Höhen von fünfzehn bis zwanzig Fuß, die sich aber bald wieder in den Ebenen verlieren. Bei Vicksburg erscheinen sie wieder auf eine kurze Strecke und mögen da ein Paar Fuß höher sein.

Für den Pflanzer sind diese Ansichten gewiß überaus reizend, da er sie aus einem andern Gesichtspunkte als der Reisende betrachtet, und die unermeßlichen Strecken Landes, die seinem berechnenden Geiste Nahrung und Hoffnung geben, bewundert.

Das einzige Originelle in diesem Lande mochten die Eingebornen gewesen sein, die aber, seit die Weißen hier hausen, beinah gänzlich verschwunden sind. Kein +Wig-wam+ steht mehr in den finstern Hainen, kein Indianer erscheint bewaffnet mit Bogen und Pfeil und dem Scalpirmesser an der Seite. Die wenigen Eingebornen, die man bei einigen Städtchen und Ortschaften noch sieht, kommen mir wie exotische Gewächse vor; sie waren mit Europäischen Lappen behangen und aller ihrer Volks-Eigenthümlichkeiten schon halb entfremdet.

Obgleich die Reise nur drei Tage währte, hatten wir dennoch zwei traurige Fälle an Bord. Ein Mann starb an der Cholera, und ein freier Neger, Aufwärter am Tische, schlug im Streite einen seiner Gefährten todt. Die Ursache des Streites war folgende: Der Thäter schlief nahe an der Schiffsglocke, sein Gefährte band ihm aus Scherz die Füße an dieselbe, und rief ihm hierauf zu, daß es Zeit sei, die Tafel zu decken. Der Schläfer sprang auf, setzte dadurch die Glocke in Bewegung, und bekam natürlicher Weise von dem Steuermanne einen tüchtigen Verweis. Darüber erboßt, fing er mit seinem Kameraden einen Streit an, ergriff ein Stück Holz und versetzte ihm damit über den Kopf ein paar so tüchtige Schläge, daß er ihm die Hirnschale spaltete -- zwei Stunden später war der Arme todt.

Die Reisenden sprachen über diese That mit einer empörenden Gleichgültigkeit. Die Jungen von acht bis zehn Jahren gingen hin, um den Erschlagenen anzusehen und kamen mit heiterer Miene zurück, erzählend was sie erblickten, als wären sie Zeuge irgend einer ergötzlichen Scene gewesen. Man weiß, daß Menschenleben in Amerika nicht hoch geschätzt wird; aber das Gefühl bei der Jugend schon so frühzeitig abgestumpft zu finden, ist doch traurig.

Das Städtchen +Napoleon+, erst kürzlich dem Walde entstiegen, ist noch gänzlich von demselben umgeben. Ich blieb hier nur einen Tag und schiffte mich auf dem kleinen Dampfer „+Thomas P. Ray+“ nach +Little Rock+, dem Hauptstädtchen des +Arkansas+-Staates ein. Die Entfernung beträgt 300 Meilen, die wir in 42 Stunden zurücklegten.

Auf dem Arkansas, so wie auf den meisten Nebenflüssen des Mississippi kann man sich nur kleiner Fahrzeuge bedienen, da die Flüsse im Sommer sehr wasserarm werden, und selbst die kleinsten Dampfer müssen durch einige Monate ihre Fahrten einstellen.

Von einem großen Dampfer auf solch einen kleinen versetzt zu werden, ist ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht. Auf dem „Thomas P. Ray“ herrschte noch überdies wenig Ordnung. Es gab hier z. B. keine kleinen abgetheilten Schlafkabinen, sondern die Herren schliefen in einer gemeinschaftlichen Kabine, die Frauen ebenfalls. Außer mir befand sich nur eine Frau mit zwei Kindern an Bord. Man denke sich aber meine Verwunderung, als der Gemahl dieser Frau Abends in unsere Kabine kam und daselbst eine Schlafstelle einnahm. Wir hatten eine Hitze von 108 Grad Fahrenheit, und ich war gezwungen, die schweren Vorhänge an meiner Schlafstelle zuzuziehen. Auch Morgens mußte ich mich mühsam hinter den Vorhängen ankleiden, und so an das Waschbecken treten, wo ich mir natürlich kaum die Augen und die Fingerspitzen waschen konnte. Freilich nehmen es die Damen in diesem Lande nicht so genau wie bei uns[4]. Die Sparsamkeit war auf diesem Dampfer ebenfalls sehr groß. Dem Trinkwasser wurde nur bei Tisch ein einziges Stückchen Eis beigegeben, während man auf den großen Dampfern zu jeder Stunde des Tages Eiswasser haben konnte. -- Kaffee, Thee wurde ohne Milch getrunken, obgleich wir zu verschiedenen Malen im Tage anlegten, und die Milch in diesem Lande ein so billiger Artikel ist, daß eine ganze Flasche voll nur einen Cent kostet. Das Mittagsmahl bestand am ersten Tage aus gebratenen Hühnern mit Kartoffeln, am zweiten gar nur aus etwas Schinken mit Kartoffeln. Dabei waren die Preise höher, als auf den Prachtdampfern, die den Mississippi befahren.

Die beiden Ufer des Arkansas sind von dichten Waldungen eingesäumt, die sich noch über den größten Theil des Landes zu erstrecken scheinen. Der Fluß selbst ist so voll von hervorragenden oder, was für die Schiffe noch gefährlicher ist, kaum mit etwas Wasser überdeckten Baumstämmen, daß es der größten Vorsicht bedarf, hindurch zu steuern. Nachts wird nur bei hohem Wasserstande und hellem Mondscheine gefahren.

Little Rock zählt 3000 Einwohner und gleicht mehr einem niedlichen Walddorfe, als einem Städtchen; die Häuser liegen weit von einander, meistens mitten in Gärten und Gebüschen.

Ich fand hier als größte Merkwürdigkeit ein musikalisches Talent, ein sechsjähriges Mädchen, +Marie Schaar+, von deutschen Eltern, das erst seit fünf Monaten Klavierunterricht, und noch dazu sehr schlechten erhalten, und zum Erstaunen richtig und gut spielte. Jede Melodie, die man ihm einige Mal vorsang, spielte es nach, das Accordion behandelte es meisterhaft, obwohl es darauf gar keinen Unterricht bekommen hatte. Schade, daß das schöne Talent in dem kleinen Städtchen schwer eine höhere Ausbildung erlangen dürfte!

Ich mußte in Little Rock bis 1. Juli auf den niedlichen Dampfer „Colonel Drennen“ warten, der von hier nach Fort +Smith+ (300 Meilen) fuhr. Auf diesem Dampfer war mehr Ordnung und eine hinreichend gute Kost.