Part 8
[17] Herr +Chapin+, einer der berühmtesten Amerikanischen Prediger, sagt in einer seiner Predigten nach einem großen Unfalle auf einer Eisenbahn: „Und gegen dieses Ungestüm sollte auf jede Weise gearbeitet, vor allem das Menschenleben geachtet werden. Dieß Gefühl sollte, wie ich mit Schmerz gestehen muß, in unserem Zeitalter und unserem Lande weiter und tiefer verbreitet sein. Das Leben ist kostbar. O! herzlose Korporationen, stellt eueren Dollars die Menschlichkeit gegenüber, und wenn ein kleiner Gewinn wichtiger ist als ein etwas fester gemachter Keil oder ein extra aufgestellter Aufseher an einem gefährlichen Punkte, so sagt nicht, daß der Staat nur seiner Aufregung Gehör gibt, wenn er die Lebensnerven durchschneidet, mittelst deren Korporationen bestehen.“
[18] Nicht selten ziehen auch junge Mädchen, welchen es in dem elterlichen Hause nicht gefällt oder zu still zugeht, in Boarding-Houses.
[19] In den Vereinigten Staaten gibt es eine außerordentliche Anzahl von Dichterinnen, Schriftstellerinnen und Komponistinnen. Wenn ich die Namen aller jener aufgezeichnet hätte, die man mir als solche vorstellte, so würde ich bogenlange Register zusammengebracht haben. Gewiß gibt es darunter viele sehr talentvolle; aber die auch nur ein Verschen, einen kleinen Aufsatz, einen Walzer, eine Polka geschrieben hat, nennt sich schon Dichterin, Komponistin. Die Unbedeutendheit des Werkchens ersetzt ein großer, viel versprechender Titel. Hierauf scheint man in den Vereinigten Staaten überhaupt sehr viel zu halten. Als ich mit einem Verleger betreffs meiner Reisebeschreibung sprach, war seine erste Frage nach dem Titel. Lächelnd erwiderte ich ihm, daß ich daran erst denken würde, wenn die Arbeit vollendet sei. Er meinte aber, dieß wäre eine sehr wichtige Sache, das Publikum sähe viel auf den Titel, und klänge dieser gut, so sei dem Buche schon im vorhinein eine gute Aufnahme gesichert.
[20] Man wird mir vielleicht zurufen, daß ich mich selbst in gewisser Beziehung emancipirt habe, indem ich so große Reisen allein unternahm und jahrelang vom Hause abwesend blieb; -- ich that dieß jedoch erst, als meine Kinder herangewachsen, selbständig waren, als sie meiner Pflege und Sorgfalt nicht mehr bedurften, und als mir überhaupt keine häuslichen Pflichten mehr oblagen.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Die Umgebungen Neu-Yorks. -- Die öffentlichen Institute. -- Blackwells- und Randalls-Island. -- Die Five-Points. -- Reise nach Boston. -- Der Empfehlungsbrief. -- Festessen der Massachusetts-Mechaniker-Gesellschaft. -- Waisenhaus, Gefängniß u. s. w. -- Cambridge. -- Lowell. -- Rückkehr nach Neu-York. -- Die Wahl. -- Abschied von den Vereinigten Staaten.
Ich benützte meinen Aufenthalt in Neu-York zu wiederholten Besuchen der nahen Umgebung, so wie auch zu zwei kleinen Ausflügen, den einen nach Herrn +Bryant’s+ Landsitze auf +Long-Island+, den andern nach dem Landhause des berühmten Dichters +Washington Irving+.
Die nächste Umgebung der Stadt bilden die Städte +Broklyn+, +Williamsburg+ und +Hoboken+, die man eigentlich als Theile Neu-Yorks betrachten könnte, denn sie sind nur durch den Fluß davon getrennt. Viele Leute wohnen da, welche ihre Geschäfte täglich nach Neu-York rufen, und Dampfer fahren jeden Augenblick hin und her.
Etwas weiter über der Bay liegt +States’ Island+. Aus der Bay machen die Amerikaner gar viel, und wollen sie mit jener von Neapel oder Konstantinopel vergleichen. Davon kann wohl keine Rede sein. Sie ist allerdings hübsch; allein ihre Breite ist zu groß, die Hügelkette zu niedrig. Von der Stadt aus erscheint die gegenüberliegende Hügelkette noch viel unbedeutender als sie ist, und von States’ Island aus verschwimmt Neu-York zu einem Steinhaufen, und man sieht von den Schiffen nichts als den Mastenwald.
Auf States’ Island selbst gibt es hübsche Landsitze mit schönen Aussichten. Schade daß alles mit Bretterwänden eingefaßt ist und man nirgend durch die Wäldchen und Wiesen gehen kann, sondern sich mit der staubigen Straße begnügen muß.
+Greenwood+ (6 Meilen von Neu-York) ist der prachtvollste Friedhof nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern in der ganzen Welt. Die ehrwürdigsten Bäume beschatten die saftigsten Wiesen, spiegelhelle Teiche blicken dazwischen durch. Unter den Bäumen zeichnen sich ganz besonders die Trauerweiden aus: in keinem Lande sah ich sie so groß und umfangreich, als in den nördlichen Theilen der Vereinigten Staaten. Von den Hügeln hat man die bezauberndste Uebersicht der Bay und der Stadt sammt ihrer Umgebung. Wahrlich, ich würde meinen Wohnsitz ungleich lieber hier bei den Todten aufschlagen, als in der geräuschvollen Stadt!
Ohne Einlaßkarte erhält man keinen Zutritt in diesen Ort der Ruhe; an Sonntagen wird er leider ganz geschlossen, und somit ist der schönste Punkt um Neu-York für die arbeitende Klasse, die nur über den Sonntag gebieten kann, so viel wie gar nicht vorhanden.
Zu +High-Bridge+ (10 Meilen) sind die großen Wasserwerke, welche den Bedarf Neu-Yorks decken; ein hoch gespannter Aquädukt leitet das Quellwasser über einen Arm des Hudson-Flusses nach der Stadt. Ueberdieß verdient dieser Ort auch seiner Landschaft wegen besucht zu werden, die zu einer der schönsten um Neu-York gehört.
Ich fuhr in einem Omnibus dahin, welcher im Innern Plätze für zwölf Personen enthielt. Dieser Omnibus geht nur alle halbe Stunden ab und weist niemanden zurück[21]. Ich zählte vierzehn Erwachsene und fünf Kinder, von welchen das jüngste über vier Jahre alt war. Zu meinem Erstaunen setzten sich Mädchen, junge Frauen ohne alle Umstände auf den Schooß ihnen ganz fremder Männer. Das nenne ich doch etwas gar zu frei! -- Sittlichkeitsgefühl, Frauenwürde, sind dieß hier nur leere Worte? Ich würde eine solche Sache für kaum möglich gehalten haben, hätte ich es nicht selbst gesehen.
Herrn +Bryant’s+ Landsitz liegt bei +Roslin+ auf +Long-Island+ (30 Meilen von Neu-York). Es gereichte mir zum größten Vergnügen, diesen Herrn kennen zu lernen, der als Herausgeber einer der gelesensten Zeitungen und als Schriftsteller, Poet und Uebersetzer Deutscher Dichter nicht nur in seinem Vaterlande, sondern auch außerhalb desselben rühmlichst bekannt ist. Er war so freundlich, mich auf einige Tage zu sich auf das Land einzuladen. Die kleine Reise dahin kann man auf der Eisenbahn oder zur See auf kleinen Dampfern machen. Beide Wege bieten viele hübsche Ansichten, besonders letzterer.
Das Landhaus liegt überaus reizend auf einer kleinen Anhöhe, nahe der See; Parthieen des Dörfleins Roslin umgeben es von allen Seiten, frische Laubbäume, stattliche Trauerweiden (mit Stämmen bis zu fünf Fuß im Durchmesser) gruppiren sich dazwischen. Das Ganze hat einen so ländlich stillen, ruhigen Anstrich, als gäbe es Hunderte von Meilen weit keine Stadt. Hier kann sich das Gemüth erholen und neue Kräfte für das stürmische Leben sammeln. Aber abgesehen von diesen Annehmlichkeiten fühlte ich mich von der herzlich guten Familie Bryant so angezogen, daß ich alles andere nur als schöne Zugabe betrachtete. In Frau Bryant lernte ich das vollkommenste Muster einer Hausfrau kennen. Sie beweist, wie gut man Häuslichkeit mit Bildung, Bescheidenheit und Anmuth mit Willensmeinung und Kraft verbinden kann. Wollte Gott, es gäbe nicht nur in Amerika, sondern überall viele so gediegene Hausfrauen!
Wie gern hätte ich auch hier wieder der Zeit in die Speichen gegriffen; die wenigen Tage eilten nur zu rasch dahin!
+Washington Irving’s+ Landhaus liegt ebenfalls ungefähr 30 Meilen von Neu-York, aber in einer andern Richtung, am Hudson-Flusse. Auch dieser große Dichter nahm mich sehr zuvorkommend auf. In seinen ruhigen, freundlichen, wohlwollenden Zügen hätte ich eher einen gemütlichen Landmann als einen genialen Schriftsteller gesucht; wenn er aber zu sprechen begann, erglänzten seine Augen in Jugendfeuer, seine Gesichtszüge nahmen den geistreichsten Ausdruck an. Glücklich hat hier die Natur Geist und Gemüth zugleich begabt.
Washington Irving führt ein Junggesellen-Leben; doch wußte er sein Alter herrlich auszuschmücken. Mehrere sehr liebenswürdige Nichten (Töchter seiner Schwester) theilen die reizend gelegene Villa mit ihrem Oheim, der selbst im Winter diesen Ort der Zurückgezogenheit nicht verläßt.
Nun blieb mir von Neu-York nicht viel mehr zu besehen übrig, als die öffentlichen Institute, die Volksschulen, Armen- und Waisen-Häuser, Irren-Hospital, Gefängnisse u. s. w.
Mein Glücksstern führte mich zuerst nach den +Tombs+ (Stadtgefängnissen). Ich sage „mein Glücksstern,“ weil ich da an der Oberaufseherin (Matrone) M. +Flora Forster+, eine der besten, treuherzigsten Frauen kennen lernte: ihr Charakter sprach mich sehr an, und gar manche Stunde, ganze Abende brachte ich bei ihr in den Tombs und in ihrem Hause zu.
Das Stadtgefängniß ist ein in Egyptischem Style gehaltenes Gebäude. Ich dachte, es hätte den Namen „Tombs“ von seiner Aehnlichkeit mit den Egyptischen Grab-Monumenten erhalten; das ist aber nicht der Fall. Man nennt es Tombs, weil es zur Zeit seiner Entstehung von Sümpfen ganz umgeben war, welche die Luft so ungesund machten, daß die meisten der Gefangenen starben.
In dieses Gefängniß kommen Verbrecher jeder Art und besonders alle Betrunkenen, die man auf der Straße findet. Die Verbrecher bleiben bis zu ihrer Aburtheilung. Sie haben nette, luftige Kämmerchen (in jedem Kämmerchen lebt nur ein Gefangener), mit Betten und einem Stuhle und eine einfache gesunde, genügende Kost. Die leichteren Verbrecher können einige Stunden des Tages im Hofe umhergehen, die schweren in den innern Gängen. So lange sie nicht verurtheilt sind, wird ihnen gestattet, sich so viele Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten zu verschaffen, als es ihre Börse oder die Sorge ihrer Freunde erlaubt.
Die Betrunkenen kommen auf fünf Tage hieher, nach mehrmals wiederholtem Falle werden sie auf sechs Monate nach dem Strafhause auf +Blackwells-Island+ verurtheilt.
Zu meinem Leidwesen sah ich in der Abtheilung für das weibliche Geschlecht meistens junge Mädchen und Weiber. Die Zahl solcher bedauernswerther Geschöpfe soll sich manchen Tag auf dreißig und vierzig belaufen. Im vergangenen Jahre wurden bei 6000 Weiber und Mädchen hieher gebracht. Wer das Laster der Trunkenheit in seiner vollen Entwürdigung sehen will, der komme hieher! -- Ich begreife wirklich nicht, wie man ihm in den Vereinigten Staaten so viel zu Gute halten kann.
Die Oberaufseherin der weiblichen Abtheilung ist M. +Forster+, und wenn die Leute nicht gebessert herauskommen, ist es gewiß nicht ihre Schuld, denn sie sucht sie mit wahrer Herzlichkeit und Menschenliebe auf den Weg des Guten zu leiten. Ich hatte oft Gelegenheit, sie in der Ausübung ihres Berufes zu sehen und nahm den größten Antheil an ihrem Schalten und Walten.
Unter den Amerikanischen Frauen und Mädchen herrscht, wie in England und Deutschland, die schöne Sitte, daß sich gar manche unter ihnen zu zeitweiligen Besuchen der weiblichen Lehr- und Straf-Anstalten verbinden. Sie sehen nicht nur nach, ob die dabei Angestellten ihre Pflichten erfüllen, sondern sie bemühen sich auch selbst, durch gemüthliches Zusprechen, durch gute Lehren die Leute zu bessern, und wenn die Gefangenen ihre Strafzeit überstanden haben, sie an anständige Orte zu bringen, wo sie sich ihren Unterhalt verdienen können. Unter diesen Frauen, welche sich der Hülflosen und der Verbrecherinnen so liebevoll annehmen, lernte ich vorzugsweise Frau +Gibbons+ (Gemahlin des Herrn J. S. Gibbons) und Fräulein +Curtis+ kennen. Schon die Väter dieser beiden genannten Damen widmeten den Armen den größten Theil ihrer Zeit und vieles Geld, und bemühten sich besonders, die herangewachsenen Waisen, die gebesserten Sträflinge bei tugendhaften Familien unterzubringen; Frau Gibbons’ Vater ist bereits gestorben, Herr Curtis schon ein 81jähriger Greis. Die beiden Damen wirken aber ganz in dem Geiste dieser wahren Wohlthäter fort.
Ich besuchte mit ihnen und Frau Forster +Blackwells-Island+, ein winziges Inselchen, unferne von der Stadt, freundlich gelegen und mit einer herrlich gesunden Luft. Dieses Fleckchen Erde (eine Meile lang, eine halbe Meile breit) enthält ausschließend öffentliche Anstalten für alte, gebrechliche Leute, für Geisteskranke und solche Verbrecher, die auf sechs Monate verurtheilt sind.
Die drei Gebäude, in gehöriger Entfernung stehend und durch Gärten und Steinwänden von einander getrennt, gleichen an Größe und solidem Bau Palästen. Sie sind von Quadersteinen aufgeführt und wurden, wie man mir sagte, von den Verbrechern selbst gebaut.
Alle diese drei Anstalten kann man in jeder Hinsicht vollkommen nennen. Die Säle zum Arbeiten, zum Aufenthalte während des Tages, zum Speisen und Schlafen sind hoch und geräumig, die Kost ist gut, gesund und reichlich, die Ordnung und Reinlichkeit überaus groß. Wer arbeitsfähig ist, muß täglich eine bestimmte Zahl von Stunden arbeiten.
Unter den Verbrecherinnen fiel mir ein junges Mädchen von 18 bis 20 Jahren auf: sie trug das Haar kurzgeschnitten, nach Art der Männer. Als ich nach der Ursache frug, hieß es, daß sie sechs Monate als Matrose auf einem Schiffe gedient habe. Dieß war auch das Vergehen, wegen dessen sie sich an diesem Orte befand.
Die Verbrecher, Männer wie Weiber, verhielten sich äußerst anständig, man hörte weder Geflüster, noch Gelächter, wenn man in die Säle trat. Man behandelt aber auch die Leute nicht mit bösen Worten und mit Rohheit wie Verbrecher, sondern wie bereits Gebesserte. Man hat den Grundsatz, des Verbrechers That zu vergessen, kein Mensch darf derselben erwähnen. Die Frauen, mit welchen ich kam, reichten den Leuten die Hände und sprachen mit ihnen auf die herzlichste Weise. Gewiß muß solche Behandlungsart von guten Folgen sein.
Am allerbesten gefiel mir das Hospital für die Irren; ich ziehe es bei weitem +Bedlam+ in London vor. Die Unglücklichen werden Nachts nicht in kleine Zellen gesperrt, sondern schlafen in luftigen, geräumigen Zimmern und (obwohl durchgehend Arme) in blendend weißen guten Betten. Die Fenster sind derart vergittert, daß man es gar nicht gewahrt; die eisernen Stäbe passen nämlich gerade auf die hölzernen Fensterrahmen. Die Mahlzeiten werden in Gemeinschaft eingenommen, auf reinlich gedeckten Tafeln, mit weißem Geschirre, mit Gläsern und Eßbestecken; nur den gefährlichen Irren wird dergleichen nicht anvertraut: diese speisen auf Blechgeschirr, und das Fleisch wird ihnen in Stückchen geschnitten, auf den Tisch gebracht.
+Randall’s-Island+, ein anderes Inselchen, enthält ebenfalls nur öffentliche Anstalten und zwar meistens für Kinder. Die größte hievon (~Home of refuge~) ein prachtvolles Gebäude, so eben beendet, ist für Kinder bestimmt, die wegen Vergehungen hieher kommen. Die andern kleinen Häuser sind für Waisen oder von ihren Eltern ganz verwahrloste, für blödsinnige und eines auch für kranke, besonders scrophulöse Kinder.
Alle diese Anstalten sind schön und trefflich eingerichtet; nur fand ich bei den kranken und blödsinnigen Kindern der Wärterinnen zu wenig, und deshalb die Pflege nicht ganz so, wie sie sein sollte. Wie kann eine Wärterin zwanzig und mehr solcher kleiner Geschöpfe besorgen! Auch die Bezahlung der Wärterinnen ist zu gering.
In dem +~Home of refuge~+ werden die Kinder vom zehnten Jahre an aufgenommen, und je nach ihrer Besserung und Bekehrung kürzere oder längere Zeit behalten. Oft erlangen sie schon nach drei Monaten ihre Freiheit wieder, oft bleiben sie bis zur Mündigkeit, die bei Jünglingen mit dem vollendeten einundzwanzigsten, bei Mädchen mit dem achtzehnten Jahre eintritt. Wenn dergleichen Kinder aus der Anstalt austreten, sucht man sie bei Farmers in Dienst zu bringen.
Außer dem Waisenhause auf Randall’s-Island, gibt es in Neu-York noch zwei, eines für farbige, eines für weiße Kinder. Letzteres liegt im Herzen der Stadt, in den „~five points~,“ dem verrufensten Theile Neu-York’s. Kein wohlgekleideter Mensch dürfte es wagen, Abends dahin zu gehen, außer in Begleitung eines Polizei-Mannes. Beraubungen, Morde, alle möglichen Verbrechen werden da besprochen und verabredet. Und inmitten dieser überirdischen Hölle hat die Missions-Gesellschaft das Waisenhaus errichtet, in dessen einer Abtheilung auch Mädchen und Weiber aufgenommen werden, die auf unrechten Wegen gewandelt und sich bessern wollen. Man versieht sie mit Arbeit; einen Theil ihres Wochenlohnes geben sie an die Anstalt für Kost und Verpflegung.
An dem Schulunterrichte der Waisen können auch Kinder Theil nehmen, die nicht in Kost und Verpflegung sind. Diese Anstalt erfreut sich eines sehr schönen Erfolges; schon senden viele der verworfensten Eltern ihre Kinder zur Schule, und gar manche jugendliche Sünderin verließ den schlechten Pfad.
In dem Waisenhause der farbigen Kinder werden diese von dem zweiten bis zum zwölften Jahre behalten; dann sucht man sie auf Farms, bei Handwerkern oder in braven Familien unterzubringen. Für den Schulunterricht gibt es sonderbarer Weise nur einen gemeinschaftlichen Saal; die Kinder sitzen zwar in Klassen eingeteilt, aber ohne durch eine Wand von einander getrennt zu sein. Das Geschrei der Lehrerinnen[22] und der Kinder ist so arg wie in einer Judenschule. Wenn eine Lehrerin eine Frage stellt, gibt die ganze Klasse die Antwort, ob recht oder nicht, das kann man, des Lärmens wegen, gar nicht unterscheiden. Die unzweckmäßigste Methode, daß ganze Klassen antworten, fand ich nicht nur in diesem Waisenhause, sondern auch in andern öffentlichen Schulen.
Das Amt einer Lehrerin oder Professorin ist in den Amerikanischen Schulen (die hohen Mädchen-Seminarien nicht ausgenommen) sehr leicht und bequem. Die Lehrbücher sind der Art eingerichtet, daß der Unterricht ganz einfach aus den Büchern herausgelesen wird, und damit ist die Sache abgethan.
In der Gegend der ~five points~ sind für die Jungen, welche die Zeitungen austragen, einige Säle eingerichtet, in welchen sie gute Betten, Beleuchtung, Heizung und Unterricht in den Normal-Gegenständen und in der Religion für die geringe Bezahlung von zweiundvierzig Cents per Woche finden. --
Das Taubstummen-Institut unter der Leitung des Direktors +Peck+ ist ausgezeichnet. Die Zöglinge sind in den verschiedenen Zweigen des Wissens so ausgebildet, als hätten sie nicht weniger, sondern mehr als fünf Sinne. Besonders thaten sie sich in der Aufsatzlehre und Arithmetik hervor. Einige sprachen wenige Worte, eine Erscheinung, die mir nicht neu war, da ich sie schon vor vielen Jahren in dem Taubstummen-Institute zu Wien beobachtet hatte.
Herr Peck Vater war abwesend. Die Anstalt wurde mir mit größter Bereitwilligkeit von seinem Sohne gezeigt, der an Jahren kaum das Jünglingsalter überschritten hatte, in der Art und Weise mit den Unglücklichen umzugehen, ihre Liebe zu gewinnen und sie zu unterrichten, aber den gediegensten und erfahrensten Männern an die Seite zu setzen ist. -- Die Amerikaner werden schon in jungen Jahren für das praktische Leben gleich erfahrenen Männern ausgebildet, was hauptsächlich durch den frühen Eintritt in das Geschäftsleben geschieht.
Herr Peck Sohn hat sich ein sehr liebenswürdiges Mädchen aus den Zöglingen zur Lebensgefährtin gewählt.
Ich war nun schon drei Wochen in Neu-York und hatte das Merkwürdigste so ziemlich gesehen; man forderte mich auf, auch einige Ausflüge nach den andern großen Städten, +Boston+, +Philadelphia+, +Washington+ zu machen. Aber aufrichtig gesagt, ohne Unterlaß große Städte besuchen, ermüdet mich; zudem bieten die Amerikanischen Städte, groß oder klein, zu wenig Abwechslung: sie gleichen einer der andern gar zu sehr. Doch gab ich endlich der Ueberredung meiner Freunde nach und entschloß mich, wenigstens Boston, das „Athen“ der Vereinigten Staaten zu besuchen.
Am +10. Oktober+ ging ich Nachmittags auf dem großen Dampfer „+Van der Bilt+“ den östlichen Hudson-Fluß 65 Meilen aufwärts, bis zur Eisenbahn. Diese Fahrt ist nur Anfangs hübsch durch die Ansichten der Städte Neu-York und Broklyn, durch kleine Hügelparthieen und die umherliegenden Landhäuser; später werden die Ufer flach und einförmig.
Sehr praktisch fand ich die Art und Weise, in welcher die Güter und das Gepäcke der Reisenden auf dem Dampfer geordnet werden, um allem Zeitverlust und allen Unordnungen bei dem Wechsel mit der Eisenbahn vorzubeugen. Es gab kleine Waggons, in welche das Gepäcke je nach den verschiedenen Stationen gelegt wurde. Bei der Ankunft an der Eisenbahn standen die Pferde schon bereit, die Waggons wurden herausgezogen und an den Zug angehängt. Dadurch ging alles schnell und ordentlich, ohne Gedränge und Laufen vor sich.
Was das Praktische in allen Einrichtungen anbelangt, sind die Amerikaner wirklich bewundernswürdig: in dieser Beziehung könnten alle Nationen bei ihnen in die Lehre gehen.
Um 2 Uhr Nachts wechselten wir den Dampfer mit der Eisenbahn, und nach ungefähr vier Stunden (120 Meilen) waren wir in Boston.
Ich stieg hier auch wieder in einem Boarding-house ab. Doch kaum hatte Dr. +Hoffendahl+ (ein Deutscher) von meiner Ankunft gehört, als er mich sogleich in sein Haus einlud, obwohl ich keinen Empfehlungsbrief an ihn hatte. Ich sage ihm, wie allen Familien, die mich von dem lästigen Gasthofsleben befreiten, wiederholt meinen herzlichsten Dank.
Die Stadt Boston, mit einer Bevölkerung von 150,000 Seelen, liegt auf drei Hügelchen, und da die Straßen beinah durchgehends mit schönen Baumalleen bepflanzt sind, nimmt sie sich sehr gut aus; auch ist sie so rein gehalten, daß man sie im Vergleiche zu Neu-York ein „Schmuckkästchen“ nennen könnte. In den Geschäftsstraßen +Washington-+ und +Hannover-Street+ ist das Gedränge wohl auch bedeutend, aber nicht übermäßig. Ein Park in der Mitte der Stadt, mit wahren Prachtexemplaren von Bäumen, mit einem Teiche und vielen Bänken, bietet einen freundlichen Spaziergang und gewährt einen geräumigen Tummelplatz für die Jugend. Die öffentlichen Gebäude sind, wie in allen großen Städten der Vereinigten Staaten, schön und meistens aus Quadersteinen aufgeführt. An Museen, Bildergallerien u. dgl. ist nicht viel zu sehen. Das Lese-Athenäum enthält eine kleine Sammlung von Statuen, Büsten, Oelgemälden u. s. w., doch ohne besondern Werth; bedeutend ist dagegen die Bibliothek.
Dr. +Warren+, rühmlichst bekannt als Naturforscher, besitzt eine Sammlung seltener Fossilien, unter andern ein vollkommenes Skelett des Mastodon, welches auch zugleich das größte sein soll, das von dieser Gattung Thiere bisher gefunden wurde (Fundort: Nordamerika). Dr. Warren hatte die Gefälligkeit, mir selbst seine schöne Sammlung zu zeigen.
Das +Bunka-Hill-Monument+, für die Geschichte der Vereinigten Staaten gewiß das merkwürdigste, besteht aus einem einfachen Obelisken von grauem Stein. Es steht auf einem Hügelchen in der Stadt und wurde zur Erinnerung der Helden gesetzt, die in dem ersten Freiheitskampfe (1774), der wie bekannt von hier ausging, fielen. Gewiß ist dieser einfache Obelisk die schönste Zierde der Stadt und der Stolz der Vereinigten Staaten. Man kann bis an die Spitze des Monuments steigen, eine zwar etwas mühsame Arbeit, die aber durch einen schönen Ueberblick über Stadt und Umgebung belohnt wird.
Ich war so glücklich, in Boston die Bekanntschaft des Geistlichen Herrn +Bernard+ zu machen. Derselbe war so überaus gütig, nahm so viel Antheil an mir, daß er mich persönlich überall hinführte. Wenn es seine Zeit erlaubte, kam er schon Morgens mich abzuholen.
Ich hatte zwar in Neu-York einen Empfehlungsbrief für eines der ersten Bostoner-Häuser (Ad. und Komp.) erhalten, mit der Versicherung, daß man mich da nicht nur sehr zuvorkommend empfangen, sondern mir auch vieles von Boston zeigen würde. Als ich aber den Brief abgab, betrachtete mich der reiche Herr höchst kaltblütig (ich war einfach gekleidet und kam nicht gefahren), las an den Paar Zeilen des Briefes eine ganze Ewigkeit (vermutlich überlegte er, wie er mich empfangen sollte) und fragte mich endlich: „Was wollen Sie?“ -- gerade als wäre eine Arme vor ihm gestanden, mit irgend einem Anliegen. Ich antwortete ihm in demselben Tone: „Ich will nichts. Man hat mir diesen Brief an Sie gegeben, und zwar unaufgefordert, ich glaubte daher, ihn abgeben zu müssen.“ Als er sah, daß ich mit keinem Anliegen gekommen war (aus dem Briefe schien er das nicht heraus buchstabirt zu haben), fügte er in herablassendem Tone hinzu: „Wenn Sie einer Auskunft bedürfen, werde ich solche Ihnen ertheilen.“ Und damit schieden wir, ohne daß ich von diesem Herrn ferner etwas gesehen oder gehört hätte.
Das war ein echtes Beispiel eines Geldaristokraten, wie sie nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern in der ganzen Welt sind. Ihr Hochmuth erscheint noch ungleich unerträglicher, als jener der wahren Aristokratie, die doch gewöhnlich Bildung und Benehmen hat, was dem Geldadel nur zu häufig fehlt. In Boston scheint diese Klasse von Menschen ärger zusammen zu halten, als irgendwo. In ihre Gesellschaft zu kommen, soll unendlich schwer sein, die Heirathen schließen sie nur unter ihres gleichen, ja sie wohnen sogar alle in einer Straße (Beacon Street). Und dennoch entschuldige ich den Stolzen eher, als jenen, der ihm huldigt. Wie bald müßten Geld- und Geburts-Adel von ihren Höhen herabsteigen, wenn es keine Speichellecker gäbe, die ihnen Ehrfurcht und Bewunderung bezeigten.
Ich kam, wie gesagt, am 11. October Morgens um sechs Uhr in Boston an und wurde noch denselben Tag dem Stadt-Mayor, Herrn Dr. +Smith+ vorgestellt. Abends hatte ein großes Festessen der „+Massachusetts+-Mechaniker-Gesellschaft“ (wie alle drei Jahre) statt, welches in der +Faneuil-Hall+ abgehalten wurde. Diese Halle ist geschichtlich eben so berühmt, wie das +Bunka-Hill+-Monument, denn hier fanden die ersten Zusammenkünfte, Berathungen und Beschlüsse statt, von hier zog man zu dem ersten Freiheitskampfe aus, und dem zu Folge trägt diese jedem Amerikaner unvergeßliche Halle auch den schönen Namen: „Wiege der Freiheit.“
Herr Dr. Smith lud mich zu dem Feste ein.